Kr.8.9.265a-266a Die Bewegung des Alls - KrSc

KrK.8.9.265a13.a

Aber bevor wir unseren philosophischen Trieben freien Lauf lassen, müssen wir noch zwei Hürden nehmen:

  1. Wie hängt die eine unendliche Bewegung mit den vielen endlichen Bewegungen zusammen?
  2. Wie wird die Gerade krumm?

Die begrenzte Bewegung findet statt in der sublunaren Welt, die wir erneut erweitert haben, nämlich auf alle Bewegungen innerhalb des unendlich grossen Universums. Alle Bewegungen innerhalb, seien sie endlich oder unendlich, haben Anfang und Ende. Die Welt als Ganze hat einen ewig bewegten Teil, die Materie und einen ewig unbewegten Teil, das Leere. Die beiden gibt es nur, hier gibt es kein Werden und Vergehen.

Jede Bewegungsänderung beweist die Endlichkeit dieser Bewegung. Denn jede Beschleunigung und jede Bewegung auf einer Kurve ist zusammengesetzt. Was zusammengesetzt ist, ist aber geworden, und was geworden ist, vergeht. Bei der Bewegungsänderung um 180° auf der Geraden ist dies am deutlichsten. Hier gibt es ganau zwei Punkte, die die Endlichkeit der Bewegung belegen. Das ist die wichtigste Erkenntnis aus dem achten Kapitel. Aber daran, dass jede Bewegung einen Anfang und ein Ende hat und sich selbst mittendrin, haben wir im Gegensatz zu Ar nie einen Zweifel gelassen.

Bei der Kreisbewegung belegt jeder einzelne Punkt der Bewegung, dass sie geworden ist und somit vergeht. Denn in jedem Jetzt bewegt sich der Körper auf einer Kreisbahn im rechten Winkel zum Radius und, bezogen auf diesen Punkt, vom Mittelpunkt weg und zum Mittelpunkt hin. Also können weder die gradlinige, noch die Kreisbewegung bzw. Keplers Bahnen ewige Bewegungen sein.

Apologie der Kreisbahn KrK.8.9.265a13.b

Aristoteles' lange angekündigte Apologie der Kreisbahn kommt nun endlich in der ersten Hälfte des neunten Kapitels. Aber sie nimmt mehr die Form eines Appells an den guten Glauben des Lesers an.

Kr.8.9.265a13-18

»Dass von allen Ortsbewegungen die Kreisbewegung den Vorrang hat, ist einzusehen. Jede Ortsbewegung ist ja, wie schon einmal gesagt wurde, entweder kreisförmig oder 15 geradlinig oder gemischt (Kr.8.8.261b27-31). Diese letzte steht im Range tiefer als jene, weil sie aus ihnen besteht. Der geradlinigen geht die kreisförmige wieder vor, weil sie einfacher und vollendeter ist. Eine endlose Bewegung auf einer Geraden ist nämlich nicht möglich, da es eine solche Endlosigkeit nicht gibt.« [G300f]

KrK.8.9.265a18

Die gradlinige erreicht ihr Ziel auf direktem Weg und mit dem geringsten Aufwand.

Kr.8.9.265a24-27

»Auch steht diejenige Bewegung höher im Rang, die ewig sein kann, als die, die es nicht 25 sein kann: die Kreisbewegung kann ewig sein, sonst aber weder eine Ortsveränderung noch eine von den anderen Arten. Es muss ja ein Haltmachen eintreten, ein Halt aber hebt die Bewegung auf.« [G301]

KrK.8.9.265a27

Das setzt voraus, dass die Bewegung numerisch eine Bewegung ist und nicht viele aneinander anschliessende Bewegungen.

Kr.8.8.261b36-a2

» 261b36 Was die eine und 262a stetige Bewegung ist, wurde früher festgesetzt, dass es nämlich die eines einzigen Gegenstandes in einem Zeitabschnitt und im Bereich derselben Art sei (Kr.5.4.227b20-31).« [G291]

Kr.8.8.262a2

Das Beharren auf der einen Bewegung des Ganzen ist für unser kosmogonisches Modell, in dem ein Teil der Welt eine Geschichte in der Zeit hat, das Hindernis. Das ist der eigentliche Geozentrismus, der überwunden werden muss, er ist ungebrochen und in mittelalterlicher Frische 'unser' Weltbild: Die eine ewige Bewegung des endlich grossen Alls. Mit tiefem Ernst wird überlegt, ob diese Welt in alle Ewigkeit auseinanderfliegt, wohin scheint nicht so wichtig, oder ob sie wieder kollabiert. Oder es wird gesagt, dass sich das Wohin beim Auseinanderfliegen selbst erzeuge, eine milliarden Jahre dauernde Fehlgeburt.

