Ph.2.1.192b-193b Natur ist Stoff oder Form - Kr

192b8 Von dem was ist (ton onton), ist einiges von Natur (physei), anderes durch andere Ursachen (allas aitias). Von Natur: Die Tiere und die 10 Pflanzen und ihre Teile (ta mere), und die einfachen Körper (ta apla ton somaton), wie Erde und Feuer und Luft und Wasser. Denn von diesen und ihres gleichen sagen wir, sie seien von Natur. Alles das genannte aber erscheint als unterschieden, gegen das was nicht von Natur ist. Alles von Natur nämlich scheint als das Prinzip (arche) der Bewegung und des Stillstandes (kineseos kai staseos) in sich enthaltend (en eauto), 15 teils nach dem Topos - Ph.4.1-Ph.4.5 - , teils nach Vermehrung (auxesis) und Verminderung (phtisis), teils nach qualitativer Änderung (alloiosis). Denn ein Stuhl und ein Kleid und was sonst noch dergleichen Gattungen sind, hat, sofern es das ist, was es genannt wird, und sein Sein der Kunst (techne) verdankt, keinen innewohnenden Antrieb (hormen) zu einer Veränderung.

PhK.2.1.192b18 - Die natürlichen Dinge scheinen aus sich selbst bewegt, während die künstlich erstellten Dinge nur durch den Künstler bewegt werden. „Natur” ist hier in Abgrenzung zum Menschen definiert, wie die empirischen Wissenschaften von den humanologischen abgegrenzt sind.

Auch wenn sich der Mensch der empirischen Wissenschaften für die menschlichen Belange bedient, sollte er nicht den umgekehrten Weg gehen und die menschlichen Belange in die Natur hineinromantisieren oder -lügen, wie das immer wieder in Mode kommt, um die Schandtaten der Reichen und der Mächtigen als natürlich zu bezeichnen (oder von ihnen abzulenken).

Wiefern es aber etwa zugleich steinern oder 20 irden ist, oder gemischt aus diesem, so hat es einen solchen. So ist also die Natur ein Prinzip und Ursache des Bewegens und Ruhens in demjenigen, worin dies ursprünglich gemäß seiner selbst (kath' auto), nicht auf akzidentelle Weise stattfindet. Ich sage aber darum nicht auf akzidentelle Weise, weil einer wohl sich selbst Ursache der Gesundheit werden und dabei ein Arzt 25 sein kann, ohne doch, insofern er gesund wird, seine Heilkunde zu besitzen; sondern in akzidentellem Zusammentreffen des Arztseins und des Gesundwerdens, weshalb auch beides getrennt gefunden wird. In gleichem Falle ist jedes andere Ding, das da gemacht wird. Denn keines von diesen hat das Prinzip des Machens (poieseos) in sich selbst, sondern teils in andern und außer sich, wie 30 das Haus und jedes andere mit Händen gefertigte Ding (ton cheirokmaton ekaston); teils in sich selbst, aber nicht wiefern es dieses selbst ist; nämlich alles was akzidentell Ursache sich selbst werden kann. Eine Natur nun ist das angegebene; eine Natur aber hat, was ein solches Prinzip in sich hat. Und dies alles ist Ousia. Denn ein Zugrundeliegendes, und in einem Zugrundeliegenden ist die Natur jederzeit. 35 Naturgemäß (kata physin) aber ist teils dieses, teils was diesem zukommt an sich, wie dem Feuer die Bewegung nach oben. Dies nämlich ist weder eine Natur, 193a noch hat es eine Natur; natürlich aber und naturgemäß ist es. Was also die Natur ist, ist nun erklärt, und was das Natürliche und das Naturgemäße (ti to physei kai kata physin).

PhK.2.1.193a2 - Aus dem Naturgemäßen, das keine ousia ist, hat sich später der Begriff Naturgesetz entwickelt.

Dass die Natur ist, beweisen wollen, wäre lächerlich; denn es liegt am Tage, dass solcherlei viele unter den Dingen sind. 5 Das Deutliche aber durch das Undeutliche beweisen mag, wer nicht versteht zu unterscheiden, was durch sich und nicht durch sich verständlich ist. Dass dies indessen einem leicht begegnen kann, ist bald ersichtlich. Denn durch Schlüsse könnte wohl ein Blindgeborener die Farben erkennen wollen. Freilich werden solche nur mit Worten ihren Begriff bilden, ohne eigentliche Erkenntnis. - Es halten nun Einige das ursprünglich in jedem Vorhandene, an sich Form- und Ordnungslose (arrhythmiston) für die Natur und für 10 die Ousia in dem, was Natur ist; wie des Stuhles Natur das Holz, der Bildsäule das Erz ist. Als Beweis erwähnt Antiphon, dass, wenn ein Stuhl in die Erde vergraben wird, und die Fäulnis dergestalt Platz ergreift, dass ein Keim daraus hervorgeht, hieraus kein Stuhl, sondern nur Holz wird. Hier also wäre 15 das akzidentell Vorhandene, der nach Gesetz (nomos) und Kunst (techne) herbeigeführte Zustand; die Ousia aber jenes, welches bestehen bleibt, indem es dies erleidet. Wo aber auch jedes von diesen im Verhältnis zu einem anderen dasselbe zu erledigen pflegt, z. B. das Erz und das Gold im Verhältnis zum Wasser, die Knochen und Holze im Verhältnis zur Erde, auf gleiche Weise auch 20 jedes andere Ding: so sei jenes die Natur und die Ousia derselben. Darum nennen einige Erde, Andere Feuer, Andere Luft, Andere Wasser, Andere einiges von diesem, noch Andere alles dies die Natur und die Ousia der Dinge. Denn was einer hiervon in diesem Sinne auffaßt, sei es eines oder mehres, das gibt er für den Inbegriff aller 25 Ousia aus, das übrige aber für seine Zustände, Eigenschaften und Verhältnisse. Und jenes sei alles ewig, denn es könne dasselbe nicht aus sich herausgehen, das übrige aber werde und vergehe ins Unendliche.

