Das Sein (a)

Hast du gerade ein Philosophiebuch gelesen, und schwirrt dir der Kopf vor Begriffen wie das Sein, das Nichtsein, der Körper, das Unkörperliche, das Materielle, das Immaterielle, der Stoff, die Form, das Bewegte, das Unbewegte, das Werdende, das Ewige, das Stetige, das Diskrete? Bist du genauso schlau wie vor der Lektüre? Kommst du dir dümmer vor als vorher? Oder regt sich ein Zweifel in dir an der Königin der Wissenschaft, weil dir die Philosophen Dinge sagen wie, das Wesen der Erkenntnis sei die Unerkennbarkeit der Welt? Dann bist du in »Aristoteles-heute« richtig. Denn hier wirst du klüger und nicht dümmer. Und du musst nur zwei Gegenstände und zwei Farben kennen, die du bereits kennst, den Stoff und die Form .

Der Stoff ist in drei Richtungen ausgedehnt . Seine Farbe ist blau . Die Form ist als Punkt in drei, als Linie in zwei und als Fläche in einer Richtung nicht ausgedehnt . Ihre Farbe ist rot . Zwar sind Stoff und Form unendlich viel mehr als ausgedehnt und unausgedehnt, aber ausgedehnt ist der Stoff immer, und unausgedehnt ist die Form immer. Unausgedehnt ist der Stoff nie, und ausgedehnt ist die Form nie. Da wir in der Philosophie nur an den Dingen interessiert sind, die immer oder nie sind, weil nur hier der Irrtum ausgeschlossen ist, begnügen wir uns am Anfang mit diesen beiden Attributen des Stoffs und der Form. Sie werden uns dafür unendlich belohnen.

Um zu erfahren, was diese beiden alltäglichen Gegenstände wirklich sind , wirst du einige Wochen deiner Zeit investieren müssen. Vielleicht auch einige Jahre. Vielleicht auch dein ganzes Leben. Aber ganz gleich, wie lange du durchhältst, du wirst nicht mit Erkenntnisbrei abgefüttert, der täglich mehrfach nachgefüllt werden muss, dich nicht satt, sondern gierig, träge und schliesslich gleichgültig oder feindlich gegen das Wissen macht, sondern du wirst mit jedem Bissen einen nährenden Gewinn haben, den dir niemand mehr wegnehmen kann.

Die Wissenschaft vom Sein besteht in »Aristoteles-heute« aus zwei Teilen, Sein (a) und Sein (A). Sein (a), was du gerade liest, ist sehr einfach und besteht nur aus zwei Sätzen, die das Sein definieren. Sein (A) behandelt denselben Gegenstand wie Sein (a), nur differenzierter. Sein (A) ist ein Überblick über alle Wissenschaften, die sich mit dem Sein befassen, eine Metaphysik, Metalogik und Metamathematik.

Das Sein ist das Substantiv von sein. Es ist das, was ist. Das Sein besteht aus genau zwei Gegenständen, dem Stoff der Welt und der Form der Welt. Saugen wir alles »metaphysische« Fett ab, das die Form seit 2.000 Jahren angesetzt hat, dann ist die Form der Punkt , die Linie , die Fläche (Euklid).

Holen wir dann den Stoff aus der Ecke, in der er seit ebenso langer Zeit steht und reduzieren ihn ebenfalls auf das Notwendige, dann ist der Stoff der Körper (Descartes).

Die beiden Gegenstände markieren nicht nur wie im Bild den Anfang und das Ende der Welt, sondern auch den Anfang und den vorläufigen Höhepunkt der griechischen Philosophie. Die unstrukturierte formlose Materie, das Chaos aus Hesiods Theogonie, markiert den Anfang, und die vom Stoff getrennte Form Platons bzw. die mit dem Stoff vereinte Form bei Aristoteles ist das Ende. Der Anfang ist mit einem Satz erreicht. Das Ende ist unerreichbar. Aber jeden Tag kommen wir ihm ein Stück näher, weil wir es vor Augen haben. Wir fangen an, wo Aristoteles' historische Entwicklung der griechischen Philosophie in den ersten Büchern seiner Metaphysik aufhört.

