Pa.21.155e-157b Das Jetzt und das Werden des Eins

Neben der Aufstellung der logischen Relationen - 146b - hat dieses Kapitel den weitreichendsten Einfluss auf die Wissenschaft, vor allem auf die Physik des Aristoteles, ausgeübt und auf die Physik und Mathematik der folgenden Jahrhunderte.

Wohl, laß uns auch das Dritte noch durchgehen. Das Eins, wenn es ist, so wie wir es durchgeführt haben, muss es nicht notwendig, da es eins ist und vieles, und auch wieder weder eins noch vieles und dabei mit der Zeit Gemeinschaft habend, notwendig, sofern es Eins ist, zu einer Zeit die ousia an sich haben (ousias metechein); und sofern es nicht ist, auch wiederum zu einer Zeit die ausia nicht an sich haben? -- Notwendig.

PaK.21.155e8 - Das Eins muss zu einer Zeit die ousia an sich haben, zu einer anderen Zeit die ousia nicht an sich haben. Hier würde »das Sein« passen, weil es Aristoteles so übernommen hat, dachte ich lange. Aber gerade hier passt das Sein nicht!

Das Eins, das zu einer Zeit die ousia an sich hat, zu einer anderen Zeit die ousia nicht an sich hat, muss ein anderes Eins sein als der Anfang oder das Sein. Denn das Erste Prinzip kann nur mit der Zeit Gemeinschaft haben, die wir die Ewigkeit nennen. Ein Nichtsein des Seins gibt es nicht. Also kann es nur das Teileins aus dem letzten Kapitel sein.

-- Und wird es wohl, wann es die ousia hat, eben alsdann sie auch nicht haben können? Oder, wann es die ousia nicht hat, eben alsdann sie auch haben können? -- Nicht möglich.

PaK.21.155e10 - Eine ousia kann nicht nicht eine nicht-ousia sein. Eine nicht-ousia kann nicht eine ousia sein.

Was ist, ist. Was nicht ist, ist nicht. Der Satz des Widerspruchs. Jede ousia von der Mücke bis zum All ist in jedem Jetzt und in jeder Zeit mit einem nur zu ihm gehörigen Teil des Ewigen identisch , weil die ousia ein Teil des Seins ist - MeK.5.7.1017b9 - . Das Nichtsein hat im Falle der Weltinsel aus zwei Gründen einen Sinn; einmal, weil es außer der Insel noch das Meer und andere Inseln gibt, die das Eins nicht sind und weil die Insel wird und vergeht.

-- In anderer Zeit also hat es und in anderer hat es nicht die ousia. Denn einzig auf diese Art kann etwas dasselbige an sich haben und auch nicht haben. -- 156a Richtig. -- Also gibt es auch eine solche Zeit (chronos), wo es das sein (tou einai) annimmt (metalambanei) und von dem sein ablässt (apallattetai). Oder wie soll es ihm möglich sein, dasselbe jetzt zu haben und dann auch wieder nicht zu haben, wenn es nicht irgendwann auch es erfaßt und es fahren läßt? -- Keineswegs. -- Und die ousia annehmen (de ousias metalambanein), nennst du das nicht Werden (gignestai)? -- Ich nenne es so. -- Und von der ousia ablassen (de apallattesthai ousias), nennst du das nicht Vergehen (apollysthai)? -- Freilich. -- Das Eins also, wie es scheint, da es die ousia erfaßt und fahren läßt, wird auch 156b und vergeht. -- Notwendig.

PaK.21.156b1 - Das Werden ist das Annehmen der ousia. Das Vergehen ist das Ablegen der ousia. Das Eins wird und vergeht.

Die Frage nach dem Werden und Vergehen des Eins können wir hier nicht beiseitelegen. Da das Ungewordene nicht werden kann, dieses Kapitel aber das Werden des Eins bespricht, müssen wir hier das Eins als einen Einzelgegenstand, also als einen der Anderen oder als eine ousia im aristotelischen Sinn ansehen, die wird und vergeht. Aber das darf kein Anderes wie du und ich sein, sondern es muss sich um ein Anderes handeln, mit dem das Sein direkt zu tun hat, um ein Teileins.

Der Anfang der Bewegung ist die Gleichzeitigkeit des [+] Leeren mit der [+] Materie.

Der Anfang der Bewegung der Insel ist die Gleichzeitigkeit eines (+) Leeren mit einem (+) Materie.