Sagen wir, Natur ist, worin sich alles Werden und Vergehen und alle Bewegung abspielen, so schließt diese Definition die Bewegungen des Menschen ein, ist aber für den Zweck der Untersuchung zu allgemein, weil der Mensch für sich seine eigenen Wissenschaften hat, auch wenn er Teil der Natur ist. Dass seine Rückwirkungen auf die Natur außer ihm oft problematisch sind, liegt meist an der Triebbefriedigung der Reichen und der Mächtigen und muss in der Humanologie untersucht werden.

Auf eine Art also heißt die Natur der erste, allem demjenigen zugrundeliegende Stoff (he prote ekasto hypokeimene hyle), 30 was in sich ein Prinzip von Bewegung und Veränderung trägt. Auf andere Art aber: die Form und Gestalt (he morpe kai to eidos) nach dem Begriffe (kata to logon). Denn gleichwie man das Kunstgemäße und das Künstliche Kunst nennt, so auch das Naturgemäße und das Natürliche Natur. Und wir würden weder da etwas kunstgemäßes oder Kunst erblicken, wo nur die Möglichkeit eines Stuhles vorhanden ist, 35 aber die Gestalt des Stuhles noch fehlt, noch auf entsprechende Weise in dem von Natur bestehenden. Denn was bloß der Möglichkeit nach Fleisch oder Knochen ist, hat weder seine Natur, 193b bevor es nicht die Form nach dem Begriff (to eidos to kata ton logon) angenommen hat, deren Bestimmung (horizomenoi) uns das Fleisch zum Fleische, oder den Knochen zum Knochen macht, noch ist es von Natur ein solches. So dass auf gewisse Weise die Natur von dem, was in sich ein Prinzip der Bewegung hat, die Gestalt und die Form wäre, wie diese nicht 5 trennbar ist (he morphe kai to eidos, ou choriston on), außer etwa dem Begriffe nach (all' he kata to logon). Was von diesem kommt, ist nun nicht mehr eine Natur, wohl aber von Natur. - So der Mensch. Und diese Natur ist gleichsam mehr (mallon) Natur als der Stoff. Denn etwas, das der Entelecheia nach ist, ist in vollkommnerem Sinne es selbst, als was nur der Möglichkeit nach. Auch wird ein Mensch aus einem Menschen, aber nicht ein Stuhl aus einem Stuhle; weshalb man hier auch sagt, nicht die Gestalt sei 10 die Natur, sondern das Holz, weil, wenn es zum Keimen gebracht wird, nicht ein Stuhl, sondern Holz daraus wird. Unterscheidet sich nun dergestalt Kunst und Natur, so kann auch die Form Natur sein (he morphe physis); denn es wird aus einem Menschen der Mensch. Ferner was man Natur nennt als Werden, ist ein Weg zur Natur (genesis hodos estin eis physin). Denn nicht wie, was man Heilung nennt, nicht zur Heilkunst der Weg ist, sondern zur Gesundheit, 15 da die Heilung zwar von der Heilkunst aus, nicht aber zu der Heilkunst gehen muss: nicht also verhält die Natur sich zu der Natur. Denn die Natur in jenem Sinne ist ein Werden nicht nur aus etwas, sondern auch zu etwas. Und zu was? Nicht zu dem, woraus es kommt, sondern zu dem, wozu es wird. Darum ist die Form Natur. - Die Form aber und die Natur bedeutet zweierlei. 20 Denn auch die Negation1 ist gewissermaßen Form. Ob aber die Negation auch ein Glied des Gegensatzes ist in bezug auf den einfachen Begriff des Werdens, oder nicht ist, soll später untersucht werden.

PhK.2.1.193b21 - Wie Abraham den Isaak zeugt, so wird der Mensch aus dem Menschen, durch eingeschlechtliche Fortpflanzung. Daher ist die Form Natur. Wird Isaak aus Abraham und seiner Frau, so wird ein Stoff aus zwei Stoffen, und die Frage der Form in der Natur muss neu verhandelt werden.

Ernsthaft, was „Natur” ist, lässt sich nicht so einfach beantworten wie die Frage nach dem Anfang. Denn das Werden und Vergehen, die Bewegung und die Veränderung aller Dinge geschehen in der Natur. Aristoteles legt sich auf die beiden Stoff und Form fest, mit denen alles Natürliche erklärt werden soll.

Da der Anfang zwei Stoffe ist, ist die eine Hälfte der Wahl offenbar gut. Ob auch die andere Hälfte, die Form, eine gute Wahl ist, muss sich zeigen.


1. Dass Weiße für steresis „Verneinung” setzt, ist einesteils gut, weil es der logischen Funktion der steresis näher kommt, als „Beraubung”. Es ist schlecht, weil die logische Verneinung eine Relation aus Zweien ist, während die steresis nur ein Eines betrifft, das wiegesagt der Vorläufer der mathematischen Negation ist.