Nach der Physik, der Logik und der Mathematik (A)

Sein (a) ist die einfachste Wissenschaft, weil sie nur aus zwei Sätzen besteht, die von zwei Gegenständen handeln, die jeder kennt:

[+]Körper =[-]Form [-]Körper =[+]Form

[+] bedeutet: ganz Plus; [-] bedeutet: ganz Minus

Sein (A) ist dasselbe wie Sein (a), nur ist der Stoff differenziert und die Form nun doch nach innen zur Logik, Geometrie und Arithmetik gerutscht.

 

Sein (A) ist dasselbe wie Sein (a), da es nicht zwei Seins gibt. Nur hat sich aus unserer Zwei-Sätze-Logik der ganze Seinsbaum aufgefächert. Das Volle, das Leere und die Form sind die drei einzigen Gegenstände der Philosophie in »Aristoteles-heute«. Alle anderen Dinge sind nicht selbst Gegenstände, sondern gehören zu einem der Drei.

Diese Drei scheiden die Welt in zwei Bereiche, den materiellen bewegten und den immateriellen unbewegten Teil.

Im Sein, im Körper und in der ersten Wissenschaft, der Physik sind sowohl bewegte als auch unbewegte Gegenstände.

Im Vollen sind nur bewegte Gegenstände.

Im Leeren und den Formen sowie in der zweiten Wissenschaft, der Logik, der Geometrie und Arithmetik, sind nur unbewegte Gegenstände.

Sein (A) ist so etwas wie ein Referat über alle Wissenschaften, die sich mit dem Sein befassen. Ganz unten im Seinsbaum kehrt sich das Verhältnis vom Stoff zur Form von ganz oben um. Das Grösste wird zum Kleinsten. Der Stoff umfasst die Form, fast so, als wolle er sie verschlucken. Hier gibt es scheinbar keinen stetigen Teil und kein stetiges Ganzes, sondern allein die diskrete 1 und die Nicht eins , Platons »Stoff aus Formen «. In »Aristoteles-heute« ist der Stoff der Träger der Form, nicht selbst Form. Die Trennung von Stoff und Form ist absolut in der Physik und in der Logik, relativ in der Geometrie, wo die Gerade und die Fläche sowohl Stoff als auch Form sein können. Die Arithmetik behandelt das Eine in Allem. Das klappt. Besser als in jeder anderen Wissenschaft. Bei dem Einen ist »Aristoteles-heute« ebenso genügsam wie bei der Form: Die 0 und die 1 sind die beiden Formen der Eins . Es gibt eine stetige und eine diskrete Eins. Die eine ist die Grenze oder Form der anderen, die eine Mass , die andre Zahl .

Oben im Seinsbaum haben wir die umfassendste, dafür aber ungenaueste Logik, weil es dort nur das Ganze gibt. Sie besteht nur aus zwei Sätzen. In der Mitte kommt die aristotelische Logik, deren Teile das Ganze restlos ausfüllen. Ganz unten kommt die genaueste Wissenschaft. Sie muss aber, wie es scheint, ohne den Teil auskommen, weil die 1 entweder ganz oder gar nicht zu haben ist. Dafür ist hier unendlich mal unendlich und mehr zu sagen als ganz oben.

Bei Aristoteles steht die Metaphysik (A) an der Stelle der Mathematik. Sie will Alles in Einem abwickeln. Das klappt nicht. Hätte er das Leere gehabt und dem Sein die Form gegönnt, so hätte sein Seinsbaum ungefähr so ausgesehen

 

Fügen wir die Stoffe und Formen ganz unten im Seinsbaum wieder zusammen, dann wird die Metaphysik zur schwierigsten Wissenschaft, weil sie alles in einem abmachen will. Der Stoff teilt sich in die Materie und das Leere (Physik und Logik). Der logisch-geometrische Stoff kommt aus den beiden und gilt für alle Stoffe gleichermassen. Die Materie teilt sich in die träge Materie und die Raummaterie (Physik), Demokrits unendlich schnell und gradlinig bewegte Atome. Das Leere ist physisch unteilbar, aber geometrisch teilbar wie kein zweiter Stoff. Die Form teilt sich in die Fläche, die Linie und den Punkt (Geometrie, Arithmetik). Der Stoff ist in drei Richtungen ausgedehnt. Die Form ist in einer, zwei oder drei Richtungen nicht ausgedehnt, je nachdem, ob sie Fläche, Linie oder Punkt ist.

