Ph.4.2.209a-210a hnam - Kr

Wenn nun Einiges durch sich selbst, Anderes durch Vermittlung von Anderem für das gilt, was es ist, und der Topos teils der gemeinschaftliche ist, worin alle Körper sind, teils der besondere, worin als Erstem, (ich meine es so, wie z. B. du bist im Himmel, weil in der Luft, diese aber im Himmel; und in der Luft, weil 35 auf der Erde; ebenso auf dieser, weil an diesem bestimmten Topos, 209b der weiter nichts umfasst (periechei) als dich): so wird nun der Topos, wiefern er das Erste einen jeden Körper Umfassende ist (ton proton periechon ton somaton), eine Grenze (peras) sein. So dass es den Anschein hätte, als sei die Form und Gestalt (eidos kai morphe) eines Dinges der Topos, wodurch die Größe begrenzt wird und der Stoff der Größe. Denn darin besteht eines 5 jeden Grenze. So nun betrachtet ist der Topos eines jeden Dinges Form. Wiefern aber der Topos für die Ausdehnung (diastema) der Größe gilt, der Stoff. Diese nämlich ist verschieden von der Größe (heteron tou megethos). Es ist das von der Form Umgebene, und Bestimmte (horismenon), wie von einer Fläche und Begrenzung. - Es ist aber ein solches der Stoff und das Unbestimmte (aoriston). 10 Nimmt man die Begrenzung weg und die Zustände z. B. der Kugel, so bleibt nichts übrig als der Stoff. Darum nennt auch Platon den Stoff und den Raum (chora) Dasselbe im Timaios.1 Das Aufnehmende nämlich und der Raum (chora) seien Eines und dasselbe. Auf verschiedene Weise spricht er hier von dem Aufnehmenden, und in den sogenannten 15 ungeschriebenen Lehren (agraphois dogmasin), aber dennoch lehrte er allgemein, dass Topos und Raum mit jenem Dasselbe sei. Es behaupten nämlich Alle, dass der Topos etwas sei; was er aber sei, hat jener allein unternommen2 zu erklären. - Natürlich wohl muss, sobald man es hienach betrachtet, schwierig zu sein scheinen, zu erforschen, was der Topos ist; wenn er von diesen beiden eines ist, sei es Stoff, sei es 20 Form. Denn teils überhaupt gehört diese Betrachtung zu den feinsten und höchsten, teils ist es insbesondere nicht leicht, abgesondert von einander sie kennen zu lernen.

Nun aber dass keines von diesen beiden der Topos sein kann, ist nicht schwer zu sehen. Denn die Form und der Stoff finden sich nicht getrennt von dem Dinge; der Topos aber kann dies. In welchem nämlich Luft war, in diesem wird, wie wir sagen, wiederum 25 Wasser, wenn die Luft und das Wasser gegenseitig mit einander wechseln, und die übrigen Körper gleichergestalt. Also weder ein Teil noch eine Eigenschaft, sondern trennbar ist der Topos von jedem Ding. Nämlich es scheint der Topos so etwas zu sein, wie das Gefäß. Denn es ist das Gefäß ein beweglicher Topos; das Gefäß aber ist 30 nichts von dem Dinge. - Wiefern er nun trennbar ist von dem Dinge, sofern ist er nicht die Form. Wiefern er aber umfasst, sofern verschieden von dem Stoff.

PhK.4.2.209b32 - Dass Aristoteles dem Ort einen so kuriosen Ort zuweist, hat eine einfache Erklärung. Er mag das metaxy nicht. Denn das zwischen Zweien Befindliche als das zu keinem der beiden Gehörige scheint ohne Sinn für die Wissenschaft. Wozu sollte ein zu niemandem Gehöriges gut sein? Aber das metaxy ist nicht von niemandem ein Teil, es ist nur kein Teil eines Körpers. Zwar lobt Aristoteles Platon hier zu Recht dafür, eine Raumtheorie aufgestellt zu haben, aber das ebenfalls Platon zugeschriebene metaxy kritisiert er in der Metaphysik (z. B. - Me.1.9 , oder Me.3.2 - , eine der wenigen Stellen, wo er sich als noch-Platoniker zu erkennen gibt und sich also selbst kritisiert). Seine Abneigung gegen das metaxy wird ihn nicht hindern, es in der Physik ausgiebig zu gebrauchen.

Es scheint aber immer das, was irgendwo ist, sowohl selbst etwas zu sein, als auch etwas Anderes außer ihm. - Platon aber hätte sagen sollen - wenn dies nebenbei erwähnt werden darf, warum die Formen 35 und die Zahlen nicht im Topos sind, wenn doch der Topos das Aufnehmende ist; sei nun das Große und das 210a Kleine das Aufnehmende, oder der Stoff, wie er im Timaios geschrieben hat. - Sodann wie sollte etwas nach seinem Topos sich hinbewegen, wenn dieser Topos der Stoff oder die Form wäre? Denn nicht kann, was weder Bewegung, noch ein Oben und Unten hat, Topos sein. Vielmehr 5 in diesen hat man den Topos zu suchen. Ist aber in dem Dinge selbst der Topos (er muss es aber sein, wenn er Form oder Stoff ist), so ist der Topos in einem Topos. Denn es verändert zugleich mit dem Ding und bewegt sich sowohl die Form als auch das Unbestimmte, und sind nicht immer in Demselben, sondern wo auch das Ding ist. So dass es also einen Ort des Ortes geben würde. - Ferner wenn aus der Luft 10 Wasser wird, so geht dann der Topos unter; denn der nun werdende Körper ist nicht mehr in demselben Topos. Worin nun besteht dieser Vergehen? - Woraus also sich das Sein des Topos ergibt, und wiederum woraus man zweifeln könnte über seine Ousia, ist jetzt gesagt worden.


1. Platon, Timaios 52a

2. Prantl: „gewagt”. Lässt man die Geschichte der scholastischen Auffassung Gottes Revue passieren, wie es Diderot in dem Artikel Immaterialismus oder Spiritualismus der Enzyklopädie schön tut (Philosophische und politische Texte aus der 'Encyclopédie', dtv 1969, S. 289-304), so wird das Wagnis verständlich. Denn dass Gott ein feinteiliges die Welt durchdringendes materielles Wesen ist, wie Platon den Raum schildert, war von den Anfängen bei allen Theologen das Selbstverständlichste der Welt, als sie nur Bruchstücke der vorsokratischen Philosophie kannten. Zwar sind später pro forma etliche Köpfe wegen dieses Pantheismus gerollt, damit der Materialismus nach außen abgewickelt erscheinen konnte. Aber der mechanische Materialismus der Theologen hat sich von den alten Mythen der Inder bis auf den heutigen Tag in aller Frische erhalten. Zwar ist Gottes Körper von Thomas von Aquin bis auf den Punkt ausgebeint worden, wie es auch Aristoteles am Ende tun wird und wie es einige heutige Physikbrahmanen tun, wenn sie vom sich selbst aus dem Punkt gebärenden All faseln. Aber stillschweigend steht der Punkt nach wie vor für den feinteiligen Allausfüller. Dass es in Griechenland ein Wagnis war, den Göttern ins Gehege zu kommen, zeigt der Schauprozess gegen Sokrates, auch wenn er es weder mit einer Raumtheorie, noch mit einer Zeustheorie getan hat, sondern bloß dadurch, dass er den Dummen ihre Dummheit und den Schlechten ihre Schlechtigkeit vor die Nase gehalten hat.