Kr.8.9.265a27-b11

»Mit gutem Grund hat sich ergeben, dass nur die Kreisbewegung einheitlich und stetig sein kann, und nicht die auf einer Geraden. Auf einer Geraden nämlich sind Anfang und Ende und Mitte festgelegt, und alles befasst sie in sich, und es gibt auf ihr einen Ausgangspunkt der Bewegung und einen Zielpunkt. An den Endpunkten nämlich herrscht Ruhe, sowohl an dem, woher, als auch an dem, wohin die Bewegung geht. Aber bei einem Kreisumfang ist alles unbestimmt. Warum sollte auch wohl der eine Punkt einer solchen Linie eher der Endpunkt sein, als ein anderer? Jeder ist ja in gleichem Masse Anfang 30 und Mitte und Ende, so dass man auf ihr immer 265b und niemals am Anfang steht und am Ende. Daher bewegt sich und ruht die Kugel in gewissem Sinne, da sie am selben Ort bleibt. Der Grund liegt darin, dass alle jene Bestimmungen dem Mittelpunkt zukommen, er ist Anfang und Mitte und Ende der Kugel, und weil er nicht auf 5 dem Umfang liegt, so gibt es keine Stelle, an der der Lauf zur Ruhe kommen könnte, als sei er am Ziel. Denn immer führt er um den Mittelpunkt herum und nie zum Ziel. Deswegen bleibt die Kugel, wo sie ist und ruht im Ganzen und bewegt sich doch stetig. Die Folgen bedingen sich gegenseitig. Denn weil die Kreisbewegung das Mass der übrigen ist, muss sie 10 die ranghöchste sein (alles wird gemessen durch das erste), und weil sie die erste ist, ist sie das Mass der übrigen.« [G301f]

Kr.8.9.265b11

Dialektik für Anfänger. Der Anfang ist das Ende, Alles ist Eins, Ruhe und Bewegung durchdringen einander. Wäre die Kreisbewegung tatsächlich die Rotation einer Kugel, wie sie Ar schildert, dann müsste sich die Erde in der Mitte mitdrehen, und nur der Mittelpunkt der Erde wäre unbewegt.1 Nein, nicht die Kreisbewegung und auch nicht die Rotation ist die erste Bewegung. Die Kreisbewegung ist zusammengesetzt, und die Rotation eines stetigen Körpers kann nur durch äußeren Anstoss erfolgen. Die erste Bewegung ist die gradlinige Bewegung der Atome im Leeren. Das weiss Aristoteles, und das wissen wir von Aristoteles, weil Demokrits Schriften vernichtet sind. Folgerichtig und ohne Vermittlung daher Aristoteles' Plädoyer für das Voneinander-Zueinander zum Abschluss des Kapitels:

Kr.8.9.265b17-32

»Dass die Ortsbewegung die ranghöchste aller Bewegungen ist, bezeugen alle, die der Bewegung Erwähnung tun. Sie sehen nämlich die Grundlage der Bewegung in dieser Bewegungsform, denn 20 Trennung und Vereinigung sind ja Ortsbewegungen. So aber bewegen Eintracht und Zwietracht, die eine trennt die andere vereinigt. Und Anaxagoras lehrt, die Vernunft, sein erster Beweger, trenne die Dinge. Ähnlich auch die Denker, die eine Ursache dieser Art nicht annehmen, die Bewegung aber durch das Leere ermöglichen wollen; denn auch 25 sie sagen damit, dass die Natur die Ortsbewegung ausführe, weil die Bewegung durch ein Leeres Ortsveränderung ist und wie im Raume verläuft, während von den anderen Bewegungsformen keine ursprünglich vorhanden gewesen sei, sondern, wie sie meinen, erst bei den abgeleiteten Dingen sich zeigten. Wachsen und Schwinden und sich Verändern, so lehren sie, könnten die Dinge erst, wenn die Urkörper [atomon somaton] sich vereinigt und geschieden hätten. 30 Dasselbe gilt von denen, die aus Verdichtung und Verdünnung Werden und Vergehen hervorgehen lassen, da sie diese Zustände durch Trennung und Vereinigung herbeiführen wollen.« [G302f]

KrK.8.9.265b32

Anzunehmen, es sei reiner Zufall, dass Aristoteles geade dies als Überleitung zum ersten unbewegten Beweger wählt, ist mehr als naiv. Aber wir müssen jetzt mit dem achten Kapitel zurückfragen, wie bei dem zentralen Voneinander- Zueinander ein Werden und Vergehen zustandekommen kann?