Die Metaphysik im unteren Kästchen behandelt die Physik, die Mathematik und die Logik. Und das alles auf einmal. Das wirkt ein wenig überladen. Verzichten wir dann noch mit Aristoteles auf die Hälfte des Stoffs der Welt und leugnen das Leere, gerät sie zur Farce.

 

 

Aristoteles will alles zusammenpacken. Alle Grundbegriffe des Seins werden erst getrennt und dann wieder vereint. Mit dieser Fülle von Informationen die Philosophie zu beginnen, führt nur zu Verwirrung. Um so mehr, wenn man wie Aristoteles freiwillig auf die Hälfte des Stoffs verzichtet, die Form an die Materie kettet und die Materie als stetig ausgibt, also im obersten Quadrat nur den roten Rand von aussen nach innen verlegt.

Mit Aristoteles' Einordnung der Metaphysik finden wir nicht heraus, wie das Unbewegte mit dem Bewegten, das Werdende und Vergehende mit dem Ewigen, das Diskrete mit dem Stetigen miteinander zusammenhängen. Selbst Gott kann uns nicht aus der Klemme helfen, weil Er darauf besteht, das Einzige zu sein, was unbewegt ist, hier aber Alles unbewegt ist. Wir haben zwar die reine Wahrheit in ein Kästchen gesteckt, aber einerseits zu viel davon, andrerseits zu wenig. Denn die eine Hälfte des Stoffs fehlt und die Materie ist stetig. Nichts geht mehr. Historisch-theologischer Materialismus.

Die Metaphysik ist nur in der Summe der Einzelwissenschaften verständlich. Daher haben die Araber und Maimonides recht, wenn sie empfehlen, die Metaphysik erst nach der Logik und der Physik zu studieren: »Es ist sehr naheliegend, daß diese Wissenschaft nur aus dem Grunde Metaphysik genannt wird, weil sie erst nach der Physik erlernt wird, also auf Grund ihrer Rangstufe in dem Erlernen der Wissenschaften.« Die Metaphysik des Averroes (ibn Rushd), Frankfurt 1960, S. 8 . »Was nun die Rangstufe der Metaphysik angeht, so muß sie nach den Naturwissenschaften und der Mathematik erlernt werden ... denn viele Dinge, die die Metaphysik als allgemeingültg hinstellt, werden in der Naturwissenschaft im einzelnen klargelegt« Die Metaphysik des Avicenna (ibn Sina), Frankfurt 1999, Bd. 1 S. 31 . »Es ist sehr gefährlich, das Studium mit dieser Wissenschft, nämlich mit der Metaphysik, zu beginnen ... Deshalb ist es notwendig ... zuerst die Logik, dann der Reihe nach die mathematischen Wissenschaften, dann die Naturwissenschaft und zuletzt die Metaphysik zu studieren.« Mose ben Maimon, Führer der Unschlüssigen I, Hamburg1995, S.96,102 . Bei den Christen scheint die Haltung indifferent. So lesen wir bei Ignatius von Loyola nur: »Zu behandeln sind Logik, Physik, Metaphysik und Moral; und auch Mathematik in der für das erstrebte Ziel angebrachten Beschränkung.« Und: »In der Logik, Natur- und Moralphilosophie und Metaphysik folge man der Lehre des Aristoteles.« Satzungen der Gesellschaft Jesu, Frankfurt 1974, S. 152, 157 . Die Begründung des »meta« lautet nun, dass die Metaphysik nach=meta der Physik im Regal steht. Der eigentliche Grund ist, dass die christliche Theologie auch die Körper der der Physik für sich beansprucht. Aber alle halten an der Farce der stetigen Materie mit Form fest und nennen sie ein unergründliches Geheimnis. Denn die Leugnung des Leeren durch Aristoteles ist ein wahres Göttergeschenk an die Theologen, die nun munter mit dem »Unkörperlichen« spielen und dich dummreden können. Verlasse dich beim Studium auf keinen Führer der Unschlüssigen , der für dich die unergründlichen Geheimnisse entwirrt, sondern folge dem Rat der Theologen und studiere selbst die Logik und die Physik. Mit der Metaphysik das Studium zu beginnen wäre genauso fatal, wie wenn du mit Hegel beginnen würdest. Beide richten in den Köpfen eines Unerfahrenen nur Unheil an. Hast du dich durch die Physik und die Logik gearbeitet, wirst du beide (die Metaphysik und Hegel) mit Gewinn lesen und kannst vor allem bei beiden das Gute vom Schlechten scheiden.

