LW14-1908-EmpiriKrit.1975.pdf Materialismus und Empiriokritizismus. Kritische Bemerkungen über eine reaktionäre Philosophie 7-366 Statt einer Einleitung

Die Materialisten, so sagt man ans, erkennen etwas Undenkbares und Unerkennbares an - „Dinge an sich", eine Materie „außerhalb der Erfahrung", außerhalb unserer Erkenntnis. Sie verfallen in wahren Mystizismus, indem sie etwas Jenseitiges, außerhalb der Grenzen der „Erfahrung" und der Erkenntnis Liegendes annehmen. Indem die Materialisten erklären, daß die Materie durch ihre Einwirkung auf unsere Sinnesorgane die Empfindungen hervorbringe, nehmen sie ein „Unbekanntes", ein Nichts zur Grundlage, denn sie selbst erklären ja unsere Sinne für die einzige Quelle der Erkenntnis. Die Materialisten verfallen in „Kantianismus" (so Plechanow dadurch, daß er die Existenz von „Dingen an sich", d. h. von Dingen außerhalb unseres Bewußtseins einräume), sie „verdoppeln" die Welt, predigen den „Dualismus", denn hinter den Erscheinungen haben sie noch das Ding an sich, hinter den unmittelbaren Gegebenheiten der Sinne noch etwas anderes, irgendeinen Fetisch, ein „Idol", ein Absolutum, eine Quelle der „Metaphysik", ein Gegenstück zur Religion (die „heilige Materie", wie Basarow sagt).

Das sind die Argumente der Machisten gegen den Materialismus, wie sie von den obengenannten Schriftstellern in den verschiedensten Variationen immer wieder vorgebracht werden. 13

Lenin hat sich die undankbare Aufgabe gestellt, über eine Philosophenspecies aufzuklären, die seit den Anfängen der Philosophie immer wieder lärmend epidemisch über die Menschheit herfällt, um nach einigen Jahren ebenso plötzlich wieder zu verschwinden, wie sie aufgetaucht ist, die Philosphen, deren erste, letzte und einzige Erkenntnisquelle die sinnliche Wahrnehmung ist.

Die hier untersuchten Philosophen leugnen darüber hinaus das Sein außer ihnen. Wer bei Sinnen ist, betrachtet solches Denken als eine Art von Verrücktheit.

„Es besteht in der Tat eine auffallend verbreitete Meinung, daß Häuser, Berge, Flüsse, mit einem Wort alle sinnlichen Objekte, eine natürliche oder reale Existenz haben, welche von ihrem Perzipiertwerden durch den denkenden Geist verschieden'sei." (§ 4.) Diese Meinung bezeichnet Berkeley als „offenbaren Widerspruch". „Denn was sind die vorhin erwähnten Objekte anderes als die sinnlich von uns wahrgenommenen Dinge, und was perzipieren wir anderes als unsere eigenen Ideen oder Sinnesempfindungen (ideas or sensations)? - und ist es nicht völlig widersinnig, daß irgendeine solche oder irgendeine Verbindung derselben unwahrgenommen existiere?" 15

Platon bezeichnet Protagoras’ Philosophie, die in der sinnlichen Wahrnehmung des Menschen das »Maß aller Dinge« sah, als die Philosophie des Hundes oder des Schweins, weil die Tiere mit den Philosophen die Sinne teilen und daher das gleich Anrecht haben, das Maß aller Dinge zu sein. Dabei muss man aber den Hund oder den Wurm in Schutz nehmen, denn es kommt dem Wurm nicht in den Sinn, am Sein des Blattes zu zweifeln, an dem er gerade knabbert.

Materialismus ist die Anerkennung der „Objekte an sich" oder außerhalb des Geistes; die Ideen und Empfindungen sind Kopien oder Abbilder dieser Objekte. 16

Die Anerkennung der Welt gesteht deren Leugnern eine Bedeutung zu, die sie nicht haben. Ich kann mich zu einem Glauben bekennen, aber das Bekenntnis zum Dasein der Welt ist ebenso überflüssig wie deren Leugnung lächerlich.

„Unsere Erkenntnis derselben" (der Ideen oder Dinge), schreibt Berkeley, „ist sehr verdunkelt und verwirrt und wir sind zu sehr gefährlichen Irrtümern verleitet worden durch die Voraussetzung einer zweifachen (twofold) Existenz der Sinnesobjekte, einer intelligiblen in dem Geiste und einer realen außerhalb des Geistes" (d. h. außerhalb des Bewußtseins). Und Berkeley macht sich über diese „ungereimte" Anschauung lustig, die die Möglichkeit zulasse, das Undenkbare zu denken! Die Quelle der „Ungereimtheit" ist natürlich die Unterscheidung zwischen „Dingen" und „Ideen" (§ 87), die „Voraussetzung äußerer Objekte".18

Seinen Beweis gegen den Materialismus hat Berkeley von den allerersten Argumenten gegen den Idealismus genommen. Denn mit demselben Argument der Verdopplung der Dinge bringt Parmenides in Platons gleichnamigem Dialog den jungen Sokrates zur Verzweiflung und macht ihm seine soeben von ihm als unabhängig von den Dingen entdeckten Ideen madig. Aristoteles greift Parmenides’ Einwurf der Verdopplung auf, wenn er Platons Idealismus kritisiert. Derselbe Gedanke lässt sich also zur »Widerlegung« des Materialismus oder des Idealismus benutzen, lässt sich also gegen das Denken überhaupt benutzen.

