LW15-1908-09.1970-agrar.pdf über die „Natur" der russischen Revolution .. 9-15

Die Natur der großen bürgerlichen Revolution im bäuerlichen Rußland ist aber derart, daß nur der Sieg des Bauernaufstandes, der jedoch ohne die führende Rolle des Proletariats undenkbar ist, diese Revolution gegen die immanente konterrevolutionäre Haltung des bürgerlichen Liberalismus zum Erfolg führen kann. 15

Marxismus und Revisionismus

Jeder Schritt vorwärts, den Wissenschaft und Technik machen, untergräbt unvermeidlich und unerbittlich die Grundlagen des Kleinbetriebs in der kapitalistischen Gesellschaft, und Aufgabe der sozialistischen Ökonomie ist es, diesen Prozeß in allen seinen oft komplizierten und verworrenen Formen zu untersuchen und dem Kleinproduzenten die Unmöglichkeit nachzuweisen, sich unter dem Kapitalismus zu behaupten, ihm die Ausweglosigkeit der Bauernwirtschaft unter dem Kapitalismus, die Notwendigkeit des Übergangs des Bauern auf den Standpunkt des Proletariers zu zeigen. 23

Hinsichtlich der Werttheorie ist nur zu sagen, daß die Revisionisten hier, außer höchst unklaren Andeutungen und Anspielungen auf Böhm-Bawerk, rein gar nichts geleistet und daher in der Entwicklung des wissenschaftlichen Denkens keinerlei Spuren hinterlassen haben. 24

Worin besteht seinedes Revisionismus L. S. Unvermeidlichkeit in der kapitalistischen Gesellschaft? Warum ist er tiefer als die Unterschiede in den nationalen Besonderheiten und in den verschiedenen Entwicklungsstufen des Kapitalismus? Weil es in jedem kapitalistischen Land neben dem Proletariat immer auch große Schichten des Kleinbürgertums, der Kleineigentümer gibt. Der Kapitalismus entstand und entsteht immer wieder aus der Kleinproduktion. Eine ganze Anzahl Von „Mittelschichten" wird vom Kapitalismus unausbleiblich immer wieder neu geschaffen (Anhängsel der Fabrik, Heimarbeit, kleine Werkstätten, die infolge der Bedürfnisse der Großindustrie, zum Beispiel der Fahrrad- und Automobilindustrie, über das ganze Land verstreut sind, usw.). Diese neuen Kleinproduzenten werden ebenso unausbleiblich wieder in die Reihen des Proletariats geschleudert. Es ist ganz natürlich, daß die kleinbürgerliche Weltanschauung in den großen Arbeiterparteien immer wieder zum Durchbruch kommt. 27

was heute in der Praxis nur in einzelnen Teilfragen der Arbeiterbewegung zum Durchbruch kommt, als taktische Meinungsverschiedenheiten mit den Revisionisten und die Spaltungen auf dieser Grundlage -, das alles wird die Arbeiterklasse fraglos in noch viel größerem Maßstab durchzumachen haben, wenn die proletarische Revolution alle Streitfragen verschärfen, alle Meinungsverschiedenheiten auf Punkte von unmittelbarster Bedeutung für die Bestimmung der Haltung der Massen konzentrieren, wenn sie das Proletariat zwingen wird, im Feuer des Kampfes Feind von Freund zu scheiden und die schlechten Bundesgenossen von sich abzuschütteln, um entscheidende Schläge gegen den Feind führen zu können. 28

Auf ausgetretenen Pfaden! . . .. 29-36

Th. Dan meint, daß die „Hoffnungen auf Errichtung der Diktatur des Proletariats und der Bauernschaft" von volkstümlerischen Vorurteilen abhängig waren und noch sind; sie seien auch dadurch bedingt, daß die inneren Gegensätze im Dorf und der individualistische Charakter der Bauernbewegung vergessen würden. 31

Kein einziger Marxist würde in einem anderen kapitalistischen Land ein Programm aufstellen, das das Streben der "Bauern nach Enteignung des Großgrundbesitzes unterstützt (??). In Rußland stimmen aber Bolschewiki und Menschewiki hinsichtlich der Notwendigkeit dieser Unterstützung überein. Warum? Weil für Rußland objektiv ein anderer Weg der kapitalistischen Agrarentwicklung möglich ist, nicht der „preußische", sondern der „amerikanische", nicht der gutsherrlichbürgerliche (oder junkerliche), sondern der bäuerlich-bürgerliche.

Stolypin und die Kadetten, die Selbstherrschaft und die Bourgeoisie, Nikolaus II. und Peter Struve sind sich darin einig, daß die morsche Agrarordnung Rußlands auf kapitalistische Weise „bereinigt" werden muß, und zwar durch Beibehaltung des gutsherrlichen Grundbesitzes. Uneinig sind sie sich nur in der Frage, wie er am besten aufrechterhalten werden kann und in welchem Maße dies geschehen soll. 32

Eine Bauernrevolution unter Führung des Proletariats ist in einem kapitalistischen Land schwer, sehr schwer; sie ist aber möglich, und man muß für sie kämpfen. 34

Zur Einschätzung der russischen Revolution .. .. 39-52

Die erste Frage beantwortet Kautsky folgendermaßen: In Westeuropa, sagt er, bildet das Proletariat bereits die Masse der Bevölkerung. Daher bedeutet der Sieg der Demokratie im heutigen Europa die politische Herrschaft des Proletariats. „Das ist in Rußland mit seiner überwiegenden Bauernschaft nicht zu erwarten. Wohl ist auch dort ein Sieg der Sozialdemokratie in absehbarer Zeit nicht ausgeschlossen, aber er könnte nur das Werk einer Koalition von Proletariat und Bauernschaft sein." Und Kautsky folgert sogar, daß ein solcher Sieg ein mächtiger Anstoß für die proletarische Revolution in Westeuropa wäre.

Somit sehen wir, daß der Begriff „bürgerliche Revolution" noch nicht genügend die Kräfte bestimmt, die in einer solchen Revolution den Sieg davontragen können …

Bei uns ist der Sieg der bürgerlichen Revolution als Sieg der Bourgeoisie unmöglich. Eine scheinbar paradoxe Behauptung, aber trotzdem richtig. Das 46 Überwiegen der bäuerlichen Bevölkerung, ihre furchtbare Unterdrückung durch den (halb-)feudalen Großgrundbesitz, die Kraft und das Bewußtsein des bereits in einer sozialistischen Partei organisierten Proletariats - alle diese Umstände verleihen unserer bürgerlichen Revolution einen besonderen Charakter. Diese Besonderheit hebt den bürgerlichen Charakter unserer Revolution nicht auf (wie es Martow und Plechanow in ihren mehr als verunglückten Bemerkungen über den Standpunkt Kautskys hinstellen wollten). Vielmehr bedingt diese Besonderheit nur den konterrevolutionären Charakter unserer Bourgeoisie und die Notwendigkeit der Diktatur des Proletariats und der Bauernschaft für den Sieg in einer solchen Revolution. 45, 46

ohne Initiative des Proletariats,ohne seine Führung ist die Bauernschaft nichts …

Die zweite Frage, die des Dezemberaufstands von 1905, wird von 49 Kautsky im Vorwort zur zweiten Auflage seiner Broschüre behandelt. Er schreibt: „Ich kann heute nicht mehr mit der Bestimmtheit, wie ich es damals noch tat, erklären, daß bewaffnete Insurrektionen mit Barrikadenkämpfen in der kommenden Revolution keine entscheidende Rolle mehr spielen werden. Dagegen sprachen zu laut die Erfahrungen des Moskauer Straßenkampfes, wo sich eine Handvoll Menschen über eine Woche lang gegen eine ganze Armee im Barrikadenkampf behauptete und fast siegte, wenn nicht das Versagen der revolutionären Bewegung in anderen Städten erlaubt hätte, die Armee so zu verstärken, daß schließlich eine ungeheure Übermacht gegen die Insurgenten konzentriert war. Freilich war dieser relative Erfolg des Barrikadenkampfes nur möglich, weil die Bevölkerung der Stadt die Revolutionäre tatkräftig unterstützte und die Truppen total demoralisiert waren. Aber wer kann mit Bestimmtheit behaupten, daß etwas Derartiges in Westeuropa unmöglich sei?"48, 49

Wenn Marx, der ein halbes Jahr vor der Kommune gesagt hat, ein Aufstand würde Torheit sein, dann dennoch diese „Torheit" als größte Massenbewegung des Proletariats im 19. Jahrhundert wertete, so müssen die russischen Sozialdemokraten mit tausendfach größerer Berechtigung jetzt die Überzeugung in die Massen tragen, daß der Dezemberkampf nach der Kommune die größte proletarische Bewegung gewesen ist, die ganz und gar notwendig und gerechtfertigt war. 50

Die Agrarfrage in Rußland am Ausgang des 19. Jahrhunderts . . .. 59-13932 S. 493 Bei der Abfassung dieser Arbeit benutzte Lenin statistisches Zahlenmaterial und Tabellen zur Agrarfrage aus seinen Werken „Die Entwicklung des Kapitalismus in Rußland" und „Das Agrarprogramm der Sozialdemokratie in der ersten russischen Revolution von 1905 bis 1907". (Siehe Werke, Bd. 3, und Werke, Bd. 13, S. 213-437.)

Die Aufgliederung des Bodenbesitzes im Europäischen Rußland am Ausgang des 19. Jahrhunderts können wir nach den Angaben der neuesten Bodenstatistik, der von 1905 (herausgegeben vom Zentralen Statistischen Komitee, St. Petersburg 1907, darstellen.

Insgesamt waren nach den Angaben dieser Untersuchung im Europäischen Rußland 395,2 Millionen Desjatinen statistisch erfaßt. Dieser Boden verteilte sich auf die drei Hauptgruppen folgendermaßen: 62

I. Gruppe - Privatbesitz 101,7 Mill. Desj.
II. Gruppe - Anteillandetwa: Fronhofland L.S. 138,8 „ „
III. Gruppe - Boden des Fiskus u. a. 154,7 „ „
Insgesamt im Europäischen Rußland 395,2 Mill. Desj.

… Untersuchen wir nun den Bodenbesitz dieser Klassen, die sich auch als Stände voneinander unterscheiden, da der größte Teil des im Privatbesitz befindlichen Grund und Bodens dem Adel, das Anteilland hingegen den Bauern gehört …

Der Hauptanteil am persönlichen Bodenbesitz in Rußland entfällt demnach auf die Angehörigen des Adels. Ihnen gehört eine riesige Bodenfläche. Doch die Entwicklung geht dahin, daß der Bodenbesitz des Adels abnimmt. Der Bodenbesitz auf nichtständischer Grundlage nimmt zu, und zwar außerordentlich rasch. Von 1877 bis 1905 vergrößerte sich am raschesten der Bodenbesitz der „übrigen Stände" (in 28 Jahren auf das Achtfache) und dann der der Bauern (auf mehr als das Doppelte). 61, 62

Es gehörten Im Jahre 1905
1905 1877 mehr (+)
bzw. weniger (-)
Stand der Besitzer Mill. Desj. % Mill. Desj. % in Mill. Desj. um das Wievielfache
Adligen 53,2 61,9 73,1 79,9 - 19,9 - 1,40
Geistlichen 0,3 0,4 0,2 0,2 + 0,1 + 1,74
Kaufleuten und Angehörigen des Ehrenbürgerstandes 12,9 15,0 9,8 10,7 + 3,1 + 1,30
Kleinbürgern 3,8 4,4 1,9 2,1 + 1,9 + 1,85
Bauern 13,2 15,4 5,8 6,3 + 7,4 + 2,21
den übrigenStänden 2,2 2,5 0,3 0,3 + 1,9 + 8,07
ausländischenStaatsangehörigen 0,3 0,4 0,4 0,5 - 0,1 - 1,52
Insgesamt befanden sichin persönlichem Besitz 85,9 100,0 91,5 100,0 - 5,6 - 1,09

In MEW 25 die Tabelle zitieren mit der Bemerkung: Von den Zaren lernen, heißt siegen lernen, können wir unseren Statistikbehörden zurufen. Denn nach den beiden versauten Revolutionen der Vereinbarer und der Noske wäre es sicher ganz interessant zu wissen, was aus dem Grundeigentum der Adligen geworden ist. Leider sind unsere Politiker selbst dazu zu feige. Das Eigentum ist nicht nur heilig, es ist auch geheim.<-Dummchen, Du selbst hast die Statistik des Bundesamsts über Eigentums- und Pachtverhältnisse 2013.

In den Händen dieser 28 000 Eigentümer befinden sich also drei Viertel des gesamten Privatgrundbesitzes.Lenins Um den Text nicht mit Zitaten zu überladen, weisen wir gleich hier darauf hin, daß die meisten Angaben der obenerwähnten Arbeit entnommen sind, ferner dem Buch „Die Entwicklung des Kapitalismus in Rußland", 2. Aufl., St. Petersburg 1908. (Siehe Werke, Bd. 3. Die Red.) 64

Hier die zusammenfassenden Angaben über die Verteilung des Anteillandes im Europäischen Rußland:
Größenklassen Höfe Desjatinen Durchschnitts-fläche pro Hofin Desj.
Unter 5 Desjatinen 2857650 9030 333 3,1
5-8 3 317601 21706 550 6,5
Insgesamt bis 8 Desj. 6175 251 30736883 4,9
8-15 Desjatinen 3 932485 42182923 10,7
15-30 1 551904 31271922 20,1
über 30 617715 32695 510 52,9
Insgesamt im Europ. Rußland 12277 355 136887238 11,1

Mehr als die Hälfte der Höfe mit Anteilland - 6,2 Mill. von 12,3 - besitzen also höchstens 8 Desj. pro Hof. Im allgemeinen und im Durchschnitt für ganz Rußland ist diese Bodenfläche für den Unterhalt einer Familie zweifellos unzureichend …

In bezug auf die besitzmäßige Aufgliederung des Anteillandes muß ein höchst wichtiges Kennzeichen erwähnt werden. Die Ungleichmäßigkeit in der Verteilung des Anteillandes unter den Bauern ist unvergleichlich geringer als die Ungleichmäßigkeit in der Verteilung des privaten Grundbesitzes. Doch dafür bestehen unter den Bauern mit Anteilland eine Menge Unterschiede, Untergliederungen und Scheidewände anderer Art. Es sind die Unterschiede zwischen den verschiedenen Bauernkategorien, die sich im Laufe vieler Jahrhunderte historisch herausgebildet haben … 65, 66

Wir haben die Bedingungen des gutsherrlichen und des bäuerlichen Bodenbesitzes getrennt dargelegt. Wir müssen sie jetzt in ihrem Zusammenhang betrachten. Dazu wollen wir die oben angeführte annähernde Ziffer über die Größe des Bodenfonds im Europäischen Rußland - 280 Mill. Desj. - nehmen und untersuchen, wie diese ganze Fläche unter den Grundbesitzern verschiedenen Typs verteilt ist. Welcherart diese Typen sind, wird im weiteren Verlauf unserer Darstellung ausführlich dargestellt werden; zunächst wollen wir, ein wenig vorauseilend, die Haupttypen als vorausgesetzt ansehen. Bodenbesitz von nicht mehr als 15 Desj. pro Hof zählen wir zur ersten Gruppe; das ist die ruinierte Bauernschaft, die von der Last der fronherrlichen Ausbeutung erdrückt wird. Die zweite Gruppe bildet die mittlere Bauernschaft mit einem Besitz von 15 bis 20 Desj. Die dritte Gruppe machen die wohlhabende Bauernschaft (die bäuerliche Bourgeoisie) und der kapitalistische Bodenbesitz mit 20 bis 500 Desj. aus. Die vierte besteht aus den fronherrlichen Latifundien mit mehr als 500 Desjatinen. 69

Wir gehen nun zur Organisation der Gutswirtschaft über. Wie allgemein bekannt, besteht das Hauptmerkmal dieser Organisation darin, daß hier das kapitalistische System („freie Lohnarbeit") mit dem System der Abarbeit verknüpft ist. Was versteht man unter diesem System der Abarbeit?

