Pa.6.132b-134a Beziehungen zwischen Begriffen

Aber, o Parmenides, habe Sokrates gesagt, ob nicht etwa jeder von diesen Begriffen nur ein Gedanke (noema) ist, welchem nicht gebührt irgendwo anders zu sein als in den Seelen (psychais). Denn so wäre doch jeder eines, und es würde ihnen nicht mehr das begegnen, was eben ist gesagt worden.

PaK.6.132b6 - Sokrates schlägt vor, den Ort der Begriffe in die Seele zu verlegen, so dass die ontologischen Schwierigkeiten vermieden werden.

Sokrates als Nominalist. Sind die Begriffe in der Seele und die Dinge außerhalb der Seele, und gibt es keine Zwischenwesen, die sowohl in den Dingen als auch in der Seele sind, so gibt es zwischen den Begriffen und den Dingen keine Verbindung. Die Ortsfrage ist die wichtigste Frage. Wenn auch ein Ort der bisher gefundenen Begriffe und Relationen in der Seele sein muss - denn sonst könnte sie sie nicht denken -, so muss doch der andere Ort des Ganzen des Eins und des Vielen bei den Dingen sein - sonst würde sie sie nicht denken. In die Seele lasse ich mit Aristoteles nur das, dessen Ort wir bei den Gegenständen gesucht und gefunden haben, weil die gegenstandslose Philosophie gegenstandslos ist.

- Wie also, habe jener gesagt, jeder von diesen Gedanken wäre einer, aber ein Gedanke von nichts? - Unmöglich. - Also von etwas? - Ja. - 132c Was ist oder was nicht ist? - Was ist. - Nicht wahr, von etwas Gewissem (enos tinos), was eben jener Gedanke als in allen Dingen befindlich bemerkt als eine gewisse Gestalt oder Idee (idea)? - Ja. - Und dies soll nicht der Begriff (eidos) sein, was so gedacht wird, eines zu sein immer dasselbe seiend in allem? - Das scheint wieder notwendig.

PaK.6.132c8 - Parmenides als Realist. Er besteht darauf, dass der gesuchte Gegenstand auch in den Dingen sein muss und nicht nur in der Seele sein kann. Das sich selbst aussprechende Wort und den sich selbst denkenden Gedanken lassen wir im Johannisevangelium und im zwölften Buch der Metaphysik. Aber die Größe, die Form oder die Zahl müssen als die sowohl in den Dingen als auch in den Begriffen der Dinge seienden »Gegenstände« untersucht werden.

- Wie aber weiter, habe Parmenides gesagt, wenn du behauptest, die übrigen Dinge haben in sich (metechein) die Begriffe, mußt du nicht entweder glauben, daß jedes aus Gedanken bestehe, und daß sie alle denken oder daß sie Gedanken seiend doch undenkend sind?

PaK.6.132c11 - Ist der Begriff ein Gedanke über ein in den Dingen Befindliches, so Parmenides, so ist er in den Dingen, ohne zu denken.

Wer kein Mittleres zwischen den Dingen und den Begriffen hat, muss die Gedanken in die Dinge oder die Dinge in die Gedanken tun. Das eine macht die Laus zum Philosophen, das andere ist eine unbekömmliche Art der geistigen Nahrung. Der undenkende Gedanke in den Dingen. Das ist einerseits genau die Länge, die der Debatte um den Nominalismus/Realismus angemessen ist. Andererseits muss unterschieden werden zwischen der Form und der Größe, die an den Dingen selbst sind und den Relationen und Definitionen, die der Mensch sich von und über die Dinge und über die Formen und die Größen macht. Bei den Formen und Größen und Relationen hat die Seele nur einen hybriden Anteil, bei den Definitionen überwiegt ihr Anteil. Das habe ich zunächst nur so dahergesagt und muss es präzisieren.

- Allein auch das, habe Sokrates gesagt, hat ja keinen Sinn. Sondern, o Parmenides, 132d eigentlich scheint es mir sich so zu verhalten, daß nämlich diese Begriffe gleichsam als Urbilder (paradeigmata) dastehen in der Natur (en te physei), die andern Dinge aber diesen gleichen und Nachbilder (homoiomata) sind; und daß die Aufnahme (methexis) der Begriffe in die andern Dinge nichts anders ist, als daß diese ihnen nachgebildet werden.

PaK.6.132d4 - Das paradeigma , so Sokrates, sei in der Natur, und in den Dingen sei das Abbild.

