Pa.16.146d-148d Das Eins oder die Anderen, das Eins und das Andere1

Und nicht wahr, alles, was nicht Eins ist (apanth' hetera tou enos), ist verschieden von dem Eins und das Eins von dem Nicht-Eins (me hen)? -- Wie sonst?

PaK.16.146d4 Besteht die Welt aus genau Zweien A und B, so ist das Verschieden auf drei Arten denkbar, als »Atom«, als »Schere« oder als »Rahmen«, oder »prinzipiell«, »logisch« und »metrisch«. Das Atom ist das prinzipielle, die Schere ist das logische, und der Rahmen ist das metrische oder definitorische Verschieden.

Das von Anaxagoras, Platon und Aristoteles verwendete Rahmenmodell besteht aus einem umhüllenden A und einem umhüllten B. Das von Leukipp und Demokrit gefundene Atommodell besteht aus den beiden die Welt gleichermaßen umfassenden A und B. Und das Scherenschnittmodell zerschneidet die Welt in zwei Teile A und B. Das Scherenschnittmodell teilt das Ganze in zwei Teile, die örtlich voneinander getrennt sind.

So unterschiedlich die drei Weltbilder sind, logisch sind alle drei dasselbe, nämlich

[+] A = [-] B

[-] A = [+] B

Das ganze A ist mit dem ganzen nicht-B identisch. Oder das ganze nicht-A ist mit dem ganzen B identisch. Das Verschiedene oder die absolute Trennung - Pa.xy - . Das liegt beim Atom und bei der Schere daran, dass die (hier genau zwei) Teile eines Ganzen stets voneinander getrennt oder verschieden sind. Beim Rahmen liegt es daran, dass der Rahmen und das Bild wechselseitig für einander stehen können.

Die Gemeinsamkeit der Modelle besteht darin, dass ihre beiden Teile A und B entweder zusammen das Ganze oder das Eins sind oder dass beide Teile wechselseitig für das Ganze stehen. Aber wenn das Eins das Ganze ist, was sollen dann die Anderen sein??

-- Verschieden also wäre das Eins von den Anderen. -- Verschieden.

PaK.16.146d5 - Das Eins ist von den Anderen verschieden.

Parmenides setzt die Anderen mit dem nicht-Eins gleich und damit

[+] E = [-][+] A

[+] E = [-] A

Das ganze Eins ist identisch mit dem ganzen nicht-Anderen. Wieder die Schere. Formallogisch ist das dieselbe Beziehung wie die zwischen dem Rand des Alls und dem Inhalt des Alls aus dem dreizehnten Kapitel, dem Rahmen, nur mit dem Makel, dass das Eins nicht mehr das Ganze ist.

Dort war es die Beziehung, die einen gewissen Mut erfordert hat, weil sie mit dem logisch heiklen Rand der Welt operiert, während es hier die Beziehung ist, die ungefragt und immer gilt:

[+] Sein = [+] E & [+] A

Das Sein ist das Eins und das von ihm getrennte Andere. Auch hier ist wiegesagt vorausgesetzt, dass es ein nicht-Eins gibt, nämlich das A. Aber auch das [+] E und das [+] A sind nicht das Gesuchte. Denn es sind zwar das [+] E und das [-] A zugleich (sogar identisch), aber es gibt ein örtlich von [+] E Getrenntes gegen die Voraussetzung, dass [+] E allgroß ist. Wir sind keinen Schritt weiter wie oben, wo das Eins und die ousia die beiden Teile des Ganzen waren.

-- Sieh nun weiter: das Einerlei und das Verschieden, sind diese beiden selbst nicht einander entgegengesetzt? -- Wie sonst? -- Kann also wohl jemals das Einerlei in dem Verschiedenen und das Verschiedene in dem Einerlei sein? -- Es kann nicht.

PaK.16.146d8 - Das Verschieden und das Einerlei derselben ist nicht möglich.

[+] E = [+] A und
[+]
E = [-] A

zugleich sind nicht möglich. Die beiden Beziehungen können nicht zugleich wahr sein. [+] A und [-] A, Gegenstand und Komplement, Satz und Kontraposition, sind nie zugleich (am selben Ort).