Weder ein allein zentrales, noch ein allein tangentielles Modell können die ewige Bewegung der Welt in Gang halten. Zentrale Bewegungen sind endlich, tangentielle brauchen einen Leierkastenmann, der die Rotationenen in Gang hält. Da Demokrits Modell eher der Wahrheit entspricht als das ptolemäische Modell, lauten die beiden noch zu lösenden Fragen:

Wie lassen sich zentrale und tangentielle Komponenten in ein Bild giessen (Kepler, Cusanus KrK.4.13.222b7.b)? Wie macht die Natur die Gerade krumm, wenn sie ohne Gott auskommen will?

Die zweite Frage hat zuerst Epikur beantwortet. Beginnen wir mit der vorweggenommenen Referenz an Epikur oder Aristoteles' Argumentationshilfe für Epikur aus dem letzten Kapitel.

nicht gerade Bewegung Kr.8.8.262a5-12

» 262a5 Entgegengesetztes ist aber artverschieden und nicht eines. Die Unterschiede des Ortes wurden eben genannt. Ein Beweis dafür, dass die Bewegungen von A nach B und von B nach A entgegengesetzt sind, liegt darin, dass sie einander zum Stillstand bringen und aufheben, wenn sie gleichzeitig einsetzen ... 262a12 Dies aber gilt nicht für eine schräg und eine nach oben gerichtete Bewegung. « [G291] , Hervorhebung von mir, Seidel

Beugung der Atombewegung KrK.8.8.262a12.a

Vernichtung der Bewegung findet nicht statt, wenn entgegengesetzte Bewegungen einander von der geraden Bahn ablenken:

»Dies noch wünsch' ich hierbei dir recht zur Kenntnis zu bringen:

Wenn sich die Körper im Leeren mit senkrechtem Falle bewegen,

Durch ihr eigen Gewicht, so werden sie wohl in der Regel

Irgendwo und -wann ein wenig zur Seite getrieben,

Doch nur so, dass man sprechen kann von geänderter Richtung.

Wichen sie nicht ab, dann würden wie Tropfen des Regens

Gradaus alle hinab in die Tiefen des Leeren versinken.

Keine Bewegung und Stoss erführen alsdann die Atome,

Niemals hätte daher die Natur mit der Schöpfung begonnen.«

Lukrez, Von der Natur, S. 113

Kant greift den Gedanken in seiner Mitbegründung der Nebularhypothese auf und spricht vage von der »schiessenden Kraft«, die die gradlinige Bewegung seitwärts beugt.« S. Allgemeine usw.

Auch Marx hat die Bedeutung der Deklination (Beugung der Atombewegung ) erkannt. So schreibt der 23jährige in seiner Dissertation:

»Epikur nimmt eine dreifache Bewegung der Atome im Leeren an. Die eine Bewegung ist die des Falls in gerader Linie; die andere entsteht dadurch, dass das Atom von der geraden Linie abweicht; und die dritte wird gesetzt durch die Repulsion der vielen Atome. Die Annahme der ersten und letzten Bewegung hat Demokrit mit dem Epikur gemein, die Deklination des Atoms von der geraden Linie unterscheidet ihn von demselben.

Über die deklinierende Bewegung ist viel gescherzt worden. Cicero vor allem ist unerschöpflich, wenn er dies Thema berührt. So heisst es unter anderem bei ihm: 'Epikur behauptet, die Atome würden durch ihr Gewicht abwärts getrieben in gerader Linie; diese Bewegung sei die natürliche der Körper. Dann aber fiel es auf, dass, wenn alle von oben nach unten getrieben würden, nie ein Atom das andere treffen könne. Der Mann nahm daher zu einer Lüge seine Zuflucht.' ...

Ähnlich urteilt Pierre Bayle: '...Epikur nahm an, dass selbst im leeren Raum die Atome ein wenig von der geraden Linie abwichen; und daher käme die Freiheit, sagt er ... Nebenbei bemerkt, war das nicht das einzige Motiv, das ihn bewog die Deklinationsbewegung zu erfinden; sie diente ihm auch dazu, das Zusammentreffen der Atome zu erklären, denn er sah wohl, dass mit der Annahme, die Atome bewegten sich [alle] mit gleicher Geschwindigkeit in geraden Linien, die alle von oben nach unten liefen, niemals begreiflich machen würde, dass sie hätten zusammentreffen können und dass somit die Entstehung der Welt unmöglich gewesen wäre.' ...

Ferner tadelt Cicero und, nach Plutarch, mehrere Alten, dass die Deklination des Atoms ohne Ursache geschehe; und etwas Schmählicheres, sagt Cicero, kann einem Physiker nicht passieren ...

