Der Punkt gebiert das All

Die Grundgleichung der aristotelischen Theologen der drei monotheistischen Religionen lautet:

Gott = körperlos körperlos = Form Form = ideell Gott = ideell

Ein makelloser logischer Kettenschluss Go=kö=Fo=id , nur dass kö=Fo eine Tautologie ist, wie wir seit Sein (a) wissen. Aristoteles hat den Theologen mit der Leugnung des Leeren ein wahres Göttergeschenk gemacht, weil sie nun das einzige Immaterielle als das ideelle »Körperlose« vorführen können, ohne dass sie einer zur Rechenschaft ziehen kann. Gott ist also der Nichtkörper , die Form , der Punkt , die Linie oder die Fläche .

Die Vielgötterei (Polytheismus) der Griechen ist das Spiegelbild zur Allgötterei (Pantheismus) der Christen und der Eingötterei (Monotheismus) der Juden und der Moslems. Die Götter werden in Hesiods Theogonie aus dem All, während bei uns das All aus dem Gott wird. Bei Hesiod ist

1. das Wüst und Leer, das Chaos. Daraus entsteht 2. die Erde, die 3. den Himmel gebiert und mit ihm 4. die Götter und andere Geschöpfe des Himmels und der Hölle zeugt:

»Wahrlich, zuallererst entstand Die gähnende Leere (Chaos), Alsdann aber die Erde (Gaia) mit ihrer breiten Brust, ..... Die Erde aber brachte zuerst hervor gleich weit wie sie selber Den Himmel (Uranos), den gestirnten, Auf dass er sei den seligen Göttern Fort und fort Sitz ohne Wanken.« Theogonie, dt. Walter Marg, Lizenzausgabe des Artemis Verlags, Darmstadt 1984, S. 33f. Diese Übersetzung ist besser als die »jugendrein« gehaltene von Voß.

Bei den Juden, Christen und Moslems ist die Reihenfolge genau umgekehrt.

1. Gott 2. Himmel 3. Erde 4. wüst und leer

»Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde. Und die Erde war wüst und leer, und es war finster auf der Tiefe; und der Geist Gottes schwebte auf dem Wasser« Moses I.1

Zwar hat der Inzest nun ein Ende, aber wüst und leer ist nicht mehr das, woraus die relative Ordnung am Himmel entsteht, woraus die Gattungen und Arten der Elemente, das Leben, die Pflanzen, Tiere und Menschen werden, was dessen anfangs ungelenken Verstand in unbegrenzte Höhen treibt, sondern die unveränderliche und unerkennbare ewige Ordnung Gottes zeugt wüst und leer auf der Erde und in unseren Köpfen.

Die Allgötterei der Christen nimmt die allumfassende Form (a) für Gott, das zweite Göttergeschenk, das Aristoteles den Theologen gemacht hat, weil er sich nicht an die Form des Seins herantraut. Sie übernimmt von Aristoteles die »Gleichung« das Unkörperliche = die Form = das Geistige, weist dem »Unkörperlichen« aber sämtliche Attribute des Leeren zu bis auf die Ausdehnung, die zur Kleine-Leute-Geometrie Euklids gehört: »Oben ... haben wir gesehen, daß die Hl. Schrift uns das Geistige und Göttliche nahebringt unter dem Gleichnis der körperlichen Dinge. Wenn sie also bei Gott von einer dreifachen Ausdehnung spricht, so meint sie mit diesem Gleichnis der körperlichen Größe die Größe seiner Kraft. Und zwar versteht sie unter "Tiefe": die Kraft, das Verborgene zu erkennen; unter "Höhe": die Erhabenheit seiner Kraft über alle Dinge; unter "Länge": die Dauer seines [ewigen] Seins; unter "Breite": die Wirkung seiner Liebe auf alle Dinge. Oder nach Dionysius dem Areopagiten: "Unter der ,Tiefe' Gottes ist verstanden die Unbegreiflichkeit seines Wesens; unter ,Länge': seine Kraft, die alles durchdringt; unter ,Breite': seine übergreifende Macht, die alles in ihren Schutz nimmt.« Summa Theologiae, Band I,Frage 3.1

Die anti-euklidische Sophistik, die die Formen zu unerkennbaren Wunderweisheiten macht, hat eine lange Tradition. Sage mir keiner, dass unter den »Geometern« von heute, bei denen die Geometrien und Agebren nur noch im Rudel auftreten, nicht doch der eine oder andere Sophist dabei ist.

