LW13-1907-08.1982.pdf Der Internationale Sozialistenkongreß in Stuttgart 66-73S. 512 30 Der Stuttgarter Kongreß der II. Internationale tagte vom 18. bis 24. August 1907. An dem Kongreß nahmen 884 Delegierte, Vertreter von sozialistischen Parteien und Gewerkschaften, teil. Die SDAPR war durch 37 Delegierte vertreten.Von den Bolschewiki nahmen W . I . Lenin, M-M. Litwinow, A. W.Lunatscharski n. a. teil.
Der Kongreß beschäftigte sieh mit folgenden Fragen: 1. der Militarismus und die internationalen Konflikte, 2. die Beziehungen zwischen den politischen: Parteien und den Gewerkschaften; 3. die Kolonialfräge, 4. die Ein-und Auswanderung der Arbeiter und 5. Frauenstimmrecht.
W. I. Lenin nahm zum erstenmal an einem internationalen Sozialistenkongreß teil. Er arbeitete in der Kommission zur Frage „Der Militarismus und die-internationalen Konflikte" mit und führte während des Kongresses Beratungen mit den hervorragendsten Vertretern der revolutionären Kräfte (Clara Zetkin, Rosa Luxemburg u . a . ) über die Grundsätze und die Taktik für ihre Haltung auf dem Kongreß durch.

Der Internationale Sozialistenkongreß, der im August dieses Jahres in Stuttgart tagte, zeichnete sich durch außerordeatlich zahlreiche Beteiligung und vollständige Vertretung aus. Alle fünf Erdteile entsandten ihre Delegierten, deren Gesamtzahl sich auf 886 belief. Doch war der Kongreß nicht nur eine grandiose Demonstration der internationalen Einheit des proletarischen Kampfes, sondern, er spieltet auch im Hinblick auf die Festlegung der Taktik der sozialistischen Parteien, eine hervorragende Rolle. Zu einer ganzen Reihe von Fragen, die bisher ausschließlich im Rahmen der einzelnen sozialistischen Parteien entschieden wurden, faßte der Kongreß allgemeingültige Resolutionen. In dieser zunehmenden. Anzahl von Fragen, die für. die verschiedenen Länder eine einheitliche prinzipielle Lösung erheischen, tritt der Zusammenschluß des Sozialismus zu einer einheitlichen internationalen Kraft besonders, deutlich zutage.

… An dieser Stelle aber wollen wir auf jede einzelne [Resolution] kurz eingehen, um die wichtigsten Streitfragen und den Charakter der Debatten des Kongresses hervorzuheben.

Nicht zum erstenmal beschäftigt die Kolonialfrage internationale Kongresse. Bisher bestanden ihre Beschlüsse stets darin, daß die bürgerliche Kolonialpolitik als Ausplünderungs- und Gewaltpolitik aufs schärfste verurteilt wurde. Diesmal aber war die entsprechende Kommission des Kongresses derartig zusammengesetzt, daß opportunistische Elemente, mit dem Holländer van Kol an der Spitze, in ihr die Oberhand gewannen. In den Resolutionsentwurf wurde der Satz eingefügt, daß der Kongreß nicht prinzipiell jede Kolonialpolitik verwerfe, die unter sozialistischem Regime zivilisatorisch wirken könne. Die Minderheit der Kommission (der 67 Deutsche Ledebour, die polnischen und russischen Sozialdemokraten, und viele andere) protestierten energisch gegen die Zulässigkeit eines solchen Gedankens. Die Frage wurde dem Kongreß zur Entscheidung vorgelegt, und die Kräfte der beiden Strömungen erwiesen sich als zahlenmäßig derartig ausgeglichen, daß der Kampf mit beispielloser Leidenschaftlichkeit entbrannte.

Die Opportunisten scharten sich um vav Kol. Im Namen der Mehrheit der deutschen Delegation sprachen Bernstein und David für die Anerkennung der "sozialistischen Kolonialpolitik" und wetterten gegen die Radikalen, weil sie einen unfruchtbaren negativen Standpunkt bezögen, kein Verständnis zeigten.für die Bedeutung von Reformen, kein praktisches Kolonialprogramm vorzuweisen hätten-usw. Ihnen erwiderte unter anderem Kautsky, dersich genötigt sah, den Kongreß, zu ersuchen, sich gegen die Mehrheit der deutschen Delegation auszusprechen. Er wies mit Recht darauf hin, daß von einer Ablehnung des Kampfes um Reformen keine Rede sei: in den übrigen Teilen der Resolution, die keine Diskussion hervorgerufen hätten, sei dies mit.aller Bestimmtheit ausgesprochen. Es handle sich darum, ob wir dem heutigen bürgerlichen Ausplünderungs-und Gewaltregime Zugeständnisse machen sollten. Zur Erörterung auf dem Kongreß stehe die heutige Kolonialpolitik, diese Politik aber fuße auf;direkter Knechtung der Wilden: die Bourgeoisie führe faktisch in den Kolonien die Sklaverei ein, setze die Eingeborenen unerhörten Mißhandlungen und Vergewaltigungen aus, "zivilisiere" sie durch die Verbreitung von Schnaps und Syphilis. Und angesichts dieser Sachlage redeten Sozialisten in gewundenen Phrasen von der Möglichkeit einer prinzipiellen Anerkennung der Kolonialpolitik! Das würde den direkten, Übergang zum bürgerlichen Standpunkt bedeuten. Das würde heißen, einen entschiedenen Schritt zu tun, um das Proletariat der bürgerlichen Ideologie, dem bürgerlichen Imperialismus, der heute besonders stolz sein Haupt erhebe, unterzuordnen.

Der Kommissionsantrag:wurde auf. dem Kongreß mit 128 gegen 108 Stimmen bei 10 Stimmenthaltungen (Schweiz) zu Fall gebracht Es sei hier bemerkt, daß in Stuttgart den einzelnen Nationen zum erstenmal bei den Abstimmungen verschiedene Stimmenzahlen zugesprochen wurden — von 20 Stimmen an (große Nationen, darunter auch Rußland) bis herunter zu 2 (Luxemburg). Die kleinen Nationen, die entweder keine Kolonial 68 politik treiben oder aber unter ihr leiden, überwogen in ihrer Gesamtheit diejenigen Staaten, die sogar das Proletariat in gewissem Grad mit der Sucht nach Eroberungen angesteckt haben.

Diese Abstimmung in der Kolonialfrage ist von außerordentlicher Bedeutung. Erstens stellt sie eine besonders anschauliche Selbstentlarvung des sozialistischen Opportunismus dar, der den bürgerlichen Lockungen nicht zu widerstehen vermag. Zweitens trat hier ein negativer Zug der europäischen Arbeiterbewegung zutage, der geeignet ist, der Sache des Proletariats nicht geringen Schaden zuzufügen, und daher ernste Beachtung verdient. Marx hat mehrfach auf einen Ausspruch Sismondis hingewiesen, der von größter Bedeutung ist. Die Proletarier des Altertums - so lautet dieser Ausspruch - lebten auf Kosten der Gesellschaft. Die moderne Gesellschaft lebt auf Kosten der Proletarier.32 S. 513 Siehe … Karl Marx/Friedrich Engels, Werke, Bd. 23, Berlin 1969, S. 621 [Anm. 37].

Die Klasse der zwar Besitzlosen, aber nicht Werktätigen, ist nicht fähig, die Ausbeuter zu stürzen. Nur die Klasse der Proletarier, von deren Arbeit die ganze Gesellschaft lebt, ist imstande, die soziale Revolution zu vollziehen. Nun hat aber die ausgedehnte Kolonialpolitik dazu geführt, daß der europäische Proletarier zum Teil in eine solche Lage geraten ist, daß die Gesellschaft als Ganzes nicht von seiner Arbeit, sondern von der Arbeit der fast zu Sklaven herabgedrückten kolonialen Eingeborenen lebt. Die englische Bourgeoisie zum Beispiel zieht aus den Millionen und aber Millionen der Bevölkerung Indiens und anderer Kolonien größere Profite als aus den englischen Arbeitern. Unter solchen Verhältnissen entsteht in bestimmten Ländern die materielle, ökonomische Grundlage, um das Proletariat des einen oder anderen Landes mit dem Kolonialchauvinismus anzustecken. Dies kann natürlich nur eine vorübergehende Erscheinung sein, nichtsdestoweniger aber muß man das Übel klar erkennen, seine Ursachen begreifen, um das Proletariat aller Länder zum Kampf gegen einen solchen Opportunismus zusammenschließen zu können. Und dieser Kampf wird unausbleiblich zum Siege führen, denn die "privilegierten" Nationen bilden in der Gesamtheit der kapitalistischen Nationen einen immer geringeren Teil. 66-68

Der Internationale Sozialistenkongreß in Stuttgart 74-85

Der kürzlich beendete Kongreß m Stuttgart war der zwölfte Kongreß der proletarischen Internationale. Die ersten fünf Kongresse fallen in die Zeit der ersten Internationale (1866-1872), die unter der Führung von Marx stand, der - um den treffenden Ausdruck Bebels zu gebrauchen - versucht hatte, die internationale Einheit des kämpfenden Proletariats von oben her zu verwirklichen. Dieser Versuch konnte keinen Erfolg haben, solange sich nicht nationale sozialistische Parteien herausgebildet hatten, solange sie nicht erstarkt waren, doch die Tätigkeit der ersten Internationale erwies der Arbeiterbewegung aller Länder große Dienste und hinterließ bleibende Spuren.

Die zweite Internationale beginnt mit dem Pariser Internationalen Sozialistenkongreß von 1889. Auf den nachfolgenden Kongressen in Brüssel (1891), Zürich (1893), London (1896), Paris (1900) und Amsterdam (1904) erstarkte diese sich auf festgefügte nationale Parteien stützende neue Internationale endgültig. In Stuttgart versammelten sich 884 Delegierte von 25 Völkern Europas, Asiens (Japan und ein Teil aus Indien), Amerikas, Australiens und Afrikas (ein Delegierter aus Südafrika).

Die große Bedeutung des Internationalen Sozialistenkongresses in Stuttgart besteht gerade darin, daß er die endgültige Festigung der zweiten Internationale und die Umwandlung der internationalen Kongresse in sachliche Tagungen manifestiert, die auf Charakter und Richtung der sozialistischen Tätigkeit in der ganzen Welt von größtem Einfluß sind. Formell sind die Beschlüsse der internationalen Kongresse für die einzelnen Nationen nicht bindend, doch ist ihre moralische Bedeutung so groß, daß die Nichtbefolgung der Beschlüsse in Wirklichkeit eine Ausnahme ist, 77 eine kaum weniger seltene Ausnahme als die Fälle, wo einzelne Parteien die Beschlüsse ihrer eigenen Parteitage nicht befolgen. Der Amsterdamer Kongreß setzte die Vereinigung der französischen Sozialisten durch, und seine Resolution gegen den Ministerialismus brachte tatsächlich den Willen des klassenbewußten Proletariats der ganzen Welt zum Ausdruck, bestimmte die Politik der Arbeiterparteien.