Ausblick

Das vormalige Ideal der Metaphysik, alle Gegenstände des Seins in einer einzigen Ersten Philosophie zu vereinen, wird daher in »Aristoteles-heute« nicht verfolgt, sondern abgelehnt. Eine Wissenschaft von Allem kann es nicht geben. Dennoch ist die Metaphysik nicht überflüssig.

Denn da es viele Dinge gibt, die in allen Wissenschaften zu Hause sind, ohne dort zum Gegenstand der philosophischen Untersuchung zu werden, und da es vieles gibt, von dem wir noch nicht wissen, wo wir es hinstecken sollen, ist die Metaphysik der Zukunft so etwas wie ein Sammelbecken globaler Variabler und Unbekannter. Eine globale Variable, die Aristoteles im dritten Buch der Physik als Bewegungsdefinition einführt, ist das Begriffspaar Möglichkeit-Wirklichkeit. Dieses Begriffspaar kann als Platzhalter für alles stehen, was Bewegung und Veränderung ist. Denn alles, was zunächst nicht ist, dann ist und schließlich nicht mehr ist, muß möglich und dann wirklich gewesen sein und sich damit bewegt haben.

Mehr als jede andere Wissenschaft vom Sein ist die Metaphysik eine historische Wissenschaft und damit dem Wandel unterworfen. Denn mehr und mehr gelingt es dem Menschen, vormals Ganze als Teile zu degradieren und unerklärbare Phänomene in die anderen Wissenschaften zu verfrachten. Viele Teile der Ontologie werden an die drei anderen abgegeben. Dagegen finden wir in der Mathematik, Logik und der Physik sichere Prinzipien und Grundlagen des Seins, die entweder gar keinem oder nur geringem und seltenem Wandel unterworfen sind, weil diese drei mit den einfachsten Gegenständen des Seins beginnen.

Die sachliche Überhöhung der Metaphysik, die in Aristoteles' »zielstrebiger« Form ihren Ausgang nahm und von den Moslems, Christen und Juden in ihren Büchern über den lebenden Unkörper (a) übernommen wurde, hat sich überlebt. Wir finden den materielosen Stoff allein in der Physik, bei dem sich Logik, Geometrie und Ontologie bedienen und den materielosen und stofflosen Gegenstand, die Form, allein in der Mathematik und Geometrie. Auch bei diesem Gegenstand bedienen sich die anderen drei.

Die Ontologie selbst hat sich nicht überlebt. Nur sehen wir sie heute als Flickenteppich und nicht als fliegenden Teppich. Ziel des Flickenteppichs ist, so viel wie mögliche Flicken and die anderen Wissenschaften abzugeben. Was übrigbleibt, ist Ontologie.

Das Konzentrat der Ontologie sind die

Kategorien des Seins

Obwohl nur eine kleine Schrift, ist dies eines der ambitioniertesten Unternehmen des Aristoteles. Die Kategorien versuchen, die kunterbunten Wesen der belebten und nicht belebten Welt und ihre Beziehungen zueinander unter zehn einfache Begriffe zu - kategorisieren. Dass diese Schrift traditionell in der Logik statt in der Ontologie angesiedelt wird, ist ein Missverständnis. Die oberste Kategorie ist

Das Wesen (ousia)

In »Aristoteles-heute« ist das Wesen allein der geformte Stoff, den wir vom Ganzen kennen und der daher auch vom Teil gilt. Allein das Wesen ist ein Gegenstand. Die neun anderen Kategorien des Seins, die Quantität, die Qualität, der Ort, die Lage, die Zeit, das Tun, das Leiden, das Haben und die Relation sind Attribute eines oder mehrerer Wesen.

In SGML oder XML würde man sagen, das Wesen ist das Wurzelelement, die Form der Wurzelknoten, und die neun Kategorien sind Attribute des Wurzelelements. vgl. Charles F. Goldfarb, The SGML Handbook, New York 1990.

