Pa.2.127d-128e Zenon und Sokrates über Zenons Schrift

Nachdem nun Sokrates zu Ende gehört, habe er gebeten, den ersten Satz des ersten Buches noch einmal zu lesen, und als es geschehen, 127e habe er gesagt: Wie, o Zenon, meinst du dieses? Wenn das Seiende (ta onta) vieles (polla) wäre, so müsste dieses viele untereinander auch ähnlich (homoia) sein und unähnlich (anomoia)? Dieses aber wäre unmöglich, denn weder könnte das Unähnliche ähnlich noch das Ähnliche unähnlich sein? Meinst du es nicht so? - Gerade so, habe Zenon gesagt. - Und also, wenn unmöglich das Ähnliche unähnlich sein könnte und das Unähnliche ähnlich, so könnte ja unmöglich vieles sein. Denn wenn vieles wäre, würde ihm jenes Unmögliche begegnen. Ist es dieses, was deine Bücher sagen wollen, nichts anders als allem sonst Geglaubten zuwider behaupten, daß es nicht vieles gebe? Und hiervon hältst du jedes deiner Bücher für einen Beweis, so daß du auch meinst, so viele Beweise geführt zu haben, als du einzelne Bücher geschrieben hast. 128a Meinst du es so, oder habe ich es nicht recht begriffen? - Keineswegs, habe Zenon gesagt, sondern du hast ganz richtig verstanden, was die ganze Schrift will. - Ich merke also wohl, habe Sokrates gesagt, daß Zenon dir, Parmenides, nicht nur übrigens wünscht in Freundschaft verbunden zu sein, sondern auch vermittelst dieser Schrift. Denn gewissermaßen hat er dasselbe geschrieben wie du; indem er es aber herumdreht, versucht er uns zu hintergehen, als sage er etwas anderes. Denn du in deinen Gedichten sagst, das Ganze sei eins (hen einai ... to pan), 128b und stellst dafür Beweise auf, ganz gut und tüchtig. Dieser aber sagt wiederum, es wäre nicht vieles, ebenfalls mit Darlegung vieler und starker Beweisgründe. Dies nun, daß der eine behauptet, es wäre eins (hen), und der andere, es wäre nicht vieles (me polla), und jeder so redet, daß er scheint nichts von dem gesagt zu haben, was der andere, da es doch ungefähr das nämliche sein muss, das ist offenbar uns andern zu hoch, wie ihr es durchgeführt habt.

PaK.2.128b6 - Parmenides sagt, das Ganze (pan) ist Eins. Zenon sagt, das Ganze ist nicht Vieles.

Damit ist der Gegenstand der Untersuchung benannt, das Eins, das zugleich das Ganze ist.

Jedes Ganze ist auch ein Eines, aber nicht jedes Eine ist auch ein Ganzes. Das Symbol für das Eins (die Eins) sei die 1. Das Symbol für das Ganze (das Eins) sei [+] . wobei das + das Innere des Ganzen und die Klammern [] das Ganze selbst andeuten sollen. Es gilt immer [+]=1 , ein Ganzes ist ein Eines, es gilt aber nicht immer 1=[+] , ein Eines ist ein Ganzes. Das Eins, von dem Parmenides sagt, es sei das Ganze, ist das Sein oder die Welt. Das Ganze ist Eins bedeutet also dasselbe wie die Welt ist Eins oder die Welt ist ein Ganzes.

- Ja, Sokrates, habe Zenon gesagt, so hast auch du die eigentliche Bewandtnis dieser Schrift noch nicht durchaus inne, obgleich 128c du dem Inhalt sehr gut wie ein spartanischer Hund nachspürst und auf dem Gefährte bleibst. Allein zuerst schon entgeht dir dieses, daß die Schrift sich ganz und gar nicht so wichtig macht, daß sie, obschon nichts mehreres, als was du anführst, besagend, dieses den Leuten zu verheimlichen suchte, als wollte sie etwas Großes ausrichten. Sondern was du von ihr sagtest, ist nur etwas Zufälliges; eigentlich aber ist diese Schrift eine Hilfe für den Satz des Parmenides gegen diejenigen, welche sich herausnehmen, 128d ihn auf Spott zu ziehen, als ob, wenn eins ist, gar vielerlei Lächerliches und ihm selbst Widersprechendes bei dem Satz herauskäme. Es streitet also diese Schrift gegen die, welche das Viele (ta polla) behaupten, und gibt ihnen gleiches zurück und noch mehreres, indem sie deutlich zu machen sucht, daß noch weit Lächerlicheres ihrem Satze, wenn vieles ist, als dem, wenn eines ist, begegnet, wenn ihn jemand recht durchnimmt. Aus solcher Streitlust also habe ich sie, als ich noch jung war, geschrieben, und nachdem sie geschrieben war, hat sie mir jemand entwendet. So daß ich nicht einmal mit mir selbst zu Rate gehen konnte, ob 128e ich sie ans Licht stellen sollte oder nicht. Insofern also irrst du dich, Sokrates, als du glaubst, sie sei nicht mit der Streitlust eines Jünglings, sondern mit der Ehrliebe des reiferen Alters geschrieben. Sonst, wie ich schon gesagt, hast du sie nicht übel abgeschildert.