Der Stuttgarter Kongreß tat in der gleichen Richtung einen großen Schritt vorwärts und erwies sich iit einer ganzen Reihe wichtiger Fragen als die oberste Instanz für die Festlegung der politischen Linie des Sozialismus. Diese Linie legte der Stuttgarter Kongreß noch entschiedener als der Amsterdamer im Sinne der revolutionären Sozialdemokratie gegen den Opportunismus fest. Die von Clara Zetkin redigierte Zeitschrift der deutschen sozialdemokratischen Arbeiterinnen, "Die Gleichheit", bemerkt dazu treffend: „...in sämtlichen Fragen haben die besonderen Abweichungen einzelner sozialistischer Parteien nach der opportunistischen Seite hin durch das Zusammenwirken der Sozialisten aller Länder eine kräftige Korrektur im revolutionären Sinne erfahren."

Eine bemerkenswerte und traurige Erscheinung war hierbei, daß. die deutsche Sozialdemokratie, die bisher stets die revolutionäre Auffassung im Marxismus vertreten hatte, diesmal schwankte oder sich auf einen opportunistischen Standpunkt stellte; Der Stuttgarter Kongreß erbrachte die Bestätigung einer tiefgründigen Bemerkung von Engels über die deutsche Arbeiterbewegung. Am 29. April 1886 schrieb Engels an Sorge, den Veteranen der ersten Internationale: „überhaupt ist es gut, daß den Deutschen, namentlich seit sie so viel Philisterelemente gewählt (was freilich unvermeidlich), die Führung etwas streitig gemacht wird. In Deutschland wird alles in ruhigen Zeiten philisterhaft; da ist der Stachel der französischen Konkurrenz absolut nötig. Und der wird nicht fehlen."36 S. 514 Siehe Karl Marx/Friedrich Engels, Werke, Bd. 36, Berlin 1967, S. 478 [Berlin 1979, S. 479].

Am Stachel der französischen Konkurrenz fehlte es in Stuttgart nicht, und dieser Stachel erwies sich tatsächlich als notwendig, denn die Deutschen legten nicht wenig Philistergeist an den Tag. Die russischen Sozialdemokraten müssen dies ganz besonders beachten, denn unsere Liberalen (und nicht nur die Liberalen allein) geben sich alle erdenkliche Mühe, gerade die am wenigsten glänzenden Seiten der deutschen Sozialdemokratie als ein nachahmenswertes Beispiel hinzustellen. Die hervorragendstenund einsichtigsten Führer der Gedankenwelt der deutschen Sozial 78 demokratie haben diese Tatsache selber hervorgehoben und, jede falsche Scham beiseite werfend, ausdrücklich warnend auf sie hingewiesen. "In Amsterdam", schreibt das Organ Clara-Zetkuis,-„war es die Dresdener Resolution,' die das revolutionäre Leitmotiv der Verhandlungen des proletarischen Weltparlaments "bildete, in Stuttgart waren die Rede Vollmars in der Militärkommission, Päplows in der Einwanderungskommissiön, Davids" (und Bernsteins,, fügen wir von uns aus hinzu)' „in der Kolonialkommission peinliche opportunistische Mißtönfe des Kongresses. In den meisten Fragen und Kommissionen waren die Vertreter Deutschlands diesmal die Wortführer des Opportunismus," Und Karl Kautsky schreibt über deri.Stuttgarter Kongreß: „ . . . von der führenden Rolle; die bisher die deutsche Sozialdemokratie in der zweiten Internationale tatsächlich einnahm, war diesmal nichts mehr zu merken." 74, 77-78

Auch in der Frage der Ein- und Auswanderung sind in der Kommission des Stuttgarter Kongresses die Meinungsverschiedenheiten zwischen Opportunisten und Revolutionären mit aller Deutlichkeit zutage getreten. Die ersten trugen .sich mit dem Gedanken, das Übersiedlungsrecht der rückständigen, unentwickelten Arbeiter, insbesondere der Japaner und Chinesen, zu beschränken. Der Geist zünftlerisch beschränkter Abgeschlossenheit, trade-unionistischer Exklusivität war bei solchen Leuten stärker als das Bewußtsein der sozialistischen Aufgaben: Aufklärung und Organisierung der von der Arbeiterbewegung noch nicht erfaßten Schichten des Proletariats. Der Kongreß lehnte alle dahingehenden Bestrebungen ab. Selbst in der Kommission gab es nur ganz vereinzelte Stimmen zugunsten einer Beschränkung der Übersiedlungsfreiheit, und die Resolution des Internationalen Kongresses ist von der Anerkennung des solidarischen Klassenkampfes der Arbeiter aller Länder bestimmt.. 81

Vorwort zum Sammelband „12 Jahre" 86-10538 S. 514 Im Jahre 1907 plante der Buchverlag „Semo" (Das Samenkorn), eine dreibändige Sammlung von Lenins Schriften unter dem Gesamttitel „12 Jahre" herauszugeben. Von den geplanten drei Bänden konnten nur der erste Band und der erste Teil des zweiten Bandes herausgegeben werden.

Ich habe eben den engen Rahmen der Zirkel in der Zeit der alten „Iskra" erwähnt (Ende 1903, mit Nr. 51, machte die „Iskra" eine Schwenkung zum Menschewismus und verkündete:.„Zwischen der alten und der neuen ,Iskra’ liegt ein Abgrund" — das -sind die Worte Trotzkis in einer von der menschewistischen Redaktion der „Iskra" gebilligten Broschüre). 96

Von den Debatten auf dem zweiten Parteitag der sozialdemokratischen Partei will ich die über das Agrarprogramm erwähnen. Die Ereignisse haben zweifellos bewiesen, daß unser damaliges Programm' (Rückgabe der Bodenabschnitte) unverhältnismäßig beschränkt war und die Kräfte der revolutionär-demokratischen Bauernbewegung unterschätzte. Darüber werde ich im zweiten Band der vorliegenden Veröffentlichung ausführlicher sprechen.Siehe den vorliegenden Band, S. 254/255, Die Red. Hier aber ist wichtig zu betonen, daß auch dieses unverhältnismäßig beschränkte Agrarprogramm dem rechten Flügel der sozialdemokratischen Partei damals als zu weitgebend erschien. 101

In allen kapitalistischen Ländern ist das Proletariat unvermeidlich durch Tausende von Übergangsstufen mit seinem Nachbarn von rechts, dem Kleinbürgertum, verbunden. In allen Arbeiterparteien bildet sich unvermeidlich ein mehr oder minder deutlich umrissener rechter Flügel, der in seinen Auffassungen, in seiner Taktik, in seiner organisatorischen „Linie" die Tendenzen des kleinbürgerlichen Opportunismus zum Ausdruck bringt. In einem so kleinbürgerlichen Land wie Rußland, in der Periode der bürgerlichen Revolution/in der Periode der ersten Artsätze der jungen Sozialdemokratischen Arbeiterpartei mußten diese Tendenzen viel schroffer, bestimmter und auf fallender in Erscheinung treten als irgendwo sonst in Europa. Es gilt, sich mit den verschiedenen Erscheinungsformen dieser Tendenz innerhalb der russischen Sozialdemokratie in ihren verschiedenen Entwicklungsperioden bekannt zu machen, um den revolutionären Marxismus zu festigen, um die russische Arbeiterklasse für ihren Befreiungskampf zu stählen. 105

Revolution und Konterrevolution 106-115

Im Oktober 1905 erlebte Rußland den höchsten revolutionären Aufschwung. Das Proletariat fegte die Bulyginsche Duma hinweg und zog breite Volksmassen in den direkten Kampf gegen die Selbstherrschaft hinein. Im Oktober 1907 haben wir den wahrscheinlich größten Tiefstand des offenen Massenkampfes zu verzeichnen. Doch die Periode des. Niedergangs, die nach der Dezemberniederlage, von 1905 einsetzte, brachte nicht nur die Blüte der konstitutionellen Illusionen, sondern auch ihren vollen Zusammenbruch mit sich. Die dritte Duma, die nach-der Auseinanderjagung zweier Dumas und nach dem Staatsstreich vom 3. Juni einberufen wird, setzt der Periode des Glaubens an ein friedliches Zusammenleben der Selbstherrschaft mit der Volksvertretung ein eindeutiges Ende und eröffnet eine neue Epoche in der Entwicklung der Revolution. 106

Die Periode des revolutionären Ansturms hat die klassenmäßige Zusammensetzung der Bevölkerung Rußlands und das Verhalten der verschiedenen Klassen zur alten Selbstherrschaft, in der Aktion gezeigt. Die Ereignisse haben alle, selbst Leute, die dem Marxismus gänzlich fernstehen, gelehrt, die Zeitrechnung der Revolution mit dem 9. Januar 1905 zu beginnen, d. h. mit der ersten bewußt politischen Bewegung von Massen, die einer bestimmten Klasse angehören. Als die Sozialdemokratie aus der Analyse der ökonomischen Wirklichkeit in Rußland; die führende Rolle, die Hegemonie des Proletariats in unserer Revolution ableitete, da schien dies eine abstrakte Bücherweisheit von Theoretikern zu sein. Die Revolution bestätigte unsere Theorie, denn sie ist die einzige wirklich revolutionäre Theorie. Das Proletariat marschierte in der Tat die ganze Zeit an der Spitze der Revolution. Die Sozialdemokratie erwies sich in der Tat als die geistige Vorhut des Proletariats. Der Kampf der Massen entwickelte sich unter Führung des Proletariats außerordentlich rasch - rascher, als es viele Revolutionäre erwartet hatten. Im Laufe eines Jahres schritt er fort bis zu den entschiedensten Formen des revolutionären Ansturms, die die Geschichte überhaupt kennt, bis zum Massenstreik und zum bewaffneten Aufstand. 107

Die liberalen Führer der I. und der II. Duma demonstrierten dem Volk glänzend den kniefälligen, legalen „Kampf", der zur Folge hatte, daß die autokratischen Fronherren das konstitutionelle Paradies der liberalen Schwätzer mit einem Federstrich hinwegstrichen und höhnisch über die schlaue Diplomatie der bei den Ministern antichambrierenden Politiker lachten. In der ganzen Zeit der russischen Revolution können die Liberalen keine einzige Errungenschaft nachweisen, keinen einzigen Erfolg, kein einziges irgendwie demokratisches Unternehmen, das die Kräfte des Volkes im Kampf um die Freiheit organisiert hätte. 109

In dieser Beziehung war die Periode der konstitutionellen Hoffnungen für das Volk durchaus nicht ohne Nutzen. Die Erfahrungen der ersten und zweiten Duma haben nicht hur die grenzenlos armselige Rolle zu erkennen gelehrt, die der Liberalismus in unserer Revolution spielt. Nein, diese Erfahrungen liquidierten auch praktisch den Versuch, an die Spitze der demokratischen Bewegung eine Partei zu stellen, die nur von politischen Säuglingen oder schwachsinnigen Greisen als wirklich konstitutionell-„demokratische" Partei betrachtet werden kann. 110

