Das bewußte Sein

Im Menschen gelangt die Natur zum Bewußtsein ihrer selbst, wie es Engels ausdrückt. Spätestens hier sollte die Tragweite der Alternative, ob das Sein das Bewußtsein oder ob das Bewußtsein das Sein bilde, verstanden sein. Wie in der Arithmetik, so könnten wir hier im kleinsten Teil des Seins die grösste Vielfalt finden, wäre da nicht ein noch ungelöstes Problem, das uns billigen Ramsch als Vielfalt verkauft.

Die Menschen teilen sich in zwei Teile. Die, die alles erarbeiten und nichts besitzen und die, die alles besitzen und nichts erarbeiten.

»Aristoteles-heute« ist denen gewidmet, die alles erarbeiten und die daher auch auch alles besitzen sollten.

Die Nikomachische Ethik ist das bedeutendste Werk Aristoteles' über das bewußte Sein.

Wie schwierig es ist, im Geflecht von Ethik, Psychologie und Logik das Richtige zu tun, weiss jeder. Das Einfachste ist es sicher, dem Rat der Seele (psyche) zu folgen. Die Seele meidet das Unangenehme und sucht das Angenehme. Sie denkt nicht, sondern fühlt, kann also nicht zwischen Wahr und Unwahr unterscheiden. Viele halten das Fühlen für Denken, obwohl sie mit dieser Ansicht jeden Tag auf die Nase fallen. Sie werden von einem Schwarm von »Denkern« unterstützt, die das Irrationale verherrlichen, statt es zu untersuchen. Fressen, Saufen und Ficken ist zwar schön. Dadurch wird aber der Geschlechtsakt nicht zu einem Erkenntnisakt.

Etwas schwieriger wird es, sich an ethische Normen zu halten, weil sie erlernt werden müssen, oft eher unangenehm als angenehm sind und weil auch sie falsch sein können. War es etwa zu Platons Zeit ethisch in Ordnung, einen Sklaven zu züchtigen, wenn er nicht parierte, würde das heute sicher auf gewisse Vorbehalte stossen. Die Wahrheiten im Bereich der Ethik sind historische Wahrheiten. Sie müssen also nicht nur gelernt, sondern auch angezweifelt und durch neue Wahrheiten ersetzt werden, wenn sie sich überlebt haben.

Das Wahre im Bereich der zwischenmenschlichen Dinge zu erkennen, das Richtige zu tun und sich dadurch gut zu fühlen, ist das zwar Schwierigste, dafür aber auch das Schönste.

»Ja, das Geringe und Schlechte, das kann man in Haufen erhalten

Ohne Bemühn, schön eben der Weg, ganz nahe, da wohnt es.

Vor die Vollendung jedoch haben den Schweiß die unsterblichen Götter

Hingesetzt; steil steigend und lang ist der Pfad, der dorthin führt,

Und voller Steine zuerst, doch hast du die Höhe gewonnen,

Wird es leicht, auf ihm weiter zu gehn, so schwierig er anfing.«

Hesiod, Erga, Verse 287-292, deutsch Walter Marg, Lizenzausgabe Artemis, Darmstadt 1984, vgl. auch Platons Gesetze, Buch 4, 718c/719b.

 

Die Politik , der Staat der Athener und die Ökonomie sind in Teilen Zeugnis eines Angestellten des makedonischen Hofes, dessen Aufgabe die Interessenvertretung des Hofes ist. In anderen wieder sind sie brilliante Klassenanalysen seiner Gesellschaft. Aristoteles hat auch in diesen Schriften Grundsätzliches zur Wissenschaft beigetragen, etwa in der Ökonomie die Unterscheidung zwischen Gebrauchswert und Tauschwert oder gar utopistische Ausrutscher über die Entwicklung der Produktivkraft der Arbeit. In der Ethik finden sich sogar komplizierte Ausführungen über die Funktion des Geldes als des allgemeinen Warenäquivalents .

Die Poetik , die Dreams und Propheysing habe ich zu meiner Schande noch nicht gelesen.

Die Rhetorik ist wie die damalige Dialektik (Topik) und die sophistischen Widerlegungen nicht Logik, sondern Fehler der Logik oder Ausnutzung der Logik, um den Kontrahenten über den Tisch zu ziehen. Die drei haben einen gewissen Nutzen, solange es noch keine systematische Sammung aller möglichen Fehler der Logik gibt.

Leider müssen wir nun unsere unschuldige Suche nach der Wahrheit verlassen und treten ein in das Reich des Irrtums, des Interesses und der Unwahrheit. Ab hier steht die Wahrheit unter Strafe, und dem neuen Gott, der in »Aristoteles-heute« der Wurstfabrikant heisst, werden täglich unvorstellbare Fleisch- und Menschenopfer gebracht. In Wahrheit ist es zwar kein Gott, sondern nur ein kleiner Hosenscheisser. Aber dafür hat er die Waffen und das Geld.

