Pa.8.135c-136e Beziehungs(Dialektik)fahrplan

Was also willst du tun in Hinsicht der Philosophie (philosophia)? Wohin willst du dich wenden, wenn du über diese Dinge zu keiner Erkenntnis gelangen kannst? - Das glaube ich nicht recht abzusehen für jetzt. - Allzufrüh eben, habe Parmenides gesagt, ehe du dich gehörig geübt hast, o Sokrates, unternimmst du, zu bestimmen, was schön ist und gerecht und gut, und so 135d jeden andern Begriff. Schon neulich habe ich dies bemerkt, als ich hörte, wie du dich mit dem Aristoteles unterredetest. Schön allerdings und göttlich, das wisse nur, ist der Trieb, der dich treibt zu diesen Forschungen. Strecke dich aber zuvor noch besser und übe dich vermittelst dieser für unnütz gehaltenen und von den meisten auch nur Geschwätz genannten Wissenschaft, solange du noch jung bist, denn wo nicht, so wird dir die Wahrheit doch entgehen.

PaK.8.135d6 - Parmenides rät Sokrates, der Welt nicht vorschnell allgemeine Erkenntnisse zu präsentieren und zuvor das Geschäft der Philosophie (im Einzelnen) zu erlernen.

Die Arglosigkeit, mit der Sokrates die das Sein und die Erkenntnis zusammenklammernden Einheiten der Größe un der Menge als so gegeben hinnimmt, wie sie Parmenides in den vergangenen Kapiteln vorgelegt hat, rechtfertigen diese Mahnung des Parmenides. So geläufig die Begriffe des Teils und des Ganzen und der anderen jedermann sind, weil sie jeder jeden Tag hundertmal ohne Fehler gebraucht, so geschickt entziehen sie sich der begrifflichen oder formalen Fixierung und führen zu zahllosen Fehlern in den Beschreibungen der Dinge, wenn man auf sie achtgibt und die stets Unausgesprochenen in seinen Sätzen ausspricht. Kein Satz ist ohne sie möglich, und jeder ist felsenfest überzeugt, dass er mit seinem Wissen über den Teil und das Ganze, das Eins und die Vielen bestens ausgestattet ist. Der Katzenjammer der Versuche, das Unausgesprochene auszusprechen, zum Teil »Teil« zu sagen und zum Ganzesn »Ganzes«, ist entsprechend. Ganz anders die Wissenschaft der Eins und des Vielen. Was hier aussprechbar ist, wird ausgesprochen ohne Katzenjammer. 19.11.2015: Das hat dort zu einer gewissen Überheblichkeit gegen die Misserfolge des anderen Teils der Wissenschaft geführt und zu vielfachen Demutsbezeugungen der Wissenschaftler um den Teil und das Ganze gegen die Wissenschaftler des Getrennten.

- Welches aber, o Parmenides, ist die Art und Weise, sich zu üben? - Dieselbe, o Sokrates, die du eben vom Zenon gehört hast. Indes aber 135e habe ich mich darüber doch gefreut von dir, als du diesem sagtest, du gäbest ihm nicht zu, nur an den sichtbaren Dingen und in Beziehung auf sie die Untersuchung durchzuführen, sondern in Beziehung auf jenes, was man vornehmlich mit dem Verstande (logo) auffaßt und für Begriffe (eide) hält, dem jeder ein bestimmtes Sein am meisten zuschreibt. - Es schien mir eben, habe Sokrates hinzugefügt, auf jene Art nicht schwer, von den Dingen zu zeigen, daß sie ähnlich und unähnlich sind, und daß ihnen alles, was man nur will, zukommt.

PaK.8.135e7 - Parmenides lobt Sokrates dafür, nicht nur die sinnlichen Dinge, sondern auch die nur durch das Denken zugänglichen Dinge zu untersuchen, die sich den Sinnen entziehen.

Was ist, sich aber den Sinnen entzieht, ist entweder nicht erkennbar oder erkennbar. Zu diesen Dingen zählen Dinge, die keine »Sinnesrezeptor« haben, wie das Leere oder vielleicht der Raum und Dinge, die keine Gegenstände sind, sich aber an und in den Gegenständen befinden wie die Größe und die Relation und die anderen Kategorien des Seins.

- Und mit Recht, sagte Parmenides. Außerdem mußt du aber noch dies tun, daß du nicht nur etwas als seiend voraussetzend untersuchst, was 136a sich aus der Voraussetzung ergibt, sondern auch daß jenes nämliche nicht sei (me esti), mußt du hernach zum Grunde legen, wenn du dich noch besser üben willst. - Wie meinst du das? fragte Sokrates. - Zum Beispiel, sagte Parmenides, nach der Voraussetzung, von welcher Zenon ausgegangen ist, wenn vieles ist (polla esti), was muss sich dann ergeben für das Viele selbst an sich und in Beziehung auf das Eins, und auch für das Eins an sich und in Beziehung auf das Viele, mußt du dann auch ebenso untersuchen, wenn vieles nicht ist, was sich dann ergeben muss für das Eins sowohl als für das Viele jedes an 136b sich und in Beziehung aufeinander (pros auta kai pros allela).