Mit der Einführung der Anderen stellt sich die Frage, ob die Anderen der zweite Teil des aus Zweien bestehenden »Scheren«-Alls sind und das Eins der erste (nur noch) Teil, oder ob das Eins und die Anderen eine andere Beziehung zueinander haben.

-- Wenn also das Verschiedene niemals in Einerlei ist, so gibt es nichts, worin das Verschiedene irgend einige Zeit sein kann. 146e Denn wenn es nur irgend einige in etwas wäre, so wäre diese Zeit hindurch das Verschiedene in Einerlei. Ist es nicht so? -- So ist es. -- Da es nun aber niemals in Einerlei ist, so wird auch niemals das Verschiedene in irgend etwas sein. -- Richtig. -- Also wird es auch weder in dem Eins noch in dem Nicht-Eins sein? -- Freilich nicht.

PaK.16.146e5 - Das Verschieden ist niemals in einem Etwas.

Die beiden allgroßen und gleichzeitigen Teile des Anfangs müssen absolut voneinander getrennt sein, also wieder [+] E = [-] A, wenn wir bei den Namen E und A bleiben wollen. Da aber [+] E allgroß ist, muss [+] A dort sein, wo [+] E ist. Das scheint unmöglich, weil beim Verschieden [+] A dort ist, wo [-] E ist.

-- Also nicht vermöge des Verschiedenen kann das Eins von dem Nicht-Eins noch das Nicht-Eins von dem Eins verschieden sein. -- Freilich nicht. -- Noch auch können sie vermöge ihrer selbst voneinander verschieden sein, wenn sie 147a das Verschiedene gar nicht in sich haben. -- Wie sollten sie? -- Wenn sie aber weder vermöge ihrer selbst verschieden sind, noch vermöge des Verschiedenen, entgeht ihnen dann nicht auf alle Weise dies, daß sie voneinander verschieden sind? -- Es entgeht ihnen. -- Aber ferner, mit dem Eins hat doch alles Nicht-Eins keine Gemeinschaft? Denn sonst wäre es nicht Nicht-Eins, sondern gewissermaßen Eins. -- Wahr. -- Also ist auch das Nicht-Eins keine Zahl. Denn auch so wäre es nicht ganz und gar Nicht-Eins, wenn es eine Zahl hätte. -- Freilich nicht. -- Und wie, ist etwa das Nicht-Eins Teil des Eins? Oder würde auch so das Nicht-Eins Gemeinschaft haben mit dem Eins? -- Es würde. -- Wenn also ganz und gar das eine Eins ist und 147b die Anderen Nicht-Eins, so kann auch das Eins kein Teil des Nicht-Eins sein, noch auch das Ganze für jenes als seine Teile;

PaK.16.147b2 - Parmenides spricht von einem nicht-Eins, das nicht verschieden ist. So etwas gab es bis jetzt noch nicht. Denn das ganze nicht-A galt uns bisher immer als das Kennzeichen des Verschiedenen.

Das Eins kann nie ein Teil des nicht-Eins sein, weil beide immer einander ausschließen. Die Identifikation des Anderen mit dem nicht-Eins setzt voraus, dass das Eins nicht das Sein ist, so dass das Andere das Komplement des Eins ist, und die Summe des Eins und des Anderen das Sein ist - PaK.16.146d5 - .

ebensowenig wiederum ist das Nicht-Eins Teil des Eins, noch Ganzes, für das Eins als seinen Teil. -- Freilich nicht. -- Wir sagten aber, was voneinander weder Teil noch Ganzes wäre noch auch verschieden, das werde miteinander einerlei sein - 146c - . -- Das sagten wir. -- Wollen wir also auch sagen, daß das Eins sich so gegen das Nicht-Eins verhält, daß es mit demselben einerlei ist? -- Das wollen wir sagen. -- Also ist das Eins, wie es scheint, verschieden von den Anderen und von sich selbst und einerlei mit jenem und mit sich selbst. -- Das scheint wohl zu erhellen durch diese Ausführung.

PaK.16.147b8 - Das Eins ist das Ganze

Da das nicht-Eins weder verschieden vom Eins ist, noch in einer der Teil:Ganz Beziehungen zum Eins steht, die Parmenides oben - Pa.15.146b - aufgeführt hat, muss es mit dem Eins identisch sein.

