Ph.1.8.191a-191b Das Negative - Kr

Dass aber einzig so auch der Zweifel der Alten gelöst wird, wollen wir nach diesem bemerken. Indem nämlich die ersten, die sich mit der 25 Philosophie befassten, die Wahrheit suchten und die Natur der Dinge, wankten sie zur Seite, gleichsam auf einen andern Weg abgeführt durch Unerfahrenheit. So sprechen sie denn, dass nichts von dem was ist, weder werde noch vergehe, wegen der Notwendigkeit, dass das Werdende entweder aus dem Seienden oder aus dem Nichtseienden werde. Aus beiden aber sei es gleich unmöglich: denn weder 30 das Sein könne werden; es sei ja schon: aus dem Nichtsein aber könne nichts werden, denn zugrundeliegen müsse etwas. Und so über das sich der Reihe nach Ergebende sich verbreitend, behaupten sie, dass es kein Vieles gibt, sondern allein das Sein als solches. Jene nun nahmen diese Meinung an, wegen des Gesagten. Wir aber behaupten, dass, ob aus Seiendem 35 oder Nichtseiendem etwas werde, ob das Sein oder das Nichtsein etwas tue oder leide, oder irgend zu etwas werde, auf gewisse Weise kein Unterschied ist;

PhK.1.8.191a36 - Der Irrtum der Alten ist die Annahme des Gegensatzes Sein - Nichtsein. Das Nichtsein gibt es nicht. Wer mit dem Nichstein Schlüsse bildet, bildet Schlüsse, die falsch sein müssen, weil sie keinen Gegenstand haben. Aristoteles wird diesen Fehler wiegesagt sein Leben lang nicht los. Aber er wird dabei eine Reihe von Gesetzen des Negativen finden, das für alle Wissenschaften von Bedeutung ist.

191b so wie ob der Arzt etwas tue oder leide, oder ob aus dem Arzte etwas sei oder werde. Denn da dies auf beiderlei Weise gesagt wird: warum nicht auch, dass aus dem Seienden etwas sei, oder dass das Sein etwas tue oder leide? Nun baut der Arzt nicht als Arzt, sondern als 5 Baumeister, und weiß wird er nicht als Arzt, sondern als Schwarzer; er heilt aber, und wird zum Nichtarzt als Arzt. Da aber wir am eigentlichsten dann von einem Tun oder Leiden des Arztes oder von einem Werden aus und durch den Arzt sprechen, wenn er als Arzt dies leidet oder tut, so ist klar, dass auch das Werden aus dem Nichtseinenden (to me ex ontos) gleichfalls das Werden 10 aus diesem als Nichtsein (to he me on) bedeutet.

PhK.1.8.191b10 - Die lineare Interpretation des Werdens als eines Vorgangs zwischen dem „Nichtsein” und dem Sein hat Aristoteles von Parmenides übernommen - Pa.21 - und nennt sie die Veränderung gemäß Widerspruch (kath' antiphasin). Die wichtige Entdeckung des Parmenides ist dort jedoch nicht das Werden, sondern die Bewegung im Punkt, das diskrete Bewegungsprinzip mit dem Mitteln des Endes. Das wird Aristoteles im vierten, fünften und sechsten Buch untersuchen.

Diesen Unterschied nun machten jene nicht und mussten darum abstehen. Und diese Unwissenheit zog so viel andere Unwissenheit nach sich, dass sie an kein Werden noch Sein des Übrigen glaubten, sondern alles Werden aufhoben. Wir aber sagen ebenfalls, es wird zwar nichts schlechthin aus dem Nichtseienden, aber dennoch wird etwas aus dem Nichtseienden, 15 gleichsam akzidentell. Aus der Negation (steresis) nämlich, was an sich das Nichtseiende ist, indem etwas nicht vorhanden ist, wird etwas.

PhK.1.8.191b16 - Zwischen dem Vorläufer der mathematischen Negation, der steresis und der Position ist das Werden, so Aristoteles. Er wird diese Ansicht später auf die logische Negation ausweiten - Ph.5.1 ++,+-,-+,-- - . Diesem Negativen kann man tasächlich das „Nichtsein” im gewissen Sinn nicht absprechen. Nur hat es nichts mit dem Werden der natürlichen Dinge zu tun.

Darüber aber wundert man sich, und hält es für unmöglich, dass etwas aus dem Nichtseienden werde. Ebenso aber muss man sagen, dass auch nicht aus etwas Seienden das Seiende werde, außer akzidentell; dass es nämlich auch hier auf dieselbe Weise werde, wie wenn 20 aus einem Tier ein Tier würde, und aus einem bestimmten Tier ein bestimmtes Tier, z. B. wenn ein Hund aus einem Pferde würde. Denn es würde hiemit nicht allein aus einem bestimmten Tiere der Hund, sondern auch aus einem Tiere überhaupt; aber nicht wiefern er ein Tier ist, denn vorhanden schon ist dieses. Soll aber ein Tier werden nicht auf akzidentelle Art, so muss es nicht aus einem Tiere werden. Und soll ein Sein werden, nicht 25 aus Seiendem, aber auch nicht aus Nichtseiendem; denn von dem Werden aus dem Nichtseienden haben wir schon gesagt, was damit gemeint ist, nämlich das Nichtsein als solches. - Bei allem dem heben wir das sein von allem (einai apan), oder das nicht sein (me einai) nicht auf.

PhK.1.8.191b27 - Die mathematische Negation „-” und logische Negation „ [-] ” heben das Sein nicht auf und sind dennoch zwei Arten von „Nichtseienden”, mit denen Wissenschaft betrieben werden kann. Die genaue Bestimmung beider und die genaue Bestimmung der Unterschiede und der Gemeinsamkeiten beider ist daher für die Wissenschaft von großer Bedeutung. Aber von der größten Bedeutung für die Physik ist die Negation der Materie: [-] M = [+] L, die ganze nicht-Materie ist das ganze Leere. Oder deren Kontraposition: [+] M = [-] L, die ganze Materie ist das ganze nicht-Leere.

Eine Art, jenen zu begegnen, ist diese. Auf andere Weise läßt sich dasselbe sagen mittels der Begriffe der Möglichkeit (dynamis) und Wirklichkeit (energeia). Dies aber ist anderwärts genauer bestimmt worden - Me.9 , Ph.3.1-3 - . 30

So werden denn also, wie wir bemerkten, die Zweifel gelöst, durch die gezwungen sie einiges von dem Beigebrachten leugnen. Denn deshalb irrten die Früheren so weit von dem Wege ab, der zu dem Werden und Vergehen führt, und überhaupt zu aller Veränderung. - Denn hätten sie jene Wesenheit (physis) erblickt, so würde diese alle ihre Ungewissheit gelöst haben.

PhK.1.8.191b34 - Die Bewegung definiert Aristoteles im dritten Buch der Physik und im neunten Buch der Metaphysik als den Übergang von der dynymis der Bewegung zur energeia der Bewegung. Dieser Gedanke verleiht dem mageren Ergebnis aus dem letzten Kapitel seine Bedeutung als Prinzip der Bewegung mit dem Mitteln des Endes. Das wird im dritten Buch erklärt.