Siebentes Kapitel. Über Kolonien.

Erster Teil. Motive der Gründung neuer Kolonien.

Das Interesse, das die erste Gründung der verschiedenen europäischen Kolonien in Amerika und Westindien veranlaßte, war nicht ganz so klar und einfach als das, das die alten Griechen und Römer zur Gründung der ihrigen bewog.

Alle Staaten des alten Griechenlands besaßen nur ein sehr kleines Gebiet, und wenn die Bevölkerung in einem von ihnen sich derart vermehrte, daß das Gebiet sie nicht bequem zu ernähren vermochte, so wurde ein Teil der Bewohner ausgesendet, um sich in einer entlegenen Weltgegend einen neuen Wohnsitz zu suchen; denn die kriegerischen Nachbarn, die sie auf allen Seiten umgaben, machten für diese Staaten eine erhebliche Gebietserweiterung schwierig. Die Kolonien der Dorier wendeten sich hauptsächlich nach Italien und Sicilien, die vor der Gründung Roms von rohen uncivilisierten Völkerschaften bewohnt waren; die Kolonien der Jonier und Aeolier, der beiden anderen Hauptstämme der Griechen, nach Kleinasien und den Inseln des ägäischen Meeres, deren damalige Bewohner sich so ziemlich auf derselben Stufe befinden mochten, wie diejenigen Siciliens und Italiens. Die Mutterstadt betrachtete zwar die Kolonie als ein <70> Kind, das jederzeit auf große Gunst und Hilfe Anspruch hatte und dafür viel Dank und Achtung schuldig war; aber sie betrachtete es als ein emancipiertes Kind, über welches sie keine unmittelbaie Herrschaft oder Gerichtsbarkeit beanspruchen durfte. Die Kolonie wählte sich ihre eigene Regierungsform, machte ihre eigenen Gesetze, setzte ihre eigenen Beamten ein und behielt sich als ein unabhängiger Staat die Entscheidung über Krieg und Frieden vor, ohne Billigung oder Zustimmung der Mutterstadt abzuwarten. Nichts kann klarer und bestimmter sein, als das Interesse, das diese Niederlassungen veranlaßte.

Rom war, wie die meisten anderen alten Republiken, ursprünglich auf ein agrarisches Gesetz gegründet, welches das Staatsgebiet in einem gewissen Verhältnisse unter die Bürger verteilte. Der Gang der menschlichen Dinge störte natürlich durch Heiraten, Erbfolge und Veräußerungen diese ursprüngliche Verteilung und brachte oft die Ländereien, die zum Unterhalt vieler Familien bestimmt waren, in den Besitz eines Einzelnen. Um diesem Mißstande, denn dafür wurde es angesehen, abzuhelfen, wurde ein Gesetz gemacht, welches die Menge Landes, die ein Bürger besitzen durfte, auf 500 Jugera (ungefähr 150 Hektar) beschränkte. Doch wurde dies Gesetz nur einoder zweimal geltend gemacht, im Übrigen aber unbeachtet gelassen oder umgangen, und die Ungleichheit des Vermögens nahm fortwährend zu. Der größere Teil der Bürger hatte kein Land, und ohne dies war es bei den damaligen Sitten und Gewohnheiten für einen freien Mann schwer, seine Unabhängigkeit zu behaupten. Wenn heutzutage ein armer Mann kein Land, wohl aber ein kleines Kapital besitzt, so kann er von anderen Land pachten oder ein kleines Geschäft treiben; und wenn er auch kein Kapital besitzt, so kann er als ländlicher Arbeiter oder Handwerker Beschäftigung finden. Bei den <71> alten Römern wurden dagegen alle Ländereien der Reichen von Sklaven unter einem Aufseher, der gleichfalls ein Sklave war, angebaut, so daß ein freier, aber armer Mann wenig Aussicht hatte, als Pächter oder Arbeiter auf dem Lande unterzukommen. Auch wurden alle Gewerbe, sogar der Kramhandel, von den Sklaven der Reichen zum Vorteil ihrer Herren betrieben, deren Reichtum, Ansehen und Schutz es für den freien Armen schwer machten, die Konkurrenz gegen sie auszuhalten. Daher hatten die Bürger, welche kein Land besaßen, kaum andere Unterhaltsmittel, als die Geschenke der Kandidaten bei den jährlichen Wahlen. Wenn die Tribunen das Volk gegen die Reichen und Großen aufreizen wollten, so erinnerten sie es an die alte Verteilung der Ländereien, und stellten ihm das Gesetz, das diese Art von Privateigentum beschränkte, als das Grundgesetz der Republik dar. Das Volk schrie nun nach Land, und die Reichen und Großen waren, wie man sich denken kann, vollkommen entschlossen, ihm nichts von dem ihrigen abzutreten. Um es daher einigermaßen zu befriedigen, brachten sie oft die Gründung einer neuen Kolonie in Vorschlag. Doch war ein Eroberungsstaat wie Rom auch in solchen Fällen nicht genötigt, seine Bürger sozusagen in die weite Welt hinauszutreiben, ohne zu wissen, wo sie sich niederlassen sollten. Er wies ihnen gewöhnlich Ländereien in den eroberten Provinzen Italiens an, wo die Auswanderer innerhalb des Herrschaftsgebiets der Republik blieben und daher niemals einen unabhängigen Staat bilden konnten, sondern höchstens eine Art von Korporation ausmachten, die zwar die Befugnis hatte, Gemeindegesetze für ihre innere Verwaltung zu geben, im Übrigen aber stets der Beaufsichtigung, Gerichtsbarkeit und Gesetzgebung der Mutterstadt unterworfen blieb. Die Aussendung einer solchen Kolonie stellte nicht nur das Volk einiger <72> maßen zufrieden, sondern setzte oft auch eine Art Besatzung in eine neu eroberte Provinz ein, deren Gehorsam sonst zweifelhaft hätte sein können. Die römischen Kolonien waren mithin sowohl hinsichtlich ihrer Einrichtung selbst, als auch hinsichtlich der Beweggründe zu ihrer Anlegung von den griechischen völlig verschieden. Auch haben die Wörter, die in ihren Sprachen diese Einrichtungen bezeichneten, ganz verschiedene Bedeutung. Das lateinische Wort (colonia) bezeichnet einfach eine Pflanzung. Das griechische Wort ( αποικα ) bezeichnet hingegen eine Trennung vom alten Wohnsitze, ein Scheiden von der Heimat, ein Verlassen des Hauses. Obwohl aber die römischen Kolonien in vielen Beziehungen von den griechischen verschieden waren, so war doch das Interesse, welches zu ihrer Anlegung bewog, gleich klar und bestimmt. Beide hatten ihren Ursprung in einer unabänderlichen Notwendigkeit oder in einem offenbaren und einleuchtenden Nutzen.

Die Anlegung der europäischen Kolonien in Amerika und Westindien entsprang aus keiner Notwendigkeit, und wenn auch der aus ihnen hervorgehende Nutzen sehr groß gewesen ist, so war er doch keineswegs so klar und einleuchtend. Er schwebte bei der ersten Anlegung nicht vor und war weder der Beweggrund dieser Anlage noch der Entdeckungen, welche dazu Anlaß gaben; und Wesen, Umfang und Grenzen seines Nutzens sind vielleicht bis auf den heutigen Tag noch nicht recht begriffen.

Die Venetianer trieben im 14. und 15. Jahrhundert einen sehr einträglichen Handel mit Gewürzen und anderen ostindischen Waren, die sie den übrigen europäischen Völkern zuführten. Sie kauften sie namentlich in Aegypten, das damals unter der Herrschaft der Mameluken, der Feinde der Türken stand, welch' letztere auch Feinde der Venetianer waren; und diese Einheit der Interessen, <73> unterstützt durch das venetianische Geld, bewirkte eine innige Verbindung, die soweit ging, daß sie den Venetianern fast ein Monopol verschaffte.

Die großen Gewinne der Venetianer reizten die Habgier der Portugiesen. Diese hatten im 15. Jahrhundert einen Seeweg nach den Ländern aufzufinden gesucht, aus denen ihnen die Mauren Elfenbein und Goldstaub durch die Wüste zuführten. Sie entdeckten Madeira, die kanarischen und azorischen Inseln, die Inseln des grünen Vorgebirges, die Küsten von Guinea, Loango, Congo, Angola und Benguela, und endlich das Kap der guten Hoffnung. Sie hatten lange gewünscht, an dem gewinnreichen Handel der Venetianer teilzunehmen, und diese letztere Entdeckung öffnete ihnen dazu eine wahrscheinliche Aussicht. Im Jahre 1497 segelte Vasco de Gama mit einer Flotte von vier Schiffen von Lissabon ab, langte nach einer Fahrt von 11 Monaten an der Küste Hindostans an, und vervollständigte damit eine Reihe von Entdekkungen, die mit großer Beharrlichkeit und fast ununterbrochen beinahe ein Jahrhundert lang verfolgt worden waren.

Wenige Jahre vorher, während Europa noch des zweifelhaften Erfolgs der portugiesischen Unternehmungen harrte, faßte ein genuesischer Seefahrer den noch kühneren Plan, westwärts nach Ostindien zu segeln. Die Lage dieser Länder war damals in Europa nur sehr unvollkommen bekannt. Die wenigen europäischen Reisenden, die dort gewesen waren, hatten die Entfernung übertrieben ; vielleicht aus Einfalt und Unwissenheit, da die in der Tat sehr großen Entfernungen denen fast unermeßlich schienen, die sie nicht zu messen imstande waren; vielleicht auch, um das Wunderbare ihrer Abenteuer beim Besuch so unermeßlich weit entfernter Länder noch etwas zu vergrößern. Kolumbus nun schloß sehr richtig, daß, je länger der östliche Weg sei, desto <74> kürzer der westliche sein müsse. Er entschied sich daher für diesen letzteren als den kürzeren und sichersten, und hatte das Glück, Isabella von Kastilien für seinen Plan zu gewinnen. Er segelte aus dem Hafen von Palos im August 1492, beinahe fünf Jahre vor Beginn der Espedition Vasco de Gamas, und entdeckte nach einer Reise von zwei bis drei Monaten zuerst einige von den kleinen Bahama- oder Lucaya-Inseln, und später die große Insel St. Domingo.

Allein die Länder, welche Kolumbus auf dieser und auf seinen folgenden Reisen entdeckte, glichen denen nicht, die er eigentlich gesucht hatte. Statt des Reichtums, der Kultur und der Bevölkerung Chinas und Hindostans fand er in St. Domingo und allen übrigen von ihm besuchten Teilen der neuen Welt nichts als ein mit Urwald bedecktes, unangebautes und nur von einigen Stämmen nackter, elender Wilden bewohntes Land. Er konnte jedoch nicht glauben, daß dies nicht dieselben Länder sein sollten, die von Marco Polo, dem ersten Europäer, der China oder Ostindien besucht oder wenigstens eine Beschreibung davon hinterlassen hatte, geschildert waren ; und entfernte Ähnlichkeiten, wie die zwischen dem Namen Cibao, einem Gebirge auf St. Domingo, und dem Namen Cipango, dessen Marco Polo erwähnt, waren oft trotz des klarsten Augenscheins hinreichend, seinen Lieblingsgedanken zu nähren. In seinen Briefen an Ferdinand und Isabella nannte er die von ihm entdeckten Länder Indien. Er zweifelte nicht, daß sie das äußerste Ende der von Marco Polo beschriebenen Länder und daß sie nicht weit vom Ganges oder von. den von Alexander eroberten Ländern entfernt wären. Selbst nachdem er sich schließlich überzeugt hatte, daß sie es nicht seien, schmeichelte er sich doch, daß diese reichen Länder wohl nicht weit entfernt wären, und suchte sie deshalb auf einer folgenden Reise längs der <75> Küste von Terra Firma und gegen die Landenge von Darien zu.

Infolge dieses Irrtums des Kolumbus ist jenen unglücklichen Ländern seitdem der Name Indien geblieben, und als man endlich klar entdeckte, daß das neue Indien von dem alten völlig verschieden sei, wurde das erstere Westindien genannt, im Gegensatz zu dem letzteren, das nun Ostindien hieß .

Für Kolumbus war es aber von Wichtigkeit, daß die von ihm entdeckton Länder, welche sie auch seien, dem spanischen Hofe als von hoher Bedeutung dargestellt wurden; und von dem, was den wahren Reichtum jedes Landes ausmacht, den tierischen und pflanzlichen Erzeugnissen des Bodens, war damals dort nichts vorhanden, was eine solche Schilderung hätte rechtfertigen können.

Das Cori, ein Mittelding zwischen Ratte und Kaninchen, das Buffon für einerlei mit der brasilischen Aperea hält, war das größte vierfüßige Säugetier in St. Domingo. Diese Species scheint niemals sehr zahlreich gewesen zu sein, und die Hunde und Katzen der Spanier sollen sie nebst einigen anderen noch kleineren Arten gänzlich vertilgt haben. Nebst einer großen Eidechse, Namens Ivana oder Iguana, bildeten diese den Hauptbestandteil der tierischen Nahrung, welche das Land bot.

Die vegetabilischen Nahrungsmittel der Einwohner waren zwar, bei ihrem gänzlichen Mangel an Fleiß, nicht sehr reichlich, aber doch nicht ganz so dürftig. Sie bestanden in Mais, Yamswurzel, Kartoffeln, Bananen usw., Pflanzen, die damals in Europa ganz unbekannt waren und auch später niemals besonders geschätzt oder für ebenso nahrhaft gehalten wurden, wie die gewöhnlichen Getreidearten und Hülsenfrüchte, die seit Menschengedenken in diesem Weltteile gebaut wurden.

Die Baumwollpflanze lieferte allerdings das Material einer sehr wichtigen Industrie, und war damals für die <76> Europäer ohne Zweifel das wertvollste vegetabilische Produkt dieser Inseln. Obgleich aber zu Ende des 15. Jahrhunderts die Mousseline und anderen Baumwollwaren Ostindiens in ganz Europa sehr geschätzt waren, wurde doch hier die Baumwollenmanufaktur nirgends betrieben. Selbst dies Produkt konnte daher damals in den Augen der Europäer keine große Bedeutung haben. Da Kolumbus weder unter den Tieren noch unter den Pflanzen der neuentdeckten Länder etwas fand, was eine sehr günstige Schilderung von ihnen hätte rechtfertigen können, so richtete er seinen Blick auf die Mineralien, und schmeichelte sich, in dem Reichtum der Produkte dieses dritten Naturreiches einen vollen Ersatz für die Unzulänglichkeit derjenigen der beiden anderen gefunden zu haben. Die kleinen Stückchen Gold, womit die Einwohner ihre Kleider schmückten, und die sie, wie er erfuhr, in den Bächen und Gebirgswassern fanden, überzeugten ihn hinlänglich, daß diese Gebirge die reichsten Goldminen enthielten. St. Domingo wurde daher als ein Land geschildert, das Überfluß an Gold habe und deswegen (nach den Vorurteilen nicht nur der jetzigen, sondern auch jener Zeit) eine unerschöpfliche Quelle wahren Reichtums für die Krone und das Königreich Spanien sei. Als Kolumbus nach der Rückkehr von seiner ersten Reise sich in einer Art Triumphzug bei den Königen von Kastilien und Arragonien einführte, wurden die Hauptprodukte der entdeckten Länder in feierlicher Prozession vor ihm hergetragen. Der einzig wertvolle Teil von ihnen bestand in einigen kleinen Goldreifen, Armbändern und anderen goldenen. Schmuckgegenständen, sowie in einigen Ballen Baumwolle. Das Übrige waren bloße Gegenstände der Bewunderung und Neugierde des Volkes: Rohr von außerordentlicher Größe, Vögel mit sehr schönem Gefieder und ausgestopfte Häute des großen Alligators und der <77> Seekuh. An der Spitze marschirten sechs oder sieben der armen Eingebornen, deren seltsame Farbe und Erscheinung die Neuheit des Schauspiels besonders hervorhob.

Auf die Schilderungen des Kolumbus beschloß der Rat von Kastilien, von Ländern, deren Einwohner offenbar unfähig waren, sich zu verteidigen, Besitz zu ergreifen. Der fromme Zweck, sie zum Christentum zu bekehren, heiligte die Ungerechtigkeit dieses Plans. Allein die Hoffnung, dort Schätze von Gold zu finden, war der einzige Beweggrund, ihn zu unternehmen, und um diesem Beweggrund desto mehr Gewicht zu geben, machte Kolumbus den Vorschlag, daß die Hälfte alles Goldes und Silbers, das man finden würde, der Krone gehören solle. Dieser Vorschlag wurde von dem Rate genehmigt.

Solange alles oder das meiste Gold, das die ersten Abenteurer nach Europa brachten, auf eine so leichte Art, nämlich durch Plünderung der wehrlosen Eingebornen, gewonnen wurde, war es vielleicht nicht schwer, selbst eine so hohe Abgabe zu zahlen. Aber als die Eingebornen alles dessen, was sie gehabt hatten, völlig beraubt waren (was in St. Domingo und den übrigen von Kolumbus entdeckten Ländern binnen sechs oder acht Jahren vollständig geschehen war) und als man auf die Minen zurückgreifen mußte, um mehr zu finden, war es nicht mehr möglich, diese Abgabe zu zahlen. Ihre unnachsichtige Eintreibung soll daher der erste Grund gewesen sein, weshalb die Minen von St. Domingo gänzlich verlassen und seitdem niemals wieder abgebaut worden sind. Die Abgabe wurde daher bald auf ein Drittel, dann auf ein Fünftel, später auf ein Zehntel und zuletzt auf ein Zwanzigstel vom Bruttoertrage der Goldminen herabgesetzt. Die Abgabe vom Silber blieb lange Zeit ein Fünftel des Bruttoertrages, und erst im Laufe <78> des jetzigen Jahrhunderts wurde sie auf ein Zehntel herabgesetzt. Indes scheinen die ersten Unternehmer sich nicht viel um Silber gekümmert zu haben. Nichts, was weniger kostbar war als Gold, schien ihrer Aufmerksamkeit wert.

Auch alle späteren Unternehmungen der Spanier in der neuen Welt scheinen aus demselben Beweggrunde hervorgegangen zu sein. Es war der Durst nach Gold, der Oieda, Nicuessa und Vasco Nunes de Balboa nach der Landenge von Darien, Cortez nachMexico und Almagro und Pizzarro nach Chili und Peru trieb. Wenn diese Abenteurer an eine unbekannte Küste kamen, so forschten sie immer zuerst, ob Gold zu finden sei, und beschlossen dann je nach den Nachrichten, die sie hierüber erhielten, entweder das Land zu verlassen, oder sich darin anzusiedeln.

Von all' den kostspieligen und unsicheren Unternehmungen jedoch, die über die meisten Unternehmer den Bankerott bringen, ist wohl keines so verderblich wie das Aufsuchen neuer Silber- und Goldminen. Es ist vielleicht das unvorteilhafteste Glücksspiel in der Welt, d. h. dasjenige, in dem die Gewinne gegen die Nieten im ungünstigsten Verhältnis stehen; denn trotz der kleinen Zahl der Gewinne und der großen Zahl der Nieten kostet doch ein Los gewöhnlich das ganze Vermögen eines reichen Mannes. Bergwerksunternehmungen verschlingen, statt das auf sie verwendete Kapital nebst den gewöhnlichen Gewinnen wiederzuerstatten, in der Regel ebensowohl Kapital wie Gewinn, und ein weiser Gesetzgeber, der das Kapital seiner Nation zu vermehren trachtet, wird sie daher am wenigsten durch außerordentliche Mittel aufmuntern, oder ihnen einen größeren Teil dieses Kapitals zuwenden, als ihnen von selbst zufließt. Das törichte Vertrauen in ihr gutes Glück ist in der Tat fast bei allen Menschen so groß, daß, wo <79> sich nur die geringste Wahrscheinlichkeit eines Erfolges zeigt, nur zu viel Kapital sich von selbst dahin wendet.

Wenn aber das Urteil der gesunden Vernunft, und der Erfahrung über solche Projekte stets sehr ungünstig lautete, so lautete das der menschlichen Habgier doch gewöhnlich ganz anders. Dieselbe Leidenschaft, die in so vielen Menschen die alberne Idee eines Steins der Weisen nährte, hat in anderen den gleich albernen Gedanken von unermeßlich reichen Gold- und Silbermiuen genährt. Sie bedachten nicht, daß der Wert dieser Metalle zu allen Zeiten und bei allen Völkern hauptsächlich aus ihrer Seltenheit entsprang, und daß ihre Seltenheit von den sehr geringen Mengen herrührt, die die Natur hier oder dort davon niedergelegt hat, von den harten und spröden Stoffen, in welche sie diese kleinen Mengen fast überall eingehüllt hat, und folglich von der Arbeit und den Kosten, die es überall verursachte, ihnen beizukommen und sie zu gewinnen. Sie schmeichelten sich mit der Hoffnung, es würden sich an vielen Orten ebenso starke und reichhaltige Adern von diesen Metallen finden, wie von Blei, Kupfer, Zinn oder Eisen. Der Traum Sir Walter Raleighs von der goldnen Stadt und dem Lande Eldorado kann uns. überzeugen, daß selbst kluge Männer nicht immer von solchen wunderlichen Täuschungen freigeblieben sind. Mehr als hundert Jahre nach dem Tode dieses großen Mannes glaubte der Jesuit Gumila noch ganz fest an das Vorhandensein jenes wunderbaren Landes, und drückte sich mit großer Wärme und, wie man annehmen darf, mit aller Redlichkeit darüber aus, wie glücklich er sein würde, das Licht des Evangeliums einem Volke zu bringen, das die frommen Bemühungen der Mission so gut zu belohnen vermöge.

In den von den Spaniern zuerst entdeckten Ländern kennt man gegenwärtig keine Goldoder Silberbergwerke, die des Abbaues für wert gehalten würden. Die <80> Menge dieser Metalle, die die ersten Abenteurer dort gefunden haben sollen, ist wahrscheinlich ebenso sehr übertrieben worden, wie die Ergiebigkeit der unmittelbar nach der ersten Entdeckung abgebauten Minen. Indessen genügten die Fabeln von den Funden jener Abenteurer, die Habgier aller ihrer Landsleute zu entflammen. Jeder Spanier, der nach Amerika segelte, erwartete dort ein Eldorado zu finden. Auch tat das Glück in diesem Falle, was es sehr selten zu tun pflegt, es verwirklichte die ausschweifenden Hoffnungen seiner Anbeter einigermaßen und schenkte ihnen in der Entdeckung und Eroberung von Mexico und Peru (die erstere erfolgte etwa dreißig, die andere etwa vierzig Jahre nach der ersten Fahrt des Kolumbus) etwas jenem Überflusse an edlen Metallen, den sie suchten, nicht ganz unähnliches.

Ein Handelsprojekt nach Ostindien gab also Anlaß zur Entdeckung von Westindien. Ein Eroberungsprojekt veranlaßte alle Niederlassungen der Spanier in diesen neu entdeckten Ländern. Der Beweggrund zu dieser Eroberung war ein Projekt auf Gold- und Silberminen, und eine Reihe von Zufällen, die keine menschliche Einsicht vorhersehen konnte, ließ dieses Projekt weit glücklicher ausfallen, als vernünftigerweise zu erwarten war.

Die ersten Abenteurer aller übrigen europäischen Völker, die Niederlassungen in Amerika zu begründen versuchten, hegten gleich phantastische Hoffnungen ; nur waren sie nicht ebenso glücklich. Erst mehr als hundert Jahre nach der ersten Ansiedelung in Brasilien entdeckte man dort Gold-, Silber- und Diamanten-Minen. In den englischen, französischen, holländischen und dänischen Kolonien sind bis heute noch keine entdeckt worden, wenigstens keine, die man des Abbaues wert hielte. Allein die ersten englischen Ansiedler in Nordamerika boten für Gewährung ihrer Konzession dem Könige ein <81> Fünftel von allem Gold und Silber, das sie finden würden. In den Koncessionen Sir Walter Raleighs, der Londoner und Plymouther Gesellschaft, des Rates von Plymouth usw. wurde daher dieses Fünftel der Krone vorbehalten. Mit der Erwartung, Gold- und Silberminen zu finden, verbanden diese ersten Ansiedler auch die, eine nordwestliche Durchfahrt nach Ostindien zu entdecken. In beiden Hoffnungen haben sie sich bis jetzt getäuscht gesehen.

Zweiter Teil. Ursachen des Gedeihens neuer Kolonien.

Die Kolonie eines zivilisierten Volkes, welches entweder von einem wüsten oder so dünn bevölkerten Lande Besitz nimmt, daß die Eingebornen den neuen Ansiedlern leichtPlatz machen, erhebt sich weit schneller zu Reichtum und Größe, als jede andere menschliche Gesellschaft.

Die Kolonisten bringen eine größere Kenntnis des Ackerbaues und anderer nützlichen Künste mit, als unter wilden und barbarischen Völkern sich in vielen Jahrhunderten von selbst zu entwickeln vermag. Sie bringen auch die Gewohnheit der Unterordnung, einen Begriff von geordneter Regierung, wie sie in ihrem Lande ausgeübt wird, von der Gesetzgebung, worauf jene beruht, und von einer regelmäßigen Rechtspflege mit, und führen natürlich etwas dem ähnliches in der neuen Ansiedlung ein. Unter wilden und barbarischen Völkern hingegen ist der natürliche Fortschritt der Gesetzgebung und Regierung noch langsamer, als der natürliche Fortschritt <82> in den Künsten, wenn überhaupt erst Gesetze und Regierung so weit begründet sind, als es zu deren Schutz erforderlich ist. Jeder Kolonist erhält mehr Land, als er bebauen kann. Er hat keine Rente und kaum irgend eine Abgabe zu zahlen. Kein Grundherr verlangt einen Anteil am Ertrag, und der Anteil des Landesherrn ist gewöhnlich höchst unbedeutend. Er hat jeden Beweggrund, den ihm fast allein zufallenden Ertrag so hoch zu steigern wie möglich. Aber sein Land ist gewöhnlich so umfangreich, daß er bei allem eigenen Fleiße und bei allem Fleiße der Arbeiter, die er an sich ziehen kann, kaum ein Zehntel von dem hervorzubringen vermag, was der Boden liefern könnte. Er bemüht sich daher, von allen Seiten Arbeiter herbeizuschaffen, und gibt ihnen gern reichlichen Lohn. Dieser reichliche Lohn bewirkt aber in Verbindung mit der Menge und «Wohlfeilheit des Landes, daß die Arbeiter ihn bald wieder verlassen, um selbst Grundeigentümer zu werden, und ihrerseits wieder andere Arbeiter ebenso freigebig zu belohnen, welche sie bald aus demselben Grunde verlassen, aus welchem sie ihren ersten Herrn verlassen hatten. Der reichliche Arbeitslohn befördert die Ehen. Die Kinder werden in den zarten Jahren der Kindheit gut genährt und wohlgepflegt, und wenn sie herangewachsen sind, übersteigt der Wert ihrer Arbeit bei weitem ihren Unterhalt. Sind sie erwachsen, so erlaubt ihnen der hohe Preis der Arbeit und der niedrige Preis des Landes, sich auf dieselbe Art selbständig zu machen, wie es ihre Väter getan hatten. In anderen Ländern zehren die Rente und der Kapitalgewinn den Arbeitslohn auf, und die beiden höheren Stände des Volkes unterdrücken den niederen. In neuen Kolonien nötigt dagegen der eigne Vorteil die beiden höheren Stände, den niederen großmütiger und menschlicher zu behandeln; wenigstens da, wo dieser <83> niedere Stand sich nicht im Zustande der Sklaverei befindet. Unbebaute Ländereien von größter natürlicher Fruchtbarkeit sind um eine Kleinigkeit zu haben. Der Einkommenzuwachs, den der Eigentümer, der zugleich Unternehmer ist, von der Bodenverbesserung erwartet, bildet seinen Gewinn, der unter diesen Verhältnissen gewöhnlich sehr groß ist. Doch kann dieser große Gewinn nur dann erzielt werden, wenn andere Leute zur Urbarmachunguudzum Anbau herangezogen werden können; und das Mißverhältnis zwischen dem großen Umfange des Landes und der geringen Volkszahl in neuen Kolonien macht es schwer, Arbeiter aufzutreiben. Man feilscht daher nicht um den Lohn, sondern gibt für Arbeit gern jeden Preis. Der hohe Arbeitslohn wirkt auf die Zunahme der Bevölkerung. Die Wohlfeilheit und Menge guter Ländereien ermuntert zum Anbau und setzt den Eigentümer in Stand, den hohen Arbeitslohn zu zahlen. In diesem Lohne besteht fast der ganze Preis des Bodens, und obwohl als Arbeitslohn betrachtet hoch, ist er doch als Preis einer so wertvollen Sache niedrig. Was den Fortschritt der Bevölkerung und der Bodenverbesserung fördert, fördert auch wahren Wohlstand und Größe.

