Ph.3.1.200b-201b Bewegung, Unendlichkeit - Kr

PhK.3.1.200b12 - Ist die Bewegung eine ousia? Die Bewegung ist an oder in einer ousia oder zwischen zwei oder mehr Gegenständen; sie selbst ist aber kein Gegenstand. Wenn sie keine ousia, aber an einer ousia ist, ist sie dann eine Kategorie? Aristoteles führt sie zwar im 14. Kapitel der Kategorien auf, sagt aber nicht, sie sei eine Kategorie, sondern schließt die Untersuchung der Kategorien im 9. Kapitel ab.

Zur Bewegung gehören die Zeit, der Ort, die Quantität und die Relation, also vier Kategorien. Wie der ousia hängen ihr diese Kategorien an, sie ist aber an der ousia und nicht selbst ousia. (Und würden wir sie zu einem Akzidens erklären, dann würde das die Bestimmung des Akzidens als des Unbesimmbaren, keiner Wissenschaft Fähigen, zerstören.) Was ist sie, wenn sie weder eine ousia, noch eine der anderen Kategorien ist?

12 Da die Natur Prinzip der Bewegung (arche kineseos) und Veränderung (metabole) ist, unsere Betrachtung aber die Natur zum Gegenstand hat, so darf nicht verborgen bleiben, was Bewegung ist - Ph.3.1 - Ph.3.3 - . Denn kennt man sie nicht, 15 so kennt man notwendig auch die Natur nicht. Haben wir die Bewegung behandelt, so müssen wir versuchen, auf dieselbe Weise fortzufahren über das der Reihe nach Folgende (ephexes). Es scheint aber die Bewegung zu dem Stetigen zu gehören. In diesem aber zeigt sich zum ersten mal das Unendliche - Ph.3.4 - Ph.3.8 - . Darum muss man, wenn man das Stetige bestimmen will, häufig den Begriff des Unendlichen gebrauchen, 20 als sei das ins Unendliche Teilbare das Stetige. Hieran reiht sich, dass ohne Topos - Ph.4.1 - Ph.4.5 - und Leeres - Ph.4.6 - Ph.4.9 - und Zeit - Ph.4.10 - Ph.4.14 - , Bewegung unmöglich ist ist (aneu topou kai kenou kai chronou kinesin adynaton einai). Es erhellt also, dass deswegen, und weil dieses von Allem gilt und ein durchaus Allgemeines ist (koina kai katholou tauta pasi), wir jedes Einzelne (ekastou touton) darunter uns vorlegen und untersuchen müssen. Eine spätere nämlich ist die Betrachtung des Besonderen (ton idion thoria), als die des 25 Gemeinschaftlichen (ton koinon).

PhK.3.1.200b25 - Die Bewegung ist ohne das Leere unmöglich. Das sagt Aristoteles entweder aus Versehen, oder weil er den Leser vorab um Nachsicht bitten will, dass er trotz der physikalischen Einsicht später das Leere leugnet - Ph.4.6 - Ph.4.9 - oder weil er zwar den Anfang kennt, ihn aber nicht in sein Werk einordnen kann, will oder darf. 21.01.2016 Oder er ist wieder einmal schlauer als wir alle zusammen und weiß bereits, dass der Anfang zwar in Allem ist, dort aber in Keinem als Anfang in Erscheinung tritt und daher bei der Untersuchung des Einzelnen nichts verloren hat.

Zuerst nun, wie wir sagten, von der Bewegung. - Es gibt etwas nicht nur als Verwirklichung (entelecheia), sondern auch als Mögliches und Verwirklichung (dynamei kai entelecheia). Dieses ist entweder ein Etwas (tode), oder eine Quantität (tosonde), oder eine Qualität (toionde), oder eine der übrigen Kategorien des Seins (tou ontos kategorion). In der Form der Relation nun ist von Übermaß (hyperoche) und Mangel (elleipsis) die Rede, und von Tätigem (poiethikon) und Leidendem (pathetikon), 30 und überhaupt von Bewegendem (kinetikon) und Bewegtem (kineton). Denn das, was bewegt, ist ein solches in bezug auf das, was bewegt wird. Und was bewegt wird, wird bewegt von dem Bewegenden.

