Ph.4.1.208a-209a bis Ph.4.5 Der Topos oder die Form des Unbewegten - Kr

Im Gegensatz zur „Kritik” folge ich Aristoteles beim topos und betrachte ihn als Form, nicht als Stoff.

27 Auf gleiche Weise wie von dem Unendlichen muss der Physiker auch von dem Topos untersuchen, ob er ist oder nicht, und wiefern er ist, und was er ist. Denn Alle nehmen an, dass, was ist, irgendwo ist. 30 Nur was nicht ist, sei nirgends. Denn wo wäre ein Hirschbock (trangelaphos), oder eine Sphinx? Auch von der Bewegung ist die allgemeinste (koina malista) und eigentlichste nach dem Topos, welche wir Raumbewegung (phora) nennen. - Es hat aber viele Schwierigkeiten, zu sagen, was denn der Topos ist. Denn nicht als dasselbe erscheint er, wenn man ihn betrachtet nach allem dem verschiedenen, 35 was gegeben ist. Überdies haben wir auch bisher nichts von den Andern, was über ihn beigebracht wäre, sei es als Aufgabe oder als Lösung. 208b Dass es nun einen Topos gibt, scheint aus dem Wechsel der Lagen (antimetastasis) zu erhellen. Wo nämlich jetzt Wasser ist, da kann, wenn dieses sich entfernt wie aus einem Gefäß, wiederum Luft sein. Bisweilen aber hat denselben selben Topos irgend ein anderer Körper inne. Dieser nun gilt für einen von allem was 5 eindringt und durch irgend eine Veränderung hineinkommt, Verschiedenen. An welchem Topos nämlich jetzt Luft ist, an diesem war vorher Wasser. So dass erhellt, dass der Topos und der Raum (chora) etwas anderes war als beide, in welchen und aus welchem die Veränderung geschah. Ferner aber auch die räumlichen Bewegungen der natürlichen und einfachen Körper, wie des Feuers und der Erde und ähnlicher, 10 zeigen nicht allein, dass es einen Topos gibt, sondern auch dass er eine gewisse dynamis besitzt. Es bewegt sich nämlich jedes Ding nach seinem Topos hin, sobald es nicht gehindert wird; eines nach oben, ein anderes nach unten. Dies aber sind Teile und Arten (mere kai eide) des Topos, das Oben und das Unten, und die übrigen von den sechs Richtungen. Es ist aber alles dieses nicht nur in bezug auf uns, das Rechte und 15 das Linke, und das Oben und das Unten. Denn für uns ist es nicht immer dasselbe, sondern nach der Lage (thesis), wie wir uns wenden, richtet es sich. Darum ist Dasselbige oftmals rechts und links, und oben und unten, und vorn und hinten. In der Natur hingegen ist ein jedes bestimmt für sich. Nicht nämlich was sich trifft, ist das Oben, sondern wohin sich das 20 Feuer bewegt und das Leichte. Ebenso auch das Unten, nicht was sich trifft, sondern wohin das, was Schwere hat, und das Irdische. So dass also nicht nur ein Unterschied der Lage, sondern auch der Bedeutung (straphomen) vorhanden ist. Dies zeigt auch das Mathematische. Obgleich es nämlich nicht an einem Topos ist, so hat es doch nach seiner Lage zu uns ein Rechts und ein Links. So dass also hier nur die Lage als 25 ein Gedachtes (noeisthai), nicht aber ein natürliches Bestehen von diesem allen stattfindet. - Übrigens die das Sein eines Leeren behaupten, meinen den Topos. Das Leere nämlich möchte ein Topos sein, der keinen Körper in sich faßt. -

Der topos möchte im Leeren sein, ohne Teil dessen Stoffes zu sein.

Dass es nun also einen Topos außer den Körpern gibt, und dass jeder sinnlich wahrnehmbare Körper an einem Topos ist, könnte man diesem zufolge annehmen. Es möchte sonach scheinen, als habe Hesiodos recht, 30 indem er zuerst das Chaos sein läßt. Er sagt nämlich:

Zwar von Allem zuerst war das Chaos, aber darauf ward Erde mit weitem Busen.

Als müsse zuerst ein Raum (choran) vorhanden sein, für das was sein soll; der gewöhnlichen Meinung zufolge, dass Alles sei irgendwo und an einem Topos. Verhält sich dies aber so, so wäre die Bedeutung des Topos eine wunderbare, und 35 früher als Alles. Denn ohne was nichts Anderes ist, was aber selbst 209a ohne das Andere: dieses muss das Erste sein. Nicht nämlich geht der Topos unter, wenn, was in ihm ist, vergeht.

Nichtsdestoweniger fragt es sich noch immer, wenn er ist, was er ist: ob irgend eine körperliche Masse (onkos tis somatos), oder sonst eine andere Natur (hetera physis). Aufzusuchen nämlich ist seine Gattung zuerst. - Ausdehnungen (diastemata) 5 nun hat er drei: Länge, Breite und Tiefe, durch die jeder Körper bestimmt wird. Nicht aber kann ein Körper der Topos sein. Denn in Demselben (en tauto) Demselben wären dann zwei Körper (dyo somata).

