Achtundzwanzigstes Hauptstück. Ueber den verglichenen Tauschwerth des Goldes, des Getreides und der Arbeit in reichen und armen Ländern.

»Gold und Silber,« sagt A. Smith , »sucht, wie alle anderen Waaren, natürlich den Markt auf, wo für dasselbe der beste Preis gegeben wird; und der beste wird gemeiniglich für jede Sache in dem Lande gegeben, welches ihn am besten geben kann. Arbeit ist, wie man erinnern muss, der letzte Preis, welcher für jede Sache bezahlt wird; und in Ländern, wo die Arbeit gleich gut belohnt wird, wird der Geldpreis der Arbeit zu dem Preise des Lebensunterhalts der Arbeiter in Verhältniss stehen. Aber Gold und Silber wird natürlich in einem reichen Lande gegen eine grössere Menge Lebensmittel ausgetauscht werden als in einem armen; gegen eine grössere Menge in einem Lande, das Ueberfluss an Lebensmitteln hat, als in einem solchen, welches leidlich damit versehen ist.«1

Allein Getreide ist so gut eine Waare, als Gold, Silber und andere Dinge; wenn daher alle Waaren in einem reichen Lande einen hohen Tauschwerth haben, so darf das Getreide hievon nicht ausgenommen sein; und daraus können wir mit Richtigkeit schliessen, dass Getreide gegen viel Geld ausgetauscht werde, weil es theuer sei, und dass Geld ebenfalls gegen viel Getreide ausgetauscht werde, weil auch dieses theuer sei, was so viel ist als zu behaupten, das Getreide sei theuer und <342> wohlfeil zu gleicher Zeit. Kein Satz der öffentlichen Wirthschaftslehre kann besser bewiesen sein, als der, dass ein reiches Land in demselben Verhältnisse, wie ein armes, durch die zunehmende Schwierigkeit der Herbeischaffung von Nahrungsmitteln in der Vergrösserung seiner Bevölkerung zurückgehallen wird. Diese Schwierigkeit muss nothwendigerweise den verhältnissmässigen Preis der Nahrungsmittel steigern und zu ihrer Einfuhr aufmuntern. Wie kann denn also Geld, oder Gold und Silber, in reichen Ländern gegen mehr Getreide ausgetauscht werden als in armen? Blos in reichen Ländern, wo das Getreide theuer ist, geschieht es, dass die Grundbesitzer die Gesetzgebung dazu vermögen, die Getreideeinfuhr zu sperren. Wer hörte jemals in Amerika oder Polen von einem Gesetze gegen die Einfuhr von Roherzeugnissen? - die Natur hat deren Einfuhr ganz wirksam durch die vergleichsweise Leichtigkeit ihrer Hervorbringung in diesen Ländern abgeschnitten.

Wie kann es denn also wahr sein, dass, »wenn man Getreide und andere solche Pflanzenstoffe, wie sie insgesammt durch die menschliche Gewerbsamkeit gezogen werden, ausnimmt, alle anderen Gattungen von Roherzeugnissen, - Vieh, Geflügel, Wildpret aller Art, die nutzbaren Fossilien und Mineralien der Erde u. s. w., natürlich im Verhältnisse, als die Gesellschaft vorschreitet, theuerer zu stehen kommen ?« Warum sollen Getreide und andere Pflanzenstoffe allein eine Ausnahme bilden? Dr. Smith 's Irrthum durch sein ganzes Werk hindurch beruht auf der Annahme, dass der Tauschwerth des Getreides ständig (constant) sei; dass, obschon der Tauschwerth aller anderen Dinge gesteigert werden könne, jener des Getreides nicht erhöht zu werden vermöge. Das Getreide ist nach seiner Meinung immer vom nämlichen Werthe, weil es stets die nämliche Menschenzahl ernährt. Auf dieselbe Art könnte man sagen, das Tuch sei auch immer von dem nämlichen Werthe, weil aus ihm stets die nämliche Zahl von Röcken gemacht werden kann. Was kann der Tauschwerth mit der Fähigkeit zu kleiden und zu ernähren zu thun haben?

