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Gedruckt nachzulesen in: Wladimir Iljitsch Lenin: Werke. Herausgegeben vom Institut für Marxismus-Leninismus beim ZK der SED.
Band 22, 3. Auflage, unveränderter Nachdruck der 1. Auflage 1960, Berlin/DDR. S. 189-309.
Erstellt am 20.02.1999.
2. Korrektur 29.10.2000

Lenin: Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus

IV. Der Kapitalexport

|244|Für den alten Kapitalismus, mit der vollen Herrschaft der freien Konkurrenz, war der Export von Waren kennzeichnend. Für den neuesten Kapitalismus, mit der Herrschaft der Monopole, ist der Export von Kapital kennzeichnend geworden.

Kapitalismus ist Warenproduktion auf der höchsten Stufe ihrer Entwicklung, auf der auch die Arbeitskraft zur Ware wird. Die Zunahme des Warenaustausches sowohl innerhalb des Landes wie auch insbesondere des internationalen Warenaustausches ist ein charakteristisches Merkmal des Kapitalismus. Die Ungleichmäßigkeit und Sprunghaftigkeit in der Entwicklung einzelner Unternehmungen, einzelner Industriezweige und einzelner Länder ist im Kapitalismus unvermeidlich. Zuerst wurde England, vor den anderen Ländern, ein kapitalistisches Land, und um die Mitte des 19. Jahrhunderts, als es den Freihandel einführte, nahm es für sich in Anspruch, die "Werkstatt der Welt" zu sein, alle Länder mit Fertigfabrikaten zu versorgen, die ihm im Austausch Rohstoffe liefern sollten. Aber dieses Monopol Englands war bereits im letzten Vier- |245| tel des 19. Jahrhunderts durchbrochen, denn eine Reihe anderer Länder hatte sich, durch "Schutz"zölle gesichert, zu selbständigen kapitalistischen Staaten entwikkelt. An der Schwelle des 20. Jahrhunderts sehen wir die Bildung von Monopolen anderer Art: erstens Monopolverbände der Kapitalisten in allen Ländern des entwickelten Kapitalismus; zweitens Monopolstellung der wenigen überaus reichen Länder, in denen die Akkumulation des Kapitals gewaltige Ausmaße erreicht hat. Es entstand ein ungeheurer "Kapitalüberschuß" in den fortgeschrittenen Ländern.

Freilich, wäre der Kapitalismus imstande, die Landwirtschaft zu entwikkeln, die jetzt überall weit hinter der Industrie zurückgeblieben ist, könnte er die Lebenshaltung der Massen der Bevölkerung heben, die trotz des schwindelerregenden technischen Fortschritts überall ein Hunger- und Bettlerdasein fristet - dann könnte von einem Kapitalüberschuß nicht die Rede sein. Und das ist auch das "Argument", das allgemein von kleinbürgerlichen Kritikern des Kapitalismus vorgebracht wird. Aber dann wäre der Kapitalismus nicht Kapitalismus, denn die Ungleichmäßigkeit der Entwicklung wie das Hungerdasein der Massen sind wesentliche, unvermeidliche Bedingungen und Voraussetzungen dieser Produktionsweise. Solange der Kapitalismus Kapitalismus bleibt, wird der Kapitalüberschuß nicht zur Hebung der Lebenshaltung der Massen in dem betreffenden Lande verwendet - denn das würde eine Verminderung der Profite der Kapitalisten bedeuten -, sondern zur Steigerung der Profite durch Kapitalexport ins Ausland, in rückständige Länder. In diesen rückständigen Ländern ist der Profit gewöhnlich hoch, denn es gibt dort wenig Kapital, die Bodenpreise sind verhältnismäßig nicht hoch, die Löhne niedrig und die Rohstoffe billig. Die Möglichkeit der Kapitalausfuhr wird dadurch geschaffen, das eine Reihe rückständiger Länder bereits in den Kreislauf des Weltkapitalismus hineingezogen ist, die Hauptlinien der Eisenbahnen bereits gelegt oder in Angriff genommen, die elementaren Bedingungen der industriellen Entwicklung gesichert sind usw. Die Notwendigkeit der Kapitalausfuhr wird dadurch geschaffen, das in einigen Ländern der Kapitalismus "überreif" geworden ist und dem Kapital (unter der Voraussetzung der Unentwickeltheit der Landwirtschaft und der Armut der Massen) ein Spielraum für "rentable" Betätigung fehlt.

|246| Folgende annähernde Zahlen zeigen, wieviel Kapital die drei Hauptländer im Ausland investiert haben.(66)(66) Hobson, "Imperialismus, L. 1902, S. 58; Riesser, a.a.O. S. 395 und 404; P. Arndt im "Weltwirtschaftlichen Archiv", Bd. 7, 1916, S. 35; Neymarck im "Bulletin"; Hilferding. "Das Finanzkapital", S. 492; Lloyd George, Unterhausrede vom 4. Mai 1915 nach dem "Daily Telegraph" vom 5. Mai 1915; B. Harms, "Probleme der Weltwirtschaft", Jena 1912, S. 235 u.a.; Dr. Sigmund Schilder, "Entwicklungstendenzen der Weltwirtschaft", Berlin 1912, Band 1, S. 150; George Paish, "Great Britain's Capital Investments etc.", im "Journal of the Royal Statistical Society", vol. LXXIV, 1910/11, S. 167 ff.; Georges Diouritch, "L'Expansion des banques allemandes à l'étranger, ses rapports avec le développement économique de l'Allemagne", Paris 1909, S. 84. <=

