Der Mehrwert heute

Als der Arme vor etwa 230 Jahren, also vor geschichtlich gar nicht langer Zeit die einmalige Gelegenheit hatte, sich nicht nur seine Würde, sondern auch sein Eigentum zurückzuholen, hat er sich mit der Würde begnügt und nur einen Vertrag mit den Mächtigen geschlossen, hat versäumt, den Vertrag auch mit den Reichen zu schließen, der ihm auch sein Eigentum zurückgegeben hätte. Das hat dazu geführt, dass die Klasse der Reichen dem einzelnen Armen ihren Vertrag zu ihren Bedingungen aufgezwungen haben und dazu, dass dann bald sowohl die Mächtigen, als auch die Armen zu den Bedingungen der Reichen ihre Arbeit tun mussten. Jetzt ist die Zeit gekommen, um den Vertrag zwischen der Klasse der Armen und den einzelnen Reichen zu schließen, der zu den Bedingungen der Armen formuliert ist. Denn die Würde genügt ihnen nicht mehr. Sie wollen ihr Eigentum zurückhaben.

Dass sich der Gewinn des Kapitalisten aus der Differenz zwischen dem Verkaufserlös und den Löhnen bildet (die anderen Kosten können vernachlässigt werden, weil sie auf beiden Seiten des Kontos dieselben sind und sich somit zu Null aufheben), ist bekannt, seit es die kaufmännische Buchführung gibt: S2

Soll Haben
Löhne 5 Erlöse 10
Gewinn 5
Summen 10 10

Dass der Gewinn des Kapitalisten aus der Mehrarbeit stammt, ist seit Ricardo bekannt, der von den unzähligen Ökonomen, die den Mehrwert behandelt haben, dies am reinsten klargestellt hat.

Soll Haben
Wert der Arbeitskraft 5 Warenwert 10
Mehrwert 5
Summen 10 10

Was war also die Ursache dafür, dass Marx' Darstellung des Mehrwerts wie eine Bombe einschlug, sagte sie doch nur bereits allseits Bekanntes?

Soll Haben
bezahlte Arbeit 5 Erlöse 10
unbezahlte Arbeit 5
Summen 10 10

Die Ursache war, das er gezeigt hat, dass der Arbeitstag aus einem bezahlten Teil und einem unbezahlten Teil besteht, dass der Arbeiter die Hälfte des Tages im obigen Beispiel umsonst arbeitet.

Daraus sind die Schlussfolgerungen zu ziehen. Dies ist bislang noch in keinem Land der Erde geschehen.

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Die Frage muss kaufmännisch, rechtsphilosophisch und ökonomisch beantwortet werden.

Die kaufmännische Antwort ist die einfachste. Dazu genügt die zweispaltigen Tabelle, die im Italien des 15. Jahrhunderts erfunden wurde.

Einkauf Verkauf
Löhne 5 Erlöse 10
Gewinn 5
Summen 10 10

Der kaufmännische Gewinn von 5 berechnet sich aus der Differenz zwischen dem Lohn von 5 und den Verkaufs-Erlösen von 10 des Kaufmanns. Sind also die Erlöse 10 und der Lohn 5, so ist der kaufmännische Gewinn 5. Diese Tabelle ist im produzierenden Betrieb dieselbe wie im Handelsbetrieb oder im Wucherbetrieb.

Der kaufmännische Reichtum ist umso größer, je kleiner das ursprüngliche Eigentum ist. Im Idealfall ist das ursprüngliche Eigentum Null, S3 was den kaufmännischen Gewinn von 10 im Verhältnis dazu verunendlichfacht und den Tod durch Arbeit zur Voraussetzung hat.

Alles, was dazu erforderlich ist, sind ein paar Lager fern ab der Heimat und dem mitfühlenden Herzen des Bürgers gefüllt mit passendem Menschenmaterial und eine beherzt ins Werk gehende Regierung im Verein mit ebenso mutig zupackenden Industriellen.

Einkauf Verkauf
Löhne 0 Erlöse 10
Gewinn 10
Summen 10 10

Da die Zahlen nicht lügen, scheint es ein Naturgesetz des kaufmännischen Gewinns zu sein, die Armut der ursprünglich Reichen zu erzeugen.

Tatsächlich gilt, was in einem Betrieb und einem Land gilt, auch in der ganzen Welt und zwar schon seit Menschengedenken. Der Reichtum und die Armut sind also so gesehen Naturgesetze, denen man sich zu beugen hat.

Das trifft zu, solange die Sprache der Gesetzgeber genau wie die Sprache der Kaufleute nur aus den beiden Wörtern Soll und Haben besteht. In gesetzgeberischen Sprachen, die über mehr als zwei Wörter verfügen, kann es zu unterschiedlichen Auffassungen kommen. Dass aber auch nach kaufmännischen Gesichtspunkten ein Zustand erreicht werden kann, in dem der ursprünglich Reiche seinen Reichtum wiederbekommt, zeigt sich bei der ökonomischen Untersuchung der Frage nach dem Ursprung der Armut des ursprünglich Reichen.

