Ph.1.6.189a-189b Das Werden und die Gegensätze - Kr

PhK.1.6.189a11 - Mit der Postulierung des Anfangs als der mit dem Leeren gleichzeitigen Materie hat dieser seine erste und einzige Aufgabe als Anfang erfüllt. Alles Nachfolgende ist nicht mehr der Anfang, sondern im Anfang.

Damit zunächst zusammenhängen möchte die Untersuchung, ob ihrer zwei oder drei oder mehrere sind. Denn dass nur Eines sei, ist nicht statthaft, weil ein Gegensatz nicht ein Eins ist. Dass aber unendliche, auch nicht, weil dann das Sein nicht erkennbar wäre. Ein Gegensatz nur ist in jeder Gattung enthalten; die Ousia aber ist eine Gattung (he d' ousia hen ti genos).

PhK.1.6.189a14 - Die ousia ist ein hen, ein genos, und sie hat einen Gegensatz in sich. Lassen wir das unkommentiert so stehen. Aristoteles wird sich bei der Untersuchung der ousia in der Metaphysik dagegen aufs schärfste verwahren. Aber es steht hier da. Das kann nur bedeuten, dass Aristoteles hier die ousia wie Parmenides mit dem Sein gleichsetrzt. (Dazu paasst dann aber nicht die Gattung, von der Aristoteles weiß, dass es Gattungen nur für einem kleinen Teil des Seins gibt und er einen Unsinn wie die Gattung aller Gattungen nie in den Mund nehmen würde.) Das Eins, das das Ganze ist, ist der Anfang. Er benötigt keine anderen Anfänge außer sich, und er kann keine anderen Anfänge außer sich haben.

Übrigens 15 reichen begrenzte Prinzipien hin; und es ist besser, aus begrenzten zu erklären, wie Empedokles, als aus unendlichen. Alles nämlich glaubt dieser aus endlichen erklären zu können, wie Anaxagoras aus unendlichen. Ferner gehen einige Gegensätze anderen voran, und es werden einige aus andern; z. B. das Süße und Bittere, und Weiß und Schwarz; die Prinzipien aber müssen immer (aei) bleiben. - 20 Dass nun also weder nur Einer, noch unendliche sind, erhellt hieraus. Um nun bei den endlichen zu bleiben, so hat, nicht zwei nur anzunehmen, seinen Grund. Denn fragen könnte man, wie die Dichtigkeit dazu kommt, auf die Dünne zu wirken, oder diese auf die Dichtigkeit; und gleichergestalt auch jedweder andere Gegensatz. Denn nicht führt die Freundschaft die Feindschaft zusammen 25 und schafft etwas aus ihr, noch die Feindschaft aus jener; sondern beide bedürfen eines dritten. Einige legen noch mehres zugrunde, um daraus die Natur der Dinge (ton onton physeon) hervorgehn zu lassen. - Hierüber könnte man ferner folgende Frage aufwerfen; wenn man nicht irgend eine andere Natur den Gegensätzen zugrundelegen will. Bei keinem Dinge erblicken wir Gegensätze der Ousia. 30 Das Prinzip aber darf nicht ein anderweitiges Zugrundeliegendes voraussetzen; denn dann gäbe es einen Anfang des Anfangs.

PhK.1.6.189a31 - Alles über die Zwei hinausgehende ist nicht mehr der Anfang, sondern ein Gewordenes. Zwei tun sich zusammen und zeugen ein Drittes. Das bedeutet: selbst wenn sich die beiden Teile des Anfangs zusammentun sollten, so wäre das daraus Entstehende nicht mehr der Anfang, sondern ein Gewordenes, das vergeht.

Eine ousia, die keines der beiden Entgegengesetzten des Anfangs zeigt, bemerkt Aristoteles hier richtig, ist ein Gewordenes. Eine Ausnahme, die Aristoteles eben noch für alle Dinge reklamiert hat, wird es aber für das Erste Gewordene geben. Diese ousia wird aus den beiden Entgegengesetzten sein.

Das Zugrundeliegende nämlich würde Prinzip, und früher zu sein scheinen, als das, was dafür gegeben ward (kategoroumenou einai). Sodann sagen wir, dass keine Ousia einer Ousia entgegengesetzt sei. Wie nun sollte aus dem, was nicht Ousia ist, eine Ousia werden können? oder wie, was nicht Ousia ist, vor der Ousia sein? Folglich wer sowohl die 35 vorige Auseinandersetzung für wahr hält, als diese, muss notwendig, um beide zu retten, 189b ein Drittes zugrundelegen.