Im Ausland investiertes Kapital
(in Milliarden Franc)
Jahr England Frankreich Deutschland
1862 3,6 - -
1872 15 10 (1869) -
1882 22 15 (1880) ?
1893 42 20 (1890) ?
1902 62 27-37 12,5
1914 75-100 60 44

Daraus ersehen wir, daß die Kapitalausfuhr erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts Riesendimensionen angenommen hat. Vor dem Kriege erreichte das im Ausland investierte Kapital der drei Hauptländer 175 bis 200 Milliarden Francs. Der Ertrag aus diesem Kapital, bescheiden zu 5% gerechnet, muß etwa 8-10 Milliarden Francs im Jahr erreicht haben. Welch solide Basis für die imperialistische Unterdrückung und Ausbeutung der meisten Nationen und Länder der Welt, für den kapitalistischen Parasitismus einiger reicher Staaten!

Wie verteilt sich dieses im Ausland investierte Kapital auf die verschiedenen Länder, wo ist es angelegt? Auf diese Frage kann man nur eine annähernde Antwort geben, die jedoch geeignet ist, gewisse allge- |247| meine Wechselbeziehungen und Zusammenhänge des modernen Imperialismus zu beleuchten:

Erdteile, auf die sich die im Ausland investierten Kapitalien (annähernd) verteilen (um 1910)
England Frankreich Deutschland Zusammen
(in Milliarden Mark)
Europa 4 23 18 45
Amerika 37 4 10 51
Asien, Afrika, Australien 29 8 7 44
Insgesamt 70 35 35 140

In England steht an erster Stelle sein Kolonialbesitz, der auch in Amerika sehr groß ist (z. B. Kanada), von Asien usw. gar nicht zu reden. Die riesige Ausfuhr von Kapital ist hier aufs engste mit den riesigen Kolonien verknüpft, von deren Bedeutung für den Imperialismus weiter unten noch die Rede sein wird. Anders in Frankreich. Frankreich hat sein exportiertes Kapital hauptsächlich in Europa und vor allem in Rußland (nicht weniger als 10 Milliarden Francs) investiert; dabei handelt es sich vorwiegend um Leihkapital, um Staatsanleihen, und nicht um Kapital das in Industriebetrieben angelegt ist. Zum Unterschied vom englischen Kolonialimperialismus könnte man den französischen einen Wucherimperialismus nennen. In Deutschland finden wir eine dritte Abart: Deutschlands Kolonialbesitz ist nicht groß, und sein im Ausland investiertes Kapital verteilt sich am gleichmäßigsten auf Europa und Amerika.

Der Kapitalexport beeinflußt in den Ländern, in die er sich ergießt, die kapitalistische Entwicklung, die er außerordentlich beschleunigt. Wenn daher dieser Export bis zu einem gewissen Grade die Entwicklung in den exportierenden Ländern zu hemmen geeignet ist, so kann dies nur um den Preis einer Ausdehnung und Vertiefung der weiteren Entwicklung des Kapitalismus in der ganzen Welt geschehen

Die kapitalexportierenden Länder haben fast immer die Möglichkeit, gewisse "Vorteile" zu erlangen, deren Charakter die Eigenart der Epoche des Finanzkapitals und der Monopole ins rechte Licht setzt. Die Berliner Zeitschrift "Die Bank" schrieb z. B. im Oktober 1913 folgendes:

"Am internationalen Kapitalmarkt spielt sich seit kurzem eine Komödie ab, die des Griffels eines Aristophanes würdig ist. Zahlreiche Fremd- |248| staaten, von Spanien bis zu den Balkanländern, von Rußland bis zu Argentinien, Brasilien und China, treten offen oder heimlich an die großen Geldmärkte mit ihren Anleiheforderungen heran, von denen einige außerordentlich dringlich sind. Die Geldmärkte sind zwar in keiner sonderlich guten Verfassung, und auch die politischen Aspekte sind noch immer nicht rosenfarbig. Aber dennoch wagt keiner der Geldmärkte, sich den fremden Ansprüchen zu versagen, aus Furcht, der Nachbar könne ihm zuvorkommen, die Anleihe bewilligen und sich damit ein Anrecht auf gewisse kleine Gegendienste sichern. Es fällt ja bei solchen internationalen Geschäften immer etwas für den Geldgeber ab, sei es ein handelspolitischer Vorteil oder eine Kohlenstation, sei es ein Hafenbau, eine fette Konzession oder ein Kanonen-Auftrag."(67)(67) "Die Bank", 1913, 2, S. 1024/1225. <=