Der Fortschritt vieler Kolonien der alten Griechen zu Reichtum und Größe scheint demgemäß ein sehr schneller gewesen zu sein. Manche dieser Kolonien wetteiferten nach ein oder zwei Jahrhunderten mit der Mutterstadt und überflügelten sie sogar. Syracus und Agrigent in Sicilien, Tarent und Locri in Italien, Ephesus und Milet in Kleinasien sind nach allen Berichten wenigstens ebenso blühend gewesen wie irgend eine Stadt des alten Griechenlands. Trotz ihrer späteren Gründung scheinen die schönen Künste, die Philosophie, Poesie und Beredsamkeit ebenso früh bei ihnen ausgebildet und ebenso hoch entwickelt gewesen zu sein, <84> wie in irgend einem Teile des Mutterlandes. Die Schulen der beiden ältesten griechischen Philosophen, des Thales und Pythagoras, wurden bemerkenswerter Weise nicht im alten Griechenland, sondern die eine in einer asiatischen und die andere in einer italienischen Kolonie gegründet. Alle diese Kolonien waren in Ländern errichtet, die von rohen und barbarischen Völkerschaften bewohnt waren, die den neuen Ansiedlern leicht Platz machten. Sie hatten Überfluß an gutem Boden, und da sie von dem Mutterstaate völlig unabhängig waren, so waren sie in der Lage, ihre eigenen Angelegenheiten so zu verwalten, wie sie es für ihr Interesse am passendsten fanden.

Die Geschichte der römischen Kolonien ist keineswegs so glänzend. Einige darunter, wie z. B. Florenz, haben zwar im Laufe der Zeit und nach dem Verfall der Mutterstadt Bedeutung erlangt. Sie wurden alle in eroberten Provinzen angelegt, die meistenteils schon völlig bewohnt waren. Die jedem Kolonisten angewiesene Menge Landes war selten groß, und da die Kolonien nicht unabhängig waren, so waren sie nicht immer in der Lage, ihre Angelegenheiten so zu verwalten, wie sie es für ihr Interesse am passendsten fanden.

Im Überfluße an gutem Land kommen die europäischen Kolonien in Amerika und Westindien den alten griechischen gleich und übertreffen sie sogar noch. In ihrer Abhängigkeit vom Mutterstaate sind sie den alten römischen ähnlich; nur hat ihre große Entfernung von Europa die Wirkungen dieser Abhängigkeit in allen mehr oder minder gemildert. Ihre Lage hat sie weniger unter die Aufsicht und in die Gewalt des Mutterlandes gestellt. Wenn sie bei Wahrnehmung ihrer Interessen ihren eignen Weg gingen, so wurde vielfach nicht darauf geachtet, weil man ihr Verhalten in Europa entweder nicht kannte, oder nicht verstand; zuweilen ließ <85> man es ausdrücklich zu, weil es zu verhindern die Entfernung nicht gestattete. Selbst die gewalttätige und willkürliche spanische Regierung sah sich öfters gezwungen, ihre auf die Kolonialverwaltung bezüglichen Befehle aus Furcht vor einem allgemeinen Aufstande zu widerrufen oder zu mildern. Der Fortschritt aller europäischen Kolonien in Bezug auf Reichtum, Bevölkerung und Kultur war demgemäß sehr groß.

Die Krone Spaniens hat von ihrem Anteil am Gold und Silber aus ihren Kolonien vom Augenblick ihrer Gründung an einiges Einkommen gezogen, ein Einkommen von einem Charakter, der in der menschlichen Habsucht die ausschweifendsten Erwartungen noch größerer Reichtümer erwecken mußte. Daher zogen die spanischen Kolonien von Anfang an die volle Aufmerksamkeit ihres Mutterlandes auf sich, während die Kolonien der übrigen europäischen Völker lange Zeit sehr vernachlässigt wurden. Die ersteren gediehen vielleicht infolge dieser Aufmerksamkeit nicht desto mehr, und die letzteren infolge dieser Vernachlässigung nicht desto weniger. Im Verhältnis zur Ausdehnung sind die spanischen Kolonien weniger bevölkert und blühend, als die Kolonien fast aller anderen Völker ; doch sind die Fortschritte in der Bevölkerung und Kultur selbst in den spanischen Kolonien sicherlich sehr schnell und groß gewesen. Die Stadt Lima, die seit der Eroberung gegründet ist, soll nach Ulloa vor etwa dreißig Jahren 50,000 Einwohner gehabt haben. Quito, das ein elendes Indianerdorf war, soll nach eben diesem Schriftsteller ebenso bevölkert gewesen sein. Gemelli Carreri, der zwar nur ein vorgeblicher Reisender gewesen sein soll, aber doch überall sehr guten Nachrichten gefolgt zu sein'scheint, gibt die Stadt Mexico als von 100,000 Seelen bewohnt an, was trotz aller Übertreibungen der spanischen Schriftsteller wahrscheinlich mehr als fünfmal <86> soviel ist, als die Stadt zur Zeit Montezumas enthielt. Diese Einwohnerzahl übersteigt die von Boston, New-York und Philadelphia, den drei größten Städten der englischen Kolonien, bei weitem. Vor der Eroberung der Spanier gab es weder in Mexico noch in Peru Zugvieh. Das Lama war das einzige Lasttier und dessen Stärke scheint derjenigen des Esels weit nachgestanden zu haben. Der Pflug war dort unbekannt; ebenso der Gebrauch des Eisens. Sie hatten weder gemünztes Geld noch ein Umlaufsmittel irgend einer Art. Ihr Handel war ein reiner Tauschhandel. Eine Art hölzernen Spatens war das hauptsächlichste Ackergerät. Scharfe Steine dienten ihnen als Messer und Beile, Fischgräten und die harten Sehnen gewisser Tiere gebrauchten sie zum Nähen, und diese Dinge scheinen ihre hauptsächlichsten Werkzeuge gewesen zu sein. Bei diesem Stande der Dinge konnte unmöglich eines der Reiche so angebaut oder kultiviert sein, wie jetzt, wo sie mit allen Arten europäischen Viehs reichlich versehen sind, und wo der Gebrauch des Eisens, des Pfluges und vieler anderer europäischer Künste bei ihnen eingeführt ist. Die Volkszahl eines Landes richtet sich aber nach der Stufe seines Anbaues und seiner Kultur. Trotz der durch die Eroberung herbeigeführten grausamen Vertilgung der Eingeborenen sind diese beiden großen Reiche jetzt wahrscheinlich bevölkerter, als vorher, und die jetzige Bevölkerung ist sicherlich eine ganz andere; denn man muß, glaube ich, anerkennen, daß die spanischen Kreolen die alten Indianer in vielen Beziehungen übertreffen.

Nach den Ansiedlungen der Spanier ist die der Portugiesen in Brasilien die älteste Ansiedlung eines eurojjäischen Volkes in Amerika. Da aber lange weder Gold- noch Silberminen daselbst gefunden wurden, und das Land mithin der Krone wenig oder gar kein Einkommen abwarf, so wurde es lange Zeit äußerst ver <87> nachlässigt ; und während dieser Vernachlässigung gedieh es zu einer großen und mächtigen Kolonie. Als Portugal unter der Herrschaft Spaniens stand, griffen die Holländer Brasilien an und nahmen von den vierzehn Provinzen, in welche es geteilt ist, sieben in Besitz. Sie hofften bald auch die übrigen sieben zu erobern, als Portugal durch die Thronbesteigung der Familie Braganza seine Unabhängigkeit wieder erlangte. Nun wurden die Holländer als Feinde Spaniens Freunde der Portugiesen, die gleichfalls Feinde Spaniens waren. Sie kamen daher überein, den von ihnen noch nicht eroberten Teil Brasiliens dem Könige von Portugal zu überlassen, der seinerseits ihnen den schon eroberten Teil als etwas, das eines Streites mit einem so guten Verbündeten nicht lohnte, überließ. Indes fing die holländische Regierung bald an, die portugiesischen Kolonisten zu drücken, die, ohne sich lange auf Klagen einzulassen, gegen ihre neuen Herren die Waffen ergriffen und sie durch eigene Tapferkeit und Entschlossenheit, wenn auch unter stillschweigender Gutheißung des Mutterlandes, so doch ohne dessen offenen Beistand, aus Brasilien vertrieben. Da mithin die Holländer ihren Anteil nicht zu behaupten vermochten, so willigten sie ein, ihn der Krone Portugal zurückzugeben. Diese Kolonie soll mehr als 600,000 Einwohner haben: Portugiesen oder ihre Abkömmlinge, Kreolen, Mulatten und eine Mischrasse zwischen Portugiesen und Brasilianern. Keine einzige amerikanische Kolonie soll soviel Einwohner von europäischer Abkunft haben.

Gegen Ende des 15. und fast im ganzen 16. Jahrhundert waren Spanien und Portugal die beiden ersten Seemächte; denn wenn auch der Handel Venedigs sich über ganz Europa erstreckte, so waren seine Flotten doch kaum jemals über das mittelländische Meer hinausgekommen. Die Spanier nahmen kraft des Rechts der <88> Entdeckung ganz Amerika als ihr Eigentum in Anspruch, und wenn sie auch eine so große Seemacht, wie die portugiesische, nicht hindern konnten, sich in Brasilien festzusetzen, so war doch damals der Schrekken ihres Namens so groß, daß die meisten anderen europäischen Völker sich nicht getrauten, an irgend einem Teile des großen Festlandes eine Niederlassung zu gründen. Die Franzosen, die den Versuch machten, sich in Florida anzusiedeln, wurden sämtlich von den Spaniern ermordet. Allein der Verfall der spanischen Seemacht, eine Folge der Niederlage oder des Mißgeschicks ihrer sogenannten unüberwindlichen Flotte zu Ende des 16. Jahrhunderts, setzte sie außer Stand, die Niederlassungen der anderen europäischen Völker noch ferner zu verhindern. Daher versuchten im Laufe des 17. Jahrhunderts die Engländer, Franzosen, Holländer, Dänen und Schweden, kurz alle großen Völker, die Häfen am Ocean hatten, Kolonien in der neuen Welt anzulegen.

Die Schweden setzten sich in New-Jersey fest, und die Anzahl schwedischer Familien, die man dort noch trifft, beweist hinlänglich, daß diese Kolonie wahrscheinlich zur Blüte gekommen sein würde, wenn sie vom Mutterlande geschützt worden wäre. Da sie aber von Schweden vernachlässigt wurde, so ward sie bald von der holländischen Kolonie New-York verschlungen, die dann 1674 unter die Oberherrschaft der Engländer kam.

Die kleinen Inseln St. Thomas und Santa Cruz sind die einzigen Länder in der neuen Welt, die dauernd im Besitz der Dänen gewesen sind. Diese kleinen Kolonien standen unter der Regierung einer privilegierten Gesellschaft, die allein das Recht hatte, die überschüssigen Produkte der Kolonisten zu kaufen und sie mit ihrem Bedarf an Waren anderer Länder zu versorgen, die mithin sowohl beim Kauf wie beim Verkauf nicht nur in <89> der Lage, sondern auch in der größten Versuchung war, die Kolonisten zu unterdrücken. Die Regierung einer privilegierten Handelsgesellschaft ist wohl von allen denkbaren Regierungen die schlimmste. Dennoch konnte sie den Fortschritt dieser Kolonien nicht ganz hindern, obwohl sie ihn aufhielt und schwächte. Der vorige König von Dänemark löste diese Gesellschaft auf, und seitdem sind diese Kolonien mächtig aufgeblüht.

Die holländischen Kolonien in Westindien standen ursprünglich ebenso wie die in Ostindien unter der Regierung einer priviligierten Gesellschaft. Die Fortschritte einiger von ihnen waren daher im Vergleich mit lange bevölkerten und angebauten Ländern zwar groß, aber im Vergleich mit den meisten neuen Kolonien schläfrig und langsam. Die Kolonie Surinam, so bedeutend sie auch ist, steht doch gegen die meisten Zuckerkolonien der übrigen europäischen Nationen zurück. Auch die Kolonie Neu-Belgien, die jetzt in die zwei Provinzen New-York und New-Jersey geteilt ist, würde wahrscheinlich bald bedeutend geworden sein, selbst wenn sie unter holländischer Herrschaft geblieben wäre. Die Menge und Wohlfeilheit guten Landes sind so mächtige Ursachen des Gedeihens, daß auch die allerschlechteste Regierung kaum imstande ist, ihren Einfluß gänzlich aufzuheben. Auch weichen bei der großen Entfernung vom Mutterlande die Kolonisten dem Monopol der Gesellschaft durch Schleichhandel mehr oder weniger aus. Gegenwärtig erlaubt die Gesellschaft allen holländischen Schiffen den Handel nach Surinam gegen Zahlung von 2 % vom Wert der Ladung, und behält sich nur den direkten Handel von Afrika nach Amerika, der fast gänzlich in Sklavenhandel besteht, ausschließlich vor. Dieser Nachlaß in den ausschließlichen Privilegien der Gesellschaft ist wahrscheinlich die Hauptursache des Wohlstandes, dessen sich die Kolonie gegenwärtig er <90> freut. Curaçao und Eustache, die beiden bedeutendsten der den Holländern gehörenden Inseln, sind Freihäfen für die Schiffe aller Nationen, und diese Freiheit inmitten besserer Kolonien, deren Häfen nur den Schiffen einer Nation offen stehen, war die Hauptursache des Wohlstandes dieser beiden unfruchtbaren Inseln.

Die französische Kolonie Kanada befand sich während des größten Teils des vorigen und eines Teils des gegenwärtigen Jahrhunderts unter der Regierung einer ausschließlichen Gesellschaft. Unter so ungünstiger Verwaltung war ihr Fortschritt im Vergleich mit anderen neuen Kolonien sehr langsam; er wurde aber weit rascher, als diese Gesellschaft nach dem Falle des sogenannten Mississippiplanes aufgelöst wurde. Als die Engländer von diesem Lande Besitz nahmen, fanden sie darin etwa die doppelte Zahl der Einwohner, die P. Charlevoix vor zwanzig bis dreißig Jahren angegeben hatte. Dieser Jesuit hatte das ganze Land durchreist, und wird es schwerlich als unbedeutender haben darstellen wollen, als es wirklich war.

Die französische Kolonie von St. Domingo wurde von Seeräubern und Freibeutern angelegt, die lange Zeit weder Frankreichs Schutz suchten, noch seine Herrschaft anerkannten; und als dies Geschlecht von Räubern insofern Bürger wurden, als sie diese Herrschaft anerkannten, mußte diese noch lange äußerst gelinde gehandhabt werden. In diesem Zeitraume nahm die Volksmenge und die Kultur der Kolonie sehr schnell zu. Selbst der Druck der privilegierten Gesellschaft, der diese wie alle anderen französischen Kolonien eine Zeitlang unterworfen war, konnte ihren Fortscliritt nur aufhalten, nicht aber gänzlich hemmen. Die Prosperität kehrte sogleich zurück, als jener Druck aufhörte. Sie ist jetzt die wichtigste Zuckerkolonie von Westindien, und ihre Produktion soll größer sein, als die aller englischen Zucker <91> kolonien zusammengenommen. Die übrigen französischen Zuckerkolonien sind im Allgemeinen alle sehr blühend. Keine Kolonien jedoch haben sich so rasch gehoben wie die der Engländer in Nordamerika. Überfluß an gutem Lande und die Freiheit, ihre Angelegenheiton selbst zu verwalten, scheinen die beiden Hauptursachen des Wohlstandes aller neuen Kolonien zu sein. Mit einem Überfluß guten Landes jedoch sind zwar die englischen Kolonien in Nordamerika reichlich versehen, aber sie stehen darin doch hinter den spanischen und portugiesischen zurück, und haben vor denen, die die Franzosen vor dem letzten Kriege besassen, nichts voraus. Dagegen waren die politischen Einrichtungen der englischen Kolonien dem Fortschritt und der Kultur des Landes günstiger als die irgend einer Kolonie der drei anderen Völker.

Erstens ist der Aufkauf unbebauten Landes in den englischen Kolonien zwar nicht ganz verboten, aber doch mehr eingeschränkt worden, als in den anderen. Das Kolonialgesetz, das jedem Eigentümer die Verpflichtung auferlegt, innerhalb einer gewissen Zeit einen bestimmten Teil seiner Ländereien in Anbau zu nehmen, widrigenfalls die vernachlässigten Grundstücke an einen andern übertragen werden können, ist zwar vielleicht nicht sehr strenge gehandhabt worden, hat aber doch einigen Einfluß geübt.

Zweitens gibt es in Pennsylvanien kein Erstgeburtsrecht, und Grundbesitz wie bewegliches Eigentum werden unter alle Kinder der Familie gleichmäßig verteilt. In drei Provinzen von Neu-England erhält das älteste Kind, wie nach mosaischem Gesetz, nur den doppelten Anteil. Wenn sich daher auch zuweilen in diesen Provinzen eine zu große Menge Landes in einer Hand aufhäuft, so wird es doch aller Wahrscheinlichkeit nach in einer oder zwei Generationen wieder hinlänglich ver <92> teilt sein. In den übrigen englischen Kolonien gilt zwar, wie nach englischem Gesetz, das Erstgeburtsrecht; allein in allen englischen Kolonien erleichtert das Erbpachtsystem (free socage) die Veräußerung, und der Konzessionsinhaber ausgedehnter Ländereien findet es in der Regel in seinem Interesse, den größten Teil von ihnen baldmöglichst zu veräußern und sich nur einen geringen Erbzins vorzubehalten. In den spanischen und portugiesischen Kolonien greift bei Vererbung aller großen Güter, auf denen Ehrentitel ruhen, das sogenannte Majoratsrecht Platz. Solche Güter gehen alle in eine Hand über und sind tatsächlich Fideikommisse und unveräußerlich. Die französischen Kolonien sind zwar dem Pariser Gewohnheitsrecht unterworfen, das in der Vererbung von Grundbesitz den jüngeren Kindern weit günstiger ist, als das englische Recht; wenn aber in den französischen Kolonien ein Ritter- oder adeliges Lehngut teilweise veräußert wird, so unterliegt es für bestimmte Zeit dem Rückkaufsrecht seitens der Erben entweder des Lehnsherrn oder der Familie; und alle großen Güter des Landes sind solche adelige Lehngüter, was natürlich die Veräußerung erschwert. In einer neuen Kolonie werden aber große unangebaute Ländereien erklärlicherweise weit eher durch Veräußerung als durch Vererbung geteilt. Die Menge und Wohlfeilheit guten Landes ist, wie schon gezeigt, die Hauptursache des raschen Gedeihens neuer Kolonien. Die Ansammlung großen Grundbesitzes in einer Hand zerstört tatsächlich diese Menge und Wohlfeilheit, und ist überdies für noch unangebaute Ländereien das größte Hindernis des Anbaus. Die auf die Bodenkultur verwendete Arbeit gewährt aber der Gesellschaft den größten Ertrag, da letzterer in diesem Falle nicht nur den Arbeitslohn und den Gewinn des verwendeten Kapitals, sondern auch die Rente des Landes, worauf das Kapital ver <93> wendet wird, bezahlt. Da nun die Arbeit der englischen Kolonisten mehr auf die Kultur des Landes verwendet wird, so gewährt sie auch einen größeren Ertrag, als die der drei anderen Völker, die durch die Vereinigung des Grundbesitzes in wenigen Händen mehr oder minder auf andere Beschäftigungen gelenkt wird.

Drittens gewährt die Arbeit der englischen Kolonisten nicht nur einen größeren Ertrag, sondern bei ihren geringen Steuern fällt ihnen auch ein größerer Teil des Ertrages zu, den sie aufhäufen und womit sie eine noch größere Arbeitsmenge in Bewegung setzen können. Die englischen Kolonisten haben noch niemals etwas zur Verteidigung des Mutterlandes oder zumUnterhalt seiner Regierung beigetragen ; sie sind im Gegenteil bisher fast ganz auf Kosten des Mutterlandes verteidigt worden. Der Aufwand für Flotten und Armeen ist aber außer allem Verhältnis größer, als die nötigen Kosten des Zivildienstes. Die Kosten ihrer Zivilverwaltung sind immer sehr mäßige gewesen, und beschränkten sich gewöhnlich auf die dem Gouverneur, den Richtern und einigen Verwaltungsbeamten zukommenden Gehälter und die Unterhaltung einiger gemeinnütziger Anstalten. Die Kosten der Zivilverwaltung von Massachusetsbay pflegten vor den jetzigen Unruhen nur etwa £ 1800 jährlich zu betragen ; die von New-Hampshire und Rhode Island je £ 3500; die von Connecticut £ 4000; die von NewYork und Pennsylvanien je £ 4500; die von New-Jersey £ 1200; die von Virginia und Südkarolina je £ 8000. Die Zivilverwaltung von Neu-Schottland und Georgia wird zum Teil vom Mutterlande bestritten ; doch zahlt Neu-Schottland jährlich etwa £ 7000 und Georgia etwa £ 2500 zu den öffentlichen Ausgaben der Kolonie. Kurz alle Zivilverwaltungen in Nordamerika, mit Ausschluß von Maryland und Nordkarolina, über die genaue Ausweise fehlen, kosteten vor den gegenwärtigen <94> Unruhen die Einwohner nicht mehr als £ 64,700 im Jahre, -- ein ewig denkwürdiges Beispiel, mit wie geringen Kosten drei Millionen Menschen nicht nur regiert, sondern auch gut regiert werden können. Freilich ist der wichtigste Teil der Staatsausgaben, der für die Verteidigung und den Schutz, immer auf das Mutterland gefallen. Auch ist das Zeremoniell der Zivilverwaltung in den Kolonien bei Einführung eines neuen Gouverneurs, bei Eröffnung einer neuen Legislative u. s. w., zwar würdig, aber ohne allen Pomp und Gepränge. Ihr Kirchenregiment ist eben so sparsam eingerichtet. Zehnten sind unter ihnen unbekannt, und ihre keineswegs zahlreiche Geistlichkeit wird entweder durch mäßige Gehälter oder durch freiwillige Beisteuern unterhalten. Spanien und Portugal ziehen hingegen aus der Besteuerung der Kolonien Vorteil. Frankreich hat zwar niemals von seinen Kolonien bedeutende Einkünfte gezogen, und die Steuern wurden in der Regel wieder für die Kolonien verwendet ; allein die Kolonialregierung aller drei Nationen ist viel kostspieliger, und mit einem weit verschwenderischeren Prunk verbunden. Die bei Einführung eines neuen Vicekönigs von Peru z. B. verausgabten Summen waren oft ungeheuer. Solche Veranstaltungen sind nicht nur wirkliche Steuern, die jedesmal den reichen Kolonisten aufgelegt werden, sondern gewöhnen sie auch in anderen Fällen an eitlen Prunk und an große Ausgaben. Sie sind nicht nur gelegentlich sehr drückende Steuern, sondern tragen auch viel dazu bei, noch weit drückendere dauernde bei ihnen einzuführen: die verderblichen Steuern des Privatluxus und der Ausschweifung. In den Kolonien aller drei Nationen ist auch das Kirchenregiment äußerst drückend . Zehnten sind überall eingeführt und werden in den spanischen und portugiesischen Kolonien mit der größten Strenge eingetrieben. Außerdem aber werden sie sämtlich noch <95> von einem zahlreichen Geschlecht von Bettelmönchen gepreßt, deren Bettelei nicht nur erlaubt, sondern auch durch die Religion geheiligt ist, und daher eine sehr drückende Steuer auf die armen Leute ausmacht, denen man es als eine Pflicht darstellt, ihnen zu geben, und als eine große Sünde, ihnen Mildtätigkeit zu versagen. Und zu all dem häuft in allen dreien die Geistlichkeit den meisten Grundbesitz auf.

Viertens sind die englischen Kolonien in dem Absätze ihrer den eigenen Bedarf übersteigenden Produkte begünstigter, und erfreuen sich eines ausgedehnteren Marktes, als die Kolonien der anderen europäischen Völker. Letztere haben mehr oder weniger den Handel mit ihren Kolonien für sich selbst zu monopolisieren gesucht und deswegen den Schiffen fremder Nationen den Handel mit ihnen verboten und den Kolonien selbst untersagt, europäische Waren fremder Völker einzuführen. Doch war die Ausführung dieses Monopols sehr verschieden.

Einige Völker haben den ganzen Handel mit ihren Kolonien einer privilegierten Gesellschaft überlassen, von welcher die Kolonisten ihren Bedarf an europäischen Waren kaufen, und an die sie ihre überschüssigen Produkte verkaufen mußten. Es lag mithin im Interesse der Gesellschaft, nicht nur die ersteren möglichst teuer zu verkaufen und die letzteren möglichst wohlfeil zu kaufen, sondern von letzteren auch zu diesem niedrigen Preise nicht mehr zu kaufen, als in Europa zu sehr hohem Preise wieder abzusetzen war. Es lag in ihrem Interesse, nicht nur in allen Fällen den Preis der überschüssigen Produkte niederzuhalten, sondern auch in vielen Fällen die natürliche Vermehrung der Produktion zu entmutigen und zu hemmen. Unter allen erdenklichen Mitteln, das natürliche Wachstum einer neuen Kolonie zu verkümmern, ist das einer privilegierten Gesellschaft ohneZweifel das wirksamste. Gleichwohl befolgte Holland diese Poli <96> tik, obschon die holländische Gesellschaft im Laufe dieses Jahrhunderts vielfach auf die Ausübung ihres Privilegiums verzichtet hat. Auch Dänemark befolgte bis zur Regierung des vorigen Königs diese Politik. Ebenso zeitweise Frankreich, und jüngst, seit 1755, nachdem sie von allen anderen Völkern ihrer Torheit wegen verlassen war, wurde sie von Portugal, wenigstens für die beiden bedeutendsten Provinzen Brasiliens Fernambuco und Marannon, adoptiert.

Andere Völker haben, ohne eine Gesellschaft zu privilegieren, den ganzen Handel mit ihren Kolonien auf einen bestimmten Hafen des Mutterlandes eingeschränkt, aus welchem kein Schiff anders als mit einer Flotte und in einer gewissen Jahreszeit oder wenn einzeln, kraft einer meist sehr teuren Speziallicenz auslaufen durfte. Diese Politik öffnete zwar allen Einwohnern des Mutterlandes den Handel mit den Kolonien, falls sie ihn aus dem rechten Hafen, in der rechten Jahreszeit und mit den rechten Schiffen trieben : da es aber die Rheder, die ihre Kapitalien zur Ausrüstung der bevorrechteten Schiffe zusammenschössen, vorteilhaft finden mußten, gemeinschaftliche Sache zu machen, so kam auch der in dieser Art betriebene Handel so ziemlich auf denselben Fuß, wie der einer privilegierten Gesellschaft. Der Gewinn dieser Rheder war fast ebenso übermäßig wie drückend. Die Kolonien wurden schlecht versorgt und mußten einerseits sehr teuer kaufen, andererseits sehr billig verkaufen. Trotzdem ist Spanien bis vor wenigen Jahren stets bei dieser Politik geblieben, und der Preis aller europäischen Waren soll daher in dem spanischen Westindien ungeheuer gewesen sein. In Quito wurde nach Ulloas Angabe ein Pfund Eisen mit vier bis sechs, und ein Pfund Stahl mit sechs bis neun Pence bezahlt. Die Kolonien veräußern aber ihre Waren hauptsächlich darum, um sich europäische Waren dafür zu verschaffen. Je mehr sie mithin für <97> die einen bezahlen, desto weniger erhalten sie für die anderen, und die Teuerung der einen ist gleichbedeutend mit der Wohlfeilheit der anderen. Portugals Politik ist in dieser Beziehung in allen seinen Kolonien dieselbe wie die frühere Politik Spaniens, mit alleiniger Ausnahme von Fernarabuco und Marannon, in denen jüngst eine noch weit schlimmere eingeführt ist.

Andere Völker lassen den Handel mit ihren Kolonien für alle ihre Untertanen frei, die ihn aus allen Häfen des Mutterlandes treiben können und dazu keine andere Erlaubnis gebrauchen, als die gewöhnlichen Ausfertigungen des Zollamtes. In diesem Falle macht die Menge und die zerstreute Lage der Handelsleute es diesen unmöglich, sich mit einander zu verbinden, und ihr Wettbewerb ist hinreichend, übermäßige Gewinne zu verhindern. Unter so liberaler Politik sind die Kolonien imstande, zu angemessenen Preisen sowohl zu verkaufen, wie zu kaufen. Diese Politik hat England seit Auflösung der Plymouth-Gesellschaft, als unsere Kolonien noch in der Kindheit waren, stets eingehalten. Auch von Frankreich wurde sie in der Regel und seit Aufhebung der sogenannten Missisippi Gesellschaftstets verfolgt. Die Handelsgewinne, die Frankreich und England von ihren Kolonien ziehen, sind daher, obwohl etwas höher als sie bei freiem Wettbewerb aller Nationen sein würden, doch keineswegs übertrieben hoch, und der Preis der europäischen Waren ist demgemäß in den meisten Kolonien dieser beiden Völker mäßig.

