Ph.6.3.233b-234b hnam - Kr

Es muss aber auch dasjenige Jetzt, was nicht in bezug auf anderes, sondern an sich unmittelbar so genannt wird, unteilbar sein, und als solches 35 in aller Zeit vorhanden (en apanti to toiouto chrono enhyparchein).

PhK.6.3.233b35 - Das Jetzt muss als nicht-Teil der Zeit - Ph.4.11.220a18 , Pa.21.156c - in aller Zeit vorhanden sein. Nachdem das Jetzt im vierten Buch mit Parmenides von der Zeit ausgeschlossen wurde (bei Aristoteles bereits der Gegenstand der Zeit war), muss es nun in die Zeit eingeschlossen werden. Was den Wörtern nach verschieden ist, ist der Sache nach dasselbe, denn das Jetzt bleibt in der Zeit von der Zeit ausgeschlossen; nur das „in” gewinnt eine neue Bedeutung.

Denn es gibt ein Äußerstes der Vergangenheit (eschaton ti tou gegonotos), 234a innerhalb dessen nichts von der Zukunft und umgekehrt der Zukunft (mellontos), innerhalb dessen nichts von der Vergangenheit ist: was wir die Grenze (peras) von beiden (amphoin) nannten. Sollte nun von diesem gezeigt werden, dass es ein solches gemäß seiner selbst und als dasselbe ist (kath' auto kai tauton), so wird zugleich erhellen, auch dass es 5 unteilbar (adiaireton) ist. Es muss aber das Jetzt das Äußerste beider Zeiten das nämliche (to auto) sein. Denn wäre es ein anderes; so könnte nicht das eine auf das andere der Reihe nach folgen, weil nichts Stetiges aus Teillosem (ameron) ist. Soll aber beides getrennt sein, so gibt es eine Zeit zwischen ihnen. Denn alles Stetige ist ein solches, was etwas Gleichnamiges (synonymon) zwischen seinen Grenzen (metaxy ton peraton) hat. Allein 10 wenn das Zwischen (metaxy) Zeit ist, so wird sie teilbar sein; denn es ist gezeigt worden, dass alle Zeit teilbar ist. Wenn aber das Jetzt teilbar ist, so wird etwas von der Vergangenheit in der Zukunft, und von der Zukunft in der Vergangenheit sein. Denn an welcher Stelle es auch geteilt werde, so wird diese die vergangene und die zukünftige Zeit scheiden. Zugleich aber 15 wäre das Jetzt auch nicht für sich (kath' auto), sondern für Anderes (kath' heteron); denn die Zweiteilung kommt nicht dem zu, was für sich ist. Überdies wird von dem Jetzt ein Teil Vergangenes sein, ein Teil Zukünftiges, und nicht immer dasselbe Vergangenes oder Zukünftiges; noch auch selbst das Jetzt das nämliche; denn auf vielfache Weise ist die Zeit teilbar. Also wenn dies bei dem Jetzt nicht stattfinden kann, so muss 20 das Jetzt in beiden Zeiten dasselbe (to auto) sein. Aber wenn dasselbe (tauto), offenbar auch unteilbar. Denn wäre es teilbar, so würde sogleich dasselbe (tauta) folgen, wie in dem Vorhergehenden.

PhK.6.3.234a22 - Das Jetzt ist von der Zeit ausgeschlossen, wenn das Jetzt ein metaxy und die Zeit ein Stetiges ist. Wenn die Vergangenheit eine stetige Zeit bis jetzt ist und die Zukunft eine stetige Zeit ab jetzt, dann muss das Jetzt, das die Vergangenheit von der Zukunft trennt (verbindet?), ein einziges Jetzt sein. Es ist weder zugehörig zur Vergangenheit noch gehört es zur Zukunft. Es ist zwischen den beiden, ohne zu einem von den beiden zu gehören.

Nun sucht Aristoteles einen Weg, das Jetzt für die Arbeit des Physikers nutzbar zu machen. Denn ein zu Niemandem Gehöriges lässt sich zu nichts gebrauchen. Diesen Weg muss auch ich noch finden. Dann wird das „zu beiden gehören” vermutlich als eine Notlüge im Bereich des metaxy erscheinen. Oder es wird neue Erkenntnisse erschließen. Würde das Jetzt die Vergangenheit und die Zukunft miteinander verbinden, so die jetzige Befürchtung, so gehörte es sowohl zur Vergangenheit als auch zur Zukunft, wäre also ein Widerspruch.

