Kr.1.5.188a-189a Das Leere - KrSc

Gegensatz am Anfang Kr.1.5.188a19-26

»Alle nehmen in ihre Grundlagen die Gegensätze auf, sowohl die Anhänger der unbewegten 188a20 Alleinheit (sogar Parmenides macht ja warm und kalt zu Grundlagen und nennt sie Feuer und Erde), als auch diejenigen, die von dünn und dicht sprechen, auch Demokritos mit seinem 'voll' und 'leer' (stereon kai kenon), von denen er das eine auf die gleiche Stufe stellt mit dem Sein, das andere mit dem Nichtsein. Dazu kommt bei ihm noch der Unterschied in der Lage, Gestalt und Anordnung, was doch alles Gattungen von Gegensätzen sind, zur Lage gehört oben und unten, 25 vorn und hinten, gewinkelt und gestreckt, gerade und rund.« [G43]

Leeres als zweiter Anfang KrK.1.5.188a26

Da haben wir den zweiten Anfang: das Leere. Alle Geheimnisse des Parmenides, das Unendliche, das Eine, das Ganze, das Unteilbare, das Unbewegliche, das Ewige haben eine natürliche Erklärung. Das ewig unveränderliche immaterielle 3d-Wesen, der Ort der Welt, ist das Leere. Mit dem Leeren verschwindet sofort die grösste Schwierigkeit der Naturphilosophen, die Lokalisierung des Gegensatzes. Er ist überall:

Ist das Bewegungsprinzip des allgemeinen naturgesetzlichen Zusammenhangs ein Gegensatz, so muss er sich in allen Stufen vom Atom über dieses Stück Materie bis hin zum allgemeinen naturgesetzlichen Zusammenhang finden. Denn: Woraus die Welt besteht, das muss zugleich die Ursache der Bewegung sein. Wenn das, woraus die Welt besteht, nicht zugleich die Ursache der Bewegung wäre, dann müsste es ausser dem, woraus die Welt besteht, noch etwas geben, was wir die 'Ursache' nennen. Die Ursache wäre also nicht von dieser Welt, weil sie nicht das wäre, woraus die Welt besteht. Das Volle und das Leere sind beides zugleich, Anfänge und Gegensatz und damit Ursache. Die Ursache der Bewegung, der Gegensatz, muss nicht mehr ausserhalb der Welt gesucht werden, bei der Vernunft oder bei Gott, der Gegensatz ist mit den beiden Anfängen identisch. Alle kunterbunten Gegensätze der Alten reduzieren sich auf diesen einen Gegensatz. Mehr brauchen wir nicht, mehr gibt es nicht.

Gegensatz am Anfang, Werden und Vergehen Kr.1.5.188a26-30

»Dass also nun Alle ungefähr die Gegensätze zu Principien machen, ist klar; und es ist dies auch wohlbegründet, denn es müssen die Principien weder wechselseitig auseinander noch aus Anderem sein, und aus ihnen Alles; dies aber kömmt nur den ersten Gegensätzen zu, nämlich weil sie erste sind, sind sie nicht aus Anderem, und weil Gegensätze, sind sie 30 nicht wechselseitig auseinander.« [P29]

das Leere KrK.1.5.188a30.a

Jedem, der den Gedanken des Leeren zum ersten Mal bewusst denkt, stockt der Verstand. Hunderte Assotiationen, die man im Laufe des Lebens angedacht und wieder beiseite gelegt hat, schiessen einem durch den Kopf. Es verschlägt einem nicht nur die Sprache, sondern auch zunächst das Denken: Über die bewegten Teile des Ganzen hinaus gibt es Nichts. Im wahrsten Sinne des Wortes.

»Leukippos aber und sein Genosse Demokritos behaupten als Elemente das Volle und das Leere, indem sie das eine Seiendes, das andere Nichtseiendes nennen, nämlich das Volle und Dichte nennen sie das Seiende, das Leere und Dünne das Nichtseiende. Deshalb behaupten sie auch, dass das Seiende um nichts mehr sei als das Nichtseiende, weil auch das Leere nicht (weniger) als der Körper.« Metaphysik, 1,4, Philos.Bibliothek .