Auch in der Ausfuhr ihrer überschüssigen Erzeugnisse sind die britischen Kolonien nur hinsichtlich einzelner Waren auf den Markt des Mutterlandes beschränkt. Diese Waren, die in der Navigationsakte und einigen späteren Akten aufgezählt sind, heißen aufgezählte Waren (enumerated commodities); die übrigen heißen nicht aufgezählte (non-emumerated), und können direkt <98> nach anderen Ländern ausgeführt werden, jedoch nur in britischen oder in Kolonialschiffen, von denen die Eigentümer und drei Viertel der Seeleute britische Untertanen sind. Unter den nicht aufgezählten Waren sind einige der wichtigsten Erzeugnisse Amerikas und Westindiens; Getreide aller Art, Bauholz, gesalzenes Fleisch, Fische, Zucker und Rum.

Getreide ist natürlich der erste und wichtigste Gegenstand des Anbaus aller neuen Kolonien. Durch Gewährung eines sehr ausgebreiteten Marktes dafür muntert das Gesetz die Kolonien auf, diese Kultur weit über den Verbrauch eines dünn bevölkerten Landes auszudehnen, und so im Voraus für den reichlichen Unterhalt einer stets wachsenden Bevölkerung zu sorgen.

In einem ganz mit Wald bedeckten Lande, wo das Holz wenig oder gar keinen Wert hat, sind die Kosten der Lichtung das Haupthindernis der Bodenverbesserung. Durch Gewährung eines sehr ausgedehnten Marktes für ihr Bauholz erleichtert das Gesetz den Kolonien die Bodenkultur, da der Preis einer Ware, die sonst nur geringen Wert haben würde, erhöht und dadurch den Kolonisten ermöglicht wird, da Gewinn zu machen, wo sonst nur Kosten entstehen würden.

In einem nicht halb bevölkerten und halb kultivierten Lande vermehrt sich natürlich das Vieh über den Verbrauch der Einwohner hinaus, und hat deshalb oft wenig oder gar keinen Wert. Wie aber schon gezeigt wurde, steht der Preis des Viehs zu dem des Getreides in einem gewissen Verhältnis, bevor der meiste Boden eines Landes kultiviert werden kann. Durch Gewährung eines sehr ausgedehnten Marktes für amerikanisches Vieh in jeder Gestalt, tot oder lebend, sucht das Gesetz den Wert einer Ware zu erhöhen, deren hoher Preis für die Kultur so wesentlich ist. Die guten Wirkungen dieser Freiheit müssen jedoch durch die Akte Georgs III., <99> cap. 15, welche Häute und Felle unter die aufgezählten Waren setzt und dadurch den Wert des amerikanischen Viehs verringert, etwas abgeschwächt werden.

Die Schifffahrt und Seemacht Großbritanniens durch die Ausdehnung der Fischereien unserer Kolonien zu vermehren, ist ein Gegenstand, den die Gesetzgebung fast beständig im Auge hatte. Diese Fischereien haben deshalb alle Förderung erfahren, welche die Freiheit geben kann, und sind demgemäß sehr blühend geworden. Besonders die Fischerei von Neu-England war vor den letzten Unruhen vielleicht eine der wichtigsten in der ganzen Welt. Der Wallfischfang, der in Großbritannien trotz einer kolossalen Prämie mit so geringem Erfolg betrieben wird, daß nach Ansicht vieler (die ich jedoch nicht verbürgen will) der ganze Ertrag nicht viel höher sein soll, als der Betrag der jährlich dafür bezahlten Prämien, wird in Neu-England ohne alle Prämie in großem Umfange betrieben. Fische sind einer der Hauptausfuhrartikel Nordamerikas nach Spanien, Portugal und dem mittelländischen Meere.

Zucker war ursprünglich eine aufgezählte Ware, die nur nach Großbritannien ausgeführt werden konnte. 1731 wurde seine Ausfuhr auf eine Vorstellung der Pflanzer nach allen Teilen der Welt gestattet. Doch haben die Beschränkungen, die diese Freiheit erfuhr, und der hohe Preis des Zuckers in Großbritannien, jene Erlaubnis größtenteils unwirksam gemacht. Großbritannien und seine Kolonien bleiben immer noch fast der einzige Markt für allen in den britischen Pflanzungen gebauten Zucker. Sein Verbrauch nimmt so rasch zu, daß trotz der infolge des vermehrten Anbaues in Jamaica und auf den abgetretenen Inseln seit zwanzig Jahren außerordentlich gestiegenen Zuckereinfuhr die Ausfuhr nach fremden Ländern doch nicht

viel stärker sein soll, als früher. <100>

Rum ist ein sehr wichtiger Artikel der amerikanischen Ausfuhr nach der afrikanischen Küste, von wo Negersklaven dafür zurückgebracht werden.

Wenn sämtliche überschüssigen Produkte Amerikas an Getreide aller Art, Salzfleisch und Fischen unter die aufgezählten Waren gesetzt worden wären, und mithin nach dem großbritannischen Markte hätten gehen müssen, so würde dies unseren eignenProdukten zu viel Abbruch getan haben. Wahrscheinlich nicht sowohl aus Rücksicht auf den Vorteil Amerikas, als aus Eifersucht schloß man diese wichtigen Waren nicht nur von den aufgezählten aus, sondern verbot auch in der Regel die Einfuhr alles Getreides, ausgenommen Reis, und alles Salzfleisches.

Die unaufgezählten Waren konnten ursprünglich nach allen Weltteilen ausgeführt werden. Bauholz und Reis, die einmal unter den aufgezählten waren, wurden später davon ausgenommen, aber auf die Länder südlich vom Cap Finisterre beschränkt. Durch die Akte 6 Georgs III. cap. 52 wurden alle unaufgezählten Waren derselben Einschränkung unterworfen. Die Länder Europas südlich vom Cap Finisterre sind keine Industrieländer und es lag daher weniger Grund zu der Besorgnis vor, daß die Kolonialschiffe von da Manufakturwaren zurückbringen könnten, die unseien eigenen Abbruch täten. Die aufgezählten Waren zerfallen in zwei Sorten: erstens solche, die eigentümliche Erzeugnisse Amerikas sind und in dem Mutterlande nicht hervorgebracht werden können oder wenigstens nicht hervorgebracht werden. Dahin gehören Melasse, Kaffee, Kakaobohnen, Tabak, Nelkenpfeffer, Ingwer, Fischbein, Rohseide, Baumwolle, Biberfelle und anderes amerikanisches Pelzwerk, Indigo, Gelbholz und andere Farbhölzer. Zweitens solche, die keine eigentümlichen Erzeugnisse Amerikas sind, sondern in dem Mutterland hervorgebracht werden können <101> und hervorgebracht werden, aber nicht in solcher Menge, um den Bedarf vollständig zu decken. Dahin gehören alle Schiffsbaumaterialien, Masten, Raaen, Bugspriete, Teer, Pech, Terpentin, Roh- und Stabeisen, Kupfererz, Häute und Felle, Pot- und Perlasche. Die stärkste Einfuhr von Waren ersterer Sorte könnte die Produktion des Mutterlandes nicht schwächen, oder dem Absatze seiner Produkte nicht Abbruch tun. Indem man sie auf den inländischen Markt beschränkte, hoffte man es nicht nur unseren Kaufleuten möglich zu machen, sie in den Pflanzungen wohlfeiler zu kaufen, und sie folglich daheim mit größerem Gewinn wieder zu verkaufen, sondern man dachte auch zwischen den Pflanzungen und fremden Ländern einen vorteilhaften Zwischenhandel herzustellen, für den Großbritannien als das Land, in das diese Waren zuerst eingeführt wurden, notwendig den Mittelpunkt oder den Stapelplatz bilden mußte. Auch die Einfuhr der zweiten Sorte von Waren glaubte man so einrichten zu können, daß sie nicht dem Absatz der heimischen Waren gleicher Art, sondern nur dem der aus fremden Ländern eingeführten Abbruch tun könnte; weil sie durch geeignete Zölle stets etwas teurer als die ersteren, und doch noch viel wohlfeiler als die letzteren erhalten werden könnten. Durch Beschränkung solcher Waren auf den heimischen Markt beabsichtigte man also nicht, den britischen Produkten zu schaden, sondern einigen fremden Ländern Abbruch zu tun, mit denen die Handelsbilanz als für Großbritannien ungünstig angenommen wurde.

Das Verbot, aus den Kolonien nach einem anderen Lande als Großbritannien Masten, Raaen, Bugspriete, Teer, Pech und Terpentin auszuführen, mußte natürlich den Preis des Bauholzes in den Kolonien erniedrigen, folglich die Kosten der Freilegung vermehren und so die Bodenverbesserung hemmen. Allein zu Anfang des <102> jetzigen Jahrhunderts, 1708, suchte die schwedische Pech- und Teer-Compagnie den Preis ihrer Waren für Großbritannien durch Verbot der Ausfuhr (außer in eigenen Schiffen, zu dem von ihr bestimmten Preise, und in gewissen von ihr geeignet gefundenen Mengen) zu erhöhen. Um diesem sonderbaren Stück Handelspolitik entgegenzuwirken, und um sich nicht nur von Schweden, sondern auch von allen übrigen nordischen Mächten möglichst unabhängig zu machen, gab Großbritannien eine Prämie auf die Einfuhr von Schiffsmaterialien aus Amerika, und diese Prämie hatte die Wirkung, den Preis des Bauholzes in Amerika weit mehr zu erhöhen, als ihn die Beschränkung auf den heimischen Markt drücken konnte; und da beide Maßregeln gleichzeitig ergriffen wurden, so wurde dadurch die Freilegung des Bodens in Amerika eher gefördert als gehemmt.

Roh- und Stabeisen gehörte zwar auch unter die aufgezählten Waren, war aber bei der Einfuhr aus Amerika von den starken Zöllen, die es bei der Einfuhr aus anderen Ländern entrichten mußte, befreit, und so trug der eine Teil der Verordnung mehr zur Förderung von Hochöfen in Amerika bei, als der andere sie verhinderte. Keine Industrie veranlaßt aber einen so großen Holzverbrauch oder trägt so viel zur Lichtung eines waldreichen Landes bei, als die Eisenindustrie.

Die Neigung einiger dieser Verordnungen, den Wert des amerikanischen Bauholzes zu erhöhen und dadurch die Urbarmachung des Landes zu erleichtern, wurde vielleicht von den Gesetzgebern weder beabsichtigt noch begriffen. Wenn aber auch ihre wohltätigen Folgen in dieser Beziehung zufällig gewesen sind, so waren sie doch darum nicht weniger tatsächlich.

Zwischen den britischen Kolonien in Amerika und in Westindien besteht sowohl in den aufgezählten als in den unaufgezählten Waren die vollkommenste Handels <103> freiheit. Diese Kolonien sind jetzt so bevölkert und blühend geworden, daß jede der andern einen großen und ausgedehnten Markt für alle ihre Produkte darbietet. Alle zusammen genommen bilden einen großen inneren Markt für die Erzeugnisse der andern.

Indeß hat sich Englands Freigebigkeit gegen den Handel seiner Kolonien hauptsächlich auf den Markt ihrer Produkte in ihrem rohen oder nur halbverarbeiteten Zustande beschränkt. Die vervollkommneteren oder verfeinerten Fabrikate, selbst aus Kolonialprodukten, haben die britischen Kaufleute und Fabrikanten sich selber vorzubehalten beliebt, und die gesetzgebende Gewalt vermocht, die Anlage der betreffenden Fabriken in den Kolonien teils durch hohe Abgaben teils durch gänzliche Verbote zu verhindern.

Während z. B. Muskovado-Zucker aus den britischen Pflanzungen nur einem Einfuhrzoll von 6 sh. 4 d. für den Zentner unterliegt, zahlt weißer Zucker £ 1 1 sh. 1 d., und doppelt oder einfach raffinirter in Broten £ 4 2 sh. 5 8 / 20 d. Als diese hohen Zölle festgesetzt wurden, war Großbritannien der einzige, und es ist noch immer der hauptsächlichste Markt, wohin der Zucker der britischen Kolonien ausgeführt werden konnte. Die Zölle kamen also einem Verbote der Zuckerraffinerie anfänglich für alle fremden Märkte, und jetzt für denjenigen Markt gleich, der vielleicht über 9 / 10 der Gesammtproduktion aufnimmt. Daher ist die Zuckersiederei, die in allen französischen Zuckerkolonien blühte, in allen englischen fast nur für den Markt der Kolonie selbst betrieben worden. So lange Grenada in französischen Händen war, befand sich auf fast jeder Pflanzung eine Zuckersiederei. Seit es in die Hände der Engländer fiel, sind beinahe alle diese Werke aufgegeben worden, und gegenwärtig, Oktober 1773, sind, wie man mir vorsichert, nur noch zwei oder drei auf der Insel übrig. Doch wird jetzt mit Bewilli <104> gung des Zollamtes Farin- oder raffinierter Zucker, nachdem die Brote wieder zerrieben sind, häufig als Muskovado-Zucker eingeführt.

Während Großbritannien in Amerika die Fabrikation des Roh- und Stabeisens durch Befreiung von den Abgaben befördert, denen die gleichen Waren, wenn sie aus anderen Ländern eingeführt werden, unterworfen sind, verbot es die Errichtung von Stahlhämmern und Zainhämmern in allen amerikanischen Pflanzungen gänzlich. Es will nicht leiden, daß seine Kolonisten diese höhere Fabrikation auch nur zum eigenen Verbrauch treiben, sondern besteht darauf, daß sie ihren ganzen Bedarf an derartigen Waren, von seinen Kaufleuten und Fabrikanten kaufen. Es verbietet die Ausfuhr von Hüten, Wolle und Wollenwaren amerikanischer Erzeugung von einer Provinz zur andern, zu Wasser und selbst zu Lande auf Pferden oder Wagen ; eine Verordnung, die tatsächlich die Begründung solcher Industriezweige als Großbetriebe verhindert und die Industrie der Kolonisten auf die groben und häuslichen Manufakturen beschränkt, wie sie eine Familie gewöhnlich zu ihrem eigenen oder zum Gebrauch einiger Nachbarn in derselben Provinz herstellt.

Einem großen Volk aber verbieten, aus seinen eigenen Produkten Alles zu machen, was es daraus machen kann, oder sein Kapital und seinen Fleiß so zu verwenden, wie es ihm am vorteilhaftesten scheint, ist eine offenbare Verletzung der heiligsten Rechte der Menschheit. So ungerecht indeß solche Verbote auch sind, so haben sie doch bis jetzt den Kolonien noch nicht viel geschadet. Der Boden ist bei ihnen noch so wohlfeil und folglich die Arbeit so teuer, daß sie fast alle feineren und vollkommneren Fabrikate wohlfeiler aus dem Mutterlande einführen können, als sie selbst sie zu verfertigen im Stande wären. Auch ohne das Verbot, solche Industrien zu gründen, würden sie es auf <105> ihrer dermaligen Kulturstufe in ihrem eigenen Interesse doch nicht getan haben. Dermalen sind jene Verbote , ohne ihrem Grewerbfleiß zu schaden oder ihn von einer Tätigkeit abzuhalten, die er von selbst gewählt haben würde, blos unnütze Brandmale einer Sklaverei, die ihnen ohne hinreichende Ursache durch die grundlose Eifersucht der Kaufleute und Fabrikanten des Mutterlandes auferlegt wurde. Auf einer vorgerückteren Kulturstufe könnten sie aber wirklich drückend und unerträglich sein.

Wie Großbritannien einige der wichtigsten Kolonial-Produkte auf seinen Markt beschränkt, so gibt es anderen einen Vorzug, indem es teils die nämlichen Produkte aus anderen Ländern höheren Zöllen unterwirft, teils die Einfuhr in den Kolonien prämiirt. Auf die erstere Weise gewährt es dem Zucker, Tabak und Eisen der Kolonien auf seinem Markte einen Vorzug, auf die zweite ihrer Rohseide, ihrem Hanf und Flachs, ihrem Indigo, ihren Schiffsbaumaterialien und ihrem Bauholze. Diese letztere Art, die Kolonialprodukte durch Einfuhrprämien zu begünstigen, ist, soviel ich habe erfahren können, Großbritannien allein eigen; die erstere nicht. Portugal begnügt sich nicht der Einfuhr des Tabaks aus allen anderen Ländern höhere Zölle aufzulegen, sondern verbietet sie vielmehr unter den härtesten Strafen.

Auch hinsichtlich der Einfuhr europäischer Waren hat England seine Kolonien liberaler behandelt, als andere Völker die ihrigen. Großbritannien gewährt bei Wiederausfuhr eingeführter Waren einen Teil des Zolles zurück, fast immer die Hälfte, gewöhnlich noch mehr, und manchmal den ganzen. Kein unabhängiges Land würde, wie leicht begreiflich, diese Waren mit den hohen Zöllen beschwert nehmen, denen fast alle fremden Waren bei ihrer Einfuhr in Großbritannien unterliegen. Wenn daher nicht ein Teil dieser Zölle <106> bei der Ausfuhr zurückerstattet würde, so wäre es mit dem Zwischenhandel, der bei dem Merkantilsystem in so hoher Gunst steht, vorbei, unsere Kolonien sind jedoch keineswegs unabhängige Länder, und da Großbritannien sich das ausschließliche Recht vorbehalten hat, sie mit allen europäischen Waren zu versorgen, so hätte es sie auch, wie es andere Länder mit ihren Kolonien gemacht haben, zwingen können, diese Waren mit den im Mutterlande aufgelegten Zöllen beschwert zu nehmen. Aber im Gegenteil wurden bis 1763 bei der Ausfuhr der meisten fremden Waren nach unseren Kolonien die nämlichen Rückzölle bezahlt, wie bei der Ausfuhr nach einem unabhängigen Lande. 1763 wurde allerdings diese Gunst durch die Akte 4 Georgs IIL, cap. 15, sehr eingeschränkt, und verordnet, »daß für Waren europäischer oder ostindischer Produktion oder Verarbeitung die aus diesem Königreich nach einer britischen Kolonie oder Pflanzung in Amerika ausgeführt werden, mit Ausnahme von Wein, weißen Kattunen und Musselinen, von der Abgabe, die die alte Subsidie heißt, nichts zurückerstattet werden soll.« Vor dieser Bestimmung waren manche fremde Waren in den Pflanzungen wohlfeiler als im Mutterlande, und manche sind es auch jetzt noch.

Die meisten Verordnungen über den kolonialen Handel sind, wie bemerkt werden muß, auf Betreiben der Kaufleute, die sich mit diesem Handel beschäftigen, erlaßen worden. Man darf sich daher nicht wundern, wenn in den meisten Verordnungen das Interesse der Kaufleute mehr berücksichtigt ist, als das der Kolonien oder des Mutterlandes. In ihrem ausschließlichen Privilegium, die Kolonien mit ihrem Gesamtbedarf an europäischen Waren zu versorgen, und ihre überschüssigen Produkte zu kaufen, die nicht mit den heimischen Geschäften in Wettbewerb stehen, wurde das Interesse der Kolo <107> nien dem Interesse dieser Kaufleute geopfert. Durch Gewährung der nämlichen Rückzölle bei Wiederausfuhr der meisten europäischen und ostindischen Waren nach den Kolonien wie bei Wiederausfuhr nach unabhängigen Ländern, wurde selbst nach merkantilistischen Begriffen das Interesse des Mutterlandes geopfert. Es lag im Interesse der Kaufleute, für die fremden Waren, die sie nach den Kolonien schickten, so wenig als möglich zu bezahlen, und folglich soviel als möglich von den bei der Einfuhr nach Großbritannien vorgelegten Zöllen zurückzuerhalten. Auf diese Weise vermochten sie in den Kolonien dieselbe Warenmenge mit größerem Gewinn oder eine größere Menge mit demselben Gewinn zu verkaufen, und gewannen mithin auf die eine oder andere Weise. Ebenso lag es im Interesse der Kolonien, alle solche Waren so wohlfeil und so reichlich wie möglich zu erhalten; aber nicht immer entsprach dies dem Interesse des Mutterlandes. Letzteres erlitt durch Rückvergütung der Einfuhrzölle sowohl an seinen Einkünften, wie an seiner Industrie Einbusse, da es auf dem Kolonialmarkte infolge der Rückzölle durch fremde Fabrikate oft unterboten werden konnte. Der Fortschritt der Leinenindustrie Großbritanniens soll durch die Rückzölle auf die Wiederausfuhr deutscher Leinwand nach den amerikanischen Kolonien sehr aufgehalten worden sein.

Wenn aber auch die britische Politik hinsichtlich des Handels der Kolonien von demselben merkantilistischen Geiste eingegeben war, wie die Politik anderer Völker, so war sie doch im Ganzen weniger engherzig und drückend.

In allen anderen Dingen, als im auswärtigen Handel, besitzen die englischen Kolonisten volle Freiheit, ihre Angelegenheiten nach ihrem Ermessen zu ordnen. Ihre Freiheit ist in jeder Beziehung der ihrer Mitbürger im Mutterlande gleich und wie diese durch eine Versamm <108> lung von Volksvertretern gesichert, die allein das Recht der Besteuerung hat. Das Ansehen dieser Versammlung hält die Exekutive in Schranken, und selbst der niedrigste oder verrufenste Kolonist hat, solange er dem Gesetze gehorcht, vom Zorn des Gouverneurs oder der Civil- und Militärbeamten in der Provinz nichts zu befürchten. In den Kolonial-Versammlungen sind zwar so wenig, wie im englischen Unterhaus, alle Bürger gleichmäßig vertreten, aber sie nähern sich diesem Charakter doch weit mehr, und da die vollziehende Gewalt keine Mittel zur Bestechung hat, oder bei der Unterstützung, die sie vom Mutterlande erhält, keine Bestechung nötig hat, so stehen die Volksvertreter im Allgemeinen wohl mehr unter dem Einfluß ihrer Wähler. Der Senat, der dem britischen Oberhause entspricht, ist nicht aus einem erblichen Adel zusammengesetzt. In einigen Kolonien wie in drei Gouvernements von Neu-England wird dieser Senat nicht vom König ernannt, sondern von den Volksvertretern gewählt. In keiner der englischen Kolonien gibt es einen Erbadel. Wie in allen freien Ländern, wird auch hier der Sproß einer alten Familie mehr geachtet, als ein Emporkömmling von gleichem Verdienst und Vermögen; aber er wird eben nur mehr geachtet und hat keine Vorrechte, die seine Mitbürger beeinträchtigen könnten. Vor den gegenwärtigen Unruhen hatten die Kolonial-Versammlungen nicht nur die gesetzgebende, sondern auch einen Teil der vollziehenden Gewalt. In Connecticut und Rhode-Island erwählten sie den Gouverneur. In den übrigen Kolonien ernannten sie die Finanzbeamten, welche die von der Volksvertretung, der sie direkt verantwortlich waren, bewilligten Steuern erhoben. Es herrscht sonach unter den englischen Kolonisten mehr Gleichheit als unter den Bewohnern des Mutterlandes. Ihre Sitten sind mehr republikanisch, und ihre Verfassungen, besonders <109> in drei der Provinzen Neu-Englands, waren bisher gleichfalls mehr republikanisch.

Die absoluten Regierungen Spaniens, Portugals und Prankreichs haben sich hingegen auch in ihren Kolonien geltend gemacht, und die willkürliche Gewalt, die solche Regierungen ihren Beamten zu erteilen pflegen, wird infolge der großen Entfernung besonders hart gehandhabt. Unter allen absoluten Regierungen herrscht in der Hauptstadt mehr Freiheit, als in den übrigen Landesteilen. Der Herrscher selbst kann niemals ein Interesse oder die Neigung haben, die Rechtsordnung umzukehren, oder die große Masse des Volkes zu drücken. In der Hauptstadt hält seine Gregenwart alle seine Beamten mehr oder weniger im Zaum, während sie in den entfernteren Provinzen, von wo die Klagen des Volkes nicht leicht zu ihm gelangen, ihre Tyrannei weit sicherer ausüben können. Die europäischen Kolonien in Amerika sind aber weit entfernter als die entlegensten Provinzen der größten bisher bekannten Reiche. Die Regierung der englischen Kolonien ist vielleicht, solange die Welt steht, die einzige, die den Bewohnern einer so entfernten Provinz vollkommene Sicherheit gewähren konnte. Doch sind die französischen Kolonien immer noch mit mehr Milde und Mäßigung verwaltet worden, als die spanischen und portugiesischen. Dies bessere Verhalten entspricht sowohl dem Charakters der französischen Nation wie dem Bildner des Charakters einer Nation: der Beschaffenheit ihrer Regierung, die zwar im Vergleich mit der britischen, willkürlich und gewalttätig, aber im Vergleich mit der spanischen und portugiesischen eine gesetzliche und freie ist.

Die Vorzüge der englischen Politik treten jedoch namentlich in dem Fortschritt der nordamerikanischen Kolonien hervor. Der Fortschritt der französischen Zuckerkolonien war dem der meisten enirlischen <110> mindestens gleich, wo nicht höher; und doch haben die englischen Zuckerkolonien eine fast ebenso freie Verfassung, wie die nordamerikanischen Kolonien. Allein die französischen Zuckerkolonien sind nicht wie die englischen an der Raffinierung ihres Zuckers verhindert worden, und, was noch wichtiger ist, der Geist ihrer Regierung bürgt für bessere Behandlung ihrer Negersklaven.

In allen europäischen Kolonien wird der Zuckerbau mit Negersklaven betrieben. Leute, die in dem mäßigen Klima Europas geboren sind, können, meint man, die Feldarbeiten unter der brennenden Sonne Westindiens nicht ertragen, und die Kultur des Zuckerrohrs erfordert nach der jetzigen Betriebsart nur Handarbeit, obgleich viele glauben, daß der Säepflug mit großem Vorteil dabei angewendet werden könnte. Wie aber Gewinn und Erfolg des mit Zugtieren betriebenen Ackerbaus sehr viel von der guten Behandlung des Viehs abhängt, so hängt auch Gewinn und Erfolg des mit Sklaven betriebenen Akkerbaus von der guten Behandlung der Sklaven ab . In dieser Beziehung nun ist es wohl allgemein anerkannt, daß die französischen Pflanzer sich vor den englischen auszeichnen. Gesetze gegen die Willkür der Herren werden in Kolonien unter absolutem Regiment im Allgemeinen strenger befolgt werden, als in Kolonien unter freien Regierungsformen. Überall, wo die unselige Sklaverei herrscht, mischen sich die Behörden, wenn sie sich des Sklaven annehmen, mehr oder weniger in die Privatangelegenheiten des Herrn, und in einem freien Lande, wo der Herr entweder Mitglied einer Kolonial-Versammlung oder Wähler ist, darf dies nur mit der größten Vorsicht und Behutsamkeit geschehen. Die Achtung, die die Behörde dem Herrn zu erweisen hat, erschwert die Beschützung des Sklaven; dagegen vermag sie in einem Lande, wo die Regierung in hohem Maaß unumschränkt und die Einmischung der Behörde in <111> Privatangelegenheiten ganz gewöhnlich ist, wo sie den Widerspenstigen wohl gar eine Lettre de cachet zuschickt, dem Sklaven viel eher einigen Schutz zu gewähren, und die gewöhnlichste Menschlichkeit macht sie auch stets dazu geneigt Der Schutz der Behörde läßt den Sklaven seinem Herrn weniger verächtlich erscheinen, und der letztere wird dadurch bewogen, ihn mit mehr Rücksicht und Milde zu behandeln. Milde Behandlung macht den Sklaven nicht nur treuer, sondern auch intelligenter, und folglich in doppelter Beziehung nützlicher. Er nähert sich mehr der Lage eines freien Dieners, und kann bis zu einem gewissen Grade Uneigennützigkeit und Eifer für das Interesse seines Herrn beweisen, Tugenden, die sich oft bei freien Dienern finden, aber niemals einem Sklaven eigen sind, der so behandelt wird, wie es in Ländern, wo der Herr vollkommen frei und sicher ist, zu geschehen pflegt.

Daß der Zustand eines Sklaven unter einer willkürlichen Regierung besser ist als unter einer freien, beweist, glaube ich, die Geschichte aller Zeiten und Völker. In der römischen Geschichte finden wir Fälle von behördlicher Einmischung zum Schutze des Sklaven gegen die Härte der Herren erst unter den Kaisern. Als Vedius Pollio in Gegenwart des Augustus einen seiner Sklaven, der sich ein leichtes Vergehen hatte zu Schulden kommen lassen, in Stücke hauen und in seinen Fischteich werfen lassen wollte, um seine Fische damit zu füttern, befahl ihm der Kaiser mit Entrüstung, nicht nur diesen, sondern auch alle übrigen ihm gehörigen Sklaven sofort frei zu geben. Unter der Republik hätte keine Behörde Ansehen genug gehabt, den Sklaven zu schützen, geschweige denn den Herrn zu strafen.