Dass es nun etwas in der Zeit Unteilbares gibt, welches wir das Jetzt nennen, erhellt aus dem Gesagten. Dass aber nichts in dem Jetzt sich bewegt, 25 ergibt sich aus Folgendem. Sollte es nämlich, so müsste es auch sowohl schneller darin sich bewegen können, als auch langsamer. Es sei nun das Jetzt N . Und es bewege sich in ihm das Schnellere das AB . Wird nun nicht das Langsamere in ihm eine geringere Bewegung als die AB erfahren, etwa das AC? Da aber das Langsamere in dem ganzen Jetzt die Bewegung AC erfährt, so wird das Schnellere 30 in Geringerem sie erfahren. Also wird das Jetzt geteilt. Aber es war unteilbar. Nicht also findet Bewegung statt in dem Jetzt. Allein auch nicht Ruhe (heremein). Ruhend nämlich nannten wir, was, bestimmt sich zu bewegen, nicht sich bewegt, wann und wo und wie es sollte - Ph.5.2.226b13 - . Also da in dem Jetzt nichts die Bestimmung hat, sich zu bewegen, so offenbar auch nicht, zu ruhen. Ferner, 35 wenn das Jetzt in beiden Zeiten dasselbe (to auto) ist, 234b sich aber denken läßt, dass in der ganzen (holon) einen Bewegung, in der ganzen andern Ruhe ist; was aber in aller Zeit (chronon en otooun) sich bewegt, auch in dieser (touton) sich bewegen muss, auf welche Weise seine Bewegung bestimmt, und ebenso auch das Ruhende ruhen: so folgt, dass dasselbe (ton toutou) ebenso ruhen und sich bewegen wird. Denn dasselbe (to auto) ist 5 Äußerstes von beiden Zeiten: das Jetzt. Ferner nennen wir ruhend, was auf gleiche Weise (homoios) sich verhält, sowohl es selbst als auch seine Teile, jetzt und früher. In dem Jetzt aber gibt es kein Früher; also auch keine Ruhe. Notwendig also bewegt sich, was sich bewegt, in der Zeit, und ruht, was ruht, in ihr.

PhK.6.3.234b9 - Aus dem Problem des Übergangs von Ruhe zur Bewegung hat Parmenides das Jetzt erkannt und ihm die Widersprüche angeheftet, die ihm bis heute anhaften. Gehörte das Jetzt sowohl zur Bewegung als auch zur Ruhe, so wäre das ein Widerspruch. Gehört es zu keinem der beiden, ist zwar der Widerspruch vermieden, aber das Jetzt ist nutzlos. Das einfache Rückgängigmachen erzeugt wieder den Widerspruch. So drehen wir uns im Kreis. Auf ein „sowohl als auch” dürfen wir uns nicht einlassen. Das Unbewegte trennt. Das Bewegte verbindet. Das zugleich Unbewegte und Bewegte (M/L) ist das Getrennte schlechthin, ohne ein Widerspruch zu sein.

Das Jetzt ist ein Unbewegtes, wenn die Zeit ein Stetiges in Relation zur Welt ist. Was ist, wenn die Zeit ein Stetiges in Relation zu einem Teil der Welt ist? Wenn z. B. die Zeit gemessen wird in Relation zu der expandierenden Blase, die wir derzeit als „das Universum” bezeichnen? Kann dann das Jetzt noch ein Unbewegtes sein? Oder bewegt es sich mit der Blase?

Das Problem verbirgt sich hinter der „Ruhe”. Die Ruhe beim Übergang von der Ruhe zur Bewegung ist eine verkleidete Bewegung, die sich als Nichtbewegung ausgibt. So etwas gibt es nicht in Relation zur Welt. Alles Bewegte ist immer bewegt, und Alles Unbewegte ist immer unbewegt.

Die Ruhe ist der Bruder des Schnitts, den sich der Mensch mit dem Messer der Vernunft in die Welt geschnitten hat, der Form. Nur hat es die Ruhe zu Unrecht nicht zu der Berühmtheit wie die Form gebracht. Erst spät ist sie im Bezugssystem der Physik von Descartes, Euler und anderen gewürdigt worden. Die Ruhe schneidet den Anfang, die Mitte oder das Ende einer Bewegung in die Welt, um sie vor dem Fließen Heraklits zu bewahren, genau wie die Form es tut. Nur ist der Gegenstand des von der Ruhe Umhüllten die Bewegung selbst, während sich die von der Form abgegrenzte ousia wenigstens in der Einbildung als unbewegt darstellt.

Die Ruhe ist genau wie Platons oder Aristoteles' Form ein Ideelles, Nichtseiendes in Relation zur Welt. Aber sie hat in der Welt einen mächtigen Verbündeten, der in jedem Bewegten in jeder Zeit und in jedem Jetzt ist, das ewig unbewegte Leere. Hält sie sich an diesen Verbündeten, so werden sich die Widersprüche im Jetzt entweder mit mathematischer Präzision bestimmen oder beseitigen lassen. <- ausbaufähig