Pa.7.134a-135c Beziehungen und Erkenntnis

Sehr gut, habe Sokrates gesagt, verstehe ich es. - Also, habe er fortgefahren, auch die Erkenntnis an sich (episteme aute), was eigentlich Erkenntnis ist, wäre die Erkenntnis jener Wahrheit an sich (aletheia autes), was eigentlich Wahrheit ist? - Allerdings.

PaK.7.134a5 - Die Erkenntnis, was Erkenntnis und was Wahrheit ist?

Die Erkenntnis dieser Dritten, sei es der Dritten zwischen den Einzeldingen und dem menschlichen Geist, sei es der Dritten zwischen den Relationen zwischen den Dingen und den Relationen ist im menschlichen Geist.

Aber deren Erkenntnis wäre karg

- Und jede einzelne Erkenntnis an sich wäre auch nur Erkenntnis des Gegenstandes an sich (akastou ton auton). Oder nicht? - Jawohl.

PaK.7.134a8 - Die Erkenntnis der Dinge beschränkte sich auf die Einzeldinge. Sie hätten keine Beziehung zueinander.

Noch kärger wäre die Erkenntnis.

- Aber die Erkenntnis bei uns, muss die sich nicht beziehen auf die Wahrheit bei uns? und so jede einzelne Erkenntnis bei uns 134b wäre folglich nur Erkenntnis ihres besonderen Gegenstandes bei uns? - Notwendig.

PaK.7.134b2 - Auch die Wahrheit wäre nur eine Wahrheit für den einzelnen Erkennenden.

Denn jeder Erkennende hätte die Erkenntnis der zusammenhanglosen Einzelnen allein für sich.

Und noch kärger wäre die Erkenntnis.

- Aber die Begriffe an sich haben wir weder, wie du zugibst, noch ist es möglich, daß sie unter uns angetroffen werden. - Auf keine Weise. - Sonach werden erkannt von dem Begriff an sich (autou tou eidous) der Erkenntnis die Gattungen selbst (auta ta gene), was jede ist? - Ja. - Welchen wir aber nicht haben. - Freilich nicht. - Also wird auch von uns kein Begriff an sich erkannt, weil wir die Erkenntnis selbst nicht haben. - Es scheint nicht. - Unerkennbar also ist uns das Schöne an sich, was es ist, so auch 134c das Gute und alles, was wir uns als Ideen für sich vorstellen. - So scheint es leider.

PaK.7.134c3 - Da die Begriffe von uns getrennt sind, gibt es in uns keinen Begriff »an sich«.

Nicht die Dinge (Begriffe) selbst, sondern etwas an den Dingen Seiendes erkennen wir. Und selbst dieses nicht weil die selbstbezügliche Wahrheit in uns weder eine Teilerkenntnis der Dinge, noch eine Ganzerkenntnis der Dinge sein muss, sondern auch Einbildung sein kann.

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Das Innehaben der Idee der Erkenntnis an sich wäre die Erkenntnis des Seins mit allen seinen Teilen. Das ist nicht möglich. Aber die Erkenntnis von etwas, was sich an oder in allen Dingen befindet, ist möglich, weil dazu nicht alle Teile des Seins erkannt werden müssen.

