Kr.8.5.256a-258b Bewegter Beweger und unbewegter Beweger - KrSc

bewegter Beweger Kr.8.5.256a4-13

Die Bewegung des Einen durch ein Anderes »aber kann in doppelter Weise sein; entweder bewegt das Bewegende nicht schon durch sich selbst, sondern durch ein 5 Anderes, welches eben von dem Bewegenden bewegt wird, oder es bewegt schon durch sich selbst, und zwar ist dies entweder gleich das erste an dem letzten Bewegtwerdenden oder es bewegt durch mehrere Mittelglieder, wie z. B. der Stock bewegt den Stein und wird von der Hand bewegt, welche selbst wieder von dem Menschen bewegt wird, dieser aber bewegt nicht mehr dadurch, dass er von einem Anderen bewegt wird; von beiden demnach sagen wir, dass es bewege, sowohl von dem letzten Bewegenden als auch von dem ersten Bewegenden, 10 in höherem Grade aber von diesem das erste, und ohne das erste wird das letzte nicht bewegend sein können, wohl aber jenes ohne dieses, wie z. B. der Stock wird Nichts bewegen, wenn ihn der Mensch nicht bewegt.« [P405,407]

Bewegungskette KrK.8.5.256a13

Die Bewegungskette funktioniert nur in einer Richtung: Ohne Stock bewegt sich kein Stein, ohne Hand kein Stock, ohne Mensch keine Hand. Umgekehrt dagegen benötigt der Mensch weder Hand noch Stock, um den Stein zu bewegen, er kann den Stein mit einem Schubs seines Körpers oder durch den Druck auf ein Knöpfchen bewegen.

Bei der »1« steht der Mensch und macht das Feuer an, und bei der »3« steht der Mensch und bewegt das Hufeisen. In die »2« giesst er hin und wieder ein Tröpfchen Öl. Bei einer Bewegungskette hängen die einander verursachenden Bewegungen durch zweiseitige Berührung zusammen. Sie führen im Falle des Menschen oder des Raums auf einen ersten Beweger, der selbst auch bewegt ist.

2006: »John Stuart Mill sagt in seinen 'Prinzipien der politischen Ökonomie':

'Es ist fraglich, ob alle bisher gemachten mechanischen Erfindungen die Tagesmühe irgendeines menschlichen Wesens erleichtert haben.'

Solches ist jedoch auch keineswegs der Zweck der kapitalistisch verwandten Maschinerie. Gleich jeder andren Entwicklung der Produktivkraft der Arbeit soll sie Waren verwohlfeilern und den Teil des Arbeitstags, den der Arbeiter für sich selbst braucht, verkürzen, um den andren Teil seines Arbeitstags, den er dem Kapitalisten umsonst gibt, zu verlängern. Sie ist Mittel zur Produktion von Mehrwert.

Die Umwälzung der Produktionsweise nimmt in der Manufaktur die Arbeitskraft zum Ausgangspunkt, in der großen Industrie das Arbeitsmittel. Es ist also zunächst zu untersuchen, wodurch das Arbeitsmittel aus einem Werkzeug in eine Maschine verwandelt wird oder wodurch sich die Maschine vom Handwerksinstrument unterscheidet. Es handelt sich hier nur um große, allgemeine Charakterzüge, denn abstrakt strenge Grenzlinien scheiden ebensowenig die Epochen der Gesellschafts- wie die der Erdgeschichte ...

