Pa.19.151e-153b Die Zeit und das sein

Ob nun wohl auch das Eins Zeit (chronos) an sich hat und jünger und älter als es selbst und als die Anderen ist und wird (kai esti te kai gignetai), und auch wieder weder jünger noch älter als es selbst oder die Anderen, wenn es Zeit an sich hat? -- Wie das?

PaK.19.151e6 - Die Zeit

Die ordnenden Elemente der Berührung zwischen Zweien und der Beziehungen zwischen dem Größeren und dem Kleineren - K15-K18 - fanden sich an den unbeweglichen Dingen, bzw. die Bewegung blieb bei der Betrachtung unbeachtet. Es fehlt noch das ordnende Element an den bewegten Dingen. Dieses Element nennen wir die Zeit.

Hat das Eins Zeit an sich, und ist es älter oder jünger als die Anderen? Ist das Eins (Materie & Leeres) älter als die mit ihm identischen Anderen?

-- Das sein1 (einai) muss ihm doch zukommen, wenn Eins ist. -- Ja. -- Ist aber das sein (einai) wohl etwas anderes als Teilhabung (methexis) an einem Wesen (ousia) in der gegenwärtigen Zeit, so wie 152a das War für die vergangene und das Wirdsein für die künftige Zeit das Ansichhaben eines Wesens (ousias) ist? -- So ist es.

PaK.19.152a2 - Die »Tätigkeit« des seins (einai) des Eins erzwingt die Zeit, weil das Tun eine Bewegung ist, und die Bewegung nicht ohne die Zeit ist. Dauert dies Tun des Eins länger als dasselbe Tun der Anderen oder nicht? Denn obwohl das Eins und die Anderen identisch sind, so sind doch die Anderen im Eins, haben den Anfang zu ihrer Voraussetzung und nicht umgekehrt der Anfang sie. Aber anders als das > und <, das zum Eins und nicht zu den Anderen gehörte, gehört die Zeit allein zu den Anderen und nicht zum Eins. So jedenfalls Platon im Tiamaios , wo er die Zeit allein dem Vergänglichen und nicht dem Ewigen zuweist - Tim. 37d-38a - . Wir müssen die Zeit auf die Bewegung der Anderen und auf das Sein des Eins beziehen, indem die Bewegung aller Anderen die Ewigkeit ist, die das Eins hat. Wie der Anfang in Allem ist, ohne dort als Anfang in Erscheinung zu treten, so die Ewigkeit in jedem Zeitlichen.

-- Es hat also Anteil an der Zeit (Metechei men ara chronou), wenn anders am sein (eiper kai tou einai). -- Allerdings. -- Doch wohl indem die Zeit fortgeht (poroiomenou)? -- Ja. -- So wird es demnach immer älter als es selbst, wenn es mit der Zeit fortgeht? -- Notwendig.

PaK.19.152a5 - These: Die Zeit geht voran. Ist die Zeit, und etwas an der Zeit ist bewegt, kann dieses Etwas vorangehen, wenn nicht, nicht. Denn wäre die Zeit selbst eine Bewegung, so würde sich die Bewegung bewegen. Das wäre so etwas wie die Verdopplung der Dinge durch die Form.

Dass die Zeit vorangeht, ist eine unbelegte Behauptung. Ob die alltägliche Vorstellung von einer »fortschreitenden« Zeit genügt, der Zeit dieses vorgestellte Fortschreiten zu unterstellen, muss untersucht werden. Aristoteles widerspricht dieser These in der Physik - Ph.4.10.218b10 -

-- Erinnern wir uns wohl auch noch, daß das Ältere immer älter wird als ein Jüngerwerdendes (neoteron gignomenon)? -- Das erinnern wir uns - Pa.12.140e-142a - . -- Also wenn das Eins älter als es selbst wird, muss es auch älter werden als es selbst das Jüngerwerdende. 152b -- Notwendig. -- Es wird also jünger sowohl als älter als es selbst auf diese Art. -- Ja.