Wenn endlich Bayle, auf die Auctorität des Augustinus gestützt, nach dem Demokrit den Atomen ein spirituelles Prinzip zugeschrieben hat - eine Auctorität, die übrigens bei dem Gegensatz zu Aristoteles und den andern Alten gänzlich unbedeutend ist -, dem Epikur vorwirft, statt dieses spirituellen Prinzips die Deklination ersonnen zu haben: so wäre im Gegenteil mit der Seele des Atoms bloss ein Wort gewonnen, während in der Deklination die wirkliche Seele des Atoms ... dargestellt ist.« Karl Marx, Differenz der demokritischen und epikureischen Naturphilosophie, 1840/41, MEW 40, Ergänzungsband, Schriften bis 1844, S. 278-282

Zwar hat Cicero viel dummes Zeug geschrieben, das Vernünftige bei ihm ist stets ohne Quellenangabe von den Griechen abgekupfert, aber hier hat er ausnahmsweise recht: Die Ursache des Abweichens muss klar benannt werden, sie ist nicht im Seelchen unseres Atoms begründet, das Marx hier noch ganz im Banne von Hegels Idealismus bemüht.

Ursache der Ablenkung KrK.8.8.262a12.b

Die Ursache der Ablenkung ist bereits von Epikur benannt, der Stoss. Nur betrifft sie beim Werden und Vergehen der Dinge nicht die Raum-Atome, sondern die dicke träge Materie. Würden wir den Atomen Bewegungen auf Kurven zugestehen, so könnte die Bewegung der Welt nicht ewig sein, weil das Abweichen von der Geraden bei sonst gleichbleibenden Umständen die Bewegung verzögert. Für die dicke träge Materie gibt es die Deklination, die Kurven und Wirbel erzeugt. Für das Atom, da irren Epikur und Marx, kann es nur eine gradlinige Deklination durch den Stoss geben, nach dem sie ihren Weg wie eine Billardkugel auf gradliniger Bahn fortsetzen. Alles, was auf krumme Bahnen gezwungen wird, also auch raumnahe Dinge wie die em-Welle oder die Stoffwechselprodukte zwischen deiner dicken trägen und deiner Raummaterie, ist bereits verzögerte dicke träge Materie und nicht mehr Raumatom.

Die Ursache ist so einfach wie die Logik und beruht auf deren Grundgesetz. Zwei Dinge können nicht denselben Ort einnehmen. Treffen die Teile zweier expandierender Inseln aufeinander, so müssen sie einander ausweichen, bilden neue Gravitationszentren, die ihrerseits wieder die Ursache erneuter Ablenkung werden, Störungen entstehen, die sich schliesslich zu Wirbeln und anderen Formationen bilden usw.

zentrales Voneinander - tangentielles Zueinander KrK.8.8.262a12.c

Das Voneinander, die Explosion eines Teiluniversums, ist die zentrale Bewegung. Ihre Ursache muss eine weitaus gewaltigere Kraft sein als die schwachen Kräfte des Zueinander oder bei der Rotation. Die Gewalt der Explosion schleudert sämtliche im Zentrum der untergehenden Welt versammelte Materie in den Raum. Diese Bewegung ist der Motor der ewigen Bewegung des Alls.2

Kr.8.9.266a6-9

»Dass also immer Bewegung war und sein wird die ganze Ewigkeit hindurch und welches der Anfang und Urgrund der ewigen Bewegung ist ... und welche Bewegung allein ewig sein kann, und dass der erste Beweger unbewegt sei, ist hiermit erörtert.« [G303]

Zwar zeigt das Bild, dass das Werden der dicken trägen Materie erst nach der Explosion erfolgen kann, aber eine Erklärung, wie das vor sich geht, haben wir immer noch nicht. Die letzte Frage lautet daher: Wie wird nach dem Zueinander aus Blau Rot, und wie wird beim Voneinander aus Rot Blau, wenn die Atome nur die gradlinige Deklination kennen? Wenn das Zueinander der Wirbel der dicken trägen Materie ist, wie ist es dann möglich, dass das aus dem Wirbel entstehende Voneinander die zentrale Bewegung der Atome im Leeren ist? Wird hier nicht die Annahme von Ursache und Wirkung auf den Kopf gestellt, nach der jede Kraft eine entgegengesetzt gleiche Gegenkraft hat?


1. Das ptolemäische Weltbild ist so etwas wie ein in Scheiben geschnittener Wirbel, in dem sich alle Scheiben oder Schalen mit Ausnahme der innersten bewegen, also ein Wirbel, der seines Antriebes beraubt ist.

2. 2006 (Im gedruckten Buch ist die Zeichnung farblos.): Rot und Blau haben hier eine andere, aber ähnliche Bedeutung wie die des Diskreten und des Stetigen: Rot soll andeuten, dass die Ursache der Explosion bei den Atomen und dem Leeren zu suchen ist. Blau soll andeuten, dass die zusammengesetzten Bewegungen der dicken trägen Materie vorbehalten sind.