- Sieh aber nun hiervon auf jenes noch Ärgere. - Auf welches? - Wirst du zugeben oder nicht, daß wenn es an sich als Gattung eine Erkenntnis gibt, diese weit genauer (akribesteron) sein müsse als die Erkenntnis bei uns, und so auch die Schönheit und alles andere auf gleiche Weise? - Ja. - Besitzt also irgend etwas anderes diese Erkenntnis an sich, so wirst du nicht wollen, daß irgend jemand mehr anders als Gott ( theos ) die ganz vollständige ( akribestaten ) Erkenntnis habe? - Natürlich. - 134d Wird nun etwa Gott die Erkenntnis selbst besitzend wiederum vermögend sein, das, was bei uns ist, zu erkennen? - Warum das nicht? - Weil, sagte Parmenides, unter uns ausgemacht ist, o Sokrates, daß weder jene Begriffe in Beziehung auf das bei uns Befindliche dasjenige Vermögen haben, welches sie haben, noch auch das bei uns Befindliche in Beziehung auf jene; sondern abgesondert jedes von beiden für sich. - Das ist freilich ausgemacht. - Wenn sich also jene genaueste Herrschaft (akribestate despoteia) bei Gott befindet und jene genaueste Erkenntnis, so wird diese Herrschaft jenes niemals uns beherrschen, noch auch 134e diese Erkenntnis uns erkennen oder irgend etwas bei uns. Sondern ganz auf gleiche Weise herrschen (archomen) wir nicht über jene mit unserer Herrschaft (arche), noch erkennen wir irgend etwas von dem Göttlichen mit unserer Erkenntnis; und auch sie sind aus demselben Grunde nicht unsere Herren, noch erkennen sie die menschlichen Dinge als Götter. -

PaK.7.134e6 - Auch Gott kann aus den gleichen Gründen wie wir nicht erkennen.

Auch Gott hat keine Erkenntnis, wenn bei ihm wie bei uns die relativen Begriffe nur für einander sind und wenn sie nicht einen gemeinsamen Richter haben, an dem sich unsere und Gottes Relationen messen können. Die Genauigkeit nützt Gott nichts, wenn die Relationspaare auf die geschilderte Weise nur für einander sind. Zur Genauigkeit hat Aristoteles ein schönes Kapitel im » kleinen alpha « der Metaphysik geschrieben. Weder Gottes despoteia, noch unsere archai helfen uns da weiter. Alle Erkenntnis ist also für Gott und die Welt nutzlos.

Aber, sagte er, daß das nur nicht eine allzu wunderliche Rede ist (thaumastos ho logos), wenn einer die Gottheit des Wissens beraubt!

PaK.7.134e8 - Dagegen protestiert Sokrates.

Die Begriffe Platons sind von den Dingen getrennt. Das ist der Sinn des »an sich« oder des »selbst« ( auto ). Platon sagt nicht, wo die Begriffe sind oder wie weit sie von den Dingen entfernt sind, bzw. was er dazu sagt, entfernt ihn von der Wissenschaft. Aristoteles will das Versäumnis wiedergutmachen und holt die Begriffe zurück zu den Dingen. Das ist gut. Schlecht ist, dass er sie wieder, wie der junge Sokrates mit den Dingen »vereint«, so dass sie dem Leser oft als »Teile« erscheinen, wo sie doch keine Teile haben und damit auch nicht Teile des Ausgedehnten sein können. Gut ist die Vereinigung bei gleichzeitiger Trennung, wie sie Aristoteles in der Physik des bewegten Punktes gibt. Dieser Vereinigung bei gleichzeitiger Trennung kommt er auch in der Metaphysik sehr nahe, wo er den äußersten Rand der Materie als mit der Form identisch bezeichnet. Dem von ihm vielfach zitierten metaxy widersetzt er sich in der Metaphysik zwar nach außen, bis auf das eine Mal im Aporienbuch, wo er sich als Platonjünger outet, benutzt es aber selbst unter anderem Namen ( eschaton ).