Aristoteles gerät ins Grübeln. Uns stockt der Atem. Denn diese Ausführung würde bedeuten, dass nun statt

[+] E = [-] A

[+] E = [+] A

gilt, aus dem Verschiedenen das Einerlei wird!

Ist es möglich, dass das Eins und die Anderen verschieden sind und dass beide dennoch identisch sind? Ja, wenn beide das All sind und beide zueinander in der Beziehung des exklusiven Oder stehen, wenn das Eins und die Anderen nicht die beiden Teile des Anfangs sind, sondern das Eins allein der Anfang ist, und die Anderen alle Dinge der Welt sind.

Das ist ein noch nie dagewesener Satz 1. Die Identität des Eins und der Anderen ohne äußeres Komplement [-] E = [-] A ist etwas völlig Neues und Außerlogisches. Es ist die Konsequenz der von Parmenides entdeckten Gleichzeitigkeit Zweier als des Ganzen, nur diesmal nicht nur am Rand des Alls, sondern im ganzen All.

Allein so kann das Eins der Anfang sein, der in Allen ist, in dem Alles ist und außer dem Nichts ist. Als separate Form ist das Eins Nichts. Als örtlich von den Anderen getrenntes Eins ist das Eins die Hälfte oder ein anderer Teil des Seins. Allein als mit den Anderen identisch ist das Eins in Allen.

Das ist seine einzige Aufgabe: In Allem sein. Gegen alles Andere, die Bewegung, die Nichbewegung, das Werden und Vergehen, gegen jegliche Veränderung ist das Eins vollkommen indifferent. Es ist nur, was es ist. Erfüllt es diese Aufgabe, so bietet es den Anderen eine vollkommen freie Bühne, auf der sie ihr Spiel in beliebigen Variationen spielen können.

Die Identität des Anfangs mit den Anderen ist Parmenides' Eins, das mit dem Ganzen identisch ist, wobei das Ganze alle Anderen sind, die Aristoteles die ousiai nennen wird.

Bleibt nur noch zu klären, was das Eins ist!

PaK.16.147b8.a - Der Anfang

Bei den beiden identischen Ganzen handelt es sich um das Eins [+] E und den mit ihm nicht nur gleichzeitigen, sondern mit ihm identischen Dingen der Welt [+] A.

Die Bestimmung des Anfangs als die Gleichzeitigkeit zweier nicht Identischer kann daher nicht durch die Anderen erfolgen. Es ist die Gleichzeitigkeit Zweier, die zusammen das E sind, die aber voneinander verschieden sind [+] X = [-] Y. Die Exklusivität kann ebenfalls nicht innen und außen sein, sondern sie muss innen und innen sein. Das bedeutet,

die beiden rechts und links

sind dasselbe. Nur logisch ist [+] X = [-] Y und [-] X = [+] Y das Verschiedene. Es sind zwei innere Komplemente.

Dieses [+] X und [+] Y haben Leukipp und Demokrit in Auseinandersetzung mit Parmenides entschlüsselt. Es ist das Leere und die Materie. Bei der Untersuchung des ganzen Stoffs des Alls ergibt sich dieselbe logische Beziehung wie die Beziehung der Grenze des Alls zu ihrem Stoff oder der Schere.

[+] Leeres = [-] Materie: Das ganze Leere ist identisch mit der ganzen nicht-Materie.

[-] Leeres = [+] Materie: Das ganze nicht-Leere ist identisch mit der ganzen Materie.

Nur handelt es sich diesmal auf beiden Seiten der Gleichungen um echte Ganze und nicht wie bei der Form um Grenzen, die sich als Ganze ausgeben.

Das ist erneut dieselbe logische Relation des ausgeschlossenen Dritten. Nur gibt es diesmal kein äußeres Komplement, weil das All kein Äußeres hat, wie die Pythagoreer vermutet haben, die sich auch mit dem Leeren befasst haben. Das Komplement ist im Inneren. Also logisch dieselbe Beziehung wie die der Form des Alls zum Stoff des Alls (»Rahmen«) oder des A zu seinem örtlich von ihm getrennten Komplement (»Schere«), aber Ausgangsbasis ist nun, dass das All aus genau zwei Ortsidentischen besteht. Die logische Identität ist hier zusätzlich die Ortsidentität des Verschiedenen. [+] Leeres und [+] Materie nehmen einen und denselben Ort ein und sind vollständig voneinander getrennt, sind so verschieden, wie zwei Dinge nur verschieden sein können.

