Das Buch des Anfangs oder der Parmenides des Platon

Neu gelesen von Lothar Seidel

ISBN 978-3-9801802-4-5

Frankfurt am Main 2017

Zur Übersetzung und zum Text

Deutsch von Schleiermacher. Textquelle Karsten Worms »Platon im Kontext«. Die Fassung von Rowohlt weicht etwas von Schleiermachers Fassung ab. Dort werden tois allois mit Platon als »die Anderen« übersetzt, während Schleiermacher »das Andere sagt«. Ich folge der rororo Fassung in diesem Punkt, auch in den Kapiteln 24ff, wo ich die Anderen alternativ als die Zahlen oder die bewegten Dinge interpretiere und das Eins alternativ als »das Andere der Zahl« oder »das Andere der bewegten Dinge«1. Die meisten Änderungen der herkömmlichen Kapiteleinteilungen stammen, soweit ich es überblicke, von Wagner Leipzig 1845. Die Numerierung folgt Stephanus mit dem vorangestellten »Pa.kapitel«, so dass z. B. aus 151e2 aus dem 18. Kapitel des Parmenides Pa.18.151e2 wird. Meine Kommentare sind in grün und mit »PaK« statt mit »Pa« markiert. Die Numerierung der Zeilen habe ich von Burnet übernommen.

Pa.1.126a-127d Vorwort Platons

126a Als wir von Hause, aus Klazomenai, zu Athen angekommen, begegneten wir auf dem Markte dem Adeimantos und Glaukon. Und Adeimantos reichte mir die Hand und sagte: Willkommen, Kephalos, und wenn du hier etwas bedarfst, das in unserm Vermögen steht, so sage es. - Eben recht deshalb, erwiderte ich, bin ich hier, euch um etwas zu bitten. - Sage nur, sprach er, deine Bitte. - 126b Darauf sagte ich: Wie heißt doch schon euer Halbbruder von mütterlicher Seite? Denn ich entsinne mich dessen nicht; er war aber noch ein Knabe, als ich das erstemal aus Klazomenai herkam, und das ist schon lange her. Sein Vater, glaube ich, hieß Pyrilampes. - Ganz recht, war die Antwort, und er selbst Antiphon. Aber weshalb fragst du eigentlich nach ihm? - Hier, antwortete ich, dies sind Landsleute von mir, sehr wissenschaftliche Männer, und haben gehört, selbiger Antiphon habe sehr viel mit einem gewissen Pythodoros, einem Freunde des Zenon, 126c gelebt, und er habe die Unterredungen, welche einst Sokrates, Zenon und Parmenides gehalten, durch oftmaliges Anhören vom Pythodoros im Gedächtnis. - Ganz richtig, entgegnete er. - Diese nun, fuhr ich fort, wünschten wir zu hören. - Das ist nichts Schwieriges, antwortete er. Denn noch als ein anwachsender Knabe hat er sie sich sehr zu eigen gemacht, jetzt hingegen beschäftigt er sich wie sein gleichnamiger Großvater vorzüglich mit der Pferdezucht. Also, wenn ihr wollt, laßt uns zu ihm gehen; denn er ging nur eben von hier nach Hause und wohnt ganz nahebei in Melite.

127a Dies gesprochen, gingen wir und trafen den Antiphon zu Hause, wie er eben dem Schmied einen Zaum zur Ausbesserung übergab. Nachdem er nun diesen abgefertigt und die Brüder ihm gesagt, weshalb wir kämen, erkannte er auch mich von meiner ersten Reise her und begrüßte mich. Und als wir ihn baten, das Gespräch zu erzählen, machte er zuerst Schwierigkeiten, weil es, sagte er, eine gar mühsame Sache wäre; hernach jedoch erzählte er.

Als Antiphon sagte, Pythodoros habe ihm erzählt, Zenon und Parmenides wären einst zu den großen Panathenäen gekommen. 127b Parmenides nun wäre damals schon hoch bejahrt gewesen, ganz weißhaarig, aber edlen Ansehens, wohl fünfundsechzig Jahre alt. Zenon aber wäre etwa vierzig gewesen, wohlgewachsen und von angenehmem Aussehen, auch hätte er dafür gegolten, des Parmenides Liebling gewesen zu sein. Gewohnt hätten sie beim 127c Pythodoros außerhalb der Stadt im Kerameikos, wohin dann auch Sokrates gekommen wäre und mehrere andere mit ihm, alle begierig, die Schrift des Zenon zu hören; denn damals wäre diese zuerst von jenen hergebracht worden. Sokrates aber wäre damals noch sehr jung gewesen. Vorgelesen hätte Zenon selbst, Parmenides aber wäre eben draußen gewesen und nur noch wenig von der Vorlesung übrig, als 127d er selbst, Pythodoros, wie er sagte, von draußen hereingekommen und mit ihm, Parmenides, wie auch Aristoteles, der hernach zu den Dreißigen gehört hat, und nur sehr weniges hätten sie noch gehört von dem Buche. Übrigens hätte er selbst es schon früher vom Zenon gehört.