Die Periode des Ansturms gegen die Selbstherrschaft hat die Kräfte des Proletariats zur Entfaltung gebracht, hat es über die Grundlagen der revolutionären Taktik belehrt, hat die Bedingungen für den Erfolg des unmittelbaren Massenkampfes aufgezeigt, durch den allein einigermaßen ernsthafte Verbesserungen errungen werden können. Den Aktionen Hunderttausender Arbeiter, die dem alten Absolutismus in Rußland tödliche Schläge versetzten, ging eine lange Periode der Vorbereitung der Kräfte des Proletariats, seiner Erziehung und Organisierung voraus. Vor dem Ausbruch des eigentlichen Massenkampfes war eine langwierige, nach außen hin wenig bemerkbare Arbeit zu leisten - die Leitung des Klassenkampfes des Proletariats in allen seinen Erscheinungsformen, die Schaffung einer festen, zielstrebigen Partei -, eine Arbeit, die die Voraussetzungen dafür schuf, daß sich der ausgebrochene Kampf der Massen in eine Revolution verwandelte. Heute muß das Proletariat als Vorkämpfer des Volkes seine Organisation konsolidieren, sich von allem schimmligen Intellektuellenopportunismus reinigen und seine Kräfte zu erneuter zäher, beharrlicher Arbeit sammeln. Die Aufgaben, die der russischen Revolution durch den Gang der Geschichte und auf Grund der objektiven Lage der breiten Massen gestellt werden, sind nicht gelöst. Die Elemente einer neuen, das ganze Volk erfassenden politischen Krise sind nicht nur nicht beseitigt, sondern haben sich im Gegenteil vertieft und erweitert. Der Eintritt dieser Krise wird das Proletariat wieder an die Spitze der allgemeinen Volksbewegung stellen. Die Sozialdemokratische Arbeiterpartei muß bereit sein, diese Rolle zu übernehmen. Und auf einem Boden, gedüngt von den Ereignissen des Jahres 1905 und der darauffolgenden Jahre, wird die Saat eine zehnmal bessere Ernte zeitigen. Wenn einer Partei von einigen tausend klassenbewußten, fortgeschrittenen Arbeitern Ende 1905 eine Million Proletarier gefolgt ist, so wird unsere Partei, die in ihren Reihen Zehntausende in der Revolution geschulter und im Kampf aufs engste mit der Arbeitermasse verbundener Sozialdemokraten zählt, jetzt Millionen und aber Millionen mitreißen und den Feind niederwerfen. 112

Die Kapitalisten schließen sich zu gesamtrussischen Verbänden zusammen, verbünden sich enger mit der Regierung, greifen häufiger zu den extremsten Mitteln des wirtschaftlichen Kampfes und scheuen auch Massenaussperrungen nicht, um das Proletariat zu „zügeln". Doch nur absterbende Klassen fürchten sich vor Verfolgungen, das Proletariat hingegen wächst um so rascher an Zahl, schließt sich um so rascher zusammen, je raschere Erfolge die Herren Kapitalisten zu verzeichnen haben …

Den Arbeitermassen sind diese Aufgaben [im Kampf um die Demokratie] im Feuer der Revolution merklich klargeworden. Daß die Bauemmassen die Grundlage, und zwar die einzige Grundlage der bürgerlichen Demokratie als einer geschichtlichen Kraft in Rußland sind, das weiß das Proletariat aus Erfahrung. Die Rolle des Führers dieser Massen im Kampf gegen die fronherrlichen Gutsbesitzer und die zaristische Selbstherrschaft hat das Proletariat bereits im gesamtnationalen Maßstab übernommen, und keine Kraft vermag jetzt mehr, die Arbeiterpartei vom richtigen Weg abzubringen. 113

Niemand kann heute sagen, wie sich die weiteren Geschicke der bürgerlichen Demokratie in Rußland gestalten werden. Möglicherweise wird der Bankrott der Kadetten zur Entstehung einer demokratischen Bauernpartei führen - einer-wirklichen Massenpartei und nicht einer Terroristenorganisation, wie sie die Sozialrevolutionäre noch immer sind. Möglich aber auch, daß die objektiven Schwierigkeiten für den politischen Zusammenschluß des Kleinbürgertums eine solche Partei nicht zustande kommen lassen 114

Die Agrarfrage und die „Marxkritiker" 167-21264 S. 521, 522 Die Arbeit „Das Agrarprogramm der Sozialdemokratie in der ersten russischen Revolution von 1905 bis 1907" schrieb Lenin von November bis Dezember 1907 … Die ersten neun Kapitel siehe Werke, Bd. 5, S. 97-221. Der vorliegende Band enthält die im Jahre 1907 geschriebenen Kapitel X, XI und XII. Das Agrarprogramm der Sozialdemokratie in der ersten russischen Revolution von 1905 bis 1907 ... 213-437 Kapitel I. Die ökonomischen Grundlagen und das Wesen der Agrarumwälzung in Rußland

Zwei Jahre Revolution, vom Herbst 1905 bis zum Herbst 1907, haben gewaltige geschichtliche Erfahrungen in bezug auf die Bauernbewegung in Rußland, in bezug auf den Charakter und die Bedeutung des Kampfes der Bauernschaft um den Boden ergeben. Jahrzehnte sogenannter „friedlicher" Evolution (d. h. einer solchen, wo sich Millionen Menschen von den oberen Zehntausend friedlich scheren lassen) können nicht so reiches Material für die Beleuchtung des inneren Mechanismus unserer sozialen Ordnung liefern, wie es diese zwei Jahre boten —sowohl im Sinne des unmittelbaren Kampfes der Bauernmassen gegen die Gutsbesitzer als auch im Sinne einer einigermaßen freien Äußerung der Bauernforderungen in Versammlungen von Volksvertretern. Daher erweist sich eine Überprüfung des Agrarprogramms der russischen Sozialdemokraten vom Standpunkt dieser zweijährigen Erfahrungen aus als absolut notwendig, besonders auch, weil das heutige Agrarprogramm der SDAPR auf dem Stockholmer Parteitag im April 1906 beschlossen worden ist, d. h. bevor zum ersten Male Vertreter der Bauernschaft ganz Rußlands offen mit einem bäuerlichen Agrarprogramm im Gegensatz zum Regierungsprogramm und zum Programm der liberalen Bourgeoisie auftraten. 215

4. Der ökonomische Wesenskern der Agrarumwälzung und ihre ideologischen Gewandungen

Wir haben gesehen, daß der Wesenskern der vor sich gehenden Umwälzung die Liquidierung der fronherrlichen Latifundien und die Schaf 231 fung einer freien und (soweit es unter den gegebenen Verhältnissen möglich ist) wohlhabenden ackerbautreibenden Bauernschaft ist, einer Bauernschaft, die nicht ein kümmerliches Dasein fristet, die sich nicht auf ihrer Scholle abplagt, sondern die imstande ist, die Produktivkräfte zu entwickeln, die landwirtschaftliche Kultur vorwärtszubringen …

Die ideologische Gewandung des sich abspielenden Kampfes sind die Volkstümlertheorien. Das offene Auftreten der Bauernvertreter ganz Rußlands in der I. und II. Duma mit Agrarprogrammen hat den endgültigen Beweis dafür erbracht, daß die Volkstümlertheorien und Volkstümlerprogramme tatsächlich die ideologische Gewandung des Bauernkampfes um den Boden sind. 230, 231

Es kann gar nicht anders sein in einem Bauernland, dessen bürgerliche Entwicklung es aus der Fronherrschaft befreit. Die Liquidierung der fronherrlichen Latifundien ist in einem solchen Land ein unbedingtes Erfordernis der kapitalistischen Entwicklung. Bei einem Überwiegen der Kleinwirtschaft bedeutet das aber unfehlbar eine größere „Ausgleichung" des Grundbesitzes. Zerschlägt man die mittelalterlichen Latifundien, so beginnt der Kapitalismus mit einem mehr „ausgeglichenen" Grundbesitz und schafft erst aus ihm heraus einen neuen Großgrundbesitz, und zwar auf der Grundlage von Lohnarbeit, Maschinen und hoher landwirtschaftlicher Technik, nicht aber auf der Basis von Abarbeit und Schuldknechtschaft. 233

Nur Karikaturen von Marxisten, wie die gegen den Marxismus kämpfenden Volkstümler sie auszumalen trachteten, hätten den Landraub an den Bauern im Jahre 1861 als ein Unterpfand kapitalistischer Entwicklung betrachten können. Im Gegenteil, er mußte Unterpfand sein - und erwies sich in der Tat als solches - einer knechtenden, d. h. halbleibeigenschaftlichen Pacht und einer auf Abarbeit fußenden Wirtschaft, d. h. einer Fronwirtschaft, die die Entwicklung des Kapitalismus und das Wachstum der Produktivkräfte in der russischen Landwirtschaft außerordentlich verzögerte. 237

Im Interesse der Entwicklung der Produktivkräfte (dieses höchsten Kriteriums des gesellschaftlichen Fortschritts) müssen wir nicht die bürgerliche Evolution von gutsherrlichem Typus, sondern die bürgerliche Evolution von bäuerlichem Typus unterstützen. Erstere bedeutet weitestgehende Erhaltung der Knechtschaft und einer (ins Bürgerliche umgemodelten) Fronwirtschaft, minder rasche Entwicklung der Produktivkräfte und verzögerte Entwicklung des Kapitalismus, sie bedeutet für die breiten Massen der241Bauernschaft und folglich auch des: Proletariats maßlos größere Not und Qualen, Ausbeutung und Unterdrückung. Letztere bedeutet rascheste Entwicklung der Produktivkräfte und die besten (unter den Verhältnissen der Warenwirtschaft überhaupt möglichen) Existenzbedingungen für die Bauernmasse. 240, 241

Die Kadetten wollen den gutsherrlichen Grundbesitz erhalten wissen und verfechten eine kulturelle, europäische, aber gutsberrlich-bürgerliche Evolution der Landwirtschaft. Die Trudowiki (und die sozialdemokratischen Arbeiterabgeordneten), d.h. die Vertreter der Bauernschaft und die Vertreter des Proletariats, verfechten die bäuerlich-bürgerliche Evolution der Landwirtschaft …

Die Schwierigkeit besteht darin, sich volle Rechenschaft zu geben über die Grundlage des Kampfes zweier Klassen auf dem Boden der bürgerlichen Gesellschaft und der bürgerlichen Evolution. Es ist unmöglich, diesen Kampf als eine gesetzmäßige soziale Erscheinung zu begreifen, wenn man ihn nicht auf die objektiven Tendenzen der ökonomischen Entwicklung des kapitalistischen Rußlands zurückführt. 244

