Pa.12.140e-142a Das Eins allein ist absurd.

140e Und wie? dünkt dich wohl das Eins älter (presbyteron) oder jünger (neoteron) sein oder auch das nämliche Alter als etwas haben zu können? -- Warum doch nicht? -- Weil es, um einerlei Alter als es selbst oder etwas anderes zu haben, auch eine Gleichheit oder Ähnlichkeit der Zeit (isotos chronou kai homoiotetos) an sich haben müsste, die es doch, wie wir sagten, nicht an sich hat, weder Gleichheit noch Ähnlichkeit. -- Das sagten wir freilich. -- Aber auch, daß es keine Unähnlichkeit oder Ungleichheit an sich hätte, auch das sagten wir. -- Allerdings. -- Wie 141a wird es also möglich sein, daß es älter oder jünger ist als irgend etwas oder auch von gleichem Alter, da es sich so damit verhält? -- Auf keine Weise. -- So ist demnach das Eins weder älter noch jünger noch von demselben Alter, weder als es selbst noch als etwas anderes. -- Offenbar nicht. -- Also kann auch wohl das Eins überall nicht in der Zeit sein, wenn es so beschaffen ist? Oder wird nicht notwendig, was in der Zeit ist, immer älter als es selbst? -- Notwendig. -- Und das Ältere ist doch immer nur älter als ein Jüngeres? -- Was sonst? 141b -- Was also älter wird als es selbst, das wird zugleich auch jünger als es selbst; wenn es doch etwas haben soll, als was es älter wird. -- Wie meinst du dies? -- So: Verschieden darf eins vom andern nicht erst werden, wovon es schon verschieden ist; sondern wovon es schon verschieden ist, davon ist es verschieden, wovon es geworden ist, davon ist es geworden, wovon es werden wird, davon wird es werden; wovon es aber verschieden (diaphoron) wird, davon ist es noch nicht verschieden geworden und will es auch nicht erst werden und ist es auch noch nicht, sondern wird es eben, und anders 141c nicht. -- Natürlich freilich. -- Nun aber ist doch das Ältere eine Verschiedenheit (diaphora) vom Jüngeren und von nichts anderem. -- So ist es. -- Also was älter wird als es selbst, das wird notwendig zugleich auch jünger als es selbst. -- So scheint es. -- Dennoch aber muss es auch weder mehrere Zeit werden als es selbst noch auch wenigere, sondern gleiche Zeit mit sich selbst werden und sein und geworden sein und sein werden. -- Notwendig allerdings auch das. -- Notwendig also ist auch, wie es scheint, daß alles, was in der Zeit ist 141d und dem dieses eignet, das nämliche Alter mit sich selbst habe und zugleich auch älter sowohl als jünger werde als es selbst. -- So sieht es aus. -- Aber das Eins hatte von allen diesen Beschaffenheiten nichts an sich? -- Nichts. -- Also hat es auch keine Zeit an sich und ist in keiner Zeit. -- Freilich nicht, wie unsere Rede zeigt.

PaK.12.141d6 - älter, jünger, werden

Als Überleitung zu einer Welt, die aus mehr als einem unbewegten Einen besteht, hat Parmenides die Zeit gewählt, die eine Schnittstelle zwischen dem unbewegten Einen und den bewegten Vielen ist. In - Pa.19-21 - wird dies deutlicher.

Die lange Stelle über die Zeit, mit der Parmenides das Nichtsein des Eins belegt, führt die Zeit unvermittelt als ein Seiendes ein, ohne sie als ein Zweites neben dem Eins zu benennen und dies zu kritisieren (vgl. auch - Ph.4.10 - Ph.4.14 - ).