Pa.19.152b2

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PaK.19.152b2 - Das Eins aus - Pa.12.140e-142a - war vom Älterwerden ausgenommen, weil es dort kein Zweites gab. In - Pa.13.142b-144a - trat das Andere hinzu, das zusammen mit dem Eins das Ganze ist. In - Pa.16.146d-148d - wurde das Eins selbst zum Ganzen, das aus der mit dem Leeren gleichzeitigen Materie besteht. Das Werden und Vergehen blieb jedoch dem Eins entzogen und wurde allein den mit dem Eins identischen Anderen zugewiesen. Wenn aber das Eins und die Anderen identisch sind und alle Anderen werden und vergehen, so muss die Frage nach dem Werden und Vergehen des Eins neu gestellt werden.

Das ganze Eins kann weder älter noch jünger werden, weil es ungeworden und unvergänglich ist.

-- Es ist aber älter, nicht wahr, wenn es werdend in der Zeit des Jetzt (ton nyn chronon) ist zwischen (metaxy) dem War und Wirdsein? Denn es kann doch nicht aus dem Vorher in das Nachher fortschreitend das Jetzt überspringen? -- Freilich nicht.

PaK.19.152b5 - Das Werden als linearer Vorgang in drei Etappen, von denen eine das ausgedehnte Jetzt ist.

Das Jetzt als Zeit zwischen zwei Zeiten wäre ein ausgedehntes Mittleres (meson). Das wäre ein stetiger Zeitweg, der aus einem Warweg, einem Jetztweg und einem Wirdseinweg besteht. Parmenides stellt diese These nur als vorbereitende These auf.

-- Hält es aber dann nicht inne mit dem Älterwerden, wenn 152c es auf das Jetzt (to nyn) trifft, und wird dann nicht, sondern ist schon älter? Denn fortschreitend würde es niemals von dem Jetzt ergriffen werden. Nämlich das Fortschreitende verhält sich so, daß es beide berührt, das Jetzt und das Hernach, das Jetzt nämlich verlassend und das Hernach ergreifend, zwischen beidem (metaxy amphoteron) werdend, dem Jetzt und dem Hernach. -- Richtig.

PaK.19.152c6 - Das Werdende berührt beide Zeiten, das Jetzt und das Hernach. Soll es allein im Jetzt sein, so muss es anhalten.

Das Zwischen (metaxy) zwischen dem Jetzweg und dem Hernachweg kann nur der Punkt sein, in dem der Jetztweg aufhört und in dem das Hernach anfängt ( Ph.4.10.217b30ff ). Bewegt sein kann das Jetzt nicht, wenn es einen bestimmten Punkt des Älterwerdens oder einen bestimmten Punkt einer Bewegung markiert. Denn der Zeitpunkt wird morgen und in 100 Jahren dort sein, wo er jetzt ist. Das Jetzt zwischen dem bis jetzt vergangenem und dem ab jetzt werdenden müsste vergehen und werden. Aristoteles schildert diese Probleme in der Physik an vielen Beispielen, besonders im sechsten Buch. Parmenides schildert den »Pfeil« gerade umgekehrt wie Zenon. Zenon sagt, das sich Bewegende ruht. Parmenides sagt, das sich Bewegende hält an. (So ähnlich argumentiert auch der Entdecker der »natürlichen Logarithmen« John Napier )

-- Wenn es also notwendig ist, daß alles Werdende (pan to gignomenon) am Jetzt nicht vorbeigehe: so hält es auch notwendig, wenn es an diesem ist, 152d mit dem Werden (gignesthai) inne und ist alsdann das, in dessen Werden es eben begriffen ist. -- Das leuchtet ein.

PaK.19.152d2 - Das Werdende muss im Jetzt (mit dem Werden) anhalten.

