David Ricardo's Grundgesetze der Volkswirthschaft und Besteuerung.

Aus dem Englischen übersetzt und erläutert von Dr. Ed. Baumstark,

Ord. Prof., Geh. Reg.-Rath, Mitglied des Herreshauses.

Zweite durchgesehene, verbesserte und vermehrte Auflage.

Leipzig,

Verlag von Wilhelm Engelmann.

1877.

Neu gelesen und mit Anmerkungen versehen von Lothar Seidel, Frankfurt am Main 2017

Vorrede des Uebersetzers, zur ersten Auflage.

Wenn ich alle Gründe, welche mich zur Uebersetzung des vorliegenden Buches bestimmt haben, freimüthig angeben würde, so liefe ich Gefahr, mir durch meine Geradheit noch mehr zu schaden, als ich mir als Schriftsteller bereits dadurch geschadet zu haben scheine. Der vorurtheilsfreie und gutdenkende Kenner unserer volks- und staatswirthschaftlichen Literatur wird dieselben schon längst aufgefunden haben. Ich will daher nur Einen meiner Bestimmgründe zu dieser Arbeit angeben.

Ricardo scheint mir ein viel besprochener, aber wohl wenig durchkannter, volks- und staatswirthschaftlicher Schriftsteller zu sein. Sonst wäre es wohl nicht möglich, dass man allenthalben seinen Ernst und Scharfsinn in den Himmel erhebt, und doch fast überall, wo nur seiner gedacht wird, Lächerliches und Oberflächliches von ihm anführt. Ricardo erscheint, - so kommt es mir vor -, in Deutschland nur maskirt mit dem Rocke der deutschen Volkswirthschaftslehre, und wie man die Kinder oft mit Recht vor Masken warnt, so schreckt man in Deutschland von Ricardo ab, weil er viel zu tief, zu trokken und zu kurz sei, um nicht auch räthselhaft, unangenehm, paradox und dunkel zu erscheinen. Allein Ricardo forscht überall nach den unwandelbaren Grundgesetzen des Verkehrs, gerade so <VI> wie der Naturforscher nach den unabänderlichen Grundgesetzen der Natur. Er leugnet die unendlichen Mannigfaltigkeiten ihrer Erscheinung, die oft den Anschein des Widerspruchs haben, keineswegs, aber er hat sich nicht zur Aufgabe gemacht, dieselben überall anzudeuten, zu erklären und in ihren entferntesten Folgen darzustellen. Seine Urtheilsführung ist gedrängt, seine Sprache bündig, sein Vorschreiten bedachtsam, aber sein leitender Grundgedanke dermaassen durch alle seine Untersuchungen durchgehend und seine Begriffe so scharf und überall festgehalten, dass man kein Hauptstück aus sich allein erklären, geschweige denn eine einzelne Stelle seines Buches aus dem Zusammenhange nehmen oder gar, - was aber meistens geschieht, - einem anderen Systeme angehörende Begriffe in seine Untersuchungen und Behauptungen übertragen kann, ohne ihm die lächerlichsten und stumpfesten Sätze unterzuschieben. Er will ganz und will öfters gelesen und durchdacht werden, wie alle grössten Schriftsteller aller Zeiten und Fächer.

Weil es mir als ein grosser Gewinn für Deutschland erscheint, wenn Ricardo's Grundgesetze die deutsche Volks- und Staatswirthschaft durchdringen, und weil mir die Erfahrung zu zeigen scheint, dass die englische Sprache ein Hinderniss hiegegen ist; so habe ich es gewagt, denselben in's Deutsche zu übersetzen und zu erläutern.

Jede Uebersetzung ist ein Wagniss, und gut übersetzen ausserordentlich schwer, oft schwerer, als ein eigenes Buch schreiben. Leichtsinnige Uebersetzungen gibt es in Menge, die Zahl der durchdachten ist sehr gering. Es wäre mir leid, wenn die vorliegende des Ricardo in den Tross der Ersteren eingereiht werden müsste. Ich habe geglaubt, ich begehe durch diese Uebersetzung keine Vermessenheit, weil ich den Ricardo in Folge mehrjähriger Studien fast auswendig gelernt hatte, ehe mir der Gedanke an dessen Uebersetzung kam. Auch sind mir die Grundsätze, welche dem Uebersetzer die Hand führen <VII> sollen, nicht ganz fremd. Ich muss es mir versagen, die Worte eines der geistreichsten und grössten Gelehrten Europas hier anzuführeti, weil es eine gewisse Lieblosigkeit, die sich mit beleidigtem Ehrgeize paart, gibt, welche die grösste Verehrung vor einem grossen Manne gerne als Anmaissung und Eigendünkel darstellt. Es sind jenes die unsterblichen Worte, welche Wilhelm von Humboldt in der Einleitung zu seiner Uebersetzung des Agamemnon von Aeschylus über das Uebersetzen gesagt hat. Ich nehme blos seine ausgesprochenen Grundsätze heraus. Der Uebersetzer soll nach einfacher Treue in Betreff des wahren Charakters seines Originals, und nicht in Betreff bloser Zufälligkeiten streben. Unerlässliche Bedingung ist dabei einfache und anspruchslose Liebe zum Originale und Studium desselben. Nothwendig hat die Uebersetzung die Farbe der Fremdheit, aber sie soll nicht eine Fremdheit, sondern nur das Fremde fühlen lassen. Das Letztere zu vermeiden ist ekle Scheu vor dem Ungewöhnlichen. Der Uebersetzer hat zur Verhütung Von Undeutschheit und Dunkelheit sein Mögliches zu leisten. Allein man soll an ihn in Betreff des Letzteren keine ungerechte Forderungen machen. Eine Uebersettung ist kein Commentar, daher darf sich der Uebersetzer keinerlei Ergänzungen erlauben. Aber Leichtigkeit und Klarheit der Uebersetzung ist am schwersten zu erreichen. Indessen Ideale erreicht man auf Erden nicht, und ich will zufrieden sein, wenn ich keine sträflichen Fehler gemacht habe. Mit Wissen und Absicht habe ich mir nur eine Ergänzung des Originals, - wenn sie Jemand also nennen wollte, - erlaubt, indem ich das Wort Value, weil es Ricardo selbst nicht anders verstanden wissen will, durchweg, zur Verhütung von Missverständnissen, durch Tauschwerth übersetzte. Eine Ergänzung wird man es nicht nennen wollen, wenn durchgehends das Wort Industry durch Gewerb- und Betriebsamkeit wiedergegeben ist, da unser Wort Gewerbfleiss den Begriff von Industry nicht um <VIII> fasst. Das Wort Wealth habe ich mit dem deutschen Worte Wohlstand und Vermögen, je nach dem vorherrschenden Sinne, ausgedrückt, weil das englische Wort Riches mehr dem deutschen Begriffe Reichthum entspricht, der etwas anderes ist, als blos Vermögen, und weil die englische Sprache gewöhnlich das Wort Wealth gebraucht, wo die deutsche Vermögen sagen würde.

