Ph.3.3.202a-202b hnam - Kr

Um auf diese Streitfrage zu kommen, so ist ersichtlich, dass die Bewegung in dem Beweglichen ist (kinesis en to kineto).

PhK.3.3.202a14 - Nein. Selbst wenn es ein isoliertes einzelnes Bewegtes gibt, so ist es nur bewegt in Relation zu dem es umgebenden Unbewegten, so dass jede Bewegung mindestens diese Zwei hat, das Bewegte und das Unbewegte.

Denn die Verwirklichung ist sie von diesem, 15 und durch das Bewegen Könnende1 (kinetikou). Und auch die Wirksamkeit (energeia) des bewegen Könnenden, ist nicht eine andere. Es muss nämlich eine Verwirklichung für beide geben. Denn bewegen könnend ist etwas dem Vermögen nach, bewegend aber dem Wirken nach. Aber diese Wirksamkeit bezieht sich auf das Bewegliche. Also ist auf gleiche Weise Eine für die Wirksamkeit beider, wie die nämliche Entfernung von Eins zu Zwei und von Zwei zu Eins, oder wie Bergauf und 20 Bergab. Denn dieses ist Eines, der Begriff jedoch ist nicht Einer. Auf gleiche Weise nun auch mit dem Bewegenden und Bewegten. Es tritt indes hier ein Zweifel hinsichtlich des Begriffes ein. Vielleicht ist nämlich eine andere Wirksamkeit für das Tätige, eine andere für das Leidende gefordert; die eine Aktivität, die andere Passivität; Werk und Ziel aber bei dem einen Tun, bei dem andern Leiden. 25 Sollten nun beides Bewegungen sein, und zwar verschiedene, so fragt sich: worin? Entweder nämlich sind beide in dem Leidenden und Bewegten, oder die Aktivität in den Tätigen, die Passivität in dem Leidenden. Sollte aber auch diese Aktivitäten heißen, so wäre sie dem Namen nach gleich. Allein wäre dies, so würde die Bewegung in dem Bewegenden sein; denn derselbe Begriff gilt dann für Bewegendes 30 und Bewegtes. So dass also entweder alles Bewegende bewegt wird, oder Bewegung hat ohne bewegt zu werden. Sind aber beide in dem Bewegten und Leidenden, die Aktivität und die Passivität; und das Lehren und das Lernen, zwei, wie sie sind, in dem Lernenden: so ist erstens die Aktivität eines jeden nicht in diesem gegenwärtig; sodann ist es absurd, dass zwei Bewegungen 35 zugleich geschehen. Es ergeben sich nämlich dann qualitative Änderungen zu zweien aus einer und in eine einzelne Form. Aber dies geht nicht. Oder soll vielleicht die Wirksamkeit Eine sein? Aber 202b es ist widersinnig, dass zwei verschiedene Dinge eine und dieselbe Wirksamkeit besitzen; und es wird, wenn das Lernen und das Lehren im Begriffe Dasselbe, und die Aktivität und die Passivität, auch das wirkliche Lehren mit dem Lernen zu Demselben, und das Tun mit dem Leiden; so dass wer lehrt, 5 zugleich alles lernen muss, und wer tut, leiden. Doch vielleicht ist es gar nicht so absurd, dass die Wirksamkeit des Einen in dem Andern sei. Es ist nämlich das Lehren Wirksamkeit des zum Lehren Berufenen, in etwas jedoch, und dies nicht abgesondert, sondern von etwas bestimmtem in etwas bestimmtem. Denn nichts hindert, dass eine Wirksamkeit zweier Dinge die nämliche ist; nicht dem Sein nach dasselbe, wie Kleid und Rock, sondern wie nach der Relation 10 der Möglichkeit zum Wirkenden. Nicht also braucht darum der Lehrende zu lernen, wenn das Leiden und das Tun dasselbe sind, doch nicht als sei der Begriff derselbe, der das Was aussagt, wie bei Kleid und Rock, sondern wie der Weg von Theben nach Athen, und der von Athen nach Theben, wie auch zuvor gesagt worden. Denn nicht durchaus nur 15 Ein und dasselbe gilt von jedem, was auf irgend eine Weise Dasselbe ist, sondern nur von dem, was dem Sein nach Dasselbe. So ist denn nicht, wenn das Lehren mit dem Lernen dasselbe, auch mit den Geschäft des Lehrens das Geschäft des Lernen dasselbe; gleichwie auch nicht, wenn die Entfernung zweier Dinge von einander Eine, auch das Entferntsein hier von dort, und dort von hier, Ein und dasselbe ist. Überhaupt zu sagen aber, so ist weder das 20 Lehren mit dem Lernen, noch die Aktivität mit der Passivität eigentlich dasselbe, sondern das, worin dieses stattfindet, die Bewegung. Denn das Sein einer Wirksamkeit des einen in dem andern und des einen durch das andere ist verschieden dem Begriffe nach.

Was nun also die Bewegung ist, sowohl überhaupt, als im Besonderen, ist gesagt. Man sieht nämlich leicht, auf welche Weise eine jede ihrer 25 Arten bestimmt werden wird. Qualitative Änderung z. B.: die Wirklichkeit des Umbildsamen als solchen. Oder noch bestimmter: die des der Möglichkeit nach zu tun oder zu leiden Geeignetes als solchen, teils überhaupt, teils wiederum im Einzelnen, als: Bauung oder Heilung. Auf dieselbe Weise wird auch von jedweder der übrigen Bewegungen zu sprechen sein.

PhK.3.3.202b29 - Um die Bewegung durch zweiseitige Berührung zweier bereits Bewegter ging es im dritten Kapitel.

Aristoteles teilt die beiden in den aktiven die Bewegung verursachenden und den passiven die Bewegung erleidenden Teil und sagt zunächst, dass die Bewegung im die Bewegung erleidenden Teil sei, zeigt dann aber ausführlich, zu welchen Schwierigkeiten diese Annahme führt. Die Kategorien Tun und Leiden haben sich als nur dem Menschen angehörige Scheinkategorien herausgestellt. Ursache und Wirkung haben sie ersetzt.

Seine Lösung ist, dass die Bewegung nicht im Aktiven oder im Passiven ist, sondern das Aktive und das Passive in der einen Bewegung sind, also nicht die eine zugrundeliegende Materie zwischen der Möglichkeit und dem Wirklichen, sondern die eine zugrundeliegende Bewegung zwischen dem Aktiven und dem Passiven. Das sind zwei verschiedene Bewegungsdefinitionen. Dass es sich bei diesem hier verwirrenden Kapitel um eine prinzipielle Untersuchung handelt, wird das siebente Buch zeigen.

Schon hier wissen wir, dass zur Bewegung das Bewegte nicht genügt, sondern dass auch das Unbewegte dazugehört.


1. Prantl: das bewegen Könnende, Weiße: das Bewegsame