Achtes Hauptstück. Von den Steuern.

Steuern sind ein Theil von dem Erzeugnisse des Bodens und der Arbeit eines Landes, der zur Verfügung der Regirung gestellt wird; und sie werden immer zuletzt entweder von dem Kapitale oder von dem Einkommen des Landes bezahlt.

Wir haben bereits dargelegt, wie das Kapital eines Landes entweder stehendes oder umlaufendes ist, je nach seiner mehr oder weniger dauerhaften Natur. Es ist schwer, genau anzugeben, wo der Unterschied zwischen dem umlaufenden und dem stehenden Kapitale beginnt: denn es gibt fast unendliche Abstufungen in der Dauerhaftigkeit des Kapitals. Die Nahrungsmittel eines Landes werden wenigstens einmal jedes Jahr verzehrt und wieder hervorgebracht: die Kleidung des Arbeiters wird vermuthlich in weniger als zwei Jahren nicht verbraucht und wieder hervorgebracht: während die Dauer des Hausrathes auf zehn oder zwanzig Jahre berechnet ist.

Wann das jährliche Erzeugniss eines Landes seine jährliche Verzehrung übersteigt, dann sagt man, sein Kapital nehme zu; wann seine jährliche Verzehrung nicht wenigstens durch seine jährliche Hervorbringung ersetzt wird, dann sagt man, sein Kapital nehme ab. Das Kapital kann folglich durch vergrösserte Hervorbringung oder durch verringerte Verzehrung vermehrt werden.

Wenn die Verzehnung der Regirung, indem sie durch Erhebung von mehr Steuern vergrössert wird, entweder mit einer gesteigerten Hervorbringung oder mit einer verminderten Verzehrung auf Seiten des Volks zusammentrifft, so fallen die <123> Steuern auf das Einkommen, und das Volkskapital wird ungeschmälert bleiben; wenn aber keine vermehrte Hervorbringung oder verringerte, nichthervorbringende Verzehrung auf Seiten des Volkes stattfindet, so werden die Steuern nothwendiger Weise auf das Kapital fallen, d. h. sie werden den zu hervorbringendem Verbrauche bestimmten Vermögensstamm schmälern.1

Im Verhältnisse, als das Kapital eines Landes vermindert wird, nehmen auch nothwendig seine Erzeugnisse ab; und es werden folglich, wenn die nichthervorbringenden (unproductive) Ausgaben auf Seiten des Volks und der Regirung sich fortwährend gleich bleiben, bei einer beständigen Abnahme der jährlichen Wiederhervorbringung (reproduction), die Hilfsquellen des Volkes und Staates mit zunehmender Schnelligkeit verfallen und Jammer und Verderben erfolgen.

Ungeachtet der ungeheueren Ausgaben der englischen Regirung während der letzten zwanzig Jahre, kann doch wenig Zweifel darüber sein, dass die erhöhete Hervorbringung auf Seiten des Volkes dieselben mehr als ersetzt hat. Das Volkskapital ist nicht nur ungeschmälert geblieben, sondern es hat sogar sehr zugenommen, und das jährliche Volkseinkommen ist, selbst nach der Entrichtung der Steuern, wahrscheinlich jetzt grösser, als in irgend einem Zeitabschnitte unserer Geschichte.

Zum Beweise hievon möchten wir uns auf die Zunahme der Bevölkerung, auf die Ausdehnung des Ackerbaues, auf die Erweiterung der Schifffahrt und des Gewerkswesens, auf die Anlage von Docken, auf die Eröffnung zahlreicher Kanäle, so wie auch auf noch manche andere kostspielige Unternehmungen <124> beziehen, - alles Zeichen einer Vergrösserung sowohl des Kapitals als der Bevölkerung.

Ucbrigens ist doch gewiss, dass ohne Besteuerung die Zunahme des Kapitals noch viel grösser gewesen wäre. Es gibt keine Steuern, welche nicht eine Wirkung haben, die Fähigkeit der Kapitalansammlung zu schwächen. Alle Steuern müssen entweder auf das Kapital oder auf das Einkommen fallen. Wenn sie das Kapital angreifen, so müssen sie verhältnissmässig die Grundlage schmälern, durch deren Ausdehnung der Umfang der hervorbringenden Gewerb- und Betriebsamkeit des Landes immerhin bestimmt werden muss; und wenn sie auf das Einkommen fallen, so müssen sie entweder die Kapitalansammlung vermindern oder die Steuerpflichtigen zwingen, den Steuerbetrag durch eine entsprechende Einschränkung in der früheren, nichthervorbringenden Verzehrung von Lebensbedürfnissen und Gegenständen des Wohllebens zu ersparen. Einige Steuern bringen diese Wirkungen in einem viel grösseren Grade als andere hervor; aber der grosse Nachtheil der Besteuerung ist nicht sowohl in der Auswahl der steuerbaren Gegenstände, als vielmehr in der Gesammtheit der Wirkungen derselben zu suchen.

