Ph.3.2.201b-202a hnam - Kr

Dass richtig gesprochen worden, erhellt auch teils aus dem, was die Andern über sie sagen, teils daraus, dass es nicht leicht ist, sie anders zu bezeichnen. Denn weder die Bewegung noch die Veränderung könnte man unter eine andere Gattung bringen; und die anders von ihr gesprochen haben, haben nichts Richtiges beigebracht. Dies ergibt sich, wenn man untersucht, 20 was Einige aus ihr machen, wenn sie Verschiedenheit und Ungleichheit und das Nichtseiende die Bewegung nennen. Bei welchem Allen eben keine Notwendigkeit ist, dass es bewegt werde, weder wenn etwas verschieden ist, noch wenn ungleich, noch wenn nicht seiend.

PhK.3.2.201b22 - Die Notwendigkeit der Bewegung zweier Verschiedener tritt ein, wenn das eine materiell ist und das andere immateriell, bei den beiden Verschiedenen

[+] Materie = [-] Leeres.

Denn alle Materie ist notwendig immer bewegt, und alles Leere ist notwendig immer unbewegt. 16.10.2016 Die richtige Formuliertung ist: Alle materiellen Gegenstände sind immer bewegt. Bewegung ist erst im Zusammengesetzten. Die Materie ist Teil des Anfangs, und der ist nur. Dasselbe gilt für die Nichtbewegung des Leeren im Anfang, weil im Anfang weder Bewegung, noch Nichtbewegung ist, sondern allein das Sein der beiden Teile des Anfangs. In den Anfängen müssen wir mit den Definitionen pingelig sein, damit keine Teile des Anfangs verlorengehen. Die Verlagerung der Bewegung allein in die Materie hat zu unzähligen Irrtümern geführt.

Aber auch die Veränderung geht weder in dieses ein, noch von diesem aus mehr als von dem Gegensatz. Der Grund, dass sie sie hierein setzen, ist, dass die Bewegung sie ein Unbestimmtes (aoriston) 25 zu sein scheint.

PhK.3.2.201b25 - Das Unbestimmte an der Bewegung wird sich besonders im vierten und sechsten Buch bei den Versuchen zeigen, sie mit der mathematischen Präzision zu bestimmen.

Die Prinzipien aber der einen Hauptreihe (systoichias) sind wegen ihrer verneinenden Natur unbestimmt (ai archai dia to steretikai einai aoristoi); und keiner von ihnen ist weder Etwas, noch Qualität, noch auch unter den übrigen Grundbegriffen (ton allon kategorion).

PhK.3.2.201b25 - Die Schrift über die Reihen der Gegensätze, von der Aristoteles oft spricht, ist uns nicht erhalten. Aber das Unbestimmte, die Verneinung und eine dreigliedrige Hauptreihe der Verneinungen gibt es in den Seinsgleichungen. Die erste Verneinung besteht aus zwei entgegengesetzten Ganzen. Die zweite Verneinung besteht aus einem Ganzen und einem Teil, die ebenfalls entgegengesetzt sind. Und die dritte Verneinung besteht aus zwei entgegengesetzten Teilen. Die negierten Ganzen und Teile in den Verneinungen nennt Aristoteles in der Hermeneutik und der Analytik „unbestimmt”.

Mit dem Unbestimmten an der Bewegung meint Aristoteles jedoch etwas anderes, nämlich etwas vollkommen Bestimmtes; nur unser Unvermögen zu seiner genauen Bestimmung lässt es unbestimmt erscheinen.

Von dem Schein aber, dass die Bewegung ein Unbestimmtes sei, ist Ursache, dass von den Gattungen des Seins man sie weder unter das Mögliche, noch unter die Verwirklichung schlechthin setzen kann. Denn weder 30 die mögliche Quantität muss notwendig sich bewegen, noch wirksame Quantität (energeia poson). Die Bewegung scheint somit zwar eine Wirksamkeit (energeia) zu sein, aber eine unvollkommene (ateles). Ursache ist, dass das Mögliche ein Unvollkommenes ist, dessen Wirksamkeit die Bewegung ist. Und darum ist es schwer auszumachen, was sie ist. Denn entweder unter die Negation müsste man sie setzen, oder unter die Möglichkeit, oder unter 35 die Wirksamkeit schlechthin. Hiervon erscheint aber nichts als statthaft. So bleibt denn also 202a die erwähnte Auskunft übrig, dass sie Wirksamkeit zwar sei, eine solche Wirksamkeit aber, wie wir sagten, die schwierig zwar zu erkennen, aber deren Sein doch statthaft ist.