Zur Beantwortung dieser Frage müssen wir einen Blick auf die Organisation der Gutswirtschaft zur Zeit der Leibeigenschaft werfen. Alle wissen, was die Leibeigenschaft in juristischer und administrativer Hinsicht bedeutete und welche Lebensverhältnisse unter ihr herrschten. Doch sehr selten fragt man, worin zur Zeit der Leibeigenschaft das Wesen der ökonomischen Beziehungen zwischen Gutsbesitzer und Bauern bestand. Damals teilten die Gutsbesitzer den Bauern Land zu. Zuweilen stellten sie den Bauern leihweise auch noch andere Produktionsmittel, wie Wald, Vieh usw., zur Verfügung. Welche Bedeutung besaß diese Zuteilung von gutsherrlichem Land an die leibeigenen Bauern? Der Landanteil war damals eine form des Arbeitslohns, wenn wir im Hinblick auf die heutigen Verhältnisse sprechen wollen. Bei kapitalistischer Produktion wird dem Arbeiter der Arbeitslohn in Geld ausgezahlt. Der Profit des Kapitalisten wird in Geldform realisiert. Die notwendige und die Mehrarbeit (d. h. die 74 Arbeit, mit der der Lebensunterhalt des Arbeiters bestritten wird, und diejenige, die dem Kapitalisten einen von ihm nicht bezahlten Mehrwert abwirft) sind in der Fabrik in einem einzigen Arbeitsprozeß, in einem Fabrikarbeitstag usw. zusammengefaßt. Anders verhält es sich in der auf Leibeigenschaft beruhenden Wirtschaft. Notwendige Arbeit und Mehrarbeit gibt es auch hier, wie es sie auch in der auf Sklaverei beruhenden Wirtschaft gibt, doch sind diese beiden Kategorien der Arbeit zeitlich und räumlich voneinander getrennt. Der leibeigene Bauer arbeitet drei Tage für seinen Herrn und drei Tage für sich selbst. Für den Herrn arbeitet er auf dem gutsherrlichen Feld oder indem er das Getreide für den Gutsherrn anbaut. Für sich arbeitet er auf dem Anteillahd, indem er dort für sich und seine Familie das Getreide anbaut, das zum Unterhalt der für den Gutsherrn bestimmten Arbeitskraft notwendig ist.

Folglich stimmt das auf Leibeigenschaft oder Fronarbeit beruhende Wirtschaftssystem mit dem kapitalistischen in der Hinsicht überein, daß bei beiden der Arbeiter nur das Produkt seiner notwendigen Arbeit erhält, während er das Produkt der Mehrarbeit ohne Entgelt dem Eigentümer der.- Produktionsmittel überlassen muß. Hingegen unterscheidet sich das auf Leibeigenschaft beruhende Wirtschaftssystem vom kapitalistischen in den folgenden drei Beziehungen: Erstens ist die auf Leibeigenschaft beruhende Wirtschaft Naturalwirtschaft, die kapitalistische dagegen Geldwirtschaft. Zweitens ist das Mittel der Ausbeutung in der. auf Leibeigenschaft "beruhenden Wirtschaft die Bindung des Arbeitenden an den Boden, seine Ausstattung mit einem Landanteil, in der kapitalistischen Wirtschaft hingegen die Befreiung des Arbeitenden vom Grund," und Boden. Um Einkommen (d. h. Mehrprodukt) zu erzielen,"muß den fronherrliche Gutsbesitzer auf seinem Boden Bauern haben, die über einen Landanteil, über Inventar und Vieh verfügen. Ein Bauer ohne Land,. ohne Pferd und ohne Wirtschaft ist für die frönherrliche Ausbeutung ein untaugliches Objekt. Der Kapitalist dagegen muß, um Einkommen: (Profit) zu erzielen, gerade Arbeitskräfte ohne Land und ohne Wirtschaft vor sich haben, Arbeiter, die gezwungen sind, ihre Arbeitskraft auf dem; freien Arbeitsmarkt zu verkaufen. Drittens muß der Bauerr dem Land: zugeteilt ist, von dem Gutsherrn persönlich abhängig sein; denn da er Land besitzt, wird er nur gezwungen zur Fronarbeit erscheinen. Das Wirtschaftssystem erzeugt.hier „außerökpnomischen Zwang", Hörigkeit, 75 juristische Abhängigkeit, Rechtlosigkeit usw. Der „ideale" Kapitalismus dagegen setzt vollste Vertragsfreiheit auf dem freien Markt - zwischen Eigentümer und Proletarier — voraus.

Nur wenn wir uns diesen ökonomischen Sachverhalt der auf der Leibeigenschaft beruhenden Wirtschaft oder, was dasselbe ist, der Fronwirtschaft, exakt vor Augen halten, können wir die geschichtliche Stellung und Bedeutung des Systems der Abarbeit verstehen. Die Abarbeit ist ein direktes, unmittelbares Überbleibsel des Frondienstes. Die Abarbeit bedeutet den Übergang vom Fronsystem zum Kapitalismus. Das Wesen der Abarbeit besteht darin, daß die Bauern die Gutsbesitzerländereien mit ihrem eigenen Inventar bestellen und dafür teils mit Geld, teils in natura (Recht der Bodennutzung, Bodenabschnitte, Nutzung der Weideflächen, Winterdarlehen u. dgl. m.) entlohnt werden. Die unter dem Namen Halbpacht bekannte Wirtschaftsform ist eine Spielart der Abarbeit. Für die auf Abarbeit beruhende Gutswirtschaft ist ein Bauer mit Anteilland, und habe er auch noch so miserables lebendes und totes Inventar, unentbehrlich. Ferner muß dieser Bauer in Not sein, damit er sich in Schuldknechtschaft begebe. Schuldknechtschaft statt freier Verdingung ist eine unvermeidliche Begleiterscheinung des Systems der Abarbeit. Der Gutsherr tritt hier nicht als kapitalistischer Unternehmer auf, der über Geld und sämtliche Produktionsinstrumente verfügt. Beim System der Abarbeit fungiert er vielmehr als Wucherer, der die Not des benachbarten Bauern ausnutzt und dessen Arbeit zu einem Spottpreis erwirbt. 73-75

Folglich würde der Preis bei freier Lohnarbeit 10,69 Rbl. betragen, bei Abarbeit dagegen beträgt er 6 Rbl. Wie soll man diese Erscheinung erklären, wenn sie nicht zufällig und vereinzelt vorkommt, sondern als normal und üblich gilt? Worte wie „Schuldknechtschaft", „Wucher", „Erpressung" usw. bezeichnen Form und Charakter des Geschäfts, erklären aber nicht dessen ökonomisches Wesen. Wie kann ein Bauer jahrelang eine Arbeit für 6 Rbl. leisten, die 10,69 Rbl. wert ist? Der Bauer kann dies tun, weil sein Landanteil einen Teil der Ausgaben der bäuerlichen Familie deckt und es erlaubt, den Arbeitslohn unter die für „freie Lohnarbeit übliche" Norm herabzusetzen. Der Bauer ist gezwungen, dies zu tun, weil sein kläglicher Landanteil ihn an den benachbarten Gutsbesitzer fesselt und es ihm nicht möglich macht, von seiner Wirtschaft allein zu leben. 76

Der größere Teil des Landes wird an Bauern verpachtet, als Halbpacht, gegen Abarbeit. 77

Welchen Einfluß das System der Abarbeit auf die Entwicklung der Produktivkräfte in der Landwirschaft hat, darüber führt das in der Arbeit des Herrn Kaufman zusammengefaßte Material eine beredte Sprache. „Es kann keinem Zweifel unterliegen", lesen wir dort, „daß die bäuerliche Kleinpacht und Halbpacht eine der Ursachen ist, die den Fortschritt der Landwirtschaft am meisten hemmen ..." In den Übersichten über die Landwirtschaft im Gouvernement Poltawa wird ständig darauf hingewiesen, daß „die Pächter den Boden schlecht bestellen, schlechtes Saatgut verwenden, ihn verunkrauten lassen". 78

eine Agrarumwälzung, die den gutsherrlichen Grundbesitz vernichtet und die überlieferte mittelalterliche Dorfgemeinde sprengt (die Nationalisierung des Bodens zum Beispiel würde sie auf nicht polizeilichem, nicht bürokratischem Wege sprengen), böte unbedingt die Basis für einen außerordentlich raschen und wirklich umfassenden Fortschritt. Die in Halb- und Kleinpacht bewirtschafteten Ländereien schulden ihren unwahrscheinlich niedrigen Ernteertrag der Arbeit „für den gnädigen Herrn". Nicht nur der Ernteertrag dieser Ländereien würde steigen, wenn der 80 heutige Bauer nicht mehr „für den gnädigen Herrn" zu arbeiten brauchte 79, 80

Was die Frage der russischen Dorfgemeinde so scharf und bedeutungsvoll werden ließ, was seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts die beiden Hauptrichtungen im gesellschaftlichen Denken unseres Landes - die volkstümlerische und die marxistische Richtung - voneinander schied, ist gar nicht die Seite der Frage, die die Agrikultur 84 und die Lebensweise betrifft … Für einen Ökonomen aber ist es jedenfalls ganz unstatthaft, … die Frage zu vergessen, welche Wirtsdbaftstypen sich innerhalb der Dorfgemeinde herausbilden, wie sie sich entwickeln, wie sich die Beziehungen gestalten zwischen denen, die Lohnarbeiter beschäftigen, und denen, die sich zu schwerer Arbeit verdingen, zwischen Wohlhabenden und Armen, zwischen denen, die ihre Wirtschaft vervollkommnen und technische Verbesserungen einführen, und denen, die verelenden, ihre Wirtschaft aufgeben und aus dem Dorfe abwandern. 83, 84

Im Kreis Dneprowsk, Gouvernement Taurien, besitzen 40% der Bauernhöfe, die ärmsten, 56000 Desj. Anteilland, ihre ganze Bodennutzung beläuft sich jedoch nur auf 45 000 Desj., ist also um 11 000 Desj. geringer. Die wohlhabende Gruppe (1.8% der Höfe) besitzt 62 000 Desj. Anteilland, ihre ganze Bodennutzung beträgt aber 167000 Desj. und ist somit um 98 105 000 Desj. größer. Hier Zahlen aus drei Kreisen des Gouvernements Nishni-Nowgorod:(in Desjatinen)
Auf einen Hof entfallen
Anteilland gesamte Bodennutzung
Wirtschaften ohne Pferd 5,1 4,4
" mit 1 Pferd 8,1 9,4
" mit 2 Pferden 10,5 13,8
" mit 3 Pferden 13,2 21,0
" mit 4 und mehr Pferden 16,4 34,6
Insgesamt 8,3 10,3
Auch hier sehen wir in der untersten Gruppe infolge Pachtung undVerpachtung einen absoluten Rückgang der Bodennutzung. 97, 98

Ist das eine Erklärung für die deutsche Statistik, in der die LW fast immer größer als die genutzte LW ist? Ne, keine Erklärung, aber offenbar eine allgemeine Erscheinung. Aber in der deutschen Statistik ist das bei allen Hofgrößen so. Hier nur bei den Armen. Dummkopf, das ist die Brache.

Diese Tatsache zeigt anschaulich, daß die Zerschlagung des alten Grundbesitzes, des gutsherrlichen wie des bäuerlichen, zur unbedingten ökonomischen Notwendigkeit geworden ist. Diese Zerschlagung ist absolut unvermeidlich, und keine Macht auf Erden vermag sie zu verhindern. Der Kampf wird geführt um ihre Form, um ihre Methoden: Soll sie auf Stolypinsche Art durchgeführt werden - mit Erhaltung des gutsherrlichen Grundbesitzes und mit Ausplünderung der Dorfgemeinde durch die Kulaken - oder auf Bauernart - mit Vernichtung des gutsherrlichen Grundbesitzes und Niederreißung aller mittelalterlichen Scheidewände auf dem Lande durch Nationalisierung des Grund und Bodens? 99

Auch das bäuerliche Eigentum muss zerschlagen werden.

Worin muß jene gewaltsame Entfernung der mittelalterlichen Schale bestehen, die für die weitere freie Entwicklung des neuen Wirtschaftsorganismus zur Notwendigkeit geworden ist? In der Vernichtung des mittelalterlichen Grundbesitzes. Mittelalterlich ist in Rußland bis zum heutigen Tage sowohl der gutsherrliche als auch in beträchtlichem Maße der bäuerliche Grundbesitz …

Dieser Grundbesitz kann mit einem Schlag vernichtet werden, wenn entschlossen mit der Vergangenheit gebrochen wird. Eine solche Maßnahme wäre die Nationalisierung des Grund und Bodens, die in den Jahren 1905-1907 von allen Vertretern der Bauernschaft auch mehr oder weniger konsequent verlangt wurde. Die Aufhebung des Privateigentums am Grund und Boden würde nichts an den bürgerlichen Grundlagen des kommerziellen und kapitalistischen Grundbesitzes verändern. Nichts ist verkehrter als die Meinung, die Nationalisierung des Grund und Bodens hätte etwas mit Sozialismus oder auch nur mit ausgleichender Bodennutzung zu tun. Was den Sozialismus anbelangt, so besteht dieser bekanntlich in der Aufhebung der Warenwirtschaft. Die Nationalisierung aber ist nichts anderes als Verwandlung des Bodens in Staatseigentum, und die private Bewirtschaftung des Bodens wird von einer solchen Verwandlung in keiner Weise berührt. 129

Da der Austausch bestehenbleibt, ist es lächerlich, von Sozialismus zu reden. Der Austausch von landwirtschaftlichen Erzeugnissen und Produktionsmitteln ist aber überhaupt nicht von den Formen des Grundbesitzes abhängig. 130

Der Boden wird frei für den woblsituierten Landwirt, für den, der ihn tatsächlich so bebauen will und kann, wie es die modernen Wirtschaftsbedingungen überhaupt und die Bedingungen auf dem Weltmarkt insbesondere verlangen. Die Nationalisierung würde den Tod der Leibeigenschaft und die Entwicklung eines rein bürgerlichen Farmertums auf einem von jedem mittelalterlichen Plunder gesäuberten Boden beschleunigen. Das ist die wahre geschichtliche Bedeutung der Nationalisierung in Rußland, wie sie sich am Ausgang des 19. Jahrhunderts herausgebildet hat.

Das wird den Plunder zu Millionen in die Arme der Feinde der Revolution treiben. Du warst schon besser, Wladimir.

Der andere, objektiv nicht unmögliche Weg der Bereinigung der Grundbesitzverhältnisse im Sinne des Kapitalismus besteht, wie dargelegt, in der beschleunigten Ausplünderung der Dorfgemeinde durch die Reichen sowie im Erstarken des privaten Grundbesitzes der wohlhabenden Bauern. 131

Ist die Aussonderung des Plunders oder dessen Aubeutung während der Akkumulation das größere Übel?

Bei uns nimmt man zuweilen an, Nationalisierung des Grund und Bodens bedeute seine Herausnahme aus dem Handelsverkehr. Auf diesem Standpunkt stehen zweifelsohne auch die meisten fortgeschrittenen Bauern und Bauernideologen. Das ist aber eine grundfalsche Auffassung. Es ver- 133 hält sich gerade umgekehrt. Das Privateigentum am Grund und Boden ist ein Hindernis für eine freie Kapitalanlage auf Grund und Boden. Kann der Boden frei vom Staat gepachtet werden (und darauf läuft ja das Wesen der Nationalisierang in der bürgerlichen Gesellschaft hinaus), dann wird der Boden stärker in den Handelsverkehr einbezogen als unter der Herrschaft des Privateigentums am Grand und Boden. Die Freiheit der Kapitalanlagen auf Grund und Boden, die Freiheit der Konkurrenz in der Landwirtschaft ist bei freier Pacht viel größer als bei Privateigentum. Nationalisierang des Grand und Bodens ist sozusagen Landlordismus ohne Landlord. 132, 133

Die Fortsetzung des Feudalismus mit anderen Mitteln.