Das Getreide hat, wie jedes andere Gut, in jedem Lande seinen natürlichen Preis, nämlich denjenigen Preis, welcher zu seiner Hervorbringung nothwendig ist und ohne welchen das <343> selbe nicht gebaut werden könnte: dieser Preis ist es, der den Marktpreis desselben bestimmt und die Thunlichkeit der Ausfuhr desselben nach fremden Ländern anzeigt. Wäre die Einfuhr des Getreides in England verboten, so könnte dessen natürlicher Preis in England auf 6 £ für den Quarter steigen, während es in Frankreich nur auf halb so viel käme. Würde nun in dieser Zeit das Einfuhrverbot aufgehoben, so würde das Getreide auf dem englischen Markte fallen und zwar nicht auf einen Preis zwischen 6 £ und 3 £, sondern am Ende und auf die Dauer auf den natürlichen Preis in Frankreich, auf den Preis, zu welchem es auf den englischen Markt geliefert werden und in Frankreich den üblichen Kapitalgewinnst gewähren könnte; und es würde auf diesem Preise verbleiben, ob nun England hunderttausend oder eine Million Quarter verzehrte. Ginge die Nachfrage Englands auf diese letztere Menge, so ist es wahrscheinlich, dass der natürliche Preis desselben in Frankreich steigen müsste, weil sich dies Land, um dieses grosse Angebot zu liefern, genöthigt sehen würde, zu Boden von schlechterer Art und Beschaffenheit seine Zuflucht zu nehmen; und dies würde alsdann von selbst den Getreidepreis in England ebenfalls treffen. Alles, was ich behaupte, ist, dass der natürliche Preis der Güter in dem ausführenden Lande zuletzt die Preise bestimmt, zu welchen sie in dem einführenden Lande abgesetzt werden, wenn sie keine Gegenstände des Monopols sind.

Allein Dr. Smith , der die Lehre vom natürlichen Preise der Güter, wie er zuletzt den Marktpreis regelt, so trefflich vertheidigt hat, nahm einen Fall an, in welchem nach seiner Meinung der Marktpreis weder durch den natürlichen Preis im Ausfuhr- noch durch jenen im Einfuhrlande bestimmt wird. »Vermindert die wirkliche Wohlhabenheit Hollands oder des Gebiets von Genua,« sagt er, »während die Einwohnerzahl desselben die nämliche bleibt; vermindert seine Fähigkeit, sich von entfernten Ländern her zu versorgen, und der Preis des Getreides wird auf die Höhe, wie in einer Hungersnoth, steigen, anstatt mit der Verringerung seiner Silbermenge, welche diesen Verfall entweder als Ursache oder als Wirkung begleiten muss, zu sinken.«2

Mir kommt es vor, als ob gerade das Umgekehrte Statt <344> finden würde: das überhaupt verminderte Kaufvermögen der Holländer oder der Genueser könnte den Preis des Getreides für einige Zeit unter den natürlichen Preis desselben in demjenigen Lande, aus dem es ausgeführt würde, so gut als wie in denjenigen Ländern, in die es eingeführt würde, herab drücken; aber unmöglich ist es, dass dasselbe ihn über diesen natürlichen Preis hinauf treiben könnte. Blos durch Erhöhung der Wohlfahrt der Holländer oder Genueser könnte man die Nachfrage vergrössern und den Getreidepreis über seinen früheren Stand hinaus steigern; und dies würde nur für sehr kurze Zeit Statt finden, es möchten denn der Erlangung des Angebotes neue Schwierigkeiten entgegentreten.

