Me.1.2.982a-983a hnam

Da wir nun diese Wissenschaft suchen, so müssen 5 wir danach fragen, von welcherlei Ursachen und Prinzipien die Wissenschaft handelt, welche Weisheit ist. Nimmt man nun die gewöhnlichen Annahmen, welche wir über den Weisen haben, so dürfte vielleicht die Sache daraus eher deutlich werden. Es ist nun erstens unsere gewöhnliche Annahme, dass der Weise so viel möglich Alles wisse, ohne dabei die Wissenschaft des 10 Einzelnen zu besitzen, ferner, dass der, welcher das schwierige und für den Menschen nicht leicht erkennbare zu erkennen vermag, weise sei (denn Sinneswahrnehmung ist allen gemeinsam und darum leicht und nichts weises); ferner, dass in jeder Wissenschaft der genauere und die Ursachen zu lehren fähigere der weisere sei, und dass unter den Wissenschaften die, welche um 15 ihrer selbst und um des Wissens willen gesucht wird, in vollerem Sinne Weisheit sei, als die um anderweitiger Ergebnisse willen gesuchte, und ebenso die mehr gebietende im Vergleich mit der dienenden; denn der Weise dürfe sich nicht befehlen lassen, sondern müsse befehlen, nicht er müsse einem anderen, sondern ihm müsse der weniger weise gehorchen.

MeK.1.2.982a19

Die Philosophie ist die gebietende Wissenschaft, der die anderen Wissenschaften gehorchen müssen.

Ihren Anspruch, die Führerin der Wissenschaften zu sein, wird die Philosophie dann einlösen, wenn sie die Rechtsprinzipien definiert, denen sich die Gesetze zu beugen haben. Bis dahin ist sie die Dienerin des gerade geltenden Rechts, und Ausrutscher wie Aristoteles oder Platon, die die Regel sein könnten, passieren nur alle paar tausend Jahre.

20 Dies sind im ganzen die Annahmen, welche wir über die Weisheit und die Weisen haben. Hierunter muss das Merkmal alles zu wissen dem zukommen, dessen Wissenschaft am meisten das Allgemeine zum Gegenstande hat; denn dieser weiß gewissermaßen alles untergeordnete. Dies aber, das Allgemeinste, ist auch für den Menschen gerade am schwersten zu erkennen; 25 denn es liegt am weitesten von den sinnlichen Wahrnehmungen entfernt.

MeK.1.2.982a25

Wer das Allgemeine kennt, kennt das ihm Untergeordnete. Das Allgemeine ist am schwierigsten zu erkennen.

In der Physik sagt Aristoteles, das Allgemeine sei am leichtesten zu erkennen, weil es mit den Sinnen wahrgenommen wird. Das macht das Allgemeine der Physik zu einem Allgemeinen zweiten Ranges.

Aristoteles betrachtet das stoffliche Allgemeine als gegenüber dem formalen Allgemeinen als minderwertig. Aber er untersucht beide. Ich betrachte das stoffliche Allgemeine als die Grundlage des formalen Allgemeinen und behalte mir das Gute und das Schlechte für die Ethik, die Ökonomie und andere Wissenschaften um den Menschen vor.

Die Betrachtung nur eines Teils des Seins ist nicht Sache des Philosophen. Seine Sache ist die Betrachtung aller Teile des Seins. Dass der einzelne Philosoph dabei Vorlieben für bestimmte Teile hat, ist zwar nicht wünschenswert aber unvermeidbar, weil er nur ein Mensch ist. Sobald er aber Teile des Seins vom Denken ausschließt, ist er für die Philosophie nicht mehr brauchbar. Die Mehrzahl der Philosophen schließt Teile des Seins vom Denken aus, manche sogar das Sein selbst.

