Sechsundzwanzigstes Hauptstück. Ueber rohes und reines Einkommen.

A. Smith preist unaufhörlich die Vortheile, welche ein Land eher von einem grossen rohen, als von einem grossen reinen Einkommen ziehe. »Im Verhältnisse,« sagt er, »als ein grösserer Theil des Kapitals auf den Ackerbau verwendet wird, wird auch die Menge hervorbringender Arbeit, welche es im Inlande in Bewegung setzt, grösser sein; wie es auch gleichweise der Werth sein wird, welchen dessen Anwendung dem jährlichen Erzeugnisse des Bodens und der Arbeit der Gesellschaft gibt. Nach dem Ackerbaue setzt das in den Gewerken angelegte Kapital die grösste Menge hervorbringender Arbeit in Bewegung und setzt dem jährlichen Erzeugnisse den grössten Werth bei. Dasjenige Kapital, welches im Ausfuhrhandel angelegt wird, hat die geringste Wirkung unter diesen drei Anlagearten.«1 (Smith quelle )

Für einen Augenblick angenommen, dies sei wahr; was für ein Vortheil würde wohl für ein Land aus der Anwendung einer <316> grossen Menge hervorbringender Arbeit entspringen, wenn seine reine Rente und seine Gewinnste zusammengenommen dieselben wären, ob nun jene Arbeitsmenge oder eine geringere angewendet wäre? Das ganze Erzeugniss des Bodens und der Arbeit eines jeden Landes zerfällt in drei Theile: einer davon ist für Arbeitslohn, ein anderer für Gewinnste, und der andere für die Rente bestimmt. Blos von den beiden letzteren Theilen können Abzüge für Abgaben oder Ersparnisse gemacht werden; der Erstere macht immer, wenn er mässig ist, die nothwendigen Hervorbringungsauslagen aus.2 Für einen Einzelnen, welcher ein Kapital von 20,000 £ besitzt, dessen Gewinnst 2000 £ jährlich beträgt, würde es höchst gleichgiltig sein, ob sein Kapital hundert oder tausend Menschen beschäftigt, ob das hervorgebrachte Gut um 10,000 oder 20,000 £ verkauft wird, vorausgesetzt, dass in keinem Falle sein Gewinnst unter 2000 £ herab ginge. Ist nicht das wirkliche Interesse eines Volkes ein gleiches? Vorausgesetzt, sein reines wirkliches Einkommen, seine Rente und sein Gewinnst seien dieselben, so ist es von gar keiner Bedeutung, ob das Volk aus zehn oder zwölf Millionen Einwohnern besteht. Seine Fähigkeit, seine Flotten und Heere und alle Arten von nichthervorbringender Arbeit zu erhalten, muss im Verhältnisse stehen zu seinem reinen und nicht zu seinem rohen Einkommen. Könnten fünf Millionen Menschen so viel Nahrung und Kleidung hervorbringen, als zehn Millionen Menschen bedürfen, so wären Nahrung und Kleidung für fünf Millionen Menschen das reine Einkommen. Würde es für ein Land von irgend einem Nutzen sein, wenn zur Hervorbringung dieses nämlichen reinen Einkommens sieben Millionen Menschen erforderlich wären, d. h. wenn sieben Millionen Menschen anzuwenden wären, um genug Nahrung und Kleidung für zwölf Millionen Menschen hervorzubringen ? die Nahrung und Kleidung für fünf Millionen Menschen würde noch das reine Einkommen <317> sein. Die Anwendung einer grösseren Menschenzahl würde uns weder in den Stand setzen, unsere Heere und Flotten um einen Mann zu vermehren, noch eine Guinee mehr an Steuern beizutragen.