Dr. Smith bemerkt weiter über diesen Gegenstand: »Wenn wir an Bedürfnissmitteln Mangel leiden, so müssen wir uns von allen Ueberflüssigkeiten lossagen, deren Tauschwerth in Zeiten der Armuth und des Elends sinkt, wie er auch in Zeiten des Wohlstandes und Glückes steigt.« Das ist ohne Zweifel wahr; aber er fährt fort: »Anders verhält es sich mit den Bedürfnissen. Ihr Sachpreis, die Arbeitsmenge, welche sie erkaufen oder zur Verfügung erlangen können, steigt in Zelten der Armuth und des Elends und sinkt in Zeiten des Wohlstandes und Glückes, was immer Zeiten grossen Ueberflusses sind, denn sie könnten sonst nicht Zeiten des Wohlstandes und Glückes sein. Das Getreide ist ein Bedürfniss, das Silber aber nur eine Ueberflüssigkeit.«3

Zwei Behauptungen sind hierin aufgestellt, welche mit einander in keiner Verbindung stehen; die Eine, dass unter den angenommenen Umständen das Getreide über mehr Arbeit verfügen werde, - was nicht bestritten ist; die Andere, dass das Getreide zu einem höheren Geldpreise verkauft, dass es gegen mehr Silber ausgetauscht werde; dies, behaupte ich, ist ein Irrthum. Es könnte wahr sein, wenn das Getreide zu dieser Zeit seltener, - wenn das gewöhnliche Angebot nicht geliefert worden wäre. Allein in diesem Falle ist es in reichlichem Maasse vorräthig, es ist nicht behauptet worden, dass eine geringere Menge als die gewöhnliche eingeführt worden, oder dass mehr erforderlich sei. Um Getreide zu kaufen, haben die Holländer oder Genueser Geld nöthig, und um dieses Geld zu <345> bekommen, müssen sie ihre Ueberflüssigkeiten verkaufen. Der Markttauschwerth und Marktpreis dieser Ueberflüssigkeiten ist es, der sinkt, und jener des Geldes scheint nur im Vergleiche damit zu steigen. Allein dies wird nicht auf eine Vermehrung der Nachfrage nach Getreide hinaus gehen, noch auf eine Erniedrigung des Tauschwerthes des Geldes, die zwei einzigen Ursachen, welche den Preis des Getreides zu steigern im Stande sind. Das Geld kann wegen Mangel an Kredit und wegen anderer Ursachen sehr gesucht und füglich im Vergleiche mit Getreide theuer sein; aber nach keinem richtigen Grundsatze kann behauptet werden, dass unter solchen Umständen das Geld wohlfeil und desshalb der Getreidepreis steigen werde.

Wann wir vom hohen und niedrigen Tauschwerthe des Goldes, Silbers oder irgend einer anderen Waare in verschiedenen Ländern reden, so sollten wir jedesmal ein Mittel anführen, in welchem wir ihn schätzen, oder es kann ohne dies kein Sinn in den Satz gebracht werden. Wann man sagt, das Gold sei in England theurer als in Spanien, was hat da die Behauptung für eine Bedeutung, wenn keine Waare dazu genannt wird? Wenn Getreide, Oliven, Oel, Wein und Wolle in Spanien wohlfeiler sind, als in England, so ist Gold, geschätzt in diesen Waaren, in Spanien theurer. Wenn dagegen Stahlwaaren, Zucker, Tuch u. s. w. in England wohlfeiler sind, als in Spanien, dann ist Gold, geschätzt in diesen Waaren, in England theurer. So erscheint Gold theurer oder wohlfeiler in Spanien, je nachden die Einbildungskraft des Beobachters ein Mittel zur Schätzung seines Tauschwerthes festsetzte. Da A. Smith Getreide und Arbeit als allgemeine Tauschwerthsmaasse bezeichnet hat, so wollte er natürlich den verglichenen Tauschwerth des Goldes durch die Menge von diesen zwei Gegenständen schätzen, gegen welche es ausgetauscht wird: und wann er demgemäss vom verglichenen Tauschwerthe des Goldes in zwei Ländern spricht, so verstehe ich es so, als meine er dessen in Getreide und Arbeit geschätzten Tauschwerth.

