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13. Kapitel. Die Produktionszeit | Inhalt | 15. Wirkung der Umschlagszeit auf die Größe des Kapitalvorschusses

Seitenzahlen verweisen auf: Karl Marx - Friedrich Engels - Werke, Band 24, "Das Kapital", Bd. II, 2. Abschnitt, S. 251 - 259 Dietz Verlag, Berlin/DDR 1963

VIERZEHNTES KAPITEL Die Umlaufszeit

<251> Alle bisher betrachteten Umstände, welche die Umlaufsperioden verschiedner, in verschiednen Geschäftszweigen angelegter Kapitale differenzieren, daher auch die Zeiten, während deren Kapital vorgeschossen werden muß, entspringen innerhalb des Produktionsprozesses selbst, wie der Unterschied von fixem und flüssigem Kapital, der Unterschied in den Arbeitsperioden usw. Die Umschlagszeit des Kapitals ist jedoch gleich der Summe seiner Produktionszeit und seiner Umlaufs- oder Zirkulationszeit. Es versteht sich daher von selbst, daß verschiedne Länge der Umlaufszeit die Umschlagszeit und daher die Länge der Umschlagsperiode verschieden macht. Am handgreiflichsten wird dies sichtbar, entweder wenn man zwei verschiedne Kapitalanlagen vergleicht, worin alle andren den Umschlag modifizierenden Umstände gleich und nur die Umlaufszeiten verschieden sind, oder wenn man ein gegebnes Kapital nimmt mit gegebner Zusammensetzung aus fixem und flüssigem Kapital, gegebner Arbeitsperiode etc., und nur die Umlaufszeiten hypothetisch variieren läßt.

Der eine Abschnitt der Umlaufszeit - und der relativ entscheidendste - besteht aus der Verkaufszeit, der Epoche, worin das Kapital sich im Zustand von Warenkapital befindet. Je nach der relativen Größe dieser Frist verlängert oder verkürzt sich die Umlaufszeit und daher die Umschlagsperiode überhaupt. Es kann auch infolge von Aufbewahrungskosten etc. zuschüssige Auslage von Kapital notwendig werden. Von vornherein ist klar, daß die für den Verkauf ihrer fertigen Waren erforderliche Zeit sehr verschieden sein kann für die einzelnen Kapitalisten in einem und demselben Geschäftszweig, also nicht nur für die Kapitalmassen, die in verschiednen Produktionszweigen angelegt sind, sondern auch für die verschiednen selbständigen Kapitale, die in der Tat nur verselbständigte Stücke des in derselben Produktionssphäre angelegten Gesamtkapitals bilden. Unter sonst gleichbleibenden Umständen wird die Verkaufsperiode für dasselbe indivi- <252> duelle Kapital mit den allgemeinen Schwankungen der Marktverhältnisse oder mit ihren Schwankungen in dem besondren Geschäftszweig wechseln. Hierbei halten wir uns jetzt nicht länger auf. Wir konstatieren nur die einfache Tatsache: Alle Umstände, welche überhaupt Verschiedenheit in den Umschlagsperioden der in verschiednen Geschäftszweigen angelegten Kapitale erzeugen, haben, wenn sie individuell wirken (wenn z. B. der eine Kapitalist Gelegenheit hat, rascher zu verkaufen als sein Konkurrent, wenn der eine mehr Methoden anwendet, welche die Arbeitsperioden verkürzen, als der andre etc.), ebenfalls Verschiedenheit im Umschlag der verschiednen, in demselben Geschäftszweig hausenden Einzelkapitale zur Folge.