PhK.1.6.189b1 - Unter vorgehaltener Hand übt Aristoteles hier Kritik an der Definition des Werdens einer ousia zwischen „Nichtsein” und Sein, das sich aus Parmenides' Entdeckung des Jetzt entwickelt hat. Im fünften Buch wird er es jedoch als „Veränderung gemäß Widerspruch” in die Physik aufnehmen. Von dieser Sanktionierung des Widerspruchs wird sich Aristoteles zeit seines Lebens nie so recht befreien können. Dabei ist er im Moment dabei, die Grundlage für diese Befreiung zu legen.

So nun verfahren auch diejenigen, die Eine bestimmte Ousia für das Ganze ausgeben, z. B. das Wasser, oder das Feuer, oder das Mittlere zwischen diesen (to metaxy). Mehr wird wohl das Mittlere genannt; denn Feuer und Erde und Luft und Wasser gehen ja mit der Natur des Gegensatzes 5 ihre Verflechtungen (sympeplegmena) ein. Darum handeln diejenigen nicht ohne Grund, die das Zugrundeliegende zu etwas anderem als diese Ousiai machen. Von den Andern am meisten, die die Luft nennen. Denn die Luft hat am wenigsten unter den übrigen sinnlich wahrnehmbare Unterschiede. Ihr zunächst steht das Wasser. Alle indessen lassen dieses Eine durch die Gegensätze sich gestalten: wie durch Dichtigkeit und Dünne, und durch das 10 Mehr und Minder. Dieses aber ist im Allgemeinen Übermaß offenbar und Mangel, wie zuvor gesagt. Und es scheint auch diese Meinung alt zu sein, dass das Eins, und Übermaß und Mangel Prinzipien der Dinge sind. Wiewohl nicht in derselben Weise; sondern die Alten hielten die Zwei für das Tätige, das Eins für das Leidende; 15 von Späteren aber einige umgekehrt, das Eins für das Tätige, die zwei für das Leidende.

PhK.1.6.189b16 - Bei dem den werdenden Dingen Zugrundeliegenden muss es sich um etwas Anderes handeln als den Anfang. Denn das Werden und Vergehen in Biologie, Chemie, Physik oder einer anderen Wissenschaft vollzieht sich nur beiläufig aus Materie-und-Leerem und in Materie-und-Leeres, sondern aus Mama und Papa, aus Wasserstoff und Sauerstoff oder einem ähnlichen Zugrundeliegenden. Da es aber Aristoteles ist, der hier gerade dabei ist, den Begriff „Materie” als das jedem materiellen Ding Zugrundeliegende zu erarbeiten, kann er noch nicht rückwirkend über ihn verfügen.

Drei Elemente also anzunehmen, könnte, wenn man es von dieser und von andern verwandten Seiten betrachtet, einigen Grund zu haben scheinen, wie wir bereits ankündigten. Mehr als drei aber nicht. Denn zu dem Leiden ist das Eins hinreichend. Sollten aber ihrer vier sein, und 20 diese zwei Gegensätze bilden, so wird die Notwendigkeit, dass besonders für jeden derselben ein eigenes Mittelwesen (tina metaxy physin) angenommen werde. Wenn aber die Glieder der Gegensätze mit einander gegenseitig zeugen können, so wäre der eine der Gegensätze überflüssig. - Indessen es ist sogar unmöglich, dass die ersten Gegensätze mehrere sind. Denn die Ousia ist Eine Gattung des Seins; so dass also nach dem Früher und Später 25 sich die Prinzipien allein unterscheiden können; aber nicht nach der Gattung. Denn immer ist in Einer Gattung Ein Gegensatz. Alle Gegensätze aber scheinen sich zurückzuführen auf Einen. - Dass nun weder Eines das Element, noch mehr als zwei oder drei sind, ist klar. Von diesen aber welches, unterliegt, wie wir sagten, vielem Zweifel.

PhK.1.6.189b29 - Kaum haben wir den Anfang angedacht und ausgesprochen, deutet auch Aristoteles den einen Gegensatz an, der in Allem ist und in dem Alle sind. Ist es derselbe? Oder ist es ein anderer?