Kr.8.7.260a-261b Die Ortsbewegung - KrSc

KrK.8.7.260a20

Aristoteles hat uns gelehrt, dass es verschiedene Arten der Bewegung gibt, quantitative, qualitative und Wesensbewegung. Da wir die qualitative Bewegung als Umschlag an den Grenzen zweier Bewegungen gedeutet haben, ist die Wesensbewegung die erste qualitative Bewegung.

Dabei haben wir gesehen, dass die räumliche Bewegung von Ort zu Ort die anderen insofern überragt, als der Raum der Bewegung der Sternensysteme alle anderen Bewegungen in sich fasst und da die Bewegung der Atome im Leeren die erste Bewegung ist, mussten aber in ihren Endpunkten ebenfalls das Werden und Vergehen des Raums setzen.

Am Anfang unseres Teiluniversums, finden das Vergehen und Werden des Raums statt, die Trennung und Wiedervereinigung der Raummaterie von und mit dem Leeren. Die anschliessende Bewegung ist das Wachsen unseres Teiluniversums. Das Wachsen ist zugleich das Werden und Vergehen der sub- und intergalaktischen Dinge. Und schliesslich schwindet und vergeht unsere Weltinsel, wobei sich neue Zentren zu neuen Sammelpunkten zusammenfinden. Alle Bewegungsarten sind auf die Ortsbewegung reduziert.

Anders herum kann man sagen, dass die unterschiedlichen Bewegungsarten in der Natur nicht getrennt voneinander, sondern zugleich (2019: zeitgleich) sind, ineinander übergehen und dass die Trennung und Isolierung der einzelnen Bewegungen zwar eine der grossen Geistesleistungen des Menschen ist, aber eben zum Teil das Werk des Menschen. Die Natur kennt nur das Volle, das Leere und die Bewegung.

Für Kosmogonie und Naturphilosophie brauchen wir jedoch alle Arten der Bewegung. Nur diesmal nicht im Jetzt, sondern in der Zeit. Und hier zeigt sich, dass alle Geheinisse und Vorbehalte gegen das dialektischen Denken sich mit einem Schlag in Luft auflösen.

Die erste Bewegung ist die Ortsbewegung. Das Werden und Vergehen benötigen wir für das chemische Atom, den Stern, die Galaxis, die Lebewesen, die Kontinente usw. Ebenso das Wachsen und Schwinden sowie die qualitative Änderung. Wir haben die beiden zentralen (tangentiellen?) Bewegungen des Voneinander und des Zueinander als erste Bewegungen nach dem Werden und vor dem Vergehen des Raums und die Bewegungen auf zusammengesetzten Bahnen wie Kreisen, Ellipsen oder Wirbel innerhalb der ersten Bewegungen.

Wenn Kräfte direkt und zentral und nicht indirekt und rechtwinklig wirken, wie kann dann aus dem zentral verursachten Voneinander und dem zentral wirkenden Zueinander die aus beiden gemischte Bewegung entstehen, die in den Galaxien vorherrscht? Und wie aus dem Voneinander das Zueinander und umgekehrt, ohne dass Bewegung vergeht? Eine grosse Hilfe im Kleinen war schon, dass wir die Hypothese des Wirbels wieder aufgegriffen haben, mit der Kant und Laplace das erste innergalaktische Werden und Vergehen gedeutet haben, die Zerlegung der Wirbelei in einen zentralen und einen tangentiellen Teil. Aber wir sind so sehr in Newtons Gradlinigkeit vernarrt, dass wir uns das gleiche mit Kepler nicht trauen. Täten wir es, bräuchten wir uns nicht an den Kopf zu greifen, wenn wir die Bewegung in zentrale und tangentiale Bewegungen zerlegen. Die Sonne dreht sich, zieht nicht nur zentral, sondern auch im Wirbel am Bettlaken. Die Planeten werden vom Wirbel mitgerissen. Desto schneller, je näher sie der Sonne sind. Das Sonnensystem tut, was die Galaxis tut, was Atomkern und Elektron mit einander tun. Wo der Augenschein des Wirbels überwältigend ist, wie bei den Spiralnebeln, haben wir einen schönen Beleg, dass die schwächste Kraft des schlafenden Riesen, das zentrale Zueinander, auf lange Sicht einiges bewirken kann. 03/16: Das ist aber kein Beleg für die Wirbelnatur des Raums, da gibt es nur eine einzige Bewegung, die gradlinig unendlich schnelle Bewegung der Atome im Leeren. Vielmehr ist es ein Beleg für eine weitere Zwischenstufe einer dicken trägen Materie, die die dicke träge Sonne dem Raum im Laufe der Zeit aberungen hat, nur dass es eine sehr dünne dicke träge (?) Materie sein muss (Atome und Wirbel KrK.4.8.215a24).