Eine stetig wirkende Ursache in der Differenzierung der Verkaufszeit, und daher der Umschlagszeit überhaupt, ist die Entfernung des Markts, wo die Ware verkauft wird, von ihrem Produktionsplatz <1. und 2. Auflage: Verkaufsplatz>. Während der ganzen Zeit seiner Reise zum Markt befindet sich das Kapital gebannt in den Zustand des Warenkapitals; wenn auf Ordre produziert wird, bis zum Moment der Abliefrung; wenn nicht auf Ordre produziert, kommt zur Zeit der Reise zum Markt noch die Zeit hinzu, wo die Ware sich auf dem Markt zum Verkauf befindet. Verbeßrung der Kommunikations- und Transportmittel kürzt die Wandrungsperiode der Waren absolut ab, hebt aber nicht die aus der Wandrung entspringende relative Differenz in der Umlaufszeit verschiedner Warenkapitale auf, oder auch verschiedner Stücke desselben Warenkapitals, die nach verschiednen Märkten wandern. Die verbesserten Segelschiffe und Dampfschiffe z. B., welche die Reise verkürzen, verkürzen sie ebensowohl für nahe gelegne wie ferne Häfen. Die relative Differenz bleibt, obwohl oft vermindert. Die relativen Differenzen können aber infolge der Entwicklung der Transport- und Kommunikationsmittel verschoben werden in einer Weise, die nicht den natürlichen Entfernungen entspricht. z. B. eine Eisenbahn, die von dem Produktionsplatz nach einem inländischen Hauptzentrum der Bevölkrung führt, mag die Entfernung nach einem näher gelegnen Punkt des Inlands, wohin keine Eisenbahn führt, absolut oder relativ verlängern im Vergleich zu dem natürlich entferntern; ebenso mag infolge desselben Umstands die relative Entfernung der Produktionsplätze von den größern Absatzmärkten selbst verschoben werden, woraus sich der Verfall alter und das Aufkommen neuer Produktionszentren mit veränderten Transport- und Kommunikationsmitteln erklärt. (Hierzu kommt noch die größre relative Wohlfeilheit des Transports für längre als für kürzre Distanzen.) Gleichzeitig mit der Entwicklung der Transport- <253> mittel wird nicht nur die Geschwindigkeit der Raumbewegung beschleunigt und damit die räumliche Entfernung zeitlich verkürzt. Es entwickelt sich nicht nur die Masse der Kommunikationsmittel, so daß z. B. viele Schiffe gleichzeitig nach demselben Hafen abgehn, mehrere Züge gleichzeitig auf verschiednen Eisenbahnen zwischen denselben zwei Punkten fahren, sondern es gehn z. B. in der Woche an verschiednen sukzessiven Tagen Frachtschiffe von Liverpool nach New York oder zu verschiednen Tagesstunden Warenzüge von Manchester nach London. Die absolute Geschwindigkeit - also dieser Teil der Umlaufszeit - wird durch diesen letztren Umstand, bei gegebner Leistung der Transportmittel, zwar nicht alteriert. Aber sukzessive Quanta Waren können in kürzer aufeinanderfolgenden Zeiträumen die Reise antreten und so sukzessive auf den Markt kommen, ohne sich bis zur wirklichen Versendung in größren Massen als potentielles Warenkapital aufzuhäufen. Es verteilt sich daher auch der Rückfluß über kürzre sukzessive Zeitperioden, so daß beständig ein Teil in Geldkapital verwandelt ist, während der andre als Warenkapital zirkuliert. Durch diese Verteilung des Rückflusses auf mehrere sukzessive Perioden wird die Gesamtumlaufszeit abgekürzt und daher auch der Umschlag. Zunächst entwickelt sich die größre oder geringre Häufigkeit, worin die Transportmittel fungieren, z. B. die Anzahl der Züge einer Eisenbahn, einerseits mit dem Grade, worin ein Produktionsplatz mehr produziert, ein größres Produktionszentrum wird, und nach der Richtung auf den bereits vorhandnen Absatzmarkt hin, also nach den großen Produktions- und Bevölkrungszentren, nach Exporthäfen usw. Andrerseits bewirkt aber umgekehrt diese besondre Verkehrsleichtigkeit und der dadurch beschleunigte Umschlag des Kapitals (soweit er von der Umlaufszeit bedingt wird) eine beschleunigte Konzentration einerseits des Produktionszentrums, andrerseits seines Marktplatzes. Mit der so beschleunigten Konzentration von Menschen- und Kapitalmassen an gegebnen Punkten schreitet fort die Konzentration dieser Kapitalmassen in wenigen Händen. Zugleich findet wieder Verschiebung und Deplacement statt infolge der mit den veränderten Kommunikationsmitteln veränderten relativen Lage von Produktions- und Marktplätzen. Ein Produktionsplatz, der durch seine Lage an Landstraße oder Kanal besondren Positionsvorteil besaß, befindet sich jetzt an der Seite einer einzigen Zweigbahn, die nur in relativ großen Intervallen fungiert, während ein andrer Punkt, der ganz von den Hauptverkehrswegen ablag, nun am Kreuzpunkt mehrerer Bahnen liegt Der zweite Ort kommt auf, der erste verkommt. Es wird also durch die Verändrung in den Transportmitteln eine örtliche Verschiedenheit in der Umlaufszeit der Waren, der Gelegenheiten einzukaufen, zu verkaufen <254> usw. erzeugt, oder die schon existierende örtliche Verschiedenheit wird anders verteilt. Die Wichtigkeit dieses Umstandes für den Umschlag des Kapitals zeigt sich in den Streitereien der kaufmännischen und industriellen Repräsentanten der verschiednen Plätze mit den Eisenbahndirektionen. (Siehe z. B. das oben <Siehe vorl. Band, S. 152> zitierte Blaubuch des Railway Committee.)

