Ph.7.3.245b3-248a9 hnam - Kr

Dass aber, was sich qualitativ ändert, alles sich umbildet, durch das sinnlich Wahrnehmbare (hypo ton aistheton), und in demjenigen allein qualitative Änderung stattfindet, was als 5 durch sich selbst von dem sinnlich Wahrnehmbaren leidend gilt, ist aus Folgendem zu sehen.

PhK.7.3.245b6 - Die Qualität ist ein Produkt der Seele. Denn die Natur berührt den Menschen in den Sinnen - psych, 3.1 - , und der Mensch macht sich in der Seele zunächst seinen unwillkürlichen und dann seinen willkürlichen Reim darauf. Der unwillkürliche Reim ist die Sinneswahrnehmung. Der willkürliche Reim ist die Qualität, dass er diese Wahrnehmung als süß, jene als bitter bezeichnet, diese als schön, jene als hässlich.

Unter Allem möchte man am meisten annehmen, dass in den Gestalten (schemasi) und Formen (morphes) und Eigenschaften (exesi), und dem Annehmen und Ablegen von diesen qualitative Änderung stattfindet: aber in keinem davon ist es so. Denn das was gestaltet (schematizomenon) und in ein Gleichmaß gebracht (rhythmizomenon) wird, sobald es 10 vollendet ist, nennen wir es nicht mehr das selbst, woraus es ist; z. B. die Bildsäule Erz, oder die Pyramide Wachs, oder den Stuhl Holz: sondern mit abgeleiteten Worten, die eine ehern, die andere wächsern, den dritten hölzern. Von jenem aber sagen wir aus, es habe etwas erlitten oder sei umgebildet worden. Trocken nämlich und nass, und hart, und warm nennen wir das Erz und das Wachs. 15 Und nicht allein so, sondern auch das Nasse und das Warme, sagen wir, sei Erz, und nennen es mit gleichem Namen, wie den Zustand, so den Stoff. 246a Also wenn das Gewordene nicht nach der Gestalt und der Form genannt wird, in der die Gestalt ist; nach den Zuständen aber und den qualitativen Änderungen genannt wird: so ist ersichtlich, dass dieses Werden nicht qualitative Änderung sein kann. Ja es kann sogar absurd scheinen sich auszudrücken: 5 der Mensch werde umgebildet, oder das Haus, oder irgend etwas, das zu dem Gewordenen gehört. Aber werden kann vielleicht nichts, ohne dass etwas sich umbildet: wie z. B. dass der Stoff sich verdichtet oder verdünnt, oder dass er erwärmt oder erkaltet. Nicht jedoch das, was wird, wird umgebildet hiebei, noch ist das Werden desselben qualitative Änderung.

PhK.7.3.246a9 - Das parmenidisch-aristotelische „Werden” teilt das Jetzt mit der qualitativen Änderung des Froschkönigs, der zum Prinzen wird. Bei der Bewegung wissen wir, dass es sich dabei um das nicht widersprüchliche Prinzip der Einzelbewegung handelt, und den Froschkönig wollen wir unseren Kindern nicht in der Physik verderben. Ob das Berührungsmetaxy der sinnlichen Wahrnehmung auch für die Erkenntnistheorie oder die Neurowissenschaften zu gebrauchen ist, muss sich zeigen.

10 - Aber auch nicht die Zustände weder des Körpers noch die der Seele sind qualitative Änderungen. Von deren Eigenschaften nämlich sind die einen Vortrefflichkeiten (aretai), die andern Fehler (kakiai). Nicht aber ist weder die Vortrefflichkeit noch der Fehler qualitative Änderung: sondern die Vortrefflichkeit ist eine Vollendung. Denn wenn etwas seine eigentümliche Vortrefflichkeit annimmt, dann wird es vollendet genannt.

PhK.7.3.246a14 - Das Gute in der Ethik ist das Tun des Guten. Nur bei Platon ist es eine tatenlose Entität für sich. Die höchsten Güter in der Rechtswissenschaft und der Ethik verdienen eigene Untersuchungen, die nicht in die Physik gehören und deren Kriterien keine Jetzte sind (außer im Befruchtungs-metaxy des Vatikan, in dem der Same das Ei berührt und der Mensch wird).

