LW16-1909-10.1962.pdf Entlarvte Liquidatoren 1-8

Den Lesern ist natürlich bekannt, daß sich unsere Partei das letzte Jahr über mit der sogenannten liquidatorischen Strömung in der Sozialdemokratie auseinandersetzen mußte. Die Liquidatoren, das sind die ganz unverhohlenen Opportuniste

n, die da zu predigen anfingen, die illegale sozialdemokratische Partei, die SDAPR, sei im heutigen Rußland überflüssig. 1

innerparteiliche Polemik

Über die Fraktion der Anhänger des Otsowismus und des Gottbildnertums 16-50

innerparteiliche Polemik

Überlegt mal, oh, ihr ganz zu Unrecht Entfernten, worin besteht der spezifische Unterschied in der Politik und Taktik der deutschen Sozialdemokratie gegenüber den sozialistischen Arbeiterparteien der anderen Länder? Ausnutzung des Parlamentarismus, Umwandlung des bürgerlich-junkerlichen Parlamentarismus (auf russisch etwa: des Parlamentarismus der Oktobristen und Schwarzhunderter) in ein Instrument zur sozialistischen Erziehung und Organisierung der Arbeitermassen. Bedeutet das, daß der Parlamentarismus die höchste Kampfform des sozialistischen Proletariats ist? Die Anarchisten der ganzen Welt meinen, daß es das bedeute. Bedeutet das, daß die deutschen Sozialdemokraten auf dem Standpunkt des Parlamentarismus um jeden Preis stehen? Die Anarchisten der ganzen Welt meinen, daß es das bedeute, und darum haben sie keinen verhaßteren Feind als die deutsche Sozialdemokratie, darum haben sie keine beliebtere Zielscheibe als die deutschen Sozialdemokraten. Und in Rußland versuchen unsere Sozialrevolutionäre, wenn sie beginnen, mit den Anarchisten zu liebäugeln und ihren „revolutionären Geist" zu preisen, unbedingt diese oder jene wirklichen oder vermeintlichen Fehltritte der deutschen Sozialdemokraten hervorzuziehen und daraus Schlußfolgerungen gegen die Sozialdemokratie abzuleiten. 21

Haben die Anarchisten recht behalten, weil die deutschen Sozialdemokraten die Arbeiter verraten haben?

In Wirklichkeit steht die deutsche Sozialdemokratie nicht nur keineswegs auf dem Standpunkt des Parlamentarismus um jeden Preis, ordnet sie nicht nur keineswegs alles und jedes dem Parlamentarismus unter, sondern umgekehrt: gerade sie hat am besten in der internationalen Armee des Proletariats solche außerparlamentarischen Kampfmittel entwickelt wie die sozialistische Presse, die Gewerkschaften, die systematische Ausnutzung der Volksversammlungen, die Erziehung der Jugend im sozialistischen Geist usw. usf.

Worin besteht denn hier das Wesen der Sache? Darin, daß die Gesamtheit einer ganzen Reihe historischer Bedingungen den Parlamentarismus für Deutschland in einer bestimmten Periode zu einem spezifischen Kampfmittel gemacht hat, nicht zum hauptsächlichen, höchsten, bedeutenden und im Vergleich zu den anderen wesentlichen, sondern eben zu einem spezifischen und im Vergleich zu anderen Ländern höchst charakteristischen. Die Fähigkeit, den Parlamentarismus auszunutzen, erwies sich deshalb als Symptom (nicht als Bedingung, sondern als Symptom) einer vorbildlichen Organisation der gesamten Sache des Sozialismus in all ihren von uns oben aufgezählten Verzweigungen. 22

Wir erklären jetzt den Liquidatoren von rechts wie den Liquidatoren von links, die die Arbeiterpartei durch theoretischen Revisionismus und kleinbürgerliche Methoden der Politik und Taktik demoralisieren, den ganz entschiedenen und unversöhnlichen Krieg. 50

über einige Quellen der gegenwärtigen ideologischen Zerfahrenheit 79-86

Die Grundlage der Taktik der Bolschewiki in der Revolution von 1905 bis 1907 war der Leitsatz, daß der volle Sieg dieser Revolution nur als Diktatur des Proletariats und der Bauernschaft möglich ist. Wie lautet die ökonomisdbe Begründung dieser Auffassung? Zuerst in „Zwei Taktiken" (1905)Siehe Werke, Bd. 9, S. 1-130. Die Red. und dann in zahlreichen Artikeln in Zeitungen und Sammelbänden von 1906 und 1907 haben wir stets folgende Begründung gegeben: Die kapitalistische Entwicklung Rußlands ist bereits endgültig vorausbestimmt und unvermeidlich, sie kann sich jedoch in zwei Formen vollziehen: in der sogenannten „preußischen" Form (Beibehaltung der Monarchie und des gutsherrlichen Grundbesitzes, Schaffung einer starken, d. h. kapitalistischen Bauernschaft auf dem vorhandenen historischen Boden usw.) 80 und in der sogenannten „amerikanischen" Form (bürgerliche Republik, Aufhebung des gutsherrlichen Grundbesitzes, Schaffung einer Farmerschaft, d. h. einer freien kapitalistischen Bauernschaft vermittels eines radikalen Umbruchs der gegebenen historischen Verhältnisse). Das Proletariat muß für den zweiten Weg kämpfen, denn er garantiert am besten die freie und schnelle Entwicklung der Produktivkräfte des kapitalistischen Rußlands, doch der Sieg in diesem Kampf ist nur möglich im revolutionären Bündnis des Proletariats mit der Bauernschaft. 79-80

Ziehen wir das Fazit. Diskussionen über die Taktik sind zwecklos, wenn sie nicht auf einer klaren Analyse der ökonomischen Möglichkeiten beruhen. Die Frage nach dem preußischen und dem amerikanischen Typ der Evolution in der Landwirtschaft Rußlands wurde durch den Kampf in den Jahren 1905-1907 aufgeworfen, der die Realität dieser Frage bewiesen hat. Stolypin geht einen weiteren Schritt auf dem preußischen Wege voran - dies übersehen hieße lächerliche Angst vor der bitteren Wahrheit haben. Wir müssen eine besondere historische Etappe auf dem Boden dieses neuen Schritts durchleben. Es wäre aber nidit nur lächerlich, sondern direkt ein Verbrechen, zu übersehen, daß Stolypin bisher nur die alte Lage kompliziert und verschärft hat, ohne Neues zu schaffen. Stolypin „setzt auf die Starken" und will „20 Jahre Ruhe und Frieden" haben für die „Reformierung" (lies: Ausplünderung) Rußlands durch die Gutsbesitzer … Verzichtet das Proletariat auf diese Erfüllung seiner demokratischen Pflicht, so führt dies unweigerlich zu Schwankungen und ist objektiv nur Wasser auf die Mühle der konterrevolutionären Liberalen außerhalb der Arbeiterbewegung und der Liquidatoren innerhalb der Arbeiterbewegung. 86

Die Methoden der Liquidatoren und die Parteiaufgaben der Bolschewiki 87-94

Das Liquidatorentum ist eine tiefgreifende soziale Erscheinung, die untrennbar mit der konterrevolutionären Einstellung der liberalen Bourgeoisie, mit der Auflösung und dem Verfall innerhalb des demokratischen Kleinbürgertums in Zusammenhang steht. Auf tausenderlei Art bemühen 93 sich die Liberalen und die kleinbürgerlichen Demokraten, die revolutionäre sozialdemokratische Partei zu zersetzen, zu unterhöhlen, sie niederzuwerfen und den Boden für solche legalen Arbeitervereinigungen vorzubereiten, in denen sie Erfolg haben könnten. Und in solch einer Zeit kämpfen die Liquidatoren ideologisch und organisatorisch gegen den wichtigsten Überrest der gestrigen Revolution, gegen das wichtigste Bollwerk der morgigen Revolution …

Den Bolschewiki erwächst die Aufgabe, an zwei Fronten zu kämpfen - die Aufgabe eines „Zentrums" (deren Wesen Maximow nicht begriffen hat, der darin Unatifrichtigkeit und Diplomatie erblickt). Es ist unmöglich, die illegale sozialdemokratische Organisation zu erhalten und zu festigen, wenn sie nicht systematisch, beständig, schrittweise umgestaltet wird zwecks Meisterung der gegenwärtigen schweren Lage, zwecks langwieriger Arbeit mit Hilfe der „Stützpunkte" all und jeder legalen Möglichkeiten.

Die objektiven Bedingungen haben der Partei diese Aufgabe diktiert. Wer wird sie lösen? Dieselben objektiven Bedingungen haben die Annäherung der Parteitreuen aller Fraktionen und Teile der Partei diktiert, vor allem die Annäherung zwischen den Bolschewiki und den parteitreuen Menschewiki, den Menschewiki vom Typ der Wiborger in St. Petersburg und der Plechanowleute im Ausland. Die Bolschewiki haben ihrerseits offen die Notwendigkeit dieser Annäherung verkündet, und wir rufen alle Menschewiki, die offen gegen das Liquidatorentum zu kämpfen vermögen, die offen Plechanow zu unterstützen vermögen, und natürlich an erster Stelle und vor allen Dingen die menschewistischen Arbeiter dazu 94 auf. Die Annäherung wird sich schnell und umfassend vollziehen, wenn ein "Übereinkommen mit den Plechanowleuten möglich ist: ein Übereinkommen auf der Grundlage des Kampfes für die Partei und für das Parteiprinzip, gegen das Liquidatorentum, ohne jede ideologischen Kompromisse, ohne jede Vertuschung der taktischen und anderen Meinungsverschiedenheiten im Rahmen der Parteilinie. 92-94

Märchen der bürgerlichen Presse über einen Ausschluß Gorkis .. 98

Das Ziel dieser Verleumdungskampagne ist nicht minder klar. Die bürgerlichen Parteien möchten gern, daß Gorki aus der sozialdemokratischen Partei austritt. Die bürgerlichen Zeitungen geben sich die größte Mühe, die Meinungsverschiedenheiten innerhalb der sozialdemokratischen Partei zu schüren und sie verzerrt darzustellen.

Die bürgerlichen Zeitungen bemühen sich vergebens. Genosse Gorki hat sich durch seine großen Kunstwerke zu fest mit der Arbeiterbewegung Rußlands und der ganzen Welt verbunden, um ihnen anders als durch Verachtung zu antworten. 98

Über den ideologischen Zerfall und die ideologische Zersetzung in der Sozialdemokratischen Partei Rußlands 99-101

Der ideologische Zerfall und die ideologische Zersetzung sind das Übel, wovon der Liberalismus ganz und gar erfaßt ist und das sich von allen Seiten den Weg in unsere Partei bahnt.99

„In der gesamten Petersburger Arbeit", so lesen wir in demselben Brief, „ist das Fehlen eines führenden einheitlichen Zentrums, sind Disziplinlosigkeit, Unordnung, das Fehlen einer Verbindung zwischen den ein 100 zelnen Teilen, das Fehlen der Einheit und Planmäßigkeit in der Arbeit spürbar. Jeder arbeitet auf eignes Risiko und auf eigne Gefahr … „Auf dieser Basis bildet sich eine charakteristische Erscheinung heraus, die vollkommen selbständig auch in Odessa auftrat: die revolutionäre Untätigkeit, überall, wo der Geist des Otsowismus herrscht, springt es kraß ins Auge, daß die illegalen Organisationen nichts tun. Ein bis zwei propagandistische Zirkel, Kampf gegen legale Möglichkeiten - das ist auch schon die ganze Arbeit. Sie trägt überwiegend desorganisierenden Charakter, was Ihr auch aus den umfassenden Materialien ersehen könnt, die ich Euch aus Odessa gesandthabe" … „Was die legalen Möglichkeiten anbelangt, so fehlt bei deren Ausnutzung eine konsequente sozialdemokratische Linie. In der Finsternis der Reaktion haben die Opportunisten in der Sozialdemokratie ihr Haupt erhoben und ,rebellieren' - wissend, daß dies jetzt nicht gefährlich ist — gegen die Grundprinzipien der Sozialdemokratie. Da trifft man auf eine derart umfassende Revision der revolutionären Sozialdemokratie, ihres Programms, ihrer Taktik, daß die Revision Bernsteins dagegen wie ein Kinderspiel erscheint. Die SDAPR verstehe Marx nicht, sie habe die Tendenzen der ökonomischen Entwicklung Rußlands falsch analysiert, in Rußland habe es niemals eine Leibeigenschaftsordnung, sondern eine gutsherrlich-handelskapitalistische Ordnung gegeben, es habe keinen Widerspruch zwischen den Interessen der Bourgeoisie und des Landadels gegeben und es gebe ihn nicht, es existiere auch kein Bündnis zwischen ihnen, denn diese beiden Klassen, die sich die russische Sozialdemokratie ausgedacht habe, stellten eine einzige bürgerliche Klasse dar (das sei ein spezifischer Zug Rußlands), die Selbstherrschaft sei die Organisation dieser Klasse. Die Schwäche der 101 russischen Bourgeoisie, worauf sich die Losung der ,Diktatur des Proletariats und der Bauernschaft' gründe (?? - die Fragezeichen stammen vom Verfasser des Briefes), sei einfach ausgedacht, und diese Losung selbst, wäre und bliebe utopisch. Man müsse sie über Bord werfen zusammen mit der demokratischen Republik, denn der russische Zug fahre jetzt auf deutschen Gleisen … "42 S. 468 Der Brief „eines alten Jskristen und alten Bolsdheiviken", den Lenin zitiert, wurde mit der Unterschrift „Tr." im „Proletari" Nr. 50 vom 28. November (11. Dezember) 1909 veröffentlicht („Briefe aus Petersburg. Brief III").