Wir sahen, daß die fronherrlichen Latifundien den „Kernpunkt" des Agrarkampfes in unserer Revolution bilden. Der Kampf der Bauern um den Boden ist vor allem und zum allergrößten Teil ein Kampf für die Liquidierung dieser Latifundien. Ihre Liquidierung und ihr vollständiger Übergang in die Hände der Bauernschaft liegt zweifellos auf der Linie der kapitalistischen Evolution der russischen Landwirtschaft. Nähme die Evolution einen solchen Weg, so würde das die rascheste Entwiddung der Produktivkräfte, die bestmöglichen Arbeitsbedingungen für die Masse der Bevölkerung, die rascheste Entwicklung des Kapitalismus bei Umwandlung der freien Bauernschaft in eine Farmerschaft bedeuten. Doch ist auch ein anderer Weg der bürgerlichen Evolution in der Landwirtschaft möglich: Erhaltung der Gutswirtschaften und Latifundien bei langsamem Hinüberwachsen von der auf Fronherrschaft und Schuldknechtschaft beruhenden Wirtschaftsform zur Junkerwirtschaft. 252

Kapitel II. Die Agrarprpgramme der SDAPR und ihre Erprobung durch die erste Revolution

Ohne die Erfahrungen der Bewegung der Bauernmassen, ja mehr noch: der gesamtnationalen Bauernbewegung, konnte das Programm der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei nicht konkrete Gestalt annehmen, denn die Frage zu entscheiden, inwieweit unsere Bauernschaft sich bereits kapitalistisch zersetzt hat, inwieweit sie einer revolutionär-demokratischen Umwälzung fähig ist, ist auf Grund bloßer theoretischer Erwägungen viel zu schwer, wenn nicht unmöglich …

Das Programm von 1903 stellt die Frage, die 1885 noch nicht gestellt worden war, nämlich die Frage des Kampfes zwischen Bauern- und Gutsbesitzerinteressen im Augenblick jener Revision der Agrarverhältnisse, die von allen Sozialdemokraten als unvermeidlich anerkannt wurde. Doch entscheidet das Programm von 1903 diese Frage falsch, denn statt die konseqnent-bäuer 255 liche und die konsequent-junkerliche Methode der bürgerlichen Umwälzung einander gegenüberzustellen, konstruiert das Programm künstlich ein Mittelding zwischen beiden. 254, 255

Das heutige Agrarprogramm der SDAPR enthält (in besonderer Form) die Anerkennung des gesellschaftlichen Eigentums am konfiszierten Boden (Nationalisierung der Wälder, der Gewässer und des Umsiedlungsfonds, Munizipalisierung des privaten Grundbesitzes)— zumindest bei „siegreicher Entwicklung der Revolution". Für den Fall „ungünstiger 257 Bedingungen" wird die Aufteilung der Gutsbesitzerländereien unter die Bauern als deren Eigentum anerkannt. Auf jeden Fall aber wird das Eigentum der Bauern und der kleinen Landeigentümer überhaupt an ihrem gegenwärtigen Boden anerkannt …

Wie erklärten die Verfasser des Programms dieses Doppelsystem? Vor allem und vornehmlich mit den Interessen und Forderungen der Bauernschaft, mit der Angst, sich der Bauernschaft zu entfremden, die Bauernschaft gegen das Proletariat und gegen die Revolution aufzubringen …

In seinem Referat hat Gen. John75 S. 522 John - der Menschewik P. P. Maslow. dieses Argument offen und mit aller Entschiedenheit vorgebracht. „Sollte die Revolution", so sagte er, „zum Versuch der Nationalisierung des bäuerlichen Anteillands oder der konfiszierten Gutsbesitzerländereien führen, wie es Gen. Lenin vorschlägt, so würde eine solche Maßnahme eine konterrevolutionäre Bewegung nicht nur in den Randgebieten, sondern auch im Zentrum zur Folge haben. Nicht eine Vendée würden wir haben, sondern einen allgemeinen Bauernaufstand gegen den Versuch des Staates, sich in die freie Verfügung der Bauern über ihr eigenes (hervorgehoben von John) Anteilland einzumischen, gegen den Versuch, es-zu nationalisieren." (S. 40 der „Protokolle" des Stockholmer Parteitags.)

Klar genug, nicht wahr?. Eine Nationalisierung des eigenen Bauernbodens würde zum allgemeinen Bauernaufstand führen! 256, 257

Wie sollte man sich da nicht dem Standpunkt eines anderen namhaften Menschewiken, Kostrows, anschließen, der in Stöckholm ausrief:

„Mit ihm (dem Nationalisierungsprogramm) zu den Bauern gehen, heißt sie von sich abstoßen. Die Bauernbewegung wird über unsere Köpfe hinweg oder gegen uns ihren Lauf nehmen, und wir werden außerhalb der Revolution stehen. Die Nationalisierung nimmt der Sozialdemokratie die Kraft, schneidet sie von der Bauernschaft ab und nimmt somit auch der Revolution die Kraft." (S.88.)

Überzeugungskraft läßt sich dieser Argumentation nicht absprechen. In der bäuerlichen Agrarrevolution den Versuch machen, gegen den Willen der Bauernschaft ihren eigenen Boden zu nationalisieren! Kein Wunder, daß der Stockholmer Parteitag diesen Gedanken verwarf, nachdem er einmal John und Kostrow Glauben geschenkt hatte. War es aber nicht ein Fehler, daß er ihnen Glauben schenkte? 258

In beiden Dumas sprachen sich die Bauernabgeordneten aus allen Ecken und Enden Rußlands - für die Nationalisierung aus. 259

Kurzum, das Maslowsche Programm, das nunmehr in besonders verzerrter Gestalt zum Programm unserer Partei geworden ist, ist im Vergleich zum Programm der Trudowiki völlig sinnlos.264

Bereits im III. Band des „Kapitals". (2. Teil,.S. 156)../me25/me25_627.html#S630 wies Marx darauf hin, daß jene Form des Grundeigentums, die die kapitalistische Produktionsweise zu Beginn ihrer geschichtlichen Entwicklung vorfindet, dem Kapitalismus nicht entspricht. Der Kapitalismus schafft sich selber aus den alten Formen der Agrarbeziehungen - ans dem feudalen Grundeigentum, dem bäuerlichen Gemeinbesitz, aus dem Claneigentum usw. - die ihm entsprechenden neuen Formen. An dieser Stelle vergleicht Marx die verschiedenen Methoden, -mit denen das Kapital die ihm entsprechenden Grundbesitzformen schafft. In Deutschland verlief die Umbildung der mittelalterlichen Grundbesitzfonnen sozusagen reformerisch, wobei sie sich der Routine der Tradition, den feudalen Gütern anpaßte, die sich langsam zu junkerlichen Wirtschaften entwickelten; sie paßte sich auch den traditionellen Parzellen der bärenhäüterischen Bauern an, die den schweren Übergang von der Fron zum Knecht und zum Großbauern durchmachen. In England verlief diese Umbildung auf revolutionärem, gewaltsamem Wege, doch die Gewalt wurde zum Vorteil der Gutsbesitzer angewandt, sie traf die Bauernmassen, die durch Steuereintreibungen ausgepreßt, von ihrer Scholle, aus ihren Dörfern vertrieben wurden, ausstarben, auswanderten. In Amerika geschah diese Umbildung, was die Sklavenhalterwirtschaften der Südstaaten betrifft, auf gewaltsamem Wege. Hier wurde gegen die fronherrlichen Gutsbesitzer Gewalt angewandt. Ihr Grund und Boden wurde aufgeteilt, der Grundbesitz, bisher feudaler Großbesitz, wurde bürgerlicher Klenbesitz. Was aber die Masse „freien" amerikanischen Bodens betrifft, so war es die „amerikanische schwarze Umteilung", die Anti-Rent-Bewegung der vierziger Jahre, die Gesetzgebung über die Homesteads83 S. 523, 524 Die Gesetzgebung über die Homesteads in den USA fällt in die Mitte des 19. Jahrhunderts. Nach dem Gesetz von 1862 hatte jeder Bürger der USA das Recht, vom Staat unentgeltlich oder gegen sehr geringe Bezahlung ein Grundstück (homestead) bis zu 160 Acres (64 Hektar) zu erhalten. Nach spätestens fünf Jahren ging das Grundstück in das Eigentum des Besitzers über. usw., die diese Aufgabe der Schaffungneuer Bodenverhältnisse für die neue Produktionsweise (d. h. fürden Kapitalismus) übernahm. 273

Ohne eine „Bereinigung" der mittelalterlichen, teils feudalen, teils asiatischen Agrarbeziehungen und -Verhältnisse kann sich in der Landwirtschaft die bürgerliche Umwälzung nicht vollziehen; denn das Kapital muß sich - muß im Sinne ökonomischer Notwendigkeit - neue, den neuen Verhältnissen der freien, für- den Markt produzierenden Landwirtschaft angepaßte Agrarverhältnisse schaffen. Diese „Bereinigung" der Agrarverhältnisse überhaupt und des alten Grundbesitzes in erster Linie von mittelalterlichem Schutt muß hauptsächlich die Gutsbesitzerländereien und die bäuerlichen Bodenanteile betreffen, denn die einen wie die anderen sind in ihrer heutigen Gestalt auf Abarbeit, auf Überreste von Fronarbeit, auf Schuldknechtschaft, nicht aber auf eine freie, sich kapitalistisch entwickelnde Wirtschaft zugeschnitten. 275

Hier entsteht ganz natürlich der Gedanke: Diese bäuerliche Linie ist eben Aufteilung der Gutsbesitzerländereien unter die Bauern als deren Eigentum. Ausgezeichnet. Damit diese Aufteilung aber den neuen kapitalistischen Verhältnissen der Landwirtschaft auch, tatsächlich entspreche, muß sie nicht in alter, sondern in neuer Weise durchgeführt werden. Nicht das alte Anteilland, das vor hundert Jahren nach Gutdünken der Gutsvögte oder der Beamten einer asiatischen Despotie unter die Bauern verteilt worden war, soll die Grundlage der Aufteilung bilden, Grundlage müssen die Erfordernisse einer freien, für den Markt produzierenden Landwirtschaft sein. Damit die Aufteilung den Anforderungen des Kapitalismus entspreche, muß sie eine Aufteilung unter Farmer sein, nicht aber eine Aufteilung unter „bärenhäuterische" Bauern, deren erdrückende Mehrheit routinemäßig, traditionsgemäß wirtschaftet, in Übereinstimmung mit patriarchalischen, aber nicht mit kapitalistischen Verhältnissen … Damit die Aufteilung fortschrittlich werde, muß sie auf einer neuen Scheidung in der Bauernschaft fußen, bei der die Farmer von dem unbrauchbaren Trödel abgesondert werden. Diese neue Scheidung ist eben die Nationalisierung des Bodens, d. h. die vollständige Aufhebung des Privateigentums am Grund und Boden, die vollständige Freiheit der Bodenbewirtschäftung, die freie Herausbildung von Farmern aus den Reihen der alten Bauernschaft. 276

Der Boden, auf dein der jetzige, einigermaßen wohlhabende russische Bauer wirtschaftet - d. h. der Bauer, der sich bei günstigem Verlauf der Revolution wirklich zu einem freien Farmer entwickeln kann … 278

Was passiert mit dem überzähligen Trödel? Lenin macht einen neuen Anfang, indem er die Entwicklung der Produktivkräfte an die erste Stelle stellt. Das ist gut. Aber auch hier wird er sich unter der Masse der farmer-untauglichen Bäuerlein keine Freunde machen.