Steuern sind nicht nothwendig Kapitalsteuern, weil sie auf das Kapital umgelegt sind, noch Einkommensteuern, weil sie auf das Einkommen umgelegt sind. Wenn ich von meinem Einkommen von 1000 £ jährlich eine Steuer von 100 £ bezahlen muss, so ist sie wirklich eine Steuer von meinem Einkommen, wenn ich mich mit der Ausgabe des Bestes von 900 £ begnüge; aber sie wird eine Kapitalsteuer sein, wenn ich fortfahre, 1000 £ auszugeben.

Das Kapital, von welchem mein Einkommen von 1000 £ herrührt, kann einen Tauschwerth von 10,000 £ haben; eine Steuer von 1 % von solch' einem Kapitale würde 1 00 £ betragen; aber mein Kapital würde unangegriffen bleiben, wenn ich mich, nach Zahlung dieser Steuer, gleichfalls mit einer Ausgabe von 900 £ begnügte.

Das Streben, welches Jedermann hat, seine Lebenslage zu behaupten und seinen Wohlstand auf der Höhe zu erhalten, welche er einmal erreicht hat, verursacht, dass die meisten Steuern, mögen sie auf Kapital oder Einkommen umgelegt sein, vom Einkommen bezahlt werden, und deshalb müssen, mit der <125> Zunahme der Besteuerung oder mit der Vermehrung der Staatsausgaben, die jährlichen Genüsse des Volkes abnehmen, das Volk müsste denn in Stand gesetzt sein, seine Kapitalien und sein Einkommen verhältnissmässig zu vermehren.

Ist es die Aufgabe des Staates, den öffentlichen Konsumtionsfonds zu begründen und zu erhalten (Bildung, Kultur, Gesundheit, Infrastuktur, Kinder- und Altenpflege usw.), so wachsen die Genüsse des Volkes mit dem Wachstum der Steuern.

Es sollte die Sorge der Regirungen sein, die Neigung des Volkes hiefür zu ermuthigen und niemals solche Steuern aufzulegen, welche unausweichlich auf das Kapital fallen; denn so lange sie dies Letztere thun, schmälern sie die Mittel zur Erhaltung der Arbeit und vermindern hiedurch die zukünftige Hervorbringung des Landes.

In England hat man diese Sorge vernachlässigt, in der Taxe von den gerichtlichen Bestätigungen der Testamente, in der Vermächtnisssteuer, und in allen Taxen von der Uebertragung des Eigenthums von Todten auf Lebende. Wird ein Vermächtniss von 1000 £ einer Steuer von 100 £ unterworfen, so betrachtet der Vermächtnissnehmer sein Vermächtniss nur wie 900 £ und fühlt keinen besonderen Beweggrund, an seinen Ausgaben 100 £ Steuer zu ersparen, und das Kapital des Landes ist dadurch vermindert. Hätte derselbe aber wirklich 1000 £ erhalten und 100 £ als eine Steuer vom Einkommen, vom Weine, von Pferden oder von Bedienten zahlen müssen, so würde er wahrscheinlich seine Ausgaben vermindert oder doch nicht um diese Summe vermehrt haben und das Kapital des Landes würde ungeschmälert geblieben sein.

Diese Unerscheidung zwischen Steuern auf Einkommen und Steuern auf Kapital ist wichtig. Die beiden Einkommen aus der Mindestarbeit und der Mehrarbeit greifen den individuellen Konsumtionsfonds der Arbeiter und Kapitalisten an, um den allgemeinen Konsumtionsfonds des Volkes zu generieren und zu erhalten. Sie lassen das konstante Kapital unberührt.

