Me.1.3.983a-984b Die Ursachen

Da wir nun offenbar eine Wissenschaft der Grundursachen (ton ex arches aition) uns erwerben müssen (denn Wissen schreiben wir 25 uns in jedem einzelnen Falle dann zu , wenn wir die erste Ursache zu kennen glauben), Ursache aber in vier verschiedenen Bedeutungen gebraucht wird, einmal als Wesenheit (ousia) und Wesenswas1 (denn das Warum wird zuletzt auf den Begriff der Sache zurückgeführt, Ursache aber und Prinzip ist das erste Warum), zweitens als Stoff und Substrat, 30 drittens als das, wovon die Bewegung ausgeht, viertens, im Gegensatz zu den letzteren, als das Weswegen und das Gute (denn dieses ist das Ziel alles Entstehens und aller Bewegung):

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Die vier Ursachen sind als Ur-sachen zu lesen, als erste Sachen. Stoff und Form kann man in einer ersten Vereinfachung den unbewegten, sowie Anfang und Ziel den bewegten Gegenständen zuordnen. Die Form kann dabei als der Abschluss oder die Definition des Stoffs angesehen werden, weshalb sie Aristoteles hier auch mit dem zur Definition gehörigen Begriff des »Wesenswas« umschreibt, der im siebenten Buch behandelt wird. Anfang und Ziel können als die beiden Grenzen einer Bewegung genommen werden. Die unbedeutend scheinende Gemeinsamkeit aller Ursachen ist, dass bereits Gegenstände vorhanden sind, deren Stoff/Form, Anfang/Ende sie sind.

so wollen wir, obgleich wir diesen Gegenstand in den Büchern über die Natur hinlänglich erörtert haben2, 35 doch auch diejenigen zu Rate 983b ziehen, welche vor uns das Seiende erforscht und über die Wahrheit (aletheia) philosophiert haben. Denn offenbar sprechen auch jene von gewissen Prinzipien und Ursachen; diese in Erwägung zu ziehen wird also der gegenwärtigen Untersuchung einigen Nutzen bringen; denn entweder 5 werden wir noch eine andere Art der Ursache finden oder den jetzt erwähnten mehr vertrauen.

Von den ersten Philosophen hielten die meisten nur die stoffartigen Prinzipien für die Prinzipien aller Dinge; denn dasjenige, woraus alles seiende ist und woraus es als dem ersten entsteht und worin es zuletzt untergeht, indem die Wesenheit 10 besteht und nur die Beschaffenheiten wechseln, dies, sagen sie, ist das Element und das Prinzip des Seienden.

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Die Materie bei den ersten Philosophen.

Die Materie erfüllt eine der Voraussetzungen eines Prinzips. Aus ihr bestehen alle Dinge, ohne dass sie selbst als Materie in Erscheinung tritt, sondern als Eisen oder als Schwefel.

Darum nehmen sie auch kein Entstehen und Vergehen an, indem ja diese Wesenheit stets beharre, wie man ja auch nicht von Sokrates sagt, dass er schlechthin werde, wenn er schön oder gebildet 15 wird, noch dass er vergehe, wenn er diese Eigenschaften verliert, weil nämlich das Substrat, Sokrates selbst, beharrt; so also werde und vergehe auch nichts anderes. Denn es muss eine Wesenheit vorhanden sein, sei dies nun eine einige oder mehr als eine, aus welcher das andere entsteht, während jene beharrt. Doch über die Menge und die Art dieses 20 Prinzips stimmen nicht alle überein. Thales, der Urheber solcher Philosophie, sieht das Wasser als das Prinzip an, weshalb er auch erklärte, dass die Erde auf dem Wasser sei; eine Annahme, die er wahrscheinlich deshalb fasste, weil er sah, dass die Nahrung aller Dinge feucht ist und das Warme selbst aus dem Feuchten entsteht und durch dasselbe lebt (das aber, woraus alles wird, ist das 25 Prinzip von allem) ; hierdurch also kam er wohl auf diese Annahme und außerdem dadurch, dass die Samen aller Dinge feuchter Natur sind, das Wasser aber dem Feuchten Prinzip seines Wesens ist.

MeK.1.3.983b27

Das Erste muss in Allem sein.

Keiner, der ein Prinzip entdeckt, kann der Versuchung widerstehen, es als ein Gesetz anzuwenden, weil es ja irgendeinen Zusammenhang zwischen dem Prinzip und dem Einzelnen geben muss. Das endet jedoch stets im Katzenjammer, weil es die Frage ist, wie das Eisen aus der Materie entsteht. Das war sicher der Grund, warum Aristoteles den Stoff, die Form, den Anfang und das Ende sowohl in der Physik, als auch hier behandelt. Denn die vier finden sich sowohl bei den ersten Anfängen des Seins und der Bewegung, als auch bei den einzelnen Dingen, so dass man die Ursachen als die Mittler zwischen den Prinzipien und den Dingen lesen kann.