Die Uebersetzung ist nach der zweiten Ausgabe des Originals, welche a. 1819 erschienen ist, verfertigt, weil die a. 1821 erschienene dritte Auflage trotz aller Bemühungen weder in England noch in Deutschland zu haben war, und, wie man mir aus glaubhafter englischer Quelle versicherte, von der zweiten nicht verschieden sein soll. Eine Verschiedenheit der Ansichten ist keineswegs vorhanden, aber die zweite Ausgabe hat Zusatzstellen, die sich in der ersten nicht finden. Und selbst die neue Auflage der französischen Uebersetzung (v. J. 1835) ist nur ein neuer Abdruck ihrer ersten Ausgabe, die offenbar nach der ersten Ausgabe des englischen Originals übersetzt war, die in das Jahr 1817 fällt.

Die Erläuterungen zu Ricardo's Grundgesetzen sollen einen zweiten Band ausmachen. Sie werden weiter um sich greifen, als blose sogenannte Zusätze. Der zweite Band soll auch selbstständig sein, eine Sammlung von Abhandlungen über volks- und staatswirthschaftliche Fragen, welche Ricardos Grundgesetze und Behauptungen zur Richtschnur haben.

Heidelberg, im November 1836.

<IX>

Vorbemerkungen zur zweiten Auflage.

Auf Wunsch des Herrn Verlegers habe ich die Uebersetzung dieses Buches für eine zweite Auflage neu bearbeitet. Der jetzigen Bearbeitung liegt die dritte und bekanntlich letzte von Ricardo selbst noch herausgegebene Auflage des Werkes vom Jahre 1821 zu Grunde, wie solche Macculloch in seiner Ausgabe der sämmtlichen Werke Ricardo's (London, John Murray, 1846), zum vierten Male, veröflfentlicht hat.

In dieser ist das erste Hauptstück, vom Werthe, ganz umgearbeitet, - das zwanzigste Hauptstück, vom Unterschiede zwischen Werth und Vermögen, vermehrt und verbessert, - ein ganz neues, einunddreissigstes, Hauptstück, über Maschinenwesen, hinzugefügt, - das nunmehr zweiunddreissigste Hauptstück, Malthus' Ansichten über die Rente, vervollständigt und erweitert, und in anderen Hauptstücken Einzelnes zugesetzt und klarer dargelegt. Jedoch hat Ricardo keine seiner Ansichten im Wesentlichen geändert.

Die Uebersetzung habe ich Wort für Wort geprüft und, wie ich glaube, vielfältig verbessert. Im Uebrigen nehme ich Bezug auf meine Vorrede zur ersten Auflage.

Die wissenschaftliche kritische Untersuchung Ricardo' scher Lehren hat bis zu hohem Grade zugenommen und auch deren wissenschaftliche Gegner haben ihre Tiefe und ihren inneren Werth anerkannt. <X>

Es ist ebenso naturgemäss wie erfreulich, dass unsere Zeit vorzugsweise den gesellschaftlichen und insbesondere den volks- und staatswirthschaftlichen praktischen Fragen sich mit Eifer zuwendet.

Mit Untersuchungen volkswirthschaftlicher Lebensfragen seines Vaterlandes hat Ricardo seine schriftstellerische Thätigkeit begonnen, und aus deren wissenschaftlicher Vertiefung ist schliesslich das vorliegende Buch entstanden. Aus diesem kann Rath und Richtung geschöpft werden.

Seine Grundgesetze und Methode scheinen mir dabei jede und weit mehr Beachtung zu verdienen, als denselben von mancher maassgebenden Seite gewidmet wurde. Es liegt in der Vernachlässigung solcher streng wissenschaftlicher, aus dem Leben geschöpfter, Forschungsergebnisse bei den Verhandlungen über das gesellschaftliche Leben und dessen Verbesserung die ganze Gefahr der Bodenlosigkeit nicht etwa blos eines grenzenlosen Idealismus, sondern auch eines verkehrten Realismus.

Die Hauptstucke Ricardo's über Rente, Lohn, Gewinnst, Kapital, Maschinenwesen, Handel, Prämien, Zölle und Steuern überhaupt, verdienen von diesem Gesichtspunkte aus die ernsteste Beachtung, wie weit er auch selbst gerade in diesem Buche davon entfernt ist, Gesetze und Einrichtungen vorzuschlagen.

Diese Gedanken haben mich schriftstellerisch bestimmt, dem buchhändlerischen Wunsche des Herrn Verlegers zu entsprechen. Ich hoflfe, dass meine Arbeit zu den nützlichen gehören werde.

Der zweite Band, die Erläuterungen enthaltend, soll baldigst nachfolgen.

Greifswald, im Juli 1877.

E. Baumstark.

Aus David Ricardo's Leben. XIII

Wer sich nicht selbst ein Denkmal hinterlassen hat, der verdient nicht, dass man ihm Eines setze. Wer sich aber selber eines hinterlassen hat, der bedarf nicht, dass man ihm Eines setze. Der Kriegsheld bringt unter Kanonendonner und auf Rauchwolken seinen Namen den Zeitgenossen entgegen, hinter blutigen Schlachtfeldern und rauchenden Städten ist der bereitete Friede sein heiligstes Denkmal für alle Zeiten. Der Staatsmann knüpft seinen Namen an seine Gesetze. Die grössten Baumeister haben ihr Leben daran gesetzt, sich die riesenmässigen Denkmäler zu bauen, welche wir anstaunen. Nur die Thatkraft und Tugend des geräuschlosen bürgerlichen Lebens bahnt sich schwer den Weg zum Andenken der Nachwelt.

Es ist schwer zu bestimmen, ob sich David Ricardo mehr durch Thätigkeit und Beharrlichkeit, durch Rechtschaffenheit, durch Vaterlandsliebe, durch Wohlthätigkeit, durch seine Bescheidenheit, durch seine Geistesgaben oder durch seinen erworbenen Reichthum ausgezeichnet habe. Was man aber durch solche Eigenschaften und Mittel im Vereine für Wissenschaft und Leben vennag, das hat er bewiesen, wie wenige.