Während das Eins aus - PaK.13.143a3.1 - die Grenze und das Ganze das Innere des Alls sind (»Rahmen«) oder Ende und Anfang oder im logischen Satz und Komplement meist örtlich voneinander getrennt sind, sind das Leere und die Materie zwei ortsidentische Körper (ebd. »Atom«), beides Anfänge. Das Leere ist der Ort der Welt, die Materie nimmt den Ort der Welt ein. Obwohl ortsidentisch, sind diese beiden Körper der Welt absolut und ewig voneinander getrennt. Kein Millimeter des Leeren ist, war oder wird Materie, und kein Millimeter der Materie ist, war oder wird Leeres.

Das gleichzeitige Volle und Leere lässt sich auf drei Arten darstellen. Die Gleichzeitigkeit ist die ontologische Darstellung. Die beiden Identitäten sind die logischen Darstellungen von Satz und Kontraposition. Die Gleichzeitigkeit Zweier im Anfang ist keine Identität der beiden Gleichzeitigen, sondern das gerade Gegenteil.

PaK.16.147b8.b - Der Teil und das Ganze

Und nun erst zu Parmenides' E=A.

Das zugleich Volle und Leere ist der Anfang. Es ist das Ganze. Jeder materielle Gegenstand ist ein Teil des Ganzen. Hier ist die gesuchte Grundlage für den Formalismus des Ganzen und des Teils.

22.10.2016 Es ist mehr: Teilsein und Ganzessein sind nur im Anfang möglich, denn jedes Andere ist Teil des Eins. Weder Teil der Materie, Teil des Leeren noch Teil des Raums können von einer ousia bevölkert werden. Im Raum ist die ousia wie der Fisch im Wasser oder wie das Fischernetz im Wasser. In der Materie ist nur Materie, und im Leeren ist nur Leeres. Allein im Anfang ist Alles, und Alles ist im Anfang, und nichts ist außer dem Anfang.

Alle materiellen Gegenstände der Welt zusammen sind die Anderen. Da die Welt aus nichts anderem als aus der Materie und dem Leeren besteht, müssen alle materiellen Gegenstände - das ist die sinnliche oder träge Materie und der Raum - und das Eins identisch sein. Der Teil und das Ganze werden in der Analytik untersucht. Der Anfang wird in der Physik untersucht. Es gilt wieder das exklusive Oder, denn das Sein ist entweder das Eins oder die Anderen.

[+] E = [+] A

[+] S = ( [+] E | [+] A),

wobei E = (M & L), das Volle und das Leere ist. Mit E, dem Anfang, haben wir in der Grundlagenforschung und im eschatologischen Teil der Physik zu tun. Mit A, den Anderen, haben wir täglich zu tun, weil jeder von uns ein A ist. Das Eins und die Anderen sind identisch und dennoch verschieden. Das Eins ist der Anfang. Die Anderen sind alle, die dem Anfang folgen und die alle zusammen das Prinzip E | A sind. Parmenides hat die Identität von E und A bestimmt. Ich habe mit dem, was ich von Aristoteles gelernt habe, den Anfang M+L und den Formalismus des Ganzen und des Teils beigesteuert.

Ohne E = A könnte das Eins nicht in Allem sein. Daher gehören M & L=E und Sein=E|A untrennbar zusammen.

hierher?: Als ich die drei Prinzipien zum ersten Mal formuliert habe, habe ich das noch in Unkenntnis von E = A getan. Das Atommodell ohne die Anderen, die Schere ohne den Stoff sind jedoch nur die halbe Wahrheit. Diese beiden kommen ohne ein Anderes nicht aus. Allein zum Rahmenmodell passt kein Anderes. Das liegt aber daran, dass dies ein Kunstprodukt des Menschen ist, das er nur für seine Bedürfnisse des Messens erfunden hat.

feb 16 Das Andere des Parmenides kann man als die Grundlage seiner wissenschaftlichen Dialektik bezeichnen. Und E = A scheint über den drei Anfängen zu stehen. Hier bin ich noch zu keinem abschießenden Urteil gelangt.