Hier Humes Betrachtungen in der „Untersuchung über den menschlichen Verstand" im Abschnitt (12) über die skeptische Philosophie: „Es scheint offenbar, daß die Menschen durch einen natürlichen Instinkt oder eine Voreingenommenheit dazu getrieben werden, Vertrauen in ihre Sinne zu setzen, und daß wir ohne Vernunfttätigkeit, ja selbst fast vor dem Gebrauch der Vernunft, immer schon eine Außenwelt (external universe) annehmen, die nicht von unserer Wahrnehmung abhängt, sondern auch existieren würde, wenn wir und jedes bewußte Geschöpf abwesend oder vernichtet wären. Selbst das Tierreich wird von einer gleichen Anschauung 25 beherrscht und bewahrt diesen Glauben an äußere Gegenstände in all seinen Gedanken, Zwecken und Handlungen ... Aber diese allgemeine und ursprüngliche Meinung aller Menschen wird durch den leisesten (slightest) Anflug von Philosophie bald zerstört, die uns lehrt, daß nichts dem Geiste je gegenwärtig sein kann als nur ein Bild oder eine Wahrnehmung, daß die Sinne nur die Einlaßpforten (inlets) sind, durch welche diese Bilder übermittelt werden, und daß sie nicht imstande sind, einen unmittelbaren Verkehr (intercourse) zwischen dem Geiste und dem Gegenstand zu bewirken. 24, 25

Hier handelt es sich um ein echtes philosophisches Problem, wenn wir es zu Ende denken: Wie lässt sich eine Verbindung zwischen den Beziehungen zwischen den Dingen und den Gedankenbeziehungen des Menschen herstellen, die der Wahrheit entspricht, wenn die Gedankenrelationen nur im Menschen, die Beziehungen zwischen den Dingen aber nur in den Dingen sind? Auch dies untersucht Parmenides und kommt dabei zu dem Ergebnis, dass es einem Übelwollenden nicht zu widerlegen sei, dass es keine Erkenntnis der Dinge gibt.

Kapitel I. Die Erkenntnistheorie des Empiriokritizismus und des dialektischen Materialismus. I 31-90

Sollen wir von den Dingen aus zur Empfindung und zum Gedanken gehen? Oder vom Gedanken und von der Empfindung zu den Dingen? An die erste, d.h. die materialistische Linie, hält sich Engels. An die zweite, d. h. die idealistische Linie, hält sich Mach. 33

Parmenides ist in dieser Frage weiter als Engels. Denn wir werden zwar gewiss in einigen Jahrhunderten über die Berührung der Natur in den Sinnen, wie Aristoteles unsere Kontaktaufnahme mit der Natur in der »Psychologie« nennt, den Weg finden, wie sich daraus ein gedankliches Abbild der Dinge ergibt, aber das ist heute noch Zukunftsmusik.

Dagegen ist die Frage nach der Beziehung zwischen den Relationen in uns und den Relationen in der Natur lösbar, wenn die Natur der Relationen überhaupt geklärt ist, wie dies Aristoteles beispielsweise im fünften Kapitel der »Kategorien« versucht.

Für jeden Naturforscher, der durch die Professorenphilosophie nicht verwirrt worden ist, sowie für jeden Materialisten ist die Empfindung tatsächlich die unmittelbare Verbindung des Bewußtseins mit der Außenwelt, 43 die Verwandlung der Energie des äußeren Reizes in eine Bewußtseinstatsache. Diese Verwandlung hat jeder Mensch millionenmal beobachtet und beobachtet sie tatsächlich auf Schritt und Tritt. Der Sophismus der idealistischen Philosophie besteht darin, daß die Empfindung nicht für die Verbindung des Bewußtseins mit der Außenwelt, sondern für eine Scheidewand gehalten wird, für eine Mauer, die das Bewußtsein von der Außenwelt trennt 42, 43

Die Naturwissenschaft erklärt die verschiedenen Empfindungen dieser oder jener Farbe durch die verschiedene Länge der Lichtwellen, die außerhalb der menschlichen Netzhaut, außerhalb des Menschen und unabhängig von ihm existieren. Eben das ist Materialismus: Die Materie wirkt auf unsere Sinnesorgane ein und erzeugt die Empfindung. Die Empfindung ist abhängig vom Gehirn, von den Nerven, der Netzhaut usw., d. h. von der in bestimmter Weise organisierten Materie. 46

Die Natur berührt den Menschen in den Sinnen. Auf welchen Wegen sich daraus Gefühle oder Gedanken bilden und ab wo die Gedanken allein ohne die Sinne weiterarbeiten, sind die Forschungsgebiete von Wissenschaften, die den Menschen durch sein ganzes Dasein begleiten werden, ohne je zu einem Abschluss zu gelangen.

Es sei bemerkt, daß viele Idealisten und sämtliche Agnostiker (darunter auch die Kantianer und die Humeisten) die Materialisten als Metaphysiker bezeichnen, weil es ihnen scheint, die Anerkennung der Existenz einer vom menschlichen Bewußtsein unabhängigen Außenwelt sei Hinausgehen über die Grenzen der Erfahrung. 55

Dieser Vorwurf trifft auch Kant selbst. Denn seine wieder und wieder wiederholte Behauptung, der Raum sein nur in unserer Einbildung, macht seine Empörung gegen Berkeley als »Skandal in der Philosophie« nichtig. Da alle Dinge um Raum, der Raum sind aber nur in der Einbildung ist, sind alle Dinge nur in der Einbildung. Diese Verrücktheit vertritt Kant natürlich nicht, aber sie folgt mit Notwendigkeit aus seiner Leugnung des Raums als Entität.

Der „naive Realismus" eines jeden gesunden Menschen, der nicht im Irrenhaus oder bei den idealistischen Philosophen in der Lehre war, besteht in der Annahme, daß die Dinge, die Umgebung, die Welt unabhängig von unserer Empfindung, von unserem Bewußtsein, von unserem Ich und dem Menschen überhaupt existieren. 61

die Natur, die Außenwelt für unabhängig von Bewußtsein und Empfindung des Menschenhalten. Das aber ist Materialismus. 66

sagt Lenin sehr oft. Eine Sebstverständlichkeit auszusprechen, ist kein philosophisches System. Keiner der griechischen Philosophen, ob Materialist oder Idealist, wäre auf die absurde Idee gekommen, das Sein zu leugnen.

Diesen Vorwurf macht Engels mehrmals, und zwar ganz mit Recht, dem Materialisten Dühring 69

Lenin bezeichnet Dühring oft als »Materialisten«.