David Ricardo wurde am 19. April 1772 in London geboren. Sein Vater, ein geborener Holländer, hatte sich schon <XIV> in seiner Jugend in England nieder gelassen. In seiner zahlreichen Familie war David sein drittgeborenes Kind. Der Vater war israelitischer Abkunft und israelitischen Glaubens, Mitglied der Stockbörse, Besitzer eines selbsterworbenen beträchtlichen Vermögens, ein Mann von Talent, Rechtschaffenheit und grossem Einflusse auf der Börse. David wurde im Glauben und für das Geschäft seines Vaters erzogen. Seinen Unterricht erhielt er theils in England theils in Holland, wo er zwei Jahre auf einer Schule war, welche, unter Ausschluss der klassischen Bildung, blos die gewöhnlichen kaufmännischen Unterrichtsgegenstände umfasste. Mancher, der sich einer klassischen Bildung erfreut, wird sich wundem, dass man auch ohne diese ein tiefer Denker und dazu Einer der grössten seiner Zeit werden kann. Denn dies ward der junge Ricardo später mit seiner kaufmännischen Bildung. Sein angeborenes entschiedenes Talent für beharrliches und tiefes Nachdenken, seine eindringende Gabe der Beobachtung in Geschichte und Leben, und wohl auch das Zusammentreffen vieler Staatsereignisse während seines Lebens haben ihn dazu gemacht, was er geworden. Die Amsterdamer und polnischen Juden sind überhaupt unter ihren Glaubensgenossen wegen ihres, ausserordentlichen Scharfsinnes berühmt und verehrt. Auch ist anerkannt, dass das Studium des Talmud den Scharfsinn und überhaupt den Verstand dermaassen schärft, dass man es nicht glauben würde, wenn Einen nicht oft die gemeinsten Juden davon überzeugten. Wem fällt hier nicht Spinoza, nicht auch Moses Mendelssohn ein, diese grossen Männer - ohne frühere klassische Bildung?

»Die Kunst sich zu bereichern,« - sagt sein erster Lebensbeschreiber im Annual Obituary vom Jahre 1823, wie man behauptet Einer von Ricardo's Brüdern, - »die Kunst, sich zu bereichem, steht nicht in grosser Achtung; indessen hat Ricardo wohl seine ausserordentlichen Geistesanlagen in nichts bis zu einem solchen Grade ausgebildet, als wie in seinen Geldgeschäften. Die vollkommenste Kenntniss aller Schwierigkeiten; eine bewunderungswürdige Schnelligkeit im Gebrauche der Zahlen; die Gabe, ohne auch nur den geringsten Anschein von Anstrengung die unzähligen Verhandlungen, in die er ver <XV> wickelt war, abzumachen; die Kaltblütigkeit; sein durchdrigender Scharfsinn; und, um auch dies zu sagen, ein günstiges Zusammentreffen öffentlicher Ereignisse, - dies Alles hat es ihm möglich gemacht, alle seine Mitbewerber zu überfliegen und sein Vermögen, so wie seinen Ruf, schnell auf eine Höhe zu steigern, welche man in so kurzer Zeit in dieser Laufbahn noch nicht erreicht hatte. Seine hohen Anlagen hatten schon von Anfang an seine Mitbewerber dermaassen in Erstaunen gesetzt, dass die Aufgeklärtesten unter ihnen es nicht unterlassen konnten, von ihm auszusagen, er sei zu den höchsten Stellen geboren.«

Schon in seinem vierzehnten Jahre wurde er von seinem Vater in den Börsengeschäften gebraucht. Er verrieth schon in seiner Jugend viel Sinn für Speculation, Abstraction und Allgemeinheiten. Und die Freiheit seines Geistes brachte ihn oft in Widerspruch mit den Vorurtheilen seines Vaters. Denn dieser war, wie in Religion, so auch in der Politik ein Anhänger des Altherkömmlichen, der Meinungen der Vorfahren. Blinde Unterwürfigkeit und leidender Gehorsam war mit David's Grundsätzen unvereinbar. Die Gegenstände ihrer Meinungsverschiedenheiten und diese Letzteren selbst waren so wichtig und so gross, und, wie es eben bei solchen Missverhältnissen im Familienleben zu gehen pflegt, die Reibungen zwischen ihm und dem Vater nahmen so zu, dass schon in seiner Jugend noch die kindliche Liebe und Ehrfurcht vor seinem Vater so weit in den Hintergrund traten, dass er sich vom Glauben der Väter lossagte und sich in die christliche Gemeinschaft aufnehmen liess.

Dieser Schritt machte die Trennung von seinem Vater nur noch schroffer. Er brachte ihm aber, als er bald darauf volljährig geworden war, mit der Hand einer Miss Wilkinson ein eheliches und häusliches Glück, welches über dreissig Jahre dauerte. Auf seine eigenen Hilfsmittel beschränkt, begann er auf eigenen Namen Geschäfte. Mit seinem Talente und edeln Charakter erwarb er sich bald die Achtung der ältesten und ehrenwerthesten Männer von der Börse in so hohem Grade, dass sie ihm von freien Stücken ihre Unterstützung in seinen Unter <XVI> nehmungen anboten. Der Erfolg tibertraf alle Erwartungen seiner Freunde, denn in wenigen Jahren schon hatte er ein sehr grosses Vermögen erworben.

Allein der Durst nach Reichthum konnte bei seinem für alles Gute, Wahre und Schöne empfanglichen Charakter nie die Oberhand bekommen. Im Gegentheile, als die Sorge für sein Vermögen ihn weniger in Anspruch nahm, widmete er sich der Wissenschaft, dem Staate und der Wohlthätigkeit.

Von seinem flinfundzwanzigsten Lebensjahre an ergab er sich mit bedeutendem Erfolge dem Studium der Mathematik, Chemie und Mineralogie, baute sich ein eigenes Laboratorium, legte sich eine Mineraliensammlung an und ward bei der Stiftung der geologischen Gesellschaft Eines der ersten Mitglieder. Jedoch keine Wissenschaft umfasste er mit solcher leidenschaftlichen Vorliebe, als wie die öffentliche Wirthschaftslehre, ja er liess alle anderen gänzlich liegen, so bald er mit dieser bekannt zu werden angefangen hatte. Die Umstände und Art, wie er dazu kam, sind nicht wenig bemerkenswerth.

Er machte im Jahre 1790, also im siebenundzwanzigsten seines Lebens, zur Herstellung der Gesundheit seiner Frau eine Reise nach Bath. Auf dieser Reise, - so erzählt man, - fand er bei einem Freunde, den er besuchen wollte, einen Band von A. Smith's Untersuchungen über die Natur und Ursachen des Volkswohlstandes. Er las sich augenblicklich in diesen Band hinein und mit jeder Seite stieg sein Entzücken. Gewiss ist, dass er erst auf dieser Reise A. Smith's ausgezeichnetes Werk kennen gelernt hat; dass er es von dieser Zeit an las, aber doch erst einige Jahre nachher seine Volks- und staatswirthschaftlichen Studien eigentlich und ausschliesslich begann, deren Ergebnisse später die ausgezeichnetsten Staatswirthe aller jetzt lebenden gebildeten Völker zur Bewunderung hinrissen.

Es dauerte jedoch noch zehn Jahre, bis Ricardo seine erste schriftstellerische Arbeit veröffentlichte und auch bei ihm kann man, wie bei den meisten englischen politischen Schriftstellern, sagen, dass sich seine Schriften in ihrer chronologischen Er <XVII> scheinung gerade an sehr wichtige volkswirthschaftliche Staatszustände anreihen, also zunächst praktische Staatsfragen zum Gegenstande haben. Allein sie förderten und bereicherten zugleich die Wissenschaft in ganz Europa in solchem Grade, wie nicht leicht irgend eine andere staatswirthschaftliche Schrift, welche nach den seinigen erschien.