Am genauesten (akribestatai) aber sind unter den Wissenschaften die, welche am meisten auf das Erste (ton proton) sich beziehen; denn Wissenschaften von weniger Prinzipien sind genauer (ex elatton akribesterai) als diejenigen, bei denen noch bestimmende Zusätze hinzukommen, z. B. die Arithmetik ist genauer als die Geometrie. Aber auch zu lehren fähiger ist diejenige Wissenschaft, welche die Ursachen (aitias) betrachtet; denn in jeder Wissenschaft lehrt derjenige , der die Ursachen angibt.

Wissen aber und 30 Erkennen um ihrer selbst willen kommt am meisten der Wissenschaft des im höchsten Sinne Wissbaren zu. Denn wer das Wissen um seiner selbst willen wählt, der wird die 982b höchste Wissenschaft am meisten wählen, dies ist aber die Wissenschaft des im höchsten Sinne Wissbaren, im höchsten Sinne wissbar aber sind die ersten Prinzipien und die Ursachen (ta prota kai ta aitia); denn durch diese und aus diesen wird das andere erkannt, aber nicht dies aus dem untergeordneten.

MeK.1.2.982b4

Das Wissen um seiner selbst willen ist das Wissen des Prinzips. Aus den ersten Prinzipien und Ursachen wird alles andere abgeleitet.

Was ist ein Prinzip? Eine erste Antwort gibt Me.5.1 .

Am gebietendsten 5 unter den Wissenschaften, gebietender als die dienende, ist die, welche den Zweck erkennt, weshalb jedes zu tun ist; dieser ist aber das Gute in jedem einzelnen Falle und überhaupt das Beste in der ganzen Natur.

Nach allem eben gesagten kommt also der fragliche Name derselben Wissenschaft zu; denn sie muss die 10 ersten Prinzipien und Ursachen untersuchen, da ja auch das Gute und das Weswegen eine der Ursachen ist. Dass sie aber nicht auf ein Hervorbringen geht, beweisen schon die ältesten Philosophen. Denn Verwunderung (thaumazein) veranlasste zuerst wie noch jetzt die Menschen zum Philosophieren1, indem man anfangs über die unmittelbar sich darbietenden unerklärlichen Erscheinungen sich verwunderte, 15 dann allmählich fortschritt und auch über Größeres sich in Zweifel einließ (diaporesantes), z. B. über die Erscheinungen an dem Monde und der Sonne und den Gestirnen und über die Entstehung des All (tou pantos geneseos). Wer aber in Zweifel und Verwunderung über eine Sache ist, der glaubt sie nicht zu kennen. Darum ist der Freund der Sagen auch in gewisser Weise ein Philosoph; denn die Sage besteht aus Wunderbarem. Wenn sie also philosophierten um der Unwissenheit 20 zu entgehen, so suchten sie die Wissenschaft offenbar des Erkennens wegen, nicht um irgend eines Nutzens willen.

MeK.1.2.982b21

Nicht um eines Nutzens, sondern allein um des Erkennens wegen denkt der Denkende.

Das Tun um seiner selbst wegen ist in Wahrheit das triebgeleitete Tun, das außer dem Trieb keines Weiteren bedarf. Hier gibt es den Esstrieb, den Denktrieb und den Habentrieb, berichten Aristoteles und Platon als eine von den Alten überlieferte Weisheit (mind. 2 quellen ). Den Herrschtrieb vergessen beide, Platon vielleicht, weil er gerne den Herrschenden gedient hätte, Aristoteles, weil er ihnen dient. Alle vier Triebe vereint das Tun »um ihrer selbst willen« und die Maßlosigkeit.

Was Aristoteles meint, ist, dass der Philosoph nur dann denken kann, wenn er seine Zeit nicht für den Broterwerb verbringen muss, sondern wie die ägyptischen Mathematiker Zeit für die Wissenschaft hat und nicht, dass seine Arbeit nutzlos ist. Vielleicht ist beim Denken das Tun um der Wahrheit willen der bessere Ausdruck dieses Triebs. Denn die Zahl der Denker, deren Denken für die Triebe der Habenden und der Herrschenden denkt, ist Legion. Und die Zahl der Denker, die um der Wahrheit willen denken, ist überschaubar.