Gute Polemik gegen Kants »Berkeleyismus« von Plechanow:

,Versetzen wir uns in Gedanken', schreibt Plechanow, ,in jene Epoche, in der nur sehr entfernte Vorfahren des Menschen auf der Erde existierten, z. B. in die Sekundärzeit. Es fragt sich, wie stand es damals mit Raum, Zeit und Kausalität? Wessen subjektive Formen waren sie damals? Die subjektiven Formen der Ichthyosaurier? Und wessen Verstand diktierte damals der Natur seine Gesetze? Der Verstand der Archäopteryxe? Auf diese Fragen kann die Kantsche Philosophie keine Antwort geben. Sie muß auch als absolut unvereinbar mit der modernen Wissenschaft abgelehnt werden.' (,L. Feuerbach', S. 117.) 74

Die materialistische Beseitigung des „Dualismus von Geist und Körper" (d. h. der materialistische Monismus) besteht darin, daß der Geist nicht unabhängig vom Körper existiert, daß der Geist das Sekundäre, eine Funktion des Gehirns, die Widerspiegelung der Außenwelt ist. Die idealistische Beseitigung des „Dualismus von Geist und Körper" (d. h. der idealistische Monismus) besteht darin, daß der Geist keine Funktion des Körpers «st, daß der Geist folglich das Primäre ist, daß die „Umgebung" und das „Ich" nur in der unauflöslichen Verbindung ein und derselben „Elementenkomplexe" existieren. Außer diesen beiden einander direkt entgegengesetzten Arten der Beseitigung des „Dualismus von Geist und Körper" kann es keine dritte Art geben, wenn man von dem Eklektizismus, d. h. der widersinnigen Vermengung von Materialismus und Idealismus, absieht. 83

Kapitel II. Die Erkenntnistheorie des Empiriokritizismus und des dialektischen Materialismus. II 91-138

In seinem „Ludwig Feuerbach" erklärt Engels Materialismus und Idealismus für die Grundrichtungen der Philosophie. Der Materialismus betrachtet die Natur als das Primäre, den Geist als das Sekundäre, er setzt das Sein an die erste, das Denken an die zweite Stelle. Für den Idealismus gilt das Umgekehrte. Diesen Grundunterschied der „zwei großen Lager", in die sich die Philosophen der „verschiedenen Schulen" des Idealismus und des Materialismus spalten, macht Engels zum Eckpfeiler seiner Betrachtungen und beschuldigt jene, die die beiden Ausdrücke Idealismus und Materialismus in einem andern Sinne gebrauchen, direkt der „Verwirrung".

Die „höchste Frage der gesamten Philosophie", „die große Grundfrage aller, speziell neueren Philosophie", sagt Engels, ist „die Frage nach dem 93 Verhältnis des Denkens zum Sein, des Geistes zur Natur". Engels, der die Philosophen entsprechend dieser Grundfrage in „zwei große Lager" einteilt, weist darauf hin, daß diese philosophische Grundfrage „noch eine andre Seite" habe, und zwar: „Wie verhalten sich unsre Gedanken über die uns umgebende Welt zu dieser Welt selbst? Ist unser Denken imstande, die wirkliche Welt zu erkennen, vermögen wir in unsern Vorstellungen und Begriffen von der wirklichen Welt ein richtiges Spiegelbild der Wirklichkeit zu erzeugen?"* 92, 93

Der Ursprung des Idealismus bei Sokrates und Platon besteht in der Aufstellung der Definition durch Sokrates. Dabei ist Definition »Grenze« der Dinge im Sinne des Wortes. Mit ihr sollen die Dinge begrifflich aus der Bewegung herausgenommen und irgendwie fixiert werden. Noch Aristoteles bezeichnet den Begriff in der Logik durchgehend als horos, Grenze (vgl. Horizont). Bei Euklid bedeutet horos Definition. In diesem Stadium des Idealismus wäre die Frage nach der Beziehung zwischen dem Denken und der Welt als überflüssig betrachtet worden, weil die Erkenntnis der Welt das eine Ziel aller Philosophen war.

Bei der Frage nach ihrem Sein siedelt Platon seine Ideen kurzerhand in sein nicht lokalisierbares Ideenreich an, wo keiner so unbequeme Fragen wie nach der Verdopplung stellen kann oder, wie es einen seienden Gegenstand geben soll, der in einer Richtung keine Ausdehnung hat, wie sie das Lästermaul Sextus Empirikus auf hunderten von Seiten wieder und wieder stellt, um die Erkenntnis abschätzig oder so zu machen.

Ab hier beginnt die kindische Periode des Idealismus, die bis heute andauert.

Man sieht, der Idealismus ist ursprünglich ein wissenschaftlicher Versuch, die materiellen Dinge mit einem Werkzeug, der Definition, zu bestimmen, dass in der physischen Welt nicht zur Verfügung steht.

Gibt es eine objektive Wahrheit, d. h., kann es in den menschlichen Vorstellungen einen Inhalt geben, der vom Subjekt unabhängig ist, der weder vom Menschen noch von der Menschheit abhängig ist? 116

Von den Empfindungen ausgehend, kann man die Linie des Subjektivismus einschlagen, die zum Solipsismus führt („die Körper sind Komplexe oder Verbindungen von Empfindungen"), man kann aber auch die Linie des Objektivismus einschlagen, die zum Materialismus führt (die Empfindungen sind Abbilder der Körper, der Außenwelt). 121

Für den Materialisten sind unsere Empfindungen Abbilder der einzigen und letzten objektiven Realität 123

Unsere Empfindungen für Abbilder der Außenwelt halten, die objektive'Wahrheit anerkennen, auf dem Standpunkt der materialistischen Erkenntnistheorie stehen, das ist ein und dasselbe. 125

Warum spricht Engels hier von „Plattheiten"? Weil er den dogmatischen, metaphysischen Materialisten Dühring widerlegt … Materialist sein heißt die objektive Wahrheit, die uns durch die Sinnesorgane erschlossen wird, anerkennen … Und dieses „auf diese oder jene Weise" trennt eben den metaphysischen Materialisten Dühring von dem dialektischen Materialisten Engels. 127

Noch einmal: Das Bekenntnis zur Welt ist weder eine Glaubensfrage, noch ist es eine Philosophie, sondern ein Reflex auf deren Leugnung. Die Leugnung der Welt ist eine Verrücktheit, die nicht zu widerlegen, sondern zu behandeln ist. Dennoch ist das sich Abbarbeiten an den Weltenleugnern für den werdenden Philosophen keine unnütze Tat. Denn nachdem man diese bunte Schar hinter sich gebracht hat, wird man gegen sie immun und lässt sie rechts liegen.