Es ist offensichtlich, daß wir hier die Momentaufnahme eines der Bäche jenes breiten Stromes der ideologischen Konfusion vor uns haben, der den Otsowismus und das Liquidatorentum hervorbringt und bisweilen die Prämissen des äußersten rechten und des äußersten „linken" Blödsinns wunderlich durcheinanderwirft und sogar einander annähert. Die erste Hälfte dieser Prämissen (Fehlen des Widerspruchs zwischen Bourgeoisie und fronherrlichem Grundbesitz usw.) ist derart unsinnig und dumm, daß es sogar schwerfällt, sie ernst zu nehmen. Es hat keinen Sinn, zu kri …An dieser Stelle bricht das Manuskript ab. Die Red. 99-101

Schriftliche Erläuterung zum Entwurf der grundlegenden Bestimmungen des Gesetzes über den Achtstundentag 102-109

Der Hauptzweck der Gesetzentwürfe, die von den Sozialdemokraten in der III. Duma eingebracht werden, muß in der Propaganda und Agitation für das sozialdemokratische Programm und die sozialdemokratische Taktik bestehen. Jede Hoffnung auf ein „Reformertum" der III. Duma wäre nicht nur lächerlich, sondern würde auch die Gefahr heraufbeschwören, daß das Wesen der revolutionären sozialdemokratischen Taktik völlig entstellt und sie in eine Taktik des opportunistischen, liberalen Sozialreformertums verwandelt wird. Es steht außer Frage, daß eine derartige Entstellung der sozialdemokratischen Taktik in der Duma direkt 103 und entschieden den allgemeinverbindlichen Beschlüssen unserer Partei widerspräche, 102-103

4. angesichts der jetzigen äußerst erschwerten Bedingungen für die legale sozialdemokratische Propaganda und Agitation unter den Massen müssen die Gesetzentwürfe so abgefaßt werden, daß sowohl ein einzeln genommener Gesetzentwurf als auch eine einzeln genommene schriftliche Erläuterung dazu ihren Zweck erfüllen können, wenn sie unter die Massen kommen (sei es durch Abdruck in nichtsozialdemokratischen Zeitungen, sei es durch Verbreitung von Flugblättern mit dem Text des Gesetzentwurfs u. dgl. m.), d. h., daß die Arbeiter von der Straße, die unaufgeklärten Arbeiter, sie lesen können mit Nutzen für die Entwicklung ihres Klassenbewußtseins; zu diesem Zweck müssen die Gesetzentwürfe in ihrem gesamten Aufbau vom Geist des proletarischen Mißtrauens gegenüber den Unternehmern und dem Staat als einem den Unternehmern dienenden Organ durchdrungen sein; mit anderen Worten, der Geist des Klassenkampfes muß den gesamten Aufbau des Gesetzentwurfs durchdringen, muß aus der Summe der einzelnen Bestimmungen hervorgehen;

schließlich, 5. müssen die Gesetzentwürfe unter den heutigen Bedingungen in Rußland, d. h. bei dem Fehlen einer sozialdemokratischen Presse und sozialdemokratischer Versammlungen, eine genügend konkrete Vorstellung von der Umgestaltung vermitteln, die die Sozialdemokraten fordern, und dürfen sidi nicht auf eine einfache Proklamation des Prinzips beschränken; der Arbeiter von der Straße, der gewöhnliche Arbeiter muß an dem sozialdemokratischen Gesetzentwurf interessiert, muß von dem konkreten Bild der Umgestaltung begeistert sein, um dann von diesem einzelnen Bild zur gesamten Weltanschauung der Sozialdemokratie als Ganzem übergehen zu können. 104

Der von unserer Unterkommission vorgeschlagene Gesetzentwurf nimmt an dem ursprünglichen Entwurf eine Reihe von Korrekturen in der angegebenen Richtung vor. Gehen wir im einzelnen auf die Motivierung folgender Abänderungen des ursprünglichen Entwurfs ein.

In der Frage, auf welche Betriebe der Gesetzentwurf anzuwenden ist, muß der Anwendungsbereich durch Einbeziehung aller Zweige sowohl der Industrie als auch des Handels, des Verkehrs und der verschiedenen Institutionen (einschließlich der staatlichen: Post u. dgl. m.) sowie der Heimarbeit erweitert werden. In der schriftlichen Erläuterung für die Duma müssen die Sozialdemokraten besonders die Notwendigkeit einer solchen Erweiterung und der Beseitigung jeglicher Schranken und Unterteilungen (in dieser Frage) zwischen dem Industrieproletariat und den im Handel, im Verkehrswesen und sonstigen Einrichtungen beschäftigten Arbeitern usw. hervorheben. 106

Die Festlegung der stufenweisen Einführung des Achtstundentages (die Deutschen dehnten die Einführung auf 8 Jahre aus; Parvus auf 4 Jahre; wir schlagen 2 Jahre vor) gibt zugleich Antwort auf diesen Einwand: eine längere Arbeitszeit als 10 Stunden täglich ist ökonomisch ganz unrationell und aus gesundheitlichen und kulturellen Erwägungen heraus unzulässig. Die Frist von einem Jahr für die Verkürzung des Arbeitstages um eine Stunde genügt vollauf, damit die technisch rückständigen Betriebe mithalten und sich umstellen können, damit die Arbeiter ohne merkliche Veränderung in der Arbeitsproduktivität zu der neuen Ordnung übergehen können.

Die stufenweise Einführung des Achtstundentages soll nicht deshalb festgelegt werden, um den Entwurf dem Maßstab der Kapitalisten oder der Regierung „anzupassen" (davon kann gar keine Rede sein, und wenn derartige Gedanken aufkämen, so würden wir es selbstverständlich vorziehen, jegliche Erwähnung der stufenweisen Einführung wegzulassen), sondern deshalb, um jedermann anschaulich vor Augen zu führen, daß 108 das Programm der Sozialdemokratie in technischer wie in kultureller und ökonomischer Hinsicht selbst in einem der rückständigsten Länder durchführbar ist. 107-108

Die Menschewiki haben, als sie die Volkstümlerideologie als eine falsche Doktrin des Sozialismus bekämpften, in doktrinärer Weise den historisch realen und historisch fortschrittlichen Inhalt der Volkstümlerideologie als Theorie des einen Massencharakter tragenden kleinbürgerlichen Kamp- 113 fes des demokratischen Kapitalismus gegen den liberal-gutsbesitzerlichen Kapitalismus, des „amerikanischen" Kapitalismus gegen den „preußischen" Kapitalismus übersehen und verpaßt. Daher ihre ungeheuerliche, idiotische, renegatenhafte Idee (die auch die „ Qesellsdbaftlidhe Bewegung" ganz durchdrungen hat), daß die Esaembewegung reaktionär sei, daß der Kadett fortschrittlicher sei als der Trudowik, daß „die Diktatur des Proletariats und der Bauernschaft" ( = klassische Fragestellung) in Widerspruch stehe „zu dem gesamten Verlauf der wirtschaftlichen Entwicklung" (S. 661 der menschewistischen „Gesellschaftlichen Bewegung"). „In Widerspruch stehe zu dem gesamten Verlauf der wirtschaftlichen Entwicklung" - trägt das nicht den Geist der Reaktion in sich? …

Diese Agrarfrage nun ist heute in Rußland die nationale Frage der bürgerlichen Entwicklung. Um nicht in den Fehler einer (mechanischen) Übertragung des in vielem richtigen und in jeder Hinsicht äußerst wertvollen deutschen Musterbeispiels auf uns zu verfallen, muß man sich klar vorstellen, daß die nationale Frage der vollständig gefestigten bürgerlichen Entwicklung Deutschlands die Vereinigung usw. war, aber nicht die Agrarfrage, während die nationale Frage der endgültigen Festigung der bürgerlichen Entwicklung Rußlands gerade die Agrarfrage (ja sogar in engerem Sinne die Bauernfrage) ist …

Wodurch kann ich beweisen, daß bei uns die -Agrarfrage nationale Bedeutung für die bürgerliche Entwicklung erlangt hat und nicht irgendeine andere Frage? Ich weiß wirklich nicht, ob es eines solchen Beweises bedarf. Ich glaube, das ist unbestritten. Aber gerade hier liegt die theoretische Grundlage, und gerade darauf müssen alle Teilfragen reduziert werden. 112-113

Die Nationalisierung des Bodens = die Vernichtung des alten Grundeigentums auf bäuerliche Art, ist die wirtschaftliche Grundlage des amerikanischen Weges. Das Gesetz vom 9. XL 1906 = die Vernichtung des alten Grundeigentums auf Gutsbesitzerart, ist die wirtschaftliche Grundlage des preußischen Weges. 114

Bei uns ist der Kampf noch im Gange. Noch hat keiner der beiden Wege der Agrarentwiddung gesiegt. Bei uns wird bei jeder Krise unserer Epoche (1905-1909-??) die „allgemeindemokratische" Bewegung des Bauern hervortreten, unbedingt hervortreten, und das zu ignorieren wäre ein grundlegender Fehler …

Ad 2. Im Grunde genommen habe ich fast alles zu ad 2 schon gesagt. In Deutschland den Wunsch des „Bauern", sidb (d. h. dem Bauern) den Grund und Boden des Gutsbesitzers, des Junkers, zu verschaffen, durch den Arbeiter zu unterstützen, wäre reaktionär. … In Rußland ist in den Jahren 1905-1909-?? die Ablehnung dieser Unterstützung reaktionär. 115

Das letzte Wort des russischen Liberalismus 126-133

Bei uns liebt man es - leider trifft das sogar auf Leute zu, die Sozialdemokraten sein möchten - , abfällig von „revolutionären Illusionen" zu sprechen. Kann aber irgend etwas naiver sein als die liberale Illusion, die soziale Basis der konterrevolutionären Bourgeoisie („gemeinsame Verteidigung") und der Gutsbesitzer sei „schwach", man könne sie auf anderem Wege zerschlagen als durch den entschiedensten und unerbittlichen revolutionären Druck der Massen, als durch den Aufstand der Massen? 126

Die Konferenz der Kadetten hat, ohne es zu ahnen, die Taktik unserer Partei glänzend bestätigt. Wir müssen eine neue historische Periode durchstehen, wo die Selbstherrschaft auf neue Art bemüht ist, sich zu retten, und wo sie offensichtlich wiederum einem Bankrott auf diesem neuen Weg entgegengeht. Wir müssen diese Periode durchstehen, indem wir systematisch, beharrlich und geduldig an einer umfassenderen und festeren Organisation der politisch bewußteren Massen des sozialistischen Proletariats und der demokratischen Bauernschaft arbeiten. Wir müssen alle Bedingungen und Möglichkeiten der Parteiarbeit in einer solchen Zeit ausschöpfen, in der die schwarze Duma wie die Monarchie gezwungen ist, den Weg der Organisierung von Parteien einzuschlagen. Wir müssen diese Zeit als eine Periode der sich auf neuer Grundlage, unter neuen Bedingungen vollziehenden Vorbereitimg neuer Massen zu einem entschiedeneren revolutionären Kampf für unsere alten Forderungen nutzen. Revolution und Konterrevolution haben in der Tat gezeigt, daß die Monarchie völlig unvereinbar mit der Demokratie, mit der Herrschaft des Volkes, mit der Freiheit des Volkes ist; wir müssen unter den Massen die Beseitigung der Monarchie und den Republikanismus propa 133 gieren als Voraussetzungen für den Sieg des Volkes; wir müssen die Losung „Nieder mit der Monarchie" zu einer ebenso populären „Redewendung des Volkes" machen, wie es nach langjähriger beharrlicher sozialdemokratischer Arbeit in den Jahren 1895-1904 die Losung „Nieder mit der Selbstherrschaft" wurde. Revolution und Konterrevolution haben in der Tat die ganze Stärke und die volle Bedeutung der Klasse der Gutsbesitzer gezeigt; wir müssen unter den Bauernmassen die völlige Beseitigung dieser Klasse, die völlige Aufhebung des gutsherrlichen Grundbesitzes propagieren … wir müssen dreimal mehr Massen des Proletariats als im Jahre 1905 erziehen, zusammenschließen und organisieren, denn nur das Proletariat ist, von der selbständigen sozialdemokratischen Partei geführt, gemeinsam mit dem Proletariat der fortgeschrittenen Länder voranschreitend, in der Lage, für Rußland die Freiheit zu erkämpfen. 132-133

Die elfte Sitzung des Internationalen Sozialistischen Büros .. .. 134-138

Die Opportunisten nahmen eine Revision des alten,marxistischen Programms der sozialdemokratischen Partei Hollands vorund stellten unter anderem solche Thesen dieser Revision auf, wie dieAbkehr von der „Zusammenbruchstheorie" (Bernsteins bekannte Idee)oder den Wunsch, daß die Anerkennung des Programms die Parteimitgliederverpflichte, die politisch-ökonomischen, „nicht aber die philosophischenAnsichten von 'Marx" anzuerkenne 136

Zur Einheit 141-150

Das vergangene Jahr war ein Jahr neuer fraktioneller Zersplitterungen, neuen Fraktionskampfes, ein Jahr erhöhter Gefahr des Zerfalls der Partei. Aber die örtlichen Arbeitsbedingungen, die schwierige Lage der sozialdemokratischen Organisation, die unaufschiebbaren Aufgaben des ökonomischen und politischen Kampfes des Proletariats, das alles drängte alle Fraktionen zum Zusammenschluß der sozialdemokratischen Kräfte. Je mehr die Konterrevolution erstarkte, je frecher sie wütete, je weiter sich unter den liberalen und kleinbürgerlich-demokratischen Schichten ein niederträchtiges Renegatentum und die Absage an die Revolution ausbreitete, desto stärker war bei allen Sozialdemokraten der Drang zur Partei. 142

Zu den alten Feinden - dem Zarismus, der Willkür und Gewalt der Beamten, der Unterdrückung und schamlosen Verhöhnung von Seiten der fronherrlichen Gutsbesitzer - gesellt sich ein neuer Feind: die sich auf der Grundlage einer bewußten, durch eigene Erfahrung bestärkten Feindschaft gegenüber dem Proletariat immer fester zusammenschließende Bourgeoisie. Die Revolutionäre werden wie nie zuvor ausgerottet, gequält und gepeinigt. Man bemüht sich, die Revolution zu besudeln, zu schmähen, sie aus dem Gedächtnis des Volkes zu tilgen. Aber die Arbeiterklasse hat noch in keinem Lande jemals ihren Feinden erlaubt, die wichtigste Errungenschaft jeder Revolution, sofern sie nur irgendwie diese Bezeichnung verdient, zu entreißen, nämlich: die Erfahrung des Massenkampfes, die Überzeugung Millionen Werktätiger und Ausgebeuteter von der Notwendigkeit des Massenkampfes für jede ernsthafte Verbesserung ihrer Lage. Und die Arbeiterklasse Rußlands läßt sich durch keinerlei Prüfungen die Bereitschaft zum revolutionären Kampf nehmen, den Heroismus der Massen nehmen, mit dem sie im Jahre 1905 Siege errungen hat und noch wiederholt erringen wird. 146

Uns vereint nicht nur der Druck der Konterrevolution und die Welle konterrevolutionärer Stimmungen. Uns vereint auch jeder Schritt der unscheinbaren, tagtäglichen praktischen Arbeit. Die Dumaarbeit der Sozialdemokratie macht stetig Fortschritte, sie befreit sich von den Fehlern, die anfangs unvermeidlich waren, sie überwindet Skeptizismus und Gleichgültigkeit und schmiedet die von allen Sozialdemokraten hochbewertete Waffe der revolutionären Propaganda, Agitation und des organisierten Klassenkampfes. 145-146

Der „Golos" der Liquidatoren gegen die Partei (Antwort an den „Golos Sozial-Demokrata")

Der „Golos Sozial-Demokrata" Nr. 19/20 und das als „Brief an die Genossen" gesondert veröffentlichte Manifest der Genossen Axelrod, Dan, Martow und Martynow ist eine Bombe, dazu bestimmt, die Partei unmittelbar nach dem Vereinigungsplenum zu sprengen, so daß wir uns gezwungen sehen, unverzüglich mit einem wenngleich kurzen und nicht erschöpfenden warnenden Hinweis aufzutreten und uns mit dieser Warnung an alle Sozialdemokraten zu wenden. 151

Der Artikel enthält etwas weitaus Schlimmeres. Er beruht voll und ganz auf der Theorie der Gleichberechtigung zwischen der illegalen Partei, d. h. der SDAPR einerseits und den von der Partei abgespaltenen Legalisten, die sich gern Sozialdemokraten nennen möchten, anderseits. 152

Liquidatorentum (d. h. mit dem Legalismus um jeden Preis) 153

Also: Nr. 19/20 des „Golos Sozial-Demokrata" und das Spaltermanifest der vier Redakteure des „Golos" „An die Genossen" ist eine direkte Agitation:

für das das Fraktionsorgan, gegen die Einheit,gegen die Einigung im Ausland,

zur Verfechtung des offensichtlichen Liquidatorentums,

zur Verteidigung der direkten Gegner des Bestehens des ZK.

Gegen die Partei!

