Pa.4.130a-130e Parmenides und Sokrates: Gibt es die Begriffe für alle Gegenstände oder nur für einige Gegenstände?

Indem Sokrates dieses sprach, habe Pythodoros gesagt, er seinesteils habe geglaubt, Parmenides und Zenon würden über jedes fast verdrießlich sein; sie aber hätten auf seine Rede sehr genau acht gegeben und oftmals einander lächelnd angesehen, als freuten sie sich sehr über den Sokrates. Welches auch, nachdem er aufgehört, Parmenides geäußert und gesagt: Wie sehr, o Sokrates, verdienst du 130b gerühmt zu werden wegen deines Eifers für die Forschungen (logous). Und sprich, teilst du selbst, so wie du sagst, die Begriffe (eide) selbst besonders (choris: getrennt), und das, worin sie aufgenommen sind, wieder besonders (choris)? Und dünkt dich etwas, die Ähnlichkeit selbst zu sein außer jener Ähnlichkeit, die wir an uns haben, und so auch das Eins und das Viele, und was du alles eben vom Zenon gehört hast? - Mich dünkt es, habe Sokrates gesagt. - Auch etwa dergleichen, ein Begriff des Gerechten (dikaiou) für sich und des Schönen (kalou) und Guten (agathou), und alles, was wiederum dieser Art ist? - Ja, habe er gesagt. -

PaK.4.130b10 - Parmenides bezeichnet die Definitionen als Begriffe und fragt Sokrates, ob er sie für seine Entdeckung halte, was Sokrates bejaht.

Die Trennung der Formen oder der Begriffe von den Einzel-Dingen und die Trennung der Beziehungsbegriffe von den aufeinander bezogenen Dingen ist der Gegenstand von Parmenides' Fragen an Sokrates. Eine dritte Art von Begriffen scheint von vornherein nur getrennt möglich:

130c Und wie, auch einen Begriff der Menschen außer uns (anthropos eidos choris) und allen, welche eben das sind wie wir? So einen Begriff für sich, des Menschen oder des Feuers oder des Wassers? - Hierüber, habe er gesagt, bin ich oftmals in Zweifel gewesen, o Parmenides, ob man auch hiervon eben das behaupten soll wie von jenem, oder etwas anderes.

PaK.4.130c4 - Sokrates ist sich noch uneins, ob sich auch stoffliche Dinge wie Mensch oder Feuer definieren lassen.

Der allgemeine Begriff des Menschen oder des Wassers umfasst nicht nur diesen einen Menschen, sondern alle Menschen, nicht nur diesen einen Liter Wasser, sondern alles Wasser. Weder über das Sein oder über das Nichtsein des allemeinen Begriffes, noch über den Ort seines Seins besteht bis heute Einigkeit unter den Philosophen. Wie soll der allgemeine Begriff des Menschen ein Eines sein, wo doch viele Miliarden Menschen unter den einen Begriff fallen? Mit dieser Frage befasst sich Platon später nicht mehr. Aristoteles bleibt auf der Stufe des Zweifels des jungen Sokrates und wird den allgemeinen Begriff in der Metaphysik daher nur unter vielen Auflagen und eher unwillig zulassen. In aller Regel ist ihm die Form die Form um ein Einzelnes Wesen aus Fleisch und Blut oder aus Feuer, Wasser Erde Luft oder einer Mischung aus diesen. Nur bei der Definition im siebenten Buch der Metaphysik und im fünften Kapitel der Kategorien wird er von der Einzelform abweichen. In der Metaphysik tritt der allgemeine Begriff zwar dem Namen nach nicht auf, ist aber der Sache nach der Gegenstand der Definition. In den Kategorien bezeichnet er die Allgemeinbegriffe als »zweite Wesen«. Hier haben sich der Katholizismus und Russell bedient. Und in der Analytik käme ohne den Allgemeinbegriff kein einziger Schluss zustande. Dort tritt das Allgemeine jedoch stets als der Teil auf: (+)Allg.=[+]Einz . Die in der Analytik getroffene Wahl, dass der Teil des Ganzen der ganze Teil ist, wird sich als die beste erweisen.