Beim Ganzen Ungewordenen ist die Frage nach dem Nichtsein zurückzuweisen, weil es das Nichtsein nicht gibt. Das »Nichtsein« im Nichtsein des Gewordenen hat daher eine andere Bedeutung. Das Werden des Teilalls aus dem »nicht-Teilall« kann man in eine Zeit einteilen, in der das Teilall nicht war, eine Zeit, in der es wird, in der es ist und eine Zeit, in der es vergeht und dann nicht mehr ist.

-- Da es nun eins ist und vieles und werdend und vergehend, wird nicht, wenn es eins wird, das Vielsein vergehen, wenn es aber vieles wird, das Einssein vergehen? -- Freilich. -- Und indem es eins wird und vieles, wird es dann nicht notwendig gesondert und vermischt? -- Notwendig. -- Und indem es unähnlich wird und ähnlich, muss es doch auch gleichen und nichtgleichen? -- Ja.

PaK.21.156b8 - Parmenides schildert das Werden des Eins als einen Vorgang zwischen zwei Gegensätzen: Eins und Viele, Mischung und Teilung, Ähnlichkeit und Unähnlichkeit, Gleichheit und Ungleichheit, größer und kleiner, Wachsen und Schwinden.

Aristoteles wird dieses Werden zwischen zwei Gegensätzen übernehmen. Das ist ein Fehler, denn das Werden spielt sich nicht zwischen den Gegensätzen ab, sondern aus den Gegensätzen. Ein Etwas kann nur aus einem Etwas werden, wie Aristoteles selbst oft genug betont.

Ein Stoff wächst zwischen klein und groß. Ein Stoff verändert sich zwischen schön und hässlich. Aber ein Stoff wird nicht zwischen Nichtsein und Sein. Sondern zwei Stoffe tun sich zusammen und ergeben oder erzeugen einen dritten Stoff. Diesen Fehler des Parmenides wird Aristoteles zeit seines Lebens mit sich herumtragen wie Platon sein Bettlaken. Das ist aber angesichts der Bedeutung der Entdeckung, die mit diesem Fehler verbunden ist, eine Kleinigkeit und eigentlich nicht der Rede wert.

Vor dem Werden eines Teileins muss ein Vergehen der Vielen in einem oder mehreren Anderen Teileins gewesen sein, aus denen das neue Teileins seine Atome bezieht. Beim Werden des Teileins können nur wenige oder nur eine Bewegung des ganzen Teileins sein, weil es aus den einfachen Materieatomen entsteht, die nur eine Bewegung kennen - Kr.8.10 - .

-- Und wenn größer und kleiner und gleich, muss es auch wachsen und abnehmen und gleichbleiben. -- So ist es. 156c -- Und wenn es in der Bewegung still steht und aus der Ruhe zur Bewegung übergeht (kinesthai metaballei), so muss es doch selbst nicht in einer Zeit sein? -- Wie könnte es? -- Daß das zuvor Ruhende hernach bewegt werde und das zuvor Bewegte hernach ruhe, dies kann ihm einesteils ohne Übergang (metaballein) unmöglich begegnen. -- Freilich wie? -- Eine Zeit aber gibt es andernteils nicht, in der etwas zugleich (hama) weder bewegt sein noch ruhen könnte. -- Das gibt es wohl nicht. -- Aber es kann doch nicht übergegangen sein, ohne überzugehn (metaballein)? -- Nicht glaublich. -- Wann also geht es über?

PaK.21.156c8 - Der Übergang von der Ruhe zur Bewegung kann nicht in der Zeit sein. Er ist aber. Wann ist er?

Die Veränderung (metaballein) von der Ruhe zur Bewegung ist nicht in der Zeit. Aber sein muss die Veränderung, denn das eben noch nicht Bewegte bewegt sich jetzt.

Denn weder während der Ruhe noch während der Bewegung kann es übergehen noch in der 156d Zeit seiend. -- Freilich nicht. -- Ist also etwa jenes Wunderbare (to atopon touto) das, worin es ist, wenn es übergeht? -- Welches denn? -- Der Augenblick (to exaiphnes). Denn das Augenblickliche scheint dergleichen etwas anzudeuten, daß von ihm aus etwas übergeht in eins von beiden (ekateron: jedes von beiden). Denn aus der Ruhe geht nichts noch während des Ruhens über noch aus der Bewegung während des Bewegtseins; sondern dieses wunderbare Wesen (physis atopos), der Augenblick, liegt zwischen der Bewegung und der Ruhe 156e als außer aller Zeit seiend, und in ihm und aus ihm geht das Bewegte über zur Ruhe und das Ruhende zur Bewegung. -- So mag es wohl sein.