Mit dieser Definition des Wesens, die Aristoteles nur als eine unter vielen und eher zähneknischend gelten läßt, lassen sich zwar viele Dinge in der Metaphysik des Aristoteles nicht bewältigen. So das Ziel (telos) oder die Form als Herrscherin über die Materie. Das bedeutet, daß diese Dinge mit Ausnahme der Form als unbewegter Nichtstuer in der Ontologie nichts zu suchen haben, sondern in die Psychologie, Ethik oder in die Fabel gehören. Dagegen sind Überschneidungen zwischen Physik, Logik, Ontologie und Geometrie unvermeidlich, weil die vier alle vom Sein handeln. So wird, so lange es noch keine »Kritik der Metaphysik des Aristoteles« gibt, die Form in der Physik abgehandelt.

Denn es gibt nur eine Welt. Alle vier Wissenschaften vom Sein handeln von ein und derselben Welt. Wie das ewig Unbewegte, das ewig Bewegte, die diversen Stoffe und Formen und die dem ewigen Werden und Vergehen unterworfenen Teile miteinander klarkommen, ohne sich ins Gehege zu kommen, müssen wir herausfinden.

Die Ausdehnung des Stoffs auf die immaterielle Größe, deren Sein Aristoteles leugnet und die Beschränkung der Form auf die Grenze des Stoffs wird für die meisten Aristoteles-Kenner, die in der »Tiefe« des Wesens schürfen und mit den »Wesensformen« als den »wahren« Formen allerlei Zinnober veranstalten, schwer zu ertragen sein - sie werden sich aber letztlich geschlagen geben müssen. Das ist aber nicht so wichtig, denn wie soll man mit Leuten kommunizieren, für die die »wahre« Form das zweimalige Hersagen des Wortes Form ist. Denn das Wesen ist Stoff & Form. Also ist die »Wesensform« Stoff & Form & Form.

Was dem Wesen durch die Reduktion auf »geformter Stoff« an sinnlichem Inhaltsreichtum genommen wird, wird sich als vorteilhaft für die Verbindung der Wissenschaften erweisen und die Metaphysik ein wenig dünner machen.

Wenn wir uns im weiteren Studium der Metaphysik vom Ganzen lösen und uns den Einzelwesen, etwa den Lebewesen zuwenden, brauchen wir neue Kriterien für die Unterscheidug zwischen dem Ganzem und dem Teil.

Gattung (genos), Art (eidos=Form) und Individuum

Die Gattung ist eine Form des Ganzen im Innern des Seins; die Art der Teil der Gattung und das Individuum der Teil der Art. Individuum ist 'unteilbares' Wesen. Die 'Unteilbarkeit' des Individuums meint die Unteilbarkeit des Wesens, nicht des Stoffs. So ist der Stoff des Sokrates zwar teilbar, aber nach der Teilung ist das Wesen zerstört. Gattung, Art und Individuum sind gleichermassen im sammelnden, sichtenden und ordnenden Teil aller Wisssenschaften.

Das Individuum Sokrates ist Teil der Art Mensch, und die Art Mensch Teil der Gattung Säugetier. Die Teile und Ganzen können sowohl numerisch, als auch der Grösse nach betrachtet werden. Den Logiker interessiert die Grösse , den Mathematiker die Zahl . Das Individuum 1 ist Teil der Art natürliche Zahlen. Die Art natürliche Zahlen ist Teil der Gattung Rationalzahlen usw.

Möglichkeit (dynamis) - Wirklichkeit (energeia oder entelecheia)

Was wir uns weder in der Metaphysik, der Physik und der Logik antun sollten, ist der inflationäre Gebrauch von Aristoteles' Lieblingsspielzeug, der Verwirklichung des Möglichen. Um die beiden machen Metaphysiker seit jeher viel Aufhebens, weil sich mit diesen beiden Begriffen so geistreiche Konfusion anrichten läßt. Aristoteles hat das Paar im dritten Buch der Physik als Bewegungsdefinition eingeführt, und verabreicht es in der Metaphysik an allen möglichen und unmöglichen Stellen als Beruhigungspille.

(In der sogenannten modalen Logik spielt das Mögliche in seiner Beziehung zum Notwendigen, Unmöglichen, Zufälligen usw. nochmal eine ganz andere Rolle, die dort zu besprechen sein wird.)

Was hier noch fehlt

Es müsste sich jemand finden, der sich an die »Kritik der Metaphysik des Aristoteles « wagt.