Im Abschnitt über die historischen Bedingungen der Ricardoschen Rententheorie („Theorien über den Mehrwert", II. Band, 2. Teil, Stuttgart 1905, S.5-7 [MEW26.2 S. 236, 237]) sagt Marx, Ricardo und Anderson „gehen von der auf dem Kontinent so wunderlich scheinenden Ansicht aus", daß nämlich „kein Grundeigentum als Fessel für die beliebige Kapitalanlage auf Grund und Boden existiere". Auf den ersten Blick scheint dies ein Widerspruch zu sein, weil die Vorstellung besteht, daß sich gerade in England das feudale Grundeigentum am stärksten erhalten habe. Doch gibt Marx die Erklärung hierfür: „Nirgendwo in der Welt hat die kapitalistische Produktion . . . so rücksichtslos mit den traditionellen Verhältnissen des Ackerbaus geschaltet,.. England ist in dieser Hinsicht das revolutionärste Land der Welt. Alle historisch überlieferten Verhältnisse, nicht nur die Lage der Dorfschaften, sondern die Dorfschaften selbst, nicht nur die Wohnsitze der landwirtschaftlichen Bevölkerung, sondern diese Bevölkerung selbst, nicht nur die ursprünglichen Zentren der Bewirtschaftung, sondern diese Bewirtschaf tung selbst, sind rücksichtslos weggefegt worden, wo sie den Bedingungen der kapitalistischen Produktion auf dem Lande widersprachen oder nicht entsprachen. Der Deutsche zum Beispiel findet die wirtschaftlichen Verhältnisse bestimmt durch die traditionellen Ver- 134 hältnisse von Feldmarken, Lage der Wirtschaftszentren, bestimmte Konglomerationen der Bevölkerung. Der Engländer findet die historischen Bedingungen der Agrikultur vom Kapital seit dem Ende des fünfzehnten Jährhunderts progressiv geschaffen vor. Der in dem Vereinigten Königreich gebräuchliche technische Ausdruck des ,Clearing of estates'„Lichtens der Güter". Die Red. findet sich auf keinem kontinentalen Land. Was heißt aber dieses ,clearing of estates'? Daß ohne alle Rücksicht auf die ansässige Bevölkerung, die weggejagt wird, existierende Dorfschaften, die rasiert, Wirtschaftsgebäude, die niedergerissen, Spezies der Landwirtschaft, die auf einen Schlag umgewandelt, zum Beispiel aus Ackerbau in Viehweide verwandelt wird, alle Produktionsbedingungen nicht akzeptiert werden, wie sie traditionell sind, sondern historisch so gemacht werden, wie sie unter den Umständen für die vorteilhafteste Anlage des Kapitals sein müssen. Insofern existiert also kein Grundeigentum-, es läßt das Kapital - den Pächter - frei wirtschaften, da es ihm bloß um das Geldeinkommen zu tun ist. Ein pommerscher Gutsbesitzer" (Marx meint hier Rodbertus, dessen Rententheorie t er in diesem Werk glänzend und bis ins einzelne widerlegt), „mit seinen angestammten Feldflurmarken, Wirtschaftszentren und dem Landwirtschaftskollegium usw. im Kopfe, mag daher die Hände über dem Kopfe zusammenschlagen über die ,unhistorische' Ansicht, die Ricardo von der Entwicklung der Ackerbauverhältnisse hat." In Wirklichkeit seien „die englischen Verhältnisse . . . die einzigen, worin sich das moderne Grundeigentum, das heißt das durch die kapitalistische Produktion modifizierte Grundeigentum adäquat" (mit idealer Vollkommenheit) „entwickelt hat. Die englische Anschauung" (d. h. die Ricardosche Rententheorie) „ist hier für die moderne, die kapitalistische Produktionsweise die klassische".

In England vollzog sich diese Bereinigung des Bodens in revolutionären Formen mit gewaltsamer Zerstörung des bäuerlichen Grundbesitzes. Die Zerstörung des Althergebrachten, das sich bereits überlebt hat, ist auch in Rußland absolut unvermeidlich, doch das neunzehnte Jahrhundert (und auch die ersten 7 Jahre des zwanzigsten) haben die Frage noch nicht entschieden, welche Klasse diese für uns notwendige Umwälzung vornehmen und in welcher Form dies geschehen wird. Wir haben in unseren Ausführungen die Grundlagen der heutigen Bodenverteilung in Rußland untersucht. Wir haben gesehen, daß 10,5 Millionen Bauernhöfe mit 135 75 Millionen Desjatinen 30000 Latifundienbesitzern mit 70 Millionen Desjatinen gegenüberstehen. Ein möglicher Ausgang des Kampfes, der auf solcher Grundlage notwendig entbrennen muß, besteht darin, daß der Bodenbesitz von zehn Millionen Höfen sich nahezu verdoppeln, derjenige der oberen Dreißigtausend verschwinden wird. Betrachten wir diesen möglichen Ausgang rein theoretisch, von dem Standpunkt aus, welche Gestalt die Agrarfrage in Rußland am Ende des 19. Jahrhunderts angenommen hat. Zu welchen Ergebnissen müßte eine solche Umwandlung führen? Bezüglich der Grundbesitzverhältnisse ist es klar, daß eine völlige Umschichtung des mittelalterlichen Anteillandbesitzes und des mittelalterlichen gutsherrlichen Grundbesitzes eintreten würde. Das Alte würde restlos hinweggefegt werden. Alles Überlieferte würde aus den Grundbesitzverhältnissen verschwinden.

… keine andere Reform, keine andere Umgestaltung könnte so vollständige Garantien für einen sehr raschen, umfassenden und freien Fortschritt der Agrotechnik in Rußland und für das Verschwinden aller Spuren der Leibeigenschaft, des Ständewesens und der Barbarei aus unserem Leben bieten. 134, 135

Sieht so aus, als habe es Lenin darauf angelegt, sich die Bauern zu Feinden zu machen, wenn er das englische Bauernlegen als Vorbild für die Revolution in Russland darstellt. Er springt von einem Extrem ins andere. Erst kriegen nur die "Farmer" Land, die ordentlich nach "amerikanischem" Vorbild arbeiten, dann kriegen die eben noch gelegten Bauern doch wieder nun verdoppeltes Land, um die Konzentration des Kapitals auch auf verstaatlichtem Grund zu beweisen. Aber diese Version ist besser als die mit dem Bauernlegen, weil hier tatsächlich der Kapitalismus seines Amtes walten kann. Nur muss dann die Pacht veräußerbar und vererbbar werden.

Diese Millionen Bauern, die kein Pferd besitzen (ja, auch ein nicht geringer Teil der Bauern mit einem Pferd), plagen sich, wie wir gesehen haben, auf ihrem Stückchen Boden, verpachten ihre Landanteile. Eine amerikanische Entwicklung der Industrie würde unfehlbar die meisten dieser in einer kapitalistischen Gesellschaft hoffnungslos dahinvegetierenden „Landwirte" von der Landwirtschaft abziehen, 138

das ist die künstliche agrarische Übervölkerung, künstlich im Sinne des gewaltsamen Erhaltens jener Verhältnisse der Leibeigenschaft, die sich längst überlebt haben … Jede ernstliche Verbesserung der Lage der Massen, jeder empfindliche Schlag gegen die Überreste der Leibeigenschaft würde unfehlbar diese agrarische Übervölkerung gründlich verringern, den (sich auch jetzt schon — nur langsam — vollziehenden) Prozeß der Abwanderung der Bevölkerung aus der Landwirtschaft in die Industrie ungeheuer beschleunigen, die Zahl der Wirtschaften von 13 Millionen auf eine erheblich niedrigere Zahl herabdrücken,

… Die Agrarfrage in Rußland am Ausgang des 19. Jahrhunderts hat den gesellschaftlichen Klassen die Aufgabe gestellt, der fronherrschaftlichen Vergangenheit ein Ende zu setzen und den Grundbesitz zu bereinigen, dem Kapitalismus, dem Wachstum der Produktivkräfte, dem freien und offenen Kampf der Klassen den Weg zu ebnen. Und dieser Kampf der Klassen wird auch bestimmen, auf welche Weise diese Aufgabe gelöst werden wird.

1. Juli 1908 139

Über einige charakteristische Merkmale des gegenwärtigen Verfalls 140-150

Doch glaube man nicht, es handle sich einfach um ungereimtes Zeug, um das zufällige Geschwätz eines unbekannten, unbedeutenden Grüppchens. Nein, eine solche Ansicht wäre verkehrt. Hier herrscht eine eigene Logik, die Logik des Enttäuschtseins von Partei und Volksrevolution, die Logik des verlorenen Glaubens an die Fähigkeit der Massen zu unmittelbarem revolutionärem Kampf. Es ist die Logik der Überspanntheit und Hysterie, wie sie Intellektuelle kennzeichnet, die Logik der Unfähigkeit zu konsequenter, zäher Arbeit, des Unvermögens, grundlegende theoretische und taktische Prinzipien auf die veränderte Situation anzuwenden, die Logik der Unfähigkeit zu propagandistischer, agitatorischer und organisatorischer Arbeit unter Bedingungen, die sich von denen der jüngsten Vergangenheit kraß unterscheiden. Statt ihre ganze Kraft auf den Kampf gegen die spießbürgerliche Zerfahrenheit zu konzentrieren, die nicht nur in den oberen, sondern auch in den unteren Klassen Eingang 145 gefunden hat, statt die zersplitterten Kräfte der Partei wieder fester zusammenzuführen zur Verteidigung der erprobten revolutionären Prinzipien - statt dessen werfen diese aus dem Gleichgewicht geratenen, jeder Klassenstütze in den Massen beraubten Leute alles, was sie gelernt haben, über Bord und proklamieren „Revision", d. h. Rückkehr zum alten Kram, zur revolutionären Handwerklerei, zur aufgesplitterten Tätigkeit kleiner Grüppchen. Kein Heroismus dieser Grüppchen und einzelner Personen im terroristischen Kampf vermag etwas daran zu ändern, daß ihre Tätigkeit, als die Tätigkeit von Angehörigen einer Partei, eine Verfallsserscheinung bedeutet. Es ist höchst wichtig, sich über den Satz klarzuwerden, den die Erfahrungen aller Länder, in denen die Revolution Niederlagen erlitten hat, bestätigen, daß nämlich in der Niedergeschlagenheit des Opportunisten wie in der Verzweiflung des Terroristen ein und dieselbe psychische Wesensart, ein und dieselbe spezifische Klassennatur, z. B. des Kleinbürgertums, zum Ausdruck kommt. 144, 145

Welche Lehre ist hieraus abzuleiten? Die Lehre, daß wir heute die heranreifende neue politische Krise aufmerksam verfolgen, den Massen die Lehren von 1905 einprägen und sie lehren müssen, daß jedwede tiefe Krise unvermeidlich in Aufstand übergeht, daß wir die Organisation fester ausbauen müssen, die diese Losung im Moment des Ausbruchs der Krise ausgeben wird. Doch die Frage so zu stellen: „Ist für die nächste Zukunft Hoffnung vorhanden?" ist ganz unfruchtbar. Die Situation in Rußland ist derart, daß kein einigermaßen urteilsfähiger Sozialist eine Prophezeiung wagen wird. Alles, was wir wissen und was wir sagen können, ist dies: Ohne Umgestaltung der Agrarverhältnisse, ohne völlige Umwälzung der alten Agrarordnung kann Rußland nicht leben - es wird aber leben. Der Kampf wird darum geführt, ob es Stolypin gelingt, diese Umwälzung im Interesse der Gutsbesitzer durchzuführen, oder ob sie die Bauern selbst unter Führung der Arbeiter so vollziehen werden, wie es für sie günstig ist …

Leuten, die „Losungen" nicht als praktische Schlußfolgerung aus einer klassenmäßigen Analyse und Untersuchung einer bestimmten historischen Situation, sondern als einen irgendeiner Partei oder Richtung ein für allemal gegebenen Talisman betrachten, wird diese Antwort sicherlich „unbestimmt" erscheinen. Solche Leute begreifen nicht, daß das Unvermögen, die Taktik den Unterschieden der schon klar herausgebildeten und der noch unbestimmten Momente anzugleichen, mangelnder politischer Schulung und einem beschränkten Horizont entspringt. 146

Das Agrarprogramm der Sozialdemokratie in der russischen Revolution. Autorreferat .. .. 151-175

30 000 Gutsbesitzer, hauptsächlich Adlige, sowie das Apanageamt, besitzen 70 Mill. Desjatinen Boden. Dieser Tatsache von grundlegender Bedeutung ist eine andere entgegenzustellen: 10,5 Mill. Bauernhöfe und kleinste Eigentümer verfügen über insgesamt 75 Mill. Desjatinen Boden. Diese könnten auf Kosten jener ihren Besitz verdoppeln: Darin besteht die objektiv unvermeidliche Tendenz des Kampfes, unabhängig von den verschiedenen Auffassungen der einzelnen Klassen von dieser Tendenz. 152

Die Aufteilung des Bodens und 162 dessen Zuweisung als Eigentum wäre jetzt eine reaktionäre Maßnahme, da dadurch der heutige Anteillandbesitz, der veraltet ist und einen Überrest aus früheren Zeiten darstellt, erhalten bliebe; doch später, nach völliger Säuberung des Bodens durch Nationalisierung, wäre eine Aufteilung als Losung eines neuen, freien Farmertums möglich. Die Aufgabe der Marxisten besteht darin, die radikale Bourgeoisie (d. h. die Bauernschaft) bei der möglichst vollständigen Beseitigung des alten Plunders zu unterstützen und eine rasche Entwicklung des Kapitalismus zu sichern, keinesfalls aber darin, dem Spießer zu helfen, sich bequem einzurichten und sich der Vergangenheit anzupassen. 161, 162

wiederholt 163f seinen mist über die absolute rente, um davon abzulenken, dass sich bei seiner nationalisierung der staat die rolle der feudaldrohne drängt und mit ihr die differentialrente übernimmt

Da es zwei Richtungen der kapitalistischen Entwicklung in der Landwirtschaft gibt, muß das Programm unbedingt ein „Wenn" enthalten (technischer Ausdruck auf dem Stockholmer Parteitag), d. h., das Programm muß beide Möglichkeiten berücksichtigen. Mit anderen Worten: Solange die Dinge so verlaufen wie bisher, verlangen wir freie Bodennutzung, gerichtliche Festlegungen zur Herabsetzung des Pachtzinses, Aufhebung des Ständewesens usw. ZugleiA bekämpfen wir die heutige Richtung, unterstützen wir die revolutionären Forderungen der Bauern im Interesse einer raschen Entwicklung der Produktivkräfte, eines umfassenden Aufschwungs des Klassenkampfes und seiner freien Entwicklung. Die Sozialdemokratische Arbeiterpartei unterstützt den revolutionären Kampf der Bauernschaft gegen die Überreste des Mittelalters, sie erklärt zugleich, daß die beste Form der Agrarverhältnisse in der kapitalistischen Gesellschaft (zugleich auch die beste Form der Beseitigung der Leibeigenschaft) die Nationalisierung des gesamten Grund und Bodens ist, daß eine radikale Umwälzung der Agrarverhältnisse, eine Konfiskation des Grundeigentums der Gutsbesitzer, die Nationalisierung des Grund und Bodens nur im Zusammenhang mit einer radikalen politischen Umwälzung, mit der Vernichtung der Selbtherrschaft und der Errichtung der demokratischen Republik möglich ist. 174

Über das Dass der Nationalisierung des Landes kann zwischen Kommunisten keine Meinungsverschiedenheit sein. Aber das Was der Nationalisierung ist eine sehr schwierig zu beantwortende Frage. Sie wird in einem entwickelten kapitalistischen Land anders beantwortet als in einem halbfeudalen Land.

Zündstoff in der Weltpolitik 176-183

Dieser Fortschritt des gesamten internationalen Sozialismus und zugleich die Verschärfung des revolutionär-demokratischen Kampfes in Asien bringen die russische Revolution in eine ganz eigentümliche und besonders schwierige Lage. Die russische Revolution besitzt in Europa wie in Asien einen großen internationalen Verbündeten, aber gleichzeitig und gerade deswegen hat sie nicht nur einen nationalen, nicht nur einen russischen, sondern auch einen internationalen Feind. Eine Reaktion auf den stärker werdenden Kampf des Proletariats ist in allen kapitalistischen Ländern unvermeidlich, und diese Reaktion vereinigt die bürgerlichen Regierungen der ganzen Welt gegen jede Volksbewegung, gegen jede Revolution sowohl in Asien als auch und besonders in Europa. 182

Der streitbare Militarismus und die antimilitaristische Taktik der Sozialdemokratie

Auf den ersten Blick eine seltsame Erscheinung: trotz der so offensichtlichen Wichtigkeit dieser Frage, trotz der so unverkennbaren, gleichsam in die Augen springenden Schädlichkeit des Militarismus für das Proletariat hält es schwer, eine andere Frage zu finden, in der solche Schwankungen, solcher Meinungswirrwarr unter den westeuropäischen Sozialisten herrschen wie in der Diskussion über die antimilitaristische Taktik. 187

Der prinzipielle Zusammenhang zwischen Militarismus und Kapitalismus steht also bei den Sozialisten durchaus fest, und es gibt in dieser Frage keine Meinungsverschiedenheiten. Aber die Anerkennung dieses Zusammenhangs bestimmt noch nicht konkret die antimilitaristische Taktik der Sozialisten, entscheidet nicht die praktische Frage, wie gegen die Last des Militarismus zu kämpfen ist und wie Kriege verhindert werden können. Und gerade in den Antworten auf diese Fragen gehen die Auffassungen der Sozialisten erheblich auseinander. auseinander. Auf dem Stuttgarter Kongreß konnte man diese Meinungsverschiedenheiten besonders deutlich konstatieren.