- Wie nun? Das War und Wurde und Istgeworden, deutet das nicht auf ein Ansichhaben einer einmal gewesenen Zeit? -- Allerdings. -- 141e Und das Wirdsein und Wirdgewordensein und Wirdwerden auf das einer hernach kommenden? -- Ja. -- Und das Ist und Wird auf das einer jetzt gegenwärtigen? -- Ohne Zweifel. -- Wenn also das Eins auf keine Weise gar keine Zeit an sich hat: so ist es weder je geworden, noch wurde es oder war es, noch ist es jetzt geworden oder wird oder ist, noch wird es in Zukunft geworden sein oder wird werden oder wird sein. -- Vollkommen richtig. -- Kann denn aber auf irgendeine Art etwas eine ousia haben als auf eine von diesen? -- Auf keine. -- Also hat das Eins auf keine Art eine ousia? -- Nein, wie es aussieht. -- Auf keine Weise also ist das Eins (esti to hen). -- Nein, wie es sich zeigt. -- Es ist also auch nicht so, daß es eins ist (hoste hen einai). Denn alsdann wäre es doch seiend und eine ousia an sich habend (ede on kai ousias metechon). Sondern, wie es scheint, ist das Eins weder eins noch ist es (to hen oute hen estin oute estin), wenn man einer 142a solchen Rede glauben darf. -- So ist es beinahe. -- Was aber nicht ist, kann wohl dieses Nichtseiende etwas haben? Oder kann man etwas davon haben? -- Wie sollte man? -- Also hat man auch kein Wort dafür, keine Erklärung davon noch auch irgendeine Erkenntnis, Wahrnehmung oder Vorstellung. -- Offenbar nicht. -- Also wird es auch nicht benannt, nicht erklärt, nicht vorgestellt, nicht erkannt, noch auch etwas, was es an sich hätte, wahrgenommen. -- Es scheint nicht. -- Ist es nun wohl möglich, daß es sich mit dem Eins so verhalte? -- Nicht wohl, wie mich dünkt.

PaK.12.142a8 - Weil es die tempi der Sprache nicht an sich hat, ist das Eins nicht.

Das Eins allein ist kein Ganzes, hat keinen Anfang und kein Ende, keinen Ort, keine Bewegung, keine nicht-Bewegung, kann keinem Anderen gleichen, ähneln oder nichtähneln, kann keine Größen- oder Mengenrelation eingehen.

Mit einem Wort, das Eins allein ist absurd.

Das Nichtsein des Eins mit dem Nichtansichhaben der Zeit stellt die Zeit nicht nur neben das Eins als ein Zweites, gegen die Voraussetzung, sondern stellt die Zeit über das Eins. Dieser Abschluss des ersten aristotelischen Abschnitts ist entweder verunglückt, oder es ist ein Wink mit dem Zaunpfahl, dass die Welt nicht ein Eines allein sein kann.

Die Annahme, die Welt könne aus nur einem Gegenstand bestehen, hat sich als Absurdität herausgestellt, weil ein Eines allein garnichts kann. Nur das »ist« kann ihm nicht abgesprochen werden. Worum es sich bei diesem Eins handelt, ist gleichgültig, weil ein jedes Eins allein garnichts kann außer »sein«.

Das Eins allein taugt nicht zum Prinzip, ist die Botschaft des ersten Durchgangs. Weder die Form allein, noch ein allgroßes Eins allein taugen zum Anfang des Seins, lauten gleichlautend die Botschaften des ersten Aristoteles-Teils und des Sokrates-Teils. Darauf, dass ein Eins allein gar nichts kann, beruhen alle weiteren Untersuchungen. Und dass das nichtstuende Eins das Ganze des Parmenides ist, ist die Botschaft aller Philosophen, die uns über Parmenides aufklären. Sie haben offenbar alle spätestens hier aufgehört, zu lesen.

Denn hier beginnt der eingentliche Auftritt des Parmenides, der seine weltgeschichtliche Bedeutung ausmacht.

Pa.13-23/8.142-160 Zweiter Teil: Das Sein als die Gleichzeitigkeit mindestens Zweier

Wenn Zwei sind, so ergeben sich daraus die drei Prinzipien (Anfänge) des Seins.

Erstes Prinzip - Pa.13-17 , Aristoteles 2.1, der Anfang und die unbewegte Mitte -

Zweites Prinzip - Pa.19-21 , Aristoteles 2.2, die bewegte Mitte -

Drittes Prinzip - Pa.22-28 , Aristoteles 2.3, das Ende (könnte auch Platon 2 heißen) -