Die Verschwörung gegen die Partei ist aufgedeckt. Erhebt euch alle, denen das Bestehen der SDAPR teuer ist, zur Verteidigung der Partei! 159

Wofür kämpfen? 160-166

Durch ihren ständigen Verrat an der Revolution hat die Bourgeoisie voll und ganz die groben Fußtritte, die Beschimpfungen und das Anspucken verdient, alles, was sie so lange vom Zarismus der Schwarzhunderter, von den zaristisch-gutsbesitzerlichen Schwarzhundertern einstecken muß. Und natürlich haben nicht irgendwelche besonderen moralischen Eigenschaften diesen Verrat von sehen der Bourgeoisie und die historische Vergeltung, die an ihr geübt wurde, hervorgerufen, sondern die widersprüchliche ökonomische Lage der Kapitalistenklasse in unserer Revolution. Diese Klasse fürchtete die Revolution mehr als die Reaktion, den Sieg des Volkes mehr als die Aufrechterhaltung des Zarismus, die Konfiskation der Gutsbesitzerländereien mehr als die Aufrechterhaltung der Macht der Fronherren. Die Bourgeoisie gehörte nicht zu den Elementen, die in der großen revolutionären Schlacht nichts zu verlieren hatten. Ein solches Element war in unserer bürgerlichen Revolution nur das Proletariat, und mit ihm waren das die Millionen der ruinierten Bauernschaft.

Die russische Revolution bestätigte die Schlußfolgerung, die Engels aus der Geschichte der großen bürgerlichen Revolutionen des Westens zog, nämlich: um selbst nur das zu erreichen, was für die Bourgeoisie unmittelbar notwendig ist, mußte die Revolution weiter geben als die Forderungen der Bourgeoisie. Und das Proletariat Rußlands hat die Revolution geführt, führt sie und wird sie weiter voranjübren, die Ereignisse darüber hinaus vorantreibend, wo sie die Kapitalisten und Liberalen aufhalten wollten. 162

Das Proletariat hob die Bewegung auf die höchstmögliche Stufe des Kampfes, auf die Stufe des bewaffneten Aufstands fan Dezember 1905. Es erlitt in diesem Kampf eine Niederlage, wurde aber nicht zerschlagen. Sein Aufstand wurde unterdrückt, aber es erreichte, daß es im Kampf alle revolutionären Kräfte des Volkes vereinte, es ließ sich beim Rückzug  nicht demoralisieren und zeigte den Massen — zeigte erstmalig in der neuesten Geschichte Rußlands den Massen -, daß es möglich und notwendig ist, den Kampf bis zu Ende zu führen … dies alles war der Anfang der Eroberung der politischen Macht durch das Proletariat, das sich auf die revolutionäre Kleinbourgeoisie, insbesondere auf die Bauernschaft, stützte. 163

Davon, daß für die im Jahre 1905 gestellten Ziele, für die Aufgaben, an deren Verwirklichung die damalige Bewegung dicht herankam, jetzt infolge der veränderten Verhältnisse, infolge der anderen Situation der gegenwärtigen historischen Periode in anderen Formen gekämpft werden muß, davon haben wir bereits des öfteren gesprochen. Die Versuche der Selbstherrschaft, sich auf den Typ einer bürgerlichen Monarchie umzustellen, ihr lang währender Kuhhandel mit den Gutsbesitzern und der Bourgeoisie in der III. Duma, die neue bürgerliche Agrarpolitik usw. - dies alles führte Rußland in einen spezifischen Abschnitt seiner Entwicklung, stellte der Arbeiterklasse die langfristigen Aufgaben der Heranbildung einer neuen proletarischen Armee - und einer neuen Revolutionsarmee -, die Aufgaben der Erziehung und Organisierung der Kräfte, der Ausnutzung der Dumatribüne und aller Möglichkeiten der halblegalen Tätigkeit. 165

Man muß verstehen, unsere taktische Linie durchzuführen, man muß verstehen, unsere Organisation so aufzubauen, daß unter Berücksichtigung der veränderten Lage die Aufgaben des Kampfes nidrt herabgesetzt, nicht beschnitten werden, damit der politisch-ideologische Inhalt selbst der auf den ersten Blick sehr bescheidenen, unscheinbaren und geringfügigen Arbeit nicht herabgemindert wird. Es wäre gerade eine solche Herabsetzung der Aufgaben und eine Verstümmelung des politisch-ideologischen Inhalts des Kampfes, wenn wir z. B. für die sozialdemokratische Partei die Losung des Kampfes für eine legale Arbeiterbewegung aufstellten.

Als selbständige Losung ist das keine sozialdemokratische, sondern eine kadettische Losung, denn nur die Liberalen träumen von der Möglichkeit einer legalen Arbeiterbewegung ohne neue Revolution (und davon träumend, predigen sie dem Volk falsche Lehren). Nur die Liberalen beschränken ihre Aufgaben auf ein untergeordnetes Ziel, wobei sie - wie auch die Liberalen Westeuropas - darauf rechnen, das Proletariat mit der „reformierten", ein wenig gesäuberten, „verbesserten" bürgerlichen Gesellschaft auszusöhnen. 164-165

die Aufgaben, vor denen wir im Jahre 1905 standen und die wir damals nicht gelöst haben, bei jedem Schritt und an jeder Wende der Bewegung in ihrer ganzen Fülle erklären - so muß die Politik und die Taktik der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Rußlands sein. 166

Feldzug gegen Finnland 167-171

So war es immer, und so wird es mit den liberalen Phrasen immer sein. Sie beschönigen nur die enge Habgier und die grobe Gewalt der Bourgeoisie, sie schmücken nur die Ketten des Volkes mit imaginären Blumen; sie vernebeln nur das Bewußtsein des Volkes und hindern es daran, seinen wahren Feind zu erkennen. 171

Die »parteitreuen Menschewiki« und die »Liquidatoren« sind die Begriffe, die in den meisten Artikeln die Hauptrolle spielen.

Notizen eines Publizisten 193-261 I. über die „Plattform" der Anhänger und Verfechter des Otsowismus

Wir haben einen spezifisdben historischen Abschnitt mit spezifischen Bedingungen für das Heranreifen einer neuen Revolution vor uns. Man kann dieses Spezifische nicht meistern und sich auf diese neue Revolution nicht vorbereiten, wenn man nur auf alte Weise vorgeht, wenn man es nicht versteht, die Dumatribüne selbst auszunutzen usw.

Gerade diese zuletzt angeführte These können die Otsowisten nicht begreifen. 197

Bei der Zusammenfassung dessen, wie sie den Bolschewismus „verstehen", haben die Verfasser der Plattform sogar einen besonderen Punkt d (S. 16) aufgenommen, in dem diese „Karikatur" auf den revolutionären Gedanken sozusagen ihren klassischen Ausdruck gefunden hat. Dieser Punkt hat folgenden Wortlaut:

,,d) Bis zur Vollendung der Revolution können alle halblegalen und legalen Methoden und Wege des Kampfes der Arbeiterklasse, darunter auch die Beteiligung an der Reichsduma, keine selbständige und entscheidende Bedeutung besitzen, sondern sind lediglich ein Mittel zur Sammlung und Vorbereitung der Kräfte für den direkten revolutionären, offenen Massenkampf."

Demnach wäre es so, daß nach der „Vollendung der Revolution" die legalen Kampfmethoden, „darunter" auch der Parlamentarismus, selbständige und entscheidende Bedeutung haben können!

Das ist falsch. Auch dann können sie eine solche nicht haben. 200

Die Ausnutzung der Dumatribüne wie auch jeglicher anderen legalen Möglichkeiten gehört zu der Zahl jener durchaus nicht hochstehenden Kampfmittel, die nichts „Effektvolles" an sich haben. Aber die Übergangsperiode ist gerade deshalb eine Übergangsperiode, weil ihre spezifische Aufgabe die Vorbereitung und Sammlung der "Kräfte, nicht aber deren unmittelbares, entschiedenes Auftreten ist. Diese jeglichen äußeren Glanzes entbehrende Tätigkeit richtig organisieren zu können, es zu verstehen, ihr alle jene halblegalen Institutionen dienstbar zu machen, die für die Epoche der von den Schwarzhundertern und den Oktobristen beherrschten Duma bezeichnend sind, es zu verstehen, audh auf diesem Boden alle Traditionen der revolutionären Sozialdemokratie, alle Losungen ihrer jüngsten heroischen Vergangenheit, den ganzen Geist ihrer Arbeit, ihre ganze Unversöhnlichkeit gegenüber dem Opportunismus und dem Reformismus zu bewahren - das ist die Aufgäbe der Partei, das ist die Aufgabe der Gegenwart. 203

Wir müssen uns nunmehr an die Untersuchung des zweiten originellen Zuges der neuen Plattform machen.

Dieser besteht in der von der neuen Gruppe verkündeten Aufgabe der „Schaffung einer neuen proletarischen" Kultur und ihrer „Verbreitung unter den Massen": „in der Entwicklung der proletarischen Wissenschaft, in der Festigung der wahrhaft kameradschaftlichen Beziehungen unter den Proletariern, in der Ausarbeitung einer proletarischen Philosophie, in der 204 Einstellung der Kunst auf die proletarischen Bestrebungen und Erfahrungen" (S. 17) …

Die „proletarische Wissenschaft" steht hier ebenfalls „traurig und nicht am Platze" da. Erstens kennen wir jetzt nur eine proletarische Wissenschaft - den Marxismus. Die Verfasser der Plattform vermeiden aus irgendwelchen Gründen systematisch diese einzig genaue Bezeichnung und setzen überall die Worte „wissenschaftlicher Sozialismus" (S. 13, 15, 16, 20, 21). Bekanntlich erheben auf diese Bezeichnung bei uns in Rußland auch die direkten Gegner des Marxismus Anspruch. Zweitens muß, wenn man in die Plattform die Aufgabe der Entwicklung der „proletarischen Wissenschaft" mit aufnimmt, klar gesagt werden, welchen ideologischen, theoretischen Kampf unserer Zeit man hier eigentlich im Auge hat und auf wessen Seite sich die Verfasser der Plattform eigentlich stellen. Sich darüber auszuschweigen ist eine naive Schlauheit, denn das Wesen der Sache ist jedem klar, der die Literatur der Sozialdemokratie aus den Jahren 1908 und 1909 kennt. In unserer Zeit hat sich auf dem Gebiet der Wissenschaft, der Philosophie und der Kunst der Kampf der Marxisten gegen die Machisten entfaltet. Es ist zumindest lächerlich, dieser allgemein bekannten Tatsache gegenüber die Augen zu verschließen. „Plattformen" sollen nicht geschrieben werden, um Meinungsverschiedenheiten zu vertuschen, sondern um sie auszutragen.

In ganz ungeschickter Weise verraten sich nun unsere Verfasser durch die zitierte Stelle der Plattform. Es ist allen bekannt, daß man in Wirklichkeit unter „proletarischer Philosophie" eben den "Madhismus im Auge hat, und jeder verständige Sozialdemokrat wird das ,;neue" Pseudonym sofort erraten. Es hatte also keinen Zwedc, dieses Pseudonym auszuhecken. 203-204

Wir wollen alle zu einer bestimmten, klaren Antwort auf die versteckte Ansage des philosophischen Kampfes gegen den Marxismus aufrufen, die in der Plattform enthalten ist. Bemänteln doch alle Phrasen über „proletarische Kultur" in der 7at gerade den Kampf gegen den Marxismus. Die „Originalität" der neuen Gruppe besteht darin, daß sie die Philosophie in die Parteiplattform hineingetragen hat, ohne direkt zu sagen, welche Strömung in der Philosophie sie eigentlich verficht.

übrigens wäre es nicht angängig zu sagen, der reale Inhalt, den die zitierten Worte der Plattform haben, sei gänzlich negativ. Hinter ihnen verbirgt sich auch ein gewisser positiver Inhalt. Der positive Inhalt läßt sich init einem Wort ausdrücken: Maxim Gorki.

In der Tat, es hat keinen Zweck, die Tatsache zu verheimlichen, die die bürgerliche Presse bereits ausposaunt (und dabei verdreht und verzerrt) hat, daß nämlich Maxim Gorki zu den Anhängern der neuen Gruppe gehört. Gorki aber ist unbedingt der bedeutendste Vertreter der proletarischen Kunst, der vieles für sie getan hat und noch mehr für sie ton kann. Jede Fraktion der sozialdemokratischen Partei kann mit Recht auf die Zugehörigkeit Gorkis zu ihr stolz sein, auf Grund dessen aber in die Plattform die „proletarische Kunst" mit aufzunehmen bedeutet, dieser Plattform ein Armutszeugnis auszustellen, 205

Gorki ist eine Autorität auf dem Gebiet der proletarischen Kunst, das steht fest. Zu versuchen, diese Autorität zur Festigung des Machismus und Otsowismus „auszunutzen" (natürlich im ideologischen Sinne), heißt ein Musterbeispiel dafür zu liefern, wie man mit Autoritäten nicht umgehen darf.

Auf dem Gebiet der proletarischen Kunst ist Maxim Gorki ein ungeheures Plus, trotz seiner Sympathie für den Machismus und den Otsowismus. 206

II. Die „Einigungskrise" in unserer Partei 206

Die Führer der Liquidatoren - Axelrod, Martynow, Martow, Potressow und andere - geifern noch erbitterter in ihrer „Notwendigen Ergänzung zu den ,Dnewniki' Plechanows". Die Hände zusammenschlagend und klagend stehen die „Versöhnler" da und stammeln hilflos Phrasen (siehe die Resolution des auf dem Standpunkt Trotzkis stehenden „Wiener sozialdemokratischen Parteiklubs" vom 17. April 1910).

Aber auf die wichtigste und grundlegende Frage nach den Ursachen, warum unsere Parteivereinigung sich so und nicht anders vollzieht, warum die (scheinbar) vollständige Vereinigung auf dem Plenum jetzt einer (scheinbar) völligen Veruneinigung Platz gemacht hat, als auch auf die Frage, in welcher Richtung auf Grund des „Kräfteverhältnisses" innerhalb und außerhalb unserer Partei ihre weitere Entwicklung verlaufen soll - auf diese grundlegenden Fragen erhalten wir weder von den Liquidatoren („Golos"-Leuten) noch von den Otsowisten („Wperjod"-Leuten) noch von den Versöhnlern (Trotzki und „Wiener") irgendeine Antwort.

Geschimpfe und Phrasen sind keine Antwort. 207

1. Zweierlei Anschauungen über die Vereinigung 208

In rührender Eintracht schimpfen die Liquidatoren und die Otsowisten auf die Bolsschewiki, was das Zeug hält (die erstgenannten beschimpfen auch noch Plechanow). Schuld seien die Bolsschewiki, schuld sei das Bolschewistische Zentrum, schuld seien die „individualistischen" Allüren von Lenin und Plechanow (S. 15 der „Notwendigen Ergänzung"), schuld sei „die verantwortungslose Gruppe" der „ehemaligen Mitglieder des Bolschewistischen Zentrums" (siehe das Flugblatt der Gruppe „Wperjod") …

Die Resolution Trotzkis (— der Wiener) unterscheidet sich nur der Form nach von den „Ergüssen" Axelrods und Alexinskis. Sie ist sehr „vorsichtig" abgefaßt und erhebt Anspruch auf „überfraktionelle" Gereditigkeit. Worin aber besteht ihr Sinn? Daß an allem die „bolsschewistisdien Führer" schuld seien - das ist die gleiche „Geschichtsphilosophie" wie bei Axelrod und Alexinski. 208

Trotzki hat schon in den ersten Worten seiner Resolution den vollendeten Geist des übelsten Versöhnlertums, eines „Versöhnlertums" in Anführungszeichen, eines Versöhnlertums der Zirkel und der Spießbürger hervorgekehrt, das die „gegebenen Personen", nicht aber die gegebene Linie, nicht den gegebenen Geist, nicht den gegebenen politisch-ideologischen Inhalt der Parteiarbeit sieht.