Eine Erklärung des Wechsels von Voneinander und Zueinander lässt sich daraus also nicht ablesen. Ausserdem kann der Wirbel auch nur eine Komponente sein, die nur ab einer bestimmten Materiemenge oder einer genügend grossen Zeit eine Rolle spielt, denn die künstlichen Erdtrabenten oder Komenten fliegen in alle möglichen Richtungen, nicht wie die Planetenbahnen in einer Ebene. Aber wir sind mit den Gegenfüsslern fertiggeworden, da werden wir mit dem Wirbel der schwächsten Kraft auch fertig.

Aristoteles hat es hier einfacher und schwerer als wir zugleich. Einfach, weil seine Sinnesdaten die Kreisbewegung der Fixsterne als die eine ewige Bewegung nahelegen. Schwer, weil er die Kreisbewegung sich selbst und uns als 'einfach' und ewig verkaufen muss, obwohl er weiss, dass sie zusammengesetzt und damit geworden ist (Kreisbewegung ist zusammengesetzt Kr.7.2.243a15-18). Vor allem aber weil die ewig gleiche Kreisbewegung als übergeordnete Bewegung das Werden und Vergehen der untergeordneten Bewegungen unmöglich macht.

Kr.8.7.260a20-26

» 20 Aber noch von einem ganz neuen Ausgangspunkt aus wird man hierüber weitere Klarheit gewinnen. Es ist nämlich zu überlegen, ob es eine stetige Bewegung gibt oder nicht, und wenn es sie gibt, welche das ist, und welches die Urbewegung aller Bewegungen ist. Denn es ist ja natürlich, wenn es immer Bewegung geben muss und wenn diese stetige die Urbewegung ist, 25 dass der erste Beweger eben diese Bewegung veranlasst, die eine und dieselbe bleiben muss und dabei stetig und Urform.« [G285]

KrK.8.7.260a26

Die Stetigkeit hat wieder die neue 'Dimension', die zeitlich ununterbrochene Gleichförmigkeit. Wir haben uns von der Natur jedoch belehren lassen müssen, dass, angefangen von den chemischen Atomen und ihren Teilen, den daraus zusammengesetzten Stoffen, den Lebewesen bis hin zu den Sternen und Sternensystemen alle bewegten Dinge dem Werden und Vergehen unterworfen sind, es also keine Bewegung gibt, die ewig ist. Und wir wissen von Kepler, dass die gleichförmige Bewegung eines Himmelkörpers nur in 2 Jetzten ist und da auch nur als ein von uns errechnetes Nullsaldo (2 Jetzt als Nullsaldo KrK.6.8.239a10.b), dass es also die gleichförmige Bewegung in der Zeit nicht gibt.

Kr.8.7.260a26-b7

»Da es aber drei Bewegungen gibt, nämlich die in Bezug auf die Grösse [megethos] und die in Bezug auf den Zustand [pathos] und die in Bezug auf den Ort [topos] , welch letztere wir Raumbewegung nennen, so muss diese eben die erste sein. Unmöglich nämlich ist es, dass eine Zunahme stattfinde, wenn nicht eine qualitative Aenderung [alloiosis] 30 vorher vorhanden ist ... welche ja die Veränderung in die Gegensätze ist ... dies aber kann 260b5 ohne Raumbewegung ... nicht vorhanden sein. Wenn also nothwendig immer Bewegung sein muss, so muss nothwendig auch immer Raumbewegung, als die erste der Bewegungen, sein, und von der Raumbewegung wiederum die erste, falls die eine derselben die erste, und eine andere eine abgeleitetere ist.« [P431]

KrK.8.7.260b7

Keine qualitative oder quantitative Bewegung ohne Ortsbewegung. Dass Ar hier das Leiden, das pathos an die Stelle der qualitativen Bewegung setzt, ist konsequent, wenn man seiner oben gegebenen Erklärung der Qualität als ein in die Sinne Fallendes folgt (Qualität: Natur berührt die Sinne Kr.7.2.244b2-5). So wollen wir auch die Qualitäten als subjektive Platzhalter objektiver Qualitäten (zusammengesetzter Stoffe und/oder Bewegungen) verstehen.