Im Jahre 1809 stand der Preis der Goldbarren sehr hoch und der Wechselcurs sehr tief. Diese Erscheinung erregte die allgemeine Aufmerksamkeit, und Ricardo machte sie zum Gegenstande seiner gründlichen Untersuchung. Auch war er vor allen anderen dazu berufen, denn seine Studien in der Volkswirthschaftslehre und seine umfassende Erfahrung, welche er aus seinen ungeheuer vielen Geschäften geschöpft hatte, gaben ihm dazu die beste Vorbereitung. Ohne die Absicht, seine Ansichten darüber zu veröffentlichen, hatte er seine Arbeit über die Ursache, den Bestand und die Folgen jener Erscheinung vollendet, und liess sich endlich dazu bewegen, Briefe darüber im Morning Chronicle bekannt zu machen. Der erste am 6. September erschienene Brief machte schon grossen Eindruck und veranlasste Erwiderungen. Dies bestimmte den Verfasser, die Frage vollständiger und methodischer zu entwickeln und er liess die Schrift: »Der hohe Preis der Barren, ein Grund der Entwerthung der Banknoten« (The high price of Bullion, a proof of the depreciation of Banknotes. London, printed for John Murray .) drucken. Diese äusserst interessante kleine Schrift erreichte in nicht völlig zwei Jahren die vierte Auflage (a. 1811), und ist in dieser nun freilich auch am vollkommensten; denn sie enthällt ausser der Lösung der Hauptfrage auch noch Bemerkungen zu einem Artikel im Edinburger Review über die Entwerthung des Papiergeldes, und Vorschläge zur Herstellung eines Umlaufsmittels, das im Tauschwerthe so unveränderlich als Gold sei, ohne dass man von Letzterem zur Sicherung des Ersteren vieles bedürfe. Einige Monate nachher bildete das Parlament einen besonderen Ausschuss zur Untersuchung der Frage (Bullion Committee). Ricardo's Schriftchen gab den Leitfaden in den Parlamentsverhandlungen ab und trug ohne Zweifel sehr viel dazu <XVIII> bei, dass diese Maassregeln ergriffen wurden; und später gingen auch Ricardo's Vorschläge siegreich durch. Zum Verständnisse der ganzen Frage muss man wissen, dass England damals wegen der Bankrestriction ein Papiergeld hatte, welches zur Zeit noch nicht beliebig bei der Bank gegen Metall zurück gegeben werden konnte. Ricardo zeigt nun in seinem Schriftchen, dass der Tauschwerth und Preis des Goldes in umgekehrtem Verhältnisse zu jenem des Papiergeldes oder der Banknoten steht; dass Ueberfluss und Mangel an Umlauftsmittel nur relative Begriflfe sind; dass, wenn ein Land blos Metallgeld oder beliebig einlösbares Papiergeld als Umlaufsmittel habe, der Curs des Umlaufsmittels in einem Lande im Vergleich mit jenem in anderen Ländern nicht um mehr steigen oder fallen könne, als im Falle des Mangels um die Einfuhrkosten fremden Metalles oder Metallgeldes, und im Falle des Ueberflusses um die Ausfuhrkosten des Ueberschusses über den eigenen Bedarf; dass aber, wenn in dem Lande (wie dazumal in England) ein uneinlösbares Papiergeld in Umlauf und gesetzliches Zahlmittel sei, dieses Umlaufsmittel, da es in den anderen Ländern keine Giltigkeit habe, nicht ausgeführt werden, folglich der Ueberfluss nicht abfliessen könne, und also das Herabgehen des Wechselcurses gegen das Ausland oder die Erhöhung des Preises der Edelmetalle in ungemünztem Zustande über den Preis derselben in der Münzform um den Betrag der Ausfuhrkosten der Münzen, ein sicherer Beweis davon sei, dass man zu viel Papiergeld in Umlauf gesetzt habe und sein Tauschwerth im Verhältnisse dieses Zuviel gesunken sei.

Ricardo's Ansichten fanden Widerspruch. Das Bedeutendste was gegen ihn erschien, ist eine Schrift von Bosanquet (praktische Bemerkungen über den Bericht des Bullion-Committee - Practical Observations on the Report of the Bullion Committee - ), worin die Ansichten des Ausschusses nach der Erfahrung geprüft, verworfen und dessen Vorschläge durch andere ersetzt werden. Bosanquet siegte vor der Hand, aber nur um Ricardo's Sieg später um so glänzender zu machen. Denn dieser schrieb im Jahre 1811 eine Erwiderung auf Bosanquet'fs Bemerkungen (Reply to Mr. Bosanquet's Practical ob <XIX> servations on the Report of the Bullion Committee. London 1811), eine reine Controversschrift mit steter Beziehung auf sein früheres Schriftchehen und den Bericht des Ausschusses, worin er Bosanquet Irrthtümer in den Thatsachen, im Grundsatze und in der Folgerung nachwies, dergestalt, dass sein Gegner das Feld räumen musste.

Im Jahre 1815 kam das englische Korngesetz zur Sprache, wodurch später die Getreideeinfuhr gestattet wurde, sobald der Preis zu 80 sh. stehe. Eine so wichtige Staatsfrage musste natürlich alle Sachverständigen und Männer von Fach in Bewegung setzen. Nachdem der berühmte Professor Malthus, dem wir das treffliche Werk über Bevölkerung verdanken, und ein Advokat West die Gelegenheit ergriffen und Schriften über die Natur, den Ursprung und die Grundgesetze der Grundrente veröffentlicht hatten; so trat auch Ricardo in dieser Angelegen heit auf. Jene hatten über die Grundrente neue Gesetze und Grundsätze aufgestellt, aber es nicht recht verstanden sie gehörig durchzuführen und auf die vorschwebende Frage anzuwenden. Denn Malthus hatte es versucht, die Nothwendigkeit eines neuen Sperrsystems zu beweisen. Seine drei Schriften waren: Observations on the Corn laws (Betrachtungen über die Korngesetze); The Grounds of an Opinion on the Policy of Restricting the importation of foreign Corn (Gründe einer Ansicht über das Verbot der Einfuhr fremden Getreides); und An Inquiry into the Nature and Progress of Rent, and the Principles by which it is regulated (Untersuchung über die Natur und Fortschritte der Grundrente und die Gesetze wonach sie geregelt wird). Die Schrift von West führt den Titel: Essay on the application of Capital on Land (Versuch über die Anlage von Kapital auf Grund und Boden). Ricardo war ein Anhänger des Systems der Handelsfreiheit und schrieb hierauf seine Schrift: An Essay on the Influence of a low Price of Corn on the profits of Stock, shewing the Inexpediency of Restrictions on Importation, with Remarks on Mr. Malthus' two last Publications »An Inquiry etc.« and »The Grounds etc« London 1825. (Versuch über den Einfluss eines niederen <XX> Getreidepreises anf die Kapitalgewinnste, eine Darlegung der Ungeeignetheit der Sperrungen der Einfuhr, nebst Bemerkungen zu des Hrn. Malthus zwei neuen Schriften: »Versuch u. s. w.« und »Gründe u. s. w. «, welche im nämlichen Jahre zwei Auflagen erlebte. Er vertheidigt darin gegen Malthus den freien Getreidehandel. Aber ausser dem blos praktischen Interesse hat die Schrift eine hohe wissenschaftliche Bedeutung, da nämlich die darin vorgetragenen Grundgesetze von der Grundrente und vom Kapitalgewinnste eine Art Skitze von denjenigen Ansichten über diese Einkommensarten sind, welche Ricardo später in seinem grösseren Werke weiter ausführte.