Hier liegt ja eben der ganze Abgrund des Unterschieds zwischen dem „Versöhnlertum" Trotzkis und Co. - das in Wirklichkeit den Liquidatoren und Otsowisten den allertreuesten Dienst erweist, deshalb aber in der Partei ein um so gefährlicheres Übel ist, je raffinierter, ausgesuchter und phrasenhafter es sich in den Deckmantel angeblich die Partei hochhaltender und angeblich die Fraktionen verneinender Deklamationen hüllt - und der wirklichen Treue zur Partei, die in der Säuberung der Partei von Liquidatorentum und Otsowismus besteht …

Es sind zweierlei Anschauungen über die Bedeutung und die Bedingungen des Zustandekommens überhaupt jeder Parteivereinigung möglich. Den Unterschied dieser Anschauungen zu verstehen ist äußerst wichtig, denn sie werden im Verlauf der Entwicklung unserer „Einigungskrise" durcheinandergebracht und verwechselt, und ohne daß man beide Anschauungen auseinanderhält, ist es unmöglich, sich in dieser Krise zurechtzufinden.

Die eine Anschauung über die Vereinigung rückt die „Versöhnung" der „gegebenen Personen, Gruppen und Institutionen" in den Vordergrund. Die Einheit ihrer Anschauungen über die Parteiarbeit, über die Linie 211 dieser Arbeit, ist dabei eine zweitrangige Sache. Die Meinungsverschiedenheiten sollen verschwiegen und ihre Wurzeln, ihre Bedeutung und ihre objektiven Ursachen nicht aufgedeckt werden. 210-211

Dieser Standpunkt von Heiratsvermittlern bildet denn auch die ganze „ideologische Grundlage" des Versöhnlertums Trotzkis und Jonows. Wenn sie darüber klagen und Tränen darüber vergießen, daß aus der Vereinigung nichts geworden ist, so ist das cum grano salisfMit einem Körnchen Salz; übertragen: mit großem Vorbehalt, nicht ganz wörtlich. Die Red. zu verstehen …

Es besteht noch eine andere Anschauung über diese Vereinigung. Diese andere Anschauung besteht darin, daß eine ganze Reihe tief verwurzelter, objektiver Ursachen, unabhängig von dieser oder jener Zusammensetzung der (auf dem Plenum und für das Plenum) „gegebenen Personen, Gruppen und Institutionen", schon längst begonnen hat bzw. nach wie vor unentwegt fortfährt, in den zwei seit langem vorhandenen, zwei hauptsächlichen russischen Fraktionen der Sozialdemokratie solche Veränderungen hervorzurufen, die - manchmal gegen den Willen der einen oder anderen der „gegebenen Personen, Gruppen und Institutionen" und sogar unbe- 213 wußt für sie - die ideologischen und organisatorischen Grundlagen der Vereinigung schaffen. Diese objektiven Bedingungen wurzeln in den Besonderheiten der Epoche der bürgerlichen Entwicklung Rußlands, die wir durchmachen, der Epoche der bürgerlichen Konterrevolution und der Versuche der Selbstherrschaft, sich nach dem Typ einer bürgerlichen Monarchie zu reorganisieren. Diese objektiven Bedingungen bewirken gleichzeitig und in untrennbarem Zusammenhang miteinander Veränderungen im Charakter der Arbeiterbewegung, in der Zusammensetzung, im Typ, im Gesamtbild der sozialdemokratischen Vorhut der Arbeiter sowie Veränderungen in den politisch-ideologischen Aufgaben der sozialdemokratischen Bewegung. Daher ist der bürgerliche Einfluß auf das Proletariat, der das Liquidatorentum ( = Halbliberalismus, der sich zur Sozialdemokratie zählen möchte) und den Otsowismus ( = Halbanarchismus, der sich zur Sozialdemokratie zählen möchte) hervorbringt, kein Zufall, keinerlei individuelle Böswilligkeit, keine Dummheit und kein Fehler, sondern das unvermeidliche Resultat der Auswirkungen dieser objektiven Ursachen - und ein von der „Basis" untrennbarer überbau über der gesamten Arbeiterbewegung des heutigen Rußlands. Die Erkenntnis von der Gefährlichkeit, dem unsozialdemokratischen Charakter und der Schädlichkeit beider Abweichungen für die Arbeiterbewegung ruft eine Annäherung von Elementen der verschiedenen Fraktionen hervor und bahnt der Parteivereinigung „über alle Hindernisse hinweg" den Weg.

Von diesem Gesichtspunkt aus kann die Vereinigung langsam und unter Schwierigkeiten, unter Zaudern, Schwankungen und Rückfällen zustande kommen, aber sie kann nicht ausbleiben. Von diesem Gesichtspunkt aus kommt die Vereinigung durchaus nicht unbedingt zwischen den „gegebenen Personen, Gruppen und Institutionen", sondern unabhängig von den gegebenen Personen zustande, die sie sich unterordnet, wobei sie von den „gegebenen" jene abstößt, die die Erfordernisse der objektiven Entwicklung nicht erkennen oder nicht erkennen wollen, 212-213

2. Der „Kampf an zwei Fronten" und die Überwindung derAbweichungen 214

Der Antrag Trotzkis, an die Stelle des Kampfes an zwei Fronten die „Überwindung durch Erweiterung und Vertiefung" zu setzen, fand die begeisterte Unterstützung der Menschewiki und der „Wperjod"-Leute. 215

Diese Phrase drückt in der Tat den verschwommenen Wunsch, den frommen, naiven Wunsch aus, es möge doch weniger inneren Kampf unter den Sozialdemokraten geben! Außer diesem naiven Wunsch ist in diesem Satz nichts weiter zu verzeichnen; es ist das ein Seufzer der sogenannten Versöhnler: ach, man sollte doch nicht soviel gegen das Liquidatorentum und den Otsowismus kämpfen!

Die politische Bedeutung dieser Art „Seufzer" ist gleich Null, schlimmer als Null. Wenn es in der Partei Leute gibt, für die es vorteilhaft ist, das Vorhandensein von Liquidatoren (und Otsowisten) „hartnäckig zu leugnen", so werden sie den „Seufzer" der „Versöhnler" zur Bemäntelung des Übels ausnutzen. 217

3. Die Bedingungen für die Vereinigung und die Zirkeldiplomatie 218

Weiter. Der redaktionelle Artikel des „Golos" über die Ergebnisse des Plenums veranlaßt uns, die Frage zu berühren, warum die Worte Liquidatorentum und Otsowismus aus der Resolution entfernt wurden. In diesem redaktionellen Artikel (Nr. 19/20, S. 18) wird mit ungewöhnlicher, noch nicht dagewesener (außer bei unseren ,,Golos"-Leuten) . . . Kühnheit erklärt, daß der Terminus „Liquidator" ein Kautschukbegriff sei, daß er „Mißverständnisse aller Art erzeugt hat" (sie!!*) usw., weshalb „das ZK beschloß, diesen Terminus aus der Resolution zu streichen".

Wie soll man eine solche Wiedergabe der ZK-Beschlüsse über die Streichung dieses Terminus nennen, wenn die Redakteure des „Golos" doch genau wissen müssen, daß diese Wiedergabe der Wahrheit widerspricht? 218

In der Kommission, die die Resolution ausarbeitete, sprach sich die Mehrheit für die Beibehaltung dieses Terminus aus. Von den beiden Menschewiki, die in der Kommission waren, stimmte einer (Martow) für dessen Entfernung, der andere (der sich mehrfach der Position Plechanows zuneigte) dagegen. Auf dem Plenum wurde von allen Nationalen (2 Polen + 2 Bundisten + 1 Lette) und von Trotzki folgende Erklärung abgegeben:

„Wir finden zwar, daß es im Grunde genommen wünschenswert wäre, die in der Resolution aufgezeigte Strömung, gegen die unbedingt gekämpft werden muß, ,Liquidatorentum' zu nennen; in Anbetracht aber der Erklärung der Genossen Menschewiki, daß audh sie den Kampf gegen diese Strömung für notwendig eradbten, der Gebrauch eines solchen Terminus in der Resolution jedoch fraktionellen, gegen sie, die Menschewiki, gerichteten Charakter trage, schlagen wir im Interesse der Beseitigung aller überflüssigen Hindernisse für die Vereinigung der Partei vor, diesen Terminus aus der Resolution zu streichen."219

Jetzt aber muß auf eine andere Frage eingegangen werden, und zwar auf die Frage nach, den Ursachen und der Bedeutung eines solchen Schritts des Plenums wie die Streichung des Wortes Liquidatorentum aus der Resolution. 220

Zur Einheit konnte man unter den russischen Parteiverhältnissen nicht anders kommen als durch eine Übereinkunft zwischen den Fraktionen (ob zwischen allen Fraktionen oder nur den hauptsächlichen, ob zwischen Teilen der Fraktionen oder den Fraktionen im ganzen, das ist eine andere Frage). Daher die Notwendigkeit eines Kompromisses, d. h. solcher Zugeständnisse in einigen Punkten, die dem Standpunkt der Mehrheit nicht entsprachen, aber von der Minderheit gefordert wurden. Ein solches Kompromißzugeständnis war die Entfernung des Wortes: Liquidatorentum aus der Resolution. 221

Das, was in der Partei nach dem Plenum vorgeht, ist kein Zusammen- 226 bruch der Parteivereinigung, sondern der Beginn der Vereinigung derjenigen, die wirklich in der Partei und im Parteigeist arbeiten können und wollen, ist der Beginn einer Säuberung des wirklich die Partei bildenden Blocks der Bolschewiki, der parteitreuen Menschewiki, der Nationalen und der nichtfraktionellen Sozialdemokraten von parteifeindlichen Renegaten, von Halbliberalen und Halbanarchisten. 225-226

4. Zu Paragraph 1 der Resolution über die Lage in der Partei 226 5. Die Bedeutung der Dezemberresolutionen (1908) und die Stellung der Liquidatoren dazu 232 6. über die Gruppe der unabhängigen Legalisten .. .. .. 239

Die Gruppe der (vom Sozialismus) unabhängigen Sozialisten hat sich endgültig zusammengeschlossen und endgültig mit der sozialdemokratischen Partei gebrochen. Wie weit sich diese Gruppe formiert hat, ob sie aus einer einzigen Organisation oder aus einer Reihe einzelner, überaus lose zusammenhängender Zirkel besteht, wissen wir vorerst nicht, und das ist auch nicht wichtig. Wichtig ist, daß die Tendenzen zur Bildung von der Partei unabhängiger Gruppen - die bei den Menschewiki schon längst bestanden - jetzt zu einem neuen politischen Gebilde geführt haben. Und von jetzt ab müssen alle Sozialdemokraten Rußlands, die sich nichts vormachen wollen, mit dem Bestehen dieser Gruppe von Unabhängigen als einer Tatsache rechnen. 245

In einer Reihe europäischer Länder gelang es vielfach den konterrevolutionären Kräften, die Reste der revolutionären und sozialdemokratischen Organisationen des Proletariats völlig zu vernichten, beispielsweise nach dem Jahre 1848. Der bürgerliche Intellektuelle, der sich in seiner Jugend der Sozialdemokratie angeschlossen hat, ist auf Grund seiner ganzen kleinbürgerlichen Mentalität geneigt zu resignieren: so war es - so wird es sein; die alte illegale Organisation zu verteidigen, sei eine hoffnungslose Sache, eine neue zu schaffen, noch viel hoffnungsloser; wir haben überhaupt die Kräfte des Proletariats in der bürgerlichen Revolution „übertrieben eingeschätzt", wir haben der Rolle des Proletariats irrtümlicherweise eine „universelle" Bedeutung beigemessen - alle diese seichten Gedankengänge des Renegatenwerkes „Die gesellschaftliche Bewegung" treiben direkt und indirekt zur Lossagung von der illegalen Partei. Der Unabhängige, der einmal diese schiefe Bahn betreten hat, merkt gar nicht, wie er immer tiefer abgleitet, er merkt gar nicht, daß er Hand in Hand mit Stolypin zusammenarbeitet: Stolypin vernichtet physisch, auf polizeilichem Wege, durch Galgen und Zwangsarbeit die illegale Partei - die Liberalen tun dasselbe ganz direkt durch die offene Propagierung der „Wechi" -Ideen -, die Unabhängigen unter den Sozialdemokraten tragen indirekt zur Vernichtung der illegalen Partei bei durch ihr Geschrei über deren „Erstarrung" und dadurch, daß sie sich weigern, ihr zu helfen, daß sie den Austritt aus ihr rechtfertigen (siehe den Brief der Sechzehn in Nr. 19/20 des „Golos"). So geht es von Stufe zu Stufe. 249

7. über den parteitreuen Menschewismus und seine Einschätzung 252

Trotzki ignoriert entschieden und hartnäckig den parteitreuen Menschewismus, 252

Daß diese Haltung Trotzkis und Jonows nicht richtig ist, müßte ihnen selbst schon einfach deshalb in die Augen springen, weil die Tatsachen dagegensprechen. Aus Nr. 13 des ZO ist ersichtlich, daß in nicht weniger als sieben Auslandsgruppen zur Unterstützung der Partei - in Paris, Genf, Bern, Zürich, Lüttich, Nizza und San Remo - die Plechanowleute oder, richtiger, die parteitreuen Menschewiki gegen den „Golos" mit dem Hinweis auf den liquidatorischen Charakter der vom „Golos" in Nr. 19/20 bezogenen ideologischen Position aufgetreten sind und die Durchführung der Beschlüsse des Plenums sowie die Einstellung des „Golos" gefordert haben. 253

Was uns betrifft, haben wir das Recht zu sagen, daß Plechanow während der Zeit seiner „Flatterhaftigkeit" niemals Bolschewik gewesen ist. Wir halten ihn nicht für einen Bolschewiken und werden ihn niemals dafür halten. Aber wir halten ihn so wie jeden anderen Menschewiken, der gegen die Gruppe der unabhängigen Legalisten aufzutreten und den Kampf gegen sie zu Ende zu führen vermag, für einen parteitreuen Menschewiken. 260

8. Schluß, über die Plattform der Bolschewiki 260

Es gilt, die Sache des Plenums weiterzuführen, bei Durchsetzung der oben angeführten Korrekturen seiner Beschlüsse, die durch den ganzen Verlauf der Ereignisse nach dem Plenum vorgezeichnet sind. Es gilt, alle Anstrengungen auf eine systematische, unermüdliche, allseitige und beharrliche Ausnutzung aller legalen Möglichkeiten zu richten, um die Kräfte des Proletariats zu sammeln, um ihm zu helfen, sich zu gruppieren und zusammenzuschließen, im Kampf gestählt zu werden und seine Glieder zu recken. Es gilt ferner, unermüdlich die illegalen Zellen, die illegalen rein parteilichen und vorwiegend, in erster Linie, rein proletarischen Organisationen wiederherzustellen, wobei wir lernen müssen, sie den neuen Verhältnissen anzupassen. Allein diese illegalen Organisationen sind imstande, die ganze Arbeit in den legalen Organisationen zu lenken, sie mit revolutionärem, sozialdemokratischem Geist zu erfüllen, den unversöhnlichen Kampf gegen die Renegaten und gegen die unabhängigen Legalisten zu führen und die Zeit vorzubereiten, wo unsere Partei, unsere SDAPR, die alle Traditionen der Revolution und der großen Siege des Proletariats im Jahre 1905 gewahrt und die proletarische Armee der Partei gefestigt und vergrößert hat, diese Armee zu neuem Kampf und zu neuen Siegen führen wird. 261

Der Jubiläumsnummer der „Zihna" 262-266

Die liquidatorische Richtung in der SDAPR ist ein Produkt der kleinbürgerlichen Verhältnisse in Rußland. Die gesamte liberale Bourgeoisie stellt sich gegen die Revolution, sagt sich von ihr los, verflucht die Taktik des Jahres 1905, die, so sagt sie, „blutig und unfruchtbar" ist, liebedienert vor den Machthabern, ruft das Volk auf, sich einzig und allein an die Methoden des legalen Kampfes zu halten. Und die in unserer Partei befindliche kleinbürgerliche Intelligenz unterliegt dem Einfluß des konterrevolutionären Liberalismus. 264

Einer der bedeutendsten Führer des Menschewismus, Plechanow, tritt aus der Redaktion und dem Mitarbeiterstab all dieser Publikationen aus, erklärt ihnen den Krieg und ruft die parteitreuen Menschewiki auf, die revolutionäre, illegale Partei des Proletariats, die SDAPR, zu unterstützen und zu festigen. 265

Wie manche Sozialdemokraten die Internationale über die Lage in der SDAPR informieren 288-290

Im Zusammenhang mit dem Internationalen Kongreß in Kopenhagen erschienen in einigen Publikationen Artikel über die Lage in unserer Partei. Wir gehen kurz auf drei Artikel ein, die von Vertretern dreier verschiedener Partei- (richtiger: partei/emdl»d>er) Strömungen geschrieben wurden.