Auf dem einen Pol stehen die deutschen Sozialdemokraten vom Typ Vollmars. Da - so argumentieren sie - der Militarismus ein Produkt des Kapitalismus ist und Kriege eine unvermeidliche Begleiterscheinung der kapitalistischen Entwicklung bilden, bedarf es keinerlei spezifischen Antimilitarismus. So sagte es Vollmar auf dem Parteitag in Essen. In der Frage, wie sich die Sozialdemokraten im Falle einer Kriegserklärung verhalten sollen, steht die Mehrheit der deutschen Sozialdemokraten, mit Bebel und Vollmar an der Spitze, hartnäckig auf dem Standpunkt, daß die Sozialdemokraten ihr Vaterland gegen einen Angriff verteidigen müßten und verpflichtet seien, an einem „Verteidigungskrieg" teilzunehmen … von diesem Standpunkt aus war es für Noske nur noch ein Schritt bis zu der Erklärung: „Wir wünschen, daß Deutschland so gerüstet sei wie nur möglich."

Auf dem anderen Pol steht die zahlenmäßig kleine Gruppe der AnhängerHervés. Das Proletariat hat kein Vaterland - argumentieren die Hervéaner. Also ist jeglicher Krieg ein Krieg im Interesse der Kapitalisten; also muß das Proletariat gegen jeden Krieg kämpfen. Auf jede Kriegserklärung muß das Proletariat mit dem Militärstreik und dem Aufstand antworten. 189

Kautsky hat recht, wenn er über diese Idee Hervés sagt: „Die Idee des Militärstreiks ist also sicher gut gemeint, höchst edelmütig und heroisch, aber eine heroische Torheit." 191

Bedeutet die Auffassung der Hervéisten „heroische Torheit", so bedeutet der Standpunkt Vollmars, Noskes und ihrer Gesinnungsgenossen vom „rechten Flügel" opportunistische Feigheit. 192

Im Jahre 1848 (auch den Hervéisten kann es nicht schaden, sich dessen zu erinnern) hielten Marx und Engels einen Krieg Deutschlands gegen Rußland für notwendig. Später suchten sie auf die öffentliche Meinung Englands einzuwirken, um dieses Land zu kriegerischem Vorgehen gegen Rußland zu bewegen. Kautsky konstruiert unter anderem das folgende hypothetische Beispiel: „Nehmen wir an", sagt er, „die Revolution siege in Rußland und ihre Rückwirkung bringe auch in Frankreich ein proletarisches Regime ans Ruder, veranlasse dagegen eine Koalition der europäischen Monarchen gegen die russische Revolution. Würde da die internationale Sozialdemokratie dagegen protestieren, wenn die französische Republik der russischen zu Hilfe käme?" (Karl Kautsky, „Patriotismus, Krieg und Sozialdemokratie".)

Es liegt auf der Hand, daß in dieser Frage (wie auch in der Auffassung vom „Patriotismus") nicht der Angriffs- oder Verteidigungscharakter des Krieges, sondern die Interessen des Klassenkampfes des Proletariats, oder besser gesagt, die Interessen der internationalen Bewegung des Proletariats jenen einzig möglichen Standpunkt bilden, von dem aus die Frage nach der Stellung der Sozialdemokratie zu der einen oder anderen Erscheinung in den internationalen Beziehungen betrachtet und entschieden werden kann. 194

Leo Tolstoi als Spiegel der russischen Revolution 197-204

Den Namen des großen Künstlers neben die Revolution gestellt zu sehen, die er offenkundig nicht verstanden hat, von der er sich' offenkundig abseits hielt, mag auf den ersten Blick seltsam und gekünstelt anmuten. Man wird doch nicht etwa als Spiegel bezeichnen, was eine Erscheinung augenfällig nicht richtig wiedergibt? Aber unsere Revolution ist eine außerordentlich komplizierte Erscheinung; zu der Masse ihrer unmittelbaren Vollstrecker und Teilnehmer gehören viele soziale Elemente, die gleichfalls die Geschehnisse offenkundig nicht begriffen und sich gleichfalls abseits hielten von den wirklichen historischen Aufgaben, vor die sie durch den Gang der Ereignisse gestellt wurden. Doch haben wir es mit einem wirklich großen Künstler zu tun, so mußte er wenigstens einige wesentliche Seiten der Revolution in seinen Werken widerspiegeln. 197

In den Werken, Anschauungen, Lehren, in der Schule Tolstois sind tatsächlich schreiende Widersprüche enthalten. Einerseits ein genialer Künstler, der nicht nur unvergleichliche Bilder aus dem russischen Leben, sondern auch erstklassige Werke der Weltliteratur geschaffen hat. Anderseits ein Gutsbesitzer, der sich als Narr in Christo gefällt. Einerseits ein wunderbar starker, unmittelbarer und aufrichtiger Protest gegen gesellschaftliche Verlogenheit und Heuchelei, anderseits ein „Tolstoianer", d.h. ein verschlissener, hysterischer Jammerlappen, russischer Intellektueller geheißen, der sich öffentlich an die Brust schlägt und sagt: „leb bin schlecht, ich bin ekelhaft, aber ich lasse mir die sittliche Selbstvervollkommnung angelegen sein: ich esse kein Fleisch mehr und nähre mich jetzt von Reiskoteletts." Einerseits schonungslose Kritik an der kapitalistischen Ausbeutung, Entlarvung der Gewalttaten der Regierung, der Justiz- und Staatsverwaltungskomödie, Enthüllung der ganzen Tiefe der Widersprüche zwischen dem Anwachsen des Reichtums sowie der zivilisatorischen Errungenschaften und dem Anwachsen der Armut, der Verwilderung und der Qualen der Arbeitermassen; anderseits eine verzückt-wahnsinnige Predigt des „Verzichts auf" gewaltsamen „Widerstand gegen das Böse". Einerseits nüchternster Realismus, Herunterreißen jeglicher Masken; anderseits Predigt eines der abscheulichsten Dinge, die es überhaupt auf der Welt gibt, nämlich der Religion, das Bestreben, die Pfaffen mit behördlicher Bestallung zu ersetzen durch Pfaffen aus sittlicher Überzeugung, d. h. Kultivierung der raffiniertesten und deshalb besonders widerwärtigen Pfäfferei. 198

Nun sind die Widersprüche in Tolstois Anschauungen nicht unter dem Gesichtspunkt der modernen Arbeiterbewegung und des modernen Sozialismus zu beurteilen (eine solche Würdigung ist natürlich notwendig, aber sie genügt nicht), sondern vom Gesichtspunkt jenes im patriarchalischen russischen Dorf unweigerlich laut werdenden Protestes gegen den hereinbrechenden Kapitalismus, gegen den Ruin der Massen und ihre Vertreibung von der Scholle. Tolstoi ist lächerlich als Prophet, der neue Rezepte zur Rettung der Menschheit erfunden hat - und ganz erbärmlich sind daher die ausländischen und russischen „Tolstoianer", die ausgerechnet die schwächste Seite seiner Lehre zum Dogma erheben wollen. Tolstoi ist groß, soweit er die Ideen und Stimmungen zum Ausdruck bringt, die zur Zeit des Anbruchs der bürgerlichen Revolution in Rußland unter den Millionenmassen der russischen Bauernschaft aufkamen. Tolstoi ist originell, weil die Gesamtheit seiner Anschauungen, als Ganzes genommen, gerade die Besonderheiten unserer Revolution als einer bäuerlidnen bürgerlichen Revolution zum Ausdruck bringt. Unter diesem Blickwinkel betrachtet, sind die Widersprüche in Tolstois Anschauungen ein wirkliches Spiegelbild jener widerspruchsvollen Bedingungen, unter denen die Bauernschaft in unserer Revolution ihre historische Tätigkeit aufnahm. Einerseits hatte der jahrhundertelange Druck der Leibeigenschaft und die jahrzehntelange forcierte Ruinierung nach der Reform ganze Berge von Haß, Erbitterung und verzweifelter Entschlossenheit aufgetürmt. Das Be- 202 streben, sowohl die Staatskirche als auch die Gutsherren und ihre Regierung restlos hinwegzufegen, alle alten Formen und Konventionen des Grundbesitzes zu zerschlagen, das Land zu säubern und an Stelle des Polizei- und Klassenstaates ein Gemeinwesen freier und gleichberechtigter Kleinbauern zu schaffen - dieses Bestreben durchzieht wie ein roter Faden jeden historischen Schritt der Bauern in unserer Revolution, und zweifellos entspricht der Ideengehalt der Schriften Tolstois weit mehr diesem Streben der Bauern als dem abstrakten „christlichen Anarchismus", als welcher das „System" seiner Anschauungen mitunter gewertet wird. 201, 202

Tolstoi widerspiegelte den siedenden Haß, den herangereiften Drang zum Besseren, das Verlangen, sich vom Vergangenen zu befreien - und die unreife Träumerei, den Mangel an politischer Schulung, die Schlappheit und Unfähigkeit zu revolutionärem Handeln. Die historisch-ökonomischen Bedingungen bieten die Erklärung sowohl dafür, daß der revolutionäre Kampf der Massen aufflammen mußte, als auch" für deren mangelnde Kampfvorbereitung, für den tolstoianischen Verzicht auf Widerstand gegen das Böse, der eine der wesentlichsten Ursachen für die Niederlage der ersten revolutionären Kampagne war. 203

Eine Friedenskundgebung der englischen und deutschen Arbeiter76 S. 498 Den Artikel „Eine Friedenskundgebung der englischen und deutschen Arbeiter" schrieb W. I. Lenin anläßlich einer Arbeiterversammlung, die am 20. September 1908 aus Protest gegen die wachsende Kriegsgefahr in Berlin durchgeführt wurde. Der Artikel war für Nr. 36 des „Proletari" vorgesehen, wurde jedoch nicht veröffentlicht. 205

Bekanntlich betreiben die bürgerliche Presse Englands und Deutschlands und besonders die Boulevardblättchen schon lange eine chauvinistische Kampagne, bei der sie ein Land gegen das andere hetzen. Die Konkurrenz der englischen und der deutschen Kapitalisten auf dem Weltmarkt wird immer erbitterter. Die einstige Vormachtstellung Englands und seine uneingeschränkte Herrschaft auf dem Weltmarkt sind entschwunden. Deutschland gehört zu den sich besonders rasch entwickelnden kapitalistischen Ländern, und es sucht für die Erzeugnisse seiner Industrie immer intensiver nach Absatz im Ausland. Der Kampf um Kolonien, die Kollisionen der Handelsinteressen sind in der kapitalistischen Gesellschaft zu einer der Hauptursachen von Kriegen geworden. Und es nimmt nicht wunder, daß die Kapitalisten beider Länder einen Krieg zwischen England und Deutschland für unvermeidlich und die Vertreter des Militärklüngels ihn hier wie dort geradezu für wünschenswert halten. Die englischen Chauvinisten wollen die Stärke des gefährlichen Konkurrenten untergraben, indem sie Deutschlands Seemacht zerschlagen, das einstweilen auf diesem Gebiet noch unvergleichlich schwächer ist als England. Die deutschen Junker und Generale mit dem Kommißstiefel Wilhelm II. an der Spitze brennen auf einen Kampf gegen England, wobei sie hoffen, das Übergewicht an Landstreitkräften ausnutzen zu können, und davon träumen, mit dem Rummel militärischer Siege die ständig wachsende Unzufriedenheit der Arbeitermassen und die Verschärfung des Klassenkampfes in Deutschland eindämmen zu können.

Gegen die wachsende Kriegsgefahr beschlossen die englischen und diedeutschen Arbeiter öffentlich aufzutreten. 205

Die englischen Arbeiter beschlossen, eine Delegation nach Berlin zu entsenden, um durch' eine machtvolle Demonstration die solidarische Entschlossenheit des Proletariats beider Länder zu bekunden, dem Kriege den Krieg zu erklären.

Die Kundgebung fand am Sonntag, dem 20. (7.) September, in Berlin statt. Die Delegierten der englischen Arbeiter konnten diesmal ungehindert vor dem Berliner Proletariat sprechen …

Die gewaltige Arbeiterversammlung wurde in einen der größten Säle Berlins einberufen. Etwa 5000 Menschen füllten im Nu den Raum, und viele Tausende mußten im Garten und auf der Straße bleiben …

Der Delegierte der englischen Arbeiter, Maddison, brandmarkte in seiner Antwortrede die chauvinistische Hetze der Bourgeoisie und überreichte eine von 3000 Arbeitern unterschriebene Adresse „Die Arbeiter Britanniens an die Arbeiter Deutschlands".

206

In der Adresse wird darauf hingewiesen, daß Kriege den Interessen der besitzenden Klassen dienen. Die Arbeitermassen tragen die ganze Last der Kriege; die besitzenden Klassen ziehen den Nutzen aus der Not der Völker. Mögen sich, die Arbeiter für den Kampf gegen den Militärklüngel, für die Sicherung des Friedens zusammenschließen!

Nach den Reden anderer englischer Delegierter und des Vertreters der deutschen Sozialdemokratie, Richard Fischer, wurde die Versammlung mit der einstimmigen Annahme einer Resolution geschlossen, in der „die engherzigsten und kurzsichtigsten Interessen der Ausbeutenden und herrschenden Klassen" gebrandmarkt und die Bereitschaft ausgedrückt wird, entsprechend der Resolution des Internationalen Kongresses von Stuttgart zu handeln, d. h. mit allen Kräften und Mitteln gegen den Krieg zu kämpfen … Charakteristisch für die deutschen Zustände ist, daß diese ganz friedliche Arbeiterkundgebung nicht ohne Aufgebot von Polizei und Militär vonstatten ging. Die Berliner Garnison war mobilisiert worden. An den verschiedensten Stellen der Stadt waren Truppen nach einem genauen Plan aufgestellt worden, und zwar vornehmlich so, daß man schwer feststellen konnte, wo und wieviel Soldaten im Hinterhalt lagen. Polizeistreifen ritten durch die Straßen und über die Plätze in der Nähe des Versammlungssaales und besonders durch die Straße, die von dort zum Schloß führt. Das Schloß war von einem regelrechten Kordon von Polizisten in Zivil und in Höfen verborgener Truppen umgeben. Man hatte ein kompliziertes System von Polizeiposten organisiert - Gruppen von Polizisten standen an den Straßenecken, Polizeioffiziere waren an alle „wichtigen" Punkte beordert worden, Polizisten auf Fahrrädern waren als Kundschafter eingesetzt und erstatteten den Militärbehörden Meldung von jedem Schritt des „Feindes", Brücken und Übergänge über den Landwehrkanal waren dreifach gesichert, „ . . . um die bedrohte Monarchie zu schützen", wie der „Vorwärts" sarkastisch über all diese Maßnahmen der Regierung Wilhelms II. schrieb.

