Ph.4.6.213a-213b bis Ph.4.9 Das Leere oder der Stoff des Unbewegten - Kr

Auf dieselbe Weise ist anzunehmen, dass der Physiker Betrachtung anzustellen hat auch über das Leere (kenon), ob es ist oder nicht, und wie es ist und was es ist, gleichwie auch über den Topos. Denn auf ähnliche Weise kann man auch hieran 15 zweifeln oder glauben, in Folge dessen, was darüber vorausgesetzt wird. Denn gleich als einen Topos und Gefäß betrachten das Leere die, so es annehmen.

PhK.4.6.213a16 - Nein. Die das Leere annehmen, nehmen es als einen Körper an und nicht als eine Fläche, als einen Stoff, nicht als eine Form. Um seinen Monohylismus zu retten, ist sich Aristoteles nicht zu schade, den Stoff zur Form plattzuquetschen, wie das die Theologen mit ihrem Gott tun.

Es gilt aber etwas für voll (pleres), wenn es die Masse (ton onkon) faßt, die es aufzunehmen vermag; wenn es aber ohne diese ist, für leer; als seien Leeres und Volles und Topos dasselbe, und nur die Art des Seins sei für sie verschieden. Begonnen aber werden 20 muss die Untersuchung, indem dargelegt wird, was diejenigen sagen, die sein Sein behaupten und wiederum was die sagen, die es leugnen, und drittens die allgemeinen Meinungen über sie.

PhK.4.6.213a22 - Zur Erinnerung: Das Leere der Physik ist im Anschluss an die Postulierung des unbewegten allgroßen Eins des Parmenides entdeckt worden.

Welche nun zu beweisen versuchen, dass es nicht ist, diese heben nicht dasjenige Leere auf, was die Menschen sagen wollen, sondern wovon man aus Irrtum spricht, wie z. B. Anaxagoras und 25 die auf diese Weise Widerlegenden. Sie beweisen nämlich, dass die Luft etwas sei, indem sie die Schläuche drehen, und zeigen, dass die Luft eine Stärke hat; und indem sie sie auffangen, in den Wasserröhren. Die Menschen aber meinen, das Leere sei eine Ausdehnung (diastema), worin kein sinnlich wahrnehmbarer Körper sei. Indem sie glauben, dass, was ist, alles Körper ist, sagen sie, dass, 30 worin durchaus nichts ist (holos meden), dies sei leer. Darum sei das von Luft volle leer. - Nicht also dies muss man beweisen, dass die Luft etwas ist, sondern dass es überhaupt keine Ausdehnung der Körper gibt, weder trennbar, noch der Energeia nach seiend, welcher den ganzen Körper trennt, so dass dieser nicht stetig ist; wie Demokrit und Leukipp sagen und 213b viele Andere der Physiker (physiologon);

PhK.4.6.213b1 - Man muss beweisen, dass es zwei gleichzeitige Körper gibt, den materiellen Körper und den immateriellen Körper. Da die Trennung der beiden die Trennung zweier Gleichzeitiger ist, kann keiner der beiden die Stetigkeit des anderen beeinflussen. Das können nur Körper, die einander berühren und sich trennen.

oder auch wenn es etwas außerhalb des ganzen Körpers geben sollte, insofern dieser stetig ist. - Diese nun sind nicht einmal bis zur Schwelle der Aufgabe gelangt. Eher diejenigen, die das Sein behaupten. Sie sagen aber, einmal, dass die räumliche Bewegung sonst nicht sein könnte. Diese 5 aber ist Raumbewegung und Vermehrung. Es könnte nämlich scheinen, dass es keine Bewegung gibt, wenn nicht ein Leeres sei; denn dass das Volle noch etwas aufnehme, sei unmöglich. Sollte es aber aufnehmen, und so zwei in Demselben sein, so müsste auch jede beliebige Menge von Körpern zugleich sein können.

Nicht das Volle nimmt etwas auf, sondern das Leere. Aber nicht beliebig Vieles, sondern Eins.

Das Volle ist eine Beziehung zwischen Zweien, das Leere und die Materie sind einfach. Das ist falsch, weil es die Materie allein nicht gibt. Nur das Leere kann allein sein. Das Volle sind bereits Zwei, die Materie und das die Materie Aufnehmende. Also ist das Volle ein anderer Ausdruck für die Materie-und-das-Leere.

Denn der Unterschied, warum das Gesagte nicht sein könne, sei nicht anzugeben. Gilt aber dies für statthaft, so 10 kann auch das Kleinste das Größte aufnehmen. Denn vieles Kleine ist das Große. Also wenn vieles Gleiche in Einem und demselben zu sein vermag, so auch vieles Ungleiche. - Melissos nun beweist auch aus diesem, dass das All unbewegt ist. Denn soll es bewegt werden, so muss, sagt er, ein Leeres sein; das Leere aber ist nicht unter dem Seienden. - Auf eine 15 Art nun beweisen sie so, dass es ein Leeres gibt. Auf eine andere aber daraus, dass Einiges als zusammengehend (synionta) und der Verdichtung (?piloumena?) empfänglich erscheint. So wie man sagt, dass auch den Wein mit seinen Schläuchen die Fässer aufnehmen. In die darin enthaltenen Leeren (kena) nämlich gehe der verdichtete Körper zusammen. - Auch das Wachsen halten Alle für mittels des Leeren geschehend. Die Nahrung nämlich sei 20 ein Körper; zwei Körper aber könnten nicht zugleich sein. Als Beweis brauchen sie auch, was mit der Asche sich begibt, welche ebenso viel Wasser aufnimmt, wie das leere Gefäß. - Dass es ein Leeres gebe, behaupteten auch die Pythagoreer, und dass dieses hereinkomme in den Himmel mittels des unendlichen Atems (ek tou apeirou pneumatos), wie einer der athmet. Und das Leere sei es, welches 25 die Naturen bestimme (diorizei). Denn das Leere sei eine Trennung des der Reihe nach auf einander Folgenden, wie auch die Bestimmung. Und dies sei das Erste in den Zahlen. Das Leere nämlich bestimme ihre Natur. - Wonach nun die Einen es behaupten, die Andern leugnen, ist ungefähr dies und dergleichen.

PhK.4.6.213a29 - Wenn den Pythagoreern hier das atman der Inder Pate gestanden hat, wie das pneuma den Katholiken, so sind alle drei zu korrigieren, falls sie das Leere damit gemeint haben. Denn atman und pneuma stehen für den Raum oder den Äther, das Leere atmet nicht, sondern verharrt regungslos seit Ewigkeit in Ewigkeit. Oder sollten die Pythagoreer beim Leeren an den Stoff der mathematischen Dinge gedacht haben (Pa26)?

Das würde erklären, warum Aristoteles die Pythagoreer stets dafür lobt, die Zahlen nicht von den Dingen der Welt getrennt zu haben.