- Dennoch aber, o Sokrates, habe Parmenides gesagt, 135a muss dies und noch gar vieles andere von den Begriffen gelten, wenn diese Ideen der Dinge sein sollen und jemand jedes an sich als Begriff setzen will. So daß, wer es anhört, bedenklich werden muss und bestreiten, daß es dergleichen überall gäbe, oder wenn ja, daß sie ganz notwendig der menschlichen Natur unerkennbar sein müßten. Und wer dies sagt, muss nicht nur glauben etwas Rechtes zu sagen, sondern auch, wie wir eben sagten, sehr schwer eines andern zu überzeugen sein; und sehr wohlbegabt muss der sein, der dies soll begreifen können, daß es eine Gattung gibt jedes einzelnen und ein Wesen (ousia) 135b an sich; noch vortrefflicher aber der, welcher es ausfindet und dies alles gehörig auseinandersetzend auch andere lehren kann. - Dies, o Parmenides, räume ich dir ein, sprach Sokrates, denn du sagst es ganz nach meinem Sinn. - Dennoch aber, o Sokrates, sagte Parmenides, wenn jemand auf der andern Seite nicht zugeben will, daß es Begriffe von dem, was ist, gibt, weil er eben auf alles Vorige und mehr Ähnliches hinsieht, und keinen Begriff für jedes Besondere bestimmt (ti horieitai eidos enos ekastou) setzen will, so wird er nicht haben, wohin er seinen Verstand wende, wenn er nicht 135c eine Idee für jegliches Seiende zuläßt, die immer dieselbe bleibt, und so wird er das Vermögen der Untersuchung (dialegesthei dynamin) gänzlich aufheben; welche Folge du eben vornehmlich scheinst beachtet zu haben. - Ganz richtig, habe Sokrates gesagt.

PaK.7.135c4 - Ohne Begriff kein Denken und keine Wissenschaft, so Parmenides.

Die Kritik Parmenides' an Sokrates Formen galt nicht den Formen selbst. Sonst hätte Parmenides Sokrates nicht ermuntert, die Formen auf alle Dinge der Welt anzuwenden. Die Kritik galt auch nicht der Trennung der Form von den Dingen, sondern die Trennung hat sich vielmehr als notwendig herausgestellt.

Die Kritik galt - das wird sich am Ende des nun folgenden Durchgangs zeigen - der Trennung der Formen von den Dingen und der Entfernung der Formen von den Dingen.

Wollen wir die einleitende Untersuchung in das Nachfolgende einreihen, so muss die Form als Prinzip betrachtet werden. Dann lautet die Botschaft des ersten Durchgangs der Untersuchung über die Anfänge des Seins, die Form allein taugt nicht zum Prinzip des Seins.

Da keine Sprache, kein Denken und keine Wissenschaft ohne Relationen und Begriffe möglich ist, muss das Sein der Begriffe und Relationen auch weiterhin gesetzt, aber besser begründet und mit dem Sein verbunden werden. Die Formen haben Sokrates und Platon ja nur von außen um die materiellen Dinge in die Welt hineingeschnitten, um Heraklits Fließen einen ersten Halt zu geben. Denn wie Heraklit und die Pythagoreer sind sie Philosophen des Nebeneinander und des Getrennten. Die Schnitte sind in diesem Sinne ein Notbehelf. (Einen änlichen »Schnitt« müssen wir für die Bestimmung der materiellen Dinge von innen noch nachliefern. Aristoteles hat in der Metaphysik und in der Physik nur die Materie selbst nachgeliefert, nicht ihre Bestimmung. Er beharrt dort vielmehr auf ihrer Bestimmungslosigkeit. Dass er die Bestimmung des Stoffs in Wahrheit doch geliefert hat, beweist die Analytik.)

Zusammenfassung: Nicht die Vermittlung zwischen den Begriffen und den Dingen ist gesucht. Die einen sind in unseren Hirnen und Büchern. Die anderen sind im Himmel und auf der Erde. Sie sind nicht vermittelbar, weil die Welt nicht im Hirn ist und die Bücher nicht auf den Bergen, in der Sonne und in den Flüssen sind. Also hören wir endlich auf, unsere Zeit mit Kindereien über diesen Begriffsphanthomen zu vertrödeln. Gesucht sind die Dinge oder Eigenschaften, die sowohl in den Dingen, als auch in unseren Gedanken sind, mit denen wir die einen den anderen zählbar und messbar zuordnen können. Die Beziehung und in ihr das Eins, das Ganze, das metaxy und ihre jeweiligen Partner, sofern vorhanden, wie der Teil und die Vielen, scheinen Dinge zu sein, die sich sowohl in den Begriffen, als auch in den Dingen befinden. Sie werden daher die Hauptgegenstände der weiteren Untersuchungen sein.