Dann nämlich ist es am meisten 15 seiner Natur gemäß. Z. B. der Kreis heißt vollendet, wenn er der möglichst beste Kreis geworden ist. Der Fehler (kakia) aber ist Vergehen von diesem und Entfernung. Gleichwie wir nun auch nicht die Vollendung des Gebäudes qualitative Änderung nennen; denn absurd wäre es, wenn der Ziegel und der Ton qualitative Änderung sein, oder, indem es aus Ziegel und Ton geformt wird, umgebildet und 20 nicht vielmehr verfertigt werden sollte das Gebäude: auf dieselbe Weise auch bei den 246b Vortrefflichkeiten und den Fehlern, und denen, die sie haben oder annehmen. Die einen nämlich sind Vollendungen, die anderen Entfernungen: also nicht qualitative Änderungen. Ferner sagen wir auch, dass alle Vortrefflichkeiten bestehen in einer Relation (en to pros ti) zu etwas. Die nämlich des Körpers, z. B. Gesundheit 5 und Wohlgebautheit, setzen wir in eine Mischung und Zusammenstimmung von Warmem und Kaltem, entweder des Inneren zu sich selbst, oder zu dem Umgebenden. Ebenso auch die Schönheit und die Stärke, und die übrigen Vortrefflichkeiten und Fehler. Denn eine jede besteht in einer Relation (pros ti) zu etwas, und setzt hinsichtlich der eigenen Zustände in gute oder üble Lage das, was sie hat. 10 Eigene aber sind, durch welche etwas auf naturgemäße Weise zum Werden oder Vergehen gebracht wird.

PhK.7.3.246b10 - Das naturgemäße Werden in der organischen und in der anorganischen Natur sind Zwei, die sich zusammentun und ein Drittes zeugen. Bei Aristoteles bleibt es stets die parmenidische Veränderung „gemäß Widerspruch”, das Werden und Vergehen einer Einzelbewegung. Das war in den bisherigen Büchern der Physik berechtigt, in denen es um die Einzelbewegungen ging. Das wird seine Berechtigung verlieren, wenn es um die Bewegung eines Teils des Ganzen geht. Dort wird sich das natürliche Werden aus Zweien mit Gewalt im Sinne des Wortes durchsetzen. Und es wird seine Berechtigung wieder gewinnen, wenn es um die Bewegung des Ganzen geht.

Da nun das Relative (pros ti), weder selbst qualitative Änderung (alloiosis) ist, noch es davon eine qualitative Änderung gibt, noch Werden, noch überhaupt irgend eine Veränderung: so ist ersichtlich, dass weder die Eigenschaften, noch der Verlust und Gewinn (apobolai kai lepseis) der Eigenschaften qualitative Änderungen sind. Doch werden vielleicht und 15 vergehen, indem etwas Anderes sich umbildet, müssen sie; gleichwie auch die Gestaltung und die Form; z. B. wenn Warmes und Kaltes, oder Trocknes und Nasses, oder worin sie zufällig zuerst sind. Denn in bezug auf solches gilt etwas für Vortrefflichkeit oder Fehler, durch welches das, was dieses hat, auf naturgemäße Weise umgebildet wird. Die Vortrefflichkeit nämlich macht eines Zustandes unempfänglich, oder auf welche Art es sein soll, 20 empfänglich; der Fehler auf entgegengesetzte Art empfänglich und unempfänglich. Gleichergestalt 247a auch bei den Eigenschaften der Seele. Auch diese nämlich bestehen alle in einer Relation zu etwas; und die Vortrefflichkeiten sind Vollendung, die Fehler aber Entfernung. Ferner versetzt die Vortrefflichkeit in eine gute Lage hinsichtlich der eigentümlichen Zustände; der Fehler ist eine üble. Also werden auch diese nicht 5 qualitative Änderungen sein; und ebenso wenig auch ihr Verlust und Gewinn. Werden aber müssen sie, indem sich der sinnliche Teil qualitativ ändert: er ändert sich aber durch das sinnlich Wahrnehmbare (aistheton). Denn alle ethische Vortrefflichkeit (ethike arete) ist in bezug auf körperliche Genüsse (hedonas) und Schmerzen (lypas). Diese aber bestehen entweder im gegenwärtigen Tun (prattein) oder im Erinnern, oder im Hoffen. 10 Die im Tun (en te praxei) liegen in der Sinneswahrnehmung, und werden also von etwas sinnlich Wahrnehmbarem erregt; die aber in dem Gedächtnis und der Hoffnung, rühren her von jenen. Denn entweder was man erfahren hat, genießt man in der Erinnerung, oder in der Hoffnung, was man erwartet. Also muss aller solcher Genuss durch das sinnlich Wahrnehmbare werden. Da aber, indem 15 Genuss und Schmerz in etwas wird, auch der Fehler und die Vortrefflichkeit darin wird (denn in bezug auf diese sind sie); die Genüsse aber und die Schmerzen qualitative Änderungen des Sinnlichen sind: so ist ersichtlich, dass, indem etwas umgebildet wird, auch diese gewonnen oder verloren werden müssen. So wäre denn ihr Werden mit qualitativer Änderung verbunden; nicht aber diese selbst. 247b - Allein auch nicht dem denkenden Teil (noetikou merous) der Seele gehört die qualitative Änderung an, und von ihnen gibt es kein Werden (genesis). Denn das Erkennende wird vorzugweise zu dem, was in Relation steht, gezählt. Es ist auch klar, dass es davon kein Werden gibt. Denn das der Möglichkeit nach Wissende wird nicht dadurch ein Wissendes, das es selbst bewegt wird, sondern dadurch, dass ein anderes Vorhandenes die Erkenntnis 5 bewirkt. Aus der teilweisen Erfahrung nämlich nehmen wir die allgemeine Erkenntnis (otan gar genetai to kata meros, epistatai pos te katholou to en merei).