Denn dann wird man deren Aufgabe kennen, nämlich die Erkenntnis zu verhindern. Und man wird ihre Auftraggeber kennen, die Schlechten und die Dummen. Wie jeder Journalist, wenn er auch sonst nichts weiß, eine sensibles Gespür für das Sagbare den herrschenden Klassen gegenüber hat, nicht anders ist es mit

Wie wenig neu diese Bemühungen sind, die Praxis als nicht zur Erkenntnistheorie gehörend auszusondern, um dem Agnostizismus und dem Idealismus Platz zu machen, zeigt das folgende Beispiel aus der Geschichte der deutschen klassischen Philosophie. Auf dem Wege von Kant zu Fichte steht hier G. E. Schulze (der in der Geschichte der Philosophie sogenannte Aenesidem-Schulze). Er verteidigt offen die skeptische Linie in der Philosophie und bezeichnet sich als Anhänger von Hume (und unter den Alten von Pyrrhon und Sextus). Er leugnet auf das entschiedenste jedes Ding an sich und die Möglichkeit der objektiven Erkenntnis 135

Kapitel III. Die Erkenntnistheorie des dialektischen Materialismus und des Empiriokritizismus. III 139-190

Was heißt etwas „definieren"? Es heißt vor allem, einen gegebenen Begriff auf einen anderen, umfassenderen zurückführen. Wenn ich zum Beispiel definiere: Der Esel ist ein Tier, so führe ich den Begriff „Esel" auf einen umfassenderen Begriff zurück. Es fragt sich nun, gibt es umfassendere Begriffe, mit denen die Erkenntnistheorie operieren könnte, als die Begriffe Sein und Denken, Materie und Empfindung, Physisches und Psychisches? Nein. Das sind die weitestgehenden, die umfassendsten Begriffe, über die die Erkenntnistheorie dem Wesen der Sache nach (wenn man von den stets möglichen Änderungen der "Nomenklatur absieht) bis jetzt nicht hinausgegangen ist. 141

Die duech die Definitionen nach Gattung und Art begrebzten Dinge bilden nur einen kleinen Teil der Dinge. Das Denken des Materialisten kennt noch einen weiteren allumfassenden Begriff, das Leere. Und Materie und Leeres lassen sich auch definieren, aber nicht als Teil des Ganzen wie der Esel als Teil der Tiere, sondern als exklusive Alternativen, die Alles umfassen: Die ganze Materie ist das ganze nicht-Leere. Das ganze Leere ist die ganze nicht-Materie. Hier handelt es sich um Das Prinzip des Seins.

Hier sind einige Worte über die „Einheit der Welt" am Platz. Herr P. Juschkewitsch zeigte bei dieser Frage - zum hundertsten und tausendsten Male - anschaulich die maßlose Konfusion, die unsere Machisten anrichten. Im „Anti-Dühring" sagt Engels, gegen Dühring polemisierend, der die Einheit der Welt aus der Einheit des Denkens ableitete: „Die wirkliche Einheit der Welt besteht in ihrer Materialität, und diese ist bewiesen nicht durch ein paar Taschenspielerphrasen, sondern durch eine lange und langwierige Entwicklung der Philosophie und der Naturwissenschaft." (S. 31.) … Mit einem Menschen, dem so etwas „unklar" ist, ernsthaft zu sprechen, lohnt nicht, denn er redet hier von „Unklarheit", um sich vor einer sachlichen Antwort auf den völlig klaren materialistischen Satz von Engels gaunerhaft zu drücken 169

Die Materie und das Leere erzwingen die Einheit der Welt und sie erzwingen, die Einheit der Welt zu denken, wenn sie selbst gedacht werden. Denn Nichts ist außer ihnen, und Alles ist aus ihnen.

Da der Materialismus die von unserem Bewußtsein unabhängige Existenz der objektiven Realität, d. h. der sich bewegenden Materie, anerkennt, so muß er unvermeidlich auch die objektive Realität von Zeit und Raum anerkennen, zum Unterschied vor allem vom Kantianismus, der in dieser Frage auf der Seite des Idealismus steht und Zeit und Raum nicht für eine objektive Realität, sondern für Formen der menschlichen Anschauung hält, über den fundamentalen Unterschied der beiden philosophischen Grundlinien auch in dieser Frage sind sich die Schriftsteller der verschiedensten Richtungen, wenn sie nur halbwegs konsequente Denker sind, durchaus im klaren … so wie die Dinge oder Körper nicht einfache Erscheinungen, nicht Empfindungskomplexe, sondern objektive Realitäten sind, die auf unsere Sinne einwirken, so sind auch Raum und Zeit keine einfachen Erscheinungsformen, sondern die objektiv-realen Formen des Seins. In der Welt existiert nichts als die sich bewegende Materie, und die sich bewegende Materie kann sich nicht anders bewegen als im Raum und in der Zeit.171

Der letzte Satz postuliert die Notwendigkeit des Raums, sagt aber nicht, was er ist. Die Zeit tritt immer im Huckepack mit dem Raum auf. Am Sein des Raums kann nicht gezweifelt werden, am Sein der Zeit kann gezweifelt werden.

Engels, der den inkonsequenten und konfusen Materialisten Dühring entlarvt, 172

„Denn die Grundformen alles Seins", belehrt Engels Dühring, „sind Raum und Zeit, und ein Sein außer der Zeit ist ein ebenso großer Unsinn, wie ein Sein außerhalb des Raums … Dühring wollte wahrscheinlich nicht weniger aufrichtig Materialist und Atheist sein, als unsere Madiisten Marxisten sein wollen, aber er verstand nicht, den philosophischen Standpunkt, der dem idealistischen und theistischen Unsinn wirklich ganz den Boden unter den Füßen entzogen hätte, konsequent zu vertreten. Da Dühring die objektive Realität von Zeit und Raum nicht oder zumindest nicht klar und eindeutig anerkennt (denn er schwankte und verhaspelte sich in dieser Frage), ist es nicht zufällig, sondern unvermeidlich, daß er auf schiefer Ebene abgleitet und bei der „Endursache" und dem „ersten Anstoß" landet; denn er hat sich des objektiven Kriteriums begeben, das ihn hindert, die Grenzen von Zeit und Raum zu überschreiten." 173

Die einzige Erklärung, die ich für Lenins zartfühlendes Verständnis zu Dühring habe, ist sein (Lenins) recht einfach gestrickter Materialismus.