Die Christen haben jedoch, das muss der Neid ihnen lassen, geschafft, was Moslems und Juden nicht fertiggebracht haben, die Ausfüllung jedes Kubikmillimeters des Universums mit dem dreieinigen Gott . Denn die Moslems und die Juden haben nur die Form, die Christen auch die Materie und den Raum. Die Materie nimmt die Allgötterei der Christen für Jesus (Fleisch). Das pneuma= griechisch: Hauch, sanskrit: atman, deutsch: Atem, nimmt sie für den Heiligen Geist, den Vermittler zwischen Form und Fleisch. Der Heilige Geist ist ein energetisch-pantheistisches Prinzip. Es erlaubt dem Leeren, Fleisch zu zeugen, weil es keinen direkten Kontakt zwischen dem Leeren und der Materie gibt. Mit einem Wort: Das pneuma ist der Raum. Aber unsere christlichen Freunde unterliegen mit ihrem Ausgiessen und Fliessen des Geistes dem gleichen Irrtum wie unsere hinduistischen Freunde, die vorsokratischen Samenspender oder die diversen modernen Äthersekten mit ihren Raumwirbeln; sie werfen das Geistatom der individuellen Seele, bei den Indern atman , mit den Atomen der Weltseele, bei den Indern brahman, und den dicken trägen chemischen Atomen der Luft oder des Wassers mit den Raumatomen in einen Topf, machen aus dem unendlich feinen Weltenbeweger eine dicke Mehlsosse. Das Raumatom kennt nur eine einzige Bewegung in einer einzigen Bahn. Das fliesst nicht, das rast unendlich schnell und gradlinig durch das Leere. Unbeirrt davon quetscht Thomas die Wissenschaft aus aus jedem Winkel der Welt heraus und Gott in seinen drei Versionen als Form, pneuma und Fleisch in die Welt hinein. Daher ist es kein böser Wille des katholischen Klerus, dass er sich so spröde gegen die Wissenschaft zeigt, sondern da ist kein Platz mehr für die Wissenschaft in der Welt. Jeder Ort der Welt ist bereits besetzt von der allumfassenden Form resp. dem Leerem, dem alles durchdringenden Pneuma und Fleisch. Und da zwei Gegenstände nicht zugleich denselben Ort einnehmen können, muss einer weichen, wenn es zum Konflikt kommt.

Die Eingötterei (Monotheismus) der Moslems bleibt mit Ibn Sina und Ibn Rushd bei Gott allein den Formen treu, kann sich also, weil die Form ja keinen Platz wegnimmt, ein wenig mehr Wissenschaft leisten. Ibn Rushd und Ibn Sina waren aber mit ihrem stofflosen Wesen beim Publikum bei weitem nicht so erfolgreich, wie ihr Schüler Thomas von Aquin, der sich im ganzen Sortiment des Seins bedienen konnte. Anders als Thomas wurden die beiden in der kurzen Zeit ihres Wirkens in der moslemischen Welt nicht als Heilige, sondern als Gotteslästerer angesehen, weil sie mit Aristoteles von einem ewig bewegten Körper und damit von der Ewigkeit der Welt ausgehen und damit der mosaischen Schöpfungsgeschichte widersprechen, die die Moslems wie die Christen von den Juden übernommen haben.

Das Erfolgsrezept der christlichen Auslegung der Physik des Aristoteles ist also die Personalunion von Gottvater, Sohn und Heiligem Geist. Sie lässt sich auf alle Dinge der Welt erstrecken. Allerdings nur um den Preis des Pantheismus, weniger des Polytheismus (3=1), wie die moslemischen und jüdischen Kritiker den Christen vorwerfen. Die Preisfrage des heiligsten Sakraments lautet: »Fleisch oder Nichtfleisch?«. Denn wenn Nichtfleisch, dann keine Materie. Wenn aber keine Materie, dann Schluss mit der Allgötterei. Seit mehreren hundert Jahren streiten sich alte Männer der beiden christlichen Gottesfraktionen, ob die Hostie aus Fleisch oder aus Mehl ist (vgl. Thomas von Aquin, Summa Theologiae, Fragen III,73-83 ).