Ricardo's grösste, aber auch letzte Gelegenheitsschrift entstand bei einer anderen wichtigen Gelegenheit. Nämlich seine Proposals for an economical and secure Currency, with Observations on the Profits of the Bank of England (Vorschäge zu einem wohlfeilen und sicheren Umlaufsmittel, nebst Bemerkungen über die Gewinnste der Bank von England). Wie bereits erwähnt wurde, war die englische Bank durch die Bankrestriction der Verbindlichkeit, die Banknoten gegen Baarschaft einzulösen, enthoben, und es entstanden denn desshalb in den Parlamentsverhandlungen die drei Fragen: Ob die Bank angehalten werden solle, ihre Banknoten auf Verlangen der Inhaber mit Baarschaft zu bezahlen ? - Ob eine Veränderung in Betreff der Uebereinkunft der Regirung und der Bank wegen der Verwaltung der Staatsschuld getroffen werden solle ? - Welche Entschädigung das Publikum für den hohen Belauf der Depositen erhalten solle, von welchen die Bank Gewinn ziehe? - Ricardo's Schrift erschien zuerst im Jahre 1816, und erlebte im Jahre 1819 die dritte Auflage. Er zeigt in derselben, dass man keines Umlaufsmittels bedürfe, das an und für sich einen inneren Werth habe, sondern vielmehr den Umlauf mit Papiergeld besorgen könne, wenn man nur die Menge desselben in gehörigen Schranken zu halten wisse; dass so der Curs des Papiergeldes auf dem Gleichstände mit jenem des Edelmetalls und sogar noch höher erhalten werden könne; dass man aber, <XXI> um das Papiergeld so zu halten, nicht nöthig habe und nicht klug handle, es gegen Münzen nach Verlangen einzulösen, sondern vielmehr zur Garantie und Einlösung blos Groldbarren von bestimmtem Gewichte und Feingehalte erforderlich seien; dass man bei dieser Maassregel den Curs des Papiergeldes stetig erhalte und sich vor den Uebelständen einer zu grossen Menge von Papiergeld bewahre. Ricardo's Vorschlag wurde nicht nur von beiden Häusern in ihrem Berichte a. 1819 empfohlen, sondern bildete sogar in der Folge wirklich die Grundlage der berühmten Bill von Peel.

Schon die erste dieser Gelegenheitsschriften hatte veranlasst, dass die Männer ersten Ranges und Gelehrte von grossem Verdienste Bicardo's Bekanntschaft suchten. Unter diesen verdienen Malthus, der bereits erwähnte, und Mill, der Verfasser der Geschichte von brittisch Indien, besonders erwähnt zu werden, nicht blos wegen ihrer engen Freundschaft mit ihm, sondern auch wegen des grossen Einflusses, den er auf sie ausübte. Der letzte von diesen beiden ward sein Schüler im Felde der öffentlichen Wirthschaftslehre, und stellte später Ricardo's Grundsätze in dieser Wissenschaftin einem eigenen Buche methodisch zusammen.

In einem Zeitabschnitte von 18 Jahren lässt sich von den Studien eines Mannes wie Ricardo etwas Grosses erwarten, besonders da schon vorher und in dieser Zeit mit von den grössten Ereignissen aller Zeiten an seinem tiefen Geiste vorüber gegangen waren. Er hatte in seinem Inneren allmälich die öffentliche Wirthschaftslehre aus ihren alten Angeln gehoben, und wusste sie auch wieder in neue einzusetzen. Allein hiezu liess ihn seine Bescheidenheit fast gar nicht kommen; er fühlte zwar, welchen Ruf er sich durch seine Gelegenheitsschriften erworben hatte; fürchtete aber zugleich, einem grösseren Werke über die öffentliche Wirtschaftslehre nicht gewachsen zu sein und mit einem solchen seinen alten Ruf einzubüssen. Die Wissenschaft ist aber nun auch seinen Freunden, namentlich dem genannten Mill, vielen Dank schuldig; denn durch diese wurde er dazu bewogen, im Jahre 1817 das vorliegende Werk, On the Principles of political Economy and Taxa <XXII> tion (Ueber die Grundgesetze der Volkswirthschaft und Besteuerung) in Druck zu geben. Mit eben diesem Werke, das 1819 die zweite und 1821 die dritte Auflage erlebte, begann seit A. Smith wieder die erste neue Wendung in der Geschichte der öflfentlichen Wirthschaftslehre. Auch ist nach A. Smith's unsterblichem Werke über diese Wissenschaft bei keinem Volke auch nur Eines erschienen, welches an Tiefe der Forschung, an Scharfsinn der Wendung und Auseinandersetzung, an Selbstständigkeit der Untersuchung, an Neuheit und Eigenthümlichkeit der Grundsätze, an der Masse neuer Lehren, und an fortwährendem lebendigstem Interesse für die Wissenschaft dem vom Ricardo gleichkäme, geschweige denn dasselbe überträfe. Kein einziges von den 32 Hauptstticken, aus denen es besteht, überrascht nicht durch neue Wahrheiten, und hat man das Werk einmal gelesen, so bedarf es keiner äusseren Aufmunterung mehr, um es immer wieder zu studiren. Wer auch im Stande wäre, bloss Irrthtümer darin zu entdecken, würde aus diesem Werke mehr lernen, als aus jedem der nach A. Smith erschienenen Werke über die öffentliche Wirthschaftslehre. Er hat mit A. Smith diese Wissenschaft zu einem Kaleidoskop gemacht, denn bei jeder Wendung derselben, wozu sie Einen führen, sieht man ein neues überraschendes Bild aus denselben Elementen: und hat man mit Ricardo gearbeitet, so hat der Boden, auf dem man steht, einen neuen Untergrund und eine neue Gestaltung der Oberfläche. Es würde hier zu weit führen, alle die Neuheiten und Eigenthümlichkeiten dieses Werkes aus einander zu setzen, - dies muss vielmehr dem zweiten Bande überlassen bleiben. Alle Grundlehren dieser Wissenschaft sind neu aufgefasst, und das Buch selbst ist von der Art, dass man es ganz im Zusammenhange durcharbeiten muss, um es recht schätzen zu lernen. Es ist kein Buch zum Nachschlagen, kein Buch, in das der Leser seine eigenen Begriffe übertragen kann, ein Buch vielmehr, dem man sich ganz hingeben und überlassen muss, um es zu verstehen oder allenfalls zu widerlegen. Selten dürfte Quintilian's Spruch über Cicero mit mehr Recht angewendet sein, als bei Ricardo: Sciat se non parum profecisse, cui Ricardo valde placebit. Wem Ricardo <XXIII> gefällt, der befindet sich auch in keiner schlechteren Gesellschaft, als in der von Mill, Torrens, Mac-Culloch, Brougham, Russel, Peel, Gladstone und Anderen.