Im letzten verschwindenden Zipfelchen der bisherigen Unendlichkeit in Raum und Zeit, bei uns, gibt es zwar unendlich viel Papier, aber wenig, was keine Lüge ist. Mit der Philosophie, der einstigen Königin der Wissenschaft, ist es traurig bestellt. Die Entdeckungen in Naturwissenschaft und Technik haben Gott den Allmächtigen aus jedem Winkel seiner Macht vertrieben bis hin zur Schöpfung seines Ebenbildes. Es folgte aber nicht der Aristoteles der Bourgeoisie, sondern der Abgesang auf das Denken überhaupt, die Wurst- und die Wurmphilosophie. Die Wurmphilosophie hat den Erkenntnishorizont des Wurms, weil sie mit ihm die Sinneswahrnehmung teilt. Euler (steht unter »Aristoteles«) liest dem Wurmphilosophen die Leviten.

Die Wurstphilosophie ist die Philosophie des Wurstfabrikanten. Die Wurstphilosophen preisen die Wurst. Ihnen muss nicht durch das Wort begegnet werden. Die Vorbilder des Wurstfabrikanten in »Aristoteles-heute« sind »der grosse Mauler« aus Brechts Heiliger Johanna der Schlachthöfe und die »extensive sausage makers« aus Marx' Kapitel .

Den Wurstphilosophen wollen wir so lange die ihnen gebührende Achtung entgegenbringen, bis sie anfangen, das Bedürfnis der Pflanzenseele für die Menschen zu befriedigen. Heute bezeichnen sie die Pflanzenseele des Aristoteles als Freßseele und im gleichen Atemzug das Fressen und Gefressenwerden als den Normalzustand des Menschen.

Marx und Engels

Wir stehen mit ein wenig Verspätung am Vorabend einer Zeitenwende. Die Zeitenwende wird herbeigeführt werden durch die ökonomische Entwicklung der reichen kapitalistischen Länder. Denn die Frage nach dem Kollaps unseres idyllischen Systems und der damit verbundenen Umwälzung zum Guten oder zum Schlechten ist nur eine Frage der Zeit. Da das Sein das Bewußtsein bestimmt, fangen viele jetzt wieder an zu fragen, zu denken und zu lesen. Und da durch die glänzende Kooperation der Stalinisten, Sozialdemokraten und Kapitalisten eine so gründliche tabula rasa im Bereich des Denkens geschaffen wurde, gegen die das finstere Mittelalter wie die Blüte der Aufklärung erscheint, steht einem wirklichen Neuanfang nichts im Wege.

Waren Sie bei der ersten Lektüre von einigen Abschnitten aus Aristoteles' Werk überrascht, was da Einer vor über zweitausend Jahren bereits zusammengedacht hat, so werden Sie bei der Lektüre der wichtigsten Arbeiten von Marx und Engels doppelt überrascht sein. Denn den Aristoteles kannten Sie nicht, und das Kennenlernen war eine große aber eine einfache Überraschung.

Über Marx und Engels dagegen glauben Sie, bestens Bescheid zu wissen und werden daher doppelt überrascht sein, nämlich einmal wie bei Aristoteles darüber, was die beiden alles zusammengedacht haben und zum andern, daß alles, was Sie über sie zu wissen glaubten, von vorne bis hinten gelogen ist. Allein diese Entdeckung, ein Leben lang, Tag für Tag von morgens bis abends nach Strich und Faden belogen worden zu sein, ist ein Erlebnis, das seinesgleichen sucht.

Das Manifest der beiden jungen Revolutionäre ist immer noch der beste Einstieg. Im Anti-Dühring gibt Engels einen umfassenden Überblick vor allem der Philosophie des Marx'schen Werks. Engels' Dialektik der Natur ist ein Versuch, die idealistische Dialektik Hegels mit Hilfe der modernen Naturwissenschaften materialistisch zu wenden. (Diese beiden Arbeiten werden eines Tages auch die Grundlage einer rationalen Hegelkritik bilden.) Das Kapital schließlich (»Ökonomie-Marx«) ist das wichtigste Werk. Im Kapital ist die klassische bürgeliche Ökonomie, die mit Smith und Ricardo ihren Höhepunkt und ihren Abschluss erreicht, im besten hegelschen Sinne aufgehoben, nämlich bewahrt und entwikkelt. Hier wird endlich das Rätsel gelöst, wo der »Wohlstand der Nationen« herkommt. Das Kapital ist die einzige Arbeit von Rang, die sich der Pflanzenseele des Menschen erbarmt. Sie wird so lange das wichtigste aktuelle Werk überhaupt sein, bis das Bedürfnis der Pflanzenseele des Menschen befriedigt sein wird, denn du kannst zwar essen, ohne zu denken aber nicht denken, ohne zu essen:

"Dieses Vermögen [der Nahrungsaufnahme] kann von den anderen getrennt sein. Unmöglich aber können bei den sterblichen Wesen die anderen [Empfindung und Vernunft] von jenem getrennt bestehen." Über die Seele, II,2 , Philosophische Bibliothek, Hamburg .