Leukipp und Genosse KrK.1.5.188a30.b

Was wir von Demokrit und Leukipp kennen, kennen wir in der Hauptsache von Aristoteles. Das Volle sind bei Demokrit zunächst die Atome, die sich im Leeren bewegen. Aus den Atomen setzen sich alle materiellen Gegenstände zusammen, also auch die chemischen Atome mit Proton und Elektronen drumherum und ihrem Teilchenzoo. Aristoteles lehnt das Leere ab mit der Begründung, dass zwei Dinge nicht zugleich am selben Ort sein können, bei Annahme des Leeren aber der materielle Körper und der leere Körper am selben Ort sein müssen. Aber genau diese Begründung zwingt uns zur Annahme des Leeren:

Das Allerweltsnichts, das jeder, ohne eine Sekunde zu überlegen auf die Frage: Was ist hier an dieser Stelle ausser den bekannten und noch nicht bekannten Materiearten? zugeben muss, nämlich Nichts, das ist das Leere, um dessen Sein es hier geht. Die Physiker sind seit Jahrhunderten auf der Suche nach ihm, die Philosophen und Theologen etwas länger damit beschäftigt, es unter den Teppich zu kehren, ihr Geheimsüppchen damit zu kochen oder ihren Ulk damit zu treiben.

Die Abwesenheit der Materie ist genauso ein Anfang des Seins wie die Materie selbst. In allen Stufen des Seins1 ist die Abwesenheit der Materie mit der Materie zugleich. Das ist nicht vorstellbar, aber unleugbar. Das zunächst Undenkbare am Leeren ist: Es ist mit der Materie zugleich, nimmt ein und denselben Ort ein (genauer 3d-Grösse mit Lage, nicht Ort im heutigen Sprachgebrauch als Punkt mit Lage).

Leeres und Glauben KrK.1.5.188a30.c

Das Leere ist zunächst nicht vorstellbar, weil wir alle geborene Logiker sind und den Widerspruch nicht ertragen: Das gleichzeitige Einnehmen ein und desselben Ortes zweier Dinge, heisst: Hier ist das Volle, und hier an genau derselben Stelle ist das Leere. Warum ist es unleugbar? Ballen Sie Ihre Hand zu einer Faust, schauen Sie drauf und fragen sich:

Ist hier wirklich Nichts ausser der Materie?

Ist hier wirklich Nichts ausser der Materie?

Ist hier wirklich Nichts ausser der Materie?

Ist hier wirklich Nichts ausser der Materie?

Ist hier wirklich Nichts ausser der Materie?

Das 'Ja' auf die fünf Fragen ist reine Glaubenssache. Aber es ist wieder Glauben, der sich auf Gewissheit gründet. Logisch bewiesen werden kann das Leere nicht, weil der Satz des Widerspruchs, die Grundlage aller logischen Beweise, nichts andres als die Behauptung der Ortsidentität Zweier ist, Leeres und Volles aber stets denselben Ort einnehmen.2 Die behauptete Ortsidentität in der Logik zeigt in jedem Fall, dass die Behauptung falsch ist: Die beiden Sätze 'der Würfel ist aus Holz' und 'der Würfel ist aus Eisen' können nicht zugleich wahr sein, einer ist falsch. Da, wo Holz ist, ist kein Eisen, und da, wo Eisen ist, ist kein Holz. Den Satz des Widerspruchs können wir also hier nicht benutzen, denn das Leere und das Volle sind stets zugleich, ohne dass der Widerspruch eintritt. Finden wir uns damit ab. Experimentell nachweisen kann man das Leere auch noch nicht und wird es hoffentlich auch nie können. Das Leere wird uns aber durch die ganze Physik begleiten, und zum Schluss werden Sie sich wundern, wie Sie je die Existenz des Leeren nicht annehmen konnten. Die fünf Fragen sind gedacht zur Einübung des Gedankens.

Da das Leere eindeutig der Person Demokrit zuzuordnen ist, kann es erst bei den Juden, Moslems und Christen in der philosophischen Theorie auftauchen. Die beiden wichtigsten Vertreter der jüdisch-aristotelischen Literatur sind Abraham ben David (Gott als erster unbewegter Beweger, kenne ich leider bis jetzt nur aus Nachschlagewerken) und Moses Maimonides. In der Scholastik hat insbesondere Thomas von Aquin Gott mit allen Attributen des Leeren ausgestattet, der Unendlichkeit, Ewigkeit und Unveränderlichkeit, Immaterialität, vollständigen Trennung von der Materie und dennoch Gleichzeitigkeit mit Allem. Die arabischen Philosophen ibn Sina (Avicenna) und ibn Rushd (Averroes), bei denen sich Thomas - stets unter Angabe der Quelle - bedient, halten sich eng an Aristoteles, der das Leere leugnet. »Ferner wurde in der Naturwissenschaft bei der Untersuchung über die Existenz des leeren Raumes dargelegt, dass die Dimension sich nicht vom Körper trennen kann.« Die Metaphysik des Averroes, dt. von Max Horten, S. 46 .