Alle Produktionszweige, die der Natur ihres Produkts nach hauptsächlich auf lokalen Absatz angewiesen sind, wie Brauereien, entwickeln sich daher in der größten Dimension in Hauptzentren der Bevölkrung. Der raschere Umschlag des Kapitals gleicht hier zum Teil die Verteurung mancher Produktionsbedingungen, des Bauplatzes etc., aus.

Wenn einerseits mit dem Fortschritt der kapitalistischen Produktion die Entwicklung der Transport- und Kommunikationsmittel die Umlaufszeit für ein gegebnes Quantum Waren abkürzt, so führt derselbe Fortschritt und die mit der Entwicklung der Transport- und Kommunikationsmittel gegebne Möglichkeit - umgekehrt die Notwendigkeit herbei, für immer entferntere Märkte, mit einem Wort, für den Weltmarkt zu arbeiten. Die Masse der auf Reise befindlichen und nach entfernten Punkten reisenden Waren wächst enorm, und daher absolut und relativ auch der Teil des gesellschaftlichen Kapitals, der sich beständig für längre Fristen im Stadium des Warenkapitals, innerhalb der Umlaufszeit befindet. Damit wächst gleichzeitig auch der Teil des gesellschaftlichen Reichtums, der, statt als direktes Produktionsmittel zu dienen, in Transport- und Kommunikationsmitteln und in dem für ihren Betrieb erheischten fixen und zirkulierenden Kapital ausgelegt wird.

Mit den Kommunikationsmitteln des 21. Jahrhunderts verhält es sich wie mit den Weberschiffchen des Aristoteles, von denen sich Aristoteles die Befreiung der Menschheit von der Sklaverei erhofft hat (../me23/me23_391.html#S430). Schien das World Wide Web zu Beginn die Verheißung der weltweiten Ausbreitung des menschlichen Geistes der größten Denker, so ist es natürlich die weltweite Verbreitungsmaschine der Waren der größten Anbieter geworden, die mit dem Geist weniger am Hut hat. Die in den Verzeilzentren der flotten Warenverteiler arbeitenden Menschen lachen die Träumer von der grenzenlosen Freiheit des Geistes im WWW genauso aus wie es Aristoteles’ Sklaven getan hätten, hätten sie seine Schriften studiert.

Aber wie in den Dampfweberschiffchen des 19. Jahrhunderts steckt in der Kommunikationsmaschinerie des 21. Jahrhunderts ein die Menschheit vorwärtstreibendes Potential, das auch den in den Verteilzentren arbeitenden Menschen zugutekommen wird.

Die bloße relative Länge der Reise der Ware vom Produktions- zum Absatzort bewirkt eine Differenz nicht nur in dem ersten Teil der Umlaufszeit, der Verkaufszeit, sondern auch in dem zweiten Teil, der Rückverwandlung des Geldes in die Elemente des produktiven Kapitals, der Kaufzeit. z. B. die Ware wird nach Indien geschickt. Dies dauert z. B. vier Monate. Wir wollen die Verkaufszeit 0 setzen, d.h. die Ware sei auf Bestellung gesandt und werde bei Abliefrung an den Agenten des Produzenten gezahlt. Die Rücksendung des Geldes (die Form, in der es zurückgesandt wird, ist hier gleichgültig) dauert wieder vier Monate. So dauert es im ganzen acht Monate, bevor dasselbe Kapital wieder als produktives Kapital fungieren, dieselbe Operation damit erneuert werden kann. Die so hervorgebrachten Verschiedenheiten im Umschlag bilden eine der materiellen Grundlagen der verschiednen Kredittermine, wie denn der überseeische Handel z. B. <255> in Venedig und Genua überhaupt eine der Quellen des eigentlichen Kreditwesens bildet.

