Pa.9.136e-137c Bitte an Parmenides

PaK.9-136e5 - Entgegen allem, was die Philosophen einschließlich Aristoteles über Parmenides sagen, wird Parmenides in den komenden vier Kapiteln zeigen, dass die Annahme eines Eins allein absurd ist.

Als dieses Zenon gesprochen, sagte Antiphon, habe Pythodoros selbst, wie er ihm erzählt, und so auch Aristoteles und die andern, den Parmenides gebeten, eine Probe zu geben von dem, was er meine, und ja nicht anders zu tun. Hierauf habe Parmenides gesagt: Ich muss wohl gehorchen. Wiewohl es mir, glaube ich, wie dem Rosse des Ibykos gehen wird, 137a welchem als einem wackern zwar, aber schon bejahrten Streiter, weil es im Begriff, noch einmal den Kampf des Wagens zu bestehen, aus Kunde vor dem, was ihm bevorstand, gezittert, eben deshalb jener selbst sich vergleicht, sagend, auch er werde, wider Willen, so alt schon, gezwungen, noch einmal die Bahn der Liebe zu gehen. So fühle auch ich, wenn ich dessen gedenke, nicht wenig Furcht, wie ich wohl in solchem Alter eine so große und schwierige Reihe von Untersuchungen durchschwimmen soll. Indessen, denn ich muss euch wohl gefällig sein, zumal auch Zenon einstimmt, wir sind ja unter uns. Von wo also 137b fangen wir an, und was sollen wir zuerst zum Grunde legen? Oder wollt ihr, da doch einmal das mühsame Spiel soll gespielt werden, daß ich von mir selbst anfange und von meiner Voraussetzung, indem ich das Eins selbst (tou enos autou) zum Grunde lege, wenn es ist, und wenn es nicht ist, was dann sich ergeben muss? - Das tue allerdings, habe Zenon gesagt. - Wer aber, sprach Parmenides, wird mir antworten? oder wohl der jüngste? Denn der würde am wenigsten Vorwitz treiben und gewiß antworten, was er meint, zugleich aber würde mir seine Antwort einen Ruhepunkt gewähren. - 137c Ich bin dir hierzu bereit, o Parmenides, habe darauf Aristoteles gesagt. Denn mich meinst du, wenn du den jüngsten meinst. Frage also und sorge nicht weiter für den Antwortenden, ich werde schon antworten.1 -


1. Weil es so oft nicht gesagt wurde, erlaube ich mir die folgende Wiederholung. Natürlich konnte Platon nicht ahnen, wie Vieles sein damals siebzehnjähriger Schüler (so Hegel), den in diesem Dialog niedergeschriebenen Dingen einst verdanken wird. Aber dass ihn nicht die Ahnung über die ganz sicher schon in der Jugend erkennbare spätere Entwicklung des Talents des jungen Mannes bewogen haben sollte, ihm in dem schwierigen Teil des Dialogs eine prominente Rolle spielen zu lassen, sondern vorgeblich einen gleichnamigen späteren Tyrannen, der ganz sicher in seiner Jugend nicht die Fassungskraft eines Aristoteles gehabt hat (dann wäre er der erste Tyrann mit keinem Spatzenhirn), wie der Aristoteles, den wir kennen, scheint wenig glaubhaft. Dass und wieviel beide, Platon und Aristoteles, diesem Dialog verdanken, sollte jeder wissen, der ihre Werke studiert und nicht bewusst an den unzähligen Verbindungen zwischen den Dreien vorbeiliest, die der Dialog offen ausspricht. So Parmenides' Entdeckung des Jetzt, das in der Physik und in der Analytik eine zentrale Rolle spielt, oder die Untersuchungen zur Relation, die Aristoteles in den Kategorien theoretisch führen wird und in der Analytik praktisch anwenden wird und natürlich Aristoteles' Kritik an Platons Formen, die wortgleich hier im Dialog stehen, um nur drei Beispiele zu nennen. Bei beiden Denkern spielt die Auseinandersetzung mit Parmenides eine zentrale Rolle in ihren Werken. Bei Platon geschieht dies in direkter Auseinandersetztung mit ihm in drei Dialogen, die nur Parmenides gewidmet sind, bei Aristoteles über Umwege, indem er die von Parmenides erstmals aufgeworfene Frage nach den Anfängen des Seins in das Wissenschaftsgebäude einarbeitet, das wir an Aristoteles bewundern. Zwar erreichen beide ihre Ziele nicht vollständig - Platon nicht, sich für die in den ersten Kapiteln zugefügte Schmach zu rächen und Aristoteles nicht die systematischen Aufstellung der Anfänge des Seins, aber beider Werke sind zu einem guten Teil für diese beiden Ziele verfasst. Und Aristoteteles und im geringeren Maß auch Platon sind die ersten und einzigen Denker, die sich nicht nur dem einen oder dem anderen Prinzip des Seins widmen, wie dies die vorsokratischen Philosophen tun, sondern die wie Parmenides das Sein als Ganzes untersuchen.
woanders?: Die Bedeutung der Formen, sowohl der des Platon als auch der des Aristoteles, wird bei meiner Lektüre des vorliegenden Dokuments omnipräsent oder besser »ubiquitous« (allgegenwärtig, so - Goldfarb - über das Leerzeichen im Text eines Dokuments) sein. (Ein »omni«, ein Alle oder ein Ganzes gibt es weder bei den Formen, noch beim Leerzeichen, sondern nur ein »ubi«, ein Wo.)
Dass Aristoteles zu seiner persönlichen Beziehung zu diesem Dialog schweigt, hat bestimmt mehrere Ursachen. Die eine ist sicher die, dass das von Parmenides entworfende Abbild des Seins ein zu neues Denken ist und der Abstand zu diesem Neuen noch zu gering ist, um es als ein Ganzes auszuwerten und sich daher die Angriffe gegen ihn nur auf einzelne Teile besziehen wie bei Platon oder die das zu ungewohnte Neue, das unbewegte Eins, zum Gegenstand haben wie bei Aristoteles. Von diesem unbewegten Eins handeln fast das ganze erste Buch der Physik und viele Stellen der Metaphysik. Zum andern muss es im gebildeten Athen des Aristoteles ohne viele Worte klargewesen sein, was Aristoteles seiner Muse verdankt, und Aristoteles war vielleicht nur zu bescheiden, damit hausieren zu gehen. Aber diese Vermutungen sind letztlich gleichgültig. Nicht gleichgültig ist die Untersuchung der Anfänge des Seins als Ganzem, an die sich diese drei Denker gewagt haben.