Das Sein ist also der Körper der Welt und die Form der Welt.

 

Der Körper füllt die Welt stetig von innen aus. Die Form ist die diskrete äussere Grenze der Welt. Die Form ist Teil des Ganzen. Ist aber die Form wirklich ein Teil des Seins, dann haben der Teil und das Ganze eine völlig andere Bedeutung, als wir sie in der Logik kennenlernen werden. Dort ist der Teil immer kleiner als das Ganze und an einem anderen Ort als der Rest des Ganzen. Hier ist die Form genausogross wie der Körper und an seiner Grenze mit ihm zugleich oder am selben Ort . Dennoch ist die Form vollständig vom Körper getrennt. Denn

die ganze Form ist der ganze Nichtkörper , und
der ganze Körper ist die ganze Nichtform .

Körper und Nichtform sind identisch, und Nichtkörper und Form sind identisch. Beide sind entweder ganz oder gar nicht zu haben, weshalb wir vom ersten Gegenstand der Philosophie nur diese zwei Sätze sagen können.

Daher sind die beiden ersten und einzigen Aufgaben von Sein (a) erledigt. Die erste: Wir geben dem Sein eine Form, damit es nicht zu einem Unaussprechbaren wird. Die zweite: Wir trennen die Form vom Körper, weil wir in der Physik den Körper allein brauchen.

 

Aristoteles sagt, 'der Stoff ist das Formlose '. Das ist richtig, da der Körper die Nichtform ist. Es ist aber nur unter den zwei Bedingungen wahr, dass

  • die Form ist,
  • die Form vom Stoff getrennt ist.

Damit widerspricht »Aristoteles-heute« gleich zu Beginn zwei Thesen des Aristoteles, dass nämlich das Ganze keine Form habe und dass die Form mit dem Stoff verschweisst sei.

Aristoteles lehrt uns in der Logik, dass für den Teil gilt, was für das Ganze gilt. Aber ausgerechnet beim ganzen Gegenstand der Philosophie vertritt den Standpunkt, dass für den Teil gilt, was für das Ganze nicht gilt, denn der Stoff der Welt habe keine Form. Die Form benötige zwei Stoffe, einen innen und einen aussen. Die Welt hat keinen Stoff ausser sich. »Also« hat sie keine Form. Zwar wird auch in »Aristoteles-heute« der Standpunkt vertreten, dass die Form ohne den Stoff nicht zu haben ist; aber wozu der Gegenstand, der nicht den geringsten Platz wegnimmt und den wir nur benötigen, um dem Ende des Stoffs einen Namen zu geben, zwei Stoffe zu seiner Existenz benötigen soll, ist unerfindlich. Verzichten wir bei dem ersten Gegenstand der Philosophie auf die Form und halten gleichzeitig mit Aristoteles daran fest, dass für den Teil gilt, was für das Ganze gilt, dann verurteilen wir uns gleich hier zum Beginn des Denkens zur Formlosigkeit, weil dann weder der Teil, noch das Ganze eine Form haben dürfen.

Aber der Teil hat hier noch nichts verloren. Der kommt in der Logik dran. Hier sind wir auf genau zwei Gegenstände und eine Ja-Nein-Logik aus genau zwei Sätzen beschränkt. Hier geht es nur ums Ganze. Mehr Logik brauchen wir am Anfang nicht. Mehr Logik gibt es hier nicht.

Den Stoff bezweifeln nur Verrückte. Aber die Form ist seit ihrer Entdekkung das Gebiet der heftigsten Debatte: Gibt es die Form als vom Stoff getrennte oder mit ihm verbundene Entität? Gibt es die Form überhaupt? Verdient sie als das in mindestens einer Richtung Teillose, »Teil« genannt zu werden? Aber diese prinzipielle Frage duldet keine Ausnahme. Entweder hat der Stoff des Ganzen eine Form. Dann haben auch die Teile, die wir in der Logik besprechen werden, eine Form. Oder das Ganze hat keine Form. Dann haben auch die Teile in der Logik und den anderen Wissenschaften keine Form. Die ausführliche Erörterung der damit zusammenhängenden Schwierigkeiten wird in der Kritik der Physik des Aristoteles geführt.