<Widerspruch KrK.1.5.188a30.d met iv3 Leeres und Logik>

Die anfängliche Schwierigkeit, das Leere zu denken, hat also einen logischen Grund, besser eine logische Verwechslung, nämlich die Verwechslung des gleichzeitigen Vollen und Leeren mit dem Widerspruch, der auch Aristoteles aufsitzt. Zwei materielle Gegenstände können nicht in einem Moment denselben Ort einnehmen. Das ist die physikalische oder stoffliche Übersetzung von Aristoteles' massgeblicher Definition des Widerspruchs aus der Metaphysik, Meiner, S. 137 ( Me.4.3.1005b ) :

»Dass nämlich dasselbe demselben in derselben Beziehung ... unmöglich zugleich zukommen und nicht zukommen kann, das ist das sicherste unter allen Prinzipien ..., da es unmöglich ist, dass jemand annehme, dasselbe sei und sei nicht ... Daher kommen alle, die einen Beweis führen, auf diese letzte Annahme zurück; denn dies Prinzip ist seinem Wesen nach zugleich Prinzip der anderen Axiome.«

Aber das Leere ist überall, wo Materie ist, ohne dass zwei materielle Körper denselben Ort einnehmen, es ist ja nicht materiell. Daher ist es falsch, das Leere als Nichts oder Nichtseiendes zu bezeichnen, wie ich es eben auch getan habe. Das Leere ist wie die Materie. Nichts ist, was nicht ist, die Sphinx. Das Nichts gibt es nicht, wie Parmenides richtig sagt. Das Leere ist aber. Das Leere ist nur dann Nichts wenn vorausgesetzt wird, dass allein Materie Etwas ist, so die Interpretation des Materialismus aller Idealisten.3 Die Fragen müssen also lauten:

Ist hier wirklich das Leere ... ?

Ist hier wirklich das Leere ... ? usw.

Von der Materie wissen wir, dass sie ausgedehnt, undurchdringlich und schwer ist. Wir wissen jetzt, dass überall, wo Materie ist, auch das Leere ist. Alle materiellen Teile sind mit dem Leeren zugleich. Oder: Materie ohne Leeres gibt es nicht . Materie ist demnach nie nur Materie und sonst nichts, sondern immer und überall zugleich mit dem Leerem. Das ist ein weiterer Grund, warum unsere beiden Grundlagen in der Logik nur getrennt auftreten dürfen, nie gemeinsam: 'Teil' und 'Ganzes' haben in der Physik eine völlig andere Bedeutung als in der Logik. In der Logik ist der Teil immer kleiner als das Ganze und immer identisch mit eben diesem Teil des Ganzen. Beide sind untrennbar Eins. Das Ganze der Physik ist das Sein. Die Teile sind das Volle und das Leere. Alle drei aber, das Ganze und die beiden Teile, haben ein und dieselbe Grösse und ein und denselben Ort, sind auch untrennbar, aber nicht Eins, sondern Zwei. Trotz Gleichzeitigkeit ist der eine Teil immer und überall vollständig vom andern Teil getrennt, das Leere kann nie Volles, das Volle kann nie Leeres sein. Und diese Trinität des Ganzen mit seinen beiden Teilen, dieser doppelte 'Widerspruch' gilt sowohl für das Ganze, als auch für jeden einzelnen Gegenstand, jeden einzelnen Teil.

Vom Leeren wissen wir bis jetzt noch nicht viel. Es ist überall, wo Materie ist und wie die Materie 3d-ausgedehnt, hat genau dieselbe Grösse a 3 wie die materiellen Teile (die Löcher zwischen den Atomen, Molekülen und den makroskopischen Körpern werden noch gestopft). Beider Grössen, die Grösse der Materieteile und die Grösse des Leeren, sind identisch: Das Leere ist die Grösse, das Volle hat die Grösse.

Leeres und Stoff KrK.1.5.188a30.e

Das bedeutet aber, dass wir unsere Vorstellung kritisieren müssen, allein die Materie sei Stoff: Auch das Leere ist Stoff. Denn Stoff ist Ausdehnung, wie Descartes gefunden hat, und das Leere ist ausgedehnt.