Wenn man Moleküle, Atome, kurz die chemischen Elemente nicht empfinden kann, so sind sie eben „[das bloß Gedachte]". Ist dem aber so, und haben Raum und Zeit keine objektiv reale Bedeutung, dann ist es klar, daß man durchaus nicht verpflichtet ist, sich die Atome räumlich vorzustellen! Mögen sich Physik und Chemie auf einen Raum von drei Dimensionen, in dem die Materie sich bewegt, „beschränken" - man könne dennoch, um die Elektrizität zu erklären, deren Elemente in einem nicht dreidimensionalen Raum suchen!

Daß unsere Machisten diesen Unsinn von Mach ganz vorsichtig umgehen, obzwar er ihn 1906 wiederholt („Erkenntnis und Irrtum", 2. Aufl., S. 418), ist begreiflich, denn sie wären sonst gezwungen, in aller Schärfe die Frage der idealistischen und der materialistischen Auffassung des Raumes zu stellen, ohne Ausflüchte und ohne Versuche, die Gegensätze zu „versöhnen". 176

Ist die sinnliche Wahrnehmung das einzige Kriterium des Seins, dann gäbe es keine Welt, wenn es keine Menschen und Tiere gäbe. Bei den Positivisten ist die sinnliche Wahrnehmung das einzige Kriterium der Erkenntnis. Ein einfaches Kriterium, die Positivisten und die Weltenleugner zu unterscheiden ist die bereits von Platon als Philosophie des Schweins angedachte Philosophie des Wurms. Die Weltenleugner sind Wurmphilosophen ohne Welt. Die Positivisten sind Wurmphilosophen mit Welt.

Man schaue sich aber die französischen und englischen Vertreter des Empiriokritizismus an, die weniger schwülstig sind als die deutschen Vertreter dieser philosophischen Strömung. Poincaré meint, daß die Begriffe von Raum und Zeit relativ seien und daß folglich (für die Nichtmaterialisten ist das in der Tat „folglich") „nicht die Natur sie" (diese Begriffe) „uns aufdrängt (impose), sondern daß wir sie der Natur aufdrängen, weil wir sie bequem finden" 179

Sowohl Kants als auch Poicarés Leugnung von Raum und Zeit sind durch eine materialistische Raumtheorie mit einem Schlag zu beseitigen. Dann können die Materialisten sagen, es schade nichts, auf die Zeit zu verzichten. Weil Heinrich Hertz durch den Nachweis der elektromagnetischen Wellenausbreitung das Sein des Raums bewiesen hat und der Raum seit diesem Beweis nicht mehr für theologischen Zinnober hätte herhalten können, wie er das zweitausend Jahre zuvor getan hat,Diderot hat einen schönen Artikel über die diversen Äther-Theorien des katholischen Klerus in der »Enzyklopädie« geschrieben. ist es verständlich, dass der Raum verschwinden musste, damit der Zinnober ab nun mit der Zeit veranstaltet werden konnte.

Kapitel IV. Die philosophischen Idealisten als Mitstreiter und Nachfolger des Empiriokritizismus 191-248

Der Grundzug der Kantsdien Philosophie ist die Aussöhnung des Materialismus mit dem Idealismus, ein Kompromiß zwischen beiden, eine Verknüpfung versdiiedenartiger, einander widersprechender philosophischer Richtungen zu einem System. Wenn Kant zugibt, daß unseren Vorstellungen etwas außer uns, irgendein Ding an sich, entspredie, so ist er hierin Materialist. 195

Kein ernstzunehmender Idealist kommt auf die Idee, die Welt zu leugnen. Ja, schon die Hinzufügung der Wörter »außer uns« wäre für jeden ernstzunehmenden Idealisten eine Albernheit, weil sie das Denken zu Leuten in Beziehung setzt, mit denen er sich nicht abgibt. Er wird dadurch nicht zu einem Materialisten, sondern kann nur nicht als verrückt bezeichnet werden. Er wird weiter die Welt mit idealistischen Mitteln zu erklären suchen wie sein materialistischer Gegner es mit seinen Mitteln tut. Hier ist ein Streit möglich. Dort nicht.

Jeder weiß zum Beispiel, was eine menschliche Idee ist, aber eine Idee ohne den Menschen und vor dem Menschen, eine Idee in der Abstraktion, die absolute Idee ist eine theologische Erfindung des Idealisten Hegel. 225

Es ist schwer, sich Äußerungen vorzustellen, die verächtlicher wären als Engels' Äußerungen über Dühring. Sehen wir 240 aber, wie derselbe Dühring zur gleichen Zeit, als ihn Engels kritisierte, von Leclair kritisiert wurde, der die „revolutionierende Philosophie" Machs pries. Für Leclair ist Dühring die „äußerste Linke" des Materialismus, wo „ohne Hehl die Empfindung sowie überhaupt jede Bewußtseins- und Intelligenzbetätigung als Sekretion, Funktion, höchste Blüte, Gesamteffekt u. dergl. des animalen Organismus gilt" (Der Realismus usw., 1879, S. 23/24).

Hat Engels Dühring deswegen kritisiert? Nein. Darin stimmte er mit Dühring wie mit jedem anderen Materialisten vollständig überein. Er kritisierte Dühring von dem diametral entgegengesetzten Standpunkt aus, wegen der Inkonsequenz seines Materialismus, wegen der idealistischen Schrullen, die dem Fideismus ein Hintertürchen offenlassen.

„Die Natur selbst arbeitet in den vorstellenden Wesen und auch von außen her daran, durch eine gesetzmäßige Hervorbringung von zusammenhängenden Anschauungen die erforderliche Kenntnis vom Laufe der Dinge zu vermitteln." Diese Worte Dührings zitiert Leclair und attackiert wütend den Materialismus eines derartigen Standpunktes, die „gröbste Metaphysik" dieses Materialismus, die „Selbsttäuschung" usw. usf. (S. 160 und 161-163).