Alle entwickelte Maschinerie besteht aus drei wesentlich verschiednen Teilen, der Bewegungsmaschine, dem Transmissionsmechanismus, endlich der Werkzeugmaschine oder Arbeitsmaschine. Die Bewegungsmaschine wirkt als Triebkraft des ganzen Mechanismus. Sie erzeugt ihre eigne Bewegungskraft, wie die Dampfmaschine, kalorische Maschine, elektro-magnetische Maschine usw., oder sie empfängt den Anstoß von einer schon fertigen Naturkraft außer ihr, wie das Wasserrad vom Wassergefäll, der Windflügel vom Wind usw. Der Transmissionsmechanismus, zusammengesetzt aus Schwungrädern, Treibwellen, Zahnrädern, Kreiselrädern, Schäften, Schnüren, Riemen, Zwischengeschirr und Vorgelege der verschiedensten Art, regelt die Bewegung, verwandelt, wo es nötig, ihre Form, z. B. aus einer perpendikulären in eine kreisförmige, verteilt und überträgt sie auf die Werkzeugmaschinerie. Beide Teile des Mechanismus sind nur vorhanden, um der Werkzeugmaschine die Bewegung mitzuteilen, wodurch sie den Arbeitsgegenstand anpackt und zweckgemäß verändert. Dieser Teil der Maschinerie, die Werkzeugmaschine, ist es, wovon die industrielle Revolution im 18. Jahrhundert ausgeht. Sie bildet noch jeden Tag von neuem den Ausgangspunkt, sooft Handwerksbetrieb oder Manufakturbetrieb in Maschinenbetrieb übergeht.« Karl Marx, Das Kapital Band 1, S. 391, 393.

Der Raum ist der erste bewegte Beweger. Anders als der Mensch bewegt er sich nicht als Ganzer von Ort zu Ort, sondern bleibt als Ganzer, wo er ist. Aber alle seine materiellen Teile in ihm bewegen sich mit unendlich grosser Geschwindigkeit von Ort zu Ort.

selbst bewegter Beweger Kr.8.5.256a13-21

»Wenn alles von einem Beweger bewegt werden muss, dann auch entweder von einem, der selbst wieder von einem anderen 15 bewegt wird oder nicht, und im ersten Fall ist es notwendig, dass schliesslich am Anfang ein Beweger steht, der nicht wieder von einem andern bewegt wird; dies gilt nur für den ersten Beweger, nicht auch für den nächsten. Denn es kann ja nicht ins Unendliche gehen, dass ein Beweger immer wieder von einem andern bewegt wird, weil es in einer unendlichen Kette kein erstes Glied gibt. Wenn also alles bewegte von einem Beweger 20 bewegt wird, der erste Beweger sich zwar bewegt, aber nicht von einem andern bewegt wird, dann muss er sich selbst bewegen.« [G272]

zweiseitige und allseitige Berührung KrK.8.5.256a21

Was durch zweiseitige Berührung bewegt, bewegt sich selbst auch als Ganzes von Ort zu Ort. Ausnahme: der Raum, wenngleich das Bettlaken auch Ortsbewegung des ziehenden Raumteils sein muss. Die Materie, die bewegt wird, muss das sie Bewegende berühren. Dieses Bewegende wiederum muss sich auch bewegen und selbst eine bewegte Bewegungsursache haben usw. Die 'Selbstbewegung' der Raummaterie ist nicht Bewegung durch zweiseitige Berührung. Es ist Bewegung durch allseitige Berührung und negativ unendlich grosse Masse. Leeres und Raummaterie sind zugleich. Das gilt zwar für alle Materie, aber allein die Raummaterie hat unendlich viel Leeres als Antriebsmotor zwischen allen Teilchen. In ihrem Normalzustand der unendlich schnellen gradlinigen Bewegung bilden sie sowohl die Unterlage der gemächlichen Bewegung der Himmelskörper als auch das energiegleadene Materie-Reservoir, den schlafenden Riesen, aus dem alles entsteht und in den alles vergeht. Der erste bewegte Beweger bewegt sich durch sich selbst, weil das Leere Teil des Raums ist. Ursache und Wirkung sind nicht nur an den Grenzen, sondern in der ganzen Ausdehnung der beiden Stoffe zugleich.