PaK.21.156e3 - Parmenides entdeckt das Jetzt als ein absurdes Wesen (physis atopos) außer der Zeit zwischen Ruhe und Bewegung.

Allgemeine Regie K19-21

Wie jeder, der sich in Platons Parmenides verirrt, habe auch ich jahrelang nur ein Buch mit sieben Siegeln gesehen, das mich, je mehr ich es entziffern wollte, desto mehr verwirrt hat. Die drei Physik-Kapitel waren da noch einmal eine Steigerung. Mein jahrelanges Unbehagen bei diesen drei Kapiteln hat folgende Erklärung: Die aristotelische Auslegung des 21. Kapitels bezieht sich auf das Werden eines Einzelgegenstandes in der Mitte. Parmenides spricht vom Werden des Eins. Ich habe diese drei Kapitel jahrelang nur mit den Augen des Aristoteles gelesen und das Werden des Eins beiseitegeschoben. Das Werden des Teileins hat dieses Unbehagen beseitigt.

Her treffen sich auch auch die beiden Auslegungen der ousia als das Sein des Parmenides und der ousia als der Teil des Seins des Aristoteles. Denn das Werden und Vergehen der Weltinsel ist das Werden und Vergehen eines Teils des Seins. Und genau hier müssen sie sich treffen.

Das Werden des Eins

Zwar hat Parmenides mit dem Übergang von der Ruhe zur Bewegung das Werden des Eins verlassen, aber der Gegenstand rechtfertigt dies (A!). Hier ist die Entdeckung des Atoms der Zeit, das nicht ein Teil der Zeit ist, weil es ohne Teile ist. Das ist das Jetzt.

Diese eine Entdeckung würde genügen, Parmenides als einen Begründer der exakten Wissenschaften zu feiern. Ein guter Teil der Physik des Aristotels, besonders das vierte Buch - Ph.4.10-14 - und das sechste Buch, die Widerspruchsdefinition in der Metaphysik - Me.4 - sind aus der Entdekkung des Jetzt hervorgegangen. Aber beim Werden des Teileins kann das Jetzt nicht die Rolle spielen, die es in der Physik des bewegten Punktes spielt.

Das Werden und Vergehen des Teileins, das aus (+) Materie und (+) Leeres besteht, muss einen solchen Wechsel haben. Aber auch hier kann die Veränderung von der Bewegung zur Bewegungslosigkeit nicht aus der Bewegungslosigkeit des ewig Bewegten bestehen, sondern nur in der örtlichen Trennung von (+) Materie und (+) Leeres, so, dass (+) Leeres allein ist - Ph.8.8 - . Die örtliche Trennung der Materie von diesem Bereich des Leeren beim Vergehen des Teileins muss in unendlich kleiner Zeit vor sich gehen, weil hier die Bewegung der Atome im Leeren aus dem Kollaps aller verbundenen Materiearten hervorgeht und die Atome sich unendlich schnell bewegen. Ebenso muss das unmittelbar anschließende Werden des neuen Teileins in unendlich kleiner Zeit vor sich gehen, weil das Wiederauffüllen des leeren Lochs in der Welt durch die Bewegung der Atome im Leeren geregelt wird und die Atome unendlich schnell sind. Aber sie geht nicht in keiner Zeit vor sich, wie dies bei der Definition des »Werdens« als der »Bewegung gemäß Widerspruch« der Fall ist. Denn

Der Anfang der Bewegung der Insel ist die Gleichzeitigkeit eines (+) Leeren mit einem (+) Materie.

Der Anfang der Bewegung der einer ousia in der Insel ist die Gleichzeitigkeit eines leeren Punkts mit einem materiellen Punkt.

Das Jetzt zwischen Vergangenheit und Zukunft muss stark gekürzt werden, nein, feb 16.