Hat Engels Dühring deswegen kritisiert? Nein. Er verspottete jede Schwülstigkeit, aber in der Anerkennung der objektiven Gesetzmäßigkeit der Natur, die sich im Bewußtsein widerspiegelt, stimmte Engels mit Dühring wie mit jedem anderen Materialisten vollständig überein …

Hätte Engels gesehen, von welcher Seite Leclair, Arm in Arm mit Mach, darangeht, Dühring zu kritisieren, er hätte diese beiden philo 241 sophischen Reaktionäre mit hundertmal verächtlicheren Ausdrücken belegt als Dühring! Für Leclair war Dühring die Verkörperung des verderblichen Realismus und Materialismus … Gerade umgekehrt für Engels: Dühring war ihm ein zuwenig folgerichtiger, klarer und konsequenter Materialist. 239-241

Lenin erweist Engels und dem Materialismus einen Bärendienst, wenn er Dühring, nur weil er nicht verrückt ist, als Materialisten bezeichnet. Das Sein lacht uns dafür aus, sowohl, wenn wir es zugeben, als auch, wenn wir es leugnen. Das liegt weder in unserem, noch im Ermessen eines Spatzenhirns wie Dühring. Das Sein ist. Punctum. Lenins ständige Wiederholung »des Materialisten Dühring« verärgert. Das wird nur durch Lenins berechtigten Zorn auf die noch unter Dühring stehenden Buchstabenabsonderer gemildert. Engels’ zusammenfassendes Urteil über Dührung lautet: Unzurechnungsfähigkeit aus Größenwahn

Daß man in den Begriff der Materie auch die Gedanken einzubeziehen habe, wie es Dietzgen in den „Streifzügen" (S. 214 des zit. Buches) wiederholt, ist eine Konfusion, denn dadurch verliert die erkenntnistheoretische Gegenüberstellung von Materie und Geist, von Materialismus und Idealismus ihren Sinn, eine Gegenüberstellung, auf der Dietzgen selbst besteht. 244

Hier nähert sich Lenin dem jungen Sokrates aus Platons Parmenides, der voller Freude über seine Entdeckung ist, mit den Formen etwas von der Materie Verschiedenes und dennoch Seiendes gefunden zu haben. Das ist der wissenschaftliche Idealismus, der in der Mathematik seinen passenden Ausdruck findet.

Kapitel V. Die neueste Revolution in der Naturwissenschaft und der philosophische Idealismus , .. 249-316

der Begriff Materie bedeutet, wie wir bereits sagten, erkenntnistheoretisch nichts anderes als: die unabhängig vom menschlichen Bewußtsein existierende und von ihm abgebildete objektive Realität …

Mag vom Standpunkt des „gesunden Menschenverstandes" die Verwandlung des unwägbaren Äthers in wägbare Materie und umgekehrt noch so wunderlich, das Fehlen jeder anderen als der elektromagnetischen Masse beim Elektron noch so „seltsam", die Beschränkung der mechanischen Bewegungsgesetze auf nur ein Gebiet der Naturerscheinungen und ihre Unterordnung unter die tieferen Gesetze der elektromagnetischen Erscheinungen noch so ungewöhnlich sein usw. - das alles ist nur eine weitere "Bestätigung des dialektischen Materialismus. 261

Das Leere ist die nicht-Materie, und es ist. Materialismus = Materie ist die Gleichung etwa der scholatischen Philosophie.

Die ganzen sich Krise der Physik nennenden Kinkerlitzchen sind durch die Anerkennung des Leeren und den Schlussfolgerungen daraus hinfällig. So ist die Masse Null nur der Scheidepunkt zwischen der trägen Masse > 0 und den unendlich vielen Graden der Masse < 0 des Raums (Äthers), bis hin zur Masse minus unendlich des Leeren. Das Schwere genannte Ziehen der negativen Masse des Raums, das umso größer wird, je dicker wir sind, spüren wir jede Sekunde von der Wiege bis zur Bahre. Mit dem Leeren hat sich die KPdSU genauso schwer getan wie die Sklavenhalter-, Feudal- und Bourgeoisphilosophie. Dabei ist es doch eine der nur zwei Entitäten des Materialismus. Oder sollte das der Grund sein?

Und durch keinerlei Argumente, Syllogismen, Definitionen kann man den Solipsisten widerlegen, wenn er konsequent bei seiner Auffassung bleibt. 267

Lenin zitiert den Präsidenten der physikalischen Sektion der englischen Naturforscher in Glasgow Arthur W. Rücker aus einem Vortrag von 1901:

„Diejenigen, die die Bedeutung der bisher für den Fortschritt der wissenschaftlichen Theorie maßgebenden Ideen herabsetzen, nehmen allzuoft an, daß es keine andere Wahl gäbe als zwischen den zwei entgegengesetzten Behauptungen: daß Atome und Äther bloße Fiktionen der wissenschaftlichen Einbildung seien oder daß eine mechanische Theorie der Atome und des Äthers - die jetzt noch unvollendet ist, aber falls sie vollendet werden könnte - uns eine vollständige und adäquate Vorstellung von den Realitäten liefern würde. Meiner Ansicht nach gibt es einen Mittelweg." 277

Nein, keinen Mittelweg, sondern einen anderen Weg. Die unendlich schnellen unenelich kleinen Atome und das Leere sind der Äther oder der Raum.

Es ist interessant, Hertz' Ansicht über die Energetik zu vermerken. „Fragen wir", schrieb er, „nach dem eigentlichen Grunde, aus welchem die Physik es heutzutage liebt, ihre Betrachtungen in der Ausdrucksweise der Energielehre zu halten, so dürfen wir antworten: weil sie es auf diese Weise am besten vermeidet, von Dingen zu reden, von welchen sie sehr wenig weiß . . . Nun sind wir ja allerdings gegenwärtig überzeugt davon, 286 daß die wägbare Materie aus Atomen besteht; auch haben wir von der Größe dieser Atome und ihren Bewegungen in gewissen Fällen einigermaßen bestimmte Vorstellungen. Aber die Gestalt der Atome, ihr Zusammenhang, ihre Bewegungen in den meisten Fällen, alles dies ist uns gänzlich verborgen... Unsere Vorstellung von den Atomen ist daher selbst ein wichtiges und interessantes Ziel weiterer Forschung, keineswegs aber ist sie besonders geeignet, als bekannte und gesicherte Grundlage mathematischer Theorien zu dienen." (1. c, III, 21.) Hertz erwartete von der weiteren Erforschung des Äthers die Klärung „des Wesens der alten Materie, ihrer Schwere und Trägheit" (I, 354).

