Nachtrag 2: Die Guten und die Macht

Was die Guten mehr als alles andere in allen historischen Epochen davon abgehalten hat, zu haben und zu herrschen, ist ihre Sanftmut und der Abscheu D25 davor, andere herumzukommandieren oder auszunutzen.

Und vom Sozialismus der Dummen, dem Stalinismus, wollen die Guten ebensowenig wissen, wie vom Sozialismus der Schlechten, dem Nationalsozialismus. Sie wollen den Sozialismus der Guten oder den sozialen Kapitalismus, in dem das Volk seine Herrschaft und seinen Reichtum mit den Dummen und den Schlechten teilt.

Das Problem: Wie können weder räuberisch, noch herrschsüchtig veranlagte Menschen, die Guten, die Herren der Räuber sein, ohne selbst zu Räubern und Herrschsüchtigen zu werden? Die Diktatur des Proletariats ist die Übergabe der Macht von den Guten an räuberisch talentierte Verbündete in der Hoffnung, dass diese nach dem Raub das Raubgut der Schlechten an die Guten weitergeben. Aber es gab bis heute weder einen Plan, wie die anschließende Übergabe funktionieren soll, noch existiert ein Plan, wie nach dem Raub des Raubgutes mit der Wirtschaft zu verfahren ist, so, dass diese auch weiterhin den Reichtum produziert. Denn der liegt nun in den Händen der Diktatoren des Proletariats, die vielleicht nichts damit anzufangen wissen, weil ihnen die betriebswirtschaftlichen Kenntnisse fehlen. Hier werden die Diktatoren ihre Macht gegen die Guten missbrauchen. Und das Schlechteste: Die Verteilung des Mehrwerts zwischen Kapitalisten und Arbeitern ist nicht mehr Sache zwischen Kapitalisten und Arbeitern, sondern zwischen den Diktatoren und Arbeitern. Aber weder die Kapitalisten sind das Kapital, noch die Diktatoren sind das Kapital, sondern wir sind das Kapital! Wir bezahlen Euch! Wir bezahlen die Politiker, und wir bezahlen die Kapitalisten zu den Bedingungen, die wir festgelegt haben.

-----------

Gorbatschow hat in der grenzenlosen Naivität eines Guten an der Spitze der Dummen geglaubt, die Furie des Habens besänftigen zu können, indem er ihr die Hand reicht (ähnlich Tim Berners-Lee, der Erfinder des WWW bei seiner Gründung des W3C). Sie frisst dich, wenn du das aus einer Position der Schwäche tust. Zwar war Gorbatschow zum Zeitpunkt seines Eingriffs in die Weltgeschichte politisch einer der zwei mächtigsten Männer der Welt mit allen der Politik zu Gebote stehenden Mitteln einschließlich des Militärs. Aber er war zum gleichen Zeitpunkt ein ökonomischer Bittsteller, der 70 Jahre zu spät erkannte, dass ein Betrieb nach kaufmännischen Prinzipien zu leiten ist, wie er sie in seinen Büchern »Glasnost« »Perestroika« immer wieder als »wirtschaftliche Rechnungsführung« beschwört.

Das mindert den Wert seiner Erkenntnis nicht: Denn die Differenz zwischen Aufwand und Ertrag, ist genau der Ort, an dem der Konflikt zwischen dem einzelnen Kapitalisten und seinen Arbeitern ausgetragen wird.

Die sowjetische und deutsche Literatur, die Lenins Theorie des Imperialismus als eine Weiterentwicklung des Marxismus bezeichnet, ist (in dieser Beziehung) zu verwerfen. Es handelt sich nicht um eine Weiterentwicklung des Marxismus, sondern um eine Theorie der Herrschsucht der Dummen und des Räuberinstinkts der Schlechten. Der Marxismus und seine Weiterentwicklung handeln vom Konflikt zwischen den Schlechten und den Guten und zielen darauf, dass die Guten in diesem Konflikt zu ihrem Recht kommen. Das geschieht erst in zweiter Linie über den Umweg des Konflikts zwischen den Dummen untereinander, sondern zuerst in direkter Auseinandersetzung D26 zwischen den Guten und den Schlechten. Die Guten haben weder am Herrschen noch am Haben Interesse, sondern daran, dass die Habenden und die Herrschenden ihre Rolle als die Lohnempfänger der Guten richtig spielen.