Wegen seiner Unverfrorenheit gehört der Artikel, der bedauerlicherweise im Zentralorgan unserer deutschen Genossen („Vorwärts" vom 28. August) erschienen ist, an die erste Stelle. Dieser Artikel ist anonym, er trägt lediglich den Untertitel „Von unserem russischen Korrespondenten".

Aus ihm erfährt der Leser: „Noch nie standen die russischen Emigranten, die in unserer Partei eine unverhältnismäßig große Rolle spielen, den Interessen und Anforderungen der russischen Arbeiterbewegung so fremd gegenüber wie gerade jetzt." Weiter, daß das Zentralorgan unserer Partei, der „Sozial-Demokrat", in „eng-fraktionellem Geist" geführt wird und die Bolschewiki sich durch einen „formellen und äußeren Radikalismus" auszeichnen, daß sie nur im Ergebnis der Evolution schließlich zur „Anerkennung" des Parlamentarismus gelangt seien usw. UnserAutor ist mit der Mehrheit unserer Partei äußerst unzufrieden. Er sieht die ganze Lage der Partei in einem äußerst düsteren Licht. Lediglich einen Lichtpunkt bemerkte unser Autor im Leben der SDAPR: „Die in Wien . . . erscheinende Arbeiterzeitung ,Prawda', welche sich von Anfang an ganz abseits von jeder Fraktionspolemik gehalten hatte, stellt sich die Aufgabe, mittels planmäßiger politischer Agitation ..." usw.

Beginnen Sie nicht zu erraten, werter Leser, wessen „nichtfraktioneller" 289 Feder dieser Artikel entstammt? Sie gehen natürlidi nicht fehl. Ja, da hat sich der „nichtfraktionelle" Trotzki nicht geniert, offen Reklame für das Blättchen seiner Fraktion zu machen. Er gibt den ungenügend informierten deutschen Lesern die gleiche Einschätzung der Position der Parteimehrheit wie auch die Liquidatoren.Der Umstand, daß dieser Artikel in einem Organ wie dem „Vorwärts" erschienen ist, veranlaßte unsere Delegierten auf dem Kopenhagener Kongreß, sich an das ZK der deutschen Partei mit einem Protest zu wenden. Dieser Protest wurde von den Delegierten unseres ZO (G. W. Plechanow und A. Warski) und von dem Vertreter der Partei im Internationalen Büro (N. Lenin) eingebracht. Bei der Behandlung dieser Frage in der sozialdemokratischen Delegation enthüllte uns Trotzki das Geheimnis, daß dieser berüchtigte Artikel von ihm geschrieben wurde.288-289

Ankündigung der Herausgabe der „Rabotschaja Gaseta" 293-299

Die schwere Krise der Arbeiterbewegung und der sozialdemokratischen Partei in Rußland dauert immer noch an. Zerfall der Parteiorganisationen, aus denen fast alle Intellektuellen flüchten, Zerfahrenheit und Schwankungen unter denen, die der Sozialdemokratie treu geblieben sind, Niedergeschlagenheit und Apathie unter ziemlich breiten Schichten des fortgeschrittenen Proletariats, Unsicherheit in der Frage nach dem Ausweg aus dieser Lage — das sind die Merkmale, die die gegenwärtige Situation kennzeichnen. 293

Die Selbstherrschaft herrscht nach wie vor. Noch brutaler ist der Zwang. Noch größer ist die Rechtlosigkeit. Noch gemeiner ist die ökonomische Unterdrückung. Aber die Selbstherrschaft kann sich schon nicht mehr nur mit den alten Mitteln halten. Sie ist gezwungen, einen neuen Versuch zu unternehmen, sie versucht, ein offenes Bündnis mit den erzreaktionären fronherrlichen Gutsbesitzern und mit den oktobristischen Kapitalisten einzugehen, ein Bündnis in der Duma und durch die Duma. Für alle, die die Fähigkeit zu denken nicht verloren haben, ist die Hoffnungslosigkeit dieses Versuchs und das Heranreifen einer neuen revolutionären Krise offensichtlich. 294

Es entsteht der neue Typ des sozialdemokratischen Arbeiterfunktionärs, der alle Aufgaben der Partei selbständig löst und in der Lage ist, zehnfach und hundertfach größere proletarische Massen als früher zusammenzuschließen, zu vereinigen und zu organisieren. An diesen neuen Arbeiter wenden wir uns auch in erster Linie mitunserer „Rabotsdbaja Gaseta". Dieser Arbeiter ist aus dem Alter heraus, wo es ihm gefallen konnte, daß man zu ihm wie zu einem Kind sprach und ihn mit Milchbrei fütterte. Er muß alles über die politischen Aufgaben der Partei, über ihren Aufbau und den innerparteilichen Kampf wissen. Er fürchtet sich nicht vor der ungeschminkten Wahrheit über die Partei, an deren Festigung, Wiederherstellung und Umgestaltung er arbeitet. Ihm helfen nicht, sondern schaden jene allgemein-revolutionären Phrasen, jene süßlich-versöhnlerischen Ausrufe, die er in den „Wperjod"-Sammelbänden oder in Trotzkis „Prawda" findet, wobei er weder hier noch dort eine klare, genaue und offene Darlegung der Parteilinie und der Lage in der Partei findet …

Diese Lage ist sehr schwierig, aber die Hauptschwierigkeit besteht nicht darin, daß die Partei außerordentlich geschwächt ist und ihre Organisationen teilweise vollkommen zerschlagen sind, auch nicht darin, daß sich der innerparteiliche Fraktionskampf zugespitzt hat, sondern darin, daß die fortgeschrittene Schicht der sozialdemokratischen Arbeiter das Wesen und die Bedeutung dieses Kampfes nicht genügend klar erkannt, sich nicht fest genug zusammengeschlossen hat, um diesen Kampf erfolgreich zu führen, und daß sie sich nicht genügend selbständig und nicht energisch genug in diesen Kampf eingeschaltet hat, um den Parteikern zu schaffen, zu unterstützen und zu festigen, der die SDAPR aus der Zersetzung, aus dem Zerfall und aus den Schwankungen heraus auf einen festen Weg führen kann 295

Eine der Hauptaufgaben der „Rabotschaja Gaseta" sehen wir darin, den Arbeitern bei der Bestimmung dieser Grenzen in jeder der wichtigsten konkreten Fragen der heutigen russischen Wirklichkeit zu helfen. 296

Wenn die Liquidatoren und Otsowisten die Resolution über den Kampf gegen das Liquidatorentum und den Otsowismus unterschrieben haben, aber am anderen Tag bereits noch „eifriger" das Alte fortsetzen, so hat das nur bewiesen, daß die Partei unmöglich mit den nicht parteitreuen Elementen rechnen kann, so hat das nur noch deutlicher gezeigt, was das für Elemente sind …

Ein Arbeiter, der nicht will, daß man mit ihm wie mit einem Kind spricht, muß begreifen, daß das Liquidatorentum und der Otsowismus ebensolche nicht zufällige, sondern tief verwurzelte Richtungen sind wie der Bolschewismus und der Menschewismus. 297

Wer als Grundlage dieses Kampfes (der beim gegenwärtigen Zustand der Partei unvermeidlich ein Fraktionskampf ist) nicht den Prozeß des Zusammensdblusses des Hauptkerns der Partei, der klassenbewußten sozialdemokratischen Arbeiter, sieht, der sieht den Wald vor lauter Bäumen nicht.

Diesem Zusammenschluß des wirklichen sozialdemokratischen Kerns wird auch die „Rabotsdhaja Qaseta" dienen, die wir Bolschewiki gründen, nachdem wir uns die Zustimmung der parteitreuen Menschewiki (an ihrer Spitze Plechanow) gesichert haben, unsere Publikation zu unterstützen. Diese Publikation muß gezwungenermaßen von einer Fraktion herausgegeben werden, als fraktionelles Unternehmen der Bolschewiki in Erscheinung treten. 298

Bei der Herausgabe der „Rabotsdoaja Qaseta" rechnen wir auf die Hilfe des ZK unserer Partei wie der örtlichen Organisationen und der einzelnen Gruppen bewußter Arbeiter, die gegenwärtig keine Verbindung zur Partei haben. Wir rechnen auf die Hilfe des ZK, wobei wir wissen, daß es ihm während vieler Monate nicht gelang, seine Arbeit in Rußland mit Erfolg zu organisieren, eben deshalb nicht gelang, weil es außer bei den Bolschewiki und den parteitreuen Menschewiki nirgends Unterstützung fand, sondern sogar häufig auf den direkten Widerstand der anderen Fraktionen stieß. 299

Die Lehren der Revolution 300-308

Fünf Jahre sind vergangen, seit im Oktober 1905 die Arbeiterklasse Rußlands der zaristischen Selbstherrschaft den ersten wuchtigen Schlag versetzt hat. Das Proletariat hat in jenen großen Tagen Millionen Werktätiger zum Kampf gegen ihre Unterdrücker mitgerissen. Es hat sich in wenigen Monaten des Jahres 1905 Verbesserungen erkämpft, die die Arbeiter jahrzehntelang vergeblich von der „Obrigkeit" erwartet hatten. Das Proletariat erkämpfte für das ganze russische Volk, wenn auch nur für kurze Zeit, eine in Rußland noch nie dagewesene Presse-, Versammlungs- und Koalitionsfreiheit. Es fegte die Bulyginsche Pseudodrana von seinem Wege, entriß dem Zaren das Manifest über die Verfassung und machte es ein für allemal unmöglich, Rußland ohne Vertretungskörperschaften zu regieren. 300

Sowohl die Siege wie die Niederlagen der Revolution haben dem russischen Volk ganz bedeutende historische Lehren erteilt. Wenn wir den fünften Jahrestag der Revolution von 1905 begehen, wollen wir versuchen, uns den Hauptinhalt dieser Lehren klarzumachen. Die erste und grundlegende Lehre ist die, daß nur der revolutionäre Massenkampf imstande ist, einigermaßen ernsthafte Verbesserungen imLeben der Arbeiter und in der Verwaltung des Staates durchzusetzen …

Die zweite Lehre ist die, daß es nicht genügt, die Macht des Zaren zu untergraben und einzuschränken. Sie muß vernichtet werden … Wenn die Nöte der Bauern und der Arbeiter heute, nach der Revolution, noch schwerer geworden sind als vorher, so ist das das Entgelt dafür, daß die Revolution schwach war, daß die Zarenherrschaft nicht gestürzt worden ist. 303

Auch die zaristische Selbstherrschaft hat aus der Revolution ihre Lehren gezogen. Sie hat gesehen, daß sie sich auf den Glauben der Bauern an den Zaren nicht mehr verlassen kann. Sie festigt jetzt ihre Macht durch ein Bündnis mit den Gutsbesitzern aus dem Lager der Schwarzhunderter und mit den oktobristischen Fabrikanten. Um die zaristische Selbstherrschaft zu stürzen, ist heute ein weitaus stärkerer Ansturm des revolutionären Massenkampfes notwendig als im Jahre 1905.

Ist ein solcher weitaus stärkerer Ansturm möglich? Die Antwort auf diese Frage führt uns zu der dritten und wichtigsten Lehre der Revolution. Diese Lehre besteht darin, daß wir gesehen haben, wie die verschiedenen Klassen des russischen Volkes handeln …

Die Fabrik- und Werkarbeiter, das Industrieproletariat hat am entschlossensten und hartnäckigsten gegen die Selbstherrschaft gekämpft. 304

bei einer solchen Wucht der Bewegung, wie sie Riga im Jahre 1905 aufwies, würde die Armee der Streikenden 45 Millionen zählen.