Nicht auf Gründe irgend eines unterstellten, aus einer grossen Bevölkerung erwachsenden, Vortheils, oder auf Gründe der Wohlfahrt, welche eine grössere Anzahl menschlicher Wesen geniessen könnte, stützt A. Smith den Vorzug, welchen er derjenigen Kapitalanwendung gibt, die die grösste Menge von Arbeit in Bewegung setzt, sondern vielmehr ausdrücklich auf den Grund der Erhöhung der Macht eines Landes;3 denn er sagt, »der Reichthum, und, in so ferne Macht von Reichthum abhängt, die Macht jedes Landes müsse im Verhältniss stehen zum Werthe seines jährlichen Erzeugnisses, des Fonds, aus welchem zuletzt alle Steuern bezahlt würden.«4 Es muss indessen einleuchten, dass das Vermögen, Steuern zu entrichten, zum reinen und nicht zum rohen Einkommen im Verhältniss steht.

Bei der Geschäftsvertheilung unter allen Ländern wird natürlich das Kapital ärmerer Völker auf solche Erwerbsarten verwendet werden, in welchen eine grosse Arbeitsmenge im Inlande erhalten wird, weil in solchen Ländern die Nahrung und andere Bedürfnisse einer steigenden Bevölkerung am leichtesten herbei geschafft werden können. . In reichen Ländern dagegen, wo die Nahrungsmittel theuer sind, wird, wenn der Verkehr frei ist, das Kapital natürlich denjenigen Beschäftigungen zuströmen, in welchen die geringste Arbeitsmenge im Inlande erhalten zu werden braucht: wie z. B. dem Zwischenhandel, dem entfernten auswärtigen Handel, in Geschäfte, welche kostspielige Maschinen erfordern, in Geschäfte, in welchen der Gewinnst zum Kapitale und nicht zu der angewendeten Arbeitsmenge im Verhältniss steht.5 <318>

Wenngleich ich nun zugebe, dass nach der Natur der Rente ein gegebenes, im Ackerbaue auf irgend einen, aber nur nicht auf den zuletzt angebauten Boden angewendetes, Kapital eine grössere Arbeitsmenge in Bewegung setzt, als ein gleich grosses in den Gewerken und im Handel angelegtes Kapital: so kann ich doch nicht zugeben, dass irgend ein Unterschied vorhanden sei zwischen der Arbeitsmenge, welche durch ein im Binnenhandel angelegtes, und derjenigen, welche durch ein ebenso grosses im auswärtigen Handel angelegtes Kapital beschäftigt wird.

»Das Kapital, welches schottische Gewerkswaaren nach London sendet, und englisches Getreide und englische Gewerksgüter nach Edinburg zurückbringt,« sagt A. Smith , »ersetzt natürlich durch jedes solche Geschäft zwei brittische Kapitalien, welche beide im Ackerbaue oder in den Gewerken Grossbritanniens angelegt wären.«

»Das Kapital, welches zum Ankaufe ausländischer Güter für inländischen Verbrauch verwendet wird, ersetzt, wann jener Einkauf mit Erzeugnissen der einheimischen Gewerb- und Betriebsamkeit geschieht, bei jedem solchen Geschäfte zwei geschiedene Kapitalien; aber blos Eines davon ist zur Unterhaltung einheimischer Arbeit angelegt. Das Kapital, welches brittische Güter nach Portugal sendet und portugiesische nach Grossbrittannien zurückbringt, ersetzt bei jedem solchen Geschäfte blos ein brittisches Kapital, das andere ist ein portugiesisches. Wenngleich nun die Umsätze des auswärtigen Verbrauchshandels so rührig wären, wie der Binnenhandel, so gibt das in dem Ersteren angewendete Kapital der Gewerbsamkeil oder hervorbringenden Arbeit des Landes eine nur halb so starke Aufmunterung.«6