Manche meinen auch, dass die Alten, welche lange vor unserer Zeit und zuerst über die göttlichen Dinge geforscht haben, 30 derselben Ansicht seien; denn der Okeanos und die Tethys machten sie zu Erzeugern der Entstehung, und den Eid zum Wasser der Götter, das bei den Dichtern Styx heißt; denn am ehrwürdigsten ist das älteste, der Eid aber ist 984a das ehrwürdigste. Ob nun dies schon eine ursprüngliche und alte Meinung war, das möchte wohl dunkel bleiben; Thales jedoch soll sich auf diese Weise über die Grundursache ausgesprochen haben. Den Hippon wird man wohl wegen seiner Gedankenarmut nicht würdigen 5 unter diese Männer zu rechnen. Anaximenes und Diogenes dagegen setzen die Luft als früher denn das Wasser und als vorzugsweise Prinzip unter den einfachen Körpern, Hippasos der Metapontiner und Herakleitos der Ephesier das Feuer, Empedokles die vier Elemente, indem er zu den genannten die Erde als viertes hinzufügte.

MeK.1.3.984a9

Die Vierteilung des Anfangs in die vier Elemente durch Empedokles erlauben den Dingen, z. B aus Wasser und Feuer zu werden.

Sind die vier Elemente des Empedokles Prinzipien, oder gehören sie zu den Ursachen? Denn einerseits sind sie in Allem, und andererseits folgen sie den Gesetzen der Chemie und der Physik und anderen Wissenschaften. Offenbar muss es Dinge geben, die zwischen den Prinzipien und den Ursachen stehen und die an beiden Anteil haben. Oder es gibt auf verschiedenen Stufen des Seins verschiedene Prinzipien?

Denn diese blieben immer und entstünden nicht, außer in Hinsicht 10 der größeren oder geringeren Zahl, indem sie zur Einheit verbunden oder aus der Einheit ausgeschieden würden. Anaxagoras aber der Klazomenier, welcher der Zeit nach früher ist als diese, seiner Philosophie nach aber später, behauptet, dass es eine unbegrenzte Menge von Prinzipien gebe; denn ziemlich alles Gleichteilige (ta homoiomere), gleichwie3 Wasser und Feuer, entstände und 15 verginge so, nämlich nur durch Verbindung und Trennung, auf andere Weise4 aber entstehe und vergehe es nicht, sondern bleibe ewig.

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Die unendlich vielen Elemente des Anaxagoras, die alle in Allem sind erlauben kein Werden.

Das eine Prinzip des Anaxagoras ist das Alles in Einem. Anaxagoras lässt unendlich Viele zugleich sein und jeden Teil davon ein Universum im Kleinen. Das ist eine gewaltsame aber effektive Methode, den Weg vom Alles umfassenden Prinzip zur Einzelursache zu finden. In der organischen Natur hat dieses Modell in der Zellteilung eine schöne Bestätigung gefunden, ist aber wie diese nur für einen Organismus brauchbar und erklärt nicht dessen Werden, sondern dessen Wachsen.

Hiernach möchte man das nach Art des Stoffes gedachte Prinzip für das einzige ansehn. Beim weiteren Fortschritte jedoch zeigte ihnen die Natur der Sache selbst den Weg und nötigte sie zur Forschung. Denn wenn auch durchaus 20 jedem Vergehen und Entstehen etws zu Grunde liegt, aus dem es hervorgeht, sei dies Eines oder mehreres, warum geschieht denn dies und was ist die Ursache? Denn das zu Grunde liegende bewirkt doch nicht selbst seine eigne Veränderung. Ich meine so: z. B. das Holz und das Erz sind nicht die Ursache der Veränderung in ihnen, und nicht das Holz macht ein Bett oder das Erz eine Bildsäule, sondern etwas 25 anderes ist Ursache der Veränderung. Diese Ursache nun suchen heißt das zweite Prinzip suchen, oder, wie wir es nennen würden, dasjenige suchen, wovon die Bewegung ausgeht. Die sich nun ganz zu Anfang mit dieser Weise der Untersuchung befassten und ein einiges Substrat setzten, fanden hierin keine Schwierigkeit5. Einige indes von denen, welche das Eins 30 behaupten, erklären, dieser Untersuchung gleichsam unterliegend, das Eins und die ganze Natur sei unbeweglich, nicht nur in Ansehung des Entstehens und Vergehens (denn dies ist eine alte Lehre und darin stimmten alle überein), sondern auch in Beziehung auf jede andere 984b Art der Veränderung, und dieses ist ihnen eigentümlich.

Von denen also, welche behaupteten, das All sei nur eins, kam keiner dazu diese Art des Prinzips zu erkennen, außer etwa Parmenides, und auch dieser nur insofern, als er nicht das Eins, sondern gewissermaßen (pos) zwei Ursachen annimmt.