Weiter muss das von der Materie getrennte Leere eine unvorstellbar grosse, vielleicht unendlich grosse Wirkung auf die Materie ausüben. Alle Versuche der Physiker der Waffenproduzenten, die Materie vom Leeren zu trennen, sind bislang fehlgeschlagen. Die Zertrümmerung der Kernmaterie hat sie ein gutes Stück vorangebracht, so dass Hoffnung besteht. Leeres ohne Materie ist nicht vorstellbar, aber theoretisch möglich. Materie ohne Leeres dagegen ist unmöglich. Es ist nicht nur die Bühne für die Bewegung der Materie, sondern auch die Bühne des Daseins der Materie, ihr Ort oder Ihr Wo. Ohne Leeres keine Materie, weil sie sonst im Nirgendwo wäre. Undurchdringlich ist das Leere offenbar nicht. Es muss irgendwie das gerade Gegenteil sein, weil es überall mit der Materie zugleich ist. Eine Masse kann es offenbar auch nicht haben. Denn es ist ja nicht materiell. Das ist alles noch sehr vage. Aber wir fangen ja gerade an.

Lukrez, Atome im Leeren KrK.1.5.188a30.f

Eine Schwierigkeit ist die Frage, ob und wie das Leere das Atom bewegt. Bei Lukrez lesen wir:

»Doch wenn die Urelemente, die einfach sind und solide,

Schweifen im stofflosen Leeren und nichts sie von aussen zurückhält,

Und sie selbst mit den eig'nen zur Einheit verbundenen Teilchen

Auf ein einziges Ziel die begonnene Richtung verfolgen,

Müssen - das ist kein Wunder - an Schnelle sie alles besiegen

Und sich weit schneller bewegen sogar als die Strahlen der Sonne.«

Oder:

»Hierbei ist es jedoch nicht verwunderlich, dass uns das Weltall,

Während sich alle Atome in steter Bewegung befinden,

Dennoch den Eindruck macht, zu verharren in völliger Ruhe

...

Denn der Atome Natur liegt weitab unter der Schwelle

Unserer Sinne verborgen. Drum muss sich dir, da du sie selber

Doch gar nicht wahrnehmen kannst, auch ihre Bewegung verbergen.

Hehlen doch oft schon Dinge, die wir mit den Augen erblicken,

Ihre Bewegungen uns, wenn sie allzu entfernt von uns stehen.««

Lukrez, Von der Natur, Darmstadt 1993, S. 107,119f .

Man sieht, es gibt auch Römer, die nicht spinnen.

Aber alle Bewegung, die wir kennen, findet doch durch Berührung statt. Im Leeren gibt es jedoch keine Berührung, sondern nur Gleichzeitigkeit bei absoluter und ewiger Trennung der beiden Anfänge. Wie soll da die Bewegung des Atoms im Leeren zustandekommen? Hier der Versuch einer Antwort.

Wie bewegt das Leere das Volle?

Wie bewegt das Leere das Volle? KrK.1.5.188a30.g

Wir warten nicht bis zum Schluss der Arbeit auf die Antwort der Frage nach der ersten Bewegungsursache, sondern geben sie gleich hier aus der Sicht des kleinsten materiellen Teilchens. Die Antwort muss sich dann ihre Berechtigung durch die restlichen sieben Bücher vom Atom aufwärts bis hin zu den Galaxien und darüber hinaus erkämpfen, wenn wir uns zum Schluss dieselbe Frage erneut aus der Sicht des Ganzen stellen werden.

erste Bewegung durch allseitige Berührung KrK.1.5.188a30.h

Berührung gibt es nur durch Bewegung zweier Getrennter, die sich nähern. Das Leere ist aber vollständig vom Vollen getrennt und kann sich weder nähern noch entfernen. Wenn wir aber über die Bedeutung des Wortes Berührung nachdenken, so geraten wir ins Zweifeln. Berührung zweier materieller Teile findet statt an deren Grenzen und zwar nur an den Grenzen. Zwei materielle Teile, die sich berühren, haben einen gemeinsamen Ort dort, wo sie sich berühren. Berührung ist also die Einnahme desselben Ortes Zweier in ihrer gemeinsamen Grenze.