Welches die erste Ortsbewegung ist, ist im alten Athen wieder eine Frage, bei der die Theorie dem Augenschein ins Gesicht schlägt. Aristoteles muss nun die Kreisbewegung gegen die gradlinige zentral wirkende verteidigen und seine rudimentäre sublunare Mechanik aus dem letzten Buch über den Haufen werfen. Ihr steht nun völlig unvermittelbar eine Mechanik des Himmels gegenüber. Aber auch wir haben mit der noch unvermittelten gradlinigen Bewegung der Atome im Leeren, der Gegenüberstellung des gradlinigen Voneinander, des gradlinigen Zueinander, Keplers Ellipsen und den Wirbeln unsere Probleme. Das Voneinander/Zueinander ist für Aristoteles nur Prinzip des dem Werden und Vergehen Unterworfenen, also der sublunaren Welt. Allein hier gibt es die Übergänge zwischen den Bewegungen und die qualitativen Umschläge.

Kr.8.7.260b7-13

»Ferner aber ist das Princip aller qualitativen Zustände eine Verdichtung und Verdünnung, denn sowohl das Schwere und Leichte als auch das Weiche und Harte als auch das Warme 10 und Kalte scheinen gewisse Erscheinungsweisen einer Dichtheit und Lockerheit zu sein; Verdichtung aber und Verdünnung sind ein Zusammenziehen und Auseinandersichten, nach welchen das Entstehen und Vergehen der Wesen benannt wird; wenn aber Etwas zusammen- und auseinandergesichtet wird, muss es nothwendig örtlich sich verändern.« [P431]

KrK.8.7.260b13

Nun reduziert auch Aristoteles alle qualitativen Bewegungen auf zusammengesetzte quantitative. Unsere Sinnesdaten und unsere Hypothesen decken sich genau mit dem, was die alten Materialisten, etwa Empedokles oder Anaximenes vorausgeahnt haben: Verdichtung und Verdünnung müssen irgendwie die Ursachen des Voneinander und des Zueinander sein. Die letzte Bewegung unseres Teilalls, das Vergehen des Raums erzeugt zunächst das ganz Dichte, die ineinanderstürzende Materie, dann das ganz Dünne, das Leere. Dann wird daraus irgendwie das Null-Dünne, der Raum. Danach wieder das Normal-Dichte, unsere dicke träge Erde. Die haben wir eine Zeitlang, bis es erneut zum Zueinander kommt. An dessen Ende haben wir schliesslich wieder das ganz Dicke, den ineinandergestürzten Materieklumpen kurz vor dem Voneinander, der ersten Bewegung eines neuen Teilalls. Und so weiter.

Kr.8.7.260b15-19

» 15 ... Ferner auch wird es bei der näheren Erwägung aus dem folgenden Grunde augenfällig werden, dass die Raumbewegung die erste ist. Das Wort 'Erstes' nämlich kann, wie auch bei dem Uebrigen, so wohl auch bei der Bewegung in mehreren Bedeutungen genommen werden; ein Ersteres aber heisst sowohl dasjenige, ohne dessen Existenz das Uebrige nicht existirt, während jenes ohne das Uebrige, als auch das der Zeit nach Frühere, als auch das dem Wesen nach Ursprünglichere.« [P431,433]

KrK.8.7.260b19

Im Grossen wie im Kleinen ist die Ortsbewegung die erste. Ihr folgen alle anderen Bewegungsarten.

Kr.8.7.250b26-30

»Denn es besteht keinerlei Notwendigkeit, dass wachsen oder sich verändern müsse, was den Ort wechselt, oder werden und vergehen, aber alle diese Wandlungen sind unmöglich, wenn es die stetige Bewegung nicht gibt, die der erste Beweger im Gange hält. Auch zeitlich ist sie die erste Bewegung, da 30 die ewigen Wesen nur diese Bewegung allein ausführen können.« [G287]

KrK.8.7.260b30

Die numerisch eine ewige Bewegung ist ein Fremdkörper Aristoteles' Theorie. Wie soll das kunterbunte Werden und Vergehen erklärt werden, selbst wenn wir es nur auf einen Teil der sublunaren Welt beschränken, wenn die Ursache aller Bewegung eine einzige ewig gleiche Bewegung ist? Aber das eigentliche Problem ist wieder nicht der Geozentrismus, sondern die Annahme, die Massenanziehung als die schwächste Kraft im Universum könnte den Treibstoff für die unendliche Bewegung des Ganzen abgeben.