Die Diktatur des Sklaviats.

Die Kapitalien, durch die die französischen Zuckerkolonion, besonders die große Kolonie von St. Domingo, in einen besseren Zustand versetzt wurden, sind, wie <112> beachtenswert ist, fast gänzlich aus den allmählichen Kulturfortschritten dieser Kolonien erwachsen, und fast lediglich der Ertrag des Bodens und Fleißes der Kolonisten, der durch Sparsamkeit nach und nach angehäuft und zur Erzielung eines noch höheren Ertrags verwendet wurde. Dagegen stammten die Kapitalien, mit denen die englischen Zuckerkolonien kultiviert und verbessert wurden, großenteils aus England und keineswegs allein aus dem Ertrage des Bodens und Fleißes der Kolonisten. Das Gedeihen der englischen Zuckerkolonien ist meist Englands großem Reichtum zu verdanken, von dem ein Teil so zu sagen auf diese Kolonien überfloß. Das Gedeihen der französischen Zuckerkolonien hingegen ist lediglich dem trefflichen Betriebe der Kolonisten zu verdanken, die mithin den Engländern überlegen sein mußten und diese Überlegenheit in nichts so deutlich bekundeten, wie in der guten Behandlung ihrer Sklaven.

Das sind im allgemeinen die Grundzüge der Kolonialpolitik der verschiedenen europäischen Völker. Diese Politik hat wahrlich wenig Grund, sich der Gründung oder, soweit dabei die innere Verwaltung in Frage kommt, des späteren Gedeihens der amerikanischen Kolonien zu rühmen. Torheit und Ungerechtigkeit scheinen die leitenden Grundsätze des ersten Plans zur Anlegung dieser Kolonien gewesen zu sein: die Torheit, nach Gold- und Silberadern zu spüren, und das ungerechte Trachten nach dem Besitz eines Landes, dessen harmlose Eingeborne, weit entfernt, die Europäer zu beleidigen, vielmehr die ersten Ankömmlinge mit allen Zeichen von Gutherzigkeit und Gastfreundschaft aufgenommen hatten.

Die Abenteurer, die einige der späteren Niederlassungen gründeten, verbanden zwar mit dem phantastischen Gedanken, Gold- und Silberadern zu finden, noch andere vernünftigere und löblichere Beweggründe; aber selbst diese Gründe machen der europäischen Politik <113> wenig Ehre. Die in ihrer Heimat bedrängten Puritaner suchten die Freiheit in Amerika, und gründeten dort die vier Gouvernements von Neu-England . Die englischen Katholiken, die noch größere Ungerechtigkeit erfuhren, gründeten Maryland; die Quäker Pennsylvanien. Die von der Inquisition verfolgten, ihrer Habe beraubten und nach Brasilien verbannten portugiesischen Juden stellten durch ihr Beispiel unter den deportierten Verbrechern und liederlichen Weibern, womit diese Kolonie ursprünglich bevölkert wurde, eine gewisse Ordnung und Gewerbsamkeit her, und lehrten sie den Bau des Zukkerrohrs. In allen diesen Fällen war es nicht die Weisheit und Politik, sondern die Engherzigkeit und Ungerechtigkeit der europäischen Regierungen, die Amerika bevölkerte und kultivierte.

An der Gestaltung einiger der wichtigsten jener Niederlassungen hatten die europäischen Regierungen ebenso wenig Verdienst, als an den Plänen zu ihrer Errichtung. Die Eroberung von Mexiko war der Plan eines Gouverneurs von Cuba und nicht des spanischen Kabinets; und durch den Mut des kühnen Abenteurers, dem man sie übertragen hatte, wurde sie trotz aller Hindernisse vollendet, die der Gouverneur, den es bald gereute, einem solchen Manne die Sache anvertraut zu haben, ihr entgegenstellte. Die Eroberer von Chili und Peru und fast aller anderen spanischen Besitzungen auf dem amerikanischen Kontinent wurden vom Staate nicht weiter unterstützt, als durch eine allgemeine Erlaubnis, im Namen des Königs von Spanien Besitzergreifungen und Eroberungen durchzuführen. Diese Unternehmungen erfolgten sämtlich auf Gefahr und Kosten der Unternehmer, und die spanische Regierung trug fast nichts dazu bei. Ebensowenig tat die englische Regierung für die Gründung ihrer wichtigsten nordamerikanischen Kolonion. <114>

Waren diese Niederlassungen gegründet und so bedeutend geworden, um die Beachtung des Mutterlandes auf sich zu lenken, so bezweckten die ersten Maßregeln dieses stets, sich ein Handelsmonopol zu verschaffen, den Markt der Niederlassungen einzuschränken und den eigenen Markt auf ihre Kosten zu erweitern, folglich ihre Wohlfahrt eher zu dämpfen und zu lähmen, als zu befördern und zu beschleunigen. In den verschiedenen Methoden der Ausübung dieses Monopols besteht einer der wesentlichsten Unterschiede in der Kolonialpolitik der europäischen Völker. Die beste von allen, die englische, ist nur etwas weniger engherzig und drückend, als die übrigen.

In welcher Weise hat sonach die europäische Politik zur Gründung oder jetzigen Größe der amerikanischen Kolonien beigetragen? In einer Weise, aber auch nur in dieser Weise, hat sie in der Tat viel dazu beigetragen. Magna virum mater! Sie zeugte und bildete die Menschen, die so großes zu vollenden und den Grund zu einem so großen Reiche zu legen vermochten; denn es gibt sonst keinen Fleck Erde, dessen Politik solche Menschen zu bilden vermöchte oder tatsächlich jemals gebildet hätte.

Die Kolonien verdanken der europäischen Politik die Erziehung und die großartige Anschauung ihrer tätigen und unternehmenden Gründer; und einige der größten und wichtigsten Kolonien haben ihr, sofern ihre Verwaltung in Betracht kommt, kaum etwas anderes zu verdanken. <115>

Dritter Teil. Die Vorteile, die Europa aus der Entdeckung Amerikas und des Weges um das Vorgebirge der guten Hoffnung nach Ostindien gezogen hat.

Dies sind die Vorteile, die die amerikanischen Kolonien aus der europäischen Politik gezogen haben. Welche Vorteile aber hat Europa aus der Entdeckung und Kolonisation Amerikas gezogen?

Diese Vorteile lassen sich einteilen erstens in die allgemeinen Vorteile, die Europa, als ein einziges großes Land betrachtet, aus diesen bedeutsamen Ereignissen gezogen hat; und zweitens in die besonderen Vorteile, die jedes kolonisierende Land aus den ihm besonders gehörigen Kolonien infolge seiner Macht und Herrschaft über sie zog.

Die allgemeinen Vorteile, die Europa, als ein einziges großes Land betrachtet, aus der Entdeckung und Kolonisation Amerikas gezogen, bestehen erstens in der Vermehrung seiner Genußmittel und zweitens in der Erhöhung seines Gewerbfleißes.

Die nach Europa eingeführten überschüssigen Produkte Amerikas versehen die Bewohner jenes Erdteils mit einer Menge von Waren, die sie sich sonst nicht hätten verschaffen können, und von denen einige zur Bequemlichkeit und zum Nutzen, andere zum Vergnügen, andere zum Schmucke, und dadurch überhaupt zur Vermehrung der Genüsse beitragen.

Die Entdeckung und Kolonisation Amerikas hat, wie man bereitwillig einräumen wird, dazu beigetragen, erstens den Gewerbfleiß aller der Länder, die einen direkten Handel dahin trieben, wie Spanien, Portugal, Frank <116> reich und England, und zweitens den Gewerbfleiß aller derer zu vermehren, die ihre Erzeugnisse ohne direkten Handel durch Vermittelung anderer Länder dorthin sandten, wie Flandern und einige deutsche Provinzen, die durch Vermittelung der ersterwähnten Länder große Mengen Leinwand und anderer Waren nach Amerika senden. Alle diese Länder haben offenbar einen weit ausgedehnteren Markt für ihre überschüssigen Produkte gewonnen, und sind folglich ermuntert worden, die Produktion zu steigern.

Daß aber jene großen Ereignisse auch dazu beigetragen haben sollten, den Gewerbfleiß von Ländern wie Ungarn und Polen zu befördern, die wohl nie auch nur eine einzige Ware eigner Erzeugung nach Amerika gesandt haben, ist nicht so einleuchtend. Dennoch ist es unzweifelhaft der Fall gewesen. Ein Teil der amerikanischen Produkte wird in Ungarn und Polen verbraucht, und es besteht dort Nachfrage nach dem Zucker, der Schokolade und dem Tabak der neuen Welt. Diese Waren müssen aber entweder mit Produkten ungarischen und polnischen Fleißes oder mit andern, die mittelst solcher eingetauscht wurden, gekauft werden. Jene amerikanischen Waren sind neue Werte, neue Gegenwerte, die nach Ungarn und Polen kamen, um daselbst gegen die überschüssigen Produkte dieser Länder ausgetauscht zu werden. Indem sie dorthin kommen, schaffen sie einen neuen und ausgedehnteren Markt für diese überschüssigen Produkte, Sie erhöhen ihren Wert und befördern so ihre Vermehrung, Wenn sie auch nicht nach Amerika ausgeführt werden, so können sie doch in andere Länder kommen, die sie mit amerikanischen Produkten kaufen; und so können sie mittelst der Zirkulation des Handels, der ursprünglich durch die überschüssige Produktion Amerikas in Bewegung gesetzt war, einen Markt finden. <117>

Jene großen Ereignisse können sogar die Genüsse und den Gewerbfleiß solcher Länder vermehrt haben, die nicht nur niemals Waren nach Amerika sandten, sondern auch nie welche von dort erhielten. Selbst solche Länder können eine größere Menge Waren aus Ländern erhalten haben, deren überschüssige Produktion mittelst des amerikanischen Handels vermehrt worden war. Hat aber dieser größere Überfluß ihre Genüsse vermehrt, so muß er auch ihren Gewerbfleiß erhöht haben. Es muß ihnen eine größere Anzahl neuer Gegenwerte dieser oder jener Art zum Austausch gegen die überschüssigen Produkte ihres Fleißes dargeboten worden sein. Für diese überschüssigen Produkte war ein ausgedehnterer Markt geschaffen, sodaß ihr Wert erhöht und ihre Vermehrung befördert wurde. Die Masse von Waren, die jährlich in den großen Kreis des europäischen Handels geworfen und durch seine mannigfaltigen Bewegungen unter die verschiedenen von ihm umfaßten Nationen verteilt wurde, muß durch die gesamte Produktion Amerikas vermehrt worden sein. Es ist daher wahrscheinlich, daß auch allen solchen Nationen ein größerer Anteil an dieser vermehrton Masse zufiel, ihre Genüsse vermehrte und ihre Industrie erweiterte.

Der ausschließliche Handel der Mutterländer muß die ohne dies Monopol wahrscheinlich viel höhere Steigerung der Genüsse und des Gewerbfleißes aller Völker und insbesondere der ameiikanischcn Kolonien hemmen. Er hemmt die Tätigkeit einer der großen Triebfedern, die die meisten Geschäfte der Menschen in Bewegung setzen, wie ein totes Gewicht. Durch die Verteuerung der Kolonialprodukte in allen anderen Ländern verringert er deren Verbrauch und lähmt so einerseits den Gewerbfleiß der Kolonien, und andererseits die Genüsse und den Gewerbfleiß aller anderen Länder, die weniger genießen, wenn sie ihre Genüsse teurer bezahlen, und <118> weniger hervoibringen, wenn sie für ihre Produkte weniger erhalten. Durch Verteuerung der Produkte aller anderen Länder in den Kolonien schwächt er auf gleiche Weise den Gewerbfleiß aller anderen Länder, sowie die Genüsse und den Gewerbfleiß der Kolonien. Er ist eine Fessel, die um des vermeintlichen Vorteils einzelner Länder willen die Genüsse und den Gewerbfleiß aller anderen Länder, am meisten aber die der Kolonien, beengt. Er schließt nicht nur alle übrigen Länder möglichst von einem einzelnen Markte aus, sondern schränkt auch die Kolonien möglichst auf einen einzigen Markt ein; und es ist ein sehr großer Unterschied, ob man von einem einzelnen Markte ausgeschlossen ist, während alle anderen offen stehen, oder ob man auf einen einzelnen Markt beschränkt ist, während alle anderen geschlossen sind. Die überschüssige Produktion der Kolonien ist aber die ursprüngliche Quelle aller Vermehrung der Genüsse und des Gewerbfleißes, die Europa durch die Entdeckung und Kolonisation Amerikas erfahren hat; und der ausschheßliche Handel der Mutterländer verkümmert diese Quelle sehr bedeutend.

Die besonderen Vorteile, die jedes kolonisierende Land aus den ihm gehörigen Kolonien zieht, sind von zweierlei Art: es sind erstens die gewöhnlichen, die jeder Staat aus den seiner Herrschaft unterworfenen Provinzen zieht; zweitens aber jene besonderen Vorteile, die sich aus Provinzen von so eigentümlicher Natur, wie die europäischen Kolonien in Amerika sind, ergeben.

Die gewöhnlichen Vorteile, die jeder Staat aus den seiner Herrschaft unterworfenen Provinzen zieht, bestehen erstens in den Streitkräften, die sie ihm zur Verteidigung, und zweitens in den Einnahmen, die sie zum Unterhalt der Civilverwaltung liefern. Die römischen Kolonien lieferten gelegentlich das eine und das andere. Die griechischen Kolonien lieferten zuweilen <119> Truppen, aber selten Einkünfte, denn sie erkannten selten eine Oberherrschaft der Mutterstadt an. Sie waren gewöhnlich ihre Bundesgenossen im Kriege, aber höchst selten ihre Untertanen im Frieden.

Die europäischen Kolonien in Amerika haben noch niemals Streitkräfte zur Verteidigung des Mutterlandes geliefert . Ihre Streitkräfte reichten zu ihrem eignen Schutz nicht hin, und in den verschiedenen Kriegen, in die die Mutterländer verwickelt waren, haben diese gewöhnlich zum Schutz ihrer Kolonien ihre Streitkräfte stark verzetteln müssen. In dieser Beziehung waren also sämtliche europäische Kolonien ohne Ausnahme eher eine Ursache der Schwäche, als der Stärke ihrer Mutterländer.

Nur die Kolonien Spaniens und Portugals steuerten zur Verteidigung des Mutterlandes und zur Erhaltung der Civilregierung bei. Die Steuern, die in den Kolonien anderer europäischer Volker, namentlich der Engländer, erhoben wurden, betrugen selten soviel, wie die Kolonien in Friedenszeiten kosteten, und reichten niemals aus, um die Kosten in Kriegszeiten zu decken. Diese Kolonien waren also eine Quelle von Ausgaben und nicht von Einnahmen für ihre Mutterländer.

Die Vorteile dieser Kolonien für die Mutterländer bestehen lediglich in den besonderen Vorteilen, welche man aus Provinzen von so ganz eigentümlicher Natur, wie die europäischen Kolonien in Amerika sind, zu gewinnen glaubt. Der Monopolhandel ist aber anerkanntermaßen die einzige Quelle aller dieser besonderen Vorteile.

Infolge dieses Monopolhandols kann der Teil der überschüssigen Produktion dor englischen Kolonien, der z. B. in den sogenannten aufgezählten Waren besteht, nach keinem anderen Lande als nach England versendet werden, von dem sie die anderen Länder kaufen müssen. <120> Sie sind also notwendig in England wohlfeiler, als in jedem anderen Lande, und tragen zur Vermehrung der Genüsse in England mehr als in jedem anderen Lande bei. Ebenso fördern sie seinen Gewerbfleiß mehr. Für die eignen überschüssigen Produkte, womit England jene aufgezählten Waren kauft, muß es einen besseren Preis erhalten, als andere Länder für ähnliche Produkte, womit sie die nämlichen Waren kaufen. Die englischen Manufakturwaren werden z. B. eine größere Menge Zucker und Tabak von den Kolonien kaufen, als die gleichen Manufakturwaren anderer Länder. Insofern also die Manufakturwaren Englands und die anderer Länder gegen Zucker und Tabak aus den englischen Kolonien vertauscht werden, erteilt der höhere Preis der englischen Industrie einen Sporn, der den Industrien der letzteren unter diesen Umständen fehlt. Wie daher der Monopolhandel mit den Kolonien die Genüsse und den Gewerbfleiß der anderen Länder vermindert oder doch in der Entwicklung hemmt, so vorschafft er den Ländern, die ihn besitzen, einen offenbaren Vorteil über jene.

Doch ist dieser Vorteil wohl mehr relativ als absolut, und verleiht dem Lande, das ihn genießt, einen Vorzug violleicht mehr dadurch, daß er den Gewerbfleiß und die Produktion anderer Länder schädigt, als dadurch, daß er sie in dem eigenen Lande auf eine höhere Stufe brächte, als ohne diesen Vorzug erreichbar wäre.

Der Tabak Marylands und Virginiens z. B. kommt vermöge des Monopols England ohne Zweifel wohlfeiler zu stehen als Frankreich, an das gewöhnlich ein bedeutender Teil davon abgesetzt wird. Wäre aber Frankreich und allen anderen europäischen Nationen freier Handel nach Maryland und Virginien zugestanden gewesen, so würde der Tabak dieser Kolonien nicht nur in allen übrigen Ländern, sondern auch in England viel <121> wohlfeiler sein, als jetzt. Die Tabaksproduktion würde durch einen viel ausgedehnteren Markt wahrscheinlich derart gestiegen sein, daß die Gewinne einer Tabakpflanzung auf das Niveau derer des Getreidebaus, das sie jetzt noch etwas übersteigen sollen, gesunken wären. Der Preis des Tabaks würde dann wahrscheinlich etwas niedriger sein, als gegenwärtig. Eine gleiche Menge englischer oder ausländischer Waren würde in Maryland und Virginia eine größere Menge Tabak kaufen, und folglich besser verkauft werden. Sofern daher dies Kraut durch seine Wohlfeilheit und Menge die Genüsse und den Gewerbfleiß Englands oder irgend eines anderen Landes vermehren kann, würde diese Wirkung bei ganz freiem Handel wahrscheinlich in etwas größeren Maße eingetreten sein, als es jetzt der Fall ist. Freilich hätte England in diesem Falle keinen Vorteil über andere Länder gehabt. Es hätte den Tabak seiner Kolonien etwas wohlfeiler kaufen und folglich manche seiner eignen Waren etwas teurer verkaufen können als jetzt; aber es hätte weder den Tabak wohlfeiler kaufen, noch seine Waren teurer verkaufen können, als jedes andere Land. Es hätte vielleicht einen absoluten Vorteil gewonnen, aber sicher einen relativen verloren.

Um diesen relativen Vorteil im Kolonialhandel zu erhalten, um neidisch und gehässig andere Nationen von jederTeilnahme daran möglichst auszuschliessen, hat jedoch England sehr wahrscheinlich nicht nur einen Teil des absoluten Vorteils, den es gleich allen anderen Völkern daraus gezogen haben würde, geopfert, sondern auch sich einen absoluten sowie einen relativen Nachteil in fast allen anderen Handelszweigen zugezogen.

Als England sich durch die Navigationsakte das Monopol des Kolonialhandels zusprach, wurden die auswärtigen Kapitalien, die vorher in ihm angelegt waren, notwendig aus ihm herausgezogen. Die englischen <122> Kapitalien, die früher nur einen Teil davon bestritten, hatten nun das Ganze zu bestreiten. Die Kapitalien, die vorher die Kolonien nur mit einem Teil der dort begehrten europäischen Waren versorgten, hatten nun alle herbeizuschaffen: allein sie waren dazu nicht ausreichend, und die Waren, die sie liefern konnten, wurden deshalb notwendig sehr teuer. Die Kapitalien, womit vorher nur ein Teil der überschüssigen Produktion der Kolonien gekauft worden war, hatten nun den ganzen Einkauf allein zu bestreiten; das Ganze konnte aber damit nicht annähernd zu dem alten Preise gekauft werden und folglich wurde alles sehr wohlfeil gekauft. Bei einer Kapitalanlage aber, wobei der Kaufmann teuer verkauft und wohlfeil kauft, mußte der Gewinn sehr groß sein und das Gewinnniveau in anderen Handelszweigen weit übersteigen. Es konnte daher nicht fehlen, daß der höhere Gewinn im Kolonialhandel einen Teil der Kapitalien, die vorher in anderen Handelszweigen verwendet waren, diesen entfremdete. Wie aber dieser Wechsel der Kapitalanlage allmählich die Konkurrenz der Kapitalien im Kolonialhandel vermehrte, so mußte er auch allmählich diese Konkurrenz in allen anderen Handelszweigen vermindern; und wie er allmählich die Gewinne des einen verminderte, so vermehrte er nach und nach die der anderen, bis endlich die Gewinne aller ein neues Niveau erreichten, das etwas höher war, als das frühere.

Diese doppelte Wirkung, anderen Handelszweigen das Kapital zu entziehen und den Gewinnsatz in allen etwas über das natürliche Maaß zu steigern, wurde durch jenes Monopol nicht nur bei seiner ersten Einführung, sondern während seiner ganzen Dauer hervorgebracht.

Das Monopol entzog erstens allen anderen Handelszweigen fortwährend Kapital, um im Kolonialhandel angelegt zu werden.

Obwohl der Reichtum Großbritanniens seit der <123> Navigationsakte bedeutend zugenommen hat, ist er doch gewiß nicht in demselben Maße gestiegen, wie der der Kolonion. Der auswärtige Handel eines jeden Landes wächst aber natürlich imVerhältnis seines Reichtums, seine überschüssige Produktion im Verhältnis seiner Gesamtproduktion; und da Großbritannien fast den ganzen Außenhandel der Kolonien an sich gerissen, sein Kapital aber nicht im Verhältnis der Ausdehnung dieses Handels zugenommen hatte, so konnte es ihn nur dadurch betreiben, daß es fortwährend anderen Handelszweigen einen Teil des vorher in ihnen angelegten Kapitals entzog und einen noch größeren Teil, der sich sonst diesen Handelszweigen zugewendet haben würde, davon zurückhielt. Der Kolonialhandel ist daher seit der Navigationsakte fortwährend gestiegen, während viele andere Zweige des auswärtigen Handels, besonders der Handel nach europäischen Ländern fortwährend abnahmen. Anstatt daß unsere für den Absatz im Auslande bestimmten Manufaktur waren, wie vor der Navigationsakte, sich den nahen europäischen oder den entfernteren Märkten der Länder am mittelländischen Meere anpaßten, wurden sie nun größtenteils auf den noch entfernteren Markt der Kolonien zugeschnitten, da sie lieber auf den Markt gingen, wo sie ein Monopol genossen, als auf den, wo sie viele Konkurrenten hatten. Die Ursache des Verfalls anderer Zweige des auswärtigen Handels, die Matthias Decker und andere Schriftsteller in dem Übermaß und der falschen Art der Besteuerung, in dem hohen Preise der Arbeit, in der Zunahme dos Luxus usw. gesucht haben, können alle in der Überwucherung des Kolonialhandels gefunden werden. Das Handelskapital Großbritanniens ist zwar sehr groß, aber doch nicht unbegrenzt, und wenn es auch seit der Navigationsakte bedeutend zugenommen hat, so ist es doch nicht im Verhältnis des Kolonialhandels gewachsen, und mithin konnte dieser Handel <124> auch nur dadurch aufrecht erhalten werden, daß den übrigen Handelszweigen ein Teil des Kapitals entzogen, und ihnen folglich eine Abnahme bereitet wurde.

England war bereits ein großer Handelsstaat und sein Handelskapital war schon sehr beträchtlich und versprach täglich größer zu werden, ehe die Navigationsakte das Monopol des Kolonialhandels einführte, ja ehe dieser Handel einige Bedeutung erlangt hatte. In dem holländischen Kriege unter Cromwells Regierung war Großbritanniens Kriegsflotte der holländischen überlegen, und in dem Kriege, der zu Anfang der Regierung Karls II. ausbrach, war sie der vereinigten Flotte Frankreichs und Hollands mindestens gleich, wo nicht überlegen. Diese Überlegenheitdürfte jetzt kaum größer sein, wenigstens wenn die holländische Flotte zu Hollands Handel noch in demselben Verhältnis stände, wie damals. Aber diese große Seemacht konnte in keinem jener Kriege der Navigationsakte zugeschrieben werden. Während des ersteren Kriegs war diese Akte eben erst entworfen worden, und vor dem Ausbruche des zweiten hatte sie zwar schon Gesetzeskraft erlangt, aber noch in keinem Teile, am wenigsten in dem, der den ausschließlichen Handel mit den Kolonien begründete, Zeit gehabt eine sonderliche Wirkung zu üben. Die Kolonien und ihr Handel waren im Vergleich zu heute unbedeutend. Die Insel Jamaica war eine ungesunde, wenig bewohnte und noch weniger angebaute Wüste. New-York und New-Jersey waren im Besitz der Holländer, die Hälfte von St. Christoph im Besitz der Franzosen. Die Insel Antigua, die beiden Karolinas, Pennsylvanien, Georgien und Neu-Schottland waren noch nicht kolonisiert. Virginien, Maryland und Neu-England waren es; aber so blühende Kolonien sie auch waren, so gab es doch damals wohl weder in Europa noch in Amerika jemanden, der die raschen Fortschritte, die sie seitdem in Reich <125> tum, Bevölkerung und Kultur gemacht haben, vorhersah oder auch nur ahnte. Kurz, die Insel Barbados war die einzige britische Kolonie von einiger Bedeutung, deren damaliger Zustand mit dem jetzigen einen Vergleich aushielt. Der Kolonialhandel, von dem auch nach der Navigationsakte nur ein Teil auf England kam, -- die Akte wurde erst einige Jahre nach ihrer Einführung mit Strenge in Vollzug gesetzt -- konnte damals weder die Ursache von Englands großem Handel, noch von seiner auf diesen Handel gestützten starken Seemacht sein. Der Handel, auf den sich diese Seemacht stützte, war der mit Europa und mit den am mittelländischen Meere gelegenen Ländern. Allein der Anteil, den jetzt Großbritannien an diesem Handel hat, könnte eine so starke Seemacht nicht unterhalten. Wäre der wachsende Handel mit den Kolonien für alle Völker frei geblieben, so mußte der Anteil, der Großbritannien davon zugefallen wäre -- und dieser Anteil wäre vermutlich recht bedeutend gewesen -- ein Zuwachs zu jenem großen Handel sein, in dessen Besitz es schon vorher war. Infolge des Monopols hat der Kolonialhandel nicht sowohl eine Zunahme des von Großbritannien schon vorher betriebenen Handels, als eine völlige Veränderung in seiner Richtung hervorgebracht.

Dieses Monopol hat zweitens notwendig dazu beigetragen, den Gewinnsatz in allen Zweigen des britischen Handels höher zu erhalten, als er naturgemäß gewesen sein würde, wenn allen Nationen freier Handel mit den britischen Kolonien gestattet worden wäre.

Wie das Monopol des Kolonialhandels diesem notwendig mehr britisches Kapital zuführte, als sich ihm von selbst zugewendet haben würde, so führte es auch durch die Vertreibung aller fremden Kapitalien die Gesamtmenge des auf diesen Handel verwendeten Kapitals unter das Maß zurück, das es bei freiem Handel erreicht <126> haben würde. Durch die Verminderung des Wettbewerbs der Kapitalien in diesem Handelszweige steigerte es aber notwendig den Gewinnsatz in ihm, und durch Verminderung der Konkurrenz britischer Kapitalien in allen anderen Handelszweigen steigerte es in den letzteren den Satz der britischen Gewinne. Welches auch der Stand oder Umfang des britischen Handelskapitals seit der Navigationsakte in einzelnen Perioden gewesen sein mag, das Monopol des Kolonialhandels muß während der Dauer dieses Zustandes den gewöhnlichen Satz britischer Gewinne höher gesteigert haben, als er sonst in diesem wie in allen anderen Zweigen des britischen Handels gewesen sein würde. Wenn nun seit der Navigationsakte der gewöhnliche Satz britischer Gewinne bedeutend gesunken ist, wie es sicher der Fall, so hätte er noch weit mehr sinken müssen, wenn ihn nicht das durch diese Akte errichtete Monopol aufrecht erhalten hätte. Was aber in einem Lande den gewöhnlichen Gewinnsatz über das natürliche Niveau steigert, unterwirft dies Land notwendig einem absoluten und einem relativen Nachteil in jedem Handelszweige, in dem es kein Monopol hat. Einem absoluten Nachteil, weil seine Kaufleute sich in solchen Handelszweigen diesen größeren Gewinn nicht verschaffen können, ohne die vom Ausland eingeführten und die vom Inland ausgeführten Waren teurer als sonst zu verkaufen. Ihr eignes Land muß teurer kaufen und verkaufen, weniger kaufen und verkaufen, weniger verbrauchen und produzieren, als sonst geschehen würde. Es erleidet einen relativen Nachteil, weil andere Länder, die nicht demselben absoluten Nachteil unterliegen, ihm gegenüber in solchen Handelszweigen besser oder doch weniger schlecht gestellt sind, als es sonst der Fall sein würde. Diese Länder kommen in die Lage, vergleichsweise mehr zu verbrauchen und herzustellen. Ihre Überlegenheit <127> wird größer und ihre Inferiorität geringer, als sie sonst sein würde. Dadurch, daß das bezügliche Land den Preis seiner Produkte über das natürliche Niveau steigert, gibt es den Kaufleuten anderer Länder Gelegenheit, auf fremden Märkten wohlfeiler zu verkaufen, und es dadurch aus fast allen Handelszweigen, in denen es kein Monopol hat, zu verdrängen.