Lenins Imperialismustheorie, die Macht

Zwar ist klar, dass die Umwandlung des Finanzkapitalisten in ein nützliches Glied der Gemeinschaft nicht so moderat verlaufen kann wie die Eingliederungsvereinbarung mit dem produktiven Kapitalisten. Und man wünscht sich einen kriegerisch begabten Revolutionär wie Lenin, um die Grobarbeit zu tun. Aber Lenins theoretisches Werk ist für diesen Schritt nicht zu gebrauchen. In Lenins Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus sieht man sich nach Denver und Dallas versetzt, zweier amerikanischer Fernsehserien, in denen das Verhökern von Firmen den Lauf der Welt zu bestimmen scheint. Für Lenin ist die »Macht« der Banken als den Anführerinnen des Imperialismus eine ausgemachte Sache. Zwar wundert er sich auch darüber, wie die »Verwandlung zahlreicher bescheidener Vermittler in ein Häuflein Monopolisten« ( Lenin Werke, Bd. 22, S. 215 ) vonstatten gegangen sein mag, hat aber auf die Frage keine Antwort und belässt es bei Statistiken über deren Wachstum und Allgemeinplätzen wie »Aus den zersplitterten Kapitalisten entsteht ein einziger kollektiver Kapitalist. Die Bank, die das Kontokorrent für bestimmte Kapitalisten führt, übt scheinbar eine rein technische, eine bloße Hilfsoperation aus. Sobald aber diese Operation Riesendimensionen annimmt, zeigt sich, daß eine Handvoll Monopolisten sich die Handels und Industrieoperationen der ganzen kapitalistischen Gesellschaft unterwirft« ( Lenin Werke, Bd. 22, S. 218 ). Die Macht des »neuen Kapitalismus« (Imperialismus) gründet sich auf die Monopole und deren Aufteilung der Welt untereinander. Eine theoretische Quelle Lenins des »neuen Kapitalismus« ist Rudolf Hilferding (»Das Finanzkapital«) , der ebenfalls in Denver und Dallas sein zweites zu Hause hat neben dem Kapital, das er im Detail gut zu zitieren und mit klaren Worten zu erläutern versteht, mit dem er aber als Ganzes nichts anzufangen weiß.

Das Gepolter unserer heutigen »Imperialisten« ist merklich leiser geworden als nach den beiden ersten Zusammenbrüchen des weltweiten Kreditbetrugssystems im 20. Jahrhundert. Zwar tun sie ihr Bestes, um ihrem Ruf gerecht zu werden und bomben in der ganzen Welt herum, aber der richtige Blutrausch unter ihnen oder unter den Völkern will und will einfach nicht wachwerden. Das hat eine einfache Ursache: Die »Imperialisten« wissen, dass sie mit ihrem Latein nun endgültig am Ende sind.

Seit acht Jahren sitzen sie um den Bankenkadaver und tragen nicht nur Trauer, sondern ihre Schulden bei ihm ab, weil der ihnen aus dem Grab droht, dass er sie bei ihren Völkern w/Kreditbetrug verpetzen wird. Dabei wissen sie ganz genau, dass sie als nächstes als die Staatskadaver und die Industriekadaver dran sind und dass das Vollpumpen des Bankkadavers mit Blüten ihr Krepieren nur ein wenig aufschiebt. Aber alles, was ihnen einfällt, sie singen »Heile, heile Gänsche, s'wird bald widder gut.«

Sollte eine ihrer Faschistenparodien in den Parlamenten mit der Endlösung der Moslemfrage oder der Endlösung der Flüchtlingsfrage ernstmachen wollen, wird sie das Volk genauso zum Teufel jagen, wie es beispielsweise in Deutschland die Freien Demokraten zum Teufel gejagt hat, als sie eine zu D27 dicke Lippe gegen die Arbeitslosen riskiert haben. Unterschätze niemand die Weisheit des Volkes.

Und vor diesen toten und lebenden Leichen sollen die Völker der Welt als den »Imperialisten« erzittern? Das ist doch lächerlich.

Das Werk von Marx bestand darin, abseits von dem Getöse der Herrscher, Projektemacher und Wucherer, das sich selbst als die Träger der Geschichte ausgibt, die im Stillen vor sich gehende einfache Arbeit auf den Feldern, den Meeren, in den Bergwerken, in den Fabriken und Programmierstuben als die wahre vorwärtstreibende Kraft der Geschichte zu erforschen und dies bis ins kleinste Detail nachzuweisen. Die 850 Seiten des Werkes, das wie kein zweites die Weltgeschichte geprägt hat, des ersten Bandes des Kapital , handeln von der ersten bis zur letzten Seite von der Erzeugung des industriellen Überschusses durch die Arbeit und handeln damit direkt vom Konflikt zwischen den Guten und den Schlechten. Die beiden Folgebände handeln ebenso vom ersten bis zum letzen Buchstaben von der Zirkulation und der Verteilung des Mehrwerts und dort unter anderem von dem auf die Banken fallenden Teil des Mehrwerts, den Zins im dritten Band des Kapital.