Wie aber um alles in der Welt ist es dazu gekommen, dass das ursprüngliche Eigentum eine so merkwürdige Form bekommen hat, zu Null werden zu können und der kaufmännische Reichtum unendlich? Dazu ist zu untersuchen, was mit dem ursprünglichen Eigentum im Laufe der Geschichte geschehen ist.

Siehe Die Dummen, Die Formen des Eigentums und hier Die ganz Schlechten oder das Nachgeborene .

Das hier zu untersuchende Eigentum ist die Form des tertiären Eigentums, die zur Schlechtigkeit der früheren Formen die Heimlichkeit hinzufügt und ihre Schlechtigkeit nicht nur hinter den Fabrikmauern, sondern auch hinter den Mauern des Schweigens und Lügens verbirgt. Es handelt sich um das Eigentum am Mehrwert.

Der Mehrwert ist der Teil des primären Eigentums, der dann entsteht, wenn der Arbeiter länger arbeitet, als er es zur Befriedigung seiner Grundbedürfnisse des Lebens tun muss, also der Teil des Arbeitstages, der die Mittel zur Befriedigung der Bedürfnisse von Freizeit, Kunst, Kultur und allem anderen, was Freude bereitet, erarbeitet. Zugleich ist es aber auch der Teil, mit dem die Akkumulation des Kapitals, also der wachsende Reichtum, finanziert wird. Diesen Teil des Arbeitstages machen die Kapitalisten genau wie vor ihnen die Feudalherren und Sklavenhalter zu ihrem Eigentum. Aber anders als die Vollzeit-Sklavenhalter in Griechenland, Rom oder Amerika, verstehen S4 unsere Teilzeit-Sklavenhalter, den einfachen Sachverhalt des Raubs der unbezahlten Arbeit mit Hilfe ihrer Professoren oder des Polizeiknüppels zu einem Unsagbaren und Undenkbaren zu machen. Darüber spricht »man« nicht.

Daraus haben Marx und Engels den Schluss gezogen, dem modernen Raubritter müsse das Eigentumsrecht an den Maschinen und Rohstoffen genommen werden. Das war ein Fehler der beiden Denker, weil der Räuberinstinkt neben seinen vielen schlechten Seiten auch seine ungewollt guten Seiten hat oder haben kann. Niemand schildert dies besser als die beiden jungen Revoutionäre im Kommunistischen Manifest von 1848. Und die eine gute Eigenschaft ist es, dass die Kapitalisten es wie keiner sonst verstehen, mit dem Eigentum an den Produktionsmitteln Reichtum zu scheffeln. Dafür werden sie auch weiterhin gebraucht.

Man mag über den Räuberinstinkt klagen. Man mag dieses Eigentum als Diebstahl bezeichnen. Man kann aber nicht an der Tatsache vorbei, dass es den Reichtum der spinnenden Römer, der Kirchenrömer und der modernen Kapitalisten ohne diesen Räuberinstinkt nicht gäbe. Die Gesellschaft wäre dumm, wenn sie auf die Menschen mit diesen Instinkten verzichten würde. Und halten und dressieren kann sich die Gesellschaft diese Menschen nur, wenn sie deren Instinkten nicht ihre Nahrung verwehrt.

Die abschließende Phase der auf feindlich gegenüberstehenden Klassen beruhenden Gesellschaften wird die Rücknahme des Überschusses aus dem Produkt der Arbeit in die Hände der arbeitenden Klasse zunächst in einem und dann in allen industrialisierten Ländern sein. Dies wird nicht die Zerstörung der Klassen im Gefolge haben, wie Marx und Engels annahmen, sondern nur den Krieg zwischen den Klassen beenden. Die räuberische Klasse und die herrschende Klasse bleiben bestehen, weil die Gier und die Herrschsucht neben ihren schlechten auch ihre gute Seiten haben, auf die das Volk solange nicht verzichten kann und will, bis Alternativen gefunden sind und die es sich in seiner Sanftmut vor allem nicht selbst aufhalsen will. Die Habenden und die Herrschenden werden weiterhin haben und herrschen, die Essenden weiterhin essen. Nur ist der Krieg zwischen den Klassen nun ausgeschlossen, weil das oberste Ziel aller drei Klassen das Haben der Essenden ist. Der Kapitalist steht morgens nicht mit dem ersten Gedanken auf, wie lasse ich meine Arbeiter am besten hungern, sondern mit dem Gedanken, wie bekomme ich meine Arbeiter am besten satt.