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Lothar Seidel Kritik der Physik des Aristoteles Frankfurt am Main 2005 ISBN 978-3-9801802-3-8 555 Seiten, 200 Grafiken, 100 Tippfehler 65,00

Buch 1 und die ersten Seiten der Bücher 2-8 sind online verfügbar.

 

Bewegung

Der erste Gegenstand der Physik ist der Körper. Das gilt auch für die Logik und mit Einschränkung für die Geometrie. Der zweite und dritte »Gegenstand« nach der Untersuchung des Körpers sind die Bewegung und die Nichtbewegung des Körpers.

Der ganze Körper der Physik teilt sich in genau zwei Teile, den bewegten materiellen Körper und den unbewegten immateriellen Körper, das Volle und das Leere.

 

Die Bewegung ist ein Attribut der Materie. Die Nichtbewegung ist ein Attribut des Leeren. Bewegung und Nichtbewegung sind nicht selbst Gegenstände, sondern Gegenstände sind bewegt, oder Gegenstände sind unbewegt. Ein Gegenstand ist nicht »Bewegung« oder »Nichtbewegung«. Bewegung und Nichtbewegung sind unbedingte Attribute der Materie und des Leeren.

Auch hier gibt es zunächst eine 2-Sätze-Logik zweier sich ausschliessender Grössen. Anders als in Sein (a) gibt es hier aber eine Menge mehr zu sagen. So viel, dass daraus die wichtigste naturwissenschaftlich-philosophische Arbeit des Abendlandes entstanden ist, die Physik des Aristoteles.

Die Kritik der Physik des Aristoteles versucht, dem Namen, den Aristoteles seiner Arbeit gegeben hat, gerecht zu werden.

Das erste Buch der Physik und die Grundlagen der Logik benötigen nur die beiden Stoffe der Welt und kommen vollständig ohne Formen aus. Daher sind die Ränder im Bild um das Leere und um den Raum keine Grenzen oder Formen, sondern deuten beim Leeren nur das Körpersein an und beim Raum das Leere.

Gab es in Sein (a) noch Zweifel am Sein oder Nichtsein der Form, so ist die Frage nach dem Sein der beiden Stoffe der Physik nicht eine Frage unseres Dafürhaltens.

An der Materie zweifeln nur Verrückte. Mit ihnen muss man nicht diskutieren.

Anders beim Leeren. Hier haben die Theologen und ihre Nachfolger ein grosses Interesse an deiner Unwissenheit. Die Theologen brauchen alle Attribute des Leeren bis auf seine Ausdehnung für Gott. Aristoteles hat ihnen hier einen grossen Dienst erwiesen, indem er das Unkörperliche als das einzige Immaterielle stets mit der Form identifiziert. Es ist ja auch nicht falsch, denn der Nichtstoff ist die Form. Die Nachfolger der Gotteswissenschaftler des ausgehenden Mittelalters sind eigentlich zu dumm, um zu wissen, warum das Leere auch heute vom Übel ist. Sie plappern daher alles nach, was ihnen ihre etwas beleseneren Mentoren aus der Gottesfraktion vorsagen. In »Aristoteles-heute« werden daher nur die Gotteskrieger zu Wort kommen, die den Aristoteles im Namen Allahs, Jahves oder Christi geplündert haben. Sie sagen wenigstens Falsches über Stoff und Form, was man berichtigen kann.

Wie wir das unbewegte Wo der Welt und das unbewegte Wo der bewegten Materie auch nennen mögen, ohne das Wo wäre die Welt nirgendwo. Und wäre das Wo nur in der Einbildung, wie es Kant und andere denken, dann wäre die Welt nur in der Einbildung. In Wahrheit denkt kein Mensch so etwas, sondern das Nichtverstandene dient in der Regel dazu, allerlei Budenzauber mit dem »Unkörperlichen« zu veranstalten, der die Philosophie in verdienten Verruf bringt.

Ähnlich wie in Sein (a), so sind auch die beiden Körper der Physik zugleich und dennoch vollständig voneinander getrennt. Anders als dort sind die beiden Gegenstände jedoch nicht nur an ihrem äussersten Rand zugleich, sondern in jedem einzelnen Teil ihrer ganzen Ausdehnung. Und anders als dort ist am Sein der beiden Stoffe der Welt kein Zweifel mehr möglich, nachdem du die Physik studiert hast. Schliesslich ist die vollständige Trennung der Materie vom Leeren nur in Gedanken möglich, nicht in der Wirklichkeit, weil jedes Stück der Materie immer mit einem Teil des Leeren zugleich ist. Dagegen ist die örtliche Trennung der Materie vom Leeren, hier Leeres, dort Materie im Leeren, dort wieder Leeres, also das Leere zwischen den Atomen im Leeren, der Motor der Bewegung.

Wieder haben der Teil und das Ganze eine völlig andere Bedeutung als in der Logik. Die beiden Teile der Physik sind nicht nur beide genausogross wie das Ganze, sie sind auch in ihrer ganzen Ausdehnung an ein und demselben Ort! Aber genau diese »völlig andere Bedeutung« des Ganzen und des Teils wird sich als Schlüssel für die Logik der Grössen erweisen.

Beide Stoffe, der leere Stoff und der volle Stoff, nehmen ein und denselben Ort ein. Das Leere ist der Ort, das Volle nimmt ihn ein.