147c Ist es etwa auch ähnlich und unähnlich sowohl sich selbst als den Anderen ? -- Vielleicht. -- Da es sich doch verschieden von den Anderen gezeigt hat, so sind wohl auch die Anderen verschieden von ihm? -- Wie anders?

PaK.16.147c3 - Das Eins ist von den Anderen verschieden. Die Anderen sind vom Eins verschieden.

Aber die Verschiedenheit kann nun nicht mehr als [+] E = [-] A ausgedrückt werden, weil [+] E = [+] A ist.

-- Also verschieden ist es so von allen Anderen , wie alle Anderen von ihm, und weder mehr noch weniger? -- Wie sonst?

PaK.16.147c5 - Logisch ist die Verschiedenheit des Eins von den Anderen nicht fassbar, sondern nur durch die Erkenntnis, dass der Anfang und die sinnlichen Dinge Zweierlei sind. Sie sind wirklich identisch, und sie sind wirklich verschieden. Das Volle und Leere ist wirklich von jedem einzelnen Anderen wie Mensch, Hund und Katze verschieden. Und das Volle und Leere ist wirklich mit allen Anderen identisch, weil jeder Gegenstand materiell ist und mit dem Teil des Leeren zugleich ist, an dem er gerade ist. So dass die Summe aller Gegenstände mit dem Vollen und Leeren identisch ist. Das exklusive Und (V & L) scheidet damit aus der jetzigen Untersuchung aus. Nicht, weil es nicht mehr gilt, sondern weil es Teil des exklusiven Oder ist:

[+] S = (( [+] V & [+] L) | [+] A),

dem Einen oder dem Anderen, dem Anfang oder den Dingen der Welt.

-- Wenn also weder mehr noch weniger, dann eben so? -- Ja. -- Also inwiefern ihm zukommt, verschieden zu sein von den Anderen , und gleichermaßen die Anderen von ihm, insofern kommt beiden einerlei zu, dem Eins mit allem andern und allem andern mit dem Eins. ( Bei (E|A ist E = A ) --

PaK.16.147c8 - Die Verschiedenheit des Anfangs und der Anderen ist nur über die Erkenntnis fassbar, nicht über die Logik (die gegenteilige Annahme der unmittelbaren Verknüpfung des Anfangs mit den Dingen hat Demokrit zu Fall gebracht und den Spöttern des Atomismus leichtes Spiel bereitet). Obwohl alles im Anfang ist und der Anfang in Allem, scheint es keinerlei Berührungen zwischen dem Anfang und den Anderen zu geben. Im letzten Buch der Physik, beim Untergang einer alten und beim Werden einer neuen Teilwelt, wird es zu der Berührung kommen, die Demokrits Bewegung der Atome im Leeren von ihren Makeln der Haken und Ösen befreien wird. Denn dort gibt es die Berührung zwischen dem Anfang und den Anderen, die den Gesetzen des Eins und nicht denen der Anderen folgt ( Kr.8.10 ).

147d Wie meinst du das? -- So: Mit jedem Worte benennst du doch etwas? -- Ich gewiß. -- Wie nun, kannst du dasselbe Wort wohl mehrere Male sagen oder nur einmal? -- Ich kann jenes. -- Ist es nun so, daß, wenn du es einmal aussprichst, du dann jenes damit bezeichnest, wofür es das Wort ist; wenn aber mehrmals, dann nicht jenes? Oder mußt du nicht, du magst nun dasselbe Wort einmal oder öfter aussprechen, auch immer notwendig dasselbige sagen? -- Freilich. -- Nun ist doch auch das Verschiedene ein Wort für etwas? -- Allerdings. -- 147e Wenn du es also aussprichst, es sei nun einmal oder öfter, so geschieht es nicht in Beziehung auf etwas anderes, und du bezeichnest nicht etwas anderes damit, als nur eben jenes, wofür es das Wort ist. -- Notwendig. -- Indem wir nun sagen, daß die Anderen verschieden vom Eins sind und das Eins auch verschieden von den Anderen: so sagen wir zwar zweimal verschieden, meinen aber damit nichtsdestoweniger keinen andern Begriff, sondern nur eben jenen, wofür es das Wort ist. -- Inwiefern also 148a das Eins von den Anderen verschieden ist und die Anderen von dem Eins; so kommt, weil beiden einerlei verschiedenes zukommt, dem Eins nicht anderes, sondern dasselbe zu, mit den Anderen; und wem einerlei zukommt, das ist ähnlich. Nicht wahr? -- Ja. -- In wiefern also dem Eins zukommt, verschieden von den Anderen zu sein, eben insofern wäre alles und jedes allem und jedem ähnlich. Denn Jegliches ist ja von Jeglichem verschieden. -- So scheint es.