PaK.1.127d Vorwort des Kommentars

Zeittafel
Pythagoras um 540
Heraklit um 500
Parmenides
und Zenon um 470
Empedokles 495-435
Anaxagoras um 460
Leukipp und Demokrit um 490 - 430
Sokrates 470 - 399
Platon 427 - 347
Aristoteles 384 - 322

25.11.2013 Man teilt die griechische Philosophie in die vorsokratische und die nachsokratische Phasen ein. Richtiger ist die Teilung in die vorparmenidische und in die nachparmenidische Phase. Denn die Phase Vorsokratiker (nach den Pythagoreern und Heraklit), Sokrates, Platon und Aristoteles ist eine Einheit, die von Parmenides bestimmt ist. Innerhalb dieser Phase ist die Unterscheidung zwischen den Vorsokratikern und der klassischen Periode der griechischen Philosophie. Durch Parmenides beginnt die Suche der Griechen nach den Anfängen des Seins, die in den vorsokratischen Philosophen die ersten Entwürfe und in Sokrates/Platon ihren ersten und in Aristoteles ihren zweiten und letzten Höhepunkt erfahren hat.

Ihren Anstoß erhielt die Suche nach einem Anfang bei Parmenides durch Heraklit, einem der beiden wichtigsten vorparmenidischen Philosophen, bei dem es keinen Anfang und kein Ende, kein Bleibendes, nicht einmal ein Werdendes und Vergehendes, sondern nur Fließendes in der Mitte gibt. Selbst die Mitte dürfte Heraklit nicht zulassen, weil sie den Anfang und das Ende voraussetzt.

Ich betrachte Heraklit als einen Philosophen des Nacheinander und die parmenidische Phase als die Philosophie des Ineinander. Die Philosophie des Nacheinander und des Getrennten ist von Pythagoras begründet worden, dem zweiten wichtigen vorparmenidischen Philosophen. Mit Parmenides beginnt die Philosophie des Ineinander und des Geteilten.

Der Parmenides des Platon ist die erste vorliegende schriftlich fixierte systematische Philosophie. Auf engstem Raum werden hier alle grundlegenden Fragen der Logik, der Physik, der Philosophie und der Zahlentheorie (letztere nur in Andeutungen) angesprochen.

Das »Eins«, »die Anderen« und »das Sein« sind die drei einzigen Gegenstände, die Parmenides hierfür benötigt. Ohne zu sagen, worum es sich beim Eins oder bei den Anderen handelt, zeichnet Parmenides mit den beiden dennoch ein vollständiges Bild des Seins, dem nichts fehlt, das alles umfasst oder alles in sich schließt.

Der Dialog besteht aus drei Teilen, in denen das Eins und die Anderen in wechselnden Blickwinkeln untersucht werden.

- Pa.2-8. 127-136 -

Im ersten Teil zeigen Zenon und Parmenides dem jungen Sokrates die theoretischen Schwächen seiner soeben entdeckten Formen (eide), auf die Sokrates zu Recht stolz ist, und Parmenides gibt ihm den Rat, die Formen nicht nur auf ausgewählte definierbare Dinge, sondern auf alle Dinge anzuwenden. Da es sich bei den Formen um den ersten Höhepunkt des von Parmenides entfachten sich innerhalb kürzester Zeit über ganz Griechenland ausbreitetenden Prinzipienfeuers handelt, gibt er den Formen diese prominente Stelle im Dialog.

- Pa 9-28 -

Der zweite und letzte Höhepunkt ist zum Zeitpunkt der Niederschrift des Dialogs (laut Hegel) ungefähr 17 Jahre alt, muss aber schon als Jüngling eine solche Begabung an den Tag gelegt haben, dass ihm Platon die Stimme des Ja-Sagers im Dialog gibt. Dass Platon ihn als einen gleichnamigen späteren Tyrannen bezeichnet, ist der Tatsache geschuldet, dass der angesehenste Kopf der Stadt nicht einem 17jährigen Jüngling ein solches Amt aufladen konnte. Es hat der Entwicklung des Aristoteles genutzt, ihn nicht frühzeitig in die öffentliche Auseinandersetzung zu ziehen. Wer mit »Aristoteles« gemeint war, wurde dann spätestens mit der Erscheinung der Physik, der Analytik und dem, was Aristoteles die Erste Philosophie nennt, jedem gebildeten Athener klar und ist heute jedem gebildeten Leser des Aristoteles und des Platon klar.

Das Ergebnis des ersten Teils für den Gesamtdialog lautet, dass die Form allein nicht der Anfang des Seins sein kann.

- Pa.9-12.136-142 -

Im ersten Teil des zweiten Teils bespricht er mit Aristoteles Fragen der Wissenschaften, die Aristoteles als Logik, Physik und Metaphysik begründen wird, zeigt zunächst, dass auch das Eins allein nicht das Prinzip des Seins sein kann.

