Me.1.4.984b-985b Der Anfang

Man könnte vermuthen, dass Hesiodos zuerst eine solche Ursache gesucht und wer noch sonst etwa Liebe (erota) oder Begierde (epithymia) in dem Seienden als Prinzip gesetzt, wie dies auch Parmenides 25 getan; denn dieser sagt, wo er die Entstehung des All aufbaut1,

Eros erschuf er zuerst von allen unsterblichen Göttern,

Hesiodos aber sagt2

Siehe vor allem zuerst ward Chaos, aber nach diesem

Ward die gebreitete Erde,

Eros zugleich, der vor allen unsterblichen Göttern hervorragt,

30 indem ja in dem Seienden sich eine Ursache finden müsse, welche die Dinge bewege und zusammenbringe. Wem unter diesen man den Vorrang geben soll, es zuerst ausgesprochen zu haben, das sei später zu entscheiden gestattet.

Me.1.4.984b32

Der Trieb kann als ein Anfang betrachtet werden, weil er ohne Leitung des Willens »von sich aus« zur Bewegung treibt. Er verhält sich ähnlich wie die Sinne, nur dass bei den Sinnen die Natur den Menschen berührt und beim Trieb der Mensch die Natur.

Die Erkennung und Gewichtung der Triebe des menschlichen Handelns ist die Aufgabe des Gesetzgebers; sie betreffen einen für den Menschen wichtigen, aber für das Sein weniger bedeutenden Teil des Seins. Die Gesetzgeber haben wegen der Kleinheit in Bezug auf das Sein die Kleinheit in Bezug auf die Menschheit gefolgert und kümmern sich nicht um die Erkennung und die Gewichtung der Triebe. Als Folge lassen sie sich seit Jahrtausenden von dem Trieb der Schlechten treiben.

Da aber auch das Gegenteil des Guten sich in der Natur 985a vorhanden zeigte, nicht nur Ordnung und Schönheit, sondern auch Unordnung und Hässlichkeit, und des Bösen mehr als des Guten, des Hässlichen mehr als des Schönen, so führte ebenso ein anderer Freundschaft und Streit ein, die Freundschaft als des Guten, den Streit als 5 des Bösen Ursache. Denn folgt man dem Empedokles und fasst seine Ansicht nach ihrem eigentlichen Sinne, nicht nach ihrem lallenden Ausdrucke, so wird man finden, dass ihm die Freundschaft Ursache des Guten ist, der Streit Ursache des Bösen; so dass man vielleicht mit Recht sagen könnten, Empedokles setze gewissermaßen und zwar zuerst das Gute und das Böse als Prinzipien, sofern 10 ja die Ursache alles Guten das Gute selbst und des Bösen das Böse ist.

MeK.1.4.985a10

Empedokles setzt zwei entgegengesetzte Triebe als den Anfang.

Der Anfang als zwei Entgegengesetzte ist bei Empedokles noch ungelenk, weil er sich nicht aus den Elementen selbst ergibt, sondern von außen an sie herangetragen wird.

Auch hier gibt es in dem kleinen Bereich der menschlichen Dinge viel für den Gesetzgeber zu tun, weil er die entgegengesetzten Triebe des Habens der Habenden und des Habens der Nichthabenden unter eine gerechte gesetzliche Ordnung bringen muss. Das Böse gibt es nicht in der Natur, sondern die Ursache des Bösen sind die Schlechten. Aber das ist nicht der Gegenstand der vorliegenden Wissenschaft, sondern muss in den Wissenschaften vom Menschen untersucht werden, in der auch die Guten ihren Platz haben.

Insoweit also berührten diese, wie gesagt, zwei von den Ursachen, welche wir in den Büchern über die Natur unterschieden haben, nämlich den Stoff und das, wovon die Bewegung ausgeht, indessen nur dunkel und ohne alle Bestimmtheit, so wie es im Kampfe die Ungeübten machen; denn diese führen im Herumfahren 15 wohl auch öfters gute Hiebe, aber sie tun es nicht kunstgerecht, und ebenso scheinen auch diese nicht mit Bewusstsein zu sagen, was sie sagen ; denn sie machen ja offenbar von diesen Prinzipien fast gar keinen oder doch nur sehr wenig Gebrauch. Denn Anaxagoras gebraucht bei seiner Weltbildung die Vernunft als Maschinengott, und wenn er in Verlegenheit kommt, aus welcher Ursache denn etwas notwendig 20 sein soll, dann zieht er ihn herbei; im übrigen aber sucht er die Ursache eher in allem andern, als in der Vernunft. Und Empedokles gebraucht seine Ursachen zwar etwas mehr als dieser, aber doch weder genügend noch in Übereinstimmung mit sich selbst. Oefters wenigstens trennt bei ihm die Freundschaft und verbindet 25 der Streit. Denn wenn das All durch den Streit in die Elemente getrennt wird, so wird ja das Feuer in eins verbunden und ebenso jedes der übrigen Elemente; wenn sie aber wieder alle3 durch die Freundschaft in das Eins zusammengehen, so müssen notwendig aus einem jeden die Teile wieder geschieden werden. Empedokles also hat im Gegensatze zu den früheren Philosophen diese Ursache 30 als geteilt eingeführt, indem er nicht Eine Ursache der Bewegung aufstellte, sondern verschiedene und entgegengesetzte. Ferner stellte er zuerst der stoffartigen Elemente vier auf, doch wendet er sie nicht als vier an, sondern als wären ihrer nur zwei, nämlich das Feuer an sich, die 985b gegenüberetehenden aber, Erde, Luft und Wasser, als eine einzige Wesenheit. Das kann man bei genauerer Betrachtung aus seinen Gedichten entnehmen.