PaK.16.148a6 - Die Ähnlichkeit im Verschiedenen

Das Sein der Anderen im Eins

Dass »Jegliches von Jeglichem verschieden« ist, trifft für alle zwei Andere zu, die örtlich voneinander getrennt sind, etwa [+] du = (-) ich als Teilverschiedenheit. Zwischen dem Einen und den Anderen gelten Gesetze, die nur hier gelten und die zum Teil nur mit dem Verstand erfassbar sind. [+] E = [+] A gilt von vornherein immer, weil beide das Ganze sind, das es nur einmal gibt, Die beiden Teile von [+] E, [+] M und [+] L, sind ungeworden und unvergänglich.

Da [+] E und [+] A dasselbe sind, ist jedes einzelne Andere [+] A n ein (+) E.

Allein der Anfang erlaubt, die Welt als Ganze zu begreifen, deren jeder einzelne Gegenstand ein Teil des Ganzen ist. [+] Gegenstand = (+) Welt bedeutet [+] Σ A n = [+] E (das große griechische S steht für »Summe«, und [+] Σ A n bedeutet die Summe aller A).

Weil das ganze A und alle A dasselbe sind, können wir jetzt wahlweise »die Anderen« oder »das Andere« sagen, können uns also mehr noch als die Mathematiker die Freiheit nehmen, die von »allen Dreiecken« sprechen. Und da ich in der Neulektüre der Metaphysik die ousia als Teil des Seins definiert habe, so können wir zu den Anderen auch wahlweise die ousiai oder Die Ousia sagen.

-- Aber das Ähnliche war doch dem Unähnlichen entgegengesetzt (homoion to anomoio enantion)? -- Ja. -- Nicht auch das Verschiedene dem Einerlei? -- Auch dieses. -- Aber auch das hatte sich gezeigt, daß eben das Eins mit 148b den Anderen einerlei war. -- Das hatte sich gezeigt. -- Und das ist doch die entgegengesetzte Beschaffenheit, einerlei mit den Anderen zu sein zu der verschieden von den Anderen zu sein? -- Freilich wohl. -- Sofern es aber verschieden war, hatte es sich als ähnlich gezeigt. -- Ja. -- Sofern es also einerlei ist, wird es unähnlich sein, vermöge der Beschaffenheit, welche jener ähnlich machenden entgegengesetzt ist. Und ähnlich machte doch die Verschiedenheit? -- Ja. -- Unähnlich also wird die Einerleiheit machen; oder sie wird der Verschiedenheit nicht entgegengesetzt sein. -- 148c So scheint es. -- Ähnlich also und unähnlich wird das Eins allem andern sein: sofern es verschieden ist Ähnlich, sofern es einerlei ist Unähnlich. -- Es hat freilich, wie es scheint, auch eine solche Bewandtnis damit.