Vom Abbild der Dinge ist die Idee zum Vorbild für das Ding geworden. Das ist ungefähr Platons Endversion der Ideen, nur dass er sie wieder aus der Natur herausnimmt und an einen nichtgenannten Ort versetzt.

Dies war ein Rückzugsgefecht, jedoch nicht nur. Denn solche formgebenden Begriffe gibt es. Sie heißen Definitionen. In einer Definition steht der zu definierende Begriff für alle unter die Definition fallenden Dinge. Die Definition ist allein in der Seele. Die »Instanzen« sind die unter die Definition fallenden Dinge. Diese Dinge können nun ebenfalls in der Seele sein wie die Neuner-Instanzen, oder sie können außerhalb der Seele als die unter die Definition fallenden Dinge sein wie die Griechen-Instanzen. Platon sagt, die Dinge mühten sich, den Definitionen zu gleichen. Aristoteles sagt, die Definitionen sind wahr oder falsch, sofern sie den Dingen gleichen. Manchmal macht er es auch umgekehrt wie Platon und sagt die Form müht sich, die Dinge zu modeln.

- Wenn nun, sagte Parmenides, etwas dem Begriff ist nachgebildet worden, ist es möglich, daß der Begriff dem nachgebildeten nicht ähnlich sei, insofern dieses ihm ist ähnlich gemacht worden? - Nicht möglich. - Und ist es nicht sehr notwendig, daß das Ähnliche mit dem Ähnlichen einen und 132e denselben Begriff muss aufgenommen haben? - Notwendig. - Das aber, durch dessen Aufnahme in sich die ähnlichen Dinge ähnlich sind, ist nicht das eben der Begriff?

PaK.6.132e4 - über die Aufnahme des Ähnlichen

Da die Definition nicht von der Seele auf die Dinge übergeht, sondern von den Dingen in der Seele erzeugt wird, erübrigt sich die Frage der Nachbildung. Aber die Frage nach dem Verbindenden zwischen Begriff und Gegenstand bleibt dieselbe bei Definitionen wie bei einzelnen Gegenständen. (Über das Ähnliche kann erst genauer gesprochen werden, nachdem es Parmenides als Teileinerlei definiert haben wird - 140a - .)

Der direkte Vergleich zwischen Begriff und Gegenstand ist vertane Zeit, weil die beiden Ungleiche sind. Der Gedanke ist nicht irden. Die Erde denkt nicht. Vergleichbares muss gleich sein. Das Gleiche muss bei Größen (megethos) ein den beiden Verglichenen übergeordnetes Ganzes sein, in dem beide sich als dessen Teile sich aneinander messen können. Dies ist nicht das Gleiche selbst, sondern etwa die Gattung oder die Art der beiden Gleichen oder die Definition bei zwei Instanzen einer Definition. Was die Gleichheit bei den Mengen ( plethos ) bewirkt, bleibt zunächst eine offene Frage. Ein übergeordnetes Ganzes kann es nicht sein, weil die Zahlenindividuen selbst die »Ganzen« sind, die nur als Einzelne auftreten.

- Auf alle Weise freilich. - Es ist also nicht möglich, daß Etwas einem Begriff ähnlich ist noch ein Begriff etwas Anderem; wo nicht, so erscheint immer ein anderer Begriff über jenen, 133a und wenn jener wieder ähnlich ist, noch einer, und niemals hört dieses Erscheinen eines neuen Begriffes auf, wenn der Begriff dem, was ihn in sich aufgenommen hat, ähnlich sein soll. - Das ist sehr richtig. - Also auch nicht durch Ähnlichkeit nehmen die andern Dinge die Begriffe auf, sondern man muss eine andere Art suchen, wie sie sie aufnehmen. - So steht es.

PaK.6.133a7 - Es ist nicht möglich, so Parmenides, dass Etwas einem Begriff ähnelt oder ein Begriff einem Gegenstand ähnelt. Die unausgesprochene Fortsetzung lautet, ... sondern zwei Dinge oder zwei Begriffe ähneln einander. Damit wird die Ähnlichkeit zu einer Relation zwischen zwei Dingen oder zwischen zwei Begriffen.