Was Ricardo gefürchtet hatte, geschah nicht. Sein Werk setzte ihm unter den Schriftstellern im Fache der öffentlichen Wirthschaftslehre die Krone auf. Nach A. Smith hat sie auch kein Würdigerer getragen. Sein Vermögen und Ruhm setzte ihn in den Stand sich von den Geschäften zurückzuziehen, - um um so mehr arbeiten zu können. Denn hatte er von dem Stuhle der Wissenschaft aus bisher das Seinige zur Leitung der öffentlichen Angelegenheiten beigetragen, so wollte er es jetzt von der Bank der Volksvertreter aus ebenfalls thun. Er hatte einen ausgedehnten Grundbesitz erworben, Gatcomb Park in der Grafschaft Gloucester. Er trat für Portarlington im Jahre 1819 in's Unterhaus ein, aber immer noch mit einem Misstrauen gegen seine Kräfte und mit einer Bescheidenheit, die das Staunen der Welt erregen muss. Er schrieb an einen Freund: »Sie werden wissen, dass ich im Hause der Gemeinen sitze. Ich fürchte, dass ich da nicht viel nützen werde. Ich habe es zweimal versucht, zu sprechen, aber ich sprach mit grösster Beklommenheit und ich verzweifle daran, ob ich je die Angst überwinden werde, die mich befällt, wenn ich den. Ton meiner Stimme höre.« Und später einmal: »Ich danke Ihnen für die Mühe, welche Sie sich geben, mir Muth zu machen. Die Nachsicht des Hauses hat die Schwierigkeit zu sprechen für mich gemindert; allein ich sehe noch so viele und so furchtbare Hindemisse, dass ich fürchte, es am Ende für klug und besonnen halten zu müssen, wenn ich mich mit stillschweigender Abstimmung abgebe.« Zum Glück that er es nicht und gewann allmälig im Parlamente einen überwiegenden Einfluss, was wieder der Wissenschaft nicht weniger nützte, als dem Leben und dem Staate.

Es dürfte jedoch nicht leicht Jemand gefunden werden, der weniger Grund zu einer solchen Aengstlichkeit hatte, als gerade Ricardo, Dies zeigte er zu Hause wie im Parlamente. Er ging mit seltener Nachsicht und Ruhe auf die Ansichten Anderer ein. Er war bescheiden genug, wann und so lange <XXIV> es sein musste, einem Anderen das Feld zu lassen. Fing er aber über eine Frage zu sprechen an, dann war der Sieg nicht lange unentschieden. Er besass, ausser seinen ausgebreiteten Kenntnissen, der Gediegenheit seines Urtheils und der Begeisterung für den Gegenstand, eine ausserordentliche Geschicklichkeit, jede Frage in ihre einfachen Elemente zu zerlegen, dieselbe ins rechte Licht zu stellen und die Aufmerksamkeit seiner Zuhörer zu fesseln. Ihm war es stets nur um Wahrheit zu thun, und einen eigenen Irrthum, dessen man ihn überwiesen hatte, einzugestehen kostete ihn gar keine Mühe. Zu blosem Spiele des Verstandes und zu Zweideutigkeiten brauchte er seinen Scharfsinn niemals. Er sprach mit seltener Klarheit und Leichtigkeit über die schwierigsten Gegenstände; er hatte in der That die Gabe der Rede mehr als die der Schrift. Seine Schriften erfordern angestrengte ungetheilte Aufmerksamkeit, im Ganzen aber weit mehr wegen ihrer Tiefe und Schärfe, als wegen Undeutlichkeit. Er befleissigt sich des kurzen bündigen Ausdrucks, - zuerst der allgemeine Satz, dann das passendste Beispiel zur Erläuterung, und endlich die Folgerungen. Ein glänzender Redner konnte er nicht sein, und in dieser Eigenschaft steht er vielen seiner Mitglieder im Parlamente nach. Er siegte nicht durch Beredsamkeit, sondern durch die Wahrheit, die Ruhe und die Gabe, die beifälligsten Einwendungen von Grund aus zu entkräften. Um so glänzender mussten auch seine Siege über die grössten Redner sein. So war er weder Whig noch Radicalreformer, aber doch ein Reformer, und stimmte fast immer mit der Opposition. Man könnte wohl sagen, er war ein Mitglied des Unterhauses, wie es sein soll in einem Staate, dessen Verfassung auf solchen Grundsätzen fusst, wie die englische: fest an seinen Grundsätzen haltend, streng gegen Missbräuche, umsichtig in Vorschlägen, erhaben über Leidenschaften des Tages, unzugänglich für Schwankungen, unbekümmert um den Beifall der Menge, furchtlos vor dem Hasse der Grossen, glühend vor Vaterlandsliebe, theilnahmlos an den Cabalen und Intriguen der Partheien in den Häusern, ein steter Vertheidiger der Rechte und Freiheiten aller Klassen, und reich genug, um unabhängig und von politischem Leichtsinn frei zu sein. Hätte Ricardo im Parlamente nichts Andere» be <XXV> wirkt als den heilsamen Geist der Sparsamkeit, der jetzt in der englischen Staatswirthschaft herrscht, und das vorherrschende Streben, den Monopolgeist aus der brittischen Gewerbsgesetzgebung zu vertreiben, welches jetzt die gesetzgebende Gewalt durchdringt; so verdiente er schon darum unsterblich zu sein. Und Niemand kann dessen so gerühmt werden, wie er; ihm verdankt Grossbrittannien seit seinem Eintritte ins Parlament diese glückliche Veränderung, deren Geist immer mehr um sich greift.

Indessen schadete seine parlamentarische Wirksamkeit seiner schriftstellerischen Thätigkeit nicht. Im Jahre 1820 lieferte er für das Supplement der Encyclopaedia Britannica den Artikel »Funding System,« eine Abhandlung, womit andere Männer von Fach am wenigsten einverstanden sind. Er zieht darin die Deckung ausserordentlicher Staatsausgaben durch Steuern jener durch Anleihen vor, und hält eine Tilgung der Staatsschuld durch Ausschreibung des Schuldkapitals auf die Bürger, also durch Verwandlung in Privatschulden der Einzelnen, für ausführbar.

Die letzte Gelegenheitsschrift, die er veröffentlichte, erschien im Jahre 1822 und führt den Titel: Protection to Agriculture (Schutz für den Ackerbau). Sie war durch die damaligen Parlamentsverhandlungen über die englischen Korngesetze veranlasst. Man möchte sagen, er habe nie etwas Ausgezeichneteres geschrieben, als dieses kleine Schriftchen; so sind darin die Fragen über den Getreidepreis, über dessen Einfluss auf den Arbeitslohn und Gewinnst, über die Wirkung der Auflagen auf den Ackerbau und die Gewerbe u. s. w. abgehandelt, alles in demselben Sinne, wie in der kleinen Schrift vom Jahre 1815.