Eine neue Verteilung des gesamten Bodens, sowohl des gutsherrlichen als auch des Anteillandes, kann den Bodenbesitz von neun Zehntem (richtiger von neuhundneunzig Hundertstem) der Bauern nicht verringern; man braucht sie nicht zu fürchten. Notwendig ist sie aber, weil sie den wirklichen, tüchtigen Landwirten die Möglichkeit gibt, ihre Bodennutzung gemäß den neuen Verhältnissen, gemäß den Erfordernissen des Kapitalismus (den „Geboten des Marktes" für die Einzelproduzenten) einzurichten, 282

Ist das Fitzelchen Land noch so klein: sobald es Privateigentum des Bauern wird, fängt das Fressen und Gefressenwerden an, und der "tüchtige Farmer" wird ganz ohne behördlicheZuteilung den untüchtigen aufkaufen und als Lohnarbeiter einstellen. Die kapitalistische Landwirtschaft entsteht mit Notwendigkeit, wenn das private Eigentum am Boden da ist.

Der „richtigen" Ansiedlung der „richtigen" Landwirte steht sowohl der gutsherrliche Grundbesitz als auch der Anteilbesitz im Wege. 284

Für beide gilt dasselbe, das feudale Eigentum steht der Entwicklung des Kapitalismus im Weg.

Der Fanatismus des Eigentümers kann und muß zu bestimmter Zeit als Verlangen des bereits aus dem Ei gekrochenen Farmers nach Sicherung seiner Wirtschaft auftreten. Die Nationalisierung des Grund und Bodens mußte in der russischen Revolution zu einer Forderung der Bauernmassen werden, und zwar als die Lösung der Farmer, die die mittelalterliche Schale sprengen wollen. wollen. Wenn daher die Sozialdemokraten: den Bauemmassen die Aufteilung predigen, den Bauernmassen, die für die Nationalisierung eingenommen sind und unter denen sich eben erst eine endgültige „Scheidung" zu vollziehen beginnt, aus der zur Schaffung einer kapitalistischen Agrikultur fähige Farmer hervorgehen sollen, so ist das eine himmelschreiende historische Taktlosigkeit, so zeugt das von Unfähigkeit, den konkreten historischen Moment in Rechnung zu stellen. 289

Die Forderung nach Konfiskation der Gutsbesitzerländereien annehmen, heißt anerkennen, daß eine Erneuerung des Kleinbetriebs in der Landwirtschaft unter dem Kapitalismus möglich und notwendig ist. Ist das aber zulässig? Ist die Unterstützung des Kleinbetriebs unter dem Kapitalismus nicht ein Abenteuer? Ist die Erneuerung der Kleinwirtschaft nicht leerer Wahn? Ist das nicht demagogischer Bauernfang?„Bauernfang" bei Lenin deutsch. Der Übers. So dachten zweifellos viele Genossen. Aber sie irrten sich. Eine Erneuerimg der Kleinwirtschaft ist auch unter dem Kapitalismus möglich, wenn die historische Aufgabe im Kampf gegen die vorkapitalistische Ordnung besteht … Lenins Die Anhänger der Aufteilung zitieren oft die Worte von Marx: „Das freie Eigentum des selbstwirtschaftenden Bauern, ist offenbar die normalste Form des Grundeigentums für den kleinen Betrieb . . . Das Eigentum am Boden ist zur vollständigen Entwicklung dieser Betriebsweise ebenso nötig wie das Eigentum am Instrument zur freien Entwicklung des handwerksmäßigen Betriebs." („Das Kapital", III, 2, 341.) Daraus folgt nur, daß der volle Triumph der freien bäuerlichen Wirtschaft Privateigentum erfordern kann.291

Kapitel III. Die theoretischen; Grundlagen der Nationalisierung und der Munizipalisierung

Dem Bauern schwebt nur der Übergang der gutsherrlichenLatifundien in seine Hände vor; der Bauer kleidet die unklare Idee derEinheit aller Bauern als Masse in diesem Kampf in die Worte vom Volkseigentumam Grund und Boden … Die ökonomische Notwendigkeit, den gutsherrlichen Grundbesitz abzuschaffen und auch die „Fesseln" des Anteillandbesitzes abzuwerfen - in diesen negativen Begriffen erschöpft sich die bäuerliche Auffassung von der Nationalisierung. Welche Formen des Grundbesitzes sich in der Folge für den erneuerten Kleinbetrieb als notwendig erweisen werden, nachdem dieser die gutsherrlichen Latifundien sozusagen verdaut hat, darüber macht sich der Bauer keine Gedanken. 293, 294

Nationalisierung des Grund und Bodens unter kapitalistischen Verhältnissen ist Obergabe der Rente an den Staat, nicht mehr und nicht weniger. Was ist aber die Rente in der kapitalistischen Gesellschaft? Sie ist keineswegs das Einkommen aus Grund und Boden schlechthin. Sie ist jener Teil des Mehrwerts, der nach Abzug des Durchschnittsprofits auf das Kapital übrigbleibt. Das heißt, daß die Rente Lohnarbeit in der Landwirtschaft und Verwandlung des Bauern in einen Farmer, einen Unternehmer, voraussetzt. Die Nationalisierung (in reiner Form) setzt voraus, daß die landwirtschaftlichen Unternehmer, die den Lohnarbeitern den Lohn auszahlen und den Durchschnittsprofit auf ihr Kapital erhalten - Durchschnittsprofit in bezug auf alle sowohl landwirtschaftlichen als auch nichtlandwirtschaftlichen Betriebe des betreffenden Landes oder Länderkomplexes - , die Rente an den Staat entrichten.

Dergestalt ist der theoretische Begriff der Nationalisierung untrennbar mit der Theorie der Rente verbunden, d. h. eben der kapitalistischen Rente als einer besonderen Art des Einkommens einer besonderen Klasse (der Grundbesitzer) in der kapitalistischen Gesellschaft. 295

Der Staat tritt bei der Nationalisierung des Bodens an die Stelle des Grundherrn, so Lenin von Kautsky (auch Marx und Engels in älteren Äußerungen quelle) inspiriert. Der schlechteste Boden, der die meiste Arbeit absorbiert, bleibt dadurch weiterhin der Preisbestimmer des Brotes. Alle Pächter müssen das Korn zu diesem höchsten Preis verkaufen, auch der, der auf fruchtbarem Boden mit der wenigsten Arbeit den niedrigsten Preis verlangen könnte.

Da aber in der Landwirtschaft die Technik auf niedrigerer Stufe steht und die Zusammensetzung des Kapitals sich durch einen größeren Anteil variablen Kapitals gegenüber dem konstanten auszeichnet als in der Industrie, so liegt der individuelle Wert des landwirtschaftlichen Produkts über dem Durchschnittswert. 297

Der Satz hat keinen Sinn, weil sich der Durchschnittswert der landwirtschaftlichen Produkte auf die landwirtschaftlichen Produkte und nicht auf die Fabrikprodukte bezieht. Den Durchschnittswert zwischen einem Apfel und einem Schreibblock gibt es nicht. Der Durchschnittswert der landwirtschaftlichen Produkte wird durch nichts anderes verhindert, als durch die Differentialrente! Ein nach kapitalistischen Gesetzen regierter durchschnittlicher Wert der landwirtschaftlichen Produkte kann nur dadurch zustandekommen, dass die Differentialrente unter die Pächter verteilt wird, so, dass der Pächter mit dem unfruchtbarsten Boden die meiste, der mit dem fruchtbarsten die geringste Rente erhält, weil er aus eigener und seines Bodens Kraft das billigste Korn produziert. Dann können alle Pächter das Korn zum niedrigen Preis des durchschnittlich fruchtbaren Bodens verkaufen. Das nenne ich in der Bearbeitung des dritten Bandes des "Kapital" den Renten- oder Bodenfinanzausgleich. Die (schon in Stockholm von Lenin geforderte) Übernahme der Rente durch den Staat wäre die Fortsetzung des Feudalismus mit anderen Mitteln. Hier begeht Lenin einen theoretischen Patzer, der nicht dadurch besser wird, dass er die angeblich wichtigste Unterscheidung zwischen der Differentialrente und der "absoluten Rente" seitenlang aufbauscht. Die von Marx als "absolut" bezeichnete Rente ist das Raubrecht des Monopolisten, das gebrochen werden kann und dessen Bedeutung nicht im entfertesten an die Bedeutung der Differentialrente heranreicht. Schon Engels hält die "absolute Rente" für eine Flause. Die Differentialrente ist dagegen eine nicht zu beseitigende objektive Größe wie die unterschiedlich fruchtbaren Böden objektive Dinge sind. Auf fruchtbarem Boden kannst du mit weniger Arbeit mehr ernten und damit billiger verkaufen als dein Kollege auf unfruchtbarem Boden. Die feudale Drohne macht sich ihren Eigentumstitel auf den Boden zunutze, indem sie alle Überschüsse als Rente abschöpft, die auf fruchtbaren Böden mit weniger Arbeit als auf dem unfruchtbarsten Boden erwirtschaftet werden. Und mit treuherzigem Augenaufschlag begründet sie ihren Rentenschmaus: "Es darf nur einen Brotpreis geben." Dass dies der Höchstpreis ist, ist offenbar der Preis für diese Form der feudalen Gerechtigkeit. Die Beibehaltung dieses Parasitentums bezeichnet Lenin als die Zerschlagung aller feudalen Relikte und die freie Entfaltung des Kapitalismus in der russischen Landwirtschaft! Hier muss ich ein wenig heftiger werden, weil sich Lenin total verheddert hat. So wird er nicht nur die Kleinbauern und die "Farmer" von sich abstoßen. Denn die hassen niemanden so sehr als den, der ihnen nur den Hartz-IV-Profit übriglässt, weil es nur "einen Brotpreis" geben darf. Er wird auch die Arbeiter von sich abstoßen, wenn die spitzkriegen, dass sie den höchstmöglichen Brotpreis ihrem Staat verdanken.

Die kapitalistische Landwirtschaft kann erst nach Durchführung des Rentenfinanzausgleichs stattfinden, weil ab dann wie im übrigen Kapitalismus die höchste technische Produktivität den (niedrigsten) Preis bestimmt und nicht die niedrigste Produktivität den höchsten Preis.

Die Nationalisierung in die Epoche "einer hohen kapitalistischen Entwicklung verlegen, heißt sie als Maßnahme des bürgerlichen Fortschritts negieren. Eine solche Negierung aber widerspricht direkt der ökonomischen Theorie. Ich glaube, daß Marx in der folgenden Betrachtung in den „Theorien über den Mehrwert" andere Bedingungen der Verwirklichung der Nationalisierung dargelegt hat, als man gewöhnlich annimmt.