PaK.8.136b1 - Die Untersuchung eines Gegenstandes besteht in der Untersuchung aller möglichen Beziehungen, die der Gegenstand zu sich selbst und zu Anderen haben kann, so Parmenides

Der Forschungsplan des Parmenides besteht aus der Untersuchung des Seins und des Nichtseins des Forschungsgegenstandes (Eins, Ganzes) sowie aus den Beziehungen zwischen dem Gegenstand und dem Rest der Welt (Viele, Teile), die sowohl für das Sein wie für das Nichtsein des Gegenstandes und des Rests der Welt gelten. Der letzte im ersten platonischen Teil behandelte »Gegenstand«, die Relation, spielt also im Kurrikulum des Parmenides die Hauptrolle.

Ebenso wenn du voraussetzest, wenn es Ähnlichkeit gibt oder wenn es sie nicht gibt, ist zu sehen, was aus jeder von beiden Voraussetzungen folgt, sowohl für das Vorausgesetzte selbst als für die Anderen ( tois allois1 ), an sich und in Beziehung aufeinander. Auch von dem Unähnlichen gilt dasselbe und von der Bewegung und Ruhe, von dem Entstehen und Vergehen, ja von dem Sein selbst und dem Nichtsein.

PaK.8.136b6 - Das in der Aufstellung noch vermisste nicht-Eins stellt Parmenides ab Kap - quelle - als die Anderen neben das Eins. Im letzten Teil des Dialogs wird es als eine Spezialform des Negativen und vorher als die logische Negation untersucht. Die schon mehrfach erwähnte »Ähnlichkeit« ist eine Beziehung zwischen Zweien, die einander gleichen.

Das Ähnliche und das Unähnliche gehören zur megethos. Sie sind Teil der Logik. Die Bewegung und Nichtbewegung, das sein (und das nichtsein) haben zu zwei eigenen Wissenschaften geführt, der Physik und der Metaphysik. Hier, in der parmenidische Ursuppe der Wissenschaft, sind die logischen, physikalischen und ontologischen (metaphysichen) Teile im ganzen Dialog; die mathematischen »Teile« werden im letzten Teil des zweiten aristotelischen Durchgangs erörtert.

Und mit einem Worte, was du auch zum Grunde legest, als seiend und nicht seiend oder was sonst davon annehmend, davon mußt du sehen, was sich jedesmal ergibt 136c für das Gesetzte selbst und für jedes andere einzelne, was du herausnehmen willst, und für mehreres und alles insgesamt ebenso. Ebenso auch, was sich für das übrige ergibt an sich und in Beziehung auf jedes einzelne, was du jedesmal herausheben willst, du magst nun das, wovon du ausgingst, als seiend voraussetzen oder als nichtseiend, wenn du vollkommen geübt auch die Wahrheit gründlich durchschauen willst. - Ein unendliches Geschäft, o Parmenides, beschreibst du, sagte Sokrates, und ich verstehe es noch nicht recht. Warum aber machst du es nicht selbst durch irgend etwas voraussetzend, damit ich es desto besser begreife? - 136d Ein großes Werk, o Sokrates, sagte er, legst du mir auf, und in meinem Alter? - Aber du also, habe Sokrates gesagt, o Zenon, warum willst du nicht etwas abhandeln? - Darauf habe Zenon lächelnd geantwortet: Wir wollen ihn selbst bitten, den Parmenides. Denn das ist nichts Geringes, was er sagt; oder siehst du selbst nicht, welche Arbeit du ihm anmutest? Wären wir nun mehrere, so lohnte es nicht, ihn zu bitten, denn unschicklich ist es, dergleichen vor vielen zu reden, zumal einem Manne von solchen Jahren. 136e Denn die wenigsten wissen, daß, ohne so das ganze Gebiet durchzugehen und zu umwandeln, es nicht möglich ist, die Wahrheit treffend, richtige Einsicht wirklich zu erlangen. Ich also, o Parmenides, vereinige mich mit der Bitte des Sokrates, damit auch ich nach langer Zeit dich einmal wieder höre.

Pa.8.136e Sokrates und Zenon bitten Parmenides, das Kurrikulum an einem Beispiel zu verdeutlichen.


1. Schleiermacher überträgt die Anderen meist im Singular als »das Andere«. Die Bearbeitung der Schleiermacher-Übersetzung bei rowohlt setzt meistens den Plural (im obigen Fall nicht). Ich folge dieser Lesart meistens und setze die Anderen in den Plural. Dass die Vielen oft eine Einheit sind, ist eine andere Frage, die beantwortet werden muss, wenn sie es sind. So müssen die Anderen an den Stellen der Arbeit als eine Einheit betrachtet werden, wo Parmenides nur das Eins und die Anderen/das Andere als das ausgeschlossene Dritte betrachtet.