Leider war dies seine letzte gedruckte Arbeit. Denn bald erlitt die Wissenschaft und der Staat einen grossen Verlust durch seinen Tod. Ricardo war nicht kräftig, aber auch nicht schwächlich. Er litt mehrere Jahre an einem Ohre, ohne jedoch darauf besonders aufmerksam zu sein. Nach dem Schlusse der Parlamentssitzung vom Jahre 1823 ging er auf seinen Sitz <XXVI> Gatcomb Park zurück und vollendete dort seinen »Plan zur Errichtung einer Staatsbank,« der später herausgegeben wurde, und worin er die Möglichkeit, Gefahrlosigkeit und Vortheilhaftigkeit einer Notenbank unter Leitung des Staats zu beweisen sucht. Auch arbeitete er an Untersuchungen über den Tauschwerth der Nahrungsmittel, ohne jedoch diese Arbeit vollenden zu können. Im September überfiel ihn ein heftiger Schmerz im kranken Ohre, ein Abscess ging auf, was ihm einige Erleichterung verschaffte; allein nach zwei Tagen nahm die Entzündung zu, sein Gehirn wurde dadurch ergriffen, und er verfiel in eine gänzliche Geistesabwesenheit, in welcher er am 11. September starb.

Es fanden sich unter seinen hinterlassenen Papieren auch noch Anmerkungen zu Malthus' Grundsätzen der öffentlichen Wirthschaftslehre, in denen er sich selbst gegen Malthus vertheidigt, und diesem Irrthümer nachweist.

Er nahm die schönsten Zeugnisse seines Zeitalters mit in sein Grab. Er war äusserst liebenswürdig im Umgange; ein nachsichtsvoller und gütiger Gatte und Vater; ein ergebener zuverlässiger Freund; gegen Jedermann freimüthig und einfach; überhaupt ein tüchtiger Mensch. Bedeutungsvoll und natürlich waren auch seine Antworten auf viele an ihn gerichtete Fragen. Einmal gefragt, wie es ein Handelsmann machen müsse, um reich zu werden, gab er die für den Oberflächlichen eben so platte, als für den Denker tiefsinnige Antwort: Er kaufe, wann man ihm anbietet, und verkaufe, wann man nachfragt! Ricardo versammelte um sich immer Männer von Geist und Kenntnissen, um mit ihnen sich frei über Alles und besonders über öffentliche Wirthschaft zu unterhalten, und zeigte sich dabei stets in der vollen Sanftheit und Liebenswürdigkeit des Charakters.

Seine Arbeitsamkeit war grenzenlos und findet nur einen theilweisen Beweis in seiner Thätigkeit als Schriftsteller, wozu er nur die wenige Zeit verwenden konnte, welche ihm seine eigenen und später noch seine Parlamentsgeschäfte übrig liessen. Mit dem siebenundzwanzigsten Jahre trat er in die Vorhallen <XXVII> der öflfentlichen Wirthschaftslehre als Neuling ein, und im einundfunfzigsten starb er als ein König derselben, betrauert von den Freunden, vom Vaterlande und der der ganzen Welt angehörenden Wissenschaft.

Nicht weniger aber betrauert auch von den Nothleidenden. Denn er war in seinem thatenreichen bewegten Leben immer am Hilfeleisten und Unterstützen. Ganz davon zu schweigen, dass er Arme und sonst Nothleidende in hohem Maasse unterstützte, und dass er zu den Beschützern fast aller Mildthätigkeitsanstalten der Hauptstadt gehörte, so darf nicht unerwähnt bleiben, dass er auf eigene Kosten ein Hospital und zwei Schulen in der Nähe seines Landsitzes unterhielt. Also auch hierin hat er Ausserordentliches geleistet.

Er hinterliess eine Wittwe mit drei Söhnen und vier Töchtern, wovon die Eine kurz nach ihrer Verheirathung vor mehreren Jahren gestorben ist.

Sein Freund Mill sagt von ihm: »Ricardo's Leben bietet ein ermuthigendes Beispiel dar. Ricardo hatte Alles zu thun und genügte seinem Eifer. Möge das jugendliche Gemüth, dessen edles Streben höher geht, als die Verhältnisse gestatten, die Hoffnung nicht verlieren, eine geistige Ueberlegenheit zu erlangen oder einen wohlthätigen Einfluss auf das Schicksal des Menschengeschlechts zu bekommen, und möge es bedenken, mit welch' widerwärtiger Lage Ricardo's merkwürdige Laufbahn sich eröffnete, und wie sie sich schloss. Er hatte sein Glück zu machen, seinen Geist zu bilden, seine Erziehung zu beginnen und zu leiten. Mitten unter den thätigsten Mitbewerbern wusste er sich ein grosses Vermögen zu sammeln, und sich die Achtung und Zuneigung derjenigen Menschen zu erwerben und zu erhalten, welche die Reinheit seiner Handlungen am besten beurtheilen konnten. Mitten im praktischen Leben, unter den mannigfaltigsten Einzelheiten und bei den Sorgen bis ins Kleinste erwarb und bildete er die Gewohnheit umfassenden, tiefen und ruhigen Nachdenkens aus und endete damit, dass er keinen Bedeutenderen über sich und wohl nur wenige Gleiche neben sich hatte.« <XXVIII>

Wenn ihm sein Leben und seine Schriften keinen unsterblichen Namen verschafft hätten, so würde es ohne Bedeutung sein, dass die grosse Nation, der er angehört, dem Lehrstuhle der öffentlichen Wirthschaftslehre an der Universität zu London für alle Zeiten den Namen Ricardo gegeben hat. Denn, wer sich nicht selbst ein Denkmal gesetzt hat, der verdient nicht, dass man ihn Eines setze. Wer sich aber selbst Eines hinterlassen hat, der bedarf nicht, dass man ihm Eines setze. <XXIX>

Vorrede des Verfassers.

Das Erzeugniss der Erde oder mit anderen Worten alles dasjenige, was von ihrer Oberfläche mittelst der vereinigten Anwendung von Arbeit Maschinen und Kapital bezogen wird, vertheilt sich unter drei Klassen von Mitgliedern des Gemeinwesens: nämlich unter die Eigenthümer des Bodens, unter die Eigner des Vermögensstammes oder Kapitals, welches zur Bebauung des Bodens erforderlich ist, und unter die Arbeiter, durch deren Gewerb- und Betriebsamkeit derselbe bebauet wird.