Nachdem Marx aufgezeigt hat, daß der Grundeigentümer für die kapitalistische Produktion eine ganz überflüssige Figur ist, daß der Zweck der kapitalistischen Produktion „vollständig erreicht" wird, wenn der Grund und Boden Staatseigentum wird, fährt er fort:

„Der radikale Bourgeois . . . geht daher theoretisch zur Leugnung des privaten Grundeigentums fort . . . In der Praxis fehlt jedoch die Courage; da der Angriff auf eine Eigentumsform - eine Form des Privateigentums an Arbeitsbedingungen - sehr bedenklich für die andre Form würde. 321 Außerdem hat der Bourgeois sich selbst territorialisiert." („Theorien über den Mehrwert", II Band, 1; Teil, S. 208.) ../me26.2/me26.2-10.html

Marx verweist hier nicht auf die niedrige Entwicklung des Kapitalismus in der Landwirtschaft als ein Hindernis für die Verwirklichung der Nationalisierung. Er weist auf zwei andere Hindernisse hin, die weit mehr zugunsten des Gedankens von der Durchführbarkeit der Nationalisierung in der Epoche der bürgerlichen Revolution sprechen.

Erstes Hindernis: Dem radikalen Bourgeois fehlt die Courage, das private Grundeigentum anzugreifen, und zwar in Anbetracht der Gefahr eines sozialistischen Angriffs auf jegliches Privateigentum, d. h. einer sozialistischen Umwälzung.

Zweites Hindernis: „Der Bourgeois hat sich selbst territorialisiert." Marx meint hier offenbar, daß gerade die bürgerliche Produktionsweise bereits im Privateigentum am-Boden verwurzelt ist, d. h., daß dieses Privateigentum viel mehr bürgerlich als feudal geworden ist. Wenn sich nun die Bourgeoisie als Klasse in großem, überwiegendem Umfang bereits mit dem Grundbesitz verbunden, bereits „sich selbst territorialisiert", „sich auf dem.Boden angesiedelt", sich den Grundbesitz vollständig unterworfen hat, so kann es keine wirklich gesellschaftliche Bewegung der Bourgeoisie zugunsten der Nationalisierung geben: Es kann keine geben aus dem einfachen Grunde, weil keine Klasse sich gegen sich selbst erheben wird. 320, 321

Zwar hat sich der Bourgeois selbst die Laus des Rentenschmarotzers in den Pelz gesetzt, ihm fehlt aber die Kraft, der Mut und der Wille, sie zu zerquetschen, weil sie Fleisch von seinem Fleisch geworden ist. Er findet es im Gegenteil fürchterlich fürnehm, die feudale Drohne zu geben.

In der Epoche der bürgerlichen Revolution hat die Bourgeoisie sich noch nicht territorialisiert: der Grundbesitz ist in einer solchen Epoche noch, zu sehr von Feudalismus durchdrungen. Es wird die Erscheinung möglich, daß die Masse der bürgerlichen Landwirte, der Farmer, gegen die Hauptformen des Grundbesitzes ankämpft und dadurch zur praktischen Verwirklichung der vollen bürgerlichen „Befreiung des Bodens" gelangt, d. h. zur Nationalisierung.

In allen diesen Beziehungen befindet sich die russische bürgerliche Revolution in besonders günstigen Verhältnissen …

Die Nationalisierung des Grund und Bodens ist eben Vorbedingung des schnellsten kapitalistischen Fortschritts in unserer Landwirtschaft. Bei uns in Rußland gibt es einen derartigen „radikalen Bourgeois", der sich noch nicht „territorialisiert" hat, der zur gegebenen Zeit keinen proletarischen .„Angriff" zu fürchten braucht. Dieser radikale Bourgeois ist der-russische Bauer.

Von dem dargelegten Standpunkt aus wird.es durdiaus verständlich, daß die Masse der russischen liberalen Bourgeois sich zur Nationalisierung des Bodens anders verhält als die Masse der russischen Bauern. Der liberale Gutsbesitzer, der Rechtsanwalt, der.Großindustrielle, der Kaufmann - sie alle haben sich vollkommen ausreichend „territorialisiert". Sie können nicht umhin, einen proletarischen Angriff zu fürchten. 322

Holt die Bourgeoisie in einem solchen Moment nach, was die französichen Revolutionäre versäumt haben, nämlich neben der feudalen Herrschaft auch das feudale Eigentum am Boden aufzuheben, dann ist sie einen der beiden Wucherer in Grund und in Geld mit einem Mal los. Macht sie dann auch noch den Rentenfinanzausgleich, steht der kapitalistischen Entwicklung in der Landwirtschaft nichts mehr im Weg.

Die moralische Bedeutung der Nationalisierung in der revolutionären Epoche besteht darin, daß das Proletariat der „einen Form des Privateigentums" einen Schlag versetzen hilft, der in der ganzen Welt Widerhall finden muß. Das Proletariat verficht die konsequenteste und entschlossenste bürgerliche Umwälzung, die günstigsten Bedingungen der kapitalistischen Entwicklung und wirkt auf diese Weise mit dem größten Erfolg: jeder Halbheit, Schlappheit, Charakterlosigkeit, Passivität entgegen, – Eigenschaften, die die Bourgeoisie unvermeidlich aufweisen muß. 325

Kapitel IV. Politische und taktische Erwägungen in den Fragen des Agrarprogramms

Hier der erste Hinweis darauf in der ersten Rede Plechanows [auf dem Stockholmer Parteitag]:Siehe Werke, Bd. 10, S. 331-342. Die Red.

„Lenin sagt: ,Wir werden' die Nationalisierung unschädlich machen', doch um die Nationalisierung unschädlich zu machen, muß eine Garantie gegen die Restauration gefunden werden. Eine solche Garantie gibt es aber nicht und kann es nicht geben. Man denke an die Geschichte Frankreichs; man denke an die Geschichte Englands; in jedem dieser Länder folgte auf den breiten revolutionären Aufschwung die Restauration. Dasselbe kann auch bei uns eintreten; und unser Programm muß so beschaffen sein, daß im Falle seiner Durchführung der Schaden, den eine Restauration mit sich bringen könnte, auf ein Minimum reduziert wird. Unser Programm muß die ökonomische Grundlage des Zarismus beseitigen; aber die Nationalisierung des Grund und Bodens in der revolutionären Periode beseitigt diese Grundlage nicht. Daher halte ich die Forderung der Nationalisierung für eine antirevolutionäre Forderung." 326

Ist das feudale Eigentum neutralisiert, haben die Enteigneten kein Machtmittel mehr, die Konterrevolution anzuführen. Daher ist Lenins Plan der sofortigen Nationalisierung des Bodens nach der Revolution richtig.

Auf ökonomischem Gebiet geht in der bürgerlichen Agrarumwälzung die Nationalisierung am weitesten, denn sie zerschlägt allen mittelalterlichen Grundbesitz. Heute wirtschaftet der Bauer auf einem Stückchen eigenen Anteillandes, auf einem Stückchen gepachteten Anteillandes, auf einem Stückchen gepachteten Gutsbesitzerlandes usw. Die Naüonalisie 329 rung ermöglicht es in höchstem Grade, alle Schranken des Grundbesitzes niederzureißen und den gesamten Boden für die neue Wirtschaft zu „bereinigen", die den Erfordernissen des Kapitalismus entspricht … eine solche Bereinigung des alten Grundbesitzes wird die neue Wirtschaft so sehr festigen, daß die Rückkehr zu dem alten Grundbesitz in höchstem Maße erschwert sein wird, denn keinerlei Kraft kann der Entwicklung des Kapitalismus Einhalt gebieten. 328, 329

Die „bäuerliche Agrarrevolution", von der ihr sprecht, meine Herren, muß, um zu siegen, als solche, als Bauernrevolution zur Zentralgewalt des ganzen Staates werden. 334

… müssen "wir klarstellen, was die Nationalisierung vom politisch- 338 rechtlichen Standpunkt aus ist (ihren ökonomischen Inhalt haben wir bereits geklärt).

Nationalisierung ist Übergabe des gesamten Grund und Bodens in das Eigentum des Staates. Eigentum bedeutet Recht auf Rente und Festsetzung allgemeiner, für den ganzen Staat gültiger Regeln über Besitz und Nutzung des Bodens durch die Staatsmacht. Zu diesen allgemeinen Regeln gehört bei der Nationalisierung unbedingt das Verbot jeglichen Mittlertums, d. h. das Verbot der Weiterverpachtung, das Verbot, den Boden an Personen abzutreten, die nicht selber Landwirt sind, usw.337, 338

Der freie Farmer zahlt also nicht nur weiter die Rente, nun an die Staatsdrohne, er bleibt auch weiter an genau den Boden gefesselt, den er von ihr zugewiesen bekommt usw.

Je vollständiger und entschiedener der Sieg der Bauernrevolution wäre, desto rascher würde sich die Bauernschaft in eine freie bürgerliche Farmerschaft verwandeln …

Die Sozialdemokratie, die Partei des Proletariats, macht das Schicksal des Sozialismus in keiner Weise von dem einen oder dem anderen Ausgang der bürgerlichen Revolution abhängig. Beide bedeuten kapitalistische Entwicklung und Unterdrückung des Proletariats — sowohl in einer Gutsbesitzermonarchie mit Privateigentum am Grund und Boden als 349 auch in einer Farmerrepublik, sei es auch mit Nationalisierung des Grund und Bodens. Daher ist allein eine unbedingt selbständige und rein proletarische Partei imstande, 348; 349

Gegen J. Larin, leider ohne Beleg:

und es liegt auch kein Grund vor, die Übergabe der Rente an Farmer, die als Unternehmer wirtschaften, als wünschenswert anzusehen. 366

Kapitel V. Die Klassen und Parteien im Lichte der Agrardebatten der zweiten Duma

Gleich Einzelpersonen können auch beliebige Vertreter von Parteien und Klassen irren; wenn sie aber in der öffentlichen Arena, vor der gesamten Bevölkerung auftreten, dann werden einzelne Fehler unvermeidlich durch die entsprechenden Gruppen oder Klassen, die an dem Kämpf interessiert sind, korrigiert. Klassen irren nicht: sie bestimmen im großen und ganzen ihre Interessen und ihre politischen Aufgaben entsprechend den Bedingungen des Kampfes und den Bedingungen der gesellschaftlichen Evolution.369

Es ist zu hoffen, dass sich Lenin von der Bauernklasse belehren lassen wird, das die Abfischung der Rente durch den proletarischen Staat ein Fehler ist.

Herr Kutler,von den Kadetten L. S. der die Meinung vertritt, daß dem bäuerlichen Grundeigentum der Vorzug zu geben ist gegenüber dem Plan der Trudowiki im allgemeinen und der „ausgleichenden Bodennutzung" im besonderen, argumentierte folgendermaßen: „Wenn zu diesem Zweck (zur Ausgleichung der Bodenanteile) besondere Beamte ernannt werden, so wird ein so unglaublicher Despotismus, eine solche Einmischung in das Leben des Volkes einsetzen, wie wir das selbst bisher nicht gekannt haben.377

Das ist bei der Nationalisierung des Grundeigentums tatsächlich sie schwierigste Frage: Wer verteilt nach welchen Kriterien? Wie soll sich eine im Kapitalismus notwendige Konzentration des Kapitals ohne veräußerbares Eigentum am Grund und Boden vollziehen?