Es gibt aber keine Bewegung außerhalb der Dinge (para ta pragmata). Denn jede Veränderung betrifft entweder die Ousia, oder die Quantität (poson), oder die Qualität (poion), oder den Ort (topos). Ein Gemeinschaftliches 35 über diesen (koinon d' epi touton) ist nicht zu finden, wie wir sagten, 201a welches weder Etwas, noch Quantität, noch Qualität, noch eine von den übrigen Kategorien wäre. Also wäre auch keine Bewegung noch Veränderung von etwas außer dem Genannten, da es ja nichts gibt außer dem Genannten. Jedes aber ist auf doppelte Weise vorhanden in Allem; z. B. das Etwas, teils als Form (morphe), teils als 5 Negation (steresis). So auch nach der Qualität, ein Teil weiß, der andere schwarz; nach Quantität, ein Teil vollendet (teleion), der andere unvollendet (ateles). Gleicherweise nach der Raumbewegung (phora) 1, ein Teil oben, der andere unten, oder ein Teil leicht, der andere schwer. Bewegung und Veränderung haben sonach so viel Arten, wie das Sein. - Indem nun aber wiederum 10 innerhalb jeder Gattung das Sein in das der Verwirklichung nach und das der Möglichkeit nach zerfällt: so ist die Verwirklichung des der Möglichkeit nach Seienden als solchen Bewegung : z. B. des Umbildsamen (alloiotou) als Umbildsamen, die qualitative Änderung; der Vermehrbaren und seines Gegensatzes, des Verminderbaren (denn es gibt keinen gemeinschaftlichen Namen für beides) Zunahme und Abnahme; des zu Werdenden und zu Vergehenden, Werden und 15 Vergehen; des räumlich Beweglichen, Raumbewegung.

PhK.3.1.201a15 - 10/14: Der Definition der Bewegung als die Verwirklichung des Möglichen ist ein langer „Häutungsprozess” des Aristoteles vorangegangen, der in der Definition der Bewegung im Jetzt des Parmenides - Pa.21 - seinen Ausgang hat.

PhK.3.1.201a15 - 07/15 Alles, was nicht war und dann ist oder was möglich war und dann wirklich ist, muss sich bewegt haben. Es ist wieder Parmenides' Definition des „Werdens” zwischen „Nichtsein” und Sein, die in Wahrheit die Definition der Bewegung ist. Diese Korrektur der parmenidischen Definition verdanken wir Aristoteles. Da aber dem „Möglichsein” noch ein Rest des „Nichtseins” anhaftet, das es nicht gibt, muss sie noch verbessert werden.

PhK.3.1.201a15 - Das Wichtigste an dieser Definition ist die Gleichzeitigkeit mit dem Wirklichen, in der sich das Mögliche verwirklicht. Fast ebenso wichtig, dass sie dieselbe Grundlage hat wie die Widerspruchsdefinition, das gleichzeitige Sein und Nichtsein beim „Werden”, weshalb sie Aristoteles hier auch in einem Atem nennt. Die Trennung der Gleichzeitigen, die Wahrheit sind, von den Gleichzeitigen, die Widersprüche sind, ist eine noch ungelöste Aufgabe der Wissenschaft und muss irgendwie gelingen. Die Bewegung scheint etwas zu sein, bei der die Gleichzeitigkeit zu den Wahrheiten gehört. 16.10.2016 Denn sie folgt dem Anfang, der allausfüllenden Gleichzeitigkeit Zweier, die kein Widerspruch ist.

Dass aber dieses die Bewegung ist, erhellt hieraus. Wenn das Bauliche, wiefern wir es ein solches nennen, der Verwirklichung nach ist, so wird es gebaut: und es ist dies Bauen. Auf gleiche Weise auch Lernen, und Heilen, uns Wälzen, und Springen, und Reifen, und Altern. - Da ferner bisweilen 20 Dasselbe (tauta) der Möglichkeit und der Verwirklichung nach ist, nur nicht zugleich (hama) aber, oder nicht in der nämlichen Hinsicht (kata to auto),

PhK.3.1.201a21 - Wenn bau, dann bau, nun bau, also bau interpretieren die Stoiker völlig richtig diese Definition. Das Geheimnis hinter der Definition ist die Gleichzeitigkeit, die in der ursprünglichen Definition im vierten Buch der Metaphysik noch ein Widerspruch war und nun keiner mehr ist. Das muss eingehend untersucht werden.

