Viertes Hauptstück. Von dem natürlichen und Marktpreise.

Wenn wir auch die Arbeit zur Grundlage des Tauschwerthes der Güter gemacht, und die verglichene Arbeitsinenge, welche zu ihrer Hervorbringung erforderlich ist, auch als das Gesetz erklärt haben, das die entsprechenden Mengen der Güter bestimme, welche von einem jeden im Tausch verkehre für das andere gegeben werden müssen; so darf hieraus noch nicht angenommen werden, als leugneten wir die zufälligen und zeitweisen Abweichungen des wirklichen oder Marktpreises der Güter von diesem ihrem ursprünglichen und natürlichen Preise.

Im gewöhnlichen Laufe der Dinge gibt es kein Gut, welches auf die Länge der Zeit genau in dem Grade von Häufigkeit ausgeboten würde, wie es der Bedarf und die Wünsche der Menschen verlangen, und folglich gibt es auch keines, welches nicht zufälligen und zeitweisen Preis Veränderungen unterworfen wäre.

Blos in Folge solcher Veränderungen wird das Kapital genau in der erforderlichen Menge und in nicht grösserer auf die Hervorbringung der Güter, welche gerade im Begehre stehen, verhällnissmässig angewendet. Mit dem Steigen oder Fallen der Preise werden auch die Gewinnste über ihren allgemeinen Gleichgewichtsstand gehoben oder unter denselben herabgedrückt und die Kapitalien entweder mit neuem Muthe in das Gewerbe, in welchem die Veränderung vorgegangen ist, angelegt oder aber mit Furchtsamkeit aus demselben wieder zurückgezogen.

Während es Jedermann frei steht, sein Kapital anzulegen, <62> wo es ihm gefällt, so wird man natürlich für dasselbe die vortheilhafteste Anlage suchen; man wird natürlich mit 10 % Gewinn nicht zufrieden sein, wenn man durch Hinwegziehung seines Kapitals einen Gewinn von 15 % machen kann. Diese rastlose Begierde auf Seiten aller Kapitalanwender, ein weniger gewinnreiches Geschäft eines vortheilhafteren willen zu verlassen, hat ein unablässiges Streben zur Folge, die Gewinnstsätze Aller einander gleich zu machen oder in solchen Verhältnissen fest zu setzen, dass sich nach der Schätzung der Parteien ein Vortheil, welchen Einer vor dem Anderen voraus hat oder zu haben scheint, ausgleicht.

Hier sehe ich zum ersten mal eine einleuchtende Begründung für eine durchschnittliche Profitrate, die ich bei Marx immer vermisst oder nicht richtig interpretiert habe. Mai 2019: Und beim erneuten Studium von MEW 26.2 kapiere ich, dass dieses Ungetüm bei dem Hartz IV Profit, den die Feudalherren den kapitalistischen Pächtern zubilligen, etwas völlig davon Verschiedenes ist. Tatsächlich müssen der Preis des Getreides und damit die Profitrate der Pächter einheitlich sein. Aber sie müssen nicht um der Einheitlichkeit willen größer sein, als sie sind, nur weil einige Nichtstuer die Hand aufhalten. Der Rentenfinanzausgleich durch die Klasse, die das Teilen am besten beherrscht, aus dem dritten Band des »Kapital« schafft hier Abhilfe.

Es ist vielleicht sehr schwer, die Schritte zu verfolgen und zu bezeichnen, auf welchen dieser Wechsel bewirkt wird: wahrscheinlich auf diese Art, dass ein Gewerbsunternehmer nicht ganz und gar seine Unternehmung wechselt, sondern blos die Grösse des Kapitals vermindert, welches er im Geschäfte stecken hat. In allen reichen Ländern gibt es eine Anzahl von Menschen, welche man Geldkapitalistenklasse (the monied class) nennt; sie treiben kein Gewerbe, sondern leben von den Zinsen ihres Geldes, welches in Wechselgeschäften oder Darleihen an den gewerb- und betriebsameren Theil des Gemeinwesens angelegt ist. Auch die Banken wenden grosse Kapitalien auf dieselbe Weise an. Dieses so angelegte Kapital bildet ein umlaufendes Kapital von hohem Belaufe und wird, in grösseren oder geringeren Theilen, von allen verschiedenen Gewerben des Landes angewendet. Da gibt es vielleicht keinen einzigen Gewerbsunternehmer, selbst unter den reichen, welcher sein Geschäft nur so weit ausdehnt, als ihm es seine eigenen Mittel erlauben; er erhält stets einen Theil dieses umlaufenden Kapitals in Zu- oder Abnahme je nach der Lebhaftigkeit der Nachfrage nach seinen Waaren. Nimmt die Nachfrage nach Seide zu, und nach Tüchern ab, so geht der Tuchmacher nicht gerade mit seinem Kapitale in ein Seidengeschäft über, sondern er entlässt einen Theil seiner Arbeiter, und unterlässt, die Banker (bankers) und Geldkapitalisten um Darleihen anzugehen; während dessen ist der Fall des Seidenfabrikanten umgekehrt: er wünscht mehr Arbeiter anzustellen und die Beweggründe zum Borgen werden bei ihm stärker, er borgt mehr und auf diese Art wird, ohne dass Einer von den Gewerksleuten sein übliches Geschäft auf <63> geben muss, das Kapital von einem Geschäfte in das andere übergetragen. Wenn wir auf die. Märkte einer grossen Stadt einen Blick werfen und dort bemerken, wie regelmässig sie mit beidem, mit in- und ausländischen Waaren, versehen werden, in der erforderlichen Menge, unter allen Umständen eines veränderlichen Begehrs, wie sich dieser eben nach den Launen des Geschmacks oder nach den Veränderungen in der Grösse der Bevölkerung gestaltet, ohne öftere Veranlassung der Folgen einer Ueberfüllung zufolge zu grossen Angebotes, oder wegen hoher Preise zufolge eines für die Nachfrage zu geringen Angebotes; so müssen wir bekennen, dass das Grundgesetz, welches jedem Geschäfte in dem erforderlichen Betrage sein Kapital verhältnissmässig zutheilt, wirksamer ist, als man gewöhnlich allgemein annimmt.