Es war eine Probe - fügen wir von uns aus hinzu. Wilhelm II. und die deutsche Bourgeoisie probten den militärischen Kampf gegen das aufständische Proletariat. Solche Proben sind unbedingt und in jedem Fall nützlich sowohl für die Arbeitermassen als auch für die Soldaten. 207

Die Tagung des Internationalen Sozialistischen Büros 227-242am 11. Oktober 1908 in Brüssel

Die Kundgebung schloß mit der einmütigen Annahme folgender Resolution: „Die am 10. Oktober im ,Maison du Peuple' vereinigte Versammlung bestätigt aufs neue den energischen Willen des Weltproletariats, den Frieden unter den Nationen zu erhalten und den die Völker bedrückenden kapitalistischen Militarismus aufs äußerste zu bekämpfen, und vertraut den verschiedenen Sektionen der Arbeiter-Internationale, daß sie die Stuttgarter Beschlüsse ausführen werden." Die Versammlung schloß mit dem Gesang der „Internationale" …

Die im Englischen Unterhaus vor kurzem gebildete „Labour Party" nennt sich nicht offen sozialistisch und erkennt nicht klar und bestimmt das Prinzip des Klassenkampfes an (was, nebenbei bemerkt, die englischen Sozialdemokraten von ihr fordern). Trotzdem wurde aber diese „Arbeiterpartei" selbstverständlich zur Internationale überhaupt und zum Stuttgarter Kongreß im besonderen zugelassen, 229

In seiner Erwiderung wandte sich Kautsky gegen diese Geringschätzung der Prinzipien und des Endziels des Sozialismus, trat aber voll und ganz für die Aufnahme der „Labour Party" ein als einer Partei, die tatsächlich den Klassenkampf führt. Er legte folgende Resolution vor:

„Im Hinblick auf die bisherigen Beschlüsse der internationalen Kongresse, die alle Organisationen zulassen, welche auf dem Boden des proletarischen Klassenkampfes stehen und den politischen Kampf anerkennen, erklärt das Internationale Büro: Die englische Labour Party ist zu den internationalen sozialistischen Kongressen zuzulassen, weil sie, ohne ausdrücklich den proletarischen Klassenkampf anzuerkennen, ihn doch tatsächlich führt und sich durch ihre Organisation selbst, die unabhängig von den bürgerlichen Parteien ist, auf seinen Boden stellt." Auf Seiten Kautskys standen die Österreicher, von den Franzosen Vaillant und, wie die Abstimmung zeigte, die Mehrzahl der kleinen Nationen …

Ich ergriff das Wort, um mich dem ersten Teil der Resolution Kautskys anzuschließen. Man kann unmöglich die Aufnahme der „Labour Party" - d. h. der parlamentarischen Vertretung der Trade-Unions - ablehnen, da ja die Kongresse schon früher alle Trade-Unions, auch solche, die bürgerliche Parlamentarier mit ihrer Vertretung betrauten, zugelassen haben. Aber - sagte ich - der zweite Teil der Kautskyschen Resolution ist falsch, weil in der Praxis die „Labour Party" nicht wirklich unabhängig von den Liberalen ist und keine völlig selbständige Klassenpolitik betreibt. Ich stellte deshalb den Antrag, den Schluß der Resolution nach den Worten „weil sie . . . " folgendermaßen abzuändern:

„weil sie" (die „Labour Party") „den ersten Schritt der wirklich prole 231 tarischen Organisationen Englands zur bewußten Klassenpolitik und sozialistischen Arbeiterpartei bildet". Diesen Abänderungsantrag legte ich dem Büro vor. Kautsky lehnte ihn ab mit der in seiner folgenden Rede vorgetragenen Begründung, daß das Internationale Büro auf Grund von „Erwartungen" keine Beschlüsse fassen könne. Der Hauptkampf spielte sich indes zwischen den Anhängern und Gegnern der ganzen Resolution Kautskys ab. Bei der Abstimmung machte Adler den Vorschlag, sie in zwei Teile zu zerlegen; beide Teile wurden vom Internationalen Büro angenommen, der erste gegen drei Stimmen, bei einer Stimmenthaltung, der zweite gegen vier Stimmen, bei einer Stimmenthaltung. Kautskys Resolution wurde somit zum Beschluß des Büros erhoben. 230-

Den zweiten Punkt der Tagesordnung bildete die Frage der gemeinsamen Aktion des Proletariats und der Sozialisten mehrerer Länder gegen die internationalen und kolonialen Konflikte, die durch die Politik der bürgerlichen Regierungen heraufbeschworen werden. 235

Der Text der vom InternationalenBüro angenommenen Resolution lautet: …

Wir müssen aber trotzdem darauf hinweisen,

daß die Gefährdung des Friedens fortbesteht, der imperialistische Kapitalismus in England und in Deutschland weiter intrigiert, die marokkanische Expedition und die damit verbundene Börsenspekulation fortgesetzt werden; daß der Zarismus, der vor allem neue Anleihen erlangen möchte, die Lage zu komplizieren sucht, um seine Position im Kampfe gegen die russische Revolution zu festigen; daß im Balkan die Einmischung und die Aspirationen des Auslandes mehr als jemals und nur im Interesse des letzteren die nationalen Die Jagung des Internationalen Sozialistisdhen Büros 237 und religiösen Leidenschaften aufwühlen; daß in den letzten Tagen durch die Unabhängigkeitserklärung Bulgariens und insbesondere die Annexion Bosniens und der Herzegowina durch Österreich die Gefahr einer Störung des Friedens verschärft und nähergerückt ist; daß endlich überall die Komplotte der Regierungen, das Übermaß der Rüstungen und des Militarismus, ebenso wie die kapitalistische Konkurrenz und die koloniale Räuberei den Frieden bedrohen.

Demgegenüber erklärt das Internationale Sozialistische Büro von neuem, daß die sozialistische Partei und das organisierte Proletariat die einzige Macht bilden, die wirksam für die Erhaltung des Friedens eintritt, und daß sie es für ihre Pflicht halten, den Frieden zu sichern …" 236, 237

Ferner wurde die armenische Untersektion der türkischen Sektion zugelassen, noch ehe sich die türkische Sektion selbst gebildet hat - die armenischen Sozialisten in der Türkei lehnen es ab, auf die Türken zu „warten" -, und zwar wurden dieser Untersektion vier Stimmen gegeben. Es wäre zu wünschen, daß unsere armenischen sozialdemokratischen Genossen, die die Lage der armenischen sozialistischen Bewegung in der Türkei kennen, sich zu dieser Frage äußern. 238

Ein hysterischer Anfall P. Maslows .. .. 243-251

Achtseitiger Anfall Lenins über die "absolute Rente".

Einige Bemerkungen zur „Antwort" P. Maslows 252-263

Nationalisierung bedeutet Aufhebung der absoluten Rente, Übertragung des Eigentums am gesamten Grund und Boden an den Staat, Verbot jeder Abtretung von Boden, d. h. Beseitigung jeglicher Vermittler zwischen dem Landwirt, der diesen Boden bebaut, und dem Eigentümer des Bodens, d. h. dem Staat. Im Rahmen dieses Verbots ist eine Autonomie der Länder und Völker bezüglich der freien Verfügung über den Boden, der Festsetzung der Ansiedlungs- und Verteilungsbedingungen usw. usf. durchaus zulässig; sie widerspricht in keiner Weise der Nationalisierung und gehört zu den Forderungen unseres politischen Programms. 257

Lenin dreht und windet sich davor, Stellung zu beziehen, dass er nicht nur die Feudaldrohnen, sondern auch die Kleinbauern enteignen will. Wie er aus dem oben zitierten Staatseigentum "ein neues, freies, nicht dem Gutsbesitzer, sondern dem Kapital angepaßtes bürgerliches Eigentum am Grund und Boden" 259 machen will, bleibt sein Geheimnis. Und seine Schallplatte von "der absoluten Rente …, die im Gegensatz zur Differentialrente in der kapitalistischen Gesellschaft aufgehoben werden kann" 261, hat einen Sprung, der davon ablenken soll, dass sich der Staat durch Kassierung der Rente zur Feudaldrohne machen will.

Maslow versteht es nicht, … nicht, die demokratische Einstellung und den revolutionären bürgerlichen Geist des Bauern zu begreifen, der sowohl den gutsherrlichen als auch den Anteillandbesitz hinwegfegen will. 261

Wie kann ein Marxist nur einen solchen Mist schreiben! Die Bauern wollen sich selbst enteignen, weil dem Land das Etikett Anteilland anhaftet. Wie soll das Etikett noch haften, wenn die Feudaldrohnen enteignet sind?! Die Staatszuteilung mit Veräußerungsverbot wird den freien Kapitalismus in der Landwirtschaft nicht schaffen. Die zum Sterben verurteilte Parzellenwirtschaft bei freiem Grundeigentum wird es tun.

Wir müssen bestrebt sein, die revolutionären Klassen und vor allem das Proletariat der verschiedenen Staatsgebiete zu einer Armee zusammenzuschließen, nicht aber an den aussichtslosen, ökonomisch unmöglichen und sinnlosen föderalistischen Versuch glauben, die Einnahmen aus den konfiszierten Ländereien den einzelnen Gebieten zu überlassen. „Wählt, polnische Genossen", sagt Maslow, „soll der polnische Sejm die Einnahmen aus dem konfiszierten Boden für sich behalten, oder sollen sie an die ,Moskowiter' in Petersburg abgeführt werden?" 262

Maslow und Lenin sind dem Habenvirus verfallen. Sie zanken sich um die Beute der nicht erlegten Feudaldrohne. Statt über die "absolute Rente" zu faseln, hätte Lenin fragen sollen, wem das Eigentum am Mehrwert zukommt, dem, der den Mehrwert erzeugt oder dem, der ihn sich aneignet.

Zur Beurteilung der gegenwärtigen Lage 264-277

Auf der Tagesordnung der bevorstehenden Gesamtrussischen Konferenz der SDAPR steht die Frage „Die gegenwärtige Lage und die Aufgaben der Partei". Unsere Parteiorganisationen haben bereits begonnen - und Moskau und Petersburg gehen hier allen übrigen Zentren voran - , diese Frage, die für uns zweifellos außerordentlich große Bedeutung besitzt, systematisch zu erörtern.

Die Periode, die wir jetzt durchleben, eine Periode der Stagnation der Befreiungsbewegung, zügelloser Reaktion, des Verrats und der Niedergeschlagenheit im Lager der Demokratie, eine Periode der Krise und des teilweisen Zerfalls der sozialdemokratischen Organisationen, macht es dringend notwendig, vor allem die grundlegenden Lehren aus der ersten Periode unserer Revolution zu ziehen. Wir meinen hier nicht die taktischen Lehren im engeren Sinne, sondern zunächst die allgemeinen Lehren der Revolution, und demgemäß wird unsere erste Frage lauten: Welcher Art sind die objektiven Veränderungen, die in der Klassengruppierung und im politischen Kräfteverhältnis in Rußland von 1904 bis 1908 eingetreten sind? Die hauptsächlichen Veränderungen können, unserer Meinung nach, in folgenden fünf Punkten zusammengefaßt werden: 1. Die Agrarpolitik der Selbstherrschaft hat sich in der Bauernfrage prinzipiell weitgehend gewandelt: Die Politik der Unterstützung und Festigung der alten Dorfgemeinde wurde abgelöst durch eine Politik ihrer beschleunigten Vernichtung und Ausplünderung durch behördliche Maßnahmen. 2. Die Interessenvertretung des reaktionären Adels und der Großbourgeoisie ist um einen gewaltigen Schritt vorangekommen: Statt der früheren örtlichen gewählten Komitees des Adels und der Kaufmannschaft, statt vereinzelter und zufälliger Versuche, eine gesamtrussische Vertretung für sie zu 265 schaffen, besteht heute ein einheitliches Vertretungsorgan, die Reichsduma, in der diesen beiden Klassen das absolute Obergewicht gesichert ist. Die Vertretung der liberalen Berufe - von der Bauernschaft und dem Proletariat ganz zu schweigen - ist in dieser pseudokonstitutionellen Institution, die dazu bestimmt ist, die Selbstherrschaft zu stabilisieren, auf die Rolle eines bloßen Anhängsels reduziert. 3. Zum erstenmal haben sich in Rußland die Klassen im offenen politischen Kampf klar voneinander abgegrenzt und ihr bestimmtes Gesicht gewonnen: die heute legal und illegal existierenden politischen Parteien (richtiger: halb illegal, denn ganz „illegale", geheime Parteien gibt es nach der Revolution in Rußland nicht) bringen mit noch nie dagewesener Präzision die Interessen und Positionen der einzelnen Klassen zum Ausdruck, welche in drei Jahren hundertmal schneller gereift sind als in dem vorangegangenen halben Jahrhundert. Der reaktionäre Adel, die national-„liberale" Bourgeoisie, die kleinbürgerliche Demokratie (die Trudowiki nebst ihrem kleinen linken Flügel, den Sozialrevolutionären) und die proletarische Sozialdemokratie haben alle in dieser Zeit die „embryonale" Periode ihrer Entwicklung abgeschlossen und - nicht durch Worte, sondern durch Tatsachen und Massenaktionen - auf viele Jahre hinaus ihren Charakter festgelegt. 4. Das, was man vor der Revolution die liberale und liberal-volkstümlerische „Gesellschaft" oder den „gebildeten" Teil und die Vertreterin der „Nation" überhaupt nannte, die breite Masse der wohlhabenden „Opposition" aus Adels- und Intellektuellenkreisen, jener Opposition, die scheinbar etwas in sich Geschlossenes, Homogenes war und die Semstwos, die Universitäten, die ganze „anständige" Presse usw. usf. durchdrang - sie alle offenbarten sich in der Revolution als Ideologen und Anhänger der Bourgeoisie, stellten sich auf einen heute für alle offenkundigen konterrevolutionären Standpunkt gegenüber dem JWossenkampf des sozialistischen Proletariats und der demokratischen Bauernschaft. Die konterrevolutionäre liberale Bourgeoisie bildete sich heraus und wächst heran. Diese Tatsache wird dadurch nicht aus der Welt geschafft, daß die „fortschrittliche" legale Presse sie leugnet oder daß unsere Opportunisten, die Menschewiki, sie totschweigen wollen und sie nicht verstehen. 5. Millionen Menschen unseres Volkes haben in den verschiedenartigsten Formen des unmittelbar revolutionären und wirklichen Massenkampfes - bis zum „Generalstreik", bis zur Vertreibung der Gutsbesitzer und Niederbrennung ihrer Herrensitze, bis zum offenen 166 bewaffneten Aufstand - praktische Erfahrungen gesammelt. Wer bereits vor der Revolution Revolutionär oder ein klassenbewußter Arbeiter war, ist gar nicht imstande, auf einmal die ganze gewaltige Bedeutung dieser Tatsache zu erfassen, die eine ganze Reihe früherer Vorstellungen vom Entwicklungsgang der politischen Krise, vom Tempo dieser Entwicklung, von der Dialektik der von den Volksmassen praktisch geschaffenen Geschichte grundlegend wandelte. Die Verarbeitung dieser Erfahrungen durdb die Massen ist ein unmerklicher, komplizierter und langsamer Prozeß, der eine viel wichtigere Rolle spielt als viele an der Oberfläche des politischen Lebens des Staates abrollende Geschehnisse, die nicht nur politisch Unerfahrene, sondern manchmal auch Politiker recht „ehrwürdigen" Alters auf Irrwege locken. Die führende Rolle der proletarischen Massen in der ganzen Revolution und auf allen Gebieten des Kampfes, von den Demonstrationen über den Aufstand bis zur „parlamentarischen" Tätigkeit (in chronologischer Reihenfolge), ist in dieser als ein Ganzes genommenen Periode für jedermann greifbar zutage getreten.

Dies sind die objektiven Wandlungen, die zwischen dem Rußland vor dem Oktober 1905 und dem jetzigen eine tiefe Kluft aufgerissen haben. Dies sind die Ergebnisse einer in ihrem Inhalt überaus reichen Periode von drei Jahren unserer Geschichte - natürlich nur sozusagen summarische Ergebnisse, sofern man in wenigen Worten die Hauptpunkte, das Wesentlichste umreißen kann. Behandeln wir nunmehr die Schlußfolgerungen hinsichtlich der Taktik, zu denen uns diese Ergebnisse drängen. 264-266

Wenn aber die Kadetten die gewaltsame Zerstörung der „althergebrachten" Grundfesten unseres Landlebens bejammern, so sind sie einfach reaktionäre Klageweiber. Ohne" gewaltsame, ohne revolutionäre Zertrümmerung der Grundfesten des alten russischen Dorfes kann sich Rußland nicht entwickeln. Der Kampf wird - obwohl sehr viele seiner Teilnehmer sich dessen nicht bewußt sind - nur darum geführt, ob diese Gewalt von der Gutsbesitzermonarchie gegen die Bauern oder von der Bauernrepublik gegen die Gutsbesitzer ausgeübt werden wird … Der Kampf der Arbeiterpartei für diesen zweiten Weg ist in unserem Agrarprogramm zum Ausdruck gebracht und anerkannt 267

Ein weiteres Beispiel: die Studentenbewegungen. In einem Land, das die Epoche der bürgerlich-demokratischen Revolution durchmacht, in dem sich zunehmend Zündstoff anhäuft, können diese Bewegungen leicht die Einleitung zu Geschehnissen bilden, die ungleich weiter reichen als ein kleiner, nebensächlicher Konflikt wegen der Zustände in einem einzelnen Zweig der Staatsverwaltung. Selbstverständlich wird die Sozialdemokratie, die eine selbständige proletarische Klassenpolitik betreibt, sich weder dem Kampf der Studenten noch neuen Semstwokongressen noch der Fragestellung sich zankender bürgerlicher Fraktionen anpassen, sie wird diesen 274 Familienstreitigkeiten niemals eigenständige Bedeutung beimessen usw. Doch die Sozialdemokratie ist die Partei der im gesamten Befreiungskampf führenden Klasse und hat darum die unbedingte Pflicht und Schuldigkeit, jegliche Konflikte auszunutzen, sie anzufachen, ihre Bedeutung zu erweitern, ihre eigene Agitation für die revolutionären Losungen mit ihnen zu verbinden, die Kunde von diesen Konflikten in die breiten Massen zu tragen, diese zu selbständigen und offenen Aktionen mit eigenen Forderungen aufzurütteln usw. 273, 274

Wie Plechanow und Co. den Revisionismus verteidigen 278-282

Wir fragen jeden einigermaßen denkenden und einigermaßen unvoreingenommenen Leser: Ist dies kein Sophismus? Die Marxsche Theorie der absoluten Rente wird zur „Einzelfrage" erklärt! … Nur bei völliger Mißachtung seiner selbst und seiner Leser kann man sich in prinzipiellen Fragen von größter Bedeutung dergleichen Clownerien leisten. 279

"Über Lassalle's Kriegspläne & Deine Renttheorie, wobei mir noch die Existenz der „absoluten" Rente durchaus nicht klar ist - denn die hättest Du ja doch erst zu beweisen -, dieser Tage." Friedrich Engels an Karl Marx 8. August 1862, MEW 30, S. 273

