Pa.25.163b-164b Das seiende Nichtseiende

Noch einmal nun laß uns zum Anfange zurückkehren, um zu sehen, ob uns noch dasselbe erscheinen wird, was auch jetzt oder anderes. -- Das laß uns. -- Nicht wahr, 163c wenn das Eins nicht ist, so fragten wir, was muss sich alsdann mit ihm zutragen? -- Ja.

PaK.25.163c2 - Wenn Eins nicht ist, was ist dann mit ihm?

Wenn das Eins der Zahl nicht ist, wenn das Eins des Punkts nicht ist, was folgt daraus für sie? Jetzt erst behandelt Parmenides ein wirkliches Nichtsein, nicht eine Formel mit [-] , nicht ein seiendes Komplement, sondern ein nicht Existierendes.

-- Das Nichtist (to me estin) aber, wenn wir das sagen, bedeutet es wohl etwas anderes als eine Abwesenheit der ousia (ousias apousian) für dasjenige, wovon wir sagen, es sei nicht? -- Nichts anderes. -- Wenn wir also sagen, daß etwas nicht sei, meinen wir, es sei nur irgendwie nicht und irgendwie sei es? Oder bedeutet dieses Nichtist (to me esti) ganz einfach, daß eben das Nichtseiende (to ge me on) nirgend und auf keine Art ist und auf keine Art eine ousia an sich hat? -- Auf das allereinfachste freilich. -- Weder also kann das Nichtseiende (to me on) sein noch auch anderes irgendwie 163d mit der ousia Gemeinschaft haben. -- Freilich nicht.

PaK.25.163d1 - Das Nichtist ist vollständig ousia-los.

Auch wenn dessen Sein vollkommen bestimmungslos ist, so sind doch die Folgen seines Nichtseins in allen Fällen erheblich.

M: Die einzelnen Zahlen haben keinen Schatten wie der Massenpunkt einen leeren Schatten hat. Sie sind allein. Das Chaos wäre, wenn das Eins der Zahl nicht wäre, aber nur die Zahlen wären. Denn dann fielen nicht nur die metaxy der einzelnen Zahl in eins - Me.13 - , sondern alle Zahlen fielen in eins, Alles wäre 1 mit der Größe 0. Ohne das Eins der Zahl können die Individuen der Menge der Zahlen nicht voneinander gesondert werden, wenn die Zahlen sind.

P1: Das Nichtsein des Raums ist dagegen ein schöpferischer Anfang einer neuen Welt. Dieses Nichtsein ist etwas Ähnliches wie das des parmenidischen Werdens (K21), nur dass ein Seiendes aus einem Seienden wird und dass es nicht in einem Jetzt, sondern in einer Zeit geschieht.

P2: Ein Nichtsein des Raums im Sinne von »Nichtexistenz des Leeren und der Atome« gibt es so wenig, wie es das Nichtsein des Seins gibt.

-- Und das Werden und Vergehen, ist das wohl etwas anderes als jenes ein Ergreifen, dieses ein Fahrenlassen der ousia ? -- Nichts anderes. -- Was aber mit dieser gar keine Gemeinschaft hat, kann doch auch weder es ergreifen noch es fahrenlassen? -- Wie könnte es? -- Das Eins also, da es auf keine Art ist, kann auch die ousia auf keine Art weder festhalten noch fahrenlassen noch ergreifen. -- Nicht wohl. -- Weder also vergeht das nichtseiende Eins, noch wird es, da es auf keine Art mit der ousia Gemeinschaft hat? -- Nein, wie sich zeigt.

PaK.25.163d8 - Das Eins der Zahl kann weder werden noch vergehen.

Die Zahl wird weder, noch vergeht sie. Dasselbe gilt für ihr Eins, was es auch sei. Und es ist sein Kennzeichen, keinerlei Verbindung mit der ousia einzugehen. Falls es überhaupt eine Beziehung zwischen den beiden gibt, dann ist [+] Z = [-] A/E die einzige Beziehung der Zahlen zu ihrem gesuchten Eins. Aber das ist wiegesagt unwahrscheinlich. Das Werden und Vergehen des Raums und der ousiai im Raum und das Sein und das Nichtsein der metaxy folgen zwei nicht vereinbaren Gesetzesbereichen, den ABC Gesetzen und den 123 Gesetzen. Statt hier den Ober und den Unter zu bestimmen, sollten die Wissenschaftler beide Gesetze erforschen. Aber das bleibt aus absehbare Zeit wohl ein frommer Wunsch.

Das von Parmenides untersuchte Werden und Vergehen eines Anderen im metaxy kann und muss nicht untersucht werden. Das war nur ein Nebenprodukt bei seiner Erstentdeckung des Jetzt. Da diese Form des Werdens das Unmögliche versucht, schadet ihr Verlust nichts. Denn das Prinzip des Werdens sind zwei Stoffe, die sich zusammentun und einen dritten zeugen und nicht das Nichtsein und das Sein.

-- Noch auch 163e wird es irgendwie verändert, denn es würde dann schon und verginge, wenn ihm dies zukäme. -- Richtig. -- Wenn es sich aber nicht verändert, dann notwendig wechselt es auch wohl nicht? -- Notwendig. -- Ebensowenig werden wir auch sagen, daß das nirgendwo Seiende bestehe. Denn das Bestehende muss in irgendeinem selbigen immer dasselbe sein. -- Wie sollte es anders? -- Auf diese Art demnach werden wir von dem Nichtseienden wiederum, weder daß es bestehe, noch daß es wechsele, behaupten können. -- Gewiß nicht. -- Noch auch kann ihm etwas Seiendes (ti ton onton) eignen. Denn wenn es 164a etwas Seiendes sich hätte, hätte es auch schon eine ousia irgendwie an sich (toutou metechon [ontos] ousias metechoi). -- Offenbar. -- Weder Größe (megethos) also noch Kleinheit (smikrotes) noch Gleichheit (isotes) hat es an sich. -- Freilich nicht. -- Noch auch Ähnlichkeit (homoiotes) oder Verschiedenheit weder mit sich selbst noch mit dem Anderen kann es haben? -- Nein, wie sich zeigt. -- Und wie? Kann wohl das Andere irgendwie für dasselbe sein, wenn überall gar nichts für dasselbe sein soll? -- Das kann es nicht sein. --

PaK.25.164a5 - Das Eins der Zahl verändert und bewegt sich nicht. Es hat keine Größe oder Kleinheit, Gleichheit, Ähnlichkeit, Verschiedenheit, Einerlei.

Keine der Eigenschaften eines Seienden kann dem Eins der Zahl zugeschrieben werden. Das Eins der Zahl hat nun keine Aufgabe mehr.

Also weder ihm ähnlich noch unähnlich, noch einerlei mit ihm, noch verschieden davon sind die Anderen. -- Freilich nicht. -- Und wie? Kann es wohl ein Davon oder Dafür, ein was oder dieses oder dessen oder eines andern oder für ein anderes, oder ein Je oder 164b Hernach oder Jetzt oder Erkenntnis oder Vorstellung oder Wahrnehmung oder Erklärung oder Benennung oder irgend etwas anderes Seiendes, kann es dergleichen wohl geben für das Nichtseiende? -- Das kann es nicht. -- Auf diese Art also wird das Eins, wie es nicht ist, sich auch auf keinerlei Weise verhalten. -- Freilich scheint es sich auf keinerlei Weise zu verhalten. -

PaK.25.164b4 - Auch ein mal oder geteilt minus oder plus kann es nicht haben.

Das Eins der Zahl hat nun keine Bestimmmung mehr.

Aber was ist das Eins der Zahl?