Wie die neuen Institute das Gründungsfieber befeuert haben, so frohlocken sie bei jeder „Plazierung“ über jeden Betrag. Von „nicht Wagen“ kann keine Rede sein. Die Gründe für die „Plazierungen“ sind ihnen völlig gleichgültig, solange sich genügend Dumme finden, die die Papierschnipsel kaufen. Die sich immer noch „Banken“ nennenden Brandbeschleuniger machen in jedem Fall ohne das geringste Risiko ihren Schnitt mit ihrem Verkäuferrabatt. Das, das ohne das geringste Risiko Geld einnehmen, ist das einzige, was sie noch mit den alten Banken/Wucherern gemeinsam haben. Einer der vielen Vorzüge der mehrwertgeleiteten Ökonomie wird sein, dass dort die Banker Unternehmer mit unternehmerischem Risiko sein werden

Das Finanzkapital erzeugte die Epoche der Monopole. Die Monopole sind aber überall Träger monopolistischer Prinzipen: An Stelle der Konkurrenz auf offenem Markt tritt die Ausnutzung der "Verbindungen" zum Zweck eines profitablen Geschäftes. Die gewöhnlichste Erscheinung ist: Bei einer Anleihe wird zur Bedingung gemacht, daß ein Teil der Anleihe zum Kauf von Erzeugnissen des kreditgebenden Landes, vor allem von Waffen, Schiffen usw. verausgabt wird. Frankreich hat in den letzten zwei Jahrzehnten (1890-1910) sehr oft zu diesem Mittel gegriffen. Der Kapitalexport wird zu einem Mittel, den Warenexport zu fördern. Die Abmachungen zwischen den besonders großen Unternehmungen sind dabei derart, daß sie, wie Schilder "gelinde" sagte (68)(68) Schilder, a.a.O., S. 346, 350, 371. <= "an Korruption gemahnen". Krupp in Deutschland, Schneider in Frankreich, Armstrong in England - das sind Musterbeispiele von Firmen, die mit den Riesenbanken und der Regierungen in enger Verbindung stehen und beim Abschluß von Anleihen nicht so leicht "umgangen" werden können.

Frankreich, das Rußland Anleihen gewährte, "drückte" Rußland im Handelsvertrag vom 16. September 1905 "an die Wand", indem es sich gewisse Zugeständnisse bis 1917 ausbedang; dasselbe geschah bei dem Handelsvertrag mit Japan vom 19. August 1911. Der Zollkrieg Österreichs gegen Serbien, der mit einer siebenmonatigen Unterbrechung von 1906 bis 1911 dauerte, war zum Teil durch die Konkurrenz Österreichs und Frankreichs bei der Lieferung von Kriegsmaterial an Serbien veran- |249| laßt worden. Paul Deschanel erklärte im Januar 1912 in der Kammer, daß französische Firmen in den Jahren 1905-1911 an Serbien für 45 Millionen Francs Kriegsmaterial geliefert haben.

In einem Bericht des österreichisch-ungarischen Konsuls in São Paulo (Brasilien) heißt es: "Der Ausbau der brasilianischen Eisenbahnen erfolgt zumeist mittels französischer, belgischer, britischer und deutscher Kapitalien; die betreffenden Länder sichern sich bei den mit dem Bahnbau zusammenhängenden finanziellen Operationen auch die Lieferungen für das nötige Eisenbahnmaterial."

Auf diese Weise wirft das Finanzkapital im buchstäblichen Sinne des Wortes seine Netze über alle Länder der Welt aus. Eine große Rolle spielen dabei die in den Kolonien gegründeten Banken und ihre Niederlassungen. Die deutschen Imperialisten betrachten voller Neid die "alten" Kolonialländer, die sich in dieser Hinsicht besonders "erfolgreich" versorgt haben: Im Jahre 1904 besaß England 50 Kolonialbanken mit 2.279 Niederlassungen (1910: 72 mit 5.449 Niederlassungen); Frankreich 20 mit 436 Niederlassungen; Holland 16 mit 68 und Deutschland "im ganzen nur" 13 mit 70 Niederlassungen.(69)(69) Riesser, a.a.O., 4. Aufl., S. 375, und Diouritch, S. 283. <= Die amerikanischen Kapitalisten beneiden ihrerseits die englischen und deutschen. "In Südamerika", klagten sie 1915, "haben 5 deutsche Banken 40 Filialen und 5 englische haben 70 Filialen ... England und Deutschland haben in den letzten 25 Jahren in Argentinien, Brasilien und Uruguay annähernd 4.000 Millionen Dollar angelegt und sind infolgedessen zu 46% an dem gesamten Handel dieser drei Länder beteiligt."(70)(70) "The Annals of the American Academy of Political and Social Science", vol. LIX, May 1915, S. 301; ebenda, S. 331, lesen wir, daß der bekannte Statistiker Paish im letzten Heft der Finanzzeitschrift "Statist" die Summe des von England, Deutschland, Frankreich, Belgien und Holland exportierten Kapitals auf 40 Milliarden Dollar, d.h. 200 Milliarden Francs, schätzt. <=

Die kapitalexportierenden Länder haben, im übertragenen Sinne, die Welt unter sich verteilt. Aber das Finanzkapital führt auch zur direkten Aufteilung der Welt.




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