Das bestätigt auch der Verlauf der Sache; denn als so ziemlich alles zur Bequemlichichkeit und zum Genuss des Lebens nötige vorhanden war, da begann man diese Art der Einsicht zu suchen. Daraus erhellt also, dass wir sie nicht um irgend eines 25 anderweiten Nutzens willen suchen, sondern, wie wir den Menschen frei nennen, der um seiner selbst, nicht um eines andern willen ist, so ist auch diese Wissenschaft allein unter allen frei; denn sie allein ist um ihrer selbst willen. Darum möchte man auch mit Recht ihre Erwerbung für übermenschlich halten; denn in vielen Dingen ist die menschliche Natur eine Sklavin, und es 30 möchte also wohl nach Simonides Spruche2 »nur ein Gott dieses Vorrecht besitzen«, für den Menschen aber unziemlich sein, nicht die ihm angemessene Wissenschaft zu suchen. Wenn also die Dichter Recht haben und 983a Neid im göttlichen Wesen liegt, so ist anzunehmen, dass dies hierauf am meisten trifft, und alle unglückselig sind, die zu weit streben. Aber weder ist Neid im göttlichen Wesen denkbar, sondern, wie es schon im Sprichworte heißt, »viel lügen die Dichter«, noch darf man eine andere Wissenschaft für 5 ehrwürdiger halten als diese. Denn die göttlichste ist zugleich die ehrwürdigste.

MeK.1.2.983a7

die göttliche Philosophie

Allein das vom Habenvirus nicht befallene und vom Herrschtrieb freie Denken kennt keinen Neid.

Göttlich aber kann sie nur in zwiefachem Sinne sein; denn einmal ist die Wissenschaft göttlich, welche der Gott am meisten haben mag, und dann die, welche das Göttliche zum Gegenstande hat. Bei dieser Wissenschaft allein trifft beides zugleich ein; denn Gott gilt allen für eine Ursache und ein Prinzip, und diese Wissenschaft möchte wohl allein oder doch am meisten 10 Gott besitzen. Notwendiger als diese sind alle andern, besser aber keine. Ihr Besitz jedoch muss für uns gewissermaßen in das Gegenteil der anfänglichen Forschung umschlagen. Denn es beginnen, wie gesagt, alle mit der Verwunderung darüber, ob sich etwas wirklich so verhält, wie etwa über die 15 automatischen Kunstwerke oder die Wendungen der Sonne oder die Irrationalität der Diagonale (tes diametrou asymmetrian); denn wunderbar erscheint es einem jeden, der den Grund noch nicht erforscht hat3, wenn etwas durch das kleinste Maß nicht soll messbar sein. Es muss sich aber dann am Ende zum Gegenteile und »zum Bessern« umkehren nach dem Sprichworte, wie es auch in diesen Gegenständen der Fall ist, nachdem man sie erkannt hat; denn über nichts würde sich ein der 20 Geometrie Kundiger mehr verwundern, als wenn die Diagonale kommensurabel sein sollte.

Worin also das Wesen der gesuchten Wissenschaft besteht, welches das Ziel ist, das die Forschung und die ganze Untersuchung erreichen muss, ist hiermit ausgesprochen.

MeK.1.2.983a23

Prinzip und Ursache hat Aristoteles in den beiden ersten Kapiteln stets zusammen genannt. Einen Unterschied zwischen Ursache und Prinzip hat er noch nicht gemacht. Es folgt die Untersuchung der Ursachen.


1. Nach Platon Theaet. 155 D.

2. Simon, fragm. 5 (Poetae lyrici graeci ed. Bergk).

3. Die Worte »für einen jeden - erforscht hat«, welche in den Handschriften weiter oben hinter »die automatischen Kunstwerke« stehen, hat Bonitz hierher gestellt. Vgl. seinen Kommentar S. 56.