Das Volle teilt sich in zwei Teile, die dicke träge Materie und die Atome des Raums. Die dicke träge Materie sind die chemischen Elemente und die diversen subatomaren Teilchen, vom Photon bis zum Neutrino und was wir sonst noch finden werden. Auch hier treiben sich in letzter Zeit viele Hexenmeister herum. Der Hokuspokus in der Physik wird sich jedoch bald in Luft auflösen. Die Raumatome sind unendlich klein, unendlich schnell und vermutlich die einzigen stetigen Materieteile. Der Raum ist die Gesamtheit der unendlich schnellen gradlinig im Leeren bewegten Raumatome. Demokrits Atome im Leeren sind der Raum. Seine »dynamische Stetigkeit« gewinnt der Raum durch die Bewegung der Atome. Die »Stetigkeit« in Gänsefüsschen, weil der Materie von Anfang an ein Makel anhaftet: Sie ist nicht stetig, sondern voller Löcher zwischen den Raumatomen und voller Löcher in der dicken trägen Materie. Diese löchrige Stetigkeit ist jedoch nur für den Philosophen ein Fluch, der ohne das Leere auskommen muss. Für den Physiker und dich ist die löchrige Stetigkeit ein Segen, weil es dich ohne sie nicht gäbe. Denn wenn die Materie wirklich stetig wäre, gäbe es keine Bewegung, und damit gäbe es dich auch nicht. Alle Materie ist immer bewegt.

Ob die Löcher in der dicken trägen Materie durch den Raum zu stopfen sind, ob und wie die Löcher im Raum sich selbst stopfen, ob die dicke träge Materie durch ihn hindurchfliegt wie ein Netz durch das Wasser oder ob die dicke träge Materie ihren materiellen Raumteil mitnimmt, ob und wie also der Stoffwechsel zwischen den beiden materiellen Stoffen, dem trägen Stoff und dem Atom des Raums stattfindet, kann in der Physik nicht endgültig, sondern nur Schritt für Schritt beantwortet werden. Für die logische Behandlung der beiden materiellen Stoffe gilt die strikte Trennung. Die dicke träge Materie nimmt also nicht denselben Ort ein wie die Raummaterie, sondern fliegt wie der Ball durch die Luft oder schwimmt wie der Fisch im Wasser, innen Ball oder Fisch, aussen Luft oder Wasser, innen träge Materie, aussen Raummaterie. Wie wir das mit unseren löchrigen Stoffen hinkriegen und dennoch bei der Wahrheit bleiben, wird in der Logik und im ersten Buch der Kritik der Physik des Aristoteles gezeigt. Der Gegenstand des ersten Buchs der Physik ist gedankliche Trennung und die sofortige Wiedervereinigung der Materie mit dem Leeren.

Das untere Kästchen im Bild, »Physik | Logik« bedeutet, dass der Gegenstand der Logik derselbe ist wie der der Physik, die Materie und das Leere. Nur betrachten wir in der Physik den unbewegten Teil des Stoffs nur als Grundlage der Bewegung, während wir die Bewegung der Materie aus der Logik hinauswerfen und nur den unbewegten Teil der Bewegung betrachten.

Aber wie bei den Äpfeln und Birnen in der Arithmetik oder bei der Aufteilung der Welt in zwei, drei oder vier Teile in Logik 2.1, so kommen wir auch in der Physik nur am Anfang ohne die Formen aus. Stets werden wir in allen Wissenschaften die historische Entwicklung von Hesiods Stoff zu Platons Form und wieder zurück zum geformten Stoff nachvollziehen, wie sie Aristoteles in den beiden ersten Büchern der Metaphysik geschildert hätte, hätte er das Leere und die Atome gehabt. Die Physik wird sogar in den Büchern 4 bis 6, in mehreren Anläufen die Frage über das Sein bzw. Nichtsein der Formen in der körperlichen Welt stellen und die Form vorübergehend aus der Metaphysik vertreiben, wo sie nur Unheil angerichtet hat (siehe Überblick ).

Zur Physik gehörige Schriften

Die beiden Bücher über das Werden und Vergehen (Generation and Corruption) sind vor allem wegen der Auseinandersetzung mit Demokrits Atomen lesenswert. Die beiden anderen Arbeiten von Aristoteles (Meteorology, Heavens) über die bewegte Welt widerspiegeln die rudimentären, teils von Aberglaube durchsetzten naturwissenschaftlichen Kenntnisse und sind in ihrer Bedeutung nicht mit der Physik zu vergleichen.

Drei wichtige Beiträge zur bewegten Materie haben Descartes, Spinoza und Marx geleistet. Descartes versucht, die Bewegung der Materie aus sich selbst zu erklären. Als Ursache nimmt er die verschiedenen Dichtegrade vom Äther bis hin zur trägen Materie, dringt aber nicht zum Atom vor und hat auch das Leere nicht. Spinoza wagt es als Erster, aus der Gottesfläche einen Gotteskörper zu machen. Beide kritisieren einige Fehler aus Aristoteles' Physik, die seinen Zeitgenossen noch als Wunderweisheiten galten. So den vom materiellen Körper getrennten und unbewegten »topos«, den Aristoteles als eine Mischung von Raum, Ort und Leerem erdichten muss, weil er den unbewegten Körper leugnet.

Marx stellt die Weichen für die Philosophie der Zukunft, indem er eine Selbstverständlichkeit ausspricht und zum Programm macht, dass nämlich das Sein der Anfang ist und wir mit unseren mehr oder minder geistreichen Gedanken über den Anfang am Ende sind. Engels (1) hat mit »Herrn Eugen Dührings Umwälzung der Wissenschaften« (Anti-Dühring) dem sozialdemokratischen Philister ein Denkmal gesetzt und die beste Einführung in das philosophische Werk von Marx gegeben. Engels (2), die »Dialektik der Natur« zeigt, wie die urwüchsige Dialektik Heraklits und der vorsokratischen Denker, nach denen die Welt in ständiger Bewegung, im Werden und Vergehen befindlich ist, in den modernen Wissenschaften die schönste Bestätigung findet.

Was nocht fehlt

Nichts, die »Kritik« wird aber ständig weiterentwickelt.