Lenins Imperialismus teilt den Kapitalismus in den alten und den neuen Kapitalismus. In der guten alten Zeit des alten herrscht laut Hilferding die »freie Konkurrenz« (Damit meint er offenbar jene Idylle, in der die zarten Kinderhände in der Kohlengrube und der Weberei ihre Geschicklichkeit 16 Stunden am Tag unter Beweis stellen konnten.), in der bösen des neuen das Monopol. Im alten herrscht der industrielle Kapitalist, im neuen der Geldkapitalist. Das ist die ganze Geschichte des »Imperialismus«, wo mit einer Mischung aus Abscheu und Ehrfurcht die »Macht« der Banken zelebriert wird, statt dass die Untersuchung fortgesetzt wird, wie ihnen der Geldhahn abgedreht werden kann. Weder im alten, noch im neuen Kapitalismus ist - außer von der bestochenen »Arbeiteraristokratie« der modernen Industriestaaten - vom Hauptgegenstand in Marx' Werk ein Wort zu lesen, der Arbeit. Lenin beschreibt, wie der neue Kapitalismus vertreten durch vier oder fünf reiche Länder, die Welt unter sich aufteilt und dabei die Völker der Welt sich gegenseitig abschlachten lässt.

Die Banken spielen in seiner Theorie nicht die Rolle, die ihnen ökonomisch zukommt, nämlich als Sammelstellen von freiem Kapital und als Verteilstellen dieses Kapitals an die produktiven und kommerziellen Kapitalisten in Form von Krediten und an die Staaten in Form von Nachtragssteuern, sondern die Rolle, die sie sich seit dem 19. Jahrhundert teils angemaßt haben und die ihnen durch den Kauf des produktiven Kapitals teils zugewachsen ist, die der Masters of the Universe. Lenin nimmt wie unsre heutigen Politiker und die noch übriggebliebenen Industriekapitalisten für bare Münze, was pure Anmaßung ist, statt zu untersuchen, was mit den Banken aus der Sicht der Mehrwertproduktion und -verteilung zu tun ist, nachdem sie nicht nur den überschüssigen Mehrwert, sondern auch das konstante und »variable« Kapital der Industrieunternehmen in ihren Büchern und unter ihrem Kommando haben. Anders dagegen Marx, der bei seiner Betrachtung der Banken im dritten Band des Kapital wie im ersten und im zweiten allein die Rolle des Mehrwerts in den Händen der Banken untersucht. Um die »Macht« der Banken zu brechen, ist hier weiterzuforschen. Das muss in Lektüre des dritten Band des »Kapital« geschehen. Weil es keiner getan hat, D28 habe ich diese Arbeit auf mich genommen und sie - obwohl erst im Entwurfsstadium - dem Publikum zur Verfügung gestellt ( MEW 25, Fünfter Abschnitt, Kap. 21 - Kap. 36 ). Weiter Lenin:

Durch die Aufteilung der Welt in vier oder fünf Teile wird nun Russland zu einem Teil des neuen Kapitalismus (Imperialismus). Hier ist von der propagandistischen Seite auch eine gewisse Rechtfertigung für seinen Argumentationsgang. Die feudalistische Knechtung der russischen Bauern im riesigen Agrarreich und die Raubzüge der Krupp, Siemens und Deutsche Bank haben aus Russland ein bitterarmes Zwittergebilde der beiden parasitäten Formen des Eigentums, dem Feudaleigentum (Grundeigentum) und dem Bankeigentum (Zins) gemacht und das Land »außerplanmäßig« an die vorderste Front der Revolution gespült, die damals weltweit auf der Tagesordnung stand. Hätte da der Führer der Revolution dem Volk gesagt, dass es nach dem Sieg erst einmal die viele Jahrzehnte währende Ochsentour der kapitalistischen Akkumulation mit unendlichen Entbehrungen der Arbeiter auf sich nehmen muss, bevor an den Sozialismus zu denken gewesen wäre, so hätte das den Kampfeswillen des Volkes ganz sicher nicht beflügelt.1