MeK.1.4.985b3

Die Prinzipien des Anaxagoras und des Empedokles sind für die menschlichen Dinge geeignete Anfänge, weil der Streit der Parteien und die Vernunft das willentliche Handeln zur Voraussetzung haben, das von außen auf ein anderes willentliches Handeln oder von innen auf sich selbst einwirkt.

Der Streit der Gegensätze des Empedokles ist ferner für die Prinzipien der Bewegung in der Mitte von Bedeutung, der an bereits vorhandenen Dingen ausgetragen wird. Erste Anfänge sind sie also nicht, weil sie der Anderen bedürfen, die bereits sein müssen.

In dieser Weise und soviel Prinzipien stellte also, wie gesagt, Empedokles auf. Leukippos aber und sein Genosse Demokritos 5 setzen als Elemente das Volle und das Leere, deren eines sie das Seiende, das andere das Nichtseiende nennen, nämlich das Volle und Dichte nennen sie das Seiende, das Leere und Dünne das Nichtseiende (deshalb behaupten sie auch, dass das Nichtseiende ebensowohl sei als das Seiende, so wie das Leere so gut ist wie das Volle)4, und setzen dies als materielle Ursachen der Dinge. Und wie diejenigen, welche die zu Grunde 10 liegende Wesenheit als ein Eins setzen, das übrige durch die Affektionen desselben erzeugen und dabei das Dünne und Dichte als Prinzipien der Affektionen annehmen, in gleicher Weise erklären auch diese die Unterschiede für die Ursachen des übrigen. Deren sind aber nach ihrer Ansicht drei: Gestalt, Ordnung und Lage (schema, taxis, thesis); denn das 15 Seiende, sagen sie, unterscheide sich nur durch Zug, Berührung und Wendung. Hiervon bedeutet aber Zug Gestalt, Berührung Ordnung, und Wendung Lage. Es unterscheidet sich nämlich A von N durch die Gestalt, AN von NA durch die Ordnung, N von Z durch die Lage. Die Frage aber nach der Bewegung, woher denn oder wie sie bei dem Seienden stattfinde, haben auch diese mit ähnlichem 20 Leichtsinne wie die übrigen bei Seite gesetzt. Über die zwei Ursachen scheinen also, wie gesagt, die Untersuchungen der früheren bis hieher geführt zu sein.

MeK.1.4.985b22

Beim Leeren hat sich Aristoteles leichtfertig der Korrektur seines Stoffbegriffs widersetzt und lässt allein den materiellen Stoff gelten und leugnet den immateriellen Stoff. Er verharrt in der von ihm zu Recht gescholtenen Einstofflehre der Physiker und versperrt sich so den Weg zur Erkenntnis des Anfangs.

Die Gleichzeitigkeit der Materie und des Leeren ist die physikalisch wichtigste Konsequenz aus Parmenides' Erkenntnis, dass die Welt aus Zweien ist, weil sie für das Sein und die Bewegung Aller nur die physis und sonst nichts benötigt. Sie ist der Anfang, weil sie in Allem ist und Ursache aller Bewegung, ohne selbst in den einzelnen Gegenständen als Prinzip und als Bewegungsursache in Erscheinung zu treten. Der Anfang des Seins ist daher der Gegenstand der Physik.


1. V. 131 der Ausgabe von Karsten (Amsterdam 1835), V. 139 nach Stein (Symbolae philologor. Bonnens., 1864, p. 806).

2. In der Theogonie V. 166 ff.

3. »alle (panta) fehlt in den besten Handschriften.

4. B. übersetzt hier das durch den Zusammenhang Geforderte statt der überlieferten Lesart (vgl. Komm. S. 75). Nach Simplic. Phys. p. 28, 14 Diels ist oude to kenon <elatton> tou somatos »das Leere nicht minder als das Körperliche« zu schreiben.