»Steuern vom Eigenthumsübertrage von Todten auf Lebende, sagt Adam Smith, fallen am Ende, so gut wie sofort, unmittelbar auf die Personen, auf welche das Eigenthum übertragen wird. Steuern vom Verkaufe von Grund und Boden fallen insgesammt auf den Verkäufer. Der Verkäufer befindet sich fast immer in der Nothwendigkeit, zu verkaufen, und muss daher einen Preis nehmen, wie er ihn bekommen kann. Der Käufer ist kaum irgend einmal genöthigt zu kaufen, und er wird daher nur einen Preis bezahlen, wie er ihm beliebt. Er erwägt, was der Grund und Boden ihm, den Preis und die Steuer zusammen genommen, kostet. Je mehr er auf dem Wege der Steuer zahlen muss, um so weniger wird er auf dem Wege des Preises zu geben geneigt sein. Solche Steuern fallen daher fast immer der durch die Nothwendigkeit gezwungenen Person zur Last, »und müssen folglich sehr hart und drückend sein.« »Stempel <126> abgaben und Einschreibegebühren von Schuldscheinen und Vertragsurkunden über Gelddarleihen, fallen insgesammt auf den Entlehner und werden in der That immer durch ihn bezahlt. Abgaben derselben Art von gerichtlichem Verfahren fallen auf die Partheien. Sie verkürzen Beiden den Kapitalwerth des streitigen Gegenstandes. Je mehr es kostet, ein Eigenthum zu erwerben, um so geringer muss der reine Tauschwerth sein, wann es erworben ist. Alle Steuern von Eigenthumsüberträgen jeder Gattung streben, so weit sie den Kapitalwerth dieses Eigenthums vermindern, die Mittel zu verringern, welche zur Erhaltung der Arbeit bestimmt sind. Sie sind sämmtlich mehr oder weniger verschwenderische Abgaben, welche das Einkommen des Fürsten, welches selten andere als nichthervorbringende Arbeiter unterhält, auf Kosten des Volkskapitals erhöhen, das keine andere als hervorbringende Arbeiter unterhält.« (Smith 5.2 ) Allein dies ist nicht der einzige Vorwurf gegen Steuern von Uebertragungen des Eigenthums; sie verhindern, dass das Volkskapital auf dem für das Gemeinwesen vortheilhaftesten Wege vertheilt wird. Was die allgemeine Wohlfahrt anbelangt, so kann dem Umsatze und Umtausche aller Gattungen von Eigenthum nicht zu viel Leichtigkeit gegeben werden, denn durch diese Mittel vermag Kapital jeder Art seinen Weg in die Hände Derjenigen zu finden, welche es am besten zur Vermehrung der Landeserzeugnisse verwenden. »Warum, frägt Say, wünscht Jemand seinen Grund und Boden zu verkaufen? weil er eine andere Anlage in Aussicht hat, in welcher sein Kapital mehr hervorbringen wird. Warum wünscht ein Anderer diesen nämlichen Grund und Boden zu kaufen? um ein Kapital anzuwenden, das ihm zu wenig einträgt, das nicht angelegt war, oder dessen Benutzung er einer Verbesserung fähig erachtet. Dieser Umtausch wird das allgemeine Einkommen vergrössern, indem es das Einkommen dieser Partheien erhöht. Wenn aber die Lasten so unmässig sind, dass sie den Tausch hemmen, so sind sie ein Hinderniss der Erhöhung des allgemeinen Einkommens;« Uebrigens werden diese Steuern ohne Mühe erhoben; und dies wird von Manchem so angeschlagen, als ob es eine Ausgleichung für ihre nachtheiligen Folgen herbeiführe. <127>


1. Alle Erzeugnisse eines Landes werden immerdar verbraucht; aber es macht den denkbar grössten Unterschied, ob sie verbraucht werden von Denjenigen, welche wieder, oder von Denjenigen, welche nicht wieder einen anderen Werth hervorbringen. Indem wir sagen, Einkommen werde erspart und zum Kapital geschlagen, so meinen wir, dass der zum Kapital geschlagene Theil des Einkommens durch hervorbringende, anstatt durch nichthervorbringende, Arbeiter verzehrt wird. Es kann keinen grösseren Irrthum geben, als die Annahme, dass das Kapital durch Nichtverzehrung vermehrt werde. Wenn der Preis der Arbeit so hoch steigen würde, dass, unerachtet der Kapitalvermehrung, nicht mehr Arbeit beschäftigt werden könnte, so würde ich sagen, eine solche Kapitalvermehrung werde immerhin nichthervorbringend verbraucht.