Ein Kapitalist wird, wenn er einen gewinnreichen Anlagsplatz für seine Kapitalien sucht, natürlicher Weise alle Vortheile in Betracht ziehen, welche eine Beschäftigung vor der anderen hat. Er kann daher wohl gewillt sein, einen Theil seines Geldgewinnstes fahren zu lassen, in Betracht der Sicherheit, Reinlichkeit, Behaglichkeit oder eines anderen wirkllichen oder eingebildeten Vortheiles, welchen eine Anlage vor der anderen voraus haben mag.

Wenn nun, wegen dieser Umstände die Kapitalgewinnste so gestellt wären, dass sie in einem Geschäfte 20, in einem anderen 25, und noch in einem anderen 30 % betrügen, so würden sie wahrscheinlich anhaltend in diesem gegenseitigen und blos in diesem Unterschiede zu stehen fortfahren; denn wenn irgend eine Ursache den Gewinnst des Einen davon um 10 % erhöhete, so wäre derselbe entweder nur vorübergebend und würde alsbald wieder auf seinen gewöhnlichen Satz zurücksinken, oder die Gewinnste der anderen Gewerbe würden in demselben Verhältnisse gesteigert.

Die jetzige Zeit scheint Eine der Ausnahmen von der Richtigkeit dieser Wahrnehmung zu bilden . Die Beendigung des Krieges hat die vorher bestandene Theilung der Beschäftigungen in Europa dergestalt verschoben, dass noch nicht jeder Kapitalist seinen Wirkungskreis in den neuerdings nothwendig gewordenen Geschäftstheilung gefunden hat. <64>

Lasset uns annehmen, alle Güter ständen zu ihrem natürlichen Preise, die Kapitalgewinnste seien folglich in allen Anwendungsarten genau auf demselben Stande oder weichen blos um so viel von einander ab, als nach Schätzung der Partheien irgend ein wirklicher oder nur eingebildeter Vortheil ausmacht, den sie besitzen oder fahren lassen. Gesetzt nun, ein Modewechsel steigere die Nachfrage nach Seidenstoffen und vermindere jene nach Wollensloffen, so bliebe ihr natürlicher Preis, die zu ihrer Hervorbringung nöthige Arbeitsmenge, unverändert, aber es stiege der Marktpreis der Seidenstoffe und es sänke jener der Wollenstoffe; und folglich stände der Gewinnst des Seidenfabrikanten über, jener des Wollenfabrikanten aber unter dem allgemeinen angenommenen Gewinnstsatze. Nicht nur die Gewinnste, sondern auch der Lohn der Arbeiter in diesen Geschäften würde dadurch getroffen werden. Diese gesteigerte Nachfrage nach Seidenstoffen würde nun zwar alsbald durch die Uebertragung von Kapital und Arbeit aus dem Wollengeschäfte in das Seidengeschäft gedeckt werden; wenn nun hernach die Marktpreise der Seiden- und der Wollenstoffe sich ihrem natürlichen Preise wieder näherten, so würden die entsprechenden Fabrikanten dieser Waaren wieder die üblichen Gewinnste beziehen.

Dieses Streben eines jeden Kapitalisten, seine Kapitalien aus einer weniger vortheilhaften Anlage in eine vortheilhaftere zu bringen, verhütet also, dass der Marktpreis der Güter auf die Länge der Zeit entweder um vieles über oder um vieles unter dem natürlichen Preise steht. Der Mitbewerb richtet also den Tauschwerth der Güter so ein, dass, nach Bezahlung des Lohnes für die zur Hervorbringung nöthige Arbeit, und nach Besorgung aller zur Anwendung des Kapitals nach dem ursprünglichen Grade seiner Wirksamkeit erforderlichen Auslagen, der übrig bleibende Tauschwerth oder der Ueberschuss desselben bei jedem Geschäfte im Verhältnisse stehen wird zum Tauschwerthe des verwendeten Kapitals.

Im siebenten Hauptstücke der Untersuchung über die Natur und Ursachen des Volkswohlstandes ( Smith 1.7) ist Alles, was diese Frage betrifft, sehr geschickt abgehandelt. Nachdem wir nun völlig die zeitweisen Wirkungen kennen gelernt haben, welche in <65> einzelnen Anwendungen von Kapital auf die Güterpreise, so wie auch auf den Arbeitslohn und Kapitalgewinn durch zufällige Ursachen hervorgebracht werden, ohne Einfluss auf den allgemeinen Güterpreis, Arbeitslohn oder Gewinnst zu äussern, so lange diese Wirkungen in allen Stufen der Gesellschaft gleich werkthätig sind; so wollen wir sie nun ganz ausser Betracht lassen, während wir von den Gesetzen handeln, welche die natürlichen Preise, den natürlichen Arbeitslohn und den natürlichen Gewinnst regeln, da dies Wirkungen sind, die mit jenen zufälligen Ursachen gar nicht zusammenhängen. Wenn ich daher nun vom Tauschwerthe der Güter oder von der Kaufkraft irgend eines Gutes spreche, so verstehe ich darunter jedesmal jene Kraft, welche dasselbe besitzt, in so ferne sie nicht durch irgend zeitweise oder zufällige Ursachen gestört ist, und welche ihr natürlicher Preis ist. <66>