Die anderen „rechtsstehenden Bauern" der zweiten Duma werden von uns deshalb als besondere Gruppe zusammengefaßt, weil sie zweifellos linker stehen als die Kadetten. Man nehme Petrotschenko (Gouvernement Witebsk). Er beginnt damit, daß er „den Zaren und das Vaterland bis zum Tode verteidigen wird" (1614). Die Rechten applaudieren. Nun kommt er aber auf den „Bodenmangel" zu sprechen. "Wieviel Sie auch diskutieren mögen", sagt er, "einen anderen Erdball werden Sie nicht schaffen. Man wird also diese Erde uns geben müssen. Hier hat einer der Redner gesagt, unsere Bauern seien rückständig und unwissend, und es sei nutz- und zwecklos, ihnen viel Boden zu geben, da er sowieso keinen Nutzen bringen werde. Allerdings hat uns der Boden früher wenig Nutzen gebracht, 384 besonders denjenigen, die ihn nicht hatten. Da wir aber unwissend sind, so wollen wir auch nichts anderes als Boden, damit wir in unserer Dummheit in ihm herumstochern können. Meinerseits glaube ich, daß es sich natürlich für einen Adligen auch gar nicht ziemt, sich mit dem Boden abzuquälen. Hier wurde davon gesprochen, daß man den Grund und Boden der Privateigentümer von Gesetzes wegen nicht antasten dürfe. Ich bin natürlich damit einverstanden, daß man Gesetze einhalten muß, um aber den Bodenmangel zu beseitigen, muß man ein entsprechendes Gesetz erlassen, damit das alles eben nach dem Gesetz geschehe. Damit aber niemand zu kurz komme, hat der Abgeordnete Kutler gute Bedingungen vorgeschlagen. Natürlich hat er als reicher Mann einen hohen Preis genannt, wir aber sind arme Bauern und können nicht soviel zahlen; wie wir aber leben sollen - in Gemeinden, als Hofbauern oder als Farmer - so glaube ich meinerseits, daß man es jedem überlassen muß, so zu leben, wie es ihm paßt." 383, 384

Man höre den Bauern Schimanski (Gouvernement Minsk). „Ich bin hierhergekommen, um den Glauben, den Zaren und das Vaterland zu verteidigen und Boden zu verlangen ... natürlich nicht durch Raub, sondern auf friedlichem Wege, zu gerechtem Preise ... Deswegen fordere ich im Namen aller Bauern die Dumamitglieder, die Gutsbesitzer, auf, diese Tribüne zu betreten und zu erklären, daß sie willens seien, den Bauern den Boden zu gerechtem Preise abzutreten, und dann werden ihnen unsere Bauern natürlich Dank sagen, ja, ich glaube, auch Väterchen Zar wird Das Agrarprogratnm der Sozialdemokratie 385 ihnen Dank sagen. Ich schlage der Reichsduma vor, den Boden derjenigen Gutsbesitzer, die damit nicht-einverstanden sind, mit progressiven Steuern zu belegen. Sie werden uns zweifellos mit der Zeit ebenfalls nachgeben, weil sie erkennen werden, daß ein zu großer Bissen in der Kehle steckenbleibt." …

Wie sich die rechtsstehenden Bauern zu den kadettischen Plänen der Zusammensetzung der Bodenkomitees (auf Kutlersche oder auf Tschuprowsche Art.- siehe Bd. II der „Agrarfrage") stellen würden, wenn sie sich mit ihnen bekannt machten, ist aus dem folgenden Antrag des Bauern Melnik (Oktobrist; Gouvernement Minsk) zu ersehen. „Ich halte es für notwendig", sagte er, „daß in die (Agrar-) Kommission 60 Prozent Bauern kommen, die die Not (!) praktisch kennen und mit der Lage des Bauernstandes vertraut sind, nicht aber Bauern, die vielleicht nur dem Namen nach Bauern sind. Das ist eine Frage des Wohlstandes der Bauern und überhaupt des armen Volkes und durchaus nicht eine Frage von politischer Bedeutung. Man muß Leute wählen, die imstande sind, diese Frage zum Wohl des Volkes praktisch und nicht politisch zu lösen." 384, 385

Von besonderem Interesse sind die parteilosen Bauern, da sie die Meinungen der am wenigsten bewußten und am wenigsten organisierten Bauernmassen zum Ausdruck bringen. Wir führen daher Auszüge aus den Reden aller parteilosen Bauern an, zumal es ihrer nicht viele gibt: Sachno, Semjonow, Moros und Afanasjew.

„Meine Herren Volksvertreter", sagte Sachno (Gouvernement Kiew), „es ist für den Bauernabgeordneten schwer, diese Tribüne zu besteigen und gegen die reichen Herren Gutsbesitzer Stellung zu nehmen. In der heutigen Zeit leben die Bauern sehr ärmlich, weil sie kein Land haben . . . Der Bauer hat unter dem Gutsbesitzer zu leiden, weil ihn der Gutsbesitzer furchtbar bedrückt ... Warum kann der Gutsbesitzer große Ländereien besitzen, dem Bauern aber bleibt nur das Himmelreich? ... Also, meine Herren Volksvertreter, als mich die Bauern hierherschickten, da beauftragten sie mich, für ihre Bedürfnisse ein- 387 zutreten, damit sie Land und Freiheit erhalten, damit alle fiskalischen, Kabinetts-, Apanage-, Privat- und Klosterländereien zwangsweise, ohne Entschädigung enteignet werden . . . "Wissen Sie, meine Herren Volksvertreter, der Hungrige kann nicht ruhig bleiben, wenn er sieht, daß die Staatsmacht trotz seines Elends auf Seiten der Herren Gutsbesitzer ist. Er kann nicht umhin, Land zu verlangen, auch wenn dies gegen das Gesetz wäre,- ihn zwingt die Not dazu. Der Hungrige ist zu allem bereit, weil ihn die Not zwingt, sich über alles hinwegzusetzen, weil er arm und hungrig ist." 386, 387

Der Bauer Moros erklärte in einer kurzen Rede einfach: „Man muß die Ländereien den Priestern und den Gutsbesitzern wegnehmen" (1955), und dann berief er sich auf das Evangelium (nicht zum erstenmal in der Geschichte entlehnen bürgerliche Revolutionäre ihre Losungen dem Evangelium) ... „Bringt man dem Priester nicht Brot und einen halben Stauf Schnaps, so wird er das Kind nicht taufen ... Sie sprechen noch vom heiligen Evangelium und lesen: ,Bittet, so wird euch gegeben, klopfet an, so wird euch auf getan.' Wir bitten und bitten, aber man gibt uns nicht, wir klopfen an, aber man gibt uns nicht; also wird man die Türen aufbrechen und nehmen müssen? Meine Herren, lassen Sie es nicht darauf ankommen, daß man die Türen aufbricht, geben Sie freiwillig, und dann wird es Gerechtigkeit und Freiheit geben, es wird Ihnen gut gehen und auch uns.

Da ist der parteilose Bauer Afanasjew, der die kosakische „Munizipalisierung" nicht vom Standpunkt des Kosaken, sondern vom Standpunkt 389 eines „gewissermaßen Zugewanderten" einschätzt. „Ich muß, meine Herren, vor allem sagen, daß ich Vertreter der Bauernschaft des Dongebiets bin, die dort über eine Million zählt und von der ich als einziger hierhergekommen bin; das allein läßt schon erkennen, daß wir dort gewissermaßen Zugewanderte sind Ich bin unendlich erstaunt: ist es denn Petersburg, das das Dorf ernährt? Nein, im Gegenteil. Ich habe einst über zwanzig Jahre in Petersburg gedient und habe bereits damals festgestellt, daß nicht Petersburg das Dorf, sondern das Dorf Petersburg ernährt. Dasselbe stelle ich auch jetzt fest. Alle diese prachtvollen Bauwerke, alle diese Paläste und Bauten, alle diese herrlichen wunderbaren Häuser - das alles wird auch jetzt von den Bauern errichtet, ebenso wie vor 25 Jahren." 388, 389

Ein Trudowikibauer in der I. Duma, Nasarenko. (Gouvernement Charkow), sagte: „Wenn Sie darüber Betrachtungen anstellen, wie der Bauer zum Boden steht, so sage ich Ihnen, wie das Kind die Mutterbrust braucht, so brauchen wir Bauern den Boden. Nur von diesem Standpunkt aus urteilen wir über den Boden. Sie wissen wahrscheinlich, daß manche Herrschaften vor gar nicht langer Zeit unsere Mütter gezwungen haben, junge Hunde zu säugen. Dasselbe geschieht auch heute. Der Unterschied ist nur der, daß jetzt die herrschaftlichen jungen Hunde nicht an der Mutter saugen, die uns geboren und gestillt hat, sondern an der, die uns ernährt - an der Mutter Erde."403, Fußnote

Hier der Bauer Wasjutin (Gouvernement Charkow): „Wir sehen hier in der Person des Vertreters des Herrn Vorsitzenden des Ministerrats nicht den Minister des ganzen Landes, sondern den Minister von 130 000 Gutsbesitzern. 90 Millionen Bauern bedeuten für ihn nichts . . . Sie (zu den Rechten gewandt) beschäftigen sich mit Ausbeutung, verpachten Ihre Ländereien zu hohen Preisen und ziehen den Bauern das Fell über die Ohren ... Sie sollen wissen, daß das Volk, wenn die Regierung seine Bedürfnisse nicht befriedigt, ebenfalls nicht nach Ihrem Einverständnis fragen wird, daß es den Boden nehmen wird 403

Vergleicht man die Reden der revolutionären Bauern in der zweiten Duma mit den Reden der revolutionären Arbeiter, so fällt unwillkürlich folgender. Unterschied auf. Erstere besitzen unermeßlich mehr unmittelbar revolutionären Schwung, sind von der Leidenschaft beseelt, die Macht der Gutsbesitzer unverzüglich zu stürzen, unverzüglich eine neue Gesellschaftsordnung zu errichten. Der Bauer ist von dem Wunsche beseelt, sich sogleich auf den Feind zu stürzen und ihn zu erdrosseln. Bei dem Arbeiter ist der revolutionäre Geist abstrakter, er ist gleichsam auf entferntere Ziele eingestellt. Dieser Unterschied ist völlig begreiflich und gesetzmäßig. Der Bauer vollzieht jetzt, unverzüglich, seine, die bürgerliche Revolution, ohne ihre inneren Widersprüche zu erkennen, ohne dem Gedanken an solche Widersprüche Raum zu geben. Der sozialdemokratische Arbeiter erkennt sie, und er kann nicht, da er sich weltumspannende sozialistische Ziele setzt, das Schicksal der Arbeiterbewegung vom Ausgang der bürgerlichen Revolution abhängig machen … Daraus muß man den Schluß ziehen, daß der Arbeiter, ohne sich mit irgendeiner anderen Klasse zu verschmelzen, mit all seiner Energie dem Bauern helfen muß, diese bürgerliche Revolution zu Ende zu führen. 404

Am 15.07.2019 bringen mich die von Lenin zitierten Bauern auf diese Idee: Der Rentenfinanzausgleich macht aus allen Böden gleich fruchtbare Böden, nur dass diese Gleichheit sich aus der natürlichen Fruchtbarkeit der Erde und der Fruchtbarkeit des Geldes zusammensetzt. Ist dieser Ausgleich – jedes Jahr erneut – durchgeführt, dann sind die Voraussetzungen geschaffen, dass sich die Landwirtschaft nach den gleichen Prinzipien entwickelt wie der industrielle Kapitalismus. Die Rente bleibt "in der Familie" und schafft für alle die gleichen Bedingungen. Aber das genügt nicht.