"Die Krisis von 1847 befähigte das Bank- und Handelsgeschäft jener Zeit, die indische und chinesische Usance" (für die Laufzeit von Wechseln zwischen dort und Europa) "von zehn Monate nach Dato auf 6 Monate nach Sicht zu reduzieren, und der Verlauf von 20 Jahren mit seiner Beschleunigung der Fahrt und Einrichtung von Telegraphen macht jetzt eine fernere Reduktion nötig von sechs Monaten nach Sicht auf vier Monate nach Dato als ersten Schritt zu vier Monate nach Sicht. Die Reise eines Segelschiffs um das Kap von Kalkutta nach London dauert durchschnittlich unter 90 Tagen. Eine Usance von vier Monaten nach Sicht würde einer Laufzeit von sage 150 Tagen gleichkommen. Die gegenwärtige Usance von sechs Monaten nach Sicht kommt einer Laufzeit von sage 210 Tagen gleich." ("London Economist", 16. Juni 1866.) -

Dagegen:

"Die Brasilische Usance steht noch immer auf zwei und drei Monate nach Sicht, Wechsel von Antwerpen" (auf London) "werden drei Monate nach Dato gezogen, und selbst Manchester und Bradford ziehn auf London auf drei Monate und längre Daten. Durch stillschweigende Übereinkunft wird dem Kaufmann so eine hinreichende Gelegenheit gegeben, seine Ware zu realisieren, zwar nicht vor, aber doch bis zu der Zeit, wo die dagegen gezognen Wechsel verfallen. Daher ist die Usance indischer Wechsel nicht übermäßig. Indische Produkte, die in London meistens auf drei Monate Ziel verkauft werden, können nicht, wenn man einige Zeit für den Verkauf einrechnet, in viel kürzrer Zeit als fünf Monaten realisiert werden, während andre fünf Monate durchschnittlich verfließen zwischen dem Einkauf in Indien und der Ablieferung im englischen Lagerhaus. Hier haben wir eine Periode von zehn Monaten, während die gegen die Waren gezognen Wechsel nicht über sieben Monate laufen." (Ibid., 30. Juni 1866.) "Am 2. Juli 1866 notifizierten fünf große Londoner Banken, die hauptsächlich mit Indien und China verkehren, sowie das Pariser Comptoir d'Escompte, daß vom 1. Januar 1867 ihre Zweigbanken und Agenturen im Orient nur solche Wechsel kaufen und verkaufen würden, die nicht über vier Monate nach Sicht gezogen wären." (Ibidem, 7. Juli 1866.)

Diese Herabsetzung mißglückte jedoch und mußte wieder aufgegeben werden. (Seitdem hat der Suezkanal dies alles revolutioniert.)

Es versteht sich, daß mit der längern Umlaufszeit der Waren das Risiko eines Preiswechsels auf dem Verkaufsmarkt steigt, da die Periode wächst, innerhalb deren Preiswechsel stattfinden können.

Eine Verschiedenheit in der Umlaufszeit, teils individuell zwischen verschiednen Einzelkapitalen desselben Geschäftszweigs, teils zwischen verschiednen Geschäftszweigen nach den verschiednen Usancen, da wo nicht gleich bar gezahlt wird, entspringt aus den verschiednen Terminen der <256> Zahlung bei Ein- und Verkauf. Wir halten uns bei diesem für das Kreditwesen wichtigen Punkt hier nicht weiter auf.

Aus dem Umfang der Liefrungskontrakte, und dieser wächst mit Umfang und Stufenleiter der kapitalistischen Produktion, entspringen ebenfalls Unterschiede in der Umschlagszeit. Der Liefrungskontrakt als Transaktior zwischen Käufer und Verkäufer ist eine dem Markt, der Zirkulationssphäre angehörige Operation. Die hieraus entspringenden Unterschiede in der Umschlagszeit entspringen also aus der Zirkulationssphäre, schlagen aber unmittelbar auf die Produktionssphäre zurück, und zwar abgesehn vor allen Zahlungsterminen und Kreditverhältnissen, also auch bei barer Zahlung. Kohle, Baumwolle, Garn usw. sind z. B. diskrete Produkte. Jeder Tag liefert sein Quantum fertiges Produkt. Übernimmt nun aber der Spinnei oder der Grubenbesitzer Liefrungen von Produktenmassen, welche eine sage vier- oder sechswöchentliche Periode nacheinanderfolgender Arbeitstage erheischen, so ist das mit Bezug auf die Zeitlänge, wofür Kapital vorzuschießen ist, ganz dasselbe, als ob eine kontinuierliche Arbeitsperiode von vier oder sechs Wochen in diesem Arbeitsprozeß eingeführt wäre. Es wird hier natürlich vorausgesetzt, daß die ganze bestellte Masse Produkt auf einmal zu liefern ist oder doch erst gezahlt wird, nachdem sie ganz geliefert. So hat denn, einzeln betrachtet, jeder Tag sein bestimmtes Quantum fertiges Produkt geliefert. Aber diese fertige Masse ist immer nur ein Teil der kontraktlich zu liefernden Masse. Befindet sich in diesem Fall der bereits fertige Teil der bestellten Waren nicht weiter im Produktionsprozeß so liegt er doch als nur potentielles Kapital auf dem Lagerhaus.