Diese Beweisführung scheint mir betrüglich zu sein; denn, <319> obgleich zwei Kapitalien, ein portugiesisches und ein englisches, beschäftigt sind, wie Dr. Smith annimmt, so wird doch ein doppelt so grosses Kapital im auswärtigen Handel angelegt sein, als im Binnenhandel Eines angelegt sein würde. Gesetzt, Schottland wende ein Kapital von tausend Pfund auf die Verfertigung von Leinenzeugen an, welche es gegen das Erzeugniss eines gleichen Kapitals austausche, das in England zur Verfertigung von Seidenstoffen angelegt wäre. Zweitausend Pfund und eine verhältnissmössige Menge von Arbeit werden so in beiden Ländern beschäftigt sein. Angenommen nun, England mache die Entdeckung, dass es aus Deutschland mehr Leinenzeuge für die Seidenstoffe, die es früher nach Schottland ausführte, einführen könne; und Schottland mache die Entdeckung, dass es gegen seine Leinenzeuge aus Frankreich mehr Seidenstoffe beziehen könne, als es vorher aus England dafür bekam; - werden nicht England und Schottland unverweilt aufhören, Eines mit dem Anderen zu handeln, und wird nicht der Verbrauchsbinnenhandel in einen auswärtigen Verbrauchshandel umgewandelt werden? - Allein obschon zwei Kapitalien mehr in diesen Handel gehen werden, nämlich das deutsche und das französische Kapital, wird nicht dennoch fortwährend der nämliche Betrag an schottischem und englischem Kapitale in Anwendung sein und die nämliche Arbeitsmenge in Bewegung setzen, als wie da derselbe im Binnenhandel angelegt war? <320>


1. Say ist mit A. Smith von gleicher Meinung: »die hervorbringendste Kapitalanlage für das Land im Allgemeinen ist, nach der auf den Grund und Boden, jene in den Gewerken und im Binnenhandel; denn sie setzt eine Gewerb- und Betriebsamkeit in Thätigkeit, deren Gewinnste im Lande selbst gemacht werden, während diejenigen Kapitalien, welche im auswärtigen Handel angelegt sind, die Gewerbsamkeit und Ländereien aller Länder ohne Unterschied hervorbringend machen. Die am wenigsten günstige Kapitalanlage für ein Volk ist die, die Erzeugnisse des einen fremden Landes in ein anderes zu bringen.« Buch II. Hptst. 8.

2. Vielleicht ist dies zu scharf ausgedrückt, da im Allgemeinen den Arbeitern unter dem Namen Lohn mehr zukommt, als der Betrag der unbedingt nothwendigen Hervorbringungskosten. In solchem Falle empfangen die Arbeiter einen Theil des reinen Erzeugnisses des Landes, und er kann von ihnen zurückgelegt oder ausgegeben werden, oder er mag dieselben in Stand setzen, zur Vertheidigung des Landes beizutragen.

3. Say hat mich völlig missverstanden, indem er annimmt, ich hätte die Wohlfahrt so vieler menschlichen Wesen für nichts geachtet. Ich denke, der Text wird genugsam zeigen, dass ich meine Bemerkungen auf die besonderen Gründe richtete, auf welche sich A. Smith stützte.

4. Smith 2.5.133

5. »Es ist ein wahres Glück, dass der natürliche Gang der Dinge nicht in diejenigen Geschäfte Kapital zieht, wo die grössten Gewinnste gemacht werden, sondern in diejenigen, wo seine Wirkung für das Gemeinwesen den grössten Vortheil bringt.« Say . Buch II. Hptst. 8. § 3. Say hat uns nicht gesagt, was dies für Geschäfte sind, welche dem Staate nicht den meisten Vortheil bringen, während sie doch für die Einzelnen die vortheilhaf testen sind. Wenn Länder von beschränktem Kapitalbesitze, aber mit Ueberfluss an fruchtbarem Boden, sich nicht frühzeitig auf den auswärtigen Handel einlassen, so liegt der Grund hievon darin, dass es den Einzelnen und folglich auch dem Staate weniger Vortheil bringt.

6. Smith 2.5.128 dort tippfehler 129