Auch diese Entdeckung des Parmenides hat die Philosophie nachhaltig geprägt. Sie ist die Grundlage des diskreten Teils Bewegungsrinzips, der Gleichzeitigkeit eines vollen und eines leeren Punkts. Aristoteles wird dieses Prinzip in der Mitte zwischen dem rein stofflichen und rein formalen Prinzip als das Erste Prinzip in der Physik aufstellen, wird aber die Gleicheitigkeit eines Stofflichen mit einem Formalen nur zaghaft andeuten, weil er diese Gleichzeitigkeit für den Widerspruch hält. Außerdem sind hier die Begriffe »Stoff« und »Form« unangebracht, weil es sich um zwei Stoffe oder um zwei Formen handelt, die die Größe eines metaxy haben, also keine. Die moderne Mathematik hat die Bewegung im Jetzt unter dem Zwang von Keplers Entdeckung eher widerwillig entdecken müssen, dass die Geschwindigkeit der Himmelskörper auf ihren Ellipsenbahnen in jedem Jetzt eine andere ist. Newton ist es gelungen, sie von den Sternen auf die Erde herabzudeklinieren. In der Metaphysik, wo es weniger um die Bewegung geht, kann Aristoteles die Gleichzeitigkeit des äußersten Randes des materiellen Gegenstandes mit seiner Form leichter deuten. Die Verteidigung des Prinzips verlangt vom Verteidiger, dass er der Natur Gewalt antut und die Größe auf ein Größenloses schrumpft, das Bewegte auf ein Bewegungsloses reduziert, was Aristoteles von sich weist, weshalb ihn Zenon vorführen kann ( Physik. 6.9 ). Zwar lässt sich das Bewegungsprinzip des Einzelnen pauschal aus dem Ersten ableiten, indem man sagt, dass die Gleichzeitigkeit des Bewegungslosen mit dem Bewegten für das ganze Volle und Leere wie für den Punkt der Bewegung gilt. Aber die konkrete Bestimmung einer Bewegung in einem unbewegten Jetzt ist ungleich schwieriger. Das sechste Buch der Physik zeigt alle Schwierigkeiten der Bewegung im Punkt auf.

Denoch ist aus der zaghaften Andeutung die Physik des bewegten Massenpunkts geworden, wovon sich jeder in der Physik oder im neunten Buch der Metaphysik überzeugen kann.

Zwar kann die Entwicklung der Physik des bewegten Punktes garnicht hoch genug veranschlagt werden, es bleibt jedoch der Makel an ihr haften, das Werden und die Bewegung auf den Einzelgegenstand zu beschränken. Der »größenlose« unbewegte Beweger aus dem achten Buch der Physik versucht, mit dem Anfang der Bewegung des Einzelnen den Anfang der Bewegung des Ganzen zu erklären. Das ist absurd, weil es das Größte mit dem Kleinsten, das Sein mit dem Nichtsein erklärt, das allein diesen Namen (Nichtsein) tragen darf, dem Punkt.

Aristoteles wird dieses metaxy wie Parmenides oben das Jetzt (to nyn) nennen. Auch er wird das Jetzt von der Zeit ausschließen - Ph.4.11 - , weil es weder zur Zeit bis jetzt, noch zur Zeit ab jetzt gehört. Leider wird er sich dem metaxy verschließen, das zwar viele Probleme enthält, aber noch mehr Probleme löst. Es wird eine bedeutende Rolle bei der Widerspruchsdefinition spielen - Me.4.3 - . Das Werden wird er zunächst mit Parmenides als widersprüchliche (kath' antiphasin) Bewegung/Veränderung zwischen Sein und Nichtsein in 1 Jetzt definieren, wird aber später ohne Begründung von dieser Definition Abstand nehmen und die Bewegung als den Übergang von der dynamis in die energeia Definieren - Ph.3.1-Ph.3.3 , Me.9 - , was der Sache nach dasselbe ist, aber den vermeintlichen Widerspruch ein wenig weicher formuliert. An vielen Stellen in der Metaphysik wird er sich ausdrücklich gegen das metaxy als vorgeblichen Ort Platons der mathematischen Gegenstände wenden.

Die Entdeckung des Parmenides ist für die mathematische Physik von großer Bedeutung, hat aber nullkommanichts mit dem Werden zu tun, denn das Werden besteht darin, dass sich Zwei zusammentun und ein Drittes zeugen, nicht aus nichtsein, plop, sein.