Unsere Kaufleute klagen oft die hohen Löhne der britischen Arbeit als Ursache an, weshalb ihre Fabrikate auf fremden Märkten unterboten würden; von den hohen Kapitalgewinnen schweigen sie. Sie klagen über den übermäßigen Gewinn anderer Leute, aber von ihrem eigenen sagen sie nichts. Und doch mögen die hohen Gewinne des britischen Kapitals in vielen Fällen eben soviel und in einigen noch mehr dazu beitragen, den Preis der britischen Fabrikate zu erhöhen, als der hohe Lohn der britischen Arbeit.

So kann man mit Recht sagen, daß Großbritanniens Kapital den meisten Handelszweigen, in denen es kein Monopol hatte, besonders dem Handel mit Europa und den Ländern am mittelländischen Meere, entzogen oder daraus verdrängt worden ist. Es wurde teilweise diesen Handelszweigen entzogen durch den Reiz des höheren Gewinnes im Kolonialhandel infolge der beständigen Erweiterung dieses Handels und der beständigen Unzulänglichkeit des heuer darin angelegten Kapitals zu seinem Betriebe im nächsten Jahr. Es wurde teilweise daraus verdrängt durch den Vorsprung, den der dadurch in Großbritannien veranlaßte hohe Gewinnsatz anderen Ländern in allen Handelszweigen verleiht, in denen Großbritannien kein Monopol hat.

Wie das Monopol des Kolonialhandels den übrigen Handelszweigen britische Kapitalien, die sich ihnen sonst zugewendet haben würden, entzogen hat, so hat es viele fremde Kapitalien, die in ihnen niemals Anlage gesucht

<128> hätten, wenn sie nicht aus dem Kolonialhandel verdrängt worden wären, ihnen zugetrieben. In jenen anderen Handelszweigen verminderte das Monopol die Konkurrenz britischer Kapitalien und steigerte dadurch den britischen Gewinnsatz über das Maß, das er sonst erreicht hätte. Dagegen vermehrte es die Konkurrenz ausländischer Kapitalien, und ermäßigte so den Satz des ausländischen Gewinnes unter den Punkt, auf dem er sonst gestanden haben würde. Auf die eine wie auf die andere Art muß Großbritannien in all' diesen anderen Handelszweigen einen relativen Nachteil erlitten haben.

Man wird vielleicht sagen, der Kolonialhandel sei für Großbritannien vorteilhafter als jeder andere, und das Monopol habe durch Überleitung eines größeren Teils der britischen Kapitalien in diesen Handel, als sich ihm sonst zugewendet haben würde, dies Kapital in die für das Land vorteilhafteste Anlage gelenkt.

Die für ein Land vorteilhafteste Anlage seines Kapitals ist die, die die größte Menge produktiver Arbeit unterhält und den Jahresertrag seines Bodens und seiner Arbeit am meisten vermehrt. Nun steht, wie im zweiten Buche gezeigt wurde, die Menge schöpferischer Arbeit, die ein im Außenhandel angelegtes Kapital unterhalten kann, in genauem Verhältnis zu der Häufigkeit seiner Rückkehr. Ein im Außenhandel angelegtes Kapital von £ 1000 z. B., dessen Rückkehr jährlich einmal erfolgt, kann in dem Lande, dem es angehört, soviel produktive Arbeit in beständiger Beschäftigung erhalten, wie £ 1000 eben jährlich unterhalten können. Kehrt es zwei- oder dreimal jährlich zurück, so kann es soviel produktive Arbeit in beständiger Beschäftigung erhalten, wie zwei oder dreitausend Pfund unterhalten können. Der Handel mit einem Nachbarlande ist deswegen in der Regel vorteilhafter, als der mit einem entfernten Lande; und aus demselben Grunde <129> ist auch, wie gleichfalls im zweiten Buche gezeigt wurde, ein direkter auswärtiger Handel in der Regel vorteilhafter als ein Handel mit Umwegen.

Soweit aber das Monopol des Kolonialhandels die Anlage britischen Kapitals beeinflußt hat, hat es in allen Fällen einen Teil von ihm aus dem Handel mit einem Nachbarlande in einen Handel mit einem entfernten, und in vielen Fällen aus einem direkten Außenhandel in einen indirekten gelenkt.

Erstlich hat das Monopol des Kolonialhandels in allen Fällen einen Teil des britischen Kapitals aus einem Handel mit einem Nachbarlande in einen Handel mit einem entfernteren gelenkt, und zwar aus dem Handel mit Europa und den am mittelländischen Meere gelegenen Ländern in einen Handel mit den entfernteren Gegenden Amerikas und Westindiens, deren Zahlungen nicht nur wegen der größeren Entfernung, sondern auch wegen der eigentümlichen Verhältnisse dieser Länder notwendig weniger häufig sind. Neue Kolonien sind, wie schon bemerkt, immer kapitalarm. Sie haben weniger Kapital, als sie zur Kultur und Verbesserung des Bodens mit großem Gewinn und Vorteil verwenden könnten. Sie haben beständigen Bedarf nach mehr Kapital, als sie selbst besitzen, und suchen, um diesem Mangel abzuhelfen, soviel wie möglich vom Mutterlande zu borgen, dem sie deshalb stets verschuldet sind. Die gewöhnlichste Methode, solche Schulden einzugehen, besteht nicht darin, von den reichen Leuten des Mutterlandes auf Schuldverschreibungen zu leihen (obwohl auch dies zuweilen geschieht), sondern darin, bei den Lieferanten europäischer Waren solange im Rückstande zu bleiben, wie es diese irgend gestatten. Die jährlichen Zahlungen betragen oft nicht mehr als ein Drittel und oft nicht einmal ein Drittel der Schuldsumme. Das Gesamtkapital, das die Lieferanten den Kolonisten vor <130> schiessen, kommt daher selten früher als nach drei, manchmal aber erst nach vier oder fünf Jahren nach England zurück. Nun kann ein britisches Kapital z. B. von £ 1000, das in fünf Jahren nur einmal nach Großbritannien zurückkommt, auch nur ein Fünftel des britischen Fleißes in beständiger Beschäftigung erhalten, den es unterhalten könnte, wenn das ganze Kapital jährlich zurückkäme, und anstatt der Arbeitsmenge, die £ 1000 in einem Jahre unterhalten könnten, kann es nur soviel in beständiger Beschäftigung erhalten, wie £ 200 jährlich zu unterhalten vermögen. Der Pflanzer ersetzt zwar durch den hohen Preis, welchen er für die europäischen Waren zahlt, durch die Zinsen der auf lange Sicht ausgestellten und durch die Provision für Verlängerung der Wechsel den Verlust, den sein Korrespondent durch diesen Verzug leidet, vielleicht überreichlich. Aber wenn er auch den Verlust seines Korrespondenten ersetzt, so kann er doch den Verlust Großbritanniens nicht ersetzen. Bei einem Geschäft, bei dem die Zahlungen spät erfolgen, kann der Gewinn des Kaufmanns ebenso groß und noch größer sein, als bei einem Geschäft, wo sie öfter und früher eingehen ; aber der Vorteil des Landes, in dem er wohnt, die Menge der daselbst unterhaltenen produktiven Arbeit, der Jahresertrag der Arbeit und des Bodens, müssen stets weit geringer sein. Daß aber die Rimessen von Amerika und noch mehr von Westindien im Allgemeinen nicht nur später, sondern auch unregelmäßiger und unsicherer eingehen, als von den europäischen und selbst von den am mittelländischen Meere gelegenen Ländern -- dies wird, glaube ich, jeder zugeben, der in diesen verschiedenen Handelszweigen einige Erfahrung hat.

Zweitens hat das Monopol des Kolonialhandels in vielen Fällen einen Teil des britischen Kapitals aus einem direkten Außenhandel in einen indirekten gelenkt. <131> Unter den aufgezählten Waren, die nur auf den britischen Markt kommen dürfen, sind einige, deren Menge bei weitem den Verbrauch Großbritanniens übersteigt, und von denen deshalb ein Teil nach anderen Ländern ausgeführt werden muß. Dies kann nur dadurch geschehen, daß ein Teil des britischen Kapitals in einen indirekten Außenhandel gedrängt wird. Maryland und Virginien z. B. senden jährlich mehr als 96,000 Oxhoft Tabak nach Großbritannien, während der Verbrauch des letzteren nicht mehr als 14,000 betragen soll. Mithin müssen mehr als 82,000 Oxhoft nach anderen Ländern, Frankreich, Holland und den Ländern an der Ostsee und am mittelländischen Meere, wieder ausgeführt werden. Der Teil des britischen Kapitals aber, der jene 82,000 Oxhoft nach Großbritannien bringt, sie von da nach jenen anderen Ländern ausführt, und von den letzteren Waren oder Geld zurückbringt, ist in einem indirekten Außenhandel angelegt und in diesen gedrängt worden, damit jener große Überschuß abgesetzt werde. Um zu berechnen, in wieviel Jahren das Gesamtkapital nach Großbritannien zurückkehrt, müssen wir zu den Fristen der amerikanischen Rimessen noch die der Rimessen aus jenen anderen Ländern hinzurechnen. Kommt bei dem direkten Außenhandel mit Amerika das Gesamtkapital oft erst nach drei oder vier Jahren zurück, so wird das in diesem indirekten Handel angelegte Kapital kaum früher als nach vier oder fünf Jahren zurückkommen. Kann das eine nur ein Drittel oder ein Viertel des inländischen Gewerbfleißes, der mit einem jährlich zurückkehrenden Kapital unterhalten werden könnte, fortdauernd beschäftigen, so kann das andere nur einViertel oder ein Fünftel des Gewerbfleißes in Beschäftigung erhalten. In einigen Häfen wird den ausländischen Firmen, die Tabak beziehen, gewöhnlich Kredit gegeben ; in London dagegen wird er gewühnlich gegen bares Geld verkauft, <132> und hier erfolgen mithin die letzten Zahlungen nur um soviel später als die amerikanischen Rimessen, wie die Ware unverkauft in den Lagerhäusern bleibt, was freilich manchmal lange genug geschehen mag. Wären die Kolonien im Verkauf ihres Tabaks nicht auf den britischen Markt beschränkt, so käme wahrscheinlich nicht viel mehr davon zu uns, als wir zu unserem eigenen Verbrauche nötig haben. Die Waren, die Grroßbritannien jetzt für seinen Gebrauch mittelst des Überschusses von Tabak kauft, den es nach anderen Ländern ausführt, würde es dann wahrscheinlich mit den unmittelbaren Produkten seiner eignen Industrie kaufen. Diese Produkte, die jetzt fast nur einem einzigen Markt angepaßt sind, würden wahrscheinlich vielen kleineren Märkten angepaßt werden. Anstatt eines großen Außenhandels auf Umwegen würde Großbritannien eine größere Menge kleiner direkter Handelsgeschäfte machen. Wegen der häufigeren Zahlungen würde ein vermutlich geringer Teil, vielleicht der dritte oder vierte Teil des Kapitals, womit jetzt dieser große indirekte Handel getrieben wird, hinreichen, alle die kleinen direkten Geschäfte zu machen, eine gleiche Menge britischen Fleißes beschäftigen, und den Jahresertrag des Bodens und der Arbeit Großbritanniens ebenso vermehren. Da alle Zwecke dieses Handels mit einem viel kleineren Kapital erreicht würden, so blieben bedeutende Kapitalien für andere Zwekke übrig: für Bodenkultur, Erweiterung der Industrie und Ausdehnung des britischen Handels, so daß sie durch Wettbewerb mit den anderen ähnlich angelegten britischen Kapitalien den Gewinnsatz in allen Anlagen hätten vermindern und dadurch Großbritannien in allen eine größere Überlegenheit hätten verschaffen können. Das Monopol des Kolonialhandels hat ferner einen Teil des britischen Kapitals aus dem auswärtigen Verbrauchshandel, in den Zwischenhandel, und mithin <133> aus Anlagen zur Hebung des britischen Gewerbfleißes in Anlagen zur Hebung des Gewerbfleißes der Kolonien und einiger anderen Länder gedrängt. Die Waren z. B., die mit den 82,000 Oxhoft jährlich aus Großbritannien wieder ausgeführten Tabaks gekauft werden, werden nicht alle in Großbritannien verbraucht. Ein Teil von ihnen, z. B. deutsche und holländische Leinwand, geht nach den Kolonien zu deren Verbrauche. Es wird also der Teil des britischen Kapitals, der den Tabak kauft, mit dem nachher die Leinwand gekauft wird, notwendig dem britischen Gewerbfleiß entzogen und lediglich zur Unterstützung des Gewerbfleißes teils der Kolonien teils der Länder, die den Tabak mit ihren Produkten bezahlen, verwendet.

Das Monopol des Kolonialhandels scheint außerdem dadurch, daß es weit mehr britisches Kapital in diesen Handel gezogen hat, als ihm von selbst zugeflossen sein würde, das natürliche Gleichgewicht, welches sich sonst unter den verschiedenen Zweigen des britischen Gewerbfleißes hergestellt haben würde, gänzlich gestört zu haben. Statt sich auf zahlreiche kleine Märkte einzurichten, ist die britische Industrie nun vorzüglich auf einen einzigen großen Markt eingerichtet. Statt zahlreiche kleine Kanäle zu speisen, ist Großbritanniens Handel vorzüglich in einen einzigen großen Kanal geleitet worden. Das ganze System seiner Industrie und seines Handels ist dadurch unsicherer, der ganze Zustand des Staatskörpers ungesunder geworden , als es sonst der Fall gewesen wäre. In seiner jetzigen Lage gleicht Großbritannien einem kranken Körper, in dem einige Lebensorgane übermäßig angeschwollen sind, und der deshalb vielen gefährlichen Krankheiten unterworfen ist, die in harmonischer gestalteten Körpern kaum vorkommen. Eine kleine Stokkung in dem großen Blutgefäße, das künstlich über seine natürliche Ausdehnung ange <134> schwellt ist, und in dem ein unnatürlich großer Teil der Industrie und des Handels des Landes umzulaufen genötigt wurde, kann leicht dem ganzen Staatskörper die gefährlichsten Krankheiten zuziehen. Die Erwartung eines Bruches mit den Kolonien hat daher dem britischen Volke einen größeren Schrecken eingejagt, als einst die spanische Armada oder die Gefahr einer französischen Landung. Dieser Schrecken, gegründet oder nicht, war es, der die Abschaffung des Stempelgesetzes wenigstens unter den Kaufleuten zu einer populären Maßregel machte. In der Ausschliessung vom Kolonialmarkte auch nur für wenige Jahre glaubten imsere meisten Kaufleute eine völlige Stockung ihres Handels, unsere meisten Fabrikanten den gänzlichen Untergang ihres Geschäfts, und unsere meisten Arbeiter das Ende ihrer Beschäftigung erblicken zu müssen. Einem Bruche mit einem unserer Nachbarn auf dem Festlande sieht man, obgleich auch er wahrscheinlich eine Stockung oder Unterbrechung in den Geschäften aller dieser Leute hervorbringen würde, dennoch mit keiner so allgemeinen Aufregung entgegen. Das Blut, dessen Umlauf in einem der kleineren Gefäße gehemmt wird, ergießt sich leicht in ein größeres, ohne eine gefährliche Krankheit zu verursachen; stockt es aber in einem größeren Gefäße, so sind Krämpfe, Lähmungen oder der Tod die unmittelbare und unvermeidliche Folge. Wenn auch nur eine der Industrien, die durch Prämien oder Monopole auf dem inneren und dem Kolonialmarkte künstlich zu einer unnatürlichen Höhe entwickelt wurden, die geringste Stockung oder Unterbrechting in ihrem Betriebe erfährt, so veranlaßt dies oft Tumulte und Unordnungen, die die Regierung in Verlegenheit setzen und selbst die Beratungen der gesetzgebenden Körperschaften beunruhigen. Wie groß würde also erst, dachte man, die Unordnung und Verwirrung sein, die aus einer plötz <135> lichen und gänzlichen Stockung im Betriebe einer so großen Menge unserer hauptsächlichsten Industrien entstehen müßte ?

Die Gesetze, die Großbritannien den ausschließlichen Handel mit den Kolonien sichern, maßvoll und allmälig zu mildern, bis er ganz frei gegeben werden kann, scheint das einzige Mittel zu sein, das Großbritannien für alle Zeit von jener Gefahr befreien und es in die Lage bringen oder selbst zwingen kann, einen Teil seines Kapitals aus übermäßig angeschwellten Anlagen herauszuziehen und, wenn auch mit geringerem Gewinne, anderen Anlagen zuzuwenden : und das durch allmähliche Verminderung eines Zweigs seiner Geschäfte und schrittweise Vermehrung aller übrigen nach und nach alle verschiedenen Zweige auf das natürliche, gesunde und richtige Maß zurückführen kann, welches durch vollkommene Freiheit notwendig hergestellt wird und durch sie allein erhalten werden kann. Den Kolonialhandel auf einmal allen Nationen zu öffnen, dürfte nicht bloß einen vorübergehenden Nachteil verursachen, sondern auch den meisten Leuten, deren Arbeit oder Kapital gegenwärtig darin Verwendung findet, einen großen bleibenden Verlust zuziehen. Schon allein die plötzliche Untätigkeit der Schiffe, welche die Großbritanniens Verbrauch übersteigenden 82000 Oxhoft Tabak einführen, würde sehr empfindlich sein. Das sind die unglücklichen Wirkungen aller Maßregeln des Merkantilsystems! Sie bringen in dem Zustande des Staatskörpers nicht nur gefährliche Leiden hervor, sondern auch Leiden, die oft schwer zu heilen sind, ohne wenigstens vorübergehend noch größere Leiden zu veranlassen. Auf welche Weise nun der Kolonialhandel nach und nach freizugeben, welche Beschränkungen zuerst und welche zuletzt aufzuheben, oder wie das natürliche System einer vollkommenen Freiheit und Gerechtigkeit nach und nach <136> herzustellen ist, müssen wir der Weisheit künftiger Staatsmänner und Gesetzgeber zu bestimmen überlassen. Glücklicherweise sind verschiedene unvorhergesehene und unerwartete Begebenheiten zusammengetroffen, um Großbritannien die gänzliche nun schon über ein Jahr (von dem ersten Dezember 1774 an) dauernde Ausschließung von einem höchst wichtigen Zweige des Kolonialhandels, dem mit den zwölf vereinigten Provinzen Nordamerikas, nicht so fühlbar zu machen, wie allgemein erwartet wurde. Erstens hatten die Kolonien sich auf den Beschluß, keine britischen Waren mehr einzuführen, dadurch vorbereitet, daß sie ihren Bedarf vorher in Großbritannien aufkauften: zweitens hatte in diesem Jahre die außerordentliche Nachfrage der spanischen Flotte Deutschland und den Norden vieler Waren, namentlich Leinen, die mit den britischen Waren selbst auf dem britischen Markte zu konkurrieren pflegten, entledigt; drittens hatte der Friede zwischen Russland und der Türkei eine ungewöhnliche Nachfrage von Seiten des türkischen Marktes veranlaßt, der während der Kriegsnöte und solange eine russische Flotte im Archipel kreuzte, nur sehr ärmlich versorgt worden war; viertens hatte die Nachfrage des europäischen Nordens nach britischen Manufakturwaren schon seit einiger Zeit von Jahr zu Jahr zugenommen, fünftens endlich hatte die jüngste Teilung und Beruhigung Polens durch Öffnung des großen polnischen Marktes in diesem Jahre zu dem wachsenden Begehr des Nordens noch eine ungewöhnliche Nachfrage aus Polen hinzugefügt. Alle diese Ereignisse sind indessen, mit Ausnahme des vierten, vorübergehend und zufällig, und wenn die Ausschliessung von einem so wichtigen Zweige des Kolonialhandels unglücklicherweise noch länger dauern sollte, so kann noch manches Unheil daraus entstehen. Da die Übel jedoch nach und nach eintreten werden, wird man sie viel <137> weniger hart fühlen, als wenn sie mit einem Male gekommen wären, und der Gewerbfleiß und das Kapital des Landes werden inzwischen neue Beschäftigung und neue Wege finden, sodaß sehr bedeutende Übelstände nicht eintreten werden.

Insofern also das Monopol des Kolonialhandels einen größeren Teil des britischen Kapitals dieser Anlage zugewendet hat, als ihr sonst zugeflossen wäre, hat es ihn in allen Fällen aus einem Außenhandel mit einem Nachbarlande in einen Handel mit einem entfernteren, in vielen Fällen aus einem direkten Außenhandel in einen indirekten, in einigen Fällen aus einem auswärtigen Verbrauchshandel in einen Zwischenhandel gedrängt; das Kapital also in allen Fällen aus einer Richtung, in welcher es mehr produktive Arbeit unterhalten haben würde, in eine andere gelenkt, in der es weniger unterhalten kann. Indem ferner ein so großer Teil britischen Handels und Gewerbfleißes sich bloß auf einen emzigen Markt einrichtete, wurde deren ganze Lage gefährdeter und unsicherer, als wenn ihre Produkte sich zahlreichen Märkten angepaßt hätten.

Zwischen den Wirkungen des Kolonialhandels und denen des Monopols in diesem Handel ist sorgfältig zu unterscheiden. Die ersteren müssen allezeit wohltätig, die letzteren allezeit schädlich sein. Die ersteren sind so wohltätig, daß der Kolonialhandel, selbst einem Monopol unterworfen, und trotz der schädlichen Wirkungen dieses Monopols, im Ganzen noch immer außerordentlich wohltätig ist; aber ohne des Monopol würde er noch viel wohltätiger sein.

Die Wirkung des Kolonialhandels in seinem natürlichen und freien Zustande besteht darin, daß er für die Produkte britischen Gewerbfleißes, die den Begehr der näher gelegenen Märkte Kuropas und der Länder am mittelländischen Meer übersteigen, einen großen, <138> obwohl entfernten Markt öffnet. In seinem natürlichen und freien Znstande fördert der Kolonialhandel, ohne jenen Märkten einen Teil der bisher dahin gesandten Produkte zu entziehen, Großbritanniens überschießende Produktion, indem er stets neue Gegenwerte zum Austausch darbietet. In seinem natürlichen und freien Zustande steigert der Kolonialhandel die Menge produktiver Arbeit in Großbritannien, ohne gleichwohl deren frühere Richtung irgend wie zu verändern. Im natürlichen und freien Zustande des Kolonialhandels würde der Wettbewerb aller übrigen Völker den Gewinnsatz hindern, auf dem neuen Markte oder in der neuen Anlage das gewöhnliche Niveau zu übersteigen. Der neue Markt würde, ohne dem alten etwas zu entziehen, so zu sagen eine neue Produktion für seinen Bedarf hervorrufen, und diese neue Produktion würde ein neues Kapital zum Betriebe der neuen Anlage bilden, welche gleichfalls keiner alten Anlage etwas entziehen würde.

Das Monopol des Kolonialhandels entzieht dagegen durch Ausschliessung der Konkurrenz anderer Nationen und durch die daraus hervorgehende Steigerung des Gewinnsatzes auf dem neuen Markt und in der neuen Anlage dem alten Markt Produkte und den alten Anlagen Kapitalien. Es ist der zugestandene Zweck des Monopols, uns einen größeren Anteil an dem Kolonialhandel zu verschaffen, als wir sonst haben würden. Wenn unser Anteil an diesem Handel nicht größer wäre mit dem Monopol als ohne es, so wäre kein Grund vorhanden, ein Monopol zu errichten. Alles aber, was in einen Geschäftszweig, dessen Rimessen langsamer und später eingehen, als die der meisten übrigen, mehr Kapitalien eines Landes drängt, als sich von selbst diesem Zweige zugewendet haben würden, muß notwendig die Gesamtmenge der im Lande jährlich unterhaltenen produktiven Arbeit, den gesamten Jahreser <139> trag des Bodens und der Arbeit des Landes unter dein Punkt erhalten, den er ohnedies erreichen würde. Das Einkommen der Landesbewohner wird geschmälert, und dadurch ihre Fähigkeit vermindert, Vormögen anzuhäufen. Ihr Kapital wird nicht nur stets verhindert, soviel produktive Arbeit zu unterhalten, als es sonst unterhalten könnte, sondern auch so schnell zuzunehmen, als es sonst zunehmen würde, und folglich gehindert, noch mehr produktive Arbeit zu unterhalten.

Die natürlichen guten Wirkungen des Kolonialhandels überwiegen jedoch in Großbritannien die schlimmen Folgen des Monopols sosehr, daß dieser Handel, trotz Monopol und allem, immerhin sehr große Vorteile bringt. Der neue Markt und die neue Kapitalanlage, die durch den Kolonialhandel eröffnet werden, sind weit umfangreicher, als der durch das Monopol verloren gegangene Teil des alten Marktes und der alten Anlagen. Die neue Produktion und das neue Kapital, die durch den Kolonialhandel so zusagen geschaffen wurden, unterhalten in Großbritannien eine größere Menge produktiver Arbeit, als durch die Verdrängung des Kapitals aus anderen Geschäftszweigen, bei denen es schneller wieder zurückkehrte, außer Beschäftigung gekommen sein kann. Wenn aber der Kolonialhandel selbst bei seinem gegenwärtigen Betrieb für Großbritannien vorteilhaft ist, so ist er es nicht durch das Monopol, sondern trotz des Monopols.

Nicht sowohl für die Rohprodukte, als für die Fabrikate Europas eröffnet der Kolonialhandel einen neuen Markt. Der Ackerbau ist das eigentliche Geschäft aller neuen Kolonien, ein Geschäft, das die Billigkeit des Bodens vorteilhafter macht, als jedes andere. Sie haben daher an Rohprodukten des Bodens Überfluß und können gewöhnlich, anstatt sie aus anderen Ländern einzuführen, einen großen Überschuß davon ausführen. <140> In neuen Kolonien entzieht entweder der Ackerbau allen anderen Gewerben die Arbeiter, oder hält sie ab, sich einem anderen Geschäft zu widmen. Es sind wenig Hände für die notwendigen, und keine für die Luxusgewerbe vorhanden. Die meisten Gewerbserzeugnisse lassen sich aus anderen Ländern wohlfeiler beziehen, als man sie selbst machen kann. Es ist hauptsächlich die Förderung der europäischen Industrien, wodurch der Kolonialhandel mittelbar auch die europäische Landwirtschaft fördert. Die europäischen Industriearbeiter, denen der Kolonialhandel Beschäftigung gibt (The manufactures of Europe, to whom that trade gives employment), bilden für die Produkte des Bodens einen neuen Markt, und so wird der vorteilhafteste aller Märkte, der heimische Getreide- und Vieh-, Brot- und Fleischmarkt, durch den Handel nach Amerika bedeutend erweitert.

Daß aber das Monopol des Handels mit volkreichen und blühenden Kolonien nicht allein hinreichend ist, Industrien in einem Lande zu begründen oder nur zu erhalten, beweisen die Beispiele Spaniens und Portugals hinlänglich. Beide waren Industrieländer, ehe sie bedeutende Kolonien hatten. Seitdem sie die reichsten und fruchtbarsten Kolonien der Welt besitzen, sind sie keine Industrieländer mehr.