Wer die Theorie der absoluten Rente ablehnt, beraubt sich dadurch - das versteht sich von selbst - jeder Möglichkeit, die Bedeutung der Nationalisierung des Bodens in der kapitalistischen Gesellschaft zu begreifen, 163, aus "Das Agrarprogramm der Sozialdemokratie"

Die Agrardebatten in der III. Duma 301-315

Man vergleiche damit die Reden der Bauern. Da haben wir einen typischen rechten Bauern, den Abgeordneten Stortschak. Er beginnt seine Rede mit einer wörtlichen Wiederholung der Worte Nikolaus' II. über „das heilige Eigentumsrecht", über die Unzulässigkeit seiner „Verletzung" usw. Weiter sagt er: „Gebe Gott unserm Herrscher Gesundheit! Er hat dem ganzen Volke schön gesagt..." (295.)(Die in Klammern gesetzten Zahlen bezeichnen die Seiten der als Beilage zur „Rossija" veröffentlichten stenografischen Berichte.) Er schließt aber: „Wenn jedoch der Zar gesagt hat, es soll Recht und Ordnung herrschen, so muß man sagen, daß es kein Recht und keine Ordnung ist, wenn ich auf 3 Desjatinen Land sitze und gleich daneben hat einer 30 000!!" (296.) 308

Am wertvollsten sind dabei die Reden jener bäuerlichen Trudowiki, die ihre Auffassungen ganz unumwunden darlegen, die die Stimmungen und Bestrebungen der Massen mit größter Genauigkeit und Lebendigkeit wiedergeben, sich in den verschiedenen Programmen zwar nicht zurechtfinden (die einen erklären ihre Sympathie für den Entwurf der 42 Bauern, andere für die Kadetten), aber um so eindrucksvoller das aussprechen, was tiefer liegt als alle Programme. So sprach Kropotow, Abgeordneter aus dem Gouvernement Wjatka: 310 „Meine Wähler sagten mir, das Gesetz vom 9. November sei ein Gesetz für die Grundbesitzer... Meine Wähler fragten mich- z. B.: Warum wird es gewaltsam gemacht? . . . Warum ist unser Boden der Verfügungsgewalt der Landeshauptleute übergeben worden? . . . Meine Wähler beauftragten mich: Sage du der Reichsduma, daß es so nicht weitergeht... Und man braucht es (das Gesetz vom 9. November) in unserer Gegend nur anzuwenden, und bei neuen Gutsherren werden, wie unsere Bauern sagen, die Häuser zu brennen beginnen." (71.) „Es handelt sich darum, die Gutsbesitzer zu entschädigen . . . Warum verlangt aber das Staatsinteresse, daß man dem Armen sein Letztes wegnimmt und es denen gibt, die, wie ich mich ausdrückte, es zufällig verstanden haben, laut dem von der Regierung gegebenen Gesetz ihren Boden zu behalten? Verlangt nicht das Staatsinteresse, die Bewirtschaftung des brachliegenden Bodens - des gutsherrlichen Bodens, der Staats-, Apanage- und Klosterländereien - zu erzwingen? . . . Der Bauer muß 11,50 Rubel pro Desjatine Steuer zahlen, und wenn man, meine Herren, gerecht sein und alle im gleichen Maße so besteuern wollte, würde der Boden wirklich in die Hände der Bauern kommen und eine zwangsweise Enteignung wird überflüssig sein. Um gerecht zu sein, muß man eine einheitliche Bodensteuer einführen, dann wird der Boden in die Hände der werktätigen Massen gelangen, und keiner braucht den anderen zu beneiden: Wer nicht arbeiten will, der wird auch nicht zahlen..." (73.)

Wieviel im Kampf noch unerprobte Kraft, wieviel Kampfeswillen atmet diese naive Rede! Bestrebt, eine „zwangsweise Enteignung" zu umgehen, beantragt Kropotow in Wirklichkeit eine Maßnahme, die einer Konfiskation des Bodens der Gutsbesitzer und der Nationalisierung des gesamten Grund und Bodens gleichkommt. Daß die „einheitliche Steuer" dieses Anhängers der Lehren von George99 der Nationalisierung des gesamten Grund und Bodens gleichbedeutend ist, begreift Kropotow nicht, daß er aber das wirkliche Streben von Mittionen zum Ausdruck bringt - daran kann es nicht die geringste Spur eines Zweifels geben.

Da ist der Abgeordnete Roshkow, der mit den Worten beginnt: „Meine Herren, mir, einem einfachen Bauer, fällt es schwer, von dieser Tribüne herab zu sprechen" (77) . . . „Die Bauernschaft hat von der Reichsduma nicht das Gesetz vom 9. XI. erwartet, kein Gesetz, welches Land, das wir nicht haben, unter uns verteilt, sondern ein Gesetz, wonach zuerst unser 311 Land vergrößert und dann erst aufgeteilt wird. Die Grundthesen für ein solches Gesetz, unter denen die Unterschriften von 47 Bauern stehen, sind bereits am 20. Februar eingereicht worden, aber wir haben bis heute nichts wieder davon gehört... Die Landeshauptleute sind die Herren über den Boden... die wahren Herren des Bodens aber sind durch die Bestimmungen des verstärkten Schutzes .gebunden . . . Für den Erwerb von Boden zur Bewirtschaftung gibt es in unserem Staat kein bestimmtes Gesetz. .., das besagte: Du darfst keinen Boden zur Bewirtschaftung kaufen . . . Nun hat am 16. September 1907 die Flurbereinigungskommission von Stawropol beschlossen, nur derjenige dürfe Boden kaufen, der Zugvieh und Inventar besitzt. Und, meine Herren, hier in diesem Saal sind fast die Hälfte der Anwesenden Gutsbesitzer, die solche Leute beschäftigen, denen die Flurbereinigungskommission das Recht auf Bodenerwerb verweigert. Meine Herren, wir wissen, daß diese Menschen für 60 bis 70 Rubel im Jahr arbeiten . . . Dieser unglückliche Arbeiter ist dazu verdammt, sein Leben lang für den Gutsbesitzer zu schuften, er wird seinen Rücken sein Leben lang für Fremde krümmen, hinter seinem Rücken aber wird sein Herr, der ihn ausbeutet, sich als Kulturmensch betrachten."

Tomilow: „Der einzige Ausweg . . . ist nach unserer Meinung folgender: In sämtlichen Dorfgemeinden Rußlands ist, nach dem Beispiel der früheren Revisionen, eine Neuaufteilung des Bodens vorzunehmen. Dieser Revision muß die Zahl der Personen männlichen Geschlechts am 3. November 1905 als Stichtag zugrundeliegen.

Unsere, der Bauern, größte Sehnsucht ist Land und Freiheit; aber wir haben gehört, daß, solange die gegenwärtige Regierung am Ruder steht, der Grundbesitz unantastbar bleibt. (Stimmen im Zentrum: ,Der Privatbesitz'.) Der Privatbesitz, der Besitz des Adels. (Stimmen im Zentrum: ,Und der eurige auch'.) Wenn das auch uns betrifft, so sind wir bereit, unser Anteilland hinzugeben." (Da ist sie, die bäuerliche Vendee, mit der uns der superkluge Plechanow und Co. in Stockholm für den Fall der Nationalisierung des gesamten Grund und Bodens Angst machen wollte!) „Sagen wir, die Bauern eines Dorfes sind bereit, ihre Bodenanteile herzugeben und aufzuteilen, damit alle gleich viel haben. Die Erklärung des Vertreters des Ministeriums läuft darauf hinaus, daß, solange die Macht nicht in die Hände der Bauernschaft und überhaupt des Volkes gelangt ist, die Bauern weder Land noch politische Freiheit zu sehen bekommen wer 312 den. Danke schön für die Offenheit, obwohl wir das schon früher gewußt haben..." (149.)

„Im Jahre 1905, als die Bauern sich unter der Führung bewußter Elemente vereinigt haben (Lärm und Heiterkeit rechts) und ein drohendes Wort sagten.. da begannen die Adligen zu reden: ,Ihr habt ja Boden, ihr habt ja eure Anteile, teilt diese Brocken doch unter euch auf...'"

Petrow III: „Denken Sie, meine Herren, zurück an die Regierungszeit von Alexej Michailowitsch und an die Empörung des Bauernvolkes, die in der Bewegung unter der Führung Rasins zum Ausbruch kam." (Stimmen rechts: O h o ! ) . . . „Seine Forderungen hat das Volk im Jahre 1905 besonders nachdrücklich erhoben. Auch hier war es die bittere Not, die es zwang, auf die Straße zu gehen und dort gebieterisch zu verlangen, was es braucht..." (187.) „Der ganze Boden muß in die ausgleichende Bodennutzung des ganzen Volkes eingehen . . . Ich bin natürlich ein Gegner des Privateigentums am Grund und Boden" (tatsächlich, die von Plechanow prophezeite Vendee beginnt heranzureifen!) „und ich sage, daß es dem werktätigen Volk nur dann besser gehen wird, wenn der ganze Boden in seine Hände gelangt ( 2 0 4 ) . . . Ich bin fest davon überzeugt, Sie werden wieder die Tiefen des Volksmeeres aufgewühlt sehen. Und dann wird der Spruch des Evangeliums zur Wirklichkeit: Wer das Schwert erhebt, wird durch das Schwert umkommen." (Heiterkeit rechts.) „Die Fraktion der Trudowiki hält an ihren Idealen fest, wie auch an ihren Bestrebungen . . . Wir . . . sagen: Der ganze Boden den Werktätigen, die ihn bebauen, und die ganze Macht der werktätigen Bevölkerung!" (206.)

Mersljaköw: „Der Boden muß dem gehören, der ihn bebaut... Aber mit dem Boden darf bei uns in Rußland kein Handel getrieben werden, der Boden muß nur dem gehören, der ihn mit seiner Hände Arbeit bebaut." (207.) Usw.

Von weiteren Zitaten müssen wir wegen Raummangel absehen. Wir wollen nur noch die Namen der Redner anführen, die den gleichen Gedanken weniger klar und energisch Ausdruck verliehen: Kondratjew, der Geistliche Popow II, Bulat, Wolkow II, Dsjubinski, Ljachnizki (die letzten beiden mit offiziellen Erklärungen der Trudowikigruppe).

Nun erhebt sich die Frage: Welche Lehren für das sozialdemokratische Agrarprogramm leiten sich aus dieser Einstellung der Bauernabgeordneten her? 309-312

Alle bäuerlichen Trudowiki haben sich in allen drei Dumas für die Nationalisierung des gesamten Grund und Bodens ausgesprochen, wobei sie dieser Forderung bald durch einfache Wiederholung des Programms der Trudowiki, bald in Form einer eigentümlichen Abwandlung in Gestalt einer „einheitlichen Steuer", bald durch zahllose Erklärungen: „den Boden denjenigen, die ihn bebauen", „wir sind bereit, unsere Anteile herzugeben" usw., Ausdruck verliehen …

Worin besteht die ökonomische Grundlage des Umstands, daß alle bewußten Bauern für die Nationalisierung eintreten? Ziehen wir, um die Antwort auf diese Frage zu finden, einen statistischen Vergleich heran, den Gen. Beloussow100 S. 502 Der Entwurf der Rede Beloussows zur Agrarfrage wurde von Lenin verfaßt. in der Duma vorgenommen hat:

„76 Millionen Desjatinen (im Europäischen Rußland) gehören 30 000 Gutsbesitzern, 73 Millionen Desjatinen aber 10 Millionen Bauernhöfen, die Anteile von 1 bis 15 Desjatinen besitzen . . . Nur eine Schlußfolgerung ist hier möglich: vier Fünftel der Gesamtzahl der Höfe könnten den Umfang ihres Bodenbesitzes verdoppeln." (209.) Mag man sogar die eine oder andere angeführte Zahl bestreiten (wir glauben, daß sie unbestreitbar sind), keinerlei Abänderung der Zahlen wird den Kern der Dinge ändern, 314 der in folgendem besteht. Im Bestreben, ihren Grundbesitz zu verdoppeln, können die Bauern nicht umhin, die völlige Verschmelzung und Vereinigung des Anteillandes mit dem gesamten übrigen Boden zu erstreben. Das Fortbestehen des Anteillandes als Privateigentum, als jetziges Eigentum der Höfe und Dorfgemeinden, und gesellschaftliches („munizipales") Eigentum an den expropriierten Ländereien, die nicht Anteilland darstellen, ist ein wirtschaftliches Absurdum. Es wäre unsinnigster agrarischer Bimetallismus, nur dazu gut, in den von Intellektuellen fabrizierten Programmen den Raum auszufüllen. Die Wirtschaft verlangt Verschmelzung und Vereinigung sämtlicher Ländereien … Die Wirtschaft verlangt neuen, freien Grundbesitz, der dem Kapitalismus angepaßt ist, nicht aber den alten „Anteilen", die von den Dorfschulzen und den Agenten des Fiskus verteilt und abgesteckt wurden. Diese Forderung der ökonomischen Entwicklung bringen die Bauern zum Ausdruck (wenn sie sich auch des kapitalistischen Charakters dieser Entwicklung nicht bewußt sind), indem sie sich für die Nationalisierung aussprechen … Die Zerstörung dieser Grenze aber, die Vereinigung, Vermischung, Verschmelzung von Ländereien verschiedenster Art für die neue Farmerwirtschaft (die Bauern glauben irrtümlich, daß jedermann den Boden bestellen wird: ihn wird jeder Landwirt bestellen, d. h. jeder, der die Mittel dazu hat!) verlangt, nicht nur das gutsherrliche, sondern das gesamte Privateigentum am Grund und Boden überhaupt aufzuheben. 313

Die 6 Millionen armen Schlucker haben auf dem Farmerland nichts verloren und sollen sich zum Teufel scheren. Das mit dem "könnte verdoppelt werden" war nur ein Späßchen mit dem armen Schlucker. Nichts kriegt er. Wladimir, wo soll das noch hinführen?

Fünfte (Gesamtrussische) Konferenz der SDAPR, 21.-27. Dezember 1908 (3.-9. Januar 1909) 317-327

Der Zarismus hat jeglichen Glauben an die naive Ergebenheit der Bauernmassen gegenüber der Monarchie verloren. Er sucht ein Bündnis mit den reichen Bauern und liefert ihnen das Dorf zur Ausplünderung aus. Die Selbstherrschaft macht krampfhafte Anstrengungen, um den gesamten dorfgemeindlichen Anteillandbesitz so schnell wie möglich zu zerschlagen und ausschließlich das Privateigentum am Grund und Boden durchzusetzen. Eine solche Politik verschärft alle 320 Gegensätze des Kapitalismus auf dem Lande um das Hundertfache und beschleunigt die Scheidung der Landbevölkerung in eine verschwindende Minderheit von Reaktionären und eine revolutionäre Masse von Proletariern und Halbproletariern. 319, 320

Auf den Weg 344-355

Ein Jahr des Zerfalls, ein Jahr der ideologisch-politischen Zerfahrenheit, ein Jahr der Weglosigkeit für die Partei liegt hinter uns. Alle Parteiorganisationen haben an Mitgliedern eingebüßt, einige - und zwar jene, die am wenigsten aus Proletariern bestanden - sind eingegangen. Die während der Revolution geschaffenen halblegalen Institutionen der Partei sind eine nach der anderen aufgeflogen. Es ist so weit gekommen, daß es für einige, dem Einfluß des Zerfalls unterlegene Elemente innerhalb der Partei fraglich geworden ist, ob man die bisherige sozialdemokratische Partei aufrechterhalten und ihre Sache fortführen, ob man erneut in die Illegalität untertauchen soll und wie das anzustellen sei - und auf diese Frage haben die extremen Rechten eine Antwort erteilt im Sinne der Legalisierung um jeden Preis, sogar um den Preis des offenkundigen Verzichts auf Programm, Taktik und Organisation der Partei (die sogenannte liquidatorische Strömung). 344

Die klassenbewußten Arbeiter widersetzten sich dieser Wankelmütigkeit, sie machten energisch gegen das Liquidatorentum Front und begannen, die Leitung der Geschäfte der Parteiorganisationen sowie ihre Führung selbst in die Hand zu nehmen. 347

Die liquidatorische Strömung stellt die Frage, ob die besten, die aktivsten Elemente die Partei verlassen und die legalen Organisationen als Tätigkeitsbereich wählen, oder ob aus der Partei „die schwankenden intellektuellen und kleinbürgerlichen Elemente" austreten. Es braucht nicht erst besonders betont zu werden, daß die Konferenz, die das Liquidatorentum energisch zurückwies und verurteilte, im Sinne der zweiten Annahme geantwortet hat … Die Austritte bedeuten eine Reinigung der Partei, sie macht sich frei von den wankelmütigsten, von den unzuverlässigen Freunden, den „Mitläufern",* „Mitläufer" bei Lenin deutsch. Der Übers. die stets nur eine Zeitlang mit dem Proletariat gingen und sich aus dem Kleinbürgertum oder aus den „Deklassierten" rekrutieren, d. h. aus jenen Leuten, die als Angehörige irgendeiner bestimmten Klasse aus dem Geleise geschleudert worden sind.