Die erste den Boden betreffende Besonderheit gegeben, muss es in der Landwirtschaft eine zweite Besonderheit geben, die das Eigentum betrifft. Der Staat ist Generaleigentümer allen Bodens. Der Bauer kann Boden vom Staat kaufen. Mit dem Kauf erwirbt er das Nutzungseigentum am Boden, eine neue Form des Eigentums. Das Nutzungseigentum ist an die Nutzung gebunden, hat im ganzen Land denselben Quadratmeterpreis, ist vererbbar und veräußerbar, ähnlich wie die Erbpacht, nur ohne Pacht an den Grundherrn, sondern mit Pacht an sich selbst. Der einheitliche Bodenpreis für alle Böden wird mit dem Rentenfinanzausgleich vom Staat oder dem Gremium festgesetzt, das den Rentenfinanzausgleich verwaltet und anpasst.

Ab nun gilt in der Landwirtschaft dasselbe Gesetz wie in der Industrie, dass die höchste technische Produktivität den (niedrigen) Brotpreis bestimmt und dass der Landwirt, der diese Produktivität auch mit Rentenfinanzausgleich, nicht erreicht, vom Markt gefegt wird.

Schlußfolgerungen

Um eine wirklich freie Farmerwirtschaft in Rußland aufzubauen, müssen auf allen Ländereien „die Schranken niedergerissen" werden, sowohl auf dem gutsherrlichen als auch auf dem Anteilland. Der ganze 430 mittelalterliche Grundbesitz muß zerschlagen, alle und jegliche Ländereien müssen für freie Landwirte auf freiem Boden gleichgesetzt werden. Bodentausch, Ansiedlung, Abrundung der Grundstücke, Schaffung neuer, freier Genossenschaften an Stelle der überalterten fronpflichtigen Dorfgemeinde müssen soweit wie nur möglich erleichtert werden. Der ganze Boden muß vom mittelalterlichen Schutt „gereinigt" werden. 429, 430

Die ganze Bauernschaft und das ganze Proletariat sind gegen das Privateigentum am Grund und Boden …

Die Erfahrungen der ersten Periode der russischen Revolution haben endgültig bewiesen, daß die russische Revolution nur als bäuerliche Agrarrevolution siegreich sein kann, und daß diese letztere ohne die Nationalisierung des Grund und Bodens ihre historische Mission nicht in vollem Umfang erfüllen kann. 431

Die Nationalisierung des Grund und Bodens ist nicht, nur der einzige Weg, um alles Mittelalterliche in der Landwirtschaft restlos zu beseitigen, sondern auch die unter dem Kapitalismus denkbar beste Art, die Agrarverhältnisse zu ordnen. 432

Da die russischen Marxisten über keine Erfahrung verfügten und es für unmöglich hielten, bürgerliche Bewegungen zu erfinden, konnten sie vor der Revolution naturgemäß kein richtiges Agrarprogramm aufstellen. Sie begingen jedoch dabei den Fehler, daß sie auch nach dem Beginn der Revolution, anstatt die Theorie von Marx auf: die besonderen russischen Verhältnisse anzuwenden (unsere. Theorie ist kein Dogma, lehrten Marx 433 und Engels stets, sondern eine Anleitung zum-Wandeln), anstatt dessen die Schlüsse unkritisch-wiederholten, die sich aus der Anwendung der Marxschen Theorie auf andere Verhältnisse, auf eine ändere Epoche ergaben. 432, 433

Man soll nicht glauben, daß gerade der gegenwärtige geschichtliche Zeitpunkt … für „ausgedehnte" Agrarprogramme "ungeeignet" sei. Ein solcher Gedanke entspräche jenem Renegatentum, jenem Kleinmut, jenem Zerfall und jener Dekadenz, von denen breite Schichten der kleinbürgerlichen Intellektuellen erfaßt wurden, die der Sozialdemokratischen Partei Rußlands angehören oder ihr nahestehen. Das Proletariat wird nur gewinnen, wenn dieser Unrat aus der Arbeiterpartei gründlich hinausgefegt wird. 434

NachwortS. 526 110 Das Nachwort schrieb Lenin bei der Herausgabe des Buches „Das Agrarprogramm der Sozialdemokratie in der ersten russischen Revolution von 1905 bis 1907" im Jahre 1917.

Die vorliegende Arbeit wurde Ende 1907 geschrieben. Im Jahre 1908 wurde sie in Petersburg gedruckt, doch die zaristische Zensur beschlagnahmte und vernichtete sie. Ein einziges Exemplar wurde gerettet, in dem jedoch das Ende (nach S. 269 der vorliegenden Ausgabe) fehlt, so daß dieses jetzt hinzugefügt wurde.

In der gegenwärtigen Zeit hat die Revolution die Agrarfrage in Rußland weit mehr als in den Jahren 1905-1907 in ihrer ganzen Breite und Tiefe, in aller Schärfe gestellt. Die Bekanntschaft mit der Geschichte unseres Parteiprogramms in der ersten Revolution wird uns, so hoffe ich, helfen, uns in den Aufgaben der heutigen Revolution besser zurechtzufinden.

Besonders ist folgendes hervorzuheben. Der Krieg hat den kriegführenden Staaten so unerhörtes Elend gebracht und hat gleichzeitig, indem er den monopolistischen Kapitalismus in einen staatsmonopolistischen Kapitalismus verwandelte, die Entwicklung des Kapitalismus so ungeheuer beschleunigt, daß sich weder das Proletariat noch die revolutionäre kleinbürgerliche Demokratie auf den Rahmen des Kapitalismus beschränken können.

Das Leben ist bereits über diesen Rahmen hinausgegangen, indem es solche Aufgaben auf die Tagesordnung stellt, wie die Regelung der Produktion und Verteilung im gesamtstaatlichen Maßstab, allgemeine Arbeitsdienstpflicht, zwangsweise Syndizierung (Vereinigung in Verbänden) usw. Bei einer solchen Lage der Dinge muß unvermeidlich auch die Nationalisierung des Grund und Bodens im Agrarprogramm eine andere Stellung einnehmen. Und zwar: Die Nationalisierung des Grund und Bodens ist 437 nicht nur das „letzte Wort" der bürgerlichen Revolution, sondern ist auch ein Schritt zum Sozialismus. Man kann nicht das Elend des Krieges bekämpfen, ohne solche Schritte zu tun.

Das Proletariat, das die arme Bauernschaft führt, muß einerseits den Schwerpunkt seiner Tätigkeit von den Sowjets der Bauerndeputierten auf die Sowjets der Landarbeiterdeputierten verlegen und anderseits die Nationalisierung des Inventars der Gutswirtschaften und gleichzeitig ihre Verwandlung in Musterbetriebe unter Kontrolle der letztgenannten Sowjets fordern.

Ich kann jetzt natürlich nicht ausführlicher auf diese äußerst wichtigen Fragen eingehen und muß den interessierten Leser auf die laufende bolschewistische Literatur und auf meine Broschüren „Briefe über die Taktik" [LW 24, S. 24-37] und „Die Aufgaben des Proletariats in unserer Revolution (Entwurf einer Plattform der proletarischen Partei)" [LW 24, S. 39-77] verweisen.

28. September 1917

Der Verfasser

Veröffentlicht 1917 in dem Buch Nach dem Text des Buches. "Das Agrarprogramm der Sozialdemokratie in der ersten russischen Revolution von 1905 bis 1907". 436, 437

An A.M.Gorki

Nunmehr sind die „Beiträge zur Philosophie des Marxismus" erschienen. Ich habe alle Artikel gelesen, außer dem Suworowschen (bei dem ich eben bin), und bei jedem neuen Artikel tobte ich geradezu vor Empörung. Nein, das ist kein Marxismus! Und unsere Empiriokritiker, unser Empiriomonist und unser Empiriosymbolist marschieren geradenwegs in den Sumpf. Dem Leser, weismachen, daß der „Glaube" an die Realität der Außenwelt „Mystik" sei (Basarow), Materialismus und Kantianismus aufs schändlichste, durcheinanderwerfen (Basarow und Bogdanow), eine Spielart des Agnostizismus (den Empiriokritizismus) und des Idealismus (den Empiriomonismus)" predigen, - die Arbeiter „religiösen Atheismus" und „Vergöttlichung" der höchsten menschlichen Potenzen lehren (Lunantscharski), - erklären, daß die Engelssche Lehre von der Dialektik Mystik sei (Berman), - aus der stinkenden-Quelle irgendwelcher französischer „Positivisten" schöpfen, irgendwelcher Agnostiker oder Metaphysiker, hol sie der Teufel, mit ihrer „symbolischen Erkenntnistheorie" (Juschkewitsch)! Nein, das ist zuviel! Natürlich, wir einfachen Marxisten sind in der Philosophie nicht belesen, aber warum muß man uns das antun, daß man uns etwas Derartiges.als Philosophie des Marxismus auftischt! Eher lasse ich mich vierteilen, als daß ich mich einverstanden; erkläre, an einem Organ oder in einem Kollegium mitzuarbeiten, das solche Dinge predigt.

Es zog mich wieder zu den „Betrachtungen eines einfachen Marxisten über Philosophie", und ich griff zur Feder;122 S. 527 In dieser Zeit begann W. I. Lenin mit der Niederschrift seines Buches „Materialismus und Empiriokritizismus". (Siehe Werke, Bd.L14;) 458

Auch Sie sollten meiner Meinung nach dabei helfen. Und Sie können dabei helfen, wenn Sie im „Proletari" über neutrale (d. h. mit der Philosophie in keinerlei Zusammenhang stehende) Fragen der Literaturkritik, der Publizistik und des künstlerischen Schaffens usw. schreiben. Ihren Artikel aber - wenn Sie eine Spaltung verhindern wollen, wenn Sie helfen wollen, den neuen Streit zu lokalisieren - sollten Sie umarbeiten: alles, was, sei es auch nur indirekt, mit der Bogdanowschen Philosophie zusammenhängt, müßten Sie woanders unterbringen. Sie haben ja außer dem „Proletari" gottlob noch andere Möglichkeiten, zu publizieren. 460