In Spanien und Portugal haben die schlimmen Folgen des Monopols, durch andere Ursachen verschärft, die natürlichen guten Wirkungen des Kolonialhandels überwogen. Diese Ursachen scheinen zu sein: andere Monopole verschiedener Art, die Entwertung des Goldes und Silbers unter das Niveau, auf dem sie in den meisten anderenLändern stehen, die Ausschliessung von fremden Märkten durch falsche Zölle auf die Ausfuhr, und die Beengung des inneren Marktes durch noch falschere Zölle auf den Warentransport aus einem Landesteil in den anderen, vor allem aber jene unregelmäßige und parteiische Rechtspflege, die oft den reichen und mäch <141> tigen Schuldner gegen die Verfolgung seines betrogenen Gläubigers in Schutz nimmt und den gewerbsamen Teil der Nation abschreckt, Waren für den Gebrauch dieser hochmütigen großen Herren zu verfertigen, denen sie den Verkauf auf Kredit nicht abschlagen dürfen, und bei denen sie nicht mit Sicherheit auf Bezahlung rechnen können.

In England haben im Gegenteil die natürlichen guten Wirkungen des Kolonialhandels, von anderen Ursachen unterstützt, die schlimmen Folgen des Monopols großenteils überwunden. Diese Ursachen scheinen zu sein: die allgemeine Handelsfreiheit, die ungeachtet gewisser Einschränkungen hier wenigstens ebenso groß, wo nicht größer ist, als in irgend einem anderen Lande; die zollfreie Ausfuhr fast aller Erzeugnisse des inländischen Gewerbfleißes nach beinahe allen fremden Ländern, und was vielleicht noch wichtiger ist, die unbeschränkte Freiheit, Waren aus einem Landesteil in den anderen zu schaffen, ohne irgend einer Staatsbehörde Rechenschaft geben zu müssen, oder irgend Anfragen und Durchsuchungen unterworfen zu sein; vor allem aber jene gleichmäßige und unparteiische Rechtspflege, welche die Rechte des geringsten britischen Untertanen seitens des Vornehmsten geachtet macht, jedem die Früchte seines Fleißes sichert, und dadurch allen Arten von Gewerbfleiß die größte und wirksamste Aufmunterung zu teil werden läßt.

Wenn aber die Industrie Großbritanniens durch den Kolonialhandel gefördert wurde, so ist dies nicht durch das Monopol, sondern trotz des Monopols geschehen. Das Monopol hatte nicht die Wirkung, die Menge eines Teils der britischen Industrieerzeugnisse zu vermehren, sondern ihre Qualität und Form zu verändern, und sie einem Markte anzupassen, von welchem die Zahlungen langsam und spät eingehen, während sie sonst für einen <142> Markt eingerichtet worden wären, von welchem die Zahlungen häufiger und in kürzeren Zeiträumen einliefen. Seine Wirkung war also die, einen Teil des britischen Kapitals einer Anlage zu entziehen, in der es eine größere Menge von Industrie unterhalten haben würde, um es einer andern zuzuwenden, in der es viel weniger Industrie unterhält, und auf diese Weise die ganze Menge der in Großbritannien unterhaltenen Industrie zu vermindern, anstatt zu vermehren.

Das Monopol des Kolonialhandels benachteiligt daher gleich allen anderen kleinlichen und mißgünstigen Mitteln des Merkantilsystems den Gewerbfleiß aller übrigen Länder, besonders aber der Kolonien, ohne den des Landes, zu dessen Gunsten es errichtet worden, im mindesten zu vermehren, indem es ihn vielmehr vermindert.

Das Monopol hindert das Kapital dieses Landes, wie groß es eben sei, soviel produktive Arbeit zu unterhalten als es sonst tun würde, und den gewerbfleißigen Bewohnern soviel Einkommen zu verschaffen, als es sonst gewähren würde. Da aber Kapital bloß durch Ersparnisse vom Einkommen wachsen kann, so verhindert das Monopol durch Schmälerung des sonst zu erzielenden Einkommens das Kapital, ebenso schnell zu wachsen, als es sonst gewachsen wäre, und folglich eine noch größere Menge produktiver Arbeit zu unterhalten und den gewerbfleißigen Bewohnern des Landes ein noch größeres Einkoramen zu verschaffen. Eine der Hauptquellen des Einkommens, den Arbeitslohn, muß daher das Monopol unvermeidlich stets minder ergiebig gemacht haben, als sie sonst sein würde.

Durch Steigerung der Handelsgewinne benachteiligt das Monopol die Bodenkultur. Der Gewinn der Bodenkultur hängt von dem Unterschiede zwischen dem gegenwärtigen Ertrag und dem, den das Land durch An <143> wendung eines gewissen Kapitals erzielen kann, ab. Gewährt dieser Unterschied einen größeren Gewinn, als der aus einem gleichen in Handelsgeschäften angelegten Kapital gezogen werden kann, so entzieht die Bodenkultur den Handelsgeschäften Kapitalien. Im umgekehrten Falle entziehen die Handelsgeschäfte der Landwirtschaft Kapitalien. Was also die Handelsgewinne erhöht, vermindert die Überlegenheit oder vermehrt, die Inferiorität der landwirtschaftlichen Gewinne; es hindert in dem einen Falle die Kapitalien, in der Landwirtschaft Anlage zu suchen, und entzieht sie ihr im anderen. Durch diese Benachteiligung der Landwirtschaft verzögert aber das Monopol die natürliche Zunahme einer anderen Hauptquelle des Einkommens, der Grundrente. Durch Steigerung des Gewinnsatzes hält das Monopol ferner den üblichen Zinsfuß höher, als er sonst sein würde. Nun fällt aber der Preis des Grund und Bodens im Verhältnis zu der Rente, die er gewährt, notwendig in dem Maße, wie der Zinsfuß steigt, und steigt, wie der Zinsfuß fällt. Das Monopol schädigt also die Interessen des Grundeigentümers auf doppelte Art; durch Verzögerung der natürlichen Zunahme erstlich seiner Ernte, und zweitens des Preises der Grundstücke, der sich stets nach der Rente richtet.

Das Monopol erhöht allerdings die Handelsgewinne und vermehrt dadurch ein wenig den Verdienst unsrer Kaufleute. Da es aber die natürliche Zunahme des Kapitals hemmt, so führt es eher zur Verminderung als zur Vermehrung der Totalsumme des Einkommens, das die Landesbewohner von den Kapitalgewinnen ziehen; denn in der Regel gewährt ein kleiner Gewinn von einem großen Kapital ein größeres Einkommen, als ein großer Gewinn von einem kleinen. Das Monopol erhöht den Gewinnsatz, hindert aber die Summe der Gewinne so hoch zu steigen, wie sie sonst steigen würde. <144>

Alle ursprünglichen Quellen des Einkommens, der Arbeitslohn, die Grundrente und der Kapitalgewinu, verlieren durch das Monopol an Ergiebigkeit. Um das kleine Interesse einer nicht zahlreichen Klasse von Leuten in einem Lande zu befördern, schädigt es die Interessen aller übrigen Klassen in diesem Lande und der Gesamtheit in allen übrigen Ländern.

Nur durch Erhöhung des gewöhnlichen Gewinnsatzes konnte das Monopol einer Klasse von Leuten Vorteil bringen. Außer allen schon erwähnten schlimmen Folgen für ein Land im Allgemeinen, die ein hoher Gewinnsatz unvermeidlich mit sich bringen muß, zieht er jedoch noch eine vielleicht weit verhängnisvollere als alle diese zusammen nach sich, die aber erfahrungsmäßig unzertrennlich damit verbunden ist. Der hohe Gewinnsatz scheint nämlich überall die Sparsamkeit zu vernichten, die unter anderen Umständen dem Charakter des Kaufmanns natürlich ist. Sind die Gewinne hoch, so erscheint diese nüchterne Tugend überflüssig, und kostspieliger Luxus seiner Lage angemessener. Allein die Besitzer großer Handelskapitalien sind notwendig die Leiter und Führer des ganzen Gewerbfleißes einer Nation, und ihr Beispiel hat auf die Gewohnheiten aller Gewerbfleißigen einen größeren Einfluß, als das Beispiel jeder anderen Klasse von Leuten. Ist der Arbeitgeber besorglich und sparsam, so ist es gewöhnlich der Arbeiter auch ; ist aber der Herr liederlich, so wird der Diener, der seine Arbeit nach der Schablone des Herrn verrichtet, auch seine Lebensweise nach dem von ihm gegebenen Beispiel einrichten. So wird die Kapitalansammlung in den Händen aller derer, die von Natur am meisten zum Sparen geneigt sind, verhindert, und die zum Unterhalt produktiver Arbeit bestimmten Fonds erhalten keinen Zuwachs aus dem Einkommen derer, die sie von rechtswegen am meisten vermehren sollten. Das Landeskapi <145> tal schwindet allmählig, anstatt zuzunehmen, und die Menge der im Lande unterhaltenen produktiven Arbeit wird mit jedem Tage geringer. Haben die ungeheuren Gewinne der Kaufleute in Cadix und Lissabon das Kapital Spaniens und Portugals vermehrt? Haben sie der Armut dieser beiden dürftigen Länder abgeholfen, und ihre Industrie gefördert? Die Spannung der Geschäftskosten in diesen beiden Handelsstädten hat eine solche Höhe erreicht, daß jene ungeheuren Gewinne, weit entfernt, das allgemeine Handelskapital zu vermehren, kaum hinreichend gewesen zu sein scheinen, die Privatkapitalien, auf denen sie lasteten, unversehrt zu erhalten. Mit jedem Tage drängen sich mehr fremde Kapitalien in den Handel von Cadix und Lissabon ein, und um diese aus einem fremden Geschäft zu vertreiben, für das die ihrigen mit jedem Tage unzureichender werden, ziehen die Spanier und Portugiesen die scheuernden Bande ihres törichten Monopols immer straffer an. Man vergleiche die kaufmännischen Sitten in Cadix und Lissabon mit denen in Amsterdam und man wird finden, wie verschieden der Einfluß hoher oder niedriger Gewinne auf das Verhalten und den Charakter der Kaufleute ist. Die Londoner Kaufleute sind zwar noch nicht so großartige Herren geworden, wie die von Cadix und Lissabon; aber sie sind im allgemeinen nicht so sorgliche und sparsame Bürger, wie die von Amsterdam. Dennoch sollen viele der Londoner Kaufherren weit reicher sein, als die meisten der ersteren und nicht ganz so reich, wie viele der letzteren. Die Rate ihrer Gewinne ist in der Regel viel niedriger als die der ersteren, und viel höher, als die der letzteren. Wie gewonnen, so zerronnen, sagt das Sprüchwort, und der Aufwand scheint sich überall nicht sowohl nach dem wirklichen Vermögen zu richten, als nach der vermeintlichen Leichtigkeit, Geld Zugewinnen. So ist der einzige Vorteil, den das Monopol einer <146> einzigen Klasse von Leuten verschafft, in vielen Beziehungen dem Gemeinwohl des Landes schädlich.

Ein großes Reich zu dem einzigen Zwecke zu gründen, sich ein Volk von Kunden heranzuziehen, kann auf den ersten Blick ein Unternehmen scheinen, das sich nur für eine Nation von Krämern schickt. Indessen ist es ein für eine Nation von Krämern ganz ungeeignetes Unternehmen, wohl aber für eine Nation geeignet, deren Regierung in den Händen von Krämern ist. Nur solche Staatsmänner können sich einbilden, daß es vorteilliaft sein würde, Blut und Geld ihrer Mitbürger zu verschwenden, um solch' ein Reich zu gründen und zu behaupten. Man sage zu einem Krämer: Kaufe mir ein schönes Gut und ich will dafür stets meine Kleider in deinem Laden kaufen, selbst wenn ich sie etwas teurer bezahlen muß, als ich sie in anderen Läden haben kann ; -- und man wird ihn nicht sehr pressiert finden, auf diesen Vorschlag einzugehen. Wenn dir aber ein anderer solch ein Gut kaufte, so würde der Krämer deinem Wohltäter sehr verbunden sein, wenn dieser dich verpflichtete, alle deine Kleider in seinem Laden zu kaufen. England kaufte für einige seiner Untertanen, denen es zu Hause nicht wohl ging, ein großes Gut in einem fernen Lande. Der Preis war freilich sehr gering und betrug statt des dreisigfachen Jahresertrags, was dermalen der gewöhnliche Preis für Grundbesitz ist, wenig mehr, als die Kosten der Ausrüstung der verschiedenen Schiffe, die das Land entdeckten, die Küste aufnahmen und vom Lande angeblich Besitz nahmen. Das Land war gut und ausgedehnt, und da die Ansiedler eine Menge vortrefflichen Bodens zu bearbeiten fanden und eine Zeit lang ihre Produkte verkaufen durften, wohin sie wollten, so wurde aus ihnen im Laufe von wenig mehr als dreißig oder vierzig Jahren (von 1620 bis 1660) ein so zahlreiches und blühendes Volk, daß die Krämer und übrigen Han <147> delsleute Englands sich das Monopol ihrer Kundschaft zu sichern wünschten. Sie kamen daher, ohne zu behaupten, einen Teil des ursprünglichen Kaufgeldes oder der späteren Kulturkosten gezahlt zu haben, beim Parlament darum ein, daß die Ansiedler Amerikas in Zukunft auf ihren Laden beschränkt werden möchten, sowohl bei dem Kauf ihres Bedarfs an europäischen Waren, als auch für den Verkauf derjenigen Kolonialprodukte, die es den englischen Handelsleuten zu kaufen beliebte. Denn alles zu kaufen, paßte ihnen nicht. Gewisse Produkte hätten bei der Einfuhr nach England in Wettbewerb mit manchen Geschäftszweigen, die sie selber trieben, kommen können. Daher überliessen sie es den Kolonisten gerne, diese Produkte zu verkaufen, wo sie konnten; je entfernter, desto besser; und schlugen deshalb vor, daß ihr Markt auf die Länder südlich vom Cap Finisterre beschränkt werden möchte. Eine Klausel in der berühmten Navigationsakte machte diesen echten Krämervorschlag zum Gesetz.

Die Behauptung dieses Monopols ist bisher der hauptsächlichste oder vielleicht richtiger der einzige Zweck der Herrschaft gewesen, die sich Großbritannien über seine Kolonien anmaßt. In dem ausschließlichen Handel, glaubt man, bestehe der große Nutzen von Provinzen, die zum Unterhalt der Zivilregierung oder zur Verteidigung des Mutterlandes niemals Geld oder Truppen hergegeben haben. Das Monopol ist das Hauptmerkmal ihrer Abhängigkeit und die einzige Frucht, die man bisher von dieser Abhängigkeit gewonnen hat. Alle Kosten, die sich Großbritannien bisher zur Behauptung dieser Abhängigkeit gemacht hat, sind in Wahrheit zur Aufrechterhaltung des Monopols gemacht worden. Die Kosten bestanden im Frieden, vor Beginn der gegenwärtigen Unruhen, in dem Solde von zwanzig Infanterie-Regimentern, in den Ausgaben für Artillerie, <148> Magazinen und den außerordentlichen Vorräten, mit denen sie versehen werden mußten; ferner in den Kosten einer sehr bedeutenden Seemacht, die gehalten werden mußte, um die unermeßlichen Küsten Nordamerikas und unserer westindischen Inseln vor den Schmuggelschiffen anderer Völker zu schützen. Die ganzen Kosten dieser Anstalten auf dem Friedensfuß fielen Großbritannien zur Last und waren immerhin der kleinste Teil dessen, was die Herrschaft über die Kolonien das Mutterland gekostet hat. Um das ganze zu bemessen, müßte man noch die Zinsen von den Summen hinzurechnen, die Großbritannien, da es die Kolonien als seiner Herrschaft unterworfene Provinzen ansah, bei verschiedenen Gelegenheiten zu ihrer Verteidigung ausgegeben hat. Insbesondere müßte man die gesamten Kosten des letzten, und einen großen Teil der Kosten des vorletzten Krieges hinzurechnen. Der letzte Krieg war durchaus eine koloniale Angelegenheit, und alle Kosten für ihn, in welchem Teile der Welt sie auch vorgelegt sein mögen, ob in Deutschland oder in Ostindien, sollten billig auf Rechnung der Kolonien gesetzt werden. Sie beliefen sich, mit Einschluß nicht nur der neueingegangenen Schuld, sondern auch der Erhöhung der Grundsteuer um zwei Schilling auf das Pfund, und der jährlich von dem Tilgungsfond erborgten Summen, auf mehr als £ 90,000,000. Der spanisclie Krieg, der 1739 begann, war hauptsächlich eine koloniale Angelegenheit. Sein Hauptzweck war, die Durchsuchung der Kolonialschiffe, die Schmuggel nach Spanien trieben, zu verhindern. Diese sämtlichen Kosten sind in Wahrheit eine behufs Behauptung eines Monopols gegebenePrämie. Der angegebene Zweck war Förderung der britischen Industrie und Ausdehnung des britischen Handels. Der tatsächliche Erfolg aber war der, den Satz der Handelsgewinne zu steigern und unsere Kaufleute in Stand zu setzen, in einem Handelszweig, bei dem <149> die Zahlungen langsamer und später als bei den meisten übrigen eingehen, ein größeres Kapital anzulegen, als sie sonst getan haben würden; zwei Erfolge, die, wenn sie durch eine Prämie hätten verhindert werden können, eine solche Prämie reichlich wert gewesen wären.

Unter dem dermaligen Regime hat daher Großbritannien von der angemaßten Herrschaft über seine Kolonien nur Schaden. Der Vorschlag freilich, es solle seine Herrschaft über die Kolonien freiwillig aufgeben und es ihnen überlassen, sich ihre Obrigkeiten selbst zu wählen, sich selbst Gesetze zu geben und nach eigenem Gutbefinden Krieg und Frieden zu schließen, würde ein solcher sein, wie ihn noch kein Volk je angenommen hat oder annehmen wird. Noch nie gab ein Volk freiwillig die Herrschaft über eine Provinz auf, so lästig es auch sein mochte, sie zu regieren, und so gering auch das Einkommen war, das sie im Verhältnis zu den Ausgaben, die sie verursachte, gewährte. Solche Opfer würden zwar oft dem Interesse eines Volks entsprechen, sind aber stets demütigend für seinen Stolz und, was wohl noch mehr in die Wagschale fällt, dem Privatinteresse der Regierenden feindlich, weil diese dadurch der Macht, eine Anzahl bedeutender und einträglicher Ämter zu vergeben, und vieler Gelegenheiten beraubt werden, Reichtum und Auszeichnung zu erwerben, die der Besitz der unruhigsten und für die Gesamtheit des Volkes gewinnlosesten Provinz selten versagt. Kaum der schwärmerischste Enthusiast könnte daher eine solche Maßregel in der ernsten Hoffnung, sie angenommen zu sehen, vorschlagen. Ginge man aber darauf ein, so würde Großbritannien nicht nur sogleich von den sämtlichen jährlichen Kosten, welche die Kolonialverwaltung auf dem Friedensfuß verursacht, befreit sein, sondern könnte auch mit ihnen einen Vertrag schliesson, der ihm in einem freien Handel für die Gesamtheit des <150> Volkes größere, wenn auch für die Kaufleute kleinere Vorteile verschaffte, als die es jetzt aus dem Monopol zieht. Bei so freundschaftlicher Trennung würde die natürliche Liebe der Kolonien zu dem Mutterlande, die durch unsere jüngsten Zwistigkeiten fast erloschen ist, bald wieder aufleben. Es könnte sie geneigt machen, nicht nur den bei der Trennung geschlossenen Handelsvertrag Jahrhunderte lang zu respektieren, sondern auch im Kriege wie im Handel auf unserer Seite zu stehen und aus unruhigen, aufrührerischen Untertanen unsere treuesten, anhänglichsten und edelmütigsten Bundesgenossen zu werden; und so könnte dieselbe mütterliche Liebe einerseits und kindliche Achtung andererseits, die einst zwischen den griechischen Kolonien und ihren Mutterstädten bestand, zwischen Großbritannien und seinen Kolonien erwachen.

Soll eine Provinz für das Reich, dem sie angehört, vorteilhaft sein, so muß sie in Friedenszeiten Einkünfte gewähren, die nicht nur zur Bestreitung aller Kosten ihrer Verwaltung auf dem Friedensfuße, sondern auch zur Beisteuer ihres Anteils an der allgemeinen Regierung des Staats hinreichen. Jede Provinz vermehrt unvermeidlich mehr oder weniger die Kosten der allgemeinen Staatsregierung. Wenn daher eine Provinz nicht ihren Anteil zur Bestreitung dieser Kosten liefert, so muß ein anderer Teil des Landes unbillig belastet werden. Aus demselben Grunde müssen auch die Extrasteuern, die eine jede Provinz in Kriegszeiten dem Staate liefert, in demselben angemessenen Verhältnis zu den Extrasteuern des ganzen Staates stehen, wie ihre ordentlichen Einkünfte in Friedenszeiten. Daß weder die ordentlichen noch die außerordentlichen Einkünfte, welche Großbritannien von seinen Kolonien zieht, in einem solchen Verhältnis zu den Gesamteinkünften des britischen Reiches stehen, wird bereitwillig zugegeben <151> werden. Allerdings hat man geglaubt, das Monopol setze durch Vermehrung des Privateinkommens der Bewohner Großbritanniens diese in Stand, höhere Steuern zu zahlen, und ersetze dadurch den Ausfall der Einkünfte aus den Kolonien. Allein dies Monopol ist, wie ich nachzuweisen suchte, zwar eine sehr drückende Steuer für die Kolonien und mag das Einkommen einer gewissen Klasse von Leuten in Großbritannien erhöhen, vermindert aber das Einkommen der Gesamtheit des Volkes und folglich auch dessen Fähigkeit, Steuern zu zahlen. Auch bilden die Leute, deren Einkommen das Monopol erhöht, einen besonderen Stand, den verhältnismäßig höher zu besteuern, ebenso unmöglich wie unpolitisch sein würde, wie ich im folgenden Buche nachweisen werde. Eine besondere Hülfsquelle bietet sich also in diesem Stande nicht dar.

Die Kolonien können entweder von ihren eigenen gesetzgebenden Versammlungen, oder von dem britischen Parlament besteuert werden. Daß die ersteren jemals zu bewegen sein würden, ihre Wähler so hoch zu besteuern, um nicht nur stets ihre eigne Zivil- und Militärverwaltung zu erhalten, sondern auch einen angemessenen Teil zu den Kosten der allgemeinen Regierung des britischen Reichs beizutragen, ist nicht sehr wahrscheinlich. Hat es doch lange gedauert, ehe selbst das englische Parlament, das doch unter den Augen des Landesherrn tagt, dahin gebracht werden konnte, hinreichende Summen für den Unterhalt der Zivil- und Militärverwaltung des eigenen Landes zu bewilligen. Nur durch Zuteilung der Ämter oder Zuteilung der Macht, darüber zu verfügen, an die Mitglieder des Parlaments, konnte dieses dazu vermocht werden. Aber die Entfernung der Kolonialvertretungen vom Hofe, ihre Anzahl, ihre zerstreute Lage und ihre verschiedenen Verfassungen würden es sehr schwer machen, sie in der <152> selben Art zu lenken, selbst wenn der Landesherr die Mittel an der Hand hätte, es zu tun ; und diese Mittel fehlen ihm. Es wäre schlechterdings unmöglich, unter alle Führer der Kolonialvertretungen so viele britische Staatsämter zu verteilen oder ihnen über so viele die Verfügung zu überlassen, um sie geneigt zu machen, ihre Popularität im Lande aufs Spiel zu setzen und ihre Wähler zu Gunsten der allgemeinen Regierung zu besteuern, deren Vorteile meist Leute genießen würden, die ihnen fremd sind. Übrigens scheinen auch die unvermeidliche Unkenntnis der Regierung hinsichtlich der relativen Bedeutung der Mitglieder der verschiedenen gesetzgebenden Körperschaften, die dadurch veranlaßten Kränkungen, und die Mißgriffe bei den Versuchen, auf die Körperschaften in dieser Weise einzuwirken, ein solches Verfahren für die Kolonien ganz unausführbar zumachen. Überdies können die Kolonialvertretungen nicht die geeigneten Richter darüber sein, was zum Schutz und Unterhalt des ganzen Reichs nötig ist. Die Sorge für diesen Schutz und Unterhalt liegt ihnen nicht ob. Es ist nicht ihr Amt, und sie haben auch nicht immer die Mittel sich darüber gehörig aufzuklären. Eine Provinzialversammlung kann, wie ein Kirchspielvorstand, die Angelegenheiten des Bezirks ganz richtig beurteilen, aber nicht in der Lage sein, diejenigen des Reiches zu beurteilen. Sie kann nicht einmal das Verhältnis richtig beurteilen, in dem ihre Provinz zu dem ganzen Reiche, oder ihr Reichtum und ihre Bedeutung zu denen der übrigen Provinzen steht, weil die letzteren nicht unter der Aufsicht und Überwachung einer einzelnen Provinzialvertretung stehen. Was zum Schutz und Unterhalt des ganzen Reiches nötig ist, und in welchem Maße jeder seiner Teile dazu beitragen muß, kann nur von der Versammlung beurteilt werden, die <153> die Angelegenheiten des ganzen Reiches beaufsichtigt und überwacht.

Man hat demgemäß vorgeschlagen, die Kolonien durch Requisition zu besteuern, sodaß das britische Parlament die Summe feststellt, die jede Kolonie zu zahlen hat und die Provinzialvertretung diese Summe in der Art veranlagt und erhebt, wie es den Verhältnissen der Provinz am besten entspricht. Die gemeinsamen Angelegenheiten des Reichs würden auf diese Weise von der Reichsversammlung und die besonderen einer jeden Kolonie von deren eigener Versammlung geregelt. Die Kolonien hätten zwar in diesem Falle keine Vertreter im britischen Parlament, allein erfahrungsgemäß ist es nicht wahrscheinlich, daß die Requisition des Parlaments unbillig ausfallen würde. Das englische Parlament habe bei keiner Gelegenheit auch nur die geringste Neigung gezeigt, die im Parlament nicht vertretenen Teile des Reichs zu überbürden. Die Inseln Guernsey und Jersey, die sich der Macht des Parlaments garnicht würden widersetzen können, werden gleichwohl leichter besteuert, als irgend ein Teil Großbritanniens. Bei Ausübung seines wohl oder übel begründeten Rechts, die Kolonien zu besteuern, habe das Parlament von ihnen bisher niemals etwas verlangt, was auch nur annähernd im richtigen Verhältnis zu den von ihren Mitbürgern im Mutterlande zu zahlenden Steuern stände. Wenn übrigens die Besteuerung der Kolonien sich nach der Erhöhung oder Ermäßigung der Grundsteuer richtete, so könnte das Parlament sie nicht besteuern, ohne gleichzeitig seine eigenen Wähler zu besteuern, und die Kolonien könnten in diesem Falle als wirksam im Parlament vertreten betrachtet werden.

Es fehlt nicht an Beispielen von Staaten, in denen die verschiedenen Provinzen nicht (wenn dieser Ausdruck gestattet ist) in einer Masse besteuert werden, sondern <154> wo der Landesherr die Summe, die jede Provinz zu zahlen hat, festsetzt und sie in den einen nach Gutdünken veranlagt und erhebt, in anderen dagegen die Veranlagung und Erhebung den Provinzialständen überläßt. In einigen Provinzen Frankreichs setzt der König nicht nur die Abgaben nach Gutdünken fest, sondern veranlagt und erhebt sie auch nach seinem eigenen Ermessen. Von anderen fordert er eine bestimmte Summe, überläßt es aber den Provinzialständen, diese Summe nach ihrem Ermessen zu veranlagen und zu erheben. Bei dem Besteuerungsmodus durch Requisition würde sich das britische Parlament ungefähr in derselben Lage zu den Kolonialvertretungcn befinden, wie der König von Frankreich zu den Ständen der Provinzen, die noch das Vorrecht eigener Vertretung genießen, Provinzen, die für die bestregierten Frankreichs gelten.