Hieraus ist ersichtlich, daß die Möglichkeit einer nichtmaterialistischen Auffassung der Energie Hertz gar nicht in den Sinn kommt. 285, 286

Die elektromagnetische Lichttheorie hat den Beweis erbracht, daß Licht und Elektrizität Formen der Bewegung ein und desselben Stoffes (des Äthers) sind … Dieser Ansicht ist die Naturwissenschaft. Die Empfindung von rot ist eine Widerspiegelung von Ätherschwingungen mit einer Geschwindigkeit von ungefähr 450 Billionen in der Sekunde. Die Empfindung von blau widerspiegelt Ätherschwingungen von etwa 620 Billionen in der Sekunde. Die Ätherschwingungen existieren unabhängig von unseren Lichtempfindungen. Unsere Lichtempfindungen hängen von der Wirkung der Ätherschwingungen auf das menschliche Sehorgan ab. Unsere Empfindungen widerspiegeln die objektive Realität, d. h. das, was unabhängig von der Menschheit und von den menschlichen Empfindungen existiert. 304

Wir haben gesehen, daß die Frage nach den erkenntnistheoretischen Schlußfolgerungen aus der modernen Physik sowohl in der englischen als auch in der deutschen und in der französischen Literatur aufgeworfen worden ist und unter den verschiedensten Gesichtspunkten erörtert wird. Es kann keinem Zweifel unterliegen, daß wir es hier mit einer gewissen internationalen geistigen Strömung zu tan haben, die nicht allein von irgendeinem einzelnen philosophischen System abhängt, sondern gewissen allgemeinen, außerhalb der Philosophie liegenden Ursachen entspringt. 305

Es ist aber im höchsten Grade bezeichnend, wie der Ertrinkende sich an einen Strohhalm klammert, mit welchen raffinierten Mitteln die Vertreter der gebildeten Bourgeoisie versuchen, für den Fideismus, der in den unteren Schichten der Volksmassen durch die Unwissenheit, durch die Unterdrückung und durch die widersinnige Barbarei der kapitalistischen Widersprüche erzeugt wird, künstlich ein Plätzchen zu bewahren oder ausfindig zu machen. 311

Mit einem Wort, der „physikalische" Idealismus von heute bedeutet genauso wie der „physiologische" Idealismus von gestern nur, daß eine bestimmte Schule von Naturforschern in einem bestimmten Zweig der Naturwissenschaft zu einer reaktionären Philosophie abgeglitten ist, weil sie nicht vermochte, sich direkt und von Anfang an vom metaphysischen Materialismus zum dialektischen Materialismus zu erheben.Der berühmte Chemiker William Ramsay sagt: „Ich bin oft gefragt worden: Ist die Elektrizität nicht eine Schwingung? Wie ist es möglich, die drahtlose Telegrafie durch die Fortbewegung von kleinen Teilchen oder Korpuskeln zu erklären? Die Antwort darauf lautet: Elektrizität ist ein Ding; sie besteht" (hervorgehoben von Ramsay) „aus diesen winzigen Korpuskeln, und wenn diese Korpuskeln irgendein Objekt verlassen, so breitet sich im Äther eine Welle ähnlich der Lichtwelle aus, und diese Welle wird für die drahtlose Telegrafie benutzt." ("William 'Ramsay, „Essays Biographical and Chemical", London 1908, p. 126.) Nachdem Ramsay die Verwandlung von Radium in Helium geschildert hat, bemerkt er: „Wenigstens kann ein sogenanntes Element nicht länger als letzte Materie betrachtet werden, da es sich selbst in eine einfachere Form der Materie verwandelt." (p. 160.) „Es ist fast gewiß, daß die negative Elektrizität eine bestimmte Art Materie ist; Die moderne 316 Physik macht diesen Schritt und wird ihn vollziehen, aber sie steuert auf diese einzig richtige Methode und einzig richtige Philosophie der Naturwissenschaft nicht direkt hin, sondern im Zickzack, nicht bewußt, sondern spontan, wobei sie ihr „Endziel" nicht klar sieht, sondern sich ihm tastend, schwankend nähert, manchmal sogar mit dem Rücken voran. Die moderne Physik liegt in Geburtswehen. Sie ist dabei, den dialektischen Materialismus zu gebären. Die Entbindung verläuft schmerzhaft. Außer dem lebendigen und lebensfähigen Wesen kommen unvermeidlich gewisse tote Produkte, einige Abfälle zum Vorschein, die in die Kehrichtgrube gehören. Zu diesen Abfällen gehört der ganze physikalische Idealismus, die ganze empiriokritische Philosophie samt dem Empiriosymbolismus, Empiriomonismus usw. usf. 315, 316

Kapitel VI. Empiriokritizismus und historischer Materialismus .. 317-361

Die russischen Machisten teilen sich, wie wir bereits gesehen haben, in zwei Lager: Herr W. Tschernow und die Mitarbeiter des „Russkoje Bogatstwo" sind wirkliche und konsequente Gegner des dialektischen Materialismus sowohl in der Philosophie als auch in der Geschichte. Die andere, uns hier am meisten interessierende Gesellschaft von Machisten, die Marxisten sein möchten, befleißigt sich auf jede Art und Weise, den Lesern zu versichern, der Machismus sei mit dem historischen Materialismus von Marx und Engels vereinbar. 317

Als Helmut Schmidt zusammen mit Otto Lambsdorff den bis heute andauernden Raubzug gegen die Löhne und die Rechte der deutschen Arbeiter begann, hat er sich mit dem Positivisten Karl Popper geschmückt, um einen auf Kultur zu machen, wie sich die Sozialdemokraten dereinst mit Eugen Dühring geschmückt haben, um Marx zu vertilgen. Popper kam an den Höfen und Parlamenten Europas zu Ehren, indem er mit einem Erlebnis hausieren ging, das er als junger »Kommunist« hatte: Auf einer Demonstration wurden zwei seiner Genossen von der Polizei erschossen. Daraus zog er den Schluss über die Gewalttätigkeit und Verwerflichkeit – des Kommunismus. Das war bereits zu einem Zeitpunkt, an dem die Sozialdemokratie so auf den Hund gekommen war, dass sie nur noch mit einem Beißzwang gegen jeden marxistischen Gedanken reagierte aber die absurdesten Typen an der Hand hatte, die ihnen das ich-war-auch-mal-einer-Gefühl gegeben haben.