Aus dieser Beurteilung des parteiorganisatorischen Prinzips ergibt sich von selbst auch die von der Konferenz eingeschlagene Linie der Organisationspolitik. Ausbau der illegalen Parteiorganisation, Bildung von Parteizellen auf allen Arbeitsgebieten, vor allem Bildung von „nur aus Parteimitgliedern bestehenden, und sei es auch zahlenmäßig nicht starken Arbeiterkomitees in jedem Industriebetrieb", Konzentration der leitenden Funktionen in den Händen von Führern der sozialdemokratischen Bewegung, die unmittelbar aus der Arbeiterklasse hervorgegangen sind - darin besteht die Aufgabe des Tages. Und selbstverständlich muß es Aufgabe dieser Zellen und Komitees sein, alle halblegalen und, nach Möglichkeit, auch legalen Organisationen auszunutzen, eine „enge Verbindung mit den Massen" aufrechtzuerhalten und die Arbeit so zu gestalten, daß die Sozialdemokratie auf alle Forderungen der Massen reagiere. 353

Massenorganisationen der einen oder der anderen Art kann man auflösen, legale Gewerkschaftsverbände kann man zu Tode hetzen, durch polizeiliche Repressalien kann man unter einem konterrevolutionären Regime jegliches öffentliches Auftreten der Arbeiter vereiteln, doch keine Kraft der Welt vermag die massenhafte Zusammenballung von Arbeitern in einem kapitalistischen Land zu beseitigen; und Rußland ist bereits ein solches Land geworden. Auf diese oder jene Weise, legal oder halblegal, offen oder versteckt, wird die Arbeiterklasse stets irgendeine Möglichkeit des Zusammenschlusses finden - allerorts und immer werden die klassenbewußten, parteitreuen Sozialdemokraten den Massen vorangehen, allerorts und immer werden sie sich zusammenschließen, um auf die Massen im Geiste der Partei einzuwirken. Und die Sozialdemokratie, die in der offenen Revolution bewiesen hat, daß sie eine Klassenpartei ist, die es zuwege brachte, Millionen sowohl zum Streik als auch zum Aufstand im Jahre 1905 und zu den Wahlen in den Jahren 1906/1907 zu führen, wird es auch jetzt verstehen, die Partei der Klasse, die Partei der Massen, die Avantgarde zu bleiben, die auch in den schwierigsten Zeiten die Fühlung mit dieser ganzen Armee nicht verliert, die ihr zu helfen versteht, diese schweren Zeiten zu überwinden, ihre Reihen erneut zusammenzuschweißen und immer neue Kämpfer hervorzubringen. 354

„Sozial-Demokrat" Nr. 2,
28. Januar (10. Februar) 1909. 355

Das Kampfziel des Proletariats in unserer Revolution 360-379

Man braucht nur ganz allgemein die Geschichte der Parteimeinungen zur Frage der Diktatur des Proletariats und der Bauernschaft zu betrachten, um sogleich zu sehen, wie weit sich Gen. Martow zu seinem eigenen Schaden mit seinem Gerede über Rabulistik und Bewegung ohne Ziel verstiegen hat. In der Tat ist die erste Schlußfolgerung aus dieser Geschichte, daß die Bolschewiki sowohl in ihren Resolutionsentwürfen als auch in ihren Resolutionen kein einziges Mal den Ausdruck oder die „Formel" „Diktatur des Proletariats und der Bauernschaft" gebraucht haben. Trotzdem kam es bisher keinem einzigen Mensdhen in den Sinn zu bestreiten, daß alle bolschewistischen Entwürfe und Resolutionen der Jahre 1905 bis 1907 ganz und gar auf der Idee der Diktatur des Proletariats und der Bauernschaft fußen. Das zu leugnen wäre lächerlich. Das Leugnen hieße gerade die Dinge verdrehen und das Wesen der Frage durch nichtssagende Wortklauberei verwischen. Das Proletariat, das die Masse der Bauernschaft „an sich heranzieht",schrieb Lenin in „Zwei Taktiken" („12 Jahre", S. 445)*; das Proletariat, das die Masse der Bauernschaft „mit sich zieht", sagt der Resolutionsentwurf der Bolschewiki im Jahre 1906; „gemeinsame Aktionen" des Proletariats und der Bauernschaft „im Kampf für die Vollendung der demokratischen Revolution", sagt die Resolution des Londoner Parteitags. Liegt es nicht auf der Hand, daß der Sinn all dieser Formulierungen ein und derselbe ist? daß dieser Gedanke gerade die Diktatur des Proletariats und der Bauernschaft zum Ausdruck bringt? daß die „Formel" „das Proletariat, das sich auf die Bauernschaft stützt", durchaus in den Grenzen eben dieser Diktatur des Proletariats und der Bauernschaft bleibt?

Gen. Martow gibt sich die größte Mühe, letzteres zu widerlegen. 368

Man darf sich nicht mit solchen Mitteln um die Anerkennung der grundlegenden und offenkundigen Tatsache herumdrücken, die besagt, daß die Mehrheit der SDAPR, darunter die Polen und die Bolschewiki, 370 entschieden eintreten: l.für die Anerkennung der führenden Rolle des Proletariats, der Rolle des Führers in der Revolution, 2. für die Anerkennung der Machteroberung durch das Proletariat mit Unterstützung der anderen revolutionären Klassen als Ziel des Kampfes, 3. dafür, daß den ersten und vielleicht sogar einzigen Platz unter diesen „Unterstützenden" die Bauernschaft einnimmt …

Die Konferenz hat die „Diktatur des Proletariats und der Bauernschaft" nicht zu Grabe getragen und hat auch keinen Wechsel auf ihre Entfernung aus der Umgangssprache in der Partei ausgestellt, sondern, ganz im Gegenteil, sie hat sie bestätigt und einen weiteren Schritt zu ihrer vollständigeren Anerkennung getan. Der Londoner Parteitag hat anerkannt: 1. die Rolle des Proletariats als „Führer in der bürgerlich-demokratischen Revolution" und 2. „gemeinsame Aktionen" des Proletariats und der Bauernschaft, die „nur den Zwecken gemeinsamen Vorgehens" dienen, unter anderem auch Aktionen zur „Vollendung der Revolution". Es war also nur noch erforderlich, die Eroberung der Macht durch das Proletariat und die Bauernschaft als Kampfziel der gegenwärtigen Revolution anzuerkennen. Das erledigte die Konferenz mit der Formel „Eroberung der Macht durch das Proletariat, das sich auf die Bauernschaft stützt". 369, 370

Was Trotzki betrifft, den Gen. Martow veranlaßte, an einer von ihm veranstalteten Diskussion dritter Personen - einer Diskussion aller außer ihrem Urheber - teilzunehmen, so können wir uns hier auf eine umfassende Behandlung seiner Auffassungen unter keinen Umständen einlassen. Das machte einen besonderen, umfangreichen Artikel erforderlich. Da Gen. Martow aber auf die falschen Auffassungen Trotzkis eingeht und Teile dieser Auffassungen zitiert, bewirkt er bei den Lesern allerlei Mißverständnisse; denn Bruchstücke von Zitaten klären eine Sache nicht, sondern verwirren sie. Der grundlegende Fehler Trotzkis besteht darin, daß er den bürgerlichen Charakter der Revolution ignoriert, daß er hinsichtlich der Frage des Übergangs von dieser zur sozialistischen Revolution keine klare Vorstellung hat. 371

Ebenso falsch ist auch die zweite von Gen. Martow angeführte Erklärung Trotzkis. Falsch ist, daß „die ganze Frage darin" bestehe, „wer der Regierungspolitik den Inhalt geben, wer in ihr eine geschlossene Mehrheit bilden wird" usw. Und es ist besonders falsch, wenn Gen. Martow dies als Argument gegen die Diktatur des Proletariats und der Bauernschaft anführt. Trotzki selber läßt bei dieser Überlegung die „Teilnahme von Vertretern der demokratischen Bevölkerung" an der „Arbeiterregierung" zu, d. h., er ist für eine Regierung aus Vertretern des Proletariats und der Bauernschaft. Unter welchen Bedingungen die Teilnahme des Proletariats an der Regierung der Revolution zulässig ist, bildet eine besondere Frage, und in dieser Frage werden sehr wahrscheinlich die Bolschewiki nicht nur mit Trotzki, sondern auch mit den polnischen Sozialdemokraten nicht konform gehen. Die Frage der Diktatur der revolutionären Klassen ist jedoch in keinem Fall auf die Frage der „Mehrheit" in dieser oder jener Revolutionsregierung, auf die Frage der Bedingungen, unter denen eine Beteiligung der Sozialdemokratie an dieser oder jener Regierung zulässig wäre, zu reduzieren.

Schließlich ist unter den von Gen. Martow angeführten Auffassungen Trotzkis die dritte, die Gen. Martow „begründet" erscheint, die am meisten unrichtige: „Möge sie" (die Bauernschaft) „dies" („sich einem Regime der Arbeiterdemokratie anschließen") „nicht einmal mit größerer Bewußtheit tun, als sie sich gewöhnlich einem bürgerlichen Regime anschließt." Das Proletariat kann weder auf den Mangel an Bewußtheit und auf die Vorurteile der Bauernschaft rechnen, wie dies die Machthaber eines bürgerlichen Regimes tun und worauf sie bauen, noch kann es annehmen, daß in revolutionären Perioden auch nur die gewöhnliche Passivität, die gewöhnliche mangelnde Bewußtheit der Bauernschaft bestehenbleiben werden. Die Tatsachen aus der Geschichte der russischen Revolution erweisen, daß gleich die erste Welle des Aufschwungs, Ende 1905, die Bauernschaft zu einer solchen politischen Organisierung drängte 375 (Gesamtrussischer Bauernbund), die zweifellos den Keim für eine besondere Bauernpartei bildete. Obwohl die erste Abteilung der fortschrittlichen Bauern von der Konterrevolution vernichtet wurde, schuf die Bauernschaft in der I. und II. Duma - und jetzt erstmalig im gesamtnationalen Maßstab, bei gesamtrussischen Wahlen - , sofort die Grundlage für die „Trudowikigruppe", offenkundig den Keim einer besonderen Bauernpartei. All diesen Anfangsstufen und Keimen haftet noch viel Labiles, Unbestimmtes und Unsicheres an, das steht außer Zweifel. Aber wenn schon der Beginn der Revolution solche politischen Gruppierungen hervorbrachte, dann ist auch nicht im geringsten daran zu zweifeln, daß die zu einem solchen „Ende" oder, richtiger, auf eine so hohe Entwicklungsstufe wie die revolutionäre Diktatur geführte Revolution eine stärkere revolutionäre Bauernpartei mit einer fester ausgeprägten Form schaffen wird. 374, 375

Hier die darauf bezüglichen Erklärungen Kautskys in denselben „Aussichten", die Gen. Martow so völlig falsch interpretiert:

„Die jetzige Revolution (in Rußland) dürfte auf dem Lande nur dahin  führen, eine kraftvolle Bauernschaft auf der Grundlage des Privateigentums am Boden zu scharfen und damit die gleiche Kluft zwischen dem Proletariat und dem besitzenden Teile der ländlichen Bevölkerung aufzutun, wie sie in Westeuropa schon besteht. So erscheint es undenkbar, daß die jetzige Revolution Rußlands bereits zur Einführung einer sozialistischen Produktionsweise führt, auch wenn sie zeitweilig die Sozialdemokratie ans Ruder bringen sollte." (S. 31 der Übersetzung unter Redaktion von N. Lenin.)

Auf diese Stelle eben bezieht sich das Vorwort Lenins, wenn es dort heißt (ebenda, Seite 6): „Es bedarf keiner besonderen Erwähnung, daß Kautsky die grundlegenden Thesen aller russischen Sozialdemokraten - der nichtsozialistische Charakter der Bauernbewegung, die Unmöglichkeit 377 der Entstehung des Sozialismus aus der bäuerlichen Kleinproduktion usw. - vollkommen (hervorgehoben von N. Lenin im Vorwort) teilt."

Die Behauptung des Gen. Martow, daß Lenin den bürgerlichen Charakter unserer Revolution entschieden bestritten hätte, widerspricht also entschieden der Wahrheit. Lenin sagt gerade das Gegenteil. Kautsky betonte entschieden, daß unsere Revolution entsprechend ihrem allgemeinen Charakter im Sinne des sozialökonomischen Inhalts eine bürgerliche sei.

„Die erste dieser Fragen" Plechanows, schrieb Kautsky ebenda, „scheint mir nicht einfach in dem einen oder anderen Sinne zu beantworten zu sein. Das Zeitalter der bürgerlichen Revolutionen, das heißt der Revolutionen, deren Triebkraft die Bourgeoisie bildete, ist abgeschlossen, auch für Rußland... Die Bourgeoisie gehört nicht zu den Triebkräften der heutigen revolutionären Bewegung Rußlands, und insofern kann man diese nicht eine bürgerliche nennen." (S. 29.) Der Leser sieht, daß Kautsky hier ganz klar präzisiert, worum es sich handelt, daß er ganz klar von der bürgerlichen Revolution nicht im Sinne des sozialökonomischen Inhalts spricht, sondern im Sinne einer Revolution, „deren Triebkraft die Bourgeoisie bildet".

Weiter. Den zweiten Fehler Plechanows korrigierte Kautsky, indem er klar und bestimmt die „liberale" und die bäuerliche bürgerliche Demokratie voneinander abgrenzte. Kautsky erklärte, daß „in der Interessengemeinschaft zwischen dem industriellen Proletariat und der Bauernschaft . . . die revolutionäre Kraft der russischen Sozialdemokratie begründet" liegt, daß wir „ohne die Bauern . . . in Rußland so bald nicht siegen..." können (S. 31). Interessant ist festzustellen… , daß Kautsky in demselben Artikel, d.h. im Jahre 1906, auf einer Seite sowohl den Ausdruck „sich stützen" („auf welche Klasse darf sich aber das russische Proletariat... stützen?") gebraucht als auch den Ausdruck: „die Allianz des Proletariats mit anderen Klassen im revolutionären Kampfe muß vor allem auf ökonomischer Interessengemeinschaft beruhen" (S. 30).376, 377

Kautsky sieht die Führerschaft der Bauern in der russischen Revolution auf Grundlage des Privateigentums am Boden.

Wir stellen fest, daß Kautsky, als er dieJdee des Bündnisses des Proletariats und der Bauernschaft in der russischen bürgerlichen Revolution verteidigte, im Grunde genommen keinerlei „neue" Idee hervorgebracht hat, sondern ganz in die Fußtapfen Marx' und Engels' tritt. Marx schrieb im Jahre 1848 in der „Neuen Rheinischen Zeitung": „Die hohe Bourgeoisie" - es handelt sich um die deutsche Bourgeoisie nach dem 18. März 1848 - „von jeher antirevolutionär, schloß aus Furcht vor dem Volk, d.h. vor den Arbeitern und der demokratischen Bürgerschaft, ein Schutz- und Trutzbündnis mit der Reaktion." (Siehe den dritten Band der von Mehring herausgegebenen Gesammelten Werke von Marx: russisch erschienen bisher nur zwei Bände.) „Die deutsche Revolution von 1848", schrieb Marx am 29. Juli 1848, ist „nur die Parodie der französischen Revolution von 1789 . . . Die französische Bourgeoisie von 1789 ließ ihre Bundesgenossen, die Bauern, keinen Augenblick im Stich... Die deutsche Bourgeoisie von 1848 verrät ohne allen Anstand diese Bauern..."

Marx stellt hier hinsichtlich der bürgerlichen Revolution klar die konterrevolutionäre, mit der Reaktion verbündete Bourgeoisie der Arbeiterklasse plus demokratische Bourgeoisie, d. h. vornehmlich der Bauernschaft, gegenüber …

Folglich besteht die Besonderheit der russischen bürgerlichen Revolution lediglich darin, daß anstatt des früheren, an zweiter Stelle rangierenden plebejischen Elements der Städte im 16., 17. und 18. Jahrhundert im 20. Jahrhundert das Proletariat an die erste Stelle tritt. 378

Das "lediglich" ist das Problem. Unter Führung der Bauern und die kapitalistische Akkumulation im Visier wäre der langfristige Sieg der Revolution gesichert gewesen. Und Gorbatschow hätte nicht 70 Jahre danach weinen müssen, dass die sowjetischen Betriebe nichts von doppelter Buchführung verstehen, um sich umso ungehemmter in die Arme der Furie des Habens zu werfen. Die schert sich einen Teufel um die versäumte Akkumulation, macht in Gas und lässt Russland weiter verkommen.