Wenn aber nach diesem Plane die Kolonien schwerlich zu fürchten hätten, daß ihr Anteil an den Staatslasten das richtige Verhältnis zu dem ihrer Mitbürger im Mutterlande überschreiten werde, so dürfte Großbritannien gerechten Grund zu der Besorgnis haben, daß er dies richtige Verhältnis nie erreichen werde. Das britische Parlament hatte niemals die festgegründete Macht in den Kolonien, die die französischen Könige in den Provinzen haben, die noch das Vorrecht eigener Stände genießen. Wenn die Kolonialvertretungen nicht sehr günstig gestimmt sind -- und ohne eine geschicktere Verwaltung als bisher dürften sie es schwerlich jemals sein, -- so dürften sie viele Vorwände finden, auch die billigsten Forderungen des Parlaments zu umgehen, oder zu verwerfen. Gesetzt, es bräche ein Krieg mit Frankreich aus, es müßten zum Schutz des Regierungssitzes sofort zehn Millionen aufgebracht und diese Summe auf den Kredit der vom Parlament für die Zinszahlung anzuweisenden Staatsmittel geborgt werden; und das Par <155> lament schlüge vor, diese Mittel teilweise durch Steuern in Großbritannien, teilweise durch Requisition in den verschiedenen Kolonien Amerikas und Westindiens aufzubringen. Würden wohl die Leute ihr Gold bereitwillig auf den Kredit von Staatsmitteln leihen, die zum Teil von der Laune der verschiedenen Kolonialvertretungen abhängen, die vom Schauplatze des Krieges weit entfernt sind, und manchmal vielleicht denken mögen, daß der Ausgang des Krieges sie wenig kümmere? Auf solche Mittel würde vermutlich nicht mehr vorgeschossen werden, als was der in Großbritannien erhobenen Steuer für entsprechend gehalten würde. Mithin fiele die ganze Last der für diesen Krieg eingegangenen Schuld, wie es auch bisher immer der Fall war, auf Großbritannien allein, d. h. auf einen Teil des Reiches und nicht auf das ganze Reich. Großbritannien ist, solange die Welt steht, wohl der einzige Staat, der mit der Erweiterung seines Gebiets nur seine Ausgaben gesteigert hat, ohne zugleich seine Einnahmequellen zu vermehren. Andere Staaten haben gewöhnlich einen beträchtlichen Teil der Kosten der Verteidigung von sich abgewälzt und den abhängigen Provinzen aufgebürdet; Großbritannien hingegen hat es bisher geschehen lassen, daß die ihm unterworfenen Provinzen fast alle ihre Abgaben von sich abwälzten und ihm aufbürdeten. Um Großbritannien mit seinen Kolonien, die das Gesetz bisher als ihm unterworfen und untergeordnet annahm, auf gleichen Fuß zu setzen, scheint es nach dem Besteuerungssystem durch Requisition notwendig, daß das Parlament in der Lage sei, seine Requisitionen sofort zur Geltung zu bringen, wenn die Kolonialvertretungen sie zu umgehen oder zu verweigern suchen sollten. Mit welchen Mitteln aber dies duichzuführen wäre, ist nicht leicht einzusehen und ist bisher auch noch nicht erörtert worden.

Wenn dem britischen Parlament das volle Recht <156> erteilt würde, die Kolonien auch ohne Einwilligung ihrer Vertretungen zu besteuern, so würde es mit der Bedeutung dieser Vertretungen und folglich der leitenden Männer von Britisch-Amerika von diesemAugenblick an zu Ende sein. DieMenschen wünschen einen Anteil an der Leitung des Staats hauptsächlich der Bedeutung wegen, die ihnen dies verleiht. Von der Fähigkeit der Parteihäupter, dieser natürlichen Aristokratie jedes Landes, ihre Bedeutung zu behaupten oder zu verteidigen, hängt die Festigkeit und Dauer jeder freien Staatsvorfassung ab. In den beständigen Angriffen der Parteihäupter auf die Bedeutung anderer, und in der Verteidigung ihres eignen Ansehens besteht das ganze Spiel innerer Parteiung und Ehrsucht. Die Parteihäupter Amerikas suchen gleich denen in allen anderen Ländern ihr Ansehen zu behaupten; sie fühlen oder glauben, daß, wenn ihre Vertretungen, die sich gern Parlamente nennen und mit dem britischen Parlament auf gleiche Stufe stellen möchten, so weit herabgesetzt würden, um die untertänigen Diener und vollziehenden Beamten dieses Parlaments zu sein, der größte Teil ihres Ansehens dahin wäre. Sie haben deshalb den Vorschlag, durch Parlamentsrequisition besteuert zu werden, verworfen und es gleich anderen ehrgeizigen, mutigen Männern vorgezogen, ihr Ansehen mit dem Schwerte zu behaupten.

Um die Zeit des Verfalls der römischen Republik verlangten die Bundesgenossen Roms, denen die Verteidigung des Staats und die Erweiterung seiner Grenzen die meisten Opfer auferlegt hatte, zu allen Vorrechten römischer Bürger zugelassen zu werden. Auf die Verweigerung dieses Verlangens brach der Bundesgenossenkrieg aus. Im Laufe dieses Kriegs gewährte Rom den meisten von ihnen, nach und nach, sobald sie sich von dem allgemeinen Bunde lossagten, diese Vorrechte. Das britische Parlament besteht auf der Besteuerung der <157> Kolonien, sie aber wollen nicht von einem Parlament besteuert sein, in dem sie nicht vertreten sind. Wenn Großbritannien allen Kolonien, die sich von der allgemeinen Verbündung lossagten, eine ihrem Beitrage zu den Einkünften des Reichs entsprechende Anzahl von Vertretern bewilligte, und die Kolonien infolge ihrer Unterwerfung unter dieselben Steuern dafür zu derselben Handelsfreiheit zugelassen würden, wie ihre Mitbürger im Mutterlande, und wenn die Zahl der Vertreter sich je nach Erhöhung der Beiträge steigerte; so würde den Parteihäuptern der Kolonien eine neue Methode, Bedeutung zu gewinnen, ein neues und blendenderes Ziel für ihren Ehrgeiz geboten. Anstatt nach den kleinen Gewinnen zu haschen, die in dem kleinlichen Würfelspiel der Kolonialhändel zu gewinnen sind, könnten sie, vermöge des Vertrauens, das die Menschen in ihre Fähigkeiten und ihr Glück zu setzen pflegen, in der großen Staatslotterie der britischen Politik eins der großen Lose zu ziehen hoffen. Wenn man nicht auf dieses oder ein anderes Mittel verfällt, und es scheint kein anderes so nahe zu liegen als dieses, um die Bedeutung der amerikanischen Parteihäupter zu erhalten und ihren Ehrgeiz zu befriedigen, so ist es nicht sehr wahrscheinlich, daß sie sich uns jemals freiwillig unterwerfen werden; und wir sollten bedenken, daß jeder Tropfen Bluts, der vergossen werden muß, um sie zur Unterwerfung zu zwingen, entweder das Blut unserer Mitbürger oder derer ist, die wir zu Mitbürgern haben wollen. Es ist eine große Schwachheit sich einzubilden, daß es bei dem Stande, auf dem die Dinge jetzt angelangt sind, leicht sei, unsere Kolonien durch bloße Gewalt zu besiegen. Die Männer, welche jetzt die Entschließungen ihres sogenannten Kongresses beherrschen, fühlen augenblicklich eine Bedeutung in sich, die vielleicht der größte Untertan in Europa sich nicht bei <158> mißt. Aus Krämern, Geschäftsleuten und Sachwaltern sind sie Staatsmänner und Gesetzgeber geworden, und arbeiten an einer neuen Regierungsform für ein ausgedehntes Reich, welches, wie sie sich schmeicheln und wie es auch höchst wahrscheinlich ist, eines der größten und mächtigsten Reiche werden wird, die es jemals in der Welt geseben hat. Vielleicht fünfhundert Leute, die in dieser oder jener Weise unmittelbar unter dem Einfluß des Kongresses handeln, und vielleicht fünfmalhunderttausend, die unter dem Einfluß jener fünfhundert handeln, alle diese empfinden in gleicher Art eine verhältnismäßige Zunahme ihrer Bedeutung. Fast jeder einzelne von der herrschenden Partei in Amerika nimmt jetzt in seiner Einbildung eine höhere Stellung ein, nicht nur als bisher, sondern auch als er jemals einzunehmen hoffen konnte und wenn nicht ihm oder seinen Führern ein neues Ziel des Ehrgeizes dargeboten wird, wird er, falls er auch nur den gewöhnlichen Mannesmut besitzt, seine Stellung auf Leben und Tod verteidigen.

Der Präsident Henault hat die Bemerkung gemacht, daß wir jetzt mit Vergnügen den Bericht über viele kleine Händel der Ligue lesen, die, als sie sich ereigneten, vielleicht als ziemlich unbedeutende Neuigkeiten angesehen wurden. Aber jedermann, sagt er, dünkte sich damals etwas wichtiges zu sein, und die unzähligen Memoiren, die uns aus diesen Zeiten überliefert sind, wurden meist von Leuten geschrieben, die sich in der Erzählung und Verherrlichung von Begebenheiten gefielen, bei denen sie sich hervorragend beteiligt wußten. Es ist bekannt, wie hartnäckig sich damals die Stadt Paris verteidigt hat, und welch schreckliche Hungersnot sie ausgehalten hat, um sich nicht dem besten und später geliebtesten aller Könige Frankreichs zu unterwerfen. Die meisten Bürger oder ihre Führer fochten für die Verteidigung ihrer Macht, mit der es, wie sie wohl ein <159> sahen, zu Ende war, sobald die alte Regierung wieder hergestellt wurde. Wenn unsere Kolonien nicht zu einer Union mit uns zu kommen vermocht werden, so werden sie sich wahrscheinlich gegen das beste aller Mutterländer ebenso hartnäckig verteidigen, wie die Stadt Paris gegen den besten der Könige.

Der Begriff einer Volksvertretung war im Altertum unbekannt. Wenn Leute eines Staats das Bürgerrecht in einem anderen erhielten, so gab es kein anderes Mittel, es auszuüben, als in Gemeinschaft mit allen Bewohnern dieses anderen Staates zu stimmen und zu beraten. Die Zulassung der meisten Bewohner Italiens zu den Vorrechten römischer Bürger richtete die römische Republik völlig zu Grunde. Es war nicht mehr möglich zwischen denen, die römische Bürger waren und die es nicht waren, zu unterscheiden; keine Tribus konnte ihre eigenen Glieder mehr kennen. Allerlei Pöbel konnte an den Volksversammlungen teilnehmen, die wirklichen Bürger hinausdrängen, und, als wenn sie selbst welche wären, die Angelegenheiten der Republik entscheiden. Wenn dagegen Amerika fünfzig oder sechzig neue Vertreter ins Parlament schickte, so könnte es doch dem Türhüter des Unterhauses nicht sonderlich schwer fallen zu unterscheiden, wer ein Mitglied sei und wer nicht. Wenn daher auch die römische Staatsverfassung durch die Vereinigung Roms mit den verbündeten Staaten Italiens zu Grunde gehen mußte, so spricht doch nicht die mindeste Wahrscheinlichkeit dafür, daß die britische Staatsverfassung durch die Vereinigung Großbritanniens mit seinen Kolonien Schaden erleiden würde. Im Gegenteil würde diese Verfassung durch die Vereinigung erst vollständig werden, während sie ohne sie unvollständig zu sein scheint. Die Volksvertretung, die die Angelegenheiten aller Teile des Reichs beratet und entscheidet, sollte sicherlich, um gehörig beraten zu sein, aus allen Teilen <160> Vertreter haben. Daß diese Union sich leicht bewirken ließe, oder daß die Ausführung nicht Schwierigkeiten und sogar großen Schwierigkeiten begegnen würde, will ich nicht behaupten; doch weiß ich von keiner Schwierigkeit, die offenbar unüberwindlich wäre. Die größte liegt vielleicht nicht in der Natur der Dinge, sondern in den Vorurteilen und Ansichten der Leute diesseits und jenseits des atlantischen Ozeans.

Wir diesseits des Meeres fürchten, die Menge amerikanischer Vertreter könnte das Gleichgewicht unserer Verfassung zerstören, und entweder den Einfluß der Krone, oder die Macht der Demokratie zu sehr verstärken. Richtete sich aber die Zahl der amerikanischen Vertreter nach dem Ertrage der amerikanischen Besteuerung, so würde die Zahl der Leute, die man zu gewinnen hätte, genau im Verhältnis zu den Mitteln, sie zu gewinnen, zunehmen, und die Mittel sie zu gewinnen, genau im Verhältnis zur Zahl der zu gewinnenden Leute. Die monarchischen und demokratischen Bestandteile unserer Verfassung würden nach der Union genau in demselben Grade relativer Kraft zu einander stehen, wie vorher.

Die Leute jenseits des Meeres fürchten hingegen, ihre Entfernung vom Sitze der Regierung könnte sie vielen Bedrückungen aussetzen. Allein ihre Vertreter im Parlament, deren Anzahl von vornherein beträchtlich sein müßte, würden sie leicht gegen jede Bedrückung schützen können. Die Entfernung könnte die Abhängigkeit des Vertreters von den Wählern nicht sehr schwächen, und der erstere würde gleichwohl empfinden, daß er seinen Sitz im Parlament, und was damit zusammenhängt, dem guten Willen der letzteren zu danken hat. Es läge daher im Interesse des Abgeordneten, sich diesen guten Willen zu erhalten und über jede Ausschreitung, deren sich ein Zivil- oder Militärbeamter in jenen fernen Teilen des Reichs schuldig machen sollte, mit dem <161> ganzen Gewicht eines Mitglieds der gesetzgebenden Versammlung Klage zu führen. Auch könnten sich die Amerikaner mit einem gewissen Schein von Berechtigung schmeicheln, daß die Entfernung Amerikas vom Sitze der Begierung nicht von sehr langer Dauer sein werde. Die Fortschritte dieses Landes an Reichtum, Bevölkerung und Kultur sind bisher so geschwind gewesen, daß vielleicht nach Verlauf eines Jahrhunderts der Ertrag der amerikanischen Besteuerung den der britischen übersteigen dürfte. Dann würde natürlich der Sitz des Reiches in denjenigen Teil von ihm verlegt werden, der zur Verteidigung und Erhaltung des ganzen das meiste beitrüge. Die Entdeckung Amerikas und die eines Weges nach Ostindien um das Kap der guten Hoffnung sind die beiden größten und wichtigsten Ereignisse, die die Geschichte der Menschheit verzeichnet. Ihre Folgen waren schon bis jetzt sehr bedeutende; aber in dem kurzen Zeitraum von zwei bis drei Jahrhunderten, der seit diesen Entdeckungen verfloßen ist, kann man unmöglich den ganzen Umfang dieser Folgen erfahren haben. Welche Wohltaten oder welches Mißgeschick für die Menschheit später aus diesen großen Ereignissen hervorgehen werden, kann keine menschliche Weisheit voraussehen. Durch eine verhältnismäßige Verknüpfung der entferntesten Teile der Welt mit einander, durch die Möglichkeit, sich gegenseitig in der Not beizustehen, wechselseitig ihre Genüsse zu vermehren und ihre Gewerbtätigkeit zu erhöhen, scheint ihre allgemeine Tendenz eine wohltätige zu sein. Allein für die Eingebornen Ost- und Westindiens sind alle Handelsvorteile, die aus jenen Ereignissen entspringen konnten, in dem furchtbaren Unglück, das durch sie veranlaßt wurde, verloren gegangen. Indessen scheint dies Unglück mehr aus Zufälligkeiten als aus der Natur jener Ereignisse selbst entsprungen zu sein. Zu der Zeit, als jene Entdeckungen <162> gemacht wurden, war die Überlegenheit der Macht auf Seiten der Europäer zufälhg so groß, daß sie sich in jenen fernen Ländern jede Art von Ungerechtigkeit ungestraft erlauben durften. In der Zukunft werden vielleicht die Eingebornen dieser Länder stärker oder die Europäer schwächer, und so gelangen vielleicht die Bewohner aller Weltteile zu der Gleichheit an Mut und Kraft, die gegenseitige Furcht einflößt und allein imstande ist, die Ungerechtigkeit unabhängiger Völker zu einer Art Achtung vor den gegenseitigen Rechten zu nötigen. Nichts aber scheint diese Gleichheit der Kraft eher herstellen zu können, als die gegenseitige Mitteilung von Kenntnissen und Fortschritten aller Art, die ein ausgebreiteter Handel aller Länder untereinander naturgemäß oder vielmehr unvermeidlich mit sich führt.

Mittlerweile hat eine der Hauptwirkungen jener Entdeckungen darin bestanden, dem Merkantilsystem zu einem Glanz und Ruhm zu verhelfen, die es sonst nie hätte erreichen können. Es ist derZweck dieses Systems, eine große Nation mehr durch Handel und Industrie, als durch Hebung der Landwirtschaft, mehr durch die Gewerbtätigkeit der Städte, als des platten Landes zu bereichern. Infolge jener Entdeckungen nun wurden die Handelsstädte Europas aus Fabrikanten und Frachtführern (carriers) für einen sehr kleinen Teil der Welt -- für die europäischen Küsten des atlantischen Meeres und für die an der Ostsee und am mittelländischen Meere gelegenen Länder -- , nunmehr sowohl die Fabrikanten für die zahlreichen und wohlhabenden Ansiedler Amerikas, als auch die Frachtführer und bis auf einen gewissen Grad auch die Fabrikanten für fast alle Völker Asiens, Afrikas und Amerikas. Zwei neue Welten haben sich ihrer Industrie auf getan, von denen jede weit größer und umfangreicher ist als die alte, und die ihren Markt von Tag zu Tag größer werden sehen. <163>

Die Länder, die die amerikanischen Kolonion in Besitz haben, und die, welche direkten Handel mit Ostindien treiben, genießen allerdings den ganzen Schimmer und Glanz dieses großen Handels. Allein andere Länder haben, trotz aller neidischen Beschränkungen, wodurch man sie auszuschliessen gedenkt, oft mehr wirklichen Gewinn davon. Die spanischen und portugiesischen Kolonien befördern z. B. den Gewerbfleiß anderer Länder mehr als den des Mutterlandes. Bei dem einzigen Artikel Leinwand soll sich der jährliche Verbrauch dieser Kolonien -- ohne daß ich die Angabe verbürgen wollte -- auf mehr als drei Millionen Pfund belaufen. Dieser große Verbrauch wird jedoch fast gänzlich von Frankreich, Flandern, Holland und Deutschland gedeckt; Spanien und Portugal liefern nur einen kleinen Teil. Das Kapital, das die Kolonien mit einer so großen Menge Leinen versieht, verteilt sich jährlich unter die Bewohner jener anderen Länder und liefert ihnen ein Einkommen. Nur der Gewinn daraus wird in Spanien und Portugal verausgabt, wo sie den Luxus der Cadixer und Lissaboner Kaufleute bestreiten helfen.

Selbst die Maßregeln, durch die die Völker sich des ausschließlichen Handels mit ihren Kolonien zu versichern suchen, sind oft den Ländern, zu deren Gunsten sie angeordnet werden, schädlicher als denen, gegen die sie ergriffen wurden. Die ungerechte Unterdrückung des Gewerbfleißes anderer Länder fällt so zu sagen auf die Häupter der Unterdrücker zurück, und schädigt mehr ihren eignen Gewerbfleiß, als den der anderen Länder. Nach jenen Maßregeln muß z. B. der Hamburger Kaufmann seine für den amerikanischen Markt bestimmte Leinwand nach London schicken und von da den für den deutschen Markt bestimmten Tabak zurückbringen, weil er weder jene direkt nach Amerika senden, noch diesen direkt von da holen kann. Durch <164> diesen Zwang ist er wahrscheinlich genötigt, die erstere etwas billiger zu verkaufen und den letzteren etwas teurer zu kaufen, als er es sonst brauchte, und sein Gewinn wird dadurch vermutlich geschmälert. Allein er erhält in diesem Handel zwischen Hamburg und London sein Kapital ohne Zweifel viel schneller zurück, als es bei dem direkten Handel nach Amerika geschehen könnte selbst wenn, was keineswegs der Fall ist, die Zahlungen aus Amerika ebenso pünktlich eingingen, als aus London. In dem Betrieb, auf den jene Maßregeln den Hamburger Kaufmann einschränken, kann daher sein Kapital eine weit größere Menge deutschen Gewerbfleißes beschäftigen, als es in demjenigen, von dem er ausgeschlossen ist, möglich wäre. Die eine Anlage mag mithin zwar für ihn weniger gewinnreich sein, als die andere, aber sie kann nicht für sein Land weniger vorteilhaft sein. Umgekehrt ist es mit der Anlage, in die das Monopol das Kapital des Londoner Kaufmanns so zu sagen hineinzieht. Diese Anlage mag wohl für ihn gewinnreicher sein, als die meisten anderen; aber infolge der Langsamkeit der Rimessen kann sie für sein Land nicht vorteilhafter sein.

Nach all den ungerechten Bestrebungen der europäischen Länder, sich den ganzen Vorteil des Handels mit ihren Kolonien allein anzueignen, hat mithin bisher kein Land etwas anderes für sich erlangt, als die Ausgaben für die Aufrechterhaltung seiner angemaßten Gewaltherrschaft über die Kolonien im Frieden und für ihre Verteidigung im Kriege. Die aus dem Besitze seiner Kolonien entspringenden Nachteile trägt jedes Land ausschließlich; die aus ihrem Handel hervorgehenden Vorteile dagegen hat es mit vielen anderen Ländern teilen müssen.

Auf den ersten Blick scheint unzweifelhaft das Monopol des großen amerikanischen Geschäfts ein Erwerb <165> vom höchsten Werte zu sein. Dem kurzsichtigen Auge schwindelnden Ehrgeizes stellt es sich natürlich unter dem verwirrten Spiel von Politik und Krieg als ein blendendes Kampfesziel dar. Aber gerade der blendende Glanz des Ziels, die ungeheure Größe des Handels ist es, was das Monopol dieses Handels schädlich macht, oder was eine Anlage, die ihrer Natur nach notwendigerweise für das Land weniger vorteilhaft ist, als die meisten anderen Anlagen, einen weit größeren Teil des Landeskapitals in Anspruch nehmen läßt, als es sonst geschehen wäre.

Das Handelskapital jedes Landes sucht, wie im zweiten Buche gezeigt wurde, so zu sagen naturgemäß die für das Land vorteilhafteste Anlage. Ist es im Zwischenhandel angelegt, so wird das Land, dem es gehört, der Stapelplatz für die Waren aller der Länder, deren Handel es vermittelt. Allein der Besitzer des Kapitals wünscht natürlich soviel als möglich von diesen Waren im Lande umzusetzen. Er erspart sich dadurch die Mühe, Gefahr und Kosten der Ausfuhr, und wird sie daher im Lande gern nicht nur zu einem viel niedrigeren Preise, sondern auch mit einem etwas kleineren Gewinn verkaufen, als er durch die Versendung ins Ausland erwarten könnte. Er sucht mithin aus seinem Zwischenhandel wo möglich einen auswärtigen Verbrauchshandel zu machen, Ist hingegen sein Kapital in einem auswärtigen Verbrauchshandel angelegt, so wird er aus demselben Grunde von den heimischen Waren, die er zur Ausfuhr aufkaufte, gern möglichst viel im Lande absetzen, und also aus einem auswärtigen Verbrauchshandel einen Binnenhandel zu machen suchen. Das Handelskapital jedes Landes sucht auf diese Weise naturgemäß die nahe Anlage und scheut die entfernte; es sucht die Anlage, bei der die Rimessen häufig erfolgen, und scheut diejenige, wobei sie spät und langsam eingehen; es sucht <166> die Anlage, wobei es die meiste produktive Arbeit in dem Lande, dem das Kapital angehört oder in dem der Besitzer wohnt, zu unterhalten vermag, und scheut die Anlage, wobei es am wenigsten produktive Arbeit beschäftigen kann. Es sucht naturgemäß die Anlage, die in gewöhnlichen Fällen für das Land am vorteilhaftesten, und scheut jene, die ihm in gewöhnlichen Fällen am wenigsten vorteilhaft ist.

Wenn aber in einer der entfernten Anlagen, die in der Regel für das Land weniger vorteilhaft sind, der Gewinn einmal etwas über den Punkt steigt, an welchem die natürlichen Vorteile näherer Anlagen überwiegen, so wird dieser höhere Gewinn solange Kapitalien aus den näheren Anlagen ziehen, bis die Gewinne bei allen wieder ins Gleichgewicht gekommen sind. Jener höhere Gewinn ist indes ein Beweis, daß unter den dermaligen Verhältnissen die entfernten Anlagen im Verhältnis zu anderen etwas vernachlässigt sind, und daß das Volkskapital nicht aufs Angemessenste unter den verschiedenen Anlagen verteilt ist. Er ist ein Beweis, daß gewisse Dinge entweder wohlfeiler gekauft oder teurer verkauft werden, als es sein sollte, und daß eine gewisse Klasse von Bürgern mehr oder weniger benachteiligt wird, indem sie entweder mehr bezahlen oder weniger gewinnen, als sich mit der Gleichheit, die unter allen Klassen platzgreifen sollte und unter natürlichen Verhältnissen tatsächlich platzgreift, verträgt. Dasselbe Kapital kann zwar in einer entfernten Anlage nochmals soviel produktive Arbeit unterhalten wie in einer näheren; gleichwohl kann die entfernte für das Volkswohl ebenso unentbehrlich sein wie eine nahe, wenn etwa die Waren, welche die entfernte Anlage herbeischafft, zum Betriebe vieler näherer Geschäfte notwendig sind. Sind aber die Gewinne derer, die mit solchen Waren handeln, zu hoch, so sind die Waren teurer, als sie sein sollton, <167> d. h. sie werden über ihrem natürlichen Preise verkauft, und es werden dadurch alle Interessenten der näheren Unternehmung mehr oder weniger benachteiligt. In ihrem Interesse liegt es mithin, daß den näheren Anlagen einiges Kapital entzogen und den entfernteren zugewendet werde, damit deren Gewinn auf sein richtiges Niveau und die Waren auf ihren natürlichen Preis zurückgehen. In diesem ungewöhnlichen Falle erfordert daher das Volksinteresse, daß den dem Gemeinwesen in der Regel vorteilhafteren Anlagen Kapital entzogen und in einer im gewöhnlichen Falle für die Gesamtheit weniger vorteilhafte Anlage gelenkt wird; und in diesem seltenen Falle fallen die natürlichen Interessen und Neigungen der Menschen ebenso genau mit dem allgemeinen Besten zusammen, und bewegen sie, der nahen Anlage Kapital zu entziehen und es der entfernten zuzuwenden.

So bewegen also die Privatinteressen und Neigungen die einzelnen von selbst, ihr Kapital in den Geschäften anzulegen, die für gewöhnlich dem Volke den meisten Vorteil bringen. Wenden sie wegen dieses natürlichen Vorzugs solchen Geschäften übermäßiges Kapital zu, so werden sie durch das Sinken des Gewinns in ihnen und sein Steigen in allen anderen sofort bewogen werden, diese fehlerhafte Verteilung zu ändern. Ohne alle Einmischung des Gesetzes bestimmen also ihre Privatinteressen und Neigungen die Menschen, das Volkskapital unter die verschiedenen Anlagen möglichst in dem Verhältnis zu verteilen, das dem Interesse der Gesamtheit am besten entspricht.

Alle Maßregeln des Merkantilsystems stören notwendig diese natürliche und vorteilhafteste Verteilung des Kapitals mehr oder weniger; am meisten jedoch tun es wohl die den Handel mit Amerika und Ostindien betreffenden, weil der Handel mit diesen beiden Erdteilen mehr Kapital erfordert als jeder andere. Übri <168> gens sind die Maßregeln, wodurch in jenen beiden Handelszweigen die Störung verursacht wird, nicht durchaus gleich. Der Haupthebel beider ist das Monopol; aber das Monopol selbst ist verschiedenartig. Freilich scheint das Monopol in der einen oder anderen Gestalt der einzige Hebel des Merkantilsystems zu sein.

In dem Handel mit Amerika suchen sich die Völker möglichst den ganzen Markt ihrer Kolonien dadurch anzueignen, daß sie alle anderen Völker von dem direkten Handel mit ihnen ausschließen. Im 16. Jahrhundert suchten die Portugiesen es mit dem ostindischen Handel ebenso zu machen, und nahmen die Schiffahrt auf den indischen Meeren für sich allein in Anspruch, weil ihnen das Verdienst gebühre, zuerst den Weg dahin gefunden zu haben. Die Holländer schließen noch jetzt alle übrigen europäischen Völker von jedem direkten Handel mit ihren Gewürzinseln aus. Monopole dieser Art sind offenbar gegen alle übrigen europäischen Völker gerichtet, welche dadurch nicht nur von einem Handel, dem sie vielleicht einen Teil ihres Kapitals zuwenden möchten, ausgeschlossen, sondern auch gezwungen sind, die Waren, die dieser Handel in Umlauf bringt, etwas teurer zu kaufen, als wenn sie sie unmittelbar aus den Ursprungsländern einführen könnten.

Seit dem Verfall der portugiesischen Macht hat jedoch kein europäisches Volk das ausschließliche Recht der Schiffahrt auf den indischen Meeren in Anspruch genommen, und ihre Haupthäfen stehen jetzt allen europäischen Schiffen offen. Dagegen ist in allen europäischen Ländern außer Portugal und seit einigen Jahren Frankreich der Ostindienhandel einer privilegiertenGesellschaft übertragen worden. Monopole dieser Art sind eigentlich gegen das sie erteilende Volk selbst errichtet. Die meisten Volksangehörigen sind dadurch nicht nur von einem Handel, dem sie vielleicht einen <169> Teil ihres Kapitals zuwenden möchten, ausgeschlossen, sondern müssen auch die Waren, die dieser Handel in Umlauf bringt, etwas teurer kaufen, als wenn der Handel allen Landsleuten offen stände. Seit der Einrichtung der englisch-ostindischen Kompagnie z. B. waren die übrigen Einwohner Englands nicht nur von dem Handel völlig ausofeschlossen, sondern mußten obendrein in dem Preise der von ihnen verbrauchten ostindischen Waren die Extragewinne, die die Gesellschaft vermöge ihres Monopols an den Waren machte, und die Extravergeudung bezahlen, die der von der Verwaltung einer so großen Gesellschaft unzertrennliche Betrug und Mißbrauch notwendig verursachen mußte. Die Torheit dieser zweiten Art von Monopol ist mithin noch offenbarer, als die der ersteren.