Kr.8.7.261a3-12

»Es könnte nämlich scheinen, als sei Werden die Urform aller Bewegung, weil 261a5 jedes Ding erst einmal geworden sein müsse. Aber das verhält sich nur beim Einzelwesen so, vor dem Werdenden jedoch muss etwas sich bewegt haben, etwas das ist und nicht wird, und vor diesem wieder ein anderes. Und da Werden unmöglich die Urform der Bewegung sein kann, weil sonst alles Bewegte vergänglich wäre, so kann natürlich auch von den rangtieferen Bewegungsarten keine den 10 Vorrang haben, ich meine Wachsen, dann Veränderung und Schwinden und Vergehen. Wenn also das Werden nicht den Vorrang vor der Ortsbewegung hat, dann erst recht keine der übrigen Wandlungen.« [G287f]

KrK.8.7.261a12

Wenn die Ortsbewegung die Erste ist, dann müssen sich die anderen Bewegungen auf die Ortsbewegung reduzieren lassen. Die Klassifizierung der Bewegungsarten als selbständige, voneinander unabhängige Bewegungen ist für die Orientierung im Kleinen notwendig. Vor der Welt als Ganzer hält sie nicht Stand. Nehmen wir etwa einen Teil des Alls, in dem aus irgend einer Ursache die Raummaterie vom Leeren getrennt wird oder besser, ein Teil des Leeren von der Raummaterie befreit. Das ist das Vergehen des Raums oder das 'Werden' des Leeren. Oder das Schwinden einer Weltinsel gibt den Stoff ab für das gleichzeitige Wachsen einer neuen. Alle diese Bewegungsarten sind, wie es scheint, nur Arten der einen Gattung, der Bewegung oder der Ortsbewegung.

Das von Ort zu Ort Bewegte, das zwischen Ort und Ort Bewegte, verändert sich verglichen zu den anderen Bewegungsarten am wenigsten,

Kr.8.7.261a20-23

» 20 weil das Bewegtwerdende in dem räumlich Bewegtwerden am wenigsten von allen Bewegungen aus seinem Wesen verdrängt wird, denn in ihr allein verändert es sich in Nichts von seinem Sein, so wie bei der qualitativen Aenderung das Qualitative, bei der Zunahme und Abnahme aber das Quantitative sich verändert.« [P435]

Stoffwechsel KrK.8.7.261a23

Selbst das stimmt nicht mehr, seit wir wissen, dass selbst bei der vermeintlich einfachen Ortsbewegung oder der relativen Ruhe Stoffwechsel zwischen Raum und Materie stattfindet oder dass etwa die Masse nach chemischen Verbindungen geringer ist als die Masse der Ausgangsstoffe, weil sie dem Raum für seine Verbindungsdienste etwas abgeben mussten.

Nein, die Ortsbewegung ist zwar die erste Bewegung, aber nicht als aparte geometrische Linie oder Kurve, sondern als Träger aller der kunterbunten Dinge, die sich im Sein so tun. Bewegung ist Gattung, Werden und Vergehen, Wachsen und Schwinden sind Arten. Und da bleibt nichts gleich, sondern alles ändert sich, wird und vergeht.

Kr.8.7.261a23-26

»Am einleuchtendsten ist der Grund, dass das sich selbst bewegende besonders und von Grund auf diese Bewegung (kata topon) 25 ausführt. Und wir lehren doch, dies stehe am Anfang alles Bewegten und Bewegenden und sei für jede Bewegung der Ursprung, das sich selbst Bewegende« [G288] .

KrK.8.7.261a26

Selbst hier, auf der Zielgeraden zum ersten unbewegten Beweger, rückt er nicht vom ersten bewegten Beweger als Ursprung aller Bewegung ab. Gut so. Ohne den bewegten Mittler zwischen dem Leeren und der Materie keine Bewegung.