Einem solchen Ansturm gegenüber würde keine zaristische Macht standhalten. Aber jedermann versteht, daß ein solcher Ansturm nicht künstlich, auf Wunsch der Sozialisten oder der fortgeschrittenen Arbeiter hervorgerufen werden kann. Ein solcher Ansturm ist nur dann möglich, wenn das ganze Land von einer Krise, von Empörung, von der Revolution erfaßt wird. 305

Auch die Bauern sind während der Revolution in den Kampf gegen die Gutsbesitzer und gegen die Regierung getreten, aber ihr Kampf war weitaus schwächer … Die Bauern kämpften weniger hartnäckig, zersplitterter, weniger bewußt, nicht selten immer noch in der Hoffnung auf die Güte von Väterchen Zar. In den Jahren1905/1906 haben die Bauern den Zaren und die Gutsbesitzer eigentlich nur geschreckt. Man soll sie aber nicht schrecken, man muß sie vernichten, muß ihre Regierung - die Zarenregierung - vom Angesicht der Erde hinwegfegen … Aber je mehr der Zar und die Duma den reichen Bauern helfen, die Masse der Bauern zu ruinieren, desto politisch bewußter wird diese Masse, desto weniger wird sie sich den Glauben an den Zaren, den Glauben höriger Sklaven, den Glauben geduckter und unwissender Menschen bewahren …

An der Revolution hat auch die liberale Bourgeoisie teilgenommen, d. h. 307 die liberalen Gutsbesitzer, Fabrikanten, Rechtsanwälte, Professoren usw. Sie bilden die Partei der „Volksfreiheit" (Konstitutionelle Demokraten, Kadetten). Sie haben dem Volk viel versprochen und in ihren Zeitungen viel Aufhebens von der Freiheit gemacht. Sie hatten die Mehrheit der Abgeordneten in der ersten und in der zweiten Duma. Sie versprachen, auf „friedlichem Wege" die Freiheit zu erlangen, sie verurteilten den revolutionären Kampf der Arbeiter und Bauern …

Als die Revolution bis zum entscheidenden Kampf gegen den Zaren, bis zum Dezemberaufstand des Jahres 1905 gediehen war, da haben die Liberalen die Freiheit des Volkes samt und sonders gemein verraten und sind vom Kampf abgeschwenkt. Die zaristische Selbstherrschaft nutzte diesen Verrat der Liberalen an der Volksfreiheit aus, sie nutzte die Unwissenheit der Bauern aus, die in vielem den Liberalen glaubten, und schlug die aufständischen Arbeiter nieder. Als aber das Proletariat niedergeschlagen war, haben keine Dumas, keine honigsüßen Reden der Kadetten, keine ihrer Versprechungen den Zaren davon zurückgehalten, alle Reste der Freiheit zu vernichten, die Selbstherrschaft und die Allmacht der fronherrlichen Gutsbesitzer wiederaufzurichten. Die Liberalen waren die Betrogenen. Die Bauern haben eine harte, aber nützliche Lehre erhalten. 306-307

Vor fünf Jahren hat das Proletariat der zaristischen Selbstherrschaft den ersten Schlag versetzt. Dem russischen Volke leuchteten die ersten Strahlen der Freiheit. Jetzt ist die zaristische Selbstherrschaft wiederhergestellt, wieder herrschen und regieren die Fronherren, wieder wird überall den Arbeitern und Bauern Gewalt angetan, überall triumphieren asiatische Willkür der Behörden und gemeine Verhöhnung des Volkes. Aber die harten Lehren sind nicht vergeblich gewesen. Das russische Volk ist nicht mehr dasselbe wie vor 1905. Das Proletariat hat das Volk kämpfen gelehrt. Das Proletariat wird es zum Sieg führen.

Rabotschaja Gaseta" Nr. 1, 30. Oktober (12. "November) 1910.

Nach dem Text der „Rabotschaja Gaseta". 308

Zwei Welten 309-317

über den Magdeburger Parteitag der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands ist in allen Zeitungen schon viel geschrieben worden, 309

Der Führer der Revisionisten, Frank, betonte wie alle Badenser mit Eifer, daß der Minister von Bodman die „Gleichberechtigung" der Sozialdemokratie mit anderen, bürgerlichen Parteien anfangs nicht anerkannt, später aber diese „Beleidigung" gewissermaßen zurückgenommen habe. In seinem Referat führte Bebel darüber folgendes aus:

„Wenn ein Minister des heutigen Staates, ein Vertreter der bestehenden Staats- und Gesellschaftsordnung - und der heutige Staat hat als politische Institution den Zweck, die Verteidigung und Aufrechterhaltung der bestehenden Staats- und Gesellschaftsordnung gegen alle Angriffe von sozialdemokratischer Seite zu übernehmen, nötigenfalls mit Gewalt - , wenn also ein solcher Minister sagt, er anerkenne diese Gleichberechtigung nicht, so hat er von seinem Standpunkt aus ganz recht." Frank unterbricht Bebel und ruft :„Unerhört!" Bebel setzt fort und antwortet ihm: „Ich finde das ganz natürlich." Frank macht einen erneuten Zwischenruf: „Unerhört!"

Warum war Frank so empört? Weil er vom Glauben an die bürgerliche „Gesetzlichkeit", an die bürgerliche „Gleichberechtigung" völlig durchdrungen ist, ohne die historischen Qrenzen dieser Gesetzlichkeit zu begreifen, ohne zu begreifen, daß diese ganze Gesetzlichkeit zerschellen, unvermeidlich zerschellen muß, sobald es auf die wichtigste und hauptsächliche Frage, auf die Erhaltung des bürgerlichen Eigentums, ankommt. 310

Und Bebel bemüht sich, Frank die sozialdemokratischen Auffassungen durch anschauliche Beispiele klarzumachen. Uns konnte das Sozialistengesetz nicht „beleidigen", sagte Bebel zu Frank; wir waren von Zorn und Haß erfüllt, „ . . . und hätten wir damals gekonnt, wie wir innerlich wollten, wir hätten losgeschlagen und hätten alles zertrümmert, was uns im Wege lag". (Stürmische Zustimmung, heißt es an dieser Stelle im stenografischen Bericht.) „Wir wären Verräter an unserer Sache gewesen, wenn wir das nicht getan hätten. (Sehr richtig!) Aber wir konnten es nicht..." 311

Die Opportunisten der ganzen Welt nehmen Kurs auf die Politik des Blocks mit den Liberalen, indem sie bald offen und unverhüllt diese Politik verkünden und durchführen, bald Wahlabkommen mit den Liberalen, Unterstützung ihrer Losungen usw. predigen und rechtfertigen. Bebel hat immer wieder die ganze Heuchelei, die ganze Verlogenheit dieser Politik 313 entlarvt, und von seinen Worten kann man ohne Übertreibung sagen, daß sie jeder Sozialdemokrat kennen und sich einprägen muß.

„Wenn ich als Sozialdemokrat in ein Bündnis mit bürgerlichen Parteien eintrete, so ist tausend gegen eins zu wetten, daß nicht die Sozialdemokraten, sondern die bürgerlichen Parteien die Gewinnenden und wir die Verlierenden sind. Es ist ein politisches Qesetz, daß überall, wo Rechte und Linke sich liieren, die Linke verliert und die Rechte gewinnt...

Wenn ich in ein politisches Freundschaftsverhältnis mit einer mir grundsätzlich gegnerischen Partei trete, dann muß ich notwendigerweise meine Taktik, d.h. meine Kampfesweise, darauf einrichten, damit das Bündnis nicht breche. Ich darf also nicht mehr darauflos kritisieren, ich darf nicht mehr grundsätzlich kämpfen, denn damit verletze ich meine Bundesgenossen, ich bin gezwungen, zu schweigen, über manches den Mantel der Liebe zu decken, manches zu rechtfertigen, was sich nicht rechtfertigen läßt, zu vertuschen, was nicht vertuscht werden darf usw." 312-313

Bebel meinte die Frank, als er in Magdeburg in seinem Schlußwort ausführte: „Die Massen begreifen es nidit, daß es Parteigenossen gibt, die Regierungen unterstützen, indem sie ihnen ein Vertrauensvotum geben, die sie am liebsten beseitigen möchten. Ich habe oftmals den Eindruck, daß ein Teil unserer Führer nicht mehr versteht, was die Massen zu leiden haben (stürmische Zustimmung), daß sie der Lage der Massen entfremdet sind." Und „es herrscht ein ungeheures Maß von Erbitterung in ganz Deutschland".

„Wir sind jetzt in einer Zeit, wo wir uns auf faule Kompromisse nicht einlassen dürfen", sagte Bebel an einer anderen Stelle seiner Rede. „Die Klassengegensätze werden nicht milder, sie werden schärfer. Wir marschieren sehr, sehr ernsten Zeiten entgegen. Was kommt nadi den nächsten Wahlen? Das wollen wir abwarten. Wenn es gar dazu kommt, daß 1912 ein europäisches Kriegsgewitter losbricht, dann sollt ihr sehen, was 314 wir erleben und wo wir zu stehen haben …"313-314

L. N. Tolstoi 327-332

Leo Tolstoi ist tot. Seine Weltbedeutung als Künstler, seine Weltberühmtheit als Denker und Künder, beides spiegelt auf seine Art die Weltbedeutung der russischen Revolution wider.

L. N. Tolstoi trat als großer Künstler bereits zur Zeh der Leibeigenschaft hervor. In einer Reihe von genialen Werken, die er während seiner mehr als ein halbes Jahrhundert umfassenden literarischen Tätigkeit schuf, schilderte er vornehmlich das alte, vorrevolutionäre Rußland, das auch nach 1861 noch in halber Leibeigenschaft verblieb, das Rußland des Dorfes, das Rußland des Gutsherrn und des Bauern. Bei der Schilderung dieser Etappe in Rußlands geschichtlichem Leben wußte L. Tolstoi in seinen Werken so viele große Fragen aufzurollen, sich zu solcher künstlerischenKraft aufzuschwingen, daß seine Werke in der belletristischen Weltliteratur einen der ersten Plätze einnehmen. Die Epoche, in der sich ein von den Fronherren bedrücktes Land auf die Revolution vorbereitete, bedeutete dank Tolstoi, der sie genial beleuchtete, einen Schritt vorwärts in der künstlerischen Entwicklung der gesamten Menschheit …

Tolstoi schuf aber nicht nur Kunstwerke, die die Massen immer schätzen und lesen werden, wenn sie erst einmal das Joch der Gutsherren und Kapitalisten abgeschüttelt und sich dadurch menschenwürdige Lebens 328 bedingungen errungen haben - er verstand es auch, mit eindringlicher Kraft die Stimmung der vom gegenwärtigen System unterdrückten breiten Massen wiederzugeben, ihre Lage zu schildern, ihrem elementaren Protest und Unwillen Ausdruck zu verleihen. Tolstoi, der im wesentlichen der Epoche von 1861 bis 1904 angehört, gestaltete in seinen Werken - als Dichter wie als Denker und Künder - mit erstaunlicher Prägnanz die Züge der historischen Eigenart der gesamten ersten russisdien Revolution, ihre Stärke und ihre Schwäche. 327-328

Zugleich damit aber offenbarte der feurig protestierende, der leidenschaftliche Ankläger, der große Kritiker in seinen Werken eine solche Verständnislosigkeit für die Ursachen der Krise und die Möglichkeiten eines Auswegs aus der Krise, die über Rußland hereinbrach, wie sie nur ein patriarchalischer, naiver Bauer haben kann, nicht aber ein europäisch gebildeter Schriftsteller. Der Kampf gegen den Staat der Fronherren und der Polizei, gegen die Monarchie, wurde bei ihm zur Negation der Politik, zur Lehre vom „Verzicht auf Widerstand gegen das Böse" und führte ihn dazu, sich in den Jahren 1905-1907 vom revolutionären Kampf der Massen völlig abseits zu halten. Der Kampf gegen die Staatskirche ging Hand in Hand mit der Predigt einer neuen, geläuterten Religion, das heißt eines neuen, geläuterten, verfeinerten Giftes für die unterdrückten Massen. Die Ablehnung des privaten Grundeigentums führte nicht dazu, den ganzen Kampf zu konzentrieren gegen den wirklichen Feind, gegen den gutsherrlichen Grundbesitz und dessen politisches Machtinstrument, d. h. die Monarchie, sondern zu verträumtem, verschwommenem, ohnmächtigem Wehklagen. Die Anklage gegen den Kapitalismus und die Leiden, mit denen dieser die Massen heimsucht, stand neben einer völlig apathischen Einstellung zu dem weltumspannenden Befreiungskampf, den das international sozialistische Proletariat führt. 329

Man sehe, wie die Regierungszeitungen Tolstoi würdigen. Sie vergießen Krokodilstränen, um ihre Hochachtung vor dem „großen Schriftsteller" zu beteuern und gleichzeitig den „Heiligen" Synod zu verteidigen. Die frommen Kirchenväter aber haben sich eben erst eine ganz besonders gemeine Infamie geleistet, als sie ihre Pfaffen zu dem Sterbenden schickten, um das Volk übertölpeln und sagen zu können, Tolstoi habe „bereut". Der Heilige Synod hatte Tolstoi aus der Kirche ausgestoßen. Um so besser. Diese Tat soll ihm angerechnet werden in der Stunde der Abrechnung des Volkes mit den Beamten in Kutten, den Gendarmen in Christo, den finsteren Inquisitoren, die die Judenpogrome und die anderen Schandtaten der zaristischen Schwarzhunderterbande unterstützt haben. 330

Tolstoi ist tot, und auch das vorrevolutionäre Rußland ist dahingegangen, dessen Schwäche und Ohnmacht der geniale Künstler in seiner Philosophie widerspiegelt und in seinen Werken nachgezeichnet hat. Aber sein Erbe enthält etwas, was nicht dahingegangen ist, was der Zukunft gehört. Dieses Erbe übernimmt das russische Proletariat, an diesem Erbe arbeitet es. Es wird den werktätigen und ausgebeuteten Massen die Bedeutung der Tolstoischen Kritik an Staat, Kirche und privatem Grundeigentum auseinandersetzen — nicht damit die Massen sich beschränken auf Selbstvervollkommnung und Seufzen nach einem gottgefälligen Leben, sondern damit sie sich erheben, um einen neuen Schlag zu führen gegen die Zarenmonarchie und den gutsherrlichen Grundbesitz, die beide im Jahre 1905 nur leicht angeschlagen worden sind, aber vernichtet werden müssen. 331

Offener Brief an alle parteitreuen Sozialdemokraten 338-350

Die versöhnlerischen Phrasen sind von den Liquidatoren und Otsowisten ausgezeichnet verstanden und ausgezeichnet gegen die Partei ausgenutzt worden. Der Held dieser Phrasen, Trotzki, wurde ganz natürlich der Held und der Advokat der Liquidatoren und Otsowisten, mit denen er theoretisch in nichtsr praktisch jedoch in allem übereinstimmt.

Sowohl die Liquidatoren als auch die „Wperjod"-Leute haben sich mit wohlwollender Hilfe dieses Advokaten die Taktik bestens angeeignet: beliebig oft zu beteuern und bei Gott zu schwören, daß sie parteitreu sind. Dies wiederholen der „Golos" und die Plattform der Gruppe „Wperjod", während sie in Wirklichkeit die Partei weiterhin zersetzen und ihre gesamte Arbeit in parteifeindlichem Sinne durchführen. Das formelle und nur in Worten bestehende „Versöhnlertum" wurde zu einer Waffe der Liquidatoren aus dem „ Golos" sowie der „Wperjod"-Leute. 344

Die „Golos"- und „Wperjod"-Leute haben nach dem Plenum die Partei gespalten. Das ist eine Tatsache. Trotzki war in dieser Angelegenheit ihr Anwalt. Das ist gleichfalls eine Tatsache.

Um der Spaltung Einhalt zu gebieten, um zu verhindern, daß sie sich noch weiter ausbreitet, gibt es kein anderes Mittel, als die Annäherung derer, die in der Tat nach dem Plenum Parteiarbeit geleistet haben, d. h. der parteitreuen Menschewiki und Bolschewiki, zu stärken, zu festigen und in aller Form zu bestätigen.

Indem wir alle parteitreuen Menschewiki, alle nichtfraktionellen parteitreuen Sozialdemokraten und Bolschewiki sowie alle nationalen sozialdemokratischen Organisationen von unserer Ansicht über die Lage in der Partei in Kenntnis setzen, fordern wir die bolschewistischen Gruppen in Rußland auf, unverzüglich zu beginnen, sich um die „Rabotschaja Gaseta"zu scharen 349

Über den Charakter dieser Bemühungen in der Presse ausführlich zu sprechen ist unangebracht. 350

Zuerst veröffentlicht am 21. Januar 1932 in der „Prawda" Nr.21.