Pa.16.148c3

nachtragen

PaK.16.148c3 - Aristoteles wird immer aufsässiger. Der längste Text, den er im Dialog sprechen darf, drückt eine gewisse Skepsis aus. Die Unähnlichkeit beim Einerlei und die Ähnlichkeit beim Verschiedenen kann auch ich so nicht nachvollziehen. Zwar es gibt tatsächlich eine Gegensätzlichkeit von Un/Ähnlichkeit und Einerlei/Verschieden, allerdings bei der Teilverschiedenheit/dem Teileinerlei. Denn alle vier Teileinerlei/Teilverschiedenheiten haben als notwendig geltende Beziehungen je eine ihnen entgegengesetzte Un/Ähnlichkeit:

Teil-(Einerlei/Verschiedenheit) (+)=[+] [+]=(+) (-)=[+] (+)=[-]

notw. geltende Un/Ähnlichkeit (+)=(-) (-)=(+) (-)=(-) (+)=(+)

15/11/14 Soll das hier wirklich rein? Du bist im 16. Kapitel. Da sind andere Sachen zu verdauen als die erklärungslos hingerotzten vier Sätze. Denk nicht, schreib ab ; im 22. Kapitel passt es

Von hier aus betrachtet war es eine gute Entscheidung von Parmenides, die vier Un/Ähnlichkeiten oben nicht als Teile der Teileinerlei und Teilverschiedenheiten einzuführen - Pa.15.146b - .

-- Aber auch diese hat es. -- Welche? -- Daß ihm, sofern ihm einerlei zukommt, nicht Unterschiedenes zukommt, und daß es, wiefern ihm nicht Unterschiedenes zukommt, auch nicht unähnlich ist, und daß es, wiefern nicht unähnlich, sofern ähnlich ist. Eben so daß es, wiefern ihm anderes zukommt, unterschieden ist, und als ein Unterschiedenes, auch unähnlich. -- Richtig gesagt. -- Also als einerlei mit allem andern und auch weil es verschieden ist, in beider Hinsicht und in jeder 148d wäre das Eins allem andern ähnlich sowohl als unähnlich. -- Allerdings. -- Auf dieselbe Art also auch sich selbst, da es ja auch von sich selbst sowohl verschieden als auch mit sich selbst einerlei sich gezeigt hat, muss es in beider Hinsicht und in jeder ähnlich und unähnlich erscheinen. -- Notwendig. -

PaK.16.148d4 - nachtragen

Das 16. Kapitel hat den Anfang des Seins aufgedeckt, die mit dem Leeren gleichzeitige Materie. Es hat Parmenides' Geheimnis 'das Eins ist das Ganze' enthüllt, die mit dem Eins identischen Anderen. Und es hat die ontologische Grundlage für die Beziehungen des Ganzen zum Teil gelegt.

Das »Seins-Oder« ist das Sein (E) oder alle Seienden (A). Das »Anfangs-Und« (E) ist das Volle und das Leere (M+L).

E und A sind identisch und voneinander verschieden.

M und L sind ortsidentisch und voneinander verschieden.

Die Verschiedenheit zwischen E und A ist die zwischen dem Anfang und allem im Anfang Befindlichen. Diese Verschiedenheit ist allein über die Vernunft, nicht über die Logik zu begreifen (als Aufzählung aller einzelnen Anderen ist sie auch möglich). Die Verschiedenheit von M und L ist die bereits vielfach aufgetretene logische Relation des ausgeschlossenen Dritten, allerdings mit einem inneren und keinem äußeren Komplement (Kontraposition).

Der Gedanke des Anderen wird Aristoteles fremd bleiben. Er kennt nur das Zugrundeliegende (aus der »Aufzählung«) und das aus dem Zugrundeliegenden Werdende. So liegt dem werdenden Gegenstand die Materie zugrunde (das Leere leugnet er), und der Gegenstand wird aus der Materie. Die eine Hälfte des Eins des Parmenides ist das Zugrundeliegende des Aristoteles. Aber der unmittelbare Zusammenhang Materie - Gegenstand ist dasselbe wie Demokrits Haken und Ösen, nämlich der Sprung vom Prinzip zur ousia. Aristoteles kann dadurch weder den Anfang, noch das Werden richtig deuten. Denn beide benötigen die Zwei. Und er kann die Gesetze des Ganzen und des Teils nicht explizit aufstellen, weil die ein Eins benötigen, das mit einem Anderen identisch ist.


1. Ich gebrauche den Plural »die Anderen« und den Singular »das Andere« Parmenides folgend so: Das Andere ist das Komplement des Eins. Es setzt voraus, dass es außer dem Eins etwas anderes gibt. Die Anderen sind synonym mit dem Eins. Sie setzen voraus, dass es nichts außer dem Eins gibt (wird in diesem Kapitel erklärt).