Neben der Zeit führt Parmenides nun das Werden ein, um einen bestimmten Vorgang in der Zeit zu benennen. Die hier formulierte Voraussetzung des Zenon'schen Pfeils lautet: Der 100 Meter-Läufer muss im Jetzt des Erreichens der 100 Meter-Marke gegen eine Wand laufen, um sein Ziel zu erreichen. Denn liefe er weiter, so verpasste er das Jetzt, das an dem Ziel ist. Die Bewegungslosigkeit des Jetzt (bei gleichzeitiger Annahmen des Fortschreitens der Zeit und die Bewegung des Bewegten erzwingen diese Formulierung, wenn das Jetzt und das Bewegte zur Deckung kommen sollen. Das ist eine Folge unserer Zusammenfügung eines Stetigen (Bewegung) mit einem Diskreten (Zeitpunkt). Aber anders als in der Logik oder der Geometrie, wo wir dieser Folge mit dem exklusiven Oder ausweichen, müssen wir uns ihr im Anfang der Bewegung stellen.

-- Also auch das Eins, wenn es im Älterwerden auf das Jetzt trifft, hält es inne mit dem Werden und ist alsdann älter. -- Allerdings. -- Also als was es älter wurde, als das ist es auch älter? Es ward aber älter als es selbst? -- Ja. -- Es ist aber das Ältere älter als ein Jüngeres? -- Das ist. -- Auch jünger ist also alsdann das Eins als es selbst, wenn es älter werdend auf das Jetzt trifft. -- Notwendig. -- Das 152e Jetzt aber wohnt dem Eins bei sein ganzes Sein hindurch (dia pantos tou einai). Denn es ist immer jetzt, wenn es ist. -- Wie sollte es nicht?

Pa.19.152e2

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PaK.19.152e2 - Aus Parmenides' These: Das Eins ist immer mit einem Jetzt (nyn) zugleich folgt: Jeder Gegenstand ist immer mit einem Jetzt (nyn) zugleich. Diese Erkenntnis wird weitreichende Folgen für die Wissenschaft des Altertums und der Neuzeit haben ( bei Aristoteles besonders in Ph.4.208-224 Kapitel 10 bis 14 und Ph.6.231-241 und Me.9.1045-1052 ). Zwar ziehen es die Wissenschaftler vor, nicht darüber zu reden, aber das ändert nichts an der Tatsache.

Das Eins ist ungeworden und unvergänglich. Es bewegt sich nicht und hält folglich nicht inne. Anders gesagt, die Zeit des Eins und die »Zeit« des Jetzt haben nichts miteinander zu tun. Der einzige Zeitbegriff des Eins ist die Ewigkeit. Das Jetzt gehört zu den Anderen.

Ist das Jetzt der Zeit der bestimmten Bewegungen in jedem Moment ein anderes, oder ist es stets dasselbe Jetzt - Ph.4.11.219b10ff - ? ist eine schwer zu beantwortende Frage, weil sich die Zeit, windiger als jeder Politiker, der genauen Bestimmung entzieht.

-- Immer also ist sowohl als wird das Eins älter und jünger als es selbst. -- So scheint es. -- Ist oder wird es aber wohl mehrere Zeit als es selbst, oder die gleiche? -- Die gleiche. -- Gewiß aber doch hat, was die gleiche Zeit ist oder wird, auch einerlei Alter? -- Wie anders?

Pa.19.152e6

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PaK.19.152e6 - Der Altersvergleich eines Gegenstands mit sich selbst: Früher war ich jung, heute bin ich alt, setzt das Werden dieses Gegenstandes voraus, worauf sich das Jetzt und das Früher beziehen. Bei einem ungewordenen Gegenstand wie dem Eins ist dieser Vergleich nicht möglich.