PhK.4.1.209a7 - Bedeutet Körper stets materieller Körper, so kann der topos kein Körper sein, weil zwei materielle Körper nicht zugleich sein können. Ist der topos ein immaterieller Körper, so können zwei Körper zugleich sein. So sind der geometrische Körper und der materielle Körper des Hauses zugleich. Also kann der topos ein Körper sein.

Aber ganz so einfach liegen die Dinge nicht. Denn direkt im Leeren sind nur die Atome oder die Gesamtmaterie im Anfang. Alle nachfolgenden ousiai in der Mitte sind nicht im Leeren, sondern im Raum, so dass sich zwei materielle Körper, der Raum und die ousia, ihren Platz in der Welt irgendwie teilen müssen. Andernfall träte ein, was Aristoteles sagt, und zwei materielle Körper wären am selben Ort, der Widerspruch.1

später: Aber das wichtigste Argument gegen den 3d topos sind die Anforderungen, die der Physiker an ihn stellt.

- Ferner wenn es einen besondern Topos und Raum (chora) des Körpers gibt, so offenbar auch der Fläche und der übrigen Grenzen (peraton); denn derselbe Begriff passt dann darauf. Wo nämlich 10 vorher des Wassers Flächen waren, da werden nun die der Luft sein. Allein wir haben doch keinen Unterschied zwischen Punkt (stigma) und Topos des Punktes (topou stigmes).

PhK.4.1.209a12 - Bei dem Leeren und der Materie gilt: das Leere ist der Ort, die Materie nimmt ihn ein. Den Unterschied zwischen dem Ort und dem den Ort Einnnehmenden können wir bei Punkten, Linien und Flächen nicht machen. Auf jeden Fall müssen beide zugleich sein. Denn wenn der Ort des Punktes woanders als dieser wäre, so wäre dies ein verrücktes Wesen.

Wenn nun also dieser keinen von ihm verschiedenen Topos hat, so hat ihn auch keines von den andern, und es gibt außerhalb dieser aller keinen Topos. - Für was auch wollten wir den Topos ausgeben? Denn weder ein Element sein, noch 15 aus Elementen bestehen kann er, wenn er eine solche Natur hat; weder den körperlichen (somatikon), noch den unkörperlichen (asomatikon). Denn Größe (megethos) hat er, Körper (soma) aber keineswegs.

PhK.4.1.209a17 - Da die mathematische megethos drei-, zwei- und eindimensional sein kann, wird sich die absurd scheinende Stelle bald erklären.

Nun sind aber der sinnlich wahrnehmbaren Körper Elemente Körper; aus den bloß denkbaren Elementen aber wird keine Größe.

PhK.4.1.209a18 - Die sinnlichen Dinge haben eine dreidimensionale Größe. Sie haben einen Körper.

Ferner von was sollte man auch sagen, dass der Topos den Dingen Ursache sei? Denn 20 keine von der vier Bedeutungen des Begriffes Ursache passt auf ihn. Weder nämlich als Stoff des Seins ist er es, denn nichts ist aus ihm zusammengesetzt, noch als Form und Begriff der Dinge (eidos kai logos ton pragmaton), noch als Zweck, noch bewegt er die Dinge. Überdies er selbst, wenn er zu den Dingen gehört, wo soll er sein? Der Einwurf des Zenon nämlich fordert eine Rechenschaft. Wenn nämlich alles was ist, im Topos ist, so muss offenbar auch 25 für den Topos ein Topos sein. Und dies geht fort ins Unendliche.

PhK.4.1.209a26 - Die Frage nach dem Wo des Wo führt in den unendlichen Regress, die Frage nach dem Was des Wo nicht. „Das Leere ist der Ort der Welt, die Materie nimmt ihn ein”, hieß es bisher. Das soll uns nicht mehr genügen, weil wir jetzt den Ort des Einzelnen suchen, bleibt aber wahr.

- Ferner wenn, wie jeder Körper im Topos, so auch in jedem Topos ein Körper sein muss: was werden wir dann sagen von dem Wachsenden? Es muss nämlich demnach ihr Topos mitwachsen, sofern der Topos eines jeden weder kleiner noch größer ist. - Aus diesen Gründen nun muss man zweifeln, 30 nicht nur was er ist, sondern auch ob er ist.

PhK.4.1.209a30 - Das Wachsenmüssen des topos gilt nur für den Fall, wo der topos eine Umhüllung, ein periechon ist. Wird in den vollen Sack noch ein Zentner Kartoffeln getan, so muss der Sack größer werden, um sie aufzunehmen. Ist der topos mit den Kartoffeln zugleich, so bleibt er von der Kartoffelvermehrung unberührt, und die zwei Zentner Kartoffeln nehmen nur einen doppelt so großen topos ein wie der eine Zentner Kartoffeln. Aber um diesen topos geht es Aristoteles nicht in der vorliegenden Untersuchung. Denn er erfüllt für die Untersuchung der Bewegung keinen Zweck. Für sie muss etwas ähnliches wie die heutige Definition des Ortes als Punkt im Raum gefunden werden.


1. Den „leeren Raum” der Schulbuchphysik oder den im 20. Jh. wegexperimentierten Raum tue ich mir nicht an.