Ph.4.10.217b-218b bis Ph.4.14 Die Zeit - Kr

Es reiht sich an das bisher Besprochene, über die Zeit zu handeln. 30 Zuerst nun ist es wohlgetan, Zweifel (diaporesai) über sie vorzulegen, nach äußerlicher Begriffbestimmung (exoterikon logon), ob sie zu dem Seienden (ton onton) gehört oder zu dem Nichtseienden (ton me onton); sodann welches ihre Natur ist. Dass sie nun überhaupt nicht ist, oder mit Einschränkungen und Dunkelheiten, könnte man aus Folgendem argwöhnen. Das Eine (to men) nämlich von ihr ist gewesen, und ist nicht mehr, das Andere (to de) aber wird sein, und ist noch nicht. 218a Hieraus aber bestehen sowohl die unendliche, als auch immer die herausgenommene Zeit: was aber aus Nichtseiendem besteht, könnte unfähig scheinen, auf irgend eine Art Teil zu haben am Sein. Überdies ist bei allem Teilbaren (pros de tousos pantos meristou), wenn 5 es sein soll, notwendig dass sobald es ist, entweder einige oder alle Teile sind (panta ta mere einai he enia). Von der Zeit aber ist der eine (ta men) gewesen, der andere (ta de) wird sein, keiner aber ist; da doch sie teilbar (meristou) ist. Das Jetzt aber ist nicht Teil (to de nyn ou meros). Denn Maß (metron) ist der Teil (meros), und bestehen muss das Ganze aus den Teilen (to holon ek to meron): die Zeit aber scheint nicht aus den Jetzt zu bestehen (chronos ou dokei synkeisthai ek ton nyn).

PhK.4.10.218a8 - Die Zeit ist stetig, das Jetzt ist ein metaxy. Das Jetzt ist nicht Teil der Zeit; das hat Parmenides herausgefunden.

Ferner aber auch eben dieses Jetzt, welches als das Vergangen und das Zukünftig abgrenzend erscheint, ob es 10 eines und dasselbe immer verbleibt, oder immer ein anderes wird, ist nicht leicht zu sehen. Denn sofern es immer ein anderes und wieder ein anderes ist, bei keinem Derer (meden d') aber, die in der Zeit sind, ist ein Teil mit einem andern zugleich (allo kai allo meros hama), wenn nicht der eine umgibt (periechei), der andere umgeben wird (periechetai), wie die kleinere Zeit von der größeren, das Jetzt aber, was nicht ist, vorher aber war, irgendwann vergangen sein muss: so werden 15 auch die Jetzt nicht miteinander zugleich sein, sondern immer muss das frühere vergangen (ephthartai) sein. In sich selbst nun können sie nicht vergangen sein; weil sie damals waren. Dass aber in einem andern Jetzt das frühere Jetzt vergangen sei, ist nicht statthaft. Denn es dürfte unmöglich sein, dass die Jetzt stetig mit einander zusammenhängen, gleichwie der Punkt mit dem Punkt.

Berühren können sich nur zwei Ausgedehnte. Zwei Größenlose fallen in Eins, wenn sie zusammenkommen, sind zugleich.

Ist es nun in dem 20 angrenzenden (ephexes) nicht vergangen, sondern in einem andern, so würde es in den unendlich vielen dazwischenliegenden Jetzten (en tois metaxy tois nyn apeirois), zugleich (hama) noch sein. Dies aber ist unmöglich. - Allein auch nicht dass immer dasselbige verbleibe, ist denkbar. Denn nichts was teilbar und begrenzt ist, hat nur Eine Grenze, weder wenn es nach einer Richtung fortlaufend ist, noch wenn nach mehren. Das Jetzt aber ist Grenze, und die Zeit 25 kann man als begrenzt nehmen. - Ferner wenn der Zeit nach zugleich sein (to hama einai kata chronon) weder früher noch später in Demselben sein und in dem Jetzt bedeutet, so wäre, wenn das Frühere und das Spätere in diesem Jetzt ist, zugleich das, was vor zehntausend Jahren geschah mit dem, was heute geschieht; und weder früher noch später ist je eines als 30 das andere. - Über das nun was zu dem Begriff der Zeit gehört, mögen diese Zweifel aufgestellt sein.