In den darauf folgenden Teilen des zweiten Teils zeigt er in mehreren Anläufen, dass etwas aus Zweien sein muss, um ein Anfang zu sein. Hier gibt es nur eine begrenzte Anzahl von Möglichkeiten des Anfangs, genau gesagt drei, das rein stoffliche, Prinzip, das rein formale Prinzip und das Prinzip in der Mitte, das Viele als das stofflich-formale Prinzip auslegen und das ich als die exklusive Alternative der beiden auslege, 24.08.2016 . Die Dreiteilung der Prinzipien haben ich auf den Parmenides , die Analytik , die Physik und die Metaphysik übertragen, um ihre Tragfähigkeit zu überprüfen. Die Prinzipien selbst haben Parmenides, die Vorsokratoker, Sokrates/Platon und Aristoteles entdeckt, nur nicht die Dreiteilung dargestellt. Zwar stellt Aristoteles in der Metaphysik die Forderung auf, dass der Prinzipien drei sein müssen, kann sie aber nicht einlösen. Vielmehr haben alle Denker mit Ausnahme von Parmenides und Aristoteles das eine Prinzip gesucht, dem sich alles andere unterzuordnen hat. Das ist bei dem einen die Mitte, bei dem anderen der Anfang, bei dem anderen das Ende.

Die enge, stellenweise wörtliche Übereinstimmung des aristotelischen Teil des Dialogs 11/14: mit den entsprechenden Stellen in Aristoteles' Werk ist entweder ein Beleg dafür, dass der Dialog nicht von Platon, sondern von einem Aristoteles-Schüler geschrieben ist, oder sie ist der Beleg dafür, dass Aristoteles für die Ausarbeitung seines Wissenschaftsgebäudes den Parmenides als Schablone verwendet hat. Da ein bedeutender Teil des platonischen Werks (Parmeides, Sophistes, Theaitetos) mit der Abarbeitung an diesem Dialog zu tun hat, ist letzteres der Fall. Diese 11 Kapitel (Parmenides und Aristoteles) sind so etwas wie das Kondensat oder das Keimstadium des zweiten und letzten Höhepunkts der griechischen Philosophie. Weder bei Zeller, Überweg oder einem Übersetzer findet sich zur Beziehung zwischen dem Werk des des Aristoteles zum vorliegenden Dialog ein Wort. Allein Hegel erwähnt in einem Nebensatz die Möglichkeit, dass es sich bei Aristoteles um Aristoteles handeln könnte.

- Pa.22-28 -

Im dritten Teil kommt Parmenides auf die Formen zurück, denen er hier eine neue Gestalt gibt, die man als die Zahlen lesen kann. Er weist nach, dass es ohne sie keine Wissenschaft geben kann. Eine ähnliche Untersuchung findet sich auch im letzten Teil des als wichtigste philosophische Arbeit des Aristoteles geltenden Werks, der Metaphysik.

Allen Anläufen ist gemeinsam, dass sie das Ganze oder das Sein zu ihrem Gegenstand haben und dass sie danach fragen, was ein Erstes, eine arche oder ein Prinzip des Seins ist.

Aus den mehreren Anläufen der Frage nach dem einen Prinzip des Seins haben sich mehrere Modelle entwickelt, die je ein eigenes Prinzip des Seins postulieren. Aristoteles, der die konkurrierenden Prinzipien als verschiedene Prinzipien verschiedener Wissenschaften erkannte, hat dann die Wissenschaften mit Ausnahme der Mathematik gleich mitgliefert.

Die vorliegende Lesart besteht aus dem vollständigen Text in der Übersetzung Schleiermachers. Die Kapitelnumerierung sowie einige Abweichungen von Schleiermacher folgen der Vorgabe in Rowohlts Klasiker (mit Ausnahme des 17. Kapitels) mit der Stephanus-Numerierung. Die Kommentare sind nach der Zeilennumerierung Burnets gekennzeichnet. Die wenigen Änderungen und Hinzufügungen im Fließtext sind grün hervorgehoben.

Von mir hinzugefügte Gedanken sind eingerückt in einem eigenen Absatz und

ebenfalls grün hervorgehoben.

Dass sich Parmenides, wo nicht als der Lehrer, so doch als die Muse Platons und Aristoteles' herausstellen wird, sieht jeder nach der Lektüre des Platon und Aristoteles. Für die Leser von Platon und Aristoteles ist diese Bearbeitung geschrieben, nicht für die Nichtleser.

Denn die Nichtleser werden in ihr nur einen weiteren Grund dafür finden, andere vom Lesen abzuhalten, indem sie sich auf dem ihnen heimischen Territorium bewegen und Platon falsches Zitieren und Aristoteles das Verschweigen seiner Quelle vorhalten. Dass ein Gutteil des platonischen Werks dem Parmenides gewidmet ist und dass es im gebildeten Athen in aller Munde gewesen sein muss, wenn der angesehenste Kopf der Stadt einen 17jährigen Jüngling in seinem bedeutendsten Dialog mitspielen lässt, ist für solche Leute kein Thema.

Wie freuen uns lieber auf das philosophische Quartett aus Platon/Sokrates, Aristoteles, Zenon und Parmenides.

Und so beginnt es.


1. »Das Andere« ergibt sich dort aus Parmenides' Beweisführung. Es ist die Grundlage seiner wissenschaftlichen Dialektik.