MeK.1.3.984b4

Was ist Prinzip des Werdens? Aristoteles sagt, die zweite Ursache. Parmenides sagt, gewissermaßen zwei Ursachen.

»Gewissermaßen« ist zu wenig. Dass das Erste Prinzip Zwei sind, diese Tatsache hat Parmenides als Erster aufgezeigt und als Einziger in allen möglichen Denk- und Seinsarten durchdacht. Die getreue Wiedergabe des teils historisch möglichen, teils historisch nicht möglichen Gesprächs im Parmenides ist Platons großes Verdienst. Dort finden wir eine Herrenrunde aus dem 60 jährigen Parmenides, dem 40 jährigen Zenon, dem jungen Sokrates und Aristoteles, dem Jüngsten, der nach Hegels Schätzung zum Zeitpunkt der Niederschrift des Dialogs 17 Jahre alt gewesen ist, die sich über das Erste Prinzip in mehreren Anläufen die Köpfe zerbricht.

Die 5 aber mehr als eins annehmen, können eher davon sprechen, wie z. B. die, welche das Warme und das Kalte oder Feuer und Erde annehmen; sie gebrauchen nämlich das Feuer, als habe es eine bewegende Natur, das Wasser aber und die Erde und das andere dieser Art in der entgegengesetzten Weise.

MeK.1.3.984b8

Die mehr als eins annehmen

Das Erste Prinzip muss nicht nur in allen Dingen sein, aus ihm muss auch die Ursache der Bewegung aller Dinge sein, also nicht nur Stoff und Form, sondern auch Anfang und Ende umfassen.

Nach diesen Männern und solchen Prinzipien wurden sie, da diese nicht genügten, die Natur der Dinge 10 daraus entstehen zu lassen, wieder, wie gesagt, von der Wahrheit selbst genötigt, das nächst folgende Prinzip zu suchen. Denn dass sich im Sein und Werden das Gute und Schöne findet, davon kann doch billigerweise nicht das Feuer oder die Erde oder sonst etwas der Art die Ursache sein, noch konnten jene wohl diese Ansicht haben; aber eben so wenig ging es wohl an, dies dem Zufall und dem Ungefähr zuzuschreiben. Wie also 15 Jemand erklärte, dass Vernunft (nous) wie in den lebenden Wesen so auch in der Natur die Ursache aller Schönheit und aller Ordnung sei, da erschien er gegen die früheren wie ein Nüchterner gegen irre Redende. Sicher wissen wir, dass Anaxagoras diese Gedanken ergriff, doch soll sie schon früher Hermotimos 20 der Klazomenier ausgesprochen haben.

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Die Vernunft als Prinzip lässt Anaxagoras als den Nüchternen unter den Irrenden erscheinen.

Das zweite Prinzip des Anaxagoras ist die Vernunft. Streift man die panpsychischen und pantheistischen Ansätze dieses Modells ab, so findet es sich in den Formen Platons und Aristoteles' wieder, in denen der Vernunft die Form am Ende des Stoffs und der Materie der Stoff zugewiesen werden. Lässt man die Vernunft sowohl Stoff als auch Form durchdenken, kann man das zweite Prinzip vereinfacht das formal-stoffliche Prinzip nennen. Aristoteles wird es in der Physik, aber auch in der Metaphysik bevorzugen. In der Physik nimmt es die Physik des bewegten Punktes vorweg. In der Metaphysik wird es in der Definition eine Rolle spielen. Weil das meson (die Mitte) in der Analytik am eingehendsten und am präzisesten sowohl als formales, als auch als stoffliches Prinzip untersucht wird, nenne ich es das Prinzip der Mitte.

Diejenigen nun, welche diese Annahme aufstellten, setzten zugleich die Ursache des Guten als ein Prinzip der Dinge, und zwar als ein solches Prinzip, von welchem für die Dinge die Bewegung ausgeht.


1. to ti en einai: Wesenswas (Bonitz). Den Kunstbegriff hat Aristoteles für die Untersuchung der Definition der ousia im siebenten Buch geprägt. Man kann ihn vorerst ohne Schaden als »Name« nehmen und nach seiner richtigen Bedeutung im siebenten Buch fragen (L.S.)

2. Vgl. Phys. 2.3. - 2.7 .

3. Im Manuskript der Übersetzung hat Bonitz das griechische kataper durch »wie z. B.« wiedergegeben, im Kommentar S. 68 dagegen richtig als »gleichwie« erklärt.

4. Für allos »auf andere Weise« schlägt Zeller vor zu lesen aplos »schlechtbin«.

5. So im Manuskript der Übersetzung nach der Lesart ein autois. Im Kommentar S. 69 zieht B. heautois vor. Dann ist zu übersetzen »waren völlig mit sich zufrieden.«