Wenn es aber stimmt, dass der Stoff der Welt und die Form der Welt sowie ihre beiden Negationen zusammen den ersten Gegenstand der Philosophie bilden, dann ist es die erste Aufgabe der Philosophie, dem Stoff und dem Nichtstoff , der Form und der Nichtform ihre eigentümlichen Orte im Sein zuzuweisen. Denn so wahr die beiden Sätze

Der ganze Stoff ist die ganze Nichtform , und
der ganze Nichtstoff ist die ganze Form ,

auch sein mögen, sie lehren noch nicht viel von der Welt. Ein grober Überblick über die Verteilung der Stoffe und Formen in den Wissenschaften, die sich mit dem Sein befassen, der Ontologie, der Mathematik, der Physik und der Logik zeigt, dass es sinnvoll ist, zuerst die blauen und roten Teile getrennt abzuarbeiten und erst danach mit der Form, die ja in Allem und Jedem zu stecken scheint, wieder zu den diversen Stoffen zurückzukehren.

 

Die Einteilung der vier Wissenschaften, die das Sein ausfüllen und umfassen , hat uns Aristoteles hinterlassen. Mit Ausnahme der Mathematik schuf er nicht nur die Einteilung, sondern auch die Wissenschaften selbst. Die Mathematik ist ja weder eine philosophische Disziplin, noch kann sie das Werk eines Einzelnen sein

Schon die anfängliche Differenzierung der beiden einfachsten und einzigen Gegenstände des Seins zeigt, dass eine Wissenschaft von Allem, als die sich die Ontologie sah, die Erste Philosophie , wie sie Aristoteles oder die Metaphysik , wie sie später von den Moslems, Juden und Christen mit wechselnden Begründungen genannt wurde, sich überfordert. Selbst wenn wir in »Aristoteles-heute« allein mit a 3 , a 2 , a 1 , a 0 arbeiten, haben wir eine ganze Menge Probleme. Die Rotfärbung von a0 , das Problem, dass a1 und a2 sowohl blau als aus rot sein können, je nachdem, ob sie begrenzen oder begrenzt werden usw. Dann der Streit über die Existenz der beiden Stoffe der Physik, das Atom und das Leere, der Streit um das Sein oder das Nichtsein der Form. Und an die Untersuchung des Stoffs der Logik traut sich keiner heran, weil die eine Hälfte des Stoffs der Welt weggelogen ist.

Bis wir mehr Klarheit über die beiden Gegenstände gewonnen haben, wollen wir uns gedulden, halten an beiden Gegenständen fest, halten beide Gegenstände getrennt und halten es mit dem ersten grossen Seinsforscher Parmenides, der auch dem Sein eine Form gibt:

»Aber unbeweglich ruht es in den Grenzen gewaltiger Bande, ohne Anfang und ohne Ende ... Und als dasselbe verharrt es an derselben Stelle und ruht in sich selber, und so bleibt es doch fest an seinem Platz. Denn die starke Notwendigkeit hält es in den Banden der Grenze, die es ringsum einschliesst. Daher darf das Seiende nicht ohne Abschluss sein. Denn es haftet ihm keinerlei Mangel an ...

Denn es gibt nichts ausser dem Seienden und es wird nichts ausser ihm geben; hat doch das Schicksal es verhängt, dass es ganz und unbeweglich ist .... Aber da das Seiende eine letzte Grenze hat, so ist es nach allen Seiten hin vollendet, gleich der Masse einer wohlgerundeten Kugel ... es ist völlig unverletzlich.« Fragmente der Vorsokratiker S. 167f, Stuttgart 1968.

Die hier wiedergegebene Gliederung des Seins stammt von einem kritischen aber treuen Aristoteles-Schüler. Sie ist für die Ontologie bislang nur ein Arbeitsplan, der in den Menüs um Sein (a) und Sein (A) niedergeschrieben ist. Verwirklicht wurde der Plan bereits für zwei Teile, nämlich für die Logik und für die Physik.