Der Materialismus überhaupt anerkennt das objektiv reale Sein (die Materie), das unabhängig ist von dem Bewußtsein, der Empfindung, der Erfahrung usw. der Menschheit. Der historische Materialismus anerkennt das gesellschaftliche Sein als unabhängig vom gesellschaftlichen Bewußtsein der Menschheit. 329

Hinter einem Haufen neuer terminologischer Spitzfindigkeiten, hinter dem Schutt gelahrter Scholastik fanden wir immer, ausnahmslos, die zwei Grundlinien, die zwei 340 Grundrichtungen bei der Lösung der philosophischen Fragen. Ob man als das Primäre die Natur, die Materie, das Physische, die Außenwelt ansieht und Bewußtsein, Geist, Empfindung (nach der heutzutage verbreiteten Terminologie: Erfahrung), Psychisches u. dgl. als das Sekundäre betrachtet - das ist die Grundfrage, die in der Jat nach wie vor die Philosophen in zwei große Lager trennt. …

Die Genialität von Marx und Engels liegt gerade darin, daß sie im Laufe einer sehr langen Periode, fast eines halben Jahrhunderts, den Materialismus weiterentwickelt, die eine philosophische Grundrichtung vorwärtsgetrieben, sich nicht bei der Wiederholung bereits gelöster erkenntnistheoretischer Probleme aufgehalten, sondern den Materialismus konsequent durchgesetzt haben - daß sie gezeigt haben, wie man denselben Materialismus auf dem Gebiet der Gesellschaftswissenschaften durchsetzen muß, und den Unsinn, den gespreizten, prätentiösen Galimathias, die zahllosen Versuche, eine „neue" Linie in der Philosophie zu „entdekken", eine „neue" Richtung zu erfinden usw., wie Kehricht schonungslos hinwegfegten. Der rein sprachliche Charakter derartiger Versuche, die scholastische Spielerei mit neuen philosophischen „Ismen", die Verdunkelung des Wesentlichen durch verschrobene Spitzfindigkeiten, das Unvermögen, den Kampf der beiden erkenntnistheoretischen Grundrichtungen zu begreifen und klar darzustellen - das war es, was Marx und Engels während ihrer ganzen Tätigkeit verfolgten und unerbittlich bekämpften. 339, 340

Den ganzen Kampf gegen Dühring führte Engels vollständig unter der Losung der konsequenten Einhaltung des Materialismus, wobei er den Materialisten Dühring beschuldigte, daß dieser das Wesen der Sache durch Wortschwall verdunkelte, 342

Keinem einzigen dieser Professoren, die auf Spezialgebieten der Chemie, der Geschichte, der Physik die wertvollsten Arbeiten liefern können, darf man auch nur ein einziges Wort glauben, sobald er auf Philosophie zu sprechen kommt. Warum? Aus dem nämlichen Grunde, aus welchem man keinem einzigen Professor der politischen Ökonomie, der imstande ist, auf dem Gebiet spezieller Tatsachenforschung die wertvollsten Arbeiten zu liefern, auch nur ein einziges Wort glauben darf, sobald er auf die allgemeine Theorie der politischen Ökonomie zu sprechen kommt. Denn diese letztere ist eine ebenso parteiliche Wissenschaft in der modernen Gesellschaft wie die Erkenntnistheorie. Im großen und ganzen sind die Professoren der politischen Ökonomie nichts anderes als die gelehrten Kommis der Kapitalistenklasse und die Philosophieprofessoren die gelehrten Kommis der Theologen. 347

Der ganze Machismus kämpft von Anfang bis zu Ende gegen die „Metaphysik" der Naturwissenschaft, wobei er unter dieser Bezeichnung den naturwissenschaftlichen Materialismus versteht, d. h. die spontane, nicht erkannte, ungeformte, philosophisch-unbewußte Überzeugung der überwiegenden Mehrzahl der Naturforscher von der durch unser Bewußtsein widergespiegelten objektiven Realität der Außenwelt. 351

„Die Weltmaschine" (London and New York 1907; Karl Snyder, „The World Machine") spielt Snyder darauf an, daß sein Buch dem Andenken Demokrits von Abdera gewidmet ist, der ungefähr 460-360 v. Chr. lebte, und schreibt: „Demokrit ist öfters der Ahnherr des Materialismus genannt worden. Es ist das eine Philosophenschule, die heute ein wenig aus der Mode gekommen ist; doch verdient es erwähnt zu werden, daß praktisch alle modernen Fortschritte unserer Ideen über die Welt auf seinen Begriffen sich aufbauten. Praktisch gesprochen (practically speaking) sind materialistische Annahmen bei physikalischen Forschungen einfach unvermeidlidh (unescapable)." (p. 140 [S. 136].)Im vorliegenden Band zitiert nach der deutschen Ausgabe Leipzig 1908. Der Übers, 358

Soll man sich da wundern, daß Rudolf Willy im Jahre 1905 gegen Demokrit loszieht, als wäre dieser Feind noch am Leben, womit er ausgezeichnet die Parteilichkeit der Philosophie demonstriert und wieder und wieder seine wahre Stellung in diesem Parteikampf offenbart! „Gewiß", schreibt er, „hatte Demokrit kein Bewußtsein davon, daß die Atome und der leere Raum lediglich fiktive Begriffe sind, die |bloße Handlangerdienste| verrichten und nur aus Gnaden der Zweckmäßigkeit - solange sie sich als brauchbar erweisen - ihr Dasein fristen. So frei war Demokrit nicht; aber auch unsere modernen Naturforscher - von einigen Ausnahmen abgesehen - sind es nicht. Der Glaube des alten Demokrit ist auch der Glaube unserer Naturforscher." (1- c-, S. 57.) 359

Das ist die einzige Stelle im Buch über das Leere.

Schluss

Eine Minderheit der modernen Physiker ist unter dem Eindruck des durch die großen Entdeckungen der letzten Jahre hervorgerufenen Zusammenbruchs der alten Theorien, unter dem Eindruck der Krise der modernen Physik, die besonders anschaulich die Relativität unseres Wissens gezeigt hat, und infolge der Unkenntnis der Dialektik über den Relativismus zum Idealismus hinabgeglitten. Der zur Mode gewordene physikalische Idealismus unserer Tage ist eine ebenso reaktionäre und ebenso kurzlebige Leidenschaft wie der modische physiologische Idealismus der jüngsten Vergangenheit.

Viertens kann man nicht umhin, hinter der erkenntnistheoretischen Scholastik des Empiriokritizismus den Parteienkampf in der Philosophie zu sehen, einen Kampf, der in letzter Instanz die Tendenzen und die Ideologie der feindlichen Klassen der modernen Gesellschaft zum Ausdruck bringt. 363