17/11/14 Je länger ich Platon und Aristoteles studiere, desto mehr gewinne ich den Eindruck, dass Aristoteles seine eigene Ansicht über das metaxy hinter dem Vorzeigefeind Platon versteckt. Aber das ist nur eine Vermutung.

Für Sorge wird das Jetzt in den Zenon'schen Paradoxien sorgen - Ph.6.9 - . In der Mathematik ist es (das metaxy) heute unter vielen verschiedenen Namen von Bedeutung und wird hier zum Gegenstand des Endes werden. Das von Heraklit bis Hegel reichende gleichzeitige Sein und Nichtsein, das untrügliche Merkmal des Widerspruchs, wird diesem Jetzt noch lange anhaften. Es wird sich dadurch lösen, dass die Trennung der Gleichzeitigen als ebensolche Selbstverständlichkeit erscheinen wird wie die Trennung des Leeren von der Materie: Zwar ist das Jetzt an die Bewegung gebunden und damit an die Anderen, aber es kann nicht Teil der Anderen sein, weil es dann bewegt wäre und ein Bewegtes die Bewegung messen würde. Es kann aber auch nicht am bisherigen Eins sein, weil das Volle und das Leere Körper sind, das Jetzt aber keine Ausdehnung hat. Es kann nur ein Zwischen in einem sein, das nicht zum Eins gehört. Dasselbe sagen Parmenides und Aristoteles, wenn sie das Jetzt von der Zeit ausschließen. Über das metaxy handeln die Physik und die Metaphysik an »unzähligen« Stellen.

aus manuskript 14/07

-- Auch das Eins also, wenn es ruht und auch sich bewegt, muss aus einem zum andern übergehen; denn nur so kann es beides tun. Geht es aber über, so geht es im Augenblick über, so daß, indem es übergeht, es in gar keiner Zeit (en oudeni chrono) ist und alsdann weder sich bewegt noch ruht. -- Freilich nicht. -- Verhält es sich nun etwa ebenso auch mit den andern Übergängen (tas allas metabolas), wenn es aus dem Sein (ek tou einai) in das Vergehen 157a übergeht oder aus dem Nichtsein (ek tou me einai) in das Werden, daß es alsdann jedesmal auf gewisse Weise zwischen (metaxy) einer Bewegung (kineson) und einer Ruhe (staseon) ist? und alsdann weder ist noch nicht ist, weder wird noch vergeht? -- So scheint es ja. -- Auf eben die Weise also auch, wenn es aus dem Eins in vieles (ex enos epi polla) übergeht oder aus Vielem in eins, ist es weder eins noch vieles, wird weder gesondert noch vermischt - Ph.5 -?

PaK.21.157a6 - Das Eins bewegt sich weder, noch ruht es, wenn es beginnt, sich zu bewegen. Es ist weder seiend, noch nicht seiend, wenn es wird oder vergeht.

Mit der Frage nach der Bewegung im Jetzt hat Parmenides eine schwierige und folgenreiche Frage des Dialogs für die Wissenschaften in der Mitte gestellt. Sie ist zwar sowohl in den antiken als auch in den modernen Wissenschaften an unzähligen Beispielen beantwortet, aber das Problem des zugleich Bewegten und Unbewegten im Jetzt besteht damals wie heute. Wird dieser Gegensatz im Jetzt zugegeben, so ist das die Wahrheit des Widerspruchs und damit das Ende der Wissenschaft. Wird er nicht zugegeben, so ist das ebenfalls das Ende der Wissenschaft, weil es ohne diese Gleichzeitigkeit keine Bewegung gäbe. Also muss es eine andere Lösung geben, die die Gleichzeitigkeit der Gegensätze auch im Jetzt zulässt und die dennoch kein Widerspruch ist, sondern eine Wahrheit.

Sie ist bereits für das Ganze bekannt und muss nur noch auf das Jetzt übertragen werden: Mit dem Anfang (M & L) ist ein bewegter Punkt, der nicht mit einem unbewegten Punkt zugleich ist, unbegreiflich und unmöglich. Die Paradoxie ist nicht das mit dem Unbewegten gleichzeitige Bewegte (Zenons Pfeil), sondern das nicht mit dem Unbewegten gleichzeitige Bewegte. Das gibt es nicht. Es ist nie und unter keinen Umständen nur das Bewegte oder nur das Unbewegte, sondern es sind immer und unter allen Umständen Zwei, die sich zugleich bewegen und nicht bewegen. Die formale Übersetzung dieser Erkenntnis erfordert jedoch Werkzeuge, die es weder im Anfang, noch im meson gibt, sondern die erst das Ende zur Verfügung stellt - Pa.22-28 - . <-da spreche ich nicht vom bewegten Punkt, das macht aber nichts