Kr.8.7.261a27-b15

»Dass also die Ortsveränderung (phora) die Urform der Bewegungsarten ist, ist hieraus klar. Jetzt wäre zu zeigen, welche Ortsveränderung die ursprünglichste ist. Auf diesem Wege wird auch zugleich das klar werden, was wir früher nur erst voraussetzten, dass es 30 eine ewige und stetige Bewegung geben kann ( Kap. 3, Bewegung und Nicht-Bewegung im All). Dass von den anderen Bewegungsarten keine stetig sein kann, ist aus folgenden Erwägungen zu erkennen. Alle Wandlungen und Bewegungen führen nämlich aus einem Zustand in den entgegengesetzten. Für Werden und Vergehen sind Sein und Nichtsein die Grenz- und Endpunkte, für Veränderung 35 die entgegengesetzten Eigenschaften, für Wachstum und Schwinden ... Grösse und Kleinheit ... Entgegengesetzt sind die Bewegungen, die zum 261b Gegenteil führen ... 5 ... Wenn es also unmöglich ist, zugleich entgegengesetzte Wandlungen durchzumachen, dann wird es keine stetige Wandlung geben, vielmehr wird immer Zeit zwischen zwei Wandlungen liegen. Ob die Wandlungen zwischen widersprechenden Gliedern entgegengesetzt sind oder nicht, spielt hierbei keine Rolle, wenn sie nur nicht gleichzeitig am gleichen Gegenstand vor sich gehen können ... Auch in den früheren Ausführungen war der Gegensatz nicht massgebend, 15 sondern nur der Umstand, dass beides nicht gleichzeitig vor sich gehen kann.« [G289f]

KrK.8.7.261b15.a

Bei der Betrachtung des Ganzen lassen wir unser Klappmesser in der Tasche stecken. Hier interessieren weder eingebildete Jetzte noch wirkliche Orte in Relation zum Rand des Universums. Das dialektische Denken, das sich hier mit Gewalt aufdrängt, ist da ein wenig liberaler. Es schert sich nicht um den Unterschied zwischen dem stetigen und dem diskreten Punkt. Das wäre hier kleinkariert. Aber sei's drum! Untersuchen wir As Argument.

Jede Einzelbewegung hat ihre Grenzen, nämlich einen Anfang und ein Ende. Etwas, was wird, kann nicht gleichzeitig vergehen, was fällt, nicht gleichzeitig steigen, etwas, was wächst, nicht gleichzeitig schwinden. Das ist völlig richtig, solange wir nur eine einzige Bewegung isoliert von der Bewegung der Welt oder auch nur isoliert von den nächsten Bewegungen um sie herum betrachten.

Jetzt aber untersuchen wir nicht mehr das isolierte einzelne Ereignis, sondern das womöglich unendlich Grosse, die Welt in ihrem Zusammenhang, die vielen Bewegungen, die die eine ewige Gesamtbewegung ergeben. Wir stehen vor dem brodelnden Kochtopf und fragen, ist es möglich, dass ein und dieselbe Bewegung ein und desselben Gegenstandes zu ein und demselben Zeitpunkt Entgegengesetztes ist, ohne dass Bewegung vergeht, die dann aus dem Nichts erschaffen werden müsste? Kann das Voneinander zugleich Zueinander, das Werden zugleich Vergehen, das Wachsen zugleich Schwinden sein? 2019: Das zugleich ist hier und im Folgenden überall durch zeitgleich zu ersetzen.

zentrales Voneinander-Zueinander KrK.8.7.261b15.b

Wagen wir also den Blick aufs Ganze! Das Voneinander unseres bisher bekannten Universums ist ein Teil des Alls. Ähnliche Prozesse spielen sich in vielen Weltinseln ab. Nehmen wir vier expandierende Weltinseln wie die unsere, Nummer 1 bis 4:

Sie ergeben mit 5 anderen kontrahierenden Inseln ein 'Schachbrett' aus 9 Feldern. Das Voneinander von 1 bis 4 ist zugleich das Zueinander von 5 bis 9. Das Werden der einen Insel ist das Vergehen der andern, das Wachsen der einen das Schwinden der anderen. Stehen wir vor dem brodelnden Kochtopf, ist es nicht möglich Werden und Vergehen, Voneinander und Zueinander, Wachsen und Schwinden als isoliert voneinander zu betrachten, und die urwüchsige Dialektik Heraklits, nach der der Kampf der Gegensätze alles im ständigen Fluss, im Werden und Vergehen hält, scheint die für das Ganze richtige Betrachtungsweise zu sein. Mit ihr die Untersuchung zu beginnen, da hat Aristoteles recht, hiesse, keine Wissenschaft von der bewegten Welt zu erlangen. Aber mit der erlangten Wissenschaft im Gepäck erweist sie sich beim Blick auf das Ganze als die richtige Betrachtungsweise. Und wir kommen sogar ohne den Widerspruch aus, und zwar allein mit Aristoteles.