Unsere Partei beharrt fest auf dem Standpunkt, daß die Rolle des Proletariats in der Rolle des Führers in der bürgerlich-demokratischen Revolution besteht, daß es zu ihrer Vollendung unbedingt gemeinsamer Aktionen des Proletariats und der Bauernschaft bedarf, daß es ohne Erringung der politischen "Macht durch die revolutionären Klassen keinen Sieg geben kann …

„Sozial-Demokrat" Nr. 3 und 4,
9. (22.) März und 21. März (3. April) 1909.379

An den Vorstand der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands .. 380-382

Der Artikel zur „Organisationsfrage in der russischen Sozialdemokratie", veröffentlicht in Nr. 79 des „Vorwärts" (I. Beilage, d. 3. IV. 1909), veranlaßt uns, an den Vorstand der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands einen entschiedenen Protest zu richten. Im Namen des Zentralkomitees der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Rußlands, das uns die Wahrung und Leitung aller Angelegenheiten im Ausland übertragen hat, ersuchen wir den Vorstand der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands, sein Augenmerk auf die entstandene höchst anomale Lage zu richten. Das Zentralorgan der deutschen Sozialdemokratie ignoriert hartnäckig unsere formelle Erklärung über das Bestehen einer besonderen Vertretung des ZK im Ausland und druckt die ihm schon vor längerer Zeit übersandte Mitteilung über diese Institution und ihre Adresse nicht ab. Währenddessen aber bringt der „Vorwärts" eine Mitteilung „von einem Genossen" und berichtet darin über eine offizielle Veranstaltung der Partei, nämlich über eine Konferenz der SDAPR, wobei der offizielle Text der (zwei) Resolutionen der Konferenz zur Organisationsfrage nicht angeführt wird. Da der im „Vorwärts" publizierte Brief die offiziellen Resolutionen der Partei nicht bringt, bietet er nur eine völlig verzerrte Darstellung der Auseinandersetzungen und Meinungsverschiedenheiten unter den russischen Sozialdemokraten; ja mehr noch, dieser Brief enthält eine versteckte fraktionelle Polemik gegen die Beschlüsse der Konferenz. Eine solche Form der Polemik ist ganz besonders geeignet, die ohnehin schon anomalen Beziehungen zwischen den Fraktionen der SDAPR vollends zu vergiften. 380

Geschrieben nicht vor dem
23. März (5. April) 1909. 382

Eine Karikatur auf den Bolschewismus 383-395

Schlußfolgerungen. Punkt (a) „Die Duma als . . . ein Abkommen . . . und Instrument der Konterrevolution..." Richtig! „... konsolidiert nur die Selbstherrschaft..." Dieses „nur" ist falsch. Die Selbstherrschaft zögerte ihren Untergang hinaus, weil es ihr gelang, eine solche Duma zu organisieren, aber sie konsolidiert sich dadurch nicht, sondern zersetzt sich. Die Duma ist ein „Deckmantel", der mehr wert ist als so manche „Enthüllung", denn zum erstenmal zeigt sie an vielen tausend Fragen in aller Offenheit die Abhängigkeit des Zarismus von den konterrevolutionären Schichten, demonstriert zum erstenmal en grand das ihr immanente Bündnis der Romanow und Purischkewitsch, des Zarismus und des „Bundes des russischen Volkes", der Selbstherrschaft und der Dubrowin-Iliodor-Polownew. 390

Es stimmt, daß sogar ein Bebel in seiner parlamentarischen Laufbahn opportunistische Fehler gemacht hat. Aber was folgt daraus? Für einen Anarchisten lautet die Schlußfolgerung, daß man alle Arbeiterdeputierten abberufen müsse. Die Anarchisten schimpfen über die sozialdemokratischen Parlamentarier, um mit ihnen zu brechen, sie schimpfen, aber sie weigern sich, für den Aufbau einer proletarischen Partei, für die Entwicklung einer proletarischen Politik, für die Heranbildung proletarischer Parlamentarier zu arbeiten. Und in der Praxis werden die Anarchisten durch ihre Phrasen zu treuesten Handlangern des Opportunismus, zu seiner Kehrseite.

Die Sozialdemokraten ziehen aus den Fehlern einen anderen Schluß. Sie sagen, daß sogar ein Bebel nicht zu einem Bebel werden konnte ohne langwierige Arbeit der Partei an der Entwicklung einer wirklich sozialdemokratischen Vertretung. Man möge uns nicht damit kommen: „Wir haben keine Bebel in der Fraktion." Man wird nicht als Bebel geboren, zu einem Bebel entwickelt man sich. Die Bebel fallen nicht vom Himmel, wie Minerva dem Haupte des Jupiter entsprang, sondern sie werden von der Partei und der Arbeiterklasse hervorgebracht. Wer sagt: Wir haben keine Bebel, der kennt die Geschichte der deutschen Partei nicht, der weiß nicht, daß es eine Zeit gegeben hat, während des Sozialistengesetzes, da August Bebel opportunistische Fehler beging, die Partei diese Fehler korrigierte und Bebel die Richtung wies. 392

Beilage zu Nr. 44 des „Proletari",
4. (17) April 1909. 395

Die „Linksschwenkung" der Bourgeoisie und die Aufgaben des Proletariats

Möglich ist eine bürgerliche Revolution ohne einen einzigen vollen Sieg des Proletariats, die Folge wäre die allmähliche Umwandlung der alten Monarchie in eine bürgerliche und bürgerlich-imperialistische Monarchie (Beispiel: Deutschland). Möglich ist eine bürgerliche Revolution mit vielen selbständigen Aktionen des Proletariats, die sowohl zu vollen Siegen als auch zu schweren Niederlagen, aber im Ergebnis zur bürgerlichen Republik führen (Beispiel: Frankreich). Es erhebt sich die Frage: Ist die Frage des einen oder des anderen Weges von der russischen Geschichte entschieden worden? Die Menschewiki verstehen diese Frage nicht, sie fürchten sie zu stellen, sie umgehen sie, weil sie nicht erkennen, daß ein Ausweichen vor dieser Frage faktisch bedeutet, mit seiner Politik hinter der liberalen Bourgeoisie einherzutraben. Wir meinen, daß die russische Geschichte diese Frage noch nicht entschieden hat, daß sie der Klassenkampf im Laufe der nächsten Jahre entscheiden wird, daß die erste Kampagne unserer bürgerlichen Revolution (1905-1907) die ganze Wankelmütigkeit und den konterrevolutionären Charakter unserer Bourgeoisie unwiderleglich bewiesen hat, daß sie die Fähigkeit unseres Proletariats demonstriert hat, "Führer einer siegreichen Revolution zu sein, und die Fähigkeit der demokratischen Massen der Bauernschaft, dem Proletariat zu helfen, diese Revolution siegreich zu gestalten. 401

Der Sieg dieser Revolution wird die Doktrin von der allrettenden Wirkung der ausgleichenden Bodenaufteilung wie Rauch im Wind zerflattern lassen, 403 aber die Massen der Bauernschaft zeigen mit dieser Doktrin in dem gegenwärtigen Kampf gerade die Breite, die Kraft und die Kühnheit, die Begeisterung, die Aufrichtigkeit und Unbesiegbarkeit ihrer historischen Aktion, die Rußland von jeglichen Überresten der Leibeigenschaft säubern wird.

„Proletari" Nr. 44,
8. (21.) April 1909. 402, 403

Die "die Kühnheit, die Begeisterung, die Aufrichtigkeit und Unbesiegbarkeit ihrer historischen Aktion," wird "wie Rauch im Wind zerflattern".

Über das Verhältnis der Arbeiterpartei zur Religion 404 - 415

Wir erinnern daran, daß der ganze „Anti-Dühring" von Engels, den Marx im Manuskript gelesen hat, den Materialisten und Atheisten Dühring des inkonsequenten Materialismus überführt, daß er nachweist, wie Dühring der Religion und einer Religionsphilosophie Hintertürchen offenläßt. 404

Die soziale Unterdrückung der werktätigen Massen, ihre scheinbar völlige Ohnmacht gegenüber den blind waltenden Kräften des Kapitalismus, der den einfachen arbeitenden Menschen täglich und stündlich tausendmal mehr entsetzlichste Leiden und unmenschlichste Qualen bereitet als irgendwelche außergewöhnlichen Ereignisse wie Kriege, Erdbeben usw. - darin liegt heute die tiefste Wurzel der Religion. „Die Furcht hat die Götter erzeugt." Die Furcht vor der blind wirkenden Macht des Kapitals, blind, weil ihr Wirken von den Volksmassen nicht vorausgesehen werden kann und dem Proletarier und dem Kleineigentümer bei jedem Schritt ihres Lebens den „plötzlichen", „unerwarteten", „zufälligen" Ruin, den Untergang, die Verwandlung in einen Bettler, einen Pauper, eine Prostituierte, den Hungertod zu bringen droht und auch tatsächlich bringt - das ist jene Wurzel der heutigen Religion, die der Materialist vor allem und am meisten beachten muß, wenn er nicht ein Abc-Schütze des Materialismus bleiben will. Keine Aufklärungsschrift wird die Religion aus den Massen austreiben, die, niedergedrückt durch die kapitalistische Zwangsarbeit, von den blind waltenden, zerstörerischen Kräften des Kapitalismus abhängig bleiben, solange diese Massen nicht selbst gelernt haben werden, diese Wurzel der Religion, die Herrschaft des "Kapitals in all ihren Formen vereint, organisiert, planmäßig, bewußt zu bekämpfen. 408

Ein Anarchist, der den Krieg gegen Gott um jeden Preis predigt, würde dadurch in Wirklichkeit den Pfaffen und der Bourgeoisie helfen (wie ja die Anarchisten in Wirklichkeit stets der Bourgeoisie helfen). 410

Kommt ein Geistlicher zu uns zwecks gemeinsamer politischer Arbeit und leistet er gewissenhaft Parteiarbeit, ohne gegen das Parteiprogramm aufzutreten, so können wir ihn in die Reihen der Sozialdemokratie aufnehmen, denn der Widerspruch zwischen dem Geist und den Grundlagen unseres Programms einerseits und der religiösen Überzeugung des Geistlichen anderseits könnte unter solchen Umständen ein nur ihn allein betreffender, persönlicher Widerspruch bleiben, und eine politische Organisation kann ihre Mitglieder nicht daraufhin examinieren, ob zwischen ihren Anschauungen und dem Parteiprogramm nicht ein Widerspruch besteht. 411

Die Partei des Proletariats fordert vom Staat, die Religion zur Privatsache zu erklären, wobei sie den Kampf gegen das Opium des Volkes, den Kampf gegen den religiösen Aberglauben usw., keineswegs als „Privatsache" betrachtet. Die Opportunisten verdrehen die Sache so, als halte die sozialdemokratische Parteidie Religion für eine Privatsache! 412

„Proletari" "Nr. 45,
13. (26.) Mai 1909. 415

Beratung der erweiterten Redaktion des „Proletari", 8.-17. (21.-30.) Juni 1909 427-454

Unsere nächstliegende Aufgabe besteht darin, die SDAPR zu erhalten und zu festigen. Bei der Lösung dieser großen Aufgabe gibt es ein überaus wichtiges Moment: das ist der Kampf gegen das Liquidatorentum in seinen beiden Nuancen - das Liquidatorentum von rechts und das Liquidatorentum von links. Die Liquidatoren von rechts sagen, daß eine illegale SDAPR nicht nötig sei, daß das Schwergewicht der sozialdemokratischen Tätigkeit ausschließlich oder nahezu ausschließlich auf die legalen Möglichkeiten gelegt werden müsse. Die Liquidatoren von links kehren die Sache um: Legale Möglichkeiten in der Tätigkeit der Partei gibt es für sie nicht, Illegalität um jeden Preis ist für sie alles. Die einen wie die anderen sind Liquidatoren der SDAPR, und annähernd in gleichem Maße, 435

Beilage zu Nr. 46 des „Proletari",
3. (16.) Juli 1909. 438

Die Liquidierung des Liquidatorentums 455-463

Das Liquidatorentum im engeren Sinne des Wortes, das Liquidatorentum der Menschewiki besteht in ideologischer Beziehung in der Leugnung des revolutionären Klassenkampfes des sozialistischen Proletariats überhaupt und in der Ablehnung der Hegemonie des Proletariats in unserer bürgerlich-demokratischen Revolution im besonderen … In seinem Aufsatz in dem Sammelwerk „Die gesellschaftliche Bewegung in Rußland zu Beginn des 20. Jahrhunderts" liquidierte Potressow die Idee von der Hegemonie des Proletariats in der russischen Revolution so erfolgreich, daß Plechanow aus der samt und sonders liquidatorisch eingestellten Redaktion austrat.

In organisatorischer Hinsicht bedeutet das Liquidatorentum, die Notwendigkeit einer illegalen sozialdemokratischen Partei abzulehnen 457

„Proletari" "Nr. 46
11. (24.) Juli 1909. 463

Die Europareise des Zaren und die Reisen einiger Abgeordneter der Schwarzhunderterduma nach England 464-469

Seit dem letzten Drittel des 19. Jahrhunderts hat die revolutionäre Bewegung in Rußland diese Sachlage etwas gewandelt. Je stärker der Zarismus unter den Schlägen der heranwachsenden Revolution in seinem eigenen Lande ins Wanken geriet, desto schwächer wurde er in seiner Rolle als Feind der Freiheit in Europa. Doch in Europa bildete sich zu dieser Zeit eine internationale Reaktion der bürgerlichen Regierungen heraus, die angesichts der Aufstände des Proletariats und in der Erkenntnis, daß zwischen Arbeit und Kapital ein Kampf auf Leben und Tod unvermeidlich ist, um des gemeinsamen Kampfes gegen das Proletariat willen jeden beliebigen Abenteurer und Räuber auf dem Thron zu begrüßen bereit sind. 464

Die vereinigten Feinde der Arbeiterklasse siegten um den Preis des Aufschubs der Entscheidungsschlacht, wobei aber zugleich jene Quelle erweitert und vertieft wurde, die - vielleicht langsamer als wir es wünschten, doch unaufhaltsam - die Zahl der Proletarier vermehrt, ihren Zusammenschluß fördert, sie im Kampf stählt und sie Aktionen gegen den vereinigten Feind lehrt. Diese Quelle ist der Kapitalismus, der einst das patriarchalische „Erbgut" der Edlen von Romanow aus dem Schlummer erweckte und heute einen asiatischen Staat nach dem anderen wachrüttelt.

Die Verbündeten feiem den Sieg. Aber jede Feier Nikolaus5 des Blutigen und der Oberhäupter der bürgerlichen europäischen Regierungen wird, wie von einem Echo, begleitet von der Stimme der revolutionären Arbeitermassen. Wir haben die Revolution abgewürgt - frohlocken Nikolaus und Wilhelm, Eduard und Fallières und reichen unter dem Schutz eines dichten Kordons von Soldaten oder einer langen Reihe von Kriegsschiffen einander die Hände. Wir werden euch alle miteinander stürzen - antwortet, wie ein Echo, die Revolution aus dem Munde der Führer des bewußten Proletariats aller Länder. 465

„Proletari" Nr. 46,
11. (24.) Juli 1909. 469

An die Hörer der Schule auf Capri 475-481

Um die Frage des Lehrkörpers abzuschließen, führe ich Ihnen noch eine Tatsache an, die mir Genosse Innokenti erzählt hat und die zeigt, wie sehr in der Partei allen klar ist, was Sie zu leugnen suchen, nämlich: der besondere fraktionelle Charakter der Schule auf Capri. Kurz vor der letzten Beratung der erweiterten Redaktion des „Proletari" wandte sich Gen. Maximow in Paris an Trotzki und forderte ihn auf, an der Schule auf Capri Lektionen zu halten. Trotzki erzählte das Gen. Innokenti und erklärte ihm: Wenn das eine Parteiangelegenheit ist, werde ich mich gern beteiligen; wenn es ein besonderes Unternehmen der Publizisten auf Capri ist, Maximows, Lunatscharskis und Co., werde ich nicht mitarbeiten. Innokenti antwortete: Warten Sie die Beschlüsse'der Redaktion des „Proletari" ab, ich werde sie Ihnen zusenden. So hat also auch der an keine Fraktion gebundene Genosse Trotzki sofort begriffen (wie das jeder halbwegs erfahrene Parteiarbeiter begreifen wird), daß die Einrichtung der Schule auf der Insel Capri nichts anderes bedeutet, als die Schule vor der Partei zu verbergen, als die Schule von vornherein an eine besondere, nämlich an die neue Fraktion zu binden. 478

Zuerst veröffentlicht 1926 in der
Zeitschrift „Proletarskaja Rewoluzija" Nr. 2 (49). 481