Aber Russland als die Speerspitze des Kampfs gegen den neuen Kapitalismus (Imperialismus), das diesem als einziges Land die Stirn bietet, ist eine andere Sache und öffnet den Völkern eine neue Perspektive. Tatsächlich war für eine gewisse Zeit die Hoffnung der Welt auf Russland und die junge Sowjetunion gerichtet. Und tatsächlich bleibt das Fanal, das Lenin und Mao für die Völker der Dritten Welt gesetzt haben, sich vom Joch des Kolonialismus zu befreien, das historische Verdienst der beiden. Bald aber rächte sich Lenins Propagandatrick oder seine Fehleinschätzung weltweit. Denn die Marxisten in den mehrwertproduzierenden Ländern begannen, Lenins Marxismus ohne Mehrwert als »Weiterentwicklung« des Marxismus teils freiwillig, teils unter Druck der Sowjetunion zu propagieren. So waren sie einerseits die Mühe los, das unvollendete Werk von Marx zu vollenden und Rechenschaft darüber abzulegen, was sie mit dem Mehrwert zu tun gedenken, nachdem sie die Macht erobert haben. Und andererseits entpuppten sich diese Bindestrich-Marxisten (»Marxisten-Leninisten«) als die neuen Dummen und Schlechten in Personalunion, weil sie das Eigentum der Schlechten an sich reißen wollten, um damit die Guten nicht nur auf der Gendarmerie und im öffentlichen Raum, sondern auch während der Arbeit unter Kontrolle zu haben. Stalin hat dies zur Vollendung vorgeführt und bewiesen, dass es keinen größeren Antikommunismus gibt, als den eines solchen Kommunisten2. Die Personalunion der Dummen und der Schlechten, deren Aufhebung das Werk der Französichen Revolution war, wurde damit rückgänig gemacht und ein Sozialismus mit feudalabsolutistischen Zügen entstand. Hier ist das Rätsel D29 gelöst, wie ein hochentwickeltes Land wie die DDR derart verkommen konnte. Die Produktion des Mehrwerts, jener Naturgabe der menschlichen Arbeitskraft, die allen Reichtum und allen Fortschritt der Menschheit erst ermöglicht, spielt in der DDR-Ökonomie ebensowenig eine Rolle wie bei Lenin. Und der große Theoretiker Stalin hat das Wertgesetz im Sozialismus kurzerhand für abgesetzt erklärt: »Der Wert ist ebenso wie das Wertgesetz eine historische Kategorie, die mit dem Bestehen der Warenproduktion zusammenhängt. Verschwindet die Warenproduktion, so verschwinden auch der Wert mit seinen Formen und das Wertgesetz.« (Die Frage des Wertgesetzes (1) beim Sozialismus auf Seite 205 in: Die ökonomischen Probleme des Sozialismus in der UdSSR, 1952 , Stalin Werke Band 15, S. 195-217). Hier wie dort ist die Hauptsache, wer über wen das Kommando hat. Was bei Lenin aus der Not geboren und zu propagandistischen Zwecken gerechtfertigt war, hat hier alle Berechtigung verloren: Die Ausklammerung von Marx' Hauptwerk aus dem Marxismus. D30


1. Mao, obwohl nur über Lenin (und Stalin) über die theoretischen Grundlagen der neuen Weltanschauung von Marx informiert, hat hier weiter geblickt als Lenin und den Aufbau des mehrwertproduzierenden Kapitalismus nach dem Sieg der Revolution auf die Tagesordnung der nächsten Jahrzehnte gesetzt. Das hat ihm nicht nur die Unterstützung der Bauern eingebracht. Naturgemäß können aber auch seine Überlegungen keine Antworten auf die Fragen sein, die den reichen Schlechten und den reichen Dummen zu stellen sind.

2. Wolfgang Leonhards »Die Revolution entlässt ihre Kinder« ist für einen deutschen Linken eine Pflichtlektüre. Vor den Nazis mit seiner Mutter aus Deutschland geflohen hat er seine Jugend in der Sowjetunion Stalins zugebracht, während seine Mutter während der Säuberungen als »Trotzkistin« verhaftet wurde und acht Jahre in Lagern verbracht hat. Auch sie hat ein Buch darüber geschrieben (»Verlorenes Leben«). Leonhard schildert die Ereignisse um die Säuberungen und Stalins Herrschaft aus der Sicht eines jungen deutschen Kommunisten, der bis zum Schluss den Glauben an den ersten sozialistischen Staat nicht aufgeben wollte. Er hat sich in langen Jahren der Hoffnung, die Sowjetunion würde ihren Weg zum Sozialismus finden, endlich in der DDR, als seine Mutter aus dem Lager entlassen ihm eine Standpauke hielt, vom Stalinismus losgesagt. Chruschtschows Memoiren sind auch lesenswert, um Stalin aus erster Hand kennenzulernen. Chruschtschow war ähnlich wie Gorbatschow ein Guter, der sich an die Spitze der Dummen emporgearbeitet hat.