Bei der Untersuchung des Widerspruchs hat Ar sich selbst eben nicht vollständig zitiert (Kr.8.7.261a27-b15). Beim Widerspruch in den ersten Büchern haben wir darauf geachtet, dass es sich um einen und denselben Gegenstand handelt und dass die Gegensätze zugleich (in 1 Jetzt) sind. Das »in derselben Beziehung« aus der Widerspruchsdefinition des Aristoteles blieb aussen vor und schien irgendwie überflüssig, weil wir die Dinge gerade nicht in ihrem Zusammenhang und in verschiedenen Beziehungen betrachtet haben, sondern sie uns so zurechtgelegt haben, dass andere Beziehungen von vornherhein ausgeschlossen waren. Also das klassische Experiment, Mamas rundes Gesicht oder die diversen Ewigkeiten der Bourgeoisphilosophen, die je nach Kassenlage täglich wechseln.

Bei der dialektischen Betrachtung des Widerspruchs1 führt uns die scheinbar überflüssige Formulierung der Widerspruchsdefinition, das »in derselben Beziehung«, einmal mehr das Genie des Aristoteles vor.2 Die flüchtigste aller Kategorien, die Beziehung wird zur Hauptsache. Das gleichzeitige Werden und Vergehen ist das Werden des einen und das Vergehen des anderen, das gleichzeitige Voneinander und Zueinander ist das Voneinander des einen und das Zueinander des anderen, das gleichzeitige Wachsen und Schwinden ist das Wachsen des einen und das Schwinden des anderen. Es ist zwar ein und derselbe Gegenstand und zugleich, aber er ist nicht in derselben Beziehung, das eine Mal ist er Teil eines expandierenden, das andere Mal Teil eines kontrahierendes Teilalls. Was bleibt, ist Bewegung. Ein und dieselbe Bewegung ein und derselben Materie zu ein und derselben Zeit, aber nicht in derselben Beziehung, sondern in Beziehung einmal auf die eine, das andre Mal auf die andre Weltinsel. Kein Widerspruch. nicht in »Kritik«: Das Voneinander von 1-4 wäre in diesem Modell allein durch das Zueinander von 5-9 erzeugt. Jedoch - die Gravitation als schwächste Kraft wäre der Weltenbeweger. Das ist nicht wahrscheinlich.


1. Verwechseln Sie bitte diese Formulierung um Himmels Willen nicht mit dem 'dialektischen Widerspruch', den viele Marxisten mehr aus Hilflosigkeit erfunden haben, um ihren Meister nichts Falsches sagen zu lassen. Hier haben Marx und Engels Hegel folgend Falsches gesagt. Allerdings rein logisch Falsches, worauf demzufolge auch rein logisch zu antworten ist. Bernsteins Geheul gegen die Hegelei in Marxens Arbeit ist hier ein abstossendes Beispiel . Am Klassenwiderspruch zwischen den alles Besitzenden und nicht Arbeitenden und den alles Erarbeitenden und nichts Besitzenden ändert sich nichts. Der Klassengegensatz ist ja auch ein wirklicher logischer Widerspruch: Das gleichzeitige Haben und Nichthaben eines und desselben erarbeiteten Reichtums ist nicht möglich. Der eine hat's, der andre hat's nicht. Tertium non datur. Der, ders hat, behälts entweder und richtet die Welt zugrunde, oder der, ders nicht hat, holt sichs und baut an der Grenze der alten eine neue Welt.

2. 2016: Das Lob muss an Platon weitergereicht werden, weil dieser Teil der Widerspruchsdefinition nicht von Aristoteles, sondern von ihm ist (Me 4.3). Die Übersetzer haben sich nur daran gewöhnt, diesen platonischen Teil mit in Aristoteles' Text hineinzuschreiben. Er steht dort nicht da.