Wir haben aber gesehen, dass Gold, geschätzt in Getreide, in zwei Ländern von sehr verschiedenem Tauschwerthe sein kann. Ich habe zu zeigen gesucht, dass es in reichen Ländern niedrig und in armen Ländern hoch stehen wird. A. Smith ist <346> anderer Meinung: er ist der Ansicht, der Tauschwerth des Goldes, geschätzt in Getreide, sei am höchsten in reichen Ländern. Allein ohne weiter zu untersuchen, welche von diesen Ansichten die richtige sei, es kann eine jede genügen, um zu zeigen, dass das Gold nicht nolhwendig niedriger stehen muss in denjenigen Ländern, welche Goldgruben besitzen, obschon dies ein Satz ist, den A. Smith behauptet. Gesetzt, England sei im Besitze von Goldgruben, und A. Smith's Ansicht, das Gold habe in reichen Ländern den grössten Tauschwerth, sei richtig: so würde, obgleich Gold aus England natürlich in alle anderen Länder im Tausche gegen ihre Güter gehen würde, noch nicht folgen, dass es, verglichen mit Getreide und Arbeit, in England nothwendig niedriger stehe, als in jenen anderen Ländern. An einer anderen Stelle spricht indessen A. Smith von den Edelmetallen, dass sie nämlich in Spanien und Portugal nothwendig niedriger stünden, als in anderen Theilen Europas, weil diese Länder zufällig fast die ausschliesslichen Besitzer der Gruben sind, welche sie liefern. »Polen, wo noch das Feudalsystem herrscht, ist heut zu Tage ein so armes Land, als es vor der Entdeckung von Amerika war. Der Geldpreis des Getreides indessen ist gestiegen, der Sachwerth der Edelmetalle ist gesunken in Polen, auf dieselbe Art und Weise wie in anderen Theilen Europas. Ihre Menge muss also daselbst, wie an anderen Plätzen und zwar fast in dem nämlichen Verhältnisse zum jährlichen Erzeugnisse des Bodens undderArbeit zugenommen haben. Diese Zunahme der Menge dieser Metalle hat jedoch, scheint's, dieses jährliche Erzeugniss nicht vermehrt, auch die Gewerke und den Ackerbau des Landes nicht gehoben, noch die Lage der Einwohner verbessert. Spanien und Portugal, die Länder, welche im Besitze der Goldgruben sind, sind nach Polen vielleicht die zwei ärmsten Länder in Europa. Der Werth der Edelmetalle muss jedoch in Spanien und Portugal niedriger sein, als in irgend anderen Theilen von Europa, denn diese haben nicht blos die Fracht und Versicherung, sondern auch die Smuggelkosten zu tragen, da die Ausfuhr entweder verboten oder mit einem Zolle belegt ist. Im Verhältnisse zu dem jährlichen Erzeugnisse des Bodens und der Arbeit müsste <347> also ihre Menge grösser sein in diesen Ländern, als in irgend einem anderen Theile von Europa; diese Länder sind indessen ärmer als der grössere Theil von Europa. Obgleich nun das Feudalsystem in Spanien und Portugal beseitigt worden ist, so ist doch kein viel besseres auf dasselbe gefolgt.«4

Dr. Smith's Behauptung scheint mir folgende zu sein: - Gold ist, wann es in Getreide geschätzt wird, in Spanien wohlfeiler als in anderen Ländern, und der Beweisgrund dafür ist nicht dass andere Länder für das Gold an Spanien Getreide abgeben, sondern dass für dieses Metall von diesen Ländern Tuch, Zucker, Stahlwaaren ausgetauscht werden. <348>


1. Smith 1.11.263

2. Smith 1.11.265, 266

3. Smith 1.11.266

4. Smith 1.11.329, 330