Die Differenzen in der europäischen Arbeiterbewegung 353-358

Die grundlegenden taktischen Differenzen in der modernen Arbeiterbewegung Europas und Amerikas laufen auf den Kampf gegen zwei größere Richtungen hinaus, die vom Marxismus, der faktisch zur herrschenden Theorie in dieser Bewegung geworden ist, abweichen. Diese zwei Richtungen sind der Revisionismus (Opportunismus, Reformismus) und der Anarchismus (Anarchosyndikalismus, Anarchosozialismus). Diese beiden Abweichungen von der in der Arbeiterbewegung herrschenden marxistischen Theorie und marxistischen Taktik sind während der mehr als fünfzigjährigen Geschichte der proletarischen Massenbewegung in verschiedenen Formen und verschiedenen Schattierungen in allen zivilisierten Ländern zu beobachten.

Schon diese Tatsache allein erhellt, daß sich diese Abweichungen weder aus Zufälligkeiten noch aus Irrtümern einzelner Personen oder Gruppen, noch selbst aus dem Einfluß nationaler Besonderheiten oder Traditionen usw. erklären lassen. Es muß tieferliegende Ursachen geben, die in der Wirtschaftsordnung und im Charakter der Entwicklung aller kapitalistischen Länder wurzeln und diese Abweichungen ständig erzeugen. Die im vorigen Jahr erschienene kleine Schrift des holländischen Marxisten Anton Pannekoek „Die taktischen Differenzen in der Arbeiterbewegung" (Hamburg, Erdmann Dubber, 1909) stellt einen interessanten Versuch dar, diese Ursachen wissenschaftlich zu erforschen. Wir wollen in den weiteren Ausführungen den Leser mit Pannekoeks Schlußfolgerungen bekannt machen, die man als durchaus richtig anerkennen muß. 353

Bürgerliche Ideologen, Liberale und Demokraten, die den Marxismus und die moderne Arbeiterbewegung nicht verstehen, fallen ständig hilflos von einem Extrem ins andere. Bald suchen sie alles daraus zu erklären, daß böse Menschen eine Klasse gegen die andere „aufhetzen", bald trösten sie sich damit, daß die Arbeiterpartei eine „friedliche Reformpartei" sei. Als direktes Produkt dieser bürgerlichen Weltanschauung und ihres Einflusses sind sowohl der Anarchosyndikalismus als auch der Reformismus zu betrachten; …

Die Revisionisten halten alle Betrachtungen über „Sprünge" und über den prinzipiellen Gegensatz der Arbeiterbewegung zur ganzen alten Gesellschaft für Phrasen. Sie halten Reformen für eine teilweise Verwirklichung des Sozialismus. Der Anarchosyndikalist lehnt die „Kleinarbeit", insbesondere die Ausnutzung der Parlamentstribüne, ab. In Wirklichkeit läuft diese Taktik darauf hinaus, die „großen Tage" abzuwarten, ohne zu verstehen, die Kräfte zu sammeln, die die großen Ereignisse hervorbringen. Die einen wie die anderen hemmen die wichtigste, die dringendste Arbeit: den Zusammenschluß der Arbeiter zu großen, starken, gut funktionierenden Organisationen, die imstande sind, unter allen Bedingungen gut zu funktionieren, die imstande sind, unter allen Bedingungen gut zu funktionieren, die vom Geist des Klassenkampfes durchdrungen sind, klar ihre Ziele erkennen und in wahrhaft marxistischer Weltanschauung erzogen werden. 355

In Wirklichkeit bildet die Bourgeoisie in allen Ländern unvermeidlich zwei Systeme des Regierens heraus, zwei Methoden des Kampfes für ihre Interessen und für die Verteidigung ihrer Herrschaft, wobei diese zwei Methoden bald einander ablösen, bald sich miteinander in verschiedenartigen Kombinationen verflechten. Die erste Methode ist die Methode der Gewalt, die Methode der Verweigerung jeglicher Zugeständnisse an die Arbeiterbewegung, die Methode der Aufrechterhaltung aller alten und überlebten Institutionen, die Methode der unnachgiebigen Ablehnung von Reformen. Darin besteht das Wesen der konservativen Politik, die in Westeuropa immer mehr aufhört, die Politik der Grundbesitzerklassen zu sein, die immer mehr zu einer der Spielarten der allgemeinen bürgerlichen Politik wird. Die zweite Methode ist die Methode des „Liberalismus", der Schritte in der Richtung auf die Entfaltung politischer Rechte, in der Richtung auf Reformen, Zugeständnisse usw. 356

Tolstoi und der proletarische Kampf 359-360

Tolstoi geißelte mit gewaltiger Kraft und Aufrichtigkeit die herrschenden Klassen und entlarvte mit großer Anschaulichkeit die innere Verlogenheit all der Institutionen, mit deren Hilfe sich die heutige Gesellschaft hält: Kirche, Gerichtsbarkeit, Militarismus, „gesetzliche" Ehe und bürgerliche Wissenschaft. Seine Lehre aber steht in vollem Widerspruch zum Leben, zur Arbeit und zum Kampf des Totengräbers der heutigen Gesellschaftsordnung, des Proletariats. Wessen Auffassung hat denn aber in Leo Tolstois Predigt ihren Ausdruck gefunden? Durch seinen Mund sprach jene viele Millionen zählende Masse des russischen Volkes, die bereits die Herren des heutigen Lebens haßt, jedoch noch nicht zum bewußten, konsequenten, bis zu Ende gehenden, unversöhnlichen Kampf gegen sie gelangt ist.

Geschichte und Ausgang der großen russischen Revolution haben gezeigt, daß die Masse, die zwischen dem klassenbewußten, sozialistischen Proletariat und den entschlossenen Verteidigern des alten Regimes stand, gerade so und nicht anders beschaffen war. Diese Masse - in erster Linie die Bauernschaft - hat in der Revolution gezeigt, wie sehr sie das Alte haßt, wie unmittelbar sie alle Lasten des heutigen Regimes spürt, wie groß der elementare Drang in ihr ist, diese Lasten abzuwerfen und zu einem besseren Leben zu gelangen.

Gleichzeitig aber hat diese Masse in der Revolution gezeigt, daß sie in ihrem Haß nicht genügend bewußt, in ihrem Kampf inkonsequent, in ihrem Suchen nach einem besseren Leben eng beschränkt ist.

Das große Volksmeer, aufgewühlt bis in die tiefsten Tiefen, hat mit allen seinen Schwächen und allen seinen starken Seiten in Tolstois Lehre Widerspiegelung gefunden. 359

Der Beginn von Demonstrationen 361-364

Nach drei Jahren Revolution — 1905 bis 1907 - hat Rußland drei Jahre Konterrevolution erlebt - 1908 bis 1910 -, drei Jahre der schwarzen Duma, der zügellosen Gewalttaten und der Rechtlosigkeit, der Offensive der Kapitalisten gegen die Arbeiter, der Beseitigung der von den Arbeitern erkämpften Errungenschaften …

Es gibt jedoch Feinde, die man in so manchen Schlachten schlagen, die man eine Zeitlang niederhalten, die man aber nicht vernichten kann. Der volle Sieg der Revolution ist durchaus möglich, und ein solcher Sieg würde die Zarenmonarchie völlig vernichten, er würde die fronherrlichen Gutsbesitzer vom Angesicht der Erde hinwegfegen, würde alle ihre Ländereien ohne Loskauf den Bauern übereignen, würde die bürokratische Verwaltung durch eine demokratische Selbstverwaltung und durch politische Freiheit ersetzen. Derartige Umgestaltungen sind nicht nur möglich, sie sind vielmehr im 20. Jahrhundert in jedem Lande unumgänglich …

Aber keinerlei Siege der Reaktion, auch die vollständigsten nicht, keinerlei Triumphe der Konterrevolution vermögen die Feinde der zaristischen Selbstherrschaft, die Feinde des Gutsbesitzer- und Kapitalistenjochs zu vernichten, denn diese Feinde sind die Millionen Arbeiter, die sich immer mehr in den Städten und in den großen Fabriken, Werken und Eisenbahnen sammeln. Diese Feinde sind die dem Ruin verfallenden Bauern, deren Leben jetzt um ein vielfaches schwerer geworden ist, nachdem sich die Landeshauptleute und die reichen Bauern zur gesetzlichen Räuberei vereinigt haben, um mit Zustimmung der Gutsbesitzerduma, unter dem Schutz aller gutsherrlichen und militärischen Behörden, den Bauern ihren Boden wegzunehmen. Feinde wie die Arbeiterklasse, wie die armen Bauern lassen sich nicht vernichten. 361

Nun aber, seit dem Sommer dieses Jahres, beginnt wieder ein Aufschwung. Die Zahl der Teilnehmer an wirtschaftlichen Streiks steigt, und zwar sehr stark. Die Periode der vollen Herrschaft der Schwarzhunderterreaktion ist zu Ende. Es beginnt eine Periode neuen Aufschwungs. Das Proletariat, das von 1905 bis 1909 - wenn auch mit großen Unterbrechungen - auf dem Rückzug war, kommt wieder zu Kräften und beginnt zum Angriff überzugehen. 363

Gleich der erste Beginn des Kampfes hat uns wiederum gezeigt, daß die Kräfte nicht vernichtet sind, die im Jahre 1905 die Zarenmacht erschüttert haben und die sie in dieser herannahenden Revolution zerstören werden. Gleich der erste Beginn des Kampfes hat uns wiederum die Bedeutung der ^/Massenbewegung gezeigt. Keinerlei Verfolgungen, keinerlei Bluttaten können die Bewegung aufhalten, sobald sich einmal Massen erhoben haben, sobald einmal Millionen in Bewegung geraten sind …

Jetzt haben sie begonnen, sich zu erheben. Dieser Aufschwung wird vielleicht rasch - vielleicht langsam und mit Unterbrechungen vor sich gehen, auf jeden Fall aber führt er zur Revolution. Das russische Proletariat marschierte im Jahre 1905 allen anderen voran. Dieser ruhmreichen Vergangenheit eingedenk, muß es jetzt alle Kräfte anspannen, um seine Organisation, seine Partei, die Sozialdemokratische Arbeiterpartei Rußlands, wiederherzustellen, zu festigen und weiterzuentwickeln. Unsere Partei macht jetzt schwere Tage durch, aber sie ist unbesiegbar, ebenso unbesiegbar wie das Proletariat.

An die Arbeit also, Genossen!

… In der ersten russischen Revolution hat das Proletariat die Volksmassen gelehrt, für die Freiheit zu kämpfen, in der zweiten Revolution muß es sie zum Sieg führen! 364

Der historische Sinn des innerparteilichen Kampfes in Rußland 381-399111 S. 478 Lenin beabsichtigte, Trotzki und Martow in derselben Zeitschrift zu antworten, aber die Verantwortlichen der „Neuen Zeit", Kautsky und Wurm, wollten keinen Artikel Lenins veröffentlichen.

Das in der Überschrift bezeichnete Thema wird in Artikeln Trotzkis und Martows in den Nummern 50 und 51 der „Neuen Zeit" angeschnitten. Martow legt die Anschauungen des Menschewismus dar. Trotzki, der sich hinter besonders klingenden Phrasen versteckt, trottet hinter den Menschewiki her. Für Martow läuft die „russische Erfahrung" darauf hinaus, daß die „blanquistische und anarchistische Unkultur über die marxistische Kultur" (lies: der Bolschewismus über den Menschewismus) „den Sieg davongetragen hat". „Die russische Sozialdemokratie redete allzu eifrig russisch" - zum Unterschied von den „allgemein europäischen" Methoden der Taktik. Trotzkis „Geschichtsphilosophie" ist die gleiche. Die Ursache des Kampfes sei die „Anpassung der marxistischen Intelligenz an die Klassenbewegung des Proletariats". In den Vordergrund würden „sektiererischer Geist, Intelligenzlerindividualismus, ideologischer Fetischismus" gerückt. „Der Kampf um den Einfluß auf das politisch unreife Proletariat" - das sei der Kern der Sache. 381

Es sei eine „Illusion" zu glauben - erklärt Trotzki - , der Menschewismus und der Bolschewismus hätten „in den Tiefen des Proletariats feste Wurzeln gefaßt". Das ist ein Musterbeispiel jener klingenden, aber hohlen Phrasen, die unser Trotzki meisterhaft beherrscht. Nicht in den „Tiefen des Proletariats", sondern in dem ökonomischen Inhalt der russischen Revolution liegen die Wurzeln der Differenzen zwischen den Menschewiki und den Bolschewiki. 382

Hier ein Beispiel. „In ganz Westeuropa", schreibt Martow, „betrachtet man die Bauernmassen nur in dem Maße für bündnisfähig" (mit dem Proletariat), „als sie die schweren Folgen der kapitalistischen Umwälzung der Landwirtschaft zu spüren bekommen,- in Rußland aber malte man sich ein Bild aus, wie sich mit dem zahlenmäßig schwachen Proletariat die 100 Millionen Bauern vereinigen, die noch nicht oder fast nicht die erzieherische' Wirkung des Kapitalismus zu fühlen bekommen haben und in 383 folgedessen auch noch nicht von der kapitalistischen Bourgeoisie in die Schule genommen worden sind."

Das ist kein falscher Zungenschlag Martows. Das ist der zentrale Punkt aller Anschauungen des Menschewismus … Der Menschewik Maslow hat diese Ideen noch plastischer zum Ausdruck gebracht, als er in dem zusammenfassenden Artikel dieses „Werkes" erklärte: „Die Diktatur des Proletariats und der Bauernschaft würde dem ganzen Gang der wirtschaftlichen Entwicklung widersprechen." Eben hier sind die Wurzeln der Differenzen zwischen Bolschewismus und Menschewismus zu suchen. 382-383

Zehnmal wichtiger ist Lenins unbeirrtes Festhalten an der revolutionären Umwälzung des zaristischen Russland als seine irrtümliche Hoffnung auf das Bündnis zwischen Arbeitern und Bauern.

In den Jahren 1905-1907 war der Widerspruch zwischen der liberalen Bourgeoisie und der Bauernschaft vollkommen offen zutage getreten. Im Frühjahr und Herbst 1905 sowie im Frühjahr 1906 hatten die Bauernaufstände ein Drittel bis zur Hälfte der Kreise Zentralrußlands erfaßt. Die Bauern hatten etwa 2000 Herrensitze zerstört (leider ist das nicht mehr als ein Fünf zehntel dessen, was hätte zerstört werden müssen). Nur das Proletariat unterstützte rückhaltlos diesen revolutionären Kampf, wies ihm in jeder Hinsicht die Richtung, leitete ihn und faßte ihn durch seine Massenstreiks zusammen. Die liberale Bourgeoisie hat niemals, nid)t ein einziges Mal den revolutionären Kampf unterstützt, sie zog es vor, die Bauern zu „beschwichtigen" und sie mit den Gutsbesitzern und dem Zaren „auszusöhnen". In den ersten beiden Dumas (1906 und 1907) wiederholte sich dann auf parlamentarischem Schauplatz dasselbe. Die ganze Zeit hemmten die Liberalen den Kampf der Bauern und verrieten sie; und nur die Arbeiter ab geordneten lenkten und unterstützten die Bauern gegen die Liberalen. Der Kampf der Liberalen gegen die Bauern und die Sozialdemokraten füllt die ganze Geschichte der I. und der II. Duma aus. Der Kampf des Bolschewismus gegen den Menschewismus ist untrennbar mit dieser Geschichte verknüpft, als Kampf darum, ob die Liberalen zu unterstützen sind, oder ob die Hegemonie der Liberalen über die Bauernschaft zu beseitigen ist. Unsere Spaltungen deshalb aus dem Einfluß der Intelligenz, aus der Unreife des Proletariats usw. erklären zu wollen, ist eine kindisch naive Wiederholung liberaler Märchen.