Anders als zwei Volle sind das Leere und das Volle aber an jedem einzelnen Ort ihrer gesamten Ausdehnung zugleich. Wenn also die zweiseitige Einnahme desselben Ortes Berührung ist, dann gibt es keine vollständigere Berührung als die allseitige Einnahme desselben Ortes, weil das Ganze hier das Ganze berührt, der Stoff den Stoff und nicht bloss zwei Stoffe in ihrer Form zusammentreffen. Nennen wir die Bewegung der Atome im Leeren 'Bewegung durch Gleichzeitigkeit' oder durch 'allseitige Berührung', um sie von der Bewegung durch zweiseitige Berührung zu unterscheiden.

erste Bewegung durch negativ unendlich grosse Masse KrK.1.5.188a30.i

Dadurch, dass das Leere sich durch Nichts und Niemanden aus der Ruhe bringen lässt.

Für diese Eigenart des Stoffs haben wir bei der Materie den Begriff Trägheit geprägt. Da das Leere auch Stoff ist, negativer Stoff, die Bewegungslosigkeit des Leeren durch keine endliche oder unendliche Kraft geändert werden kann, so ist die negative Trägheit oder die negativ träge Masse des Leeren - . Besser wäre es vielleicht, für die negative Trägheit einen eigenen Namen zu verwenden. Einmal, weil die Trägheit erst durch den dritten Anfang, den es hier nocht nicht gibt, vermittelt wird. Zum andern aber, weil der Begriff Trägheit bei einem ewig Unbewegten deplaziert wirkt. Vielleicht genügt aber auch das 'negativ' zur Unterscheidung. Vielleicht ist es das beste, wenn wir die Masse in träge Masse, schwere Masse und leere Masse unterteilen. Und die Masse selbst ist neben der Undurchdringlichkeit und der Ausdehnung die dritte Qualität des Stoffs.

Die negativ unendlich grosse Masse des Leeren ist die Ursache der Bewegung des Vollen, da zwischen den Atomen viel Leeres ist, viel leere Masse auf wenig volle Masse wirkt. Wenn die Masse des Leeren, das von einem Atom eingenommen wird, - μ ist, dann ist diese Masse ein Grad des Unendlichen, weil das Leere keine Unterschiede zulässt. Dann muss aber das Raummaterieteilchen dem gleichgrossen Leeren etwas Gleiches entgegensetzen. Die Masse des Raummaterieteilchens muss +m sein.

unendlich grosse Dichte des Atoms KrK.1.5.188a30.j

Das kleine Leere und das kleine Volle sind gleichberechtigt, sie saldieren sich zu Null. Die erste Masse ist also die Masse Null. Wir können sie aber weder als träge, noch als schwere Masse bezeichnen, weil die Trägheit und die Schwere erst durch den dritten Anfang erzeugt werden. Wenn wir andrerseits dem Leeren die leere Masse geben, dem RM-Teilchen die dichte oder volle Masse, dann könnten das +m und das -m zusammen als die Null die erste schwere Masse sein?

Die Dichte des Atoms gehört eigentlich nicht zur Frage nach der Bewegungsursache, ist aber umso heikler, weil sie die Antwort auf die Frage nach der Ewigkeit der Atome gibt und zugleich wieder relativiert. Denn was unendlich dicht ist, kann ewig halten. Was aber zusammengehalten wird, besteht aus Teilen. Hier werden wir in unsere Grenzen verwiesen. Es ist wohl besser, diesen Gedanken nicht weiterzudenken und dies erst dann zu tun, wenn aus der Hypothese anfechtbare Fakten geworden sind. Das bedeutet für die Physik, dass das Materieatom als ewig gesetzt wird und dass die Physik die Frage seines Werdens und Vergehens nicht behandelt.

erste Bewegung, unendlich grosse Geschwindigkeit KrK.1.5.188a30.k

Soviel zunächst zum Innern des Atoms. Es ist unendlich klein, unendlich dicht und unendlich schnell. Denn da das Atom unendlich klein ist, das Leere unendlich gross, befindet sich zwischen den Atomen unendlich viel Leeres. Die negativ unendlich grosse Masse des Leeren zieht an der Nullmasse des Atoms und bringt so die einzige Bewegung zu Stande, die es verursachen kann: die unendlich schnelle gradlinige Bewegung des Materieatoms. Denn jetzt ist das Materieatom mit der Masse Null der unendlich negativen Masse des Leeren ausgesetzt. Fragen wir aber nach dem Ort der Ursache und nach dem Ort der Wirkung, so setzt uns das in Verlegenheit, da wir gelernt haben, Ursache und Wirkung als eine zweiseitige Angelegenheit zu sehen, hier aber der Allseitigkeit ausgeliefert sind, für die wir noch keine Namen, geschweige denn angemessene Vorstellungen haben. Vermutlich wird die räumliche Verteilung der benachbarten Materieatome die Bewegungsrichtung bestimmen. Wo ein Atom ist, kann kein zweites hin, wo keins ist, ist Platz.