PhK.3.2.202a3 - Die Bewegung ist wie Epikurs Tod: Solange Bewegung ist, ist sie nicht vollendet. Ist sie vollendet, ist keine Bewegung. Was aber beim Tod ein Trost ist, ist ein Ärgernis bei der Bewegung. Denn anders als er geht sie uns etwas an. Und unser Wissen um die ewige Bewegung des Ganzen hilft uns nicht, die Bewegung des Einzelnen zu erkennen. Oder doch?

Bewegt aber wird auch das Bewegende, wie gesagt, alles, was der Möglichkeit nach beweglich und dessen Nichtbewegung Ruhe (akinesia heremia) ist. Denn 5 bei welchem die Bewegung stattfindet, bei diesem ist die Nichtbewegung Ruhe. Das wirken (energein) nämlich in bezug auf dieses, sofern es ein solches, ist das bewegen (kinein) selbst. Dieses aber vollbringt es durch Berührung (thixei): so dass es zugleich auch leidet (hama kai paschei).

PhK.3.2.202a9 - 10/14: Die Annahme, dass alles Bewegte durch die Berührung mit einem Zweiten bewegt wird, dass es also keine „unmittelbare Fernwirkung” gibt, gilt stillschweigend in der ganzen Physik, außer am Ende des achten Buchs. Explizit spricht sie Aristoteles im ersten Satz des siebenten Buches aus. Hier erscheint die Berührung etwas holprig als die Gleichzeitigkeit Zweier, nämlich zweier Bewegter, deren beider Grenzen bei der Berührung denselben Ort einnehmen, zugleich sind.

PhK.3.2.202a9 - Die Berührung ist eine der wenigen Stellen, an denen Aristoteles die Gleichzeitiggkeit Zweier zulässt (Gleichzeitigkeit nach Aristoteles ist die Einnahme desselben Ortes durch Zwei in einem Jetzt oder in einer Zeit.) - Ph.5.3.226b23 - . In der Metaphysik vermeidet Aristoteles den Widerspruch bei der Berührung einmal, indem er aus den zwei sich berührenden Formen Eine macht (Me.3.5). An anderer Stelle wird er die beiden sich Berührenden trotz Gleichzeitigkeit auch im Berührungspunkt Zwei bleiben lassen (MeK.11.12.1068b27.2). Das wird sich als die bessere Wahl herausstellen.

Anders als bei der Bewegungsdefinition, bei der noch nicht klar ist, ob sie die Bewegung oder das Prinzip der Bewegung definiert (oder ob am Ende die Bewegung selbst Prinzip ist), ist bei der zweiseitigen Berührung klar, dass sie zur Bewegung eines Einzelnen gehört, weil jeder Gegenstand von einem zweiten durch Berührung bewegt wird oder weil beide einander durch Berührung bewegen.

Darum ist Bewegung die Verwirklichung des Beweglichen als Beweglichen. [Es geschieht dieses aber durch Berührung des bewegen Könnenden (kinetikou): so dass es zugleich auch leidet.]1 Eine Form aber wird immer das Bewegende hinzubringen: 10 entweder Etwas, oder Qualität, oder Quantität, welche Prinzip und Ursache der Bewegung ist, wenn es bewegt. So macht der vollendete/verwirklichte Mensch aus dem möglichen Menschen einen Menschen.

PhK.3.2.202a12 - Es scheint fast, als habe Aristoteles sich hier mit dem Gedanken getragen, die Berührung in die Definition der Bewegung aufzunehmen, es dann aber doch unterlassen hat. Denn was für die Mechanik hilfreich wäre, würde sich in anderen Bewegungen wie der dichterischen Inspiration oder raumnahen Bewegungen als hinderlich erweisen.

Die Vereinigung von der Verwirklichung und dem Vollendeten erweist sich bei der Einzelbewegung als Ding der Unmöglichkeit, so dass Aristoteles bald auf die entelecheia verzichten und meist nur noch die energeia (Weiße: „Wirksamkeit”) benutzen wird. Die entelecheia hier am Anfang diente durch das enthaltene telos dazu, auf das nicht-Abgeschlossene der Bewegung zu verweisen. In der energeia als „Wirksamkeit” geht zwar das telos verloren, aber die Bewegung bleibt erhalten.

Das nicht-Abgeschlossene der Bewegung wird wiegesagt später genauer untersucht, in den infinitesimalen Betrachtungen im sechsten Buch und bei den Prinzipien der Bewegung, die das nicht-Abgeschlossene in sich haben, weil die Bewegung ohne Anfang und ohne Ende ist.


1. Prantl: „Diese in der Uebersetzung weggelassenen Worte sind wohl nur eine verdächtige Wiederholung des eben Vorhergegangenen.”