- Etwa auch über solche Dinge, o Sokrates, welche gar lächerlich herauskämen, wie Haare, Kot, Schmutz und was sonst noch recht geringfügig und verächtlich ist, bist du in Zweifel, ob man behaupten solle, daß es auch 130d von jedem unter diesen einen Begriff besonders gebe, der wiederum etwas anderes ist als die Dinge, die wir handhaben, oder ob man es nicht behaupten solle? - Keineswegs, habe Sokrates gesagt, sondern daß diese wohl eben sind, wie wir sie sehen, und daß zu glauben, es gebe noch einen Begriff von ihnen, doch gar zu wunderlich (atopon) sein möchte. Zwar hat es mich bisweilen beunruhigt, ob es sich nicht bei allen Dingen auf gleiche Art verhalte. Daher, wenn ich hier zu stehen komme, fliehe ich aus Furcht, in eine bodenlose Albernheit versinkend umzukommen; komme ich aber wieder zu jenen Gegenständen, von denen wir jetzt eben zugaben, daß es Begriffe von ihnen gebe, so beschäftige ich mich mit diesen und verweile gern dabei. - 130e Du bist eben noch jung, o Sokrates, habe Parmenides gesagt, und noch hat die Philosophie dich nicht so ergriffen, wie ich glaube, daß sie dich noch ergreifen wird, wenn du nichts von diesen Dingen mehr gering achten wirst. Jetzt aber siehst du noch auf der Menschen Meinungen deiner Jahre wegen.

PaK.4.130e4 - Sokrates möchte die Definition nur für Dinge vorbehalten, die es »wert« sind, definiert zu werden. Parmenides widerspricht.

Hundekot wäre von Pferdekot nicht zu unterscheiden, gäbe es nicht den allgemeinen Kot, der keiner Tierart angehört und mit dem alle Kotarten verglichen werden können. Ebenso Haare und Schmutz. Parmenides irrt in seiner Prognose über die geistige Entwicklung, die er vor Platon sieht; denn ihm wird es nicht gelingen, Parmenides' Rat über den Umgang mit den Begriffen zu beherzigen. So werden wir im Sophistes und im Theaitetos Zeugen der nicht verwundenen Kränkung, als die er Parmenides' konstruktive Kritik empfunden haben muss und wie er sich in diesen Dialogen für die ihm zugefügte Schmach zu rächen versucht. Da es sich aber bei dem Streitgegenstand um einen großen Gegenstand handelt, sollten wir dem Entdekker der Formen diese menschlichen Regungen nachsehen und uns um das Wervolle kümmern, das auch diese Dialoge enthalten. So wenig jedoch wie Platon gelingt es aber auch Aristoteles, die richtigen Lehren aus Parmenides' Kritik an den Formen zu ziehen. Zwar wird er den Rat befolgen und jedem Einzelgegenstand eine Form geben. Aber seine Bindung der Form an den Gegenstand wird zu Problemen führen, die nicht geringer sind als Sokrates' Verzicht darauf, jedem Gegenstand eine Form zu geben. Auch Aristoteles gegenüber sollten wir keine Scheu haben, dies beim Namen zu nennen, wo er nicht müde wird, Parmenides' Einwände gegen die Ideen wieder und wieder zu wiederholen. Aber auch bei ihm gilt die Nachsicht für den, der etwas lernen will. Denn bessere nachparmenidische Lehrer als diese beiden, Platon und Aristoteles, haben wir nicht.

Die Formen selbst, soviel vorab, werden ebensowenig wie der Stoff selbst, sondern beide werden (in den nicht-mathematischen Wissenschaften) nur als abstrakte Träger des von ihnen konkret Getragenen eine Rolle spielen. Einfacher ausgedrückt, zur Beschreibung der Dinge der Welt bedienen wir uns entweder des Stoffs oder der Form als Träger oder als Grenze der Dinge.