Das schlagendste Argument dafür, dass Begriff und Gegenstand getrennt sein müssen, ist, dass sich der Begriff vervielfachen würde, wäre er mit dem Gegenstand verbunden. Kurios, dass Aristoteles gerade dieses Argument gegen die Trennung der Begriffe Platons wenden wird und als die Vereinigung von Stoff und Form einige Male in der Metaphysik nahelegen wird.

Begriff und Gegenstand oder Form und Stoff können keine Beziehung zu einander eingehen. Es handelt sich um zwei getrennte Dinge, die für einen und denselben Gegenstand stehen. Sie zu vereinigen, führt zu den geschilderten Absurditäten der Vervielfältigung. Das gilt für Platon in der gleichen Weise, wie es für Aristoteles gilt. Also können entweder zwei Begriffe oder zwei Gegenstände die beiden Gegenstände einer Beziehung sein. Und die Beziehung zweier Begriffe ist dann wahr, wenn sie der Beziehung zweier Gegenstände so entspricht, wie sie ist.

- Siehst du also nun, Sokrates, habe Parmenides gesagt, wie groß die Schwierigkeit (he aporia) ist, wenn jemand die Begriffe als an und für sich seiend erklärt (eide onta auta kath' auta diorizethai)? - Jawohl. - Wisse demnach nur, habe er weiter gesagt, daß du, um es gerade heraus zu sagen, noch gar nicht berührt hast, 133b wie groß die Verlegenheit ist, wenn du für jegliches jedesmal abgesondert einen Begriff aufstellen willst. - Wie das? habe er gefragt. - Unter vielem andern, habe Parmenides gesagt, ist das größte dieses, daß wenn jemand behaupten will, es käme diesen Begriffen nicht einmal zu, erkannt zu werden, wenn sie so beschaffen wären, wie wir sagten, daß Begriffe sein müßten, man dem, der dies sagte, nicht beweisen könnte, daß er unrecht habe, wenn nicht der Bezweifelnde schon sehr geübt ist und von guten Gaben und Lust hat, dem, der den Beweis führen will, durch viele und weit ausholende Erörterungen zu folgen; sonst 133c wird der nicht zu überzeugen sein, welcher behaupten will, sie wären unerkennbar. - Woher dieses, o Parmenides? habe Sokrates gefragt. - Weil, glaube ich, Sokrates, du sowohl als jeder, welcher setzt, es gebe von jeglichem Ding ein Wesen für sich (kath' auten ekastou ousian), auch zugestehen wird, daß zuerst kein einziges hiervon bei uns sich finde? - Wie wäre es auch sonst an sich, habe Sokrates gesagt. - Ganz recht, habe jener gesagt. -

PaK.6.133c7 - Parmenides will die Begriffe weder in den Dingen, noch in der Seele zulassen. In den Dingen führen sie zum Betttuch, in der Seele zum nicht denkenden Gedanken in den Dingen. Wo aber sollen sie sein?

Existieren die Formen und Begriffe getrennt von uns, dann sind sie nicht in uns. Die oben als vertane Zeit bezeichnete Untersuchung zwischen Begriff und Gegenstand kann sich dann als Hauptsache aufplustern. Sie ist von vornherein eine unlösbare Aufgabe, weil sie Unvergleichbares vergleichen will, den irdenen Gedanken und die gedankliche Erde. Nein, der Begriff bleibt in der Seele, die Dinge an ihren Orten. Und das Zwischen-Wesen, das sowohl in der Seele als auch zwischen den Dingen ist und nach dem wir auf der Suche sind, gibt sich nun zu erkennen. Es ist die Relation. Besonders deutlich wird dies bei den Relationen, von denen Parmenides spricht, den Dingen und Gedanken, die von Anfang an zwei Gegenstände zum Gegenstand haben und da auch nicht die Gegenstände selbst, sondern irgend etwas zwischen den beiden, wo also das Zwischen außerhalb der beiden Dinge und selbst eine Art »Gegenstand« ist(?).