Also haben wir nun alles, was wir zur Erklärung des Seins und der Bewegung benötigen? Zwei Anfänge, das Leere und die Atome, die zugleich der Gegensatz und damit der Motor der Bewegung sind.

Aber das ist doch auch Unsinn! Wenn das Leere nur die Atome bewegt und diese Bewegung unendlich schnell ist, und wenn das Atom allein die gradlinige Bewegung gegen das All kennt, wo soll da der Bewegungsmotor sein für die gemächlichen Planetenbewegungen, der vielen Bewegungen unter dem Mond und deren unzählige Bewegungsbahnen, das Werden und Vergehen der anorganischen und organischen Gattungen und Arten?

Die Atome und das Leere allein genügen also auch nicht als Anfänge. Keine, nicht eine einzige Bewegung in der ganzen uns umgebenden wahrnehmbaren Welt, ist unendlich schnell, keine ist gradlinig gegen das All.

Gegensätze, viele Kr.1.5.188b21-30

» 188b21 Wenn dies so ist, dann entsteht alles aus seinem Gegensatz und vergeht in seinen Gegensatz oder in einen Zwischenzustand. Dieser Zwischenzustand besteht aber seinerseits aus den Gegensätzen ... Bis hierher folgen uns also die meisten anderen Denker ... alle nehmen unter ihre Bausteine und sogenannten Grundlagen, wenn sie auch die Begründung vermissen lassen, doch die 30 Gegensätze auf, wie wenn sie von der Wahrheit selbst bei der Hand genommen wären.« [G44f]

Gegensatz, Einer KrK.1.5.188b30

Uns genügt dieser eine Gegensatz am Anfang. Denn wenn es der Anfang ist, und wenn der Anfang so und nicht anders ist, dann ist er wahr. Aus Wahrem kann aber nichts Falsches folgen, aus Seiendem nicht Nichtseiendes. In der Physik wird es wie in der Logik sein und das Festhalten an einer Wahrheit wird mehr Früchte tragen, als das Aufstellen stets neuer Wahrheiten.

Es muss also noch etwas 'zwischen' dem Leeren und den Atomen geben, das aus den beiden besteht. Denn gäbe es nur das Volle und das Leere in der beschriebenen Weise, so flöge uns entweder alles mit unendlicher Geschwindigkeit um die Ohren. Wir könnten es aber weder wahrnehmen, noch wären wir überhaupt da, um es wahrzunehmen, weil die unendliche Bewegung den Atomen vorbehalten ist. Oder es gäbe überhaupt keine Bewegung. Dann hätten wir einen dicken vollen Klumpen, mit dem Leeren zugleich, und das war's dann auch schon. Der Faust hätte zwar seine Freude, weil er nun endlich eine wüsste, was die Welt im Innersten zusammenhält, bliebe aber auch weiterhin so klug als wie zuvor, weil sich in dieser Welt nichts bewegte.

Abschluss Kap. 5 Kr.1.5.189a9-10

»Dass 189a10 die Grundlagen also Gegensätze sein müssen, ist klar.« [G46]


1. Die Stufen des Seins und unserer Erkenntnis des Seins könnte man grob so skizzieren: geformter Stoff: Stein, Qualität: schwer, allgemeine Naturerscheinung: Schwere, allgemeines Naturgesetz und schliesslich allgemeiner naturgesetzlicher Zusammenhang, d.h. alle Bewegungen aller Teile des Ganzen.

2. Das hat zur Folge, dass wir die Logik entweder nur mit dem Leeren oder nur mit dem Vollen treiben dürfen, nicht mit beiden zugleich. Die Grundlage der Logik selbst aber, sei es das Volle, sei es das Leere, kann nicht bewiesen werden.

3. Die beispielsweise keinerlei Probleme damit haben, ein Ideelles, die Welle als physikalische Realität zu bezeichnen, aber vollkommen aus dem Häuschen geraten, wenn ihnen die Natur zeigt, dass sich nicht die Wellen, sondern die Teile der Welle bewegen.