Indessen es sind, je nach dem verschiedenen Stande der Gesellschaft, die verhältnissmässigen Antheile an dem ganzen Erzeugnisse der Erde, welche einer jeden von jenen Klassen unter dem Namen Rente, Gewinn und Arbeitslohn (rent, profit, and wages) zufallen, wesentlich verschieden. Dies rührt hauptsächlich von der jedesmaligen Fruchtbarkeit des Bodens, Anhäufung von Kapital und Bevölkerung, und Fertigkeit, Talenten und Werkzeugen her, welche im Ackerbaue angewendet werden. Die Darlegung der Gesetze, welche diese Vertheilung anordnen, ist die Hauptaufgabe der Volkswirthschaftslehre. Wie sehr nun auch diese Wissenschaft durch die Schriften eines Turgot, Stuart, Smith, Say, Sismondi und Anderer weiter gefördert worden ist, so gewähren sie dennoch sehr wenige genügende Belehrung über den natürlichen Entwicklungsgang der Rente, des Gewinnstes und des Arbeitslohnes.

Im Jahre 1815 legte Malthus in seiner »Untersuchung über die Natur und Fortschritte der Rente« und, fast zur nämlichen <XXX> Zeit, ein Mitglied der Universität Oxford in seinem »Versuche liber die Anwendung von Kapital auf den Grund und Boden« der Welt die wichtige Lehre von der Rente dar, ohne deren Kenntniss es unmöglich ist, die Wirkungen der Fortschritte des Volkswohlstandes auf den Gewinnst und Arbeitslohn zu verstehen oder den Einfluss der Besteuerung auf die verschiedenen Klassen der Mitglieder des Gemeinwesens aus einander zu setzen, besonders wenn die besteuerten Güter unmittelbare Erzeugnisse der Erdoberfläche sind. A. Smith und andere tüchtige Schriftsteller, auf die ich mich bezogen habe, übersahen weil sie den Gesichtspunkt über die Grundgesetze der Rente nicht richtig erkannten, wie mir scheint, manche wichtige Wahrheit, deren Entdeckung einzig und allein möglich ist, wenn man das Wesen der Rente durch und durch versteht.

Um nun aber diesen Mangel zu ersetzen, sind freilich Fähigkeiten weit höherer Art erforderlich, als sie der Verfasser der folgenden Blätter besitzt. Indessen auf das reiflichste Nachdenken, das er diesem Gegenstande gewidmet, auf die Nachhilfe, welche er aus den Werken der oben genannten ausgezeichneten Schriftsteller geschöpft, und auf die schätzbare Erfahrung hin, welche die letzten Jahre mit ihrem Ueberflusse an Thatsachen dem gegenwärtigen Geschlechte dargereicht haben, wagt er das Vertrauen, man werde ihn nicht für vermessen halten, wenn er auch seine Meinung über die Gesetze des Gewinnstes und Arbeitslohnes und über die Wirksamkeit der Steuern ausspreche. Sollten die Grundsätze, welche er für die richtigen hält, auch von Anderen so befunden werden, so wird es die Sache anderer, fähigerer, Männer sein, sie bis zu allen ihren wichtigen Folgerungen weiter zu entwickeln.

Wenn der Verfasser herrschende Meinungen bestritt, so fand er es nothwendig, besonders mehr auf solche Stellen in den Schriften von A. Smith zu achten, bei welchen er Grund zu haben glaubt, andererer Ansicht zu sein; allein er hofft, <XXXI> man werde ihn deshalb nicht verdächtigen, als ob er nicht, in Gemeinschaft mit allen, welche die Wichtigkeit der Volkswirthschaftslehre anerkennen, an der Bewunderung Antheil nehme, welche das tief durchdachte Werk dieses gefeierten Schriftstellers mit so vielem Rechte erregt hat.

Dieselbe Bemerkung kann auch auf die ausgezeichneten Werke von Say angewendet werden, welcher nicht blos der Erste oder unter den Ersten der Schriftsteller des Festlandes war, die A. Smiths Grundsätze richtig würdigten und anwendeten, und der mehr, als andere Schriftsteller des Festlandes zusammen genommen, dazu beigetragen hat, die Grundsätze dieses aufgeklärten und wohlthätigen Systems den Völkern Europas zu empfehlen; dem aber insbesondere gelungen ist, diese Wissenschaft in eine logischere und unterrichtendere Ordnung zu bringen, und der sie mit mehrfachen eigenthtümlichen, genauen und tiefen Erörterungen bereichert hat1. Die Achtung des Verfassers für die Schriften dieses Herrn konnte ihn jedoch nicht abhalten, zu solchen Stellen seiner »öffentlichen Wirthschaftslehre, « welche mit seinen eigenen Grundansichten nicht übereinstimmen, seine Bemerkungen mit derjenigen Freimüthigkeit zu machen, welche, seines Erachtens, das Interesse der Wissenschaft erheischt.

Vorbemerkung des Verfassers zur dritten Auflage.

In dieser Auflage habe ich versucht, meine Ansicht über die schwierige Frage über den Werth vollständiger als in der vorigen aus einander zusetzen, und zu diesem Behufe habe ich zum ersten Hauptstück (chapter) einige Zusätze gemacht. Ich habe <XXXII> auch ein neues Hauptstück über die Frage von dem Maschinenwesen und von den Wirkungen der Verbesserung desselben hinsichtlich der Interessen der verschiedenen Klassen im Staate eingefügt. In dem Hauptstück über die unterscheidenden Eigenthümlichkeiten des Werthes und Vermögens habe ich die Lehre von Say über diese wichtige Frage nach der vierten und letzten Auflage seines Werkes geprüft. Ich habe in dem letzten Hauptstücke versucht, schärfer als früher ins Auge zu fassen die Lehre von der Fähigkeit eines Landes, mehr Geldsteuem zu zahlen, trotzdem dass der Gesammt-Geldwerth der Masse seiner Güter fallen sollte, zufolge entweder der verminderten Menge von Arbeit, welche die Hervorbringung des Getreides im Lande erfordert, zufolge von Verbesserungen der Landwirthschaft, oder des Bezuges eines Theiles seines Getreidebedarfs zu einem niedrigen Preise aus dem Auslande mittelst der Ausfuhr seiner Gewerksartikel. Diese Untersuchung ist von grosser Wichtigkeit in Bezug auf die Frage wegen, der Gestattung ungehinderter Einfuhr fremden Getreides, besonders in einem Lande, welches, in Folge einer ungeheueren Staatsschuld, mit einer schweren festen Geldbesteuerung belastet ist. Ich habe zu zeigen gesucht, dass die Fähigkeit, Steuern zu bezahlen, nicht von dem Geldwerthe der Masse von Gütern, noch von dem reinen Geldwerthe der Einkünfte der Kapitalisten (capitalists) und Grundherren, sondern von dem Geldwerthe des Einkommens jedes Staatsangehörigen, verglichen mit dem Geldwerthe der Güter, welche er üblicher Weise verbraucht, abhängig ist.

März 1821.


1. Kap. 15. Th. I., »Von den Absatzwegen,« enthält insbesondere einige sehr wichtige Grundsätze, welche dieser ausgezeichnete Schriftsteller, meiner Meinung nach, zuerst auseinander gesetzt hat.