Kommen wir nun zur zweiten Epoche der Umlaufszeit: der Kaufzeit oder der Epoche, während deren das Kapital sich aus Geldform in die Elemente des produktiven Kapitals rückverwandelt. Während dieser Epoche muß es kürzre oder längre Zeit in seinem Zustand als Geldkapital verharren, also ein gewisser Teil des vorgeschoßnen Gesamtkapitals sich fortwährend im Zustand des Geldkapitals befinden, obgleich dieser Teil aus beständig wechselnden Elementen besteht. Es muß z. B. in einem bestimmten Geschäft von dem vorgeschoßnen Gesamtkapital n * 100 Pfd.St. in der Form von Geldkapital vorhanden sein, so daß, während alle Bestandteile dieser n * 100 Pfd.St. sich fortwährend in produktives Kapital verwandeln, diese Summe dennoch durch den Zufluß aus der Zirkulation, aus dem realisierter Warenkapital sich ebenso beständig wieder ergänzt. Ein bestimmter Wertteil des vorgeschoßnen Kapitals befindet sich also beständig im Zustand vor Geldkapital, also in einer nicht seiner Produktionssphäre, sondern seiner Zirkulationssphäre angehörigen Form.

<257> Man hat bereits gesehn, daß die durch Entfernung des Markts bewirkte Verlängrung der Zeit, in der das Kapital in die Form des Warenkapitals gebannt ist, direkt verspäteten Rückfluß des Geldes bewirkt, also auch die Verwandlung des Kapitals aus Geldkapital in produktives Kapital verzögert.

Man hat ferner gesehn (Kap. VI), wie mit Bezug auf den Einkauf der Waren die Kaufzeit, die größre oder geringre Entfernung von den Hauptbezugsquellen des Rohmaterials es nötig macht, für längre Perioden Rohmaterial einzukaufen und in der Form von produktivem Vorrat, latentem oder potentiellem produktivem Kapital, verwendbar zu halten; daß sie also die Masse des Kapitals, das auf einmal vorgeschossen werden muß, und die Zeit, für die es vorgeschossen werden muß, bei sonst gleicher Stufenleiter der Produktion vergrößert.

Ähnlich wirken in verschiednen Geschäftszweigen die Perioden - kürzre oder längre -, worin größre Massen Rohmaterial auf den Markt geworfen werden. So finden z. B. in London alle drei Monate große Wollversteigerungen statt, die den Wollmarkt beherrschen; während der Baumwollmarkt von Ernte zu Ernte im ganzen kontinuierlich, wenn auch nicht immer gleichmäßig, erneuert wird. Solche Perioden bestimmen die Haupteinkaufstermine dieser Rohstoffe und wirken namentlich auch auf die spekulativen, längre oder kürzre Vorschüsse in diesen Produktionselementen bedingenden Einkäufe, ganz wie die Natur der produzierten Waren auf die spekulative, absichtliche, längre oder kürzre Zurückhaltung des Produkts in der Form von potentiellem Warenkapital wirkt.

"Der Landwirt muß also auch bis zu einem gewissen Grade Spekulant sein und daher nach Maßgabe der Zeitverhältnisse mit dem Verkauf seiner Produkte zurückhalten ... "

Folgen einige allgemeine Regeln.