-- Was aber dasselbe Alter hat, das ist weder älter noch jünger? -- Freilich nicht. -- Das Eins also, da es mit sich selbst gleiche Zeit ist und wird, ist und wird weder jünger noch älter als es selbst. -- Nein, dünkt mich. -- Wie aber? etwa als die Anderen? -- Das weiß ich nicht zu sagen.

Pa.19.152e10

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PaK.19.152e10 - Entspricht das Eins dem Sein, so scheint eine Altersabweichung zwischen dem Eins und der Zeit des Eins unwahrscheinlich.

153a -- Das aber weißt du doch zu sagen, daß die Anderen als Eins, wenn sie doch die Anderen sind und nicht ein Anderes, mehr sind als Eins. Denn wenn es ein Anderes wäre, so wäre es Eins: da es aber die Anderen sind, so sind sie mehr als Eins und haben also eine Menge (plethos) - K16 - . -- Die müssen sie haben. -- Haben sie aber eine Menge, so müssen sie auch einer größeren Zahl (arithmou pleionos) teilhaftig sein als das Eins. -- Wie sonst? -- Und wie doch? wollen wir sagen, daß von der Zahl das Mehrere eher werde und geworden sei oder das Wenigere (elatto)? -- Das Wenigere. -- Das Wenigste also zuerst: dies 153b ist aber das Eins. Nicht wahr? -- Ja. -- Das Eins also ist zuerst geworden (proton gegone) unter allem, was Zahl hat (ton arithmon echonton).

PaK.19.153b2 - Die Anderen sind mehrere als das Eins. Das Wenigere wird zuerst. Also ist das Eins zuerst geworden.

Auch wenn die Zeit des Eins und die Zeit der Anderen dieselbe ist, so muss doch ein Unterschied zwischen den beiden Zeiten gemacht werden, wie auch das Eins und die Anderen trotz ihrer Identität nicht Einerlei, sondern Zweierlei sind. Wie der Anfang nur die Gleichzeitigkeit Zweier ist, so ist seine Zeit ebenfalls allein die eine Zeit des Ganzen, der wir den Namen Ewigkeit gegeben haben. Und diese Aussage gilt auch für jeden Teil dieses Ganzen, denn der Anfang ist in Allen.

Für den letzten Abschnitt des Dialogs in Erinnerung behalten, dass Parmenides zwischen Menge und Zahl zu unterscheiden weiß.

Aber auch die Anderen haben Zahl, da sie doch die Anderen sind und nicht ein Anderes. -- Die haben sie. -- Zuerst geworden aber ist es, glaube ich, auch früher geworden, und das andere später. Das später Gewordene aber ist jünger als das früher Gewordene; und auf diese Art also wären die Anderen jünger als das Eins und das Eins älter als die Anderen. -- Das wäre es. -

PaK.19.153b7 - Weil später geworden sind die Anderen jünger als das Eins.

Jedes einzelne Andere ist

(+) Eins = [+] Anderes n

und damit auch nur ein Teil der Zeit des Eins. Aber alle Anderen und das Eins sind identisch.

[+] Eins = [+] Andere

Was immer die Zeit ist, wenn die obigen Gleichungen wahr sind, dann ist die Zeit aller Anderen dieselbe wie die des ganzen Eins, die Ewigkeit. Und die Zeit jedes einzelnen Anderen ist kleiner als die des Eins.

Ein Altersvergleich scheint nur zwischen zwei Anderen sinnvoll. Der »Altersvergleich« zwischen einem Anderen und dem Eins ist immer derselbe (+) E = [+] A. Dieser Altersvergleich darf aber nicht in der Logik benutzt werden, weil das Eins das Sein ist und weil es kein nicht-Sein gibt.

Wir befinden uns hier an einem ähnlichen Scheidepunkt der Untersuchung wie im sechzehnten Kapitel, das zwei identische Verschiedene entdeckt hat, nur sind die beiden Verschiedenen diesmal nicht identisch.


1. Da Parmenides nicht ohne Grund das Verb sein wählt, schreibe ich es klein.