Diejenigen Ideen also, welche nur in Wechselbeziehung (pros allelas) aufeinander sind, was sie sind, haben auch ihr Wesen (ousian) an sich nur in Beziehung aufeinander und nicht in Beziehung auf ihre unter 133d uns befindlichen Nachbilder, oder wofür man sie sonst halten will von dem, durch dessen Aufnahme in uns wir dies und das zu sein genannt werden. Das aber bei uns befindliche jenen Gleichnamige (homonyma) ist dies wiederum in bezug aufeinander (auta au pros auta) und nicht auf die Begriffe, und ist es für einander und wiederum nicht für jene, die auch so genannt werden? - Wie meinst du das? habe Sokrates gefragt. - So, habe Parmenides gesagt, daß, wenn einer von uns des andern Herr (despotos) ist oder Knecht (doulos: Sklave), so ist er nicht des Herrn an sich, welcher bezeichnet, was ein Herr ist, 133e nicht dessen Knecht; noch auch des Knechtes an sich, welcher bezeichnet, was ein Knecht ist, Herr ist Herr; sondern als Menschen sind sie füreinander dieses beides. Die Herrschaft (despoteia) selbst aber ist, was sie ist, von der Knechtschaft selbst, und ebenso ist Knechtschaft selbst die Knechtschaft von der Herrschaft selbst.

PaK.6.133e4 - Die Relation scheint zwischen den Dingen zu sein.

Die Beziehung zwischen Zweien ist das gesuchte Übergeordnete oder Beigeordnete, was den Vergleich ermöglicht. Aristoteles wird die Beziehung (pros ti) als die Kategorie mit dem »geringsten Seinsgehalt« einstufen. Die Abhängigkeitsbeziehung zwischen Sklave und Despot oder die generative Beziehung zwischen Familienangehörigen oder die Beziehungen der Gattungen und Arten der belebten und unbelebten Dinge oder die Beziehungendes Mehr oder Weniger zwischen den Zahlen sind Beispiele für Relationen. Die Beziehungen reduzieren sich wie die Dinge auf zwei Hauptgruppen, die der Menge und die der Größe. Bei der Menge gibt es die größer-, kleiner- und die gleich-Beziehung. Bei der Größe gibt es nur die Identitäts-Beziehung zwischen Zweien, die durch das Ganze und den Teil geregelt wird (vgl. - unten ). Die generativen Beziehungen, bei denen die Größe und die Menge auf eine eigenartige Weise kooperieren, sind noch nicht erforscht bzw. nur rudimentär in dem hierarchischen Modell des sich in viele Teile teilenden einen Ganzen. Ihr Gegenstand gehört auch zur logisch-mathematischen Revolution der vergangenen und künftigen Jahrzehnte, dort jedoch auch, ohne dass das Ganze und der Teil selbst untersucht werden. Die Forscher müssen dort auf das zurückgreifen, was die Philosophie ihnen gibt. Das ist wenig bis nichts, weil dort in der allgemeinen Stoffhysterie der Dummen und der Schlechten das Ganze und der Teil als die Parias gelten, die zu meiden sind. Die Beziehung zwischen Sklave und Herrn schließlich, der Aristoteles bei der Untersuchung der Relation in den Kategorien den größten Raum einräumt, ist zwar auch eine ontologische Beziehung, weil der ganze Sklave ein Teil des Despoteneigentums ist, sie ist aber eine Beziehung des Eigentums und muss in der Rechtsphilosophie und der Ökonomie untersucht werden, nicht hier.

Nicht aber hat, was bei uns ist, sein Vermögen (dynamis) in Beziehung auf jenes, noch jenes auf uns, sondern wie ich sage, unter sich und für sich 134a ist jenes und unseres ebenso für sich. Oder verstehst du nicht, was ich meine?

PaK.6.134a1 - Und die Relation ist in uns. Aber eine Verbindung zwischen der Relation zwischen den Dingen und der Relation in uns ist laut Parmenides nicht möglich.

Die Relation zwischen Sklaven und Herrn führt Parmenides in der einleitenden Darstellung der Relation auf statt der Relation zwischen dem Teil und dem Ganzen. Im größten Teil des aristotelischen Teils des Dialogs - Pa.13 bis Pa.23 - wird auch die Untersuchung der Relation zwischen dem Teil und dem Ganzen geführt. Der Unterschied zwischen einem Gegenstand und der Beziehung zwischen zwei Gegenständen will erst einmal mit Hilfe anschaulicher Beispiele verstanden sein.

Aber auch für die Beziehungen zwischen Zweien gilt, was für den Einzelbegriff und für die Definition gilt: Sie ist sowohl in den Dingen als auch in der Seele. Das zwischen Seele und Dingen scheint zum Feld des Wahren und des Falschen zu gehören, das die Relationen in der Seele mit den Relationen in den Dingen vergleicht und seine Schlüsse daraus zieht.

Aristoteles wird die Wissenschaft über diese Dinge als »Analytik« begründen.