"Indessen kommt doch bei dem Absatz der Produkte das meiste auf die Person, auf das Produkt selbst und auf die Lokalität an. Wer bei Geschick und Glück (!) mit hinreichendem Betriebskapital versehn ist, wird nicht zu tadeln sein, wenn er seine gewonnene Fruchternte bei ungewöhnlich niedrigem Preise einmal ein Jahr liegen läßt; wem es dagegen an Betriebskapital oder überhaupt (!) an Spekulationsgeist fehlt, der wird die laufenden Durchschnittspreise zu erreichen suchen und also absetzen müssen, sobald und sooft er dazu Gelegenheit hat. Wolle länger als ein Jahr liegen zu lassen, wird fast immer nur Schaden bringen; während Getreidefrüchte und Ölsaat ein paar Jahre ohne Nachteil für Beschaffenheit und Güte aufbewahrt werden können. Solche Produkte, welche für gewöhnlich einem großen Steigen und Fallen in kurzen Zeiträumen unterworfen sind, wie z. B. Ölsaat, Hopfen, Karden und dergl., läßt man mit <258> Recht in den Jahren liegen, wo der Preis weit unter den Produktionspreisen steht. Am wenigsten darf man mit dem Verkauf von solchen Gegenständen zögern, welche tägliche Unterhaltungskosten verursachen, wie ausgemästetes Vieh, oder welche dem Verderben unterliegen, wie Obst, Kartoffeln usw. In manchen Gegenden hat ein Produkt zu gewissen Jahreszeiten im Durchschnitt seinen niedrigsten, zu andern Zeiten dagegen seinen höchsten Preis; so steht z. B. das Getreide um Martini im Durchschnitt an manchen Orten niedriger im Preise als zwischen Weihnachten und Ostern. Ferner sind manche Produkte in manchen Gegenden nur zu gewissen Zeiten allein gut zu verkaufen, wie das z. B. mit der Wolle auf den Wollmärkten in solchen Gegenden der Fall ist, wo außerdem der Wollhandel gewöhnlich stockt usw." (Kirchhof, p.302.)

Bei Betrachtung der zweiten Hälfte der Umlaufszeit, worin das Geld in die Elemente des produktiven Kapitals zurückverwandelt wird, kommt in Betracht nicht nur dieser Umsatz selbst, für sich genommen; nicht nur die Zeit, worin das Geld zurückfließt, je nach der Entfernung des Markts, auf dem das Produkt verkauft wird; es kommt auch vor allem in Betracht der Umfang, worin ein Teil des vorgeschoßnen Kapitals sich beständig in Geldform, im Zustand von Geldkapital befinden muß.

Abgesehn von aller Spekulation hängt der Umfang der Einkäufe derjenigen Waren, die beständig als produktiver Vorrat vorhanden sein müssen, ab von den Zeiten der Erneuerung dieses Vorrats, also von Umständen, die wieder von Marktverhältnissen abhängig, daher für verschiedne Rohstoffe etc. verschieden sind; es muß hier also von Zeit zu Zeit Geld in größren Mengen auf einmal vorgeschossen werden. Es fließt, je nach dem Umschlag des Kapitals, rascher oder langsamer, stets aber bruchweis zurück. Ein Teil davon wird ebenso beständig wieder in kürzern Zeiträumen ausgegeben, nämlich der in Arbeitslohn rückverwandelte Teil. Ein andrer Teil aber, der in Rohmaterial etc. rückzuverwandelnde, ist für längre Zeiträume aufzuhäufen, als Reservefonds, sei es für Ankauf, sei es für Zahlung. Er existiert daher in der Form des Geldkapitals, obgleich der Umfang wechselt, worin er als solches existiert.

Wir werden im nächsten Kapitel sehn, wie andre Umstände, ob sie nun aus dem Produktions- oder Zirkulationsprozeß entspringen, dies Vorhandensein einer bestimmten Portion des vorgeschoßnen Kapitals in Geldform ernötigen. Allgemein aber ist zu bemerken, daß die Ökonomen sehr geneigt sind zu vergessen, daß ein Teil des im Geschäft nötigen Kapitals beständig nicht nur die drei Formen von Geldkapital, produktivem Kapital und Warenkapital wechselweis durchläuft, sondern daß verschiedne Portionen desselben beständig nebeneinander diese Formen besitzen, wenn auch die <259> relative Größe dieser Portionen beständig wechselt. Namentlich ist es der beständig als Geldkapital vorhandne Teil, den die Ökonomen vergessen, obgleich gerade dieser Umstand zum Verständnis der bürgerlichen Wirtschaft sehr nötig ist und daher auch in der Praxis als solcher sich geltend macht.