Aus demselben Grunde ist Trotzkis Betrachtung grundfalsch, daß in der internationalen Sozialdemokratie Spaltungen hervorgerufen würden durch den „Anpässungsprozeß einer Sozialrevolutionären Klasse an die begrenzten (engen) Bedingungen des Parlamentarismus" usw., innerhalb der russischen Sozialdemokratie aber durch die Anpassung der Intelligenz an das Proletariat. „So begrenzt (eng)", schreibt Trotzki, „vom Standpunkt des 386 sozialistischen Endziels der reale politische Inhalt dieses Anpassungsprozesses war, so unbändig waren seine Formen, so gewaltig die ideologischen Schatten, die er warf." Dieses wahrhaft „unbändige" Phrasengeklingel ist nur der „ideologische Schatten" des Liberalismus. Sowohl Martow als auch Trotzki werfen verschiedenartige geschichtliche Perioden in einen Topf, wenn sie Rußland, das seine bürgerliche Revolution vollzieht, Europa gegenüberstellen, das diese Revolutionen längst abgeschlossen hat. In Europa ist der reale politische Inhalt der sozialdemokratischen Arbeit die Vorbereitung des Proletariats zum Kampf um die Macht gegen die Bourgeoisie, die schon die volle Herrschaft im Staate besitzt. In Rußland handelt es sich erst um die Sdhaffung eines modernen bürgerlichen Staates, der entweder einer Junkermonarchie (im Falle eines Sieges des Zarismus über die Demokratie) oder einer bäuerlichen bürgerlich-demokratischen Republik (im Falle eines Sieges der Demokratie über den Zarismus) gleichen wird. 385-386

Da Trotzki die historische und ökonomische Bedeutung dieses Zerfalls in der Epoche der Konterrevolution, dieses Abfalls nichtsozialdemokratischer Elemente von der sozialdemokratischen Arbeiterpartei nicht begriffen hat, erzählt er den deutschen Lesern von einem „Zerfall" beider Fraktionen, von einem „Zerfall der Partei", von einer „Zersetzung der Partei".

Das ist nicht wahr. Und diese Unwahrheit bringt erstens die völlige theoretische Verständnislosigkeit Trotzkis zum Ausdruck. Warum das Plenum sowohl das Liquidatorentum als auch den Otsowismus für den „Ausdruck des bürgerlichen Einflusses auf das Proletariat" erklärt hat, das hat Trotzki absolut nicht begriffen. In der Tat, man überlege: äußert sich in der Abtrennung der von der Partei verurteilten Strömungen, die den bürgerlichen Einfluß auf das Proletariat zum Ausdruck bringen, der Zerfall der Partei, die Zersetzung der Partei oder ihre Festigung und Reinigung? 397

Zweitens bringt diese Unwahrheit in der Praxis die auf Reklame ausgehende „Politik" der Trotzki-Fraktion zum Ausdruck, Daß Trötzkis Unternehmen der Versuch ist, eine Fraktion zu schaffen, sieht jetzt, wo Trotzki den Vertreter des ZK aus der „Prawda" entfernt hat, jedermann ein: Trotzki, der für seine Fraktion die Reklametrommel rührt, geniert sich nicht, den Deutschen zu erzählen, daß die „Partei" zerfalle, daß beide Fraktionen zerfallen, während er, Trotzki, allein alles rette. In Wirklichkeit sehen wir jetzt alle - und die jüngste Resolution der Trotzkisten (am 26.: November 1910 im Namen des Wiener Klubs angenommen) zeigt das besonders anschaulich -, daß Trotzki ausschließlich bei den Liquidatoren und den „Wperjod" -Leuten Vertrauen genießt.

Bis zu welcher Unverfrorenheit sich Trotzki dabei versteigt, wenn er die Partei herabsetzt und sich selbst in den Augen der Deutschen herausstreicht, zeigt zum Beispiel folgender Fall. Trotzki schreibt, daß die „Arbeitermassen" in Rußland die „sozialdemokratische Partei als außerhalb (hervorgehoben von Trotzki) ihres Kreises stehend" betrachten, und spricht von „Sozialdemokraten ohne Sozialdemokratie". 396-397

Wenn darum Trotzki den deutschen Genossen vorredet, er vertrete eine „allgemeinparteiliche Tendenz", so muß ich erklären, daß Trotzki nur seine Fraktion vertritt und ausschließlich bei den Otsowisten und den Liquidatoren ein gewisses Vertrauen genießt. Hier die Tatsachen, die die Riditigkeit meiner Erklärung beweisen. Im Januar 1910 trat das Zentralkomitee unserer Partei in enge Fühlung mit Trotzkis Zeitung „Prawda" und entsandte einen Vertreter des ZK in die Redaktion. Im September 1910 meldet das ZO der Partei, daß der Vertreter des ZK mit Trotzki wegen dessen parteifeindlicher Politik gebrochen hat. In Kopenhagen erhob Plechanow, als Vertreter der parteitreuen Menschewiki und Delegierter der Redaktion des ZO, gemeinsam mit dem Schreiber dieser Zeilen, als dem Vertreter der Bolschewiki, und einem polnischen Genossen entschieden Protest dagegen, wie Trotzki in der deutschen Presse unsere Parteiangelegenheiten darstellt.

Die Leser mögen nun selbst urteilen, ob Trotzki eine „allgemein parteiliche" oder eine „allgemein parteifeindHdie" Tendenz in der Sozialdemokratie Rußlands vertritt. 399

Über die Statistik der Streiks in Rußland .. 401-430 Das kapitalistische System der modernen Landwirtschaft 431-455

Die landwirtschaftlichen Zählungen in Deutschland beruhen, wie alle europäischen Zählungen ähnlicher Art (zum Unterschied von den russischen), auf Ermittlungen über jeden landwirtschaftlichen Betrieb im einzelnen. Dabei wächst gewöhnlich mit jeder Zählung die Zahl der ermittelten Angaben. Beispielsweise wurden in Deutschland im Jahre 1907 die sehr wichtigen Angaben über die Menge des Viehs, das für Feldarbeiten verwendet wird, ausgelassen (diese Angaben wurden in den Jahren 1882 und 1895 ermittelt), dafür wurden jedoch zum erstenmal Angaben über die Menge des Ackerlands für die verschiedenen Getreidearten, über die Zahl der mitarbeitenden Familienangehörigen und der Lohnarbeiter ermittelt. 437

Nach den Angaben über die Zahl der Lohnarbeiter lassen sich sogleich drei Hauptgruppen von Wirtschaften in der deutschen Landwirtschaft unterscheiden:

I. Proletarische Wirtschaften. Hierzu sind die Gruppen zu zählen, in denen eine Minderheit der Landwirte die selbständige Führung ihres landwirtschaftlichen Betriebs als Hauptbeschäftigung ansieht und in denen die Mehrzahl Lohnarbeiter u. dgl. sind. 440

II. Bäuerliche Wirtschaften. Hierzu zählen wir solche Wirtschaften, in denen die große Masse selbständige Landwirte sind, wobei die Zahl der mitarbeitenden Familienangehörigen größer ist als die Zahl der Lohnarbeiter. Das sind die Gruppen mit einer Bodenfläche von 2 bis 20 Hektar.

III. Kapitalistische Wirtschaften. Hierzu zählen wir solche Wirtschaften, in denen die Zahl der Lohnarbeiter größer ist als die Zahl der mitarbeitenden Familienangehörigen.

Nachstehend zusammengefaßte Angaben über diese drei Gruppen:
Wirtschaften, aufgeteilt nach der Zahl der Arbeiter
Davon In ihnen Arbeiter
Gruppen der Wirtschaften Gesamtzahl der Wirtschaften selbständige Landwirte Lohnarbeiter Gesamtzahl dieser Wirtschaften insgesamt Familienangehörige Lohnarbeiter
I. Bis zu 2 ha 3378509 474915 1822792 2669232 4353052 3851905 501147
II. Von 2 bis 20 ha 2071816 1705448 117338 2057577 7509735 5898853 1610882
III. 20 ha und darüber 285757 277060 737 285331 3306762 870850 2435912
Insgesamt 5736082 2457423 1940867 5012140 15169549 10621608 4547941

Diese Tabelle gibt uns ein Bild der ökonomischen Struktur der modernen deutschen Landwirtschaft. Den unteren Teil der Pyramide bildet eine riesige Menge proletarischer „Wirtschaften", fast 3/5 der Gesamtzahl; die Spitze ist eine verschwindende Minderheit (1/20) kapitalistischer Wirtschaften. Vorweggenommen sei der Hinweis, daß diese verschwindende Minderheit mehr als die Hälfte des gesamten Bodens und des gesamten Ackerlands besitzt. Sie beschäftigt ein Fünftel aller in der Landwirtschaft tätigen Arbeitskräfte und mehr als die Hälfte aller dort tätigen Lohnarbeiter. 441

Wenn wir beispielsweise in Deutschland und besonders in Preußen sehen, daß die Bodenparzellen, die der Gutsbesitzer dem Landarbeiter als Teil seines Arbeitslohnes gibt (das sogenannte Deputatland),„Deputatland" bei Lenin deutsch. Der Übers.zu den landwirtschaftlichen Betrieben gezählt werden, ist das etwa kein direktes Überbleibsel der Leibeigenschaft? Als Wirtschaftssystem unterscheidet sich die Leibeigenschaft ja gerade dadurch vom Kapitalismus, daß sie dem Werktätigen Boden zuteilt, während dieser den Werktätigen vom Boden trennt, daß sie dem Werktätigen die Mittel zum Leben in Naturalien liefert (bzw. ihn zwingt, sie auf seinem „Deputatland" selbst zu produzieren), während dieser dem Arbeiter Geldlohn 443 zahlt, für den er sich die Mittel zum Leben kauft. Natürlich ist dieses Überbleibsel der Leibeigenschaft in Deutschland völlig unbedeutend im Vergleich zu dem, was wir in Rußland mit seinem berüchtigten „Abarbeits" system der Gutsbesitzerwirtschaft sehen, aber immerhin ist dies ein Überbleibsel der Leibeigenschaft. Die Zählung des Jahres 1907 ermittelte in Deutschland 579 500 „landwirtschaftliche Betriebe", die Landarbeitern und Tagelöhnern gehören, wobei 540 751 hiervon auf die Gruppe von „Landwirten" entfallen, die bis zu 2 Hektar Land besitzen.

Zweitens bildet die Masse der „Landwirte", die solche winzigen Landstückchen besitzen, von denen man nicht leben kann und die lediglich einen „Nebenbetrieb" darstellen, im Gesamtsystem des Kapitalismus einen Teil der Reservearmee der Arbeitslosen. Das ist, nach dem Ausdruck von Marx, die latente Form dieser Armee. Es wäre falsch, sich die Reservearmee der Arbeitslosen so vorzustellen, als setze sie sich nur aus Arbeitern zusammen, die keine Arbeit haben. Zu ihr gehören audi „Bauern" bzw. „kleine Landwirte", die von dem, was ihnen ihre winzige Wirtschaft einbringt, nicht leben können und die sich die Mittel zum Leben in der Hauptsache durch Lohnarbeit erwerben müssen. Ein Gemüsegarten oder ein Stückchen Kartoffelland sind für diese Armee von Hungerleidern ein Mittel zur Ergänzung ihres Lohnes bzw. ein Mittel, um in Zeiten, da sie keine Arbeit haben, ihr Dasein zu fristen. Der Kapitalismus braucht diese „Zwerg"- oder „Parzellen"- Quasi-Landwirte, um ständig ohne irgendwelche Unkosten eine Menge billiger Arbeitskräfte zur Verfügung zu haben. Nach der Zählung von 1907 haben von 2 Millionen „Landwirten" mit weniger als 1/2 Hektar Boden 624 000 ausschließlich Gemüseland und 361 000 ausschließlich einen Kartoffelakker. Das gesamte Ackerland dieser 2 Millionen beläuft sich auf 247 000 Hektar, von denen über die Hälfte, nämlich 166 000 Hektar Kartoffelland sind. Das gesamte Ackerland der eineinviertel Million „Landwirte", die 1/2 bis 2 Hektar Boden haben, beläuft sich auf 976 000 Hektar, von denen über ein Drittel - 334 000 ha - Kartoffelland sind. Verschlechterung der Volksemährung (Kartoffeln an Stelle von Brot) und billigere Arbeitskräfte für die Unternehmer - das bedeuten die „Wirtschaften" von drei Millionen „Landwirten" der insgesamt fünf Millionen Landwirte in Deutschland.

Um das Bild dieser proletarischen Wirtschaften abzurunden, sei hinzugefügt, daß fast ein Drittel von ihnen (1 von 3,4 Millionen) gar kein 444 Vieh besitzt, zwei Drittel (2,5 von 3,4 Millionen) kein Großvieh, über 9/10 (3,3 von 3,4 Millionen) keine Pferde. Der Anteil dieser proletarischen Wirtschaften an der landwirtschaftlichen Gesamtproduktion ist verschwindend gering: 3/5 aller Wirtschaften besitzen weniger als 1/10 des gesamten Viehs (2,7 von 29,4 Millionen Stück, das gesamte Vieh auf Großvieh umgerechnet), etwa 1/20 des gesamten Ackerlandes (1,2 von 24,4 Millionen Hektar). 442-444

Die Zugehörigkeit der Mehrheit bzw. der großen Masse der landwirtschaftlichen Betriebe zur Kategorie der proletarischen, der Zwerg- und Parzellenwirtschaften ist eine Erscheinung, die viele, wenn nicht die meisten kapitalistischen Länder Europas, aber nicht alle kapitalistischen Länder miteinander gemein haben. In Amerika zum Beispiel beträgt nach den Angaben der Zählung von 1900 die Durchschnittsgröße einer Farm 146,6 Acres (60 Hektar), d.h. 71/2mal soviel wie in Deutschland. Die Zahl der Kleinstbetriebe beträgt, rechnet man hierzu die Wirtschaften bis zu 20 Acres (bis zu 8 ha), etwas mehr als 1/10 (11,8 Prozent). Selbst die Zahl aller Wirtschaften bis zu 50 Acres (d. h. bis zu 20 ha) beträgt nur ein Drittel der Gesamtzahl. Um diese Angaben mit den deutschen vergleichen zu können, muß man beachten, daß Wirtschaften bis zu 3 Acres (= 1,2 Hektar) in Amerika nur dann gezählt werden, wenn ihr Bruttoeinkommen 500 Dollar ausmacht, d. h., die große Masse der Wirtschaften bis zu 3 Acres wird überhaupt nicht registriert. Deshalb müßte man auch in den deutschen Angaben die Kleinstbetriebe weglassen. Lassen wir sogar alle Betriebe bis zu 2 ha aus, so haben von den verbleibenden 2 357 572 Wirtschaften 1 006 277 von 2 bis 5 ha, d. h., über 40 Prozent aller Wirtschaften sind Kleinstbetriebe. In Amerika liegen die Dinge völlig anders.

Offensichtlich kann der Kapitalismus in der Landwirtschaft dort, wo es keine Traditionen der Leibeigenschaft gibt (bzw. wo alle Spuren der Leibeigenschaft entschiedener beseitigt wurden), wo das Joch der Grundrente nicht (oder weniger stark) auf der landwirtschaftlichen Produktion lastet, existieren und sich sogar besonders schnell entwikkeln, ohne ein Millionenheer von Landarbeitern und Tagelöhnern mit Anteilland zu schaffen. 445