PhK.7.3.247b7 - Während Aristoteles in der Analytik vom Allgemeinen auf das Einzelne schließt, um auf der sicheren Seite zu sein, muss die empirische Forschung vom Einzelnen ausgehen und das Allgemeine erst finden. So ist der Anfang der schlechthin theoretischen Wissenschaft der Logik rein empirisch. Wird aber der Teil als Teil des Ganzen erkannt oder hypothetisch gesetzt, so macht es keinen Unterschied, (+)A=[+]B der Teil des Ganzen ist der ganze Teil oder [+]B=(+)A der ganze Teil ist der Teil des Ganzen gesagt wird.

Auch nun nicht die Tätigkeit (chreseos) oder ihre Energeias sind Werden (genesis), wenn man nicht auch das Anblicken (anablepseos) und das Tasten (hapses) Werden nennen will. Denn etwas dieser Art ist die Tätigkeit. Ebenso wenig aber gibt es ein Werden des Gebrauches und der Tätigkeit, wenn man nicht glaubt, dass es auch von dem Anblicken und dem Tasten ein Werden gibt. Und das Tätigsein ist diesem gleich. 10 Auch nicht der erste Gewinn der Erkenntnis ist Werden, noch qualitative Änderung. Denn das Ruhen und Stillstehen der Denkkraft nennen wir verstehen und erkennen. Zu dem Ruhen aber findet kein Werden statt. Denn überhaupt keine Veränderung hat ein solches, wie zuvor gesagt (6.5, 6.8). Und wie wenn einer aus der Trunkenheit oder dem Schlafe, oder der Krankheit in das Entgegengesetzte übergeht, dann sagen wir nicht, 15 er sei wieder erkennend geworden; obgleich er vorher unfähig war, sich der Erkenntnis zu bedienen: so auch nicht, wenn er die Eigenschaft zuerst gewinnt. Denn dadurch, dass die Seele sich feststellt durch sittliche Vortrefflichkeit, wird etwas verständig und erkennend. Darum auch können die Kinder weder lernen, noch 248a auf gleiche Weise wie die Älteren sinnlich unterscheiden; denn vielfach ist ihre Unruhe und Bewegung. Sie werden aber gestillt und beruhigt bald durch die Natur, bald durch Andere. In beiden Fällen aber, indem sich etwas im Körper umbildet; wie 5 bei dem Erwachen und der Tätigkeit, wenn einer nüchtern wird und aufwacht. Augenfällig nun ist aus dem Gesagten, dass das qualitativ Geändertwerden und die qualitative Änderung in dem sinnlich Wahrnehmbaren geschieht, und in dem empfindenden Teil der Seele und in keinem anderen, außer akzidentell.

PhK.7.3.248a9 - Dieser längere Ausflug in die Psychologie und die Ethik hat die Schwierigkeiten der Erkenntnis der Einzelbewegungen aufgezeigt, die sich durch die Berührung der Sinne durch die Natur in einem metaxy ergeben, das im jetzigen Stand der Erkenntnis mehr Rätsel aufgibt, als es löst. Hier hatte Aristoteles alle Hände voll zu tun, den Widerspruch des „Werdens” im Jetzt oder im metaxy aus der qualitaitven Änderung und der Berührung mit der Relation zu entfernen. Auf diesen Abschnitt trifft wohl am ehesten das Urteil zu, dass er nicht direkt zur Physik gehört und sich der Autor noch uneins ist.