Selbstbewegung des Raums Kr.8.5.256a21-b3

»Man kann diesem Gedanken auch so beikommen. Jeder Beweger bewegt etwas und mit etwas, entweder nämlich mit sich selbst oder mit einem anderen Werkzeug, z. B. ein Mensch entweder mit sich selbst oder mit einem Stab, und der Wind stürzt entweder selber um oder der 25 Stein, den er in Bewegung setzte. Unmöglich aber ist die Bewegung mit Werkzeug ohne einen Beweger, der schliesslich mit sich selbst bewegt, während ein Beweger, der mit sich selbst bewegt, nicht unbedingt ein Werkzeug braucht; ist jedoch ein anderes Werkzeug vorhanden, dann muss auch immer etwas da sein, das er nicht mit einem Werkzeug, sondern mit sich selber bewegt, oder aber, es geht ins Unendliche. Wenn aber eine Bewegung zustande kommt, muss die Reihe auch haltmachen und kann nicht ins Unendliche gehen. 30 Denn wenn der Stab dadurch bewegt, dass er von der Hand bewegt wird, während sie Beweger des Stabes ist, und wenn auch sie wieder von einem andern bewegt wird, dann hat auch sie wieder einen andern 256b Beweger. Wenn also der Beweger immer ein anderes Werkzeug benutzt, so muss doch am Anfang einer stehen, der mit sich selbst bewegt. Wenn dieser also sich bewegt, ohne dass jedoch etwas anderes sein Beweger wäre, so muss er sich selber bewegen. Folglich erweist sich auch durch diesen Gedankengang, dass das Bewegte entweder sogleich von einem sich selbst bewegenden Beweger bewegt wird, oder aber schliesslich auf einen solchen führt.« [G273]

Selbstbewegung ohne das Leere? KrK.8.5.256b3.a

Die Selbstbewegung eines Stetigen ist nicht möglich, weil es in einem überall Dichten keine Möglichkeit der Berührung von innen gibt. Das bedeutet für Aristoteles, dass der erste bewegte Beweger doch nicht der allererste Beweger sein kann, weil alles, was sich bewegt, von einem anderen bewegt wird. Also muss auch die Selbstbewegung des ersten bewegten Bewegers eine Bewegung durch ein Anderes sein. Das wird uns zum ersten unbewegten Beweger führen.

KrK.8.5.256b3.b

Zunächst jedoch müssen noch einige Eigenschaften des ersten bewegten Bewegers besprochen werden.1

Ewigkeit des bewegten Bewegers Kr.8.5.256b3-13

»Ausserdem wird aber noch bei folgender Überlegung sich dasselbe ergeben. Wenn alles von etwas Bewegtem 5 bewegt werden muss, so ist dies entweder eine unwesentliche Eigenschaft der Dinge ... oder aber es ist an sich und wesentlich so [ P409 : ' an und für sich ' ]. Erstens, wenn es unwesentlich ist, dann braucht das Bewegte also gar nicht bewegt zu werden; in diesem Falle aber könnte es geschenen, dass einmal kein Ding mehr sich bewegt. Denn 10 das Unwesentliche ist nicht notwendig, sondern kann auch einmal nicht eintreten ... Es ist jedoch unmöglich, dass einmal keine Bewegung da ist, weil wir bewiesen haben, dass Bewegung immer da ist.« [G273f]

Gewalt: Vergehen eines Teil-Raums KrK.8.5.256b13

Mit der wesentlichen und unwesentlichen Eigenschaft oder mit einer Eigenschaft an und für sich kommen wir nicht weiter, wenn wir in der Physik die Ewigkeit der Bewegung nachweisen wollen. Das sind in diesem Zusammenhang nur Wörter und erklären nichts. Wir müssen Aristoteles' Gewaltstheorie anders interpretieren. Einerseits ist die Bewegung der Raummaterieteilchen im Leeren ewig, weil das Leere und die Atome ewig sind. Wären die beiden allein und kämen ihnen die dicke blaue Erde und andere Himmelskörper nicht in die Quere, dann müssten wir nicht weiter grübeln. Andrerseits verbraucht jede Bewegung Energie - oder besser: bei jeder Bewegung findet Energieaustausch oder Energie-Stoffwechsel statt. Also auch bei der Bewegung des Raums (Vergehen des Raums KrK.1.7.190b11.c) in Interaktion mit sich selbst oder dem Rest der trägen Welt. Das ist kein Stoffwechsel zwischen dem Leeren und der Raummaterie, weil sich im Leeren nichts ändert, Leeres nicht Materie und Materie nicht Leeres wird