Ibn Rushd (Averroes) ist der bedeutendste arabische Aristoteles-Schüler des elften/zwölften Jahrhunderts. Er ist das Vorbild der christlichen und jüdischen Aristoteles-Schüler. Das Verhältnis der Wissenschaft zur Theologie ist bei ihm fast das gleiche wie in Aristoteles' Werk, nämlich 100 Teile Wissenschaft und 1 Teil Theologie. Seine Kommentare zur Physik haben ihren langen Weg ins aufgeklärte Abendland noch nicht gefunden. Max Horten hat 1912, den kurzen Kommentar ibn Rushds zur Metaphysik übersetzt und klagt auch vorsichtig den mittleren und langen Kommentar von den Kairoer Gelehrten ein, Nachdruck Frankfurt 1960.

Ibn Sina (Avicenna) , ebenfalls moslemischer Aristoteles-Schüler, ist ein wenig ermüdend und scholastisch. Ihn treibt in der Hauptsache die Frage um, ob ein Ding Akzidens (Nebenursache) oder Substrat (Zugrundeliegendes) ist. Die Metaphysik Avicennas, deutsch Max Horten 1907, Nachdruck Frankfurt 1999 .

Ibn Rushds Schüler Thomas von Aquin kehrt das Verhältnis von Wissenschaft zu Gott um, nämlich 100 Teile Gott und 1 Teil Wissenschaft. Das gibt ihm die Freiheit, in der Wissenschaft Fünfe gerade sein zu lassen. Dieses eine Prozent Wissenschaft genügt jedoch, um Thomas einen bleibenden Platz in der abendländischen Kultur zu sichern.

Der jüdische Aristoteles-Schüler Moses ben Maimon ist ein Mix aus ibn Sina und dem mystischen ibn Sina-Kritiker al Ghazali , er versucht aber dennoch den Inhalt aristotelisch zu wenden. Bei ihm finden wir nur noch Reste der Wissenschaft. Auf jeder zweiten Seite wiederholt er, dass Gott das Unkörperliche ist. Vom Stoff erfahren wir, »wie weise der Vergleich der Materie mit dem verheirateten Hurenweibe ist« und dass »alle Mängel und sittlichen Verfehlungen, die dem Menschen zustossen, ihm allein durch seine Materie widerfahren« (Führer der Unschlüssigen , Hamburg 1995, S. 16).

Die Form wird dagegen wie bei allen Theologen ins Göttliche überhöht, weil Gott selbst die Form ist. Daher muss der tatsächlichen Form ein umso niederer Rang zugewiesen werden: »Ich sage also, dass zur volkstümlichen Bezeichnung der Form, welche die Figur und Gestalt eines Dinges ist, in der hebräischen Sprache ausschliesslich das Wort ... (toar, Gestalt) gebraucht wird. Dies aber ist eine Bezeichnung, die niemals, das sei ferne auf Gott angewandt wird.« S. 27f.

Die Allgötterei der Hindus betrachtet die Natur und alle ihre Teile als göttliche Wesen. Das göttlichste natürliche Wesen in den meisten Streitgesprächen der Philosophen in den Upanishaden ist der Äther oder der Raum. Ein wenig erinnert es an die Theogonie Hesiods, aber mit umgekehrtem Vorzeichen. Nicht die persönlichen Götter mit ihren Zänkereien, sondern die vielen Teile der Natur zählen. Am deutlichsten wird die Gewichtung der Götter dem Europäer bei der Tatsache, dass es in ganz Indien unter Tausenden nur einen einzigen Tempel für den Schöpfergott Brahma gibt. Denn der ist sofort, nachdem er alle paar Jahrtausende nach der Apokalypse seinen Job der Neuschöpfung getan hat, überflüssig. Die Hinduphilosophie ist eine eigenständige Philosophie. Die sich im Dunkel der Geschichte verlaufende gemeinsame kulturelle Wurzel der Inder und Europäer hat stets einen besonderen Reiz auf europäische und besonders deutsche Denker ausgeübt. Das fängt an bei unschuldigen »Hindu-Märchen« Platons in den Gesetzen oder im Timaios, hat aber in Deutschland auch eine unappetitliche Seite, angefangen vom Jubel-Hindu Schopenhauer bis hin zur pangermaischen Rassenseele Rosenbergs. Wir freuen uns über die genialen Ahnungen der Hindus über den Raum, vergessen aber nicht, dass sie bis heute nicht über das vorsokratische Stadium hinaus sind.

Was noch fehlt

Ibn Rushds Kommentare zur Physik in einer europäischen Sprache, die nicht so schwierig wie das Finnische ist.