Ein nicht gleichzeitiges Identisches gibt es nicht, sagen die Sophisten. Koriskos auf dem Markt ist nicht derselbe wie Koriskos zu Hause. Hier haben die Sophisten recht. Prantl umgeht das Problem durch interpretierende Übersetzung.

sondern z. B. warm der Möglichkeit, kalt der Verwirklichung nach; so wird Vieles von einander gegenseitig wirken und leiden. Denn Alles muss zugleich zum Wirken und zum Leiden geeignet sein. So ist denn auch das auf natürliche Art Bewegende ein Bewegliches. Denn alles solche bewegt selbst, 25 indem es bewegt wird. Es meinen nun Einige, dass alles das Bewegende bewegt wird. Indes hierüber wird aus Anderem sich ergeben, wie es sich verhält. Es gibt nämlich auch ein Bewegendes und Unbewegtes (kinoun kai akineton). Ph.3.1.201a27-29 Die Verwirklichung also des der Möglichkeit nach Seienden, wenn ein der Verwirklichung nach Sein wirkt (entelecheia on energe), nicht wiefern es ein solches, sondern wiefern es ein Bewegliches ist (he kineton), ist Bewegung (kinesis). Das Wiefern aber meine ich so. Es ist das 30 Erz der Möglichkeit nach eine Bildsäule. Dennoch ist nicht die Verwirklichung des Erzes, wiefern es Erz ist, Bewegung. Nicht Dasselbe nämlich ist, Erz zu sein, und durch irgend eine Kraft (dynamei) beweglich. Denn wäre es Dasselbe schlechthin und nach dem Begriffe, so wäre ja die Verwirklichung des Erzes als Erzes Bewegung. Es ist aber nicht Dasselbe, wie gesagt. Dies wird klar 35 bei den Gegensätzen.

PhK.3.1.201a35 - Das Erz allein ist nicht Bewegung, aber bewegt. Denn alle materiellen Gegenstände sind immer bewegt. Das bedeutet, es muss ein Zweites mit dem Erz zugleich sein, aber unbewegt. Zwar ist bereits bekannt, dass dies das Leere ist, aber die Gleichzeitigkeit der Materie mit dem Leeren ist der Anfang, nicht die Bewegung.

Denn gesund und 201b krank sein können ist verschieden. Sonst wäre krank sein und gesund sein dasselbe; ebenso das der Gesundheit und der Krankheit Zugrundeliegende, sei es Feuchtigkeit, sei es Blut, Eines und dasselbe. Weil es aber nicht Dasselbe ist, wie auch nicht Farbe Dasselbe und Sichtbares, so erhellt, dass die 5 Verwirklichung der Möglichkeit als Möglichkeit Bewegung ist.

PhK.3.1.201b5 - Wie sein Anfang die Materie ist, an der sich die „Gegensätze” Form und Negation abarbeiten - Buch 1 - , so ist die Bewegung/Veränderung des Einzelnen die eine zugrundeliegende Materie, an der sich die Gegensätze warm-kalt, feucht-trocken abarbeiten - Vom Werden und Vergehen -. Dass das Erste falsch ist, ist gezeigt worden - Ph.1.6.189a24 - . Dass auch das Zweite falsch ist, wird noch oft gezeigt werden. Dass der zweite Fehler aus dem ersten folgt, ist jedoch bereits hier klar. Denn ebenso wie im Anfang ist im Bewegungsprinzip die Gleichzeitigkeit Zweier das Erste und nicht das zugrundeliegende Eine. Nur mit dieser Einsicht lässt sich Aristoteles' Bewegungsdefinition retten. Um dieses Prinzip zu erkennen, werden wir auf Parmenides zurückgreifen müssen - Ph.1.8.191b10 - .

10.4.22 Das musst du umformulieren. Das Werden und Vergehen des Einzelgegenstandes und die dialektische Bewegung des Werdens und Vergehens des Ganzen müssen auseinandergehalten werden. Aristoteles wird dies selbst im letzten Kapitel der Physik tun.

Dass sie nun dies ist, und dass dann Bewegung stattfindet, wenn diese Verwirklichung eintritt, und weder früher noch später, ist klar. Es kann nämlich jedes Ding bald wirken, bald nicht. z. B. das Bauliche als solches. Hier ist die Wirksamkeit (energeian) des Baulichen als solchen, Bauen. Denn entweder dies 10 ist das Bauen: die Wirksamkeit des Baulichen, oder das Gebäude. Allein sobald es ein Gebäude gibt, gibt es kein Bauliches mehr. Gebaut aber wird das Bauliche. Notwendig also ist das Bauen, die Wirksamkeit. Das Bauen aber ist eine Bewegung. Ganz dieselbe Darlegung wird auch auf die andern 15 Bewegungen passen.

PhK.3.1.201b15 - Das Bauen ist die Mitte B zwischen a und e. In a ist noch kein Bauen, in e ist kein Bauen mehr. Diese Mitte ist kein metaxy, sondern ein meson, nicht größenlos, sondern mit Größe. Die Bewegung scheint also zu den Dingen mit Größe zu gehören.


1. Den von Weiße und Prantl gewählten Namen Raumbewegung für phora als der kinesis gleichwertig wird sich die phora im siebenten und achten Buch verdienen.