Beide Arten von Monopol stören mehr oder weniger die natürliche Verteilung des Volkskapitals, aber sie stören sie nicht stets auf dieselbe Weise. Monopole der ersteren Art ziehen in das Geschäft, für das sie errichtet sind, stets mehr Kapital, als von selbst hineingegangen wäre. Monopole der zweiten Art können je nach Umständen in das Geschäft, für das sie errichtet sind, bald Kapital hineinziehen, bald es daraus vertreiben. In armen Ländern ziehen sie naturgemäß in das Geschäft mehr Kapital, als sich ihm sonst zugewendet hätte. In reichen Ländern vertreiben sie daraus viel Kapital, das sonst hineingeströmt wäre.

So arme Länder, wie Schweden und Dänemark z. B., würden wahrscheinlich nie ein einziges Schiff nach Ostindien geschickt haben, wenn der Handel nicht einer privilegierten Gesellschaft überlassen worden wäre. Die Errichtung einer solchen Gesellschaft ermutigt unvermeidlich die Spekulanten. Ihr Monopol sichert sie gegen alle Konkurrenten auf dem heimischen Markte, und auf den auswärtigen Märkten haben sie dieselben Chancen, <170> wie die Kaufleute anderer Nationen. Ihr Monopol sichert ihnen einen großen Gewinn auf eine bedeutende Menge Waren, und die Wahrscheinlichkeit eines erheblichen Gewinns auf viele andere Waren. Ohne solche außergewöhnliche Begünstigungen würden die kleinen Geschäftsleute so armer Länder wahrscheinlich nie daran gedacht haben, ihre kleinen Kapitalien in so weitaussehenden und unsicheren Unternehmungen aufs Spiel zu setzen, wie es der Ostindienhandel offenbar für sie war.

Ein so reiches Land hingegen wie Holland würde bei freiem Handel wahrscheinlich mehr Schiffe nach Ostindien schicken, als es jetzt geschieht. Das beschränkte Kapital der holländisch-ostindischen Kompagnie hält wahrscheinlich viele große Handelskapitalien aus diesem Geschäft zurück, die sich ilim sonst zugewendet hätten. Das Handelskapital Hollands ist so groß, daß es fortwährend gleichsam überfließt, bald in die öffentlichen Fonds fremder Staaten, bald in Darlehen an Kaufleute und Spekulanten des Auslandes, bald in den weitschweifigsten aus wärtigen Verbrauchshandel, bald in den Zwischenhandel. Da alle Geschäfte in der Nähe vollständig ausgefüllt sind; da alles Kapital, das mit leidlichem Gewinne darin angelegt werden kann, bereits darin angelegt ist, so muß Hollands Kapital den entferntesten Unternehmungen zuströmen. Wäre der Handel nach Ostindien völlig frei, so würde er wahrscheinlich den größten Teil dieses überflüssigen Kapitals in Anspruch nehmen. Ostindien bietet den Fabrikaten Europas und dem Gold und Silber, so wie manchen anderen Produkten Amerikas einen größeren, umfangreicheren Markt, als Europa und Amerika zusammengenommen.

Jede Störung in der natürlichen Kapitalverteilung ist für das Volk, bei dem sie stattfindet, schädlich; sei es, daß sie einem Geschäft Kapitalien entzielit, die ihm sonst zufließen würden, oder daß sie einem Geschäft <171> Kapitalien zuführt, die ihm sonst nicht zugeflossen wären. Wenn Hollands Handel mit Ostindien ohne die privilegierte Gesellschaft bedeutender wäre, als er gegenwärtig ist, so muß das Land durch die teilweise Ausschliessung seines Kapitals von der angemessensten Verwendung bedeutenden Schaden leiden; wenn andererseits Schwedens und Dänemarks Handel mit Ostindien ohne die privilegierte Gesellschaft geringer wäre als jetzt, oder, was wohl noch wahrscheinlicher ist, garnicht existierte, so leiden diese beiden Länder dadurch Schaden, daß ein Teil ihres Kapitals in eine ihrer dermaligen Lage mehr oder weniger unangemessene Anlage gezogen ist. Es wäre für sie vielleicht besser, die ostindischen Waren selbst zu einem etwas höheren Preise von anderen Nationen zu kaufen, als einen so großen Teil ihres geringen Kapitals einem so sehr entfernten Geschäft zuzuwenden, bei dem die Zahlungen so spät eingehen und das Kapital nur so wenig produktive Arbeit im Lande beschäftigt, wo doch gerade soviel produktive Arbeit nötig ist, wo so wenig getan wird und soviel zu tun ist.

Wenn daher ein Land ohne eine privilegierte Gesellschaft auch nicht imstande wäre, einen direkten Handel mit Ostindien zu treiben, so folgt daraus doch nicht, daß eine solche Gesellschaft dort errichtet werden müsse, sondern nur, daß das Land unter diesen Umständen auf den direkten Handel mit Ostindien verzichten sollte. Daß derartige Gesellschaften im Allgemeinen zum Betrieb des ostindischen Handels nicht nötig sind, hat die Erfahrung der Portugiesen hinlänglich gezeigt, die sich seiner länger als ein Jahrhundert ohne eine privilegierte Gesellschaft, fast ganz allein bemächtigt hatten.

Man hat gesagt, kein Privatmann könne Kapital genug haben, um in den verschiedenen Häfen Ostindiens <172> Faktoren und Agenten behufs Beschaffung von Ladung für die dorthin geschickten Schiffe zu halten; und wenn er dies nicht könne, so würde die Schwierigkeit, Ladung zu finden, oft die günstige Jahreszeit zur Rückfahrt versäumen lassen, und die Kosten eines so langen Aufenthaltswürden nicht nur den ganzen Gewinn der Unternehmung aufzehren, sondern oft einen sehr bedeutenden Verlust verursachen. Wenn aber dieses Argument überhaupt etwas bewiese, so würde es beweisen, daß kein großer Handelszweig ohne eine privilegierte Gesellschaft betrieben werden könne, was der Erfahrung aller Völker widerspricht. Es gibt keinen großen Handelszweig, wo das Kapital eines einzelnen Kaufmanns für alle die untergeordneten Zweige hinreichte, ohne die der Hauptzweig nicht bestehen kann. Wenn aber ein Volk für einen großen Handelszweig reif ist, so wenden naturgemäß einige Kaufleute ihre Kapitalien auf den Hauptzweig, andere auf die untergeordneten Zweige; und so werden alle Zweige betrieben, aber selten betreibt das Kapital eines einzigen Kaufmanns alle. Ist daher ein Volk für den Ostindienhandel reif, so wird sich ein gewisser Teil seines Kapitals naturgemäß auf alle verschiedenen Zweige dieses Handels verteilen. Einige seiner Kaufleute werden es in ihrem Interesse finden, in Ostindien zu wohnen und ihre Kapitalien in die Anschaffung von Waren für die Schiffe stekken, welche andere in Europa wohnende Kaufleute dorthin senden. Wenn die Niederlassungen, welche verschiedene europäische Völker in Ostindien errichtet haben, den privilegierten Gesellschaften, denen sie gegenwärtig gehören, genommen und unter den unmittelbaren Schutz des Landesherrn gestellt würden, so wäre der Aufenthalt daselbst wenigstens für die Kaufleute der Völker, denen diese Niederlassungen gehören, sicher und leicht. Sollte zu einer gewissen Zeit dasjenige Kapital eines Landes, das von selbst <173> dem Ostindienhandel so zu sagen geneigt wäre, zum Betriebe aller verschiedenen Handelszweige nicht hinreichen, so wäre dies ein Beweis, daß das Land für diesen Handel noch nicht reif, und daß es für dies Land besser ist, noch eine Zeitlang die ostindischen Waren, deren es bedarf, selbst zu einem höheren Preise von anderen europäischen Völkern zu beziehen, als sie unmittelbar selbst aus Ostindien einzuführen. Was das Land an dem hohen Preise dieser Waren etwa verliert, kann kaum dem Verluste gleich kommen, den es dadurch erleidet, daß es einen großen Teil seines Kapitals notwendigeren oder nützlicheren, oder seinen Verhältnissen und seiner Lage angemesseneren Unternehmungen entzieht.

Die Europäer besitzen zwar viele nicht unbedeutende Niederlassungen sowohl an der afrikanischen Küste wie in Ostindien; so volkreiche und blühende Kolonien wie auf den Inseln und dem Festlande von Amerika, existieren aber dort noch nicht. Afrika und einige der Länder, die man unter dem allgemeinen Namen Ostindien zusammenfaßt, werden von barbarischen Völkerschaften bewohnt. Allein diese Völkerschaften waren keineswegs so schwach und wehrlos, wie die armen, hilflosen Amerikaner; auch waren sie im Verhältnis zur natürlichen Fruchtbarkeit ihres Landes weit zahlreicher. Die rohesten Völkerschaften Afrikas und Ostindiens, sogar die Hottentotten, waren Hirtenvölker. Dagegen waren die Eingeborenen Amerikas mit Ausnahme der Mexikaner und Peruaner bloße Jäger; und der Unterschied zwischen der Anzahl Hirten und der Anzahl Jäger, die ein gleich großer und gleich fruchtbarer Landstrich ernähren kann, ist sehr bedeutend. In Afrika und Ostindien war es daher weit schwerer, die Eingeborenen zu verdrängen und die europäischen Pflanzungen über den größeren Teil der Ländereien dieser Ureinwohner auszudehnen. Überdies ist, wie schon bemerkt wurde, der Geist privilegierter Ge <174> sellschaften dem Gedeihen neuer Kolonien ungünstig, und es war dies wahrscheinlich die Hauptursache, weshalb sie in Ostindien so wenig Fortschritte gemacht haben. Die Portugiesen betrieben sowohl den afrikanischen, als auch den Ostindischen Handel ohne privilegierte Gesellschaften, und ihre Niederlassungen in Congo, Angola und Benguela an der afrikanischen Küste, und zu Goa in Ostindien sind zwar durch Aberglauben und eine in jeder Hinsicht schlechte Regierung sehr heruntergekommen, lassen sich aber immerhin mit den Kolonien in Amerika entfernt vergleichen, und werden zum Teil von Portugiesen bewohnt, die seit einigen Menschenaltern dort angesiedelt sind. Die holländischen Niederlassungen am Kap der guten Hoffnung und in Batavia sind jetzt die bedeutendsten unter allen Kolonien, welche die Europäer in Afrika wie Ostindien gegründet haben; und beide haben eine besonders günstige Lage. Das Kap der guten Hoffnung war von einem fast ebenso rohen und ganz ebenso wehrlosen Völkerstamme, wie die Eingeborenen von Amerika, bewohnt. Nebenbei ist es gleichsam der Rastort auf der Hälfte des Weges zwischenEuropa und Ostindien, wo fast jedes europäische Schiff auf der Hin- und Herfahrt anlegt und verweilt. Die Versorgung dieser Schiffe mit allen Arten frischer Lebensmittel, mit Früchten und zuweilen mit Wein verschafft schon allein den überschüssigen Produkten der Kolonisten einen sehr ausgiebigen Markt. Was das Kap der guten Hoffnung zwischen Europa und Ostindien ist, das ist Batavia zwischen den Hauptländern des Orients. Es liegt an der besuchtesten Straße von Hindostan nach China und Japan, und bildet beinahe die Mitte dieser Straße. Auch legen fast alle Schiffe, die zwischen Europa und China segeln, in Batavia an, und überdies ist es der Mittelpunkt und Hauptmarkt für den sogenannten ostindischen Binnenhandel, und zwar nicht bloß <175> des von den Europäern, sondern auch des von den eingebornen Indiern betriebenen Handels. Man sieht in diesem Hafen oft eine Menge Schiffe der Chinesen und Japaner, Schiffe aus Tonkin, Malakka, Cochinchina und der Insel Celebes. So begünstigte Lagen haben es diesen beiden Kolonien ermöglicht, alle Hindernisse zu überwinden, die der despotische Geist einer privilegierten Gesellschaft ihrem Gedeihen hie und da in den Weg legen mochte. Batavia speziell vermochte dadurch den dazutretenden Nachteil des vielleicht ungesundesten Klimas in der Welt zu überwinden.

Die englischen und holländischen Compagnien haben zwar außer den beiden eben erwähnten keine bedeutenden Kolonien gegründet, aber bedeutende Eroberungen in Ostindien gemacht. Allein in der Art, wie beide ihre neuen Untertanen beherrschen, hat sich der natürliche Geist einer privilegierten Gesellschaft aufs deutlichste gezeigt. Auf den Gewürzinseln sollen die Holländer alle Gewürze verbrennen, die ein fruchtbares Jahr über die Menge hinaus hervorbringt, welche sie in Europa mit einem ihnen genügend erscheinenden Gewinn abzusetzen hoffen dürfen. Auf den Inseln, wo sie keine Niederlassungen haben, bezahlen sie den Sammlern der Blüten und jungen Blätter der dort wildwachsenden Gewürznelkenund Muskatbäume Prämien doch sollen diese Bäume durch jene Raubwirtschaft jetzt fast ganz ausgerottet sein. Selbst auf den Inseln, wo sie Niederlassungen besitzen, soll sich die Zahl dieser Bäume sehr vermindert haben. Sie fürchten, daß, wenn die Produktion ihrer eignen Inseln den Bedarf ihres Marktes überstiege, die Eingeborenen Mittel finden könnten, einen Teil anderen Völkern zuzuführen, und sie halten es deshalb für die beste Methode, sich ihr Monopol zu sichern, wenn sie Sorge tragen, daß nicht mehr wächst, als sie selbst auf den Markt bringen. Durch allerlei <176> Unterdrückungskünste haben sie die Bevölkerung auf mehreren molukkisohen Inseln so ziemlich auf die Zahl vermindert, die gerade hinreicht, ihre unbedeutenden Besatzungen und diejenigen ihrer Schiffe, welche ab und zu eine Ladung Gewürze dort einnehmen, mit Lebensmitteln und anderen Bedarfsgegenständen zu versehen. Diese Inseln sollen aber selbst unter der Herrschaft der Portugiesen ganz leidlich bevölkert gewesen sein. Die englische Handelsgesellschaft hat bis jetzt noch nicht Zeit gehabt, in Bengalen ein so entschieden verderbliches System einzuführen. Doch hat der Plan ihrer Verwaltung genau dieselbe Tendenz. Es ist, wie man mich versichert, gar nichts ungewöhnhches, daß der Vorsteher, d. h. der erste Beamte einer Faktorei einem Bauer befiehlt, ein fruchtbares Mohnfeld umzupflügen und es mit Reis oder anderen Kornfrüchten zu besäen. Angeblich geschah dies, um einem Mangel an Lebensmitteln vorzubeugen; der wahre Grund aber war der, dem Vorsteher Gelegenheit zu geben, einen großen Vorrat von Opium, den er liegen hatte, zu einem besseren Preise verkaufen zu können. Bei anderer Gelegenheit wurde ein umgekehrter Befehl gegeben, und es wurde ein fruchtbarer Reis- oder Kornacker umgepflügt, um einer Mohnpflanzung Platz zu machen, wenn der Vorsteher voraussah, daß an dem Opium ein großer Gewinn zu machen sein werde. Die Bediensteten der Compagnie haben zu verschiedenen Malen versucht, sich für einige der wichtigsten Artikel, nicht nur des auswärtigen, sondern auch des inneren Handels, das Monopol zu verschaffen. Hätte man es ihnen gewährt, so würden sie jedenfalls früher oder später versucht haben, die Produktion der Artikel, deren Monopol sie sich angemaßt, nicht nur bis auf die Menge, welche sie selbst einkaufen konnten, sondern auf die, die sie erwarten durften, mit dem ihnen hinreichend erscheinenden Gewinne zu verkaufen, zu reduzie <177> ren. Iu ein oder zwei Jahrhunderten würde auf diese Weise die Politik der englischen Kompagnie wahrscheinlich ebenso große Verheerungen angerichtet haben, wie die holländische.

Nichts kann jedoch dem wahren Interesse solcher Gesellschaften, als den Herren der von ihnen eroberten Länder, mehr zuwider laufen, als dieses verderbliche Vorgehen. In fast allen Ländern zieht der Landesherr sein Einkommen aus dem Einkommen des Volkes. Je größer daher dieses letztere, je größer der jährliche Ertrag des Bodens und der Arbeit ist, desto mehr kann das Volk dem Landesherrn gewähren. Es liegt mithin in seinem Interesse, diesen jährlichen Ertrag möglichst zu steigern. Besteht hierin aber das Interesse jedes Landesherrn, so ist es ganz besonders da der Fall, wo seine Einkünfte, wie in Bengalen, hauptsächlich aus der Grundrente entspringen. Die Grundrente richtet sich notwendig nach der Menge und dem Wert der Produktion, und beide hängen von dem Umfang des Marktes ab. Die Menge wird sich stets mehr oder weniger genau dem Verbrauch der Zahlungsfähigen anpassen, und der Preis, den sie zahlen werden, wird stets durch die Schärfe ihrer Konkurrenz bedingt sein. Es liegt also im Interesse eines solchen Landesherrn, den Produkten seines Landes den ausgedehntesten Markt zu verschaffen, die vollkommenste Handelsfreiheit zu gestatten, und die Zahl und Konkurrenz der Käufer möglichst zu steigern, und deswegen nicht nur alle Monopole, sondern auch alle Beschränkungen des Transports der heimischen Produkte aus einem Teile des Landes in den anderen, oder ihrer Ausfuhr in fremde Länder, oder der Einfuhr von Waren aller Art, wofür sie ausgetauscht werden können, aufzuheben. Auf diese Weise wird er am ehesten die Menge und den Wert der Produktion <178> und folglich seinen eigenen Anteil daran, d. h. seine Einkünfte, vermehren.

Allein eine Gesellschaft von Kaufleuten scheint unfähig, sich als Landesherrn zu betrachten, selbst nachdem sie es geworden ist. Der Handel, oder das Kaufen behufs Wiederverkauf, ist für sie stets das Hauptgeschäft, und mit seltsamer Verkehrtheit sehen sie die Eigenschaft als Landesherr als ein bloßes Anhängsel ihrer Eigenschaft als Kaufmann an; als etwas, was ihr dienstbar gemacht werden muß oder wodurch es ihnen ermöglicht wird, in Indien wohlfeiler zu kaufen, und daher in Europa mit höherem Gewinn zu verkaufen. Zu diesem Zwecke suchen sie von dem Markte der von ihnen beherrschten Länder alle Konkurrenten möglichst fern zu halten, und infolge davon wenigstens einen Teil der Produktion dieser Länder auf das Maß zurückzuführen, das nur eben hinreicht, den Bedarf zu decken oder das sie in Europa mit einem ihnen billig scheinenden Gewinne zu verkaufen hoffen können. So werden sie durch ihre kaufmännischen Gewohnheiten fast unvermeidlich, wenn auch vielleicht unbewußt verleitet, in der Regel den kleinen und vorübergehenden Gewinn des Monopolisten dem großen und dauernden Einkommen des Landesherrn vorzuziehen, und nach und nach dazu gebracht, die ihrer Herrschaft unterworfenen Länder ungefähr ebenso zu behandeln, wie die Holländer die molukkischen Inseln. Als Landesherr betrachtet hat die ostindische Kompagnie ein Interesse, daß die europäischen Waren, welche nach ihren indischen Besitzungen ausgeführt werden, dort möglichst wohlfeil, und daß die indischen Waren, welche von da weggehen, so teuer wie möglich verkauft werden. Aber als Kaufleute haben sie gerade das umgekehrte Interesse. Als Landesherren haben sie mit dem von ihnen beherrschten Lande das gleiche, als Kaufleute aber ein entgegengesetztes Interesse. <179>

Ist aber der selbst in der Direktion in Europa herrschende Geist einer solchen Regierung auf diese Art so prinzipiell und vielleicht unheilbar fehlerhaft, so ist es der Geist ihrer Verwaltung in Indien noch weit mehr. Diese Verwaltung besteht natürlich aus einem Rat von Kaufleuten, einem zweifellos achtbaren Stande, der aber in keinem Lande der Welt das Ansehen genießt, welches dem Volke von selbst Ehrerbietung einflößt und ohne Gewaltmittel willigen Gehorsam findet. Ein solcher Rat kann sich nur durch die ihm zur Seite stehende Kriegsmacht Gehorsam verschaffen, und die Regierung ist daher unvermeidlich militärisch und despotisch. Ihr eigentliches Geschäft aber ist der Handel, der Verkauf der ihnen auf Rechnung ihrer Herren übermachten europäischen Waren und ihr Umsatz gegen indische Waren für den europäischen Markt. Ihr Geschäft ist die einen möglichst teuer zu verkaufen und die anderen möglichst wohlfeil zu kaufen, und folglich von dem Markte, wo sie ihren Kram treiben, möglichst alle Wettbewerber zu entfernen. Der Geist der Verwaltung ist daher bezüglich des Handels der Compagnie der nämliche wie der der Direktion. Er macht das Regiment dem Interesse des Monopols dienstbar, und hemmt folglich die natürliche Zunahme wenigstens einiger Teile der überschüssigen Produktion des Landes so weit, daß sie der Nachfrage der Kompagnie entsprechen.

Überdies handeln alle Mitglieder der Verwaltung mehr oder weniger auch für eigene Rechnung, und es wäre vergeblich, ihnen dies zu verbieten. Nichts kann törichter sein, als zu erwarten, daß die Angestellten eines zehntausend Meilen entfernten, und folglich fast unbeaufsichtigten großen Komtors es auf einen einfachen Befehl ihrer Herren aufgeben sollten, auf eigne Rechnung Geschäfte zu machen; daß sie auf immer aller Hoffnung entsagen sollten, Vermögen zu erwerben, wozu <180> die Gelegenheit so günstig ist; und daß sie sich mit den mäßigen Besoldungen begnügen sollten, die sie von ihren Herren erhalten, und die, trotz ihrer Mäßigkeit, doch kaum erhöht werden können, weil sie gewöhnlich schon so groß sind, wie die wirklichen Gewinne der Kompagniegeschäfte sie zu gewähren erlauben. Unter solchen Umständen den Bediensteten der Gesellschaft den Handel auf eigne Rechnung zu verbieten, könnte kaum eine andere Wirkung haben als die, den höheren Beamten Gelegenheit zu geben, die niederen, die das Unglück hätten, ihnen zu mißfallen, unter dem Verwande, daß sie den Befehl ihrer Herren vollziehen müßten, zu beseitigen. Die Beamten suchen natürlich zu Gunsten ihrer Privatgeschäfte dasselbe Monopol zu erlangen, wie es der öffentliche Handel der Gesellschaft genießt. Läßt man sie gewähren, so werden sie dieses Monopol offen und unmittelbar ausbeuten, und allen anderen Leuten den Handel mit den Artikeln, die sie sich selber vorbehalten, einfach verbieten; und dies ist vielleicht noch das beste und am wenigsten drückende Mittel der Ausbeutung. Wird ihnen hingegen durch einen Befehl aus Europa verboten, dies zu tun, so werden sie ein derartiges Monopol heimlich und indirekt zu errichten suchen, in einer Weise, die für das Land noch weit verderblicher ist. Sie werden sich der ganzen Regierungsgewalt bedienen und die Rechtspflege umkehren, um die zu plagen und zu Grunde zu richten, die mit ihnen in einem Handelszweige, den sie im geheimen oder wenigstens nicht offen eingestanden treiben, konkurrieren wollen. Die Privatgeschäfte der Beamten werden sich aber natürlich auf eine weit größere Menge von Artikeln erstrecken, als die Geschäfte der Gesellschaft. Letztere erstrecken sich nur auf den Handel mit Europa und umfassen nur einen Teil des Außenhandels des Landes. Die Privatgeschäfte der Beamten hingegen können sich auf <181> all' die verschiedenen Zweige sowohl des inländischen wie des auswärtigen Handels erstrecken. Das Monopol der Gesellschaft kann nur die natürliche Zunahme desjenigen Teils der überschüssigen Produktion hemmen, der bei freiem Handel nach Europa ausgeführt werden würde. Das Monopol der Beamten hemmt die natürliche Zunahme aller Produkte, in denen sie Geschäfte machen wollen, mögen sie zum inländischen Verbrauch oder zur Ausfuhr bestimmt sein, übt folglich auf den Anbau des Landes den nachteiligsten Einfluß und vermindert dessen Bevölkerung. Es vermindert die Menge der Produkte aller Art, selbst der Lebensbedürfnisse, wenn es den Beamten der Gesellschaft beliebt damit zu handeln, auf das Maß, wobei die Beamten sie mit dem ihnen gut dünkenden Gewinn kaufen und verkaufen können.

Auch nach der ganzen Beschaffenheit ihrer Lage müssen die Beamten mehr Neigung haben, ihr eigenes Interesse gegen das des Landes, welches sie verwalten, mit weit größerer Härte wahrzunehmen, als ihre Herren die ihrigen. Das Land gehört ihren Herren, die nicht umhin können, das Interesse ihres Eigentums ein wenig zu berücksichtigen. Den Beamten gehört es nicht. Das wahre Interesse ihrer Herren, wenn sie es nur zu verstehen fähig wären, ist dasselbe wie das des Landes,1 und wenn sie es bedrücken, so geschieht es hauptsächlich aus Unwissenheit und kleinlichem kaufmännischen Vorurteil. Das wahre Interesse der Beamten hingegen ist keineswegs dasselbe wie das des Landes, und auch die vollständigste Sachkenntnis würde daher ihren Erpressungen nicht notwendig ein Ende machen. Waren <182> demnach die aus Europa ergangenen Anordnungen auch oft schwach, so waren sie doch vielfach wohlmeinend. Mehr Einsicht, aber wohl weniger Wohlwollen bewiesen zuweilen die von den Beamten in Indien getroffenen Anordnungen. Das ist eine sehr seltsame Regierung, deren Mitglieder alle so schnell wie möglich aus dem Lande zu kommen und folglich nichts mehr damit zu tun zu haben wünschen, und nachdem sie das Land verlassen und ihr ganzes Vermögen mit sich genommen haben, völlig gleichgültig dagegen bleiben, ob auch das ganze Land durch ein Erdbeben verschlungen würde.

Ich bin jedoch nicht gemeint, durch das hier Gesagte den allgemeinen Charakter der Beamten der ostindischen Kompagnie und noch weniger den einzelner Personen zu verdächtigen. Es ist das Regierungssystem, die Lage, in die diese Leute gestellt sind, was ich tadle: nicht der Charakter derer, die darin tätig sind. Sie handelten so, wie es ihre Lage mit sich brachte, und die, die am lautesten gegen sie schrieen, würden vermutlich nicht besser gehandelt haben. Im Kriege und bei Verhandlungen haben sich die Regierungskollegien von Madras und Calcutta mehrmals mit einer Entschlossenheit und entschiedenen Einsicht benommen, welche dem römischen Senate in den besten Tagen der Republik Ehre gemacht haben würden. Und doch waren die Mitglieder jener Kollegien zu ganz anderen Geschäften erzogen worden als zu Krieg und Politik. Aber ihre Lage, nicht Unterricht, Erfahrung oder nur Beispiel, scheint in ihnen allen auf einmal die erforderlichen großen Eigenschaften entwickelt und Fähigkeiten und Tugenden erweckt zu haben, von deren Besitz sie selbst nichts wissen konnten. Wenn daher ihre Lage sie manchmal zu großartigen Handlungen entflammte, deren man sich nicht wohl von ihnen versehen konnte, so darf man sich auch nicht wundern, wenn sie sich dadurch <183> in anderen Fällen zu Taten von etwas anderem Charakter haben hinreißen lassen.

Solche privilegierte Gesellschaften sind also in jeder Beziehung schädlich: immer mehr oder weniger nachteilig für die Länder, in denen sie errichtet werden, und verderblich für die, welche das Unglück haben unter ihre Herrschaft zu geraten. <184>


1. Das Interesse jedes einzelnen Inhabers von Aktien der ostindisclien Kompagnie ist jedoch keineswegs gleich dem Interesse des Landes, auf dessen Regierung er durch seine Stimme einen Einfluß erhält. Siehe: Buch V. Kap. I. Teil 3.