PhK.4.10.218a31 - Das Zugleich (hama) bedeutet bei Aristoteles: 2 Dinge in 1 Jetzt an 1 Ort. In der Metaphysik (Me.11.5) erweitert er bei der Überarbeitung der Definition des Widerspruchs den Begriff des Zugleich auf eine Zeit, für die in jedem Jetzt gilt, was für das eine gilt.

Was aber die Zeit ist, und welche Natur sie hat, ist ebenso sehr aus dem Überlieferten undeutlich, als nach dem, was wir vorher durchgegangen sind. Einige nämlich behaupten, sie sei die Bewegung 218b des Alls, Andere, die Kugel selbst. Allein von dem Umlauf (periphoras) ist ja auch der Teil eine Zeit (to meros chronos ti esti), Umlauf aber nicht: ein Teil nämlich vom Umlauf, welchen man herausnimmt, aber nicht Umlauf. - Ferner wenn es mehrere Himmel gäbe, so müsste auf gleiche Weise die Zeit, eines jeden 5 von diesen Bewegung sein. So gäbe es denn viele Zeiten zugleich. - Die Kugel des Alls (de tou holou sphaira) aber konnte denen, die dies behaupten, als die Zeit erscheinen, weil sowohl in der Zeit Alles ist, als auch in der Kugel des Alls. Es ist aber das Erwähnte zu einfältig, als dass man seine Unmöglichkeit besonders in Erwägung ziehn sollte.

PhK.4.10.218b9 - Aristoteles distanziert sich von Platons Aussage, nicht, weil er sie für falsch hält, sondern weil mit ihr die Untersuchung der Zeit zu beginnen, der Fehler ist. Denn über das Ganze lässt sich leicht daherreden. Nach der Untersuchung des allerkleinsten Teils - der nicht einmal ein Teil ist - wird Aristoteles das Ganze auch auf das All beziehen. Denn das Ganze (to holon) ist das Ziel aller Wissenschaft.

- Da es aber die Zeit am meisten eine Bewegung und 10 Veränderung zu sein scheint, so wäre dies zu untersuchen. Die Veränderung und Bewegung eines Dinges nun ist in demjenigen selbst, was sich verändert, allein, oder wo sich befindet das selbst, was sich bewegt und verändert: die Zeit aber ist auf gleiche Weise überall und bei Allem. Ferner ist alle Veränderung schneller oder langsamer; die Zeit aber 15 ist es nicht. Denn das Langsam und Schnell sind durch die Zeit bestimmt: schnell nämlich ist, was in wenig Zeit sich viel bewegt; langsam, was in vieler wenig. Die Zeit aber ist nicht bestimmt durch Zeit, noch dadurch, dass sie eine Quantität (posos) hat, noch dass eine Qualität (poios). Dass sie nun also nicht Bewegung ist, ist ersichtlich. Kein Unterschied sei aber für jetzt, Bewegung zu sagen oder 20 Veränderung.

PhK.4.10.218b20 - Die Zeit ist sowohl im einzelnen Gegenstand als auch in allen Gegenständen. Das teilt sie mit der Bewegung. Nur haben wir uns für die allgemeine Bewegung keinen eigenen oder nur einen schwachen Begriff gebildet, während wir das bei der Zeit getan haben. Denn bei der Bewegung interessiert uns das einzelne Bewegte, während wir die Zeit in verschiedenen Wissenschaften wie der Geschichte als eine bestimmte übergeordnete Größe benötigen, an der alle Gegenstände dieser Wissenschaften ihr Maß haben.

Der allgemeine Begriff der Bewegung muss mit [+]M und [+]L zu tun haben, den beiden positiven Teilen des archeologischen Satzes [+]M=[-]L.