Und aus dem Ähnlichen ins Unähnliche, aus dem Unähnlichen ins Ähnliche gehend ist es weder ähnlich noch unähnlich, weder ein Verähnlichtes noch ein Verunähnlichtes; und 157b aus dem Kleinen ins Große, aus dem Gleichen ins Entgegengesetzte übergehend, ist es weder klein noch groß, noch gleich, noch wachsend, noch abnehmend, noch ausgeglichen. -- So scheint es. -- Alle diese Beschaffenheiten also kommen dem Eins zu, wenn es ist. -- Gewiß. -

PaK.21.157b5 - Fortsetzung des »weder-noch«.

Abschluss K19-21:

Das Vergehen eines Teilalls und das Werden eines Teilalls sind zwei Vorgänge, die in unendlich kurzer Zeit vor sich gehen. Aber sie geschehen in der Zeit und nicht in keiner Zeit. Es sind Bewegungen in der Mitte (meson) mit Bezug auf den Anfang, in dem es kein Größenloses gibt. Die Vorgänge im Jetzt dagegen sind in keiner Zeit, sondern in den Grenzen der Zeit, die die Grenzen selbst sind. Es sind Bewegungen in der Mitte (metaxy) mit Bezug auf das Ende, in dem es nur Größenlose gibt. Das Eine ist der Anfang der Bewegung eines Teils des Seins. Das Andere ist der Anfang der Bewegung einer ousia im Teil des Seins. Die Bewegung hat also drei Anfänge, das Sein, einen Teil des Seins und zwei gleichzeitige metaxy. Alle drei Anfänge sind die Gleichzeitigkeit Desselben, nur einmal als das Größte, einmal als das Kleinste und einmal als das Mittlere Zwischen dem Größten und dem Kleinsten.

bleibt: Das Sein des Ortes kann bestritten werden, weil der Ort ein metaxy und das metaxy ein »Nichtseiendes« ist. Die erfolgreiche Bestreitung wäre aber zugleich das Ende der Wissenschaft. Dass es die Gleichzeitigkeit im Ort gibt, kann nicht bestritten werden, weil der Anfang in Allem ist, auch in einem Nichseienden, das sich sein Bürgerrecht erkämpft hat. Dass aber die Gleichzeitigkeit Zweier in jedem Fall ein Widerspruch ist, das muss bestritten werden, und es muss nachgewiesen werden, warum dies in einigen Fällen ein Widerspruch ist, in einigen nicht. So beruht die ganze Grundlage der Mathematik auf der Gleichzeitigkeit der Einsen als den Atomen der Zahl, die aus vielen Einsen besteht. Das ist eine nicht widersprüchliche Gleichzeitigkeit, die Gleichzeitigkeit der metaxy. Sie wird im letzten Durchgang untersucht. Die Ausgangspunkte der Nachweise der nicht widersprüchlichen Gleichzeitigkeiten sind die Physik und die Metaphysik sowie die Analytik des Aristoteles. Sie beruhen auf einem einfachen Zusatz zum Widerspruchsprinzip: Die Gleichzeitigkeit zweier Materieller oder zweier Leerer ist ein Widerspruch. Die zwei Stoffe des Ersten Anfangs, zwei oder mehr Formen des Endes oder eine oder mehrere Formen und ein Stoff in der Mitte können zugleich sein, ohne ein Widerspruch zu sein. Mit diesem Zusatz ist der Widerspruch sowohl im Jetzt als auch in der Zeit ausgeschlossen, weil zwei Volle oder zwei Leere nie zugleich sein können.

09/16 Die Entdeckung des metaxy wird nun den noch nie gefundenen Zusammenhang zwischen dem platonischen und dem aristotelischen Teil des Parmenides zeigen. Denn unser Fehler - und mit »uns« meine ich alle Ausleger von Platons Parmenides - ist die Annahme, die Formen aus Pa.2-8.127-136 als das die stetige Welt Zerschneidende. Dabei sind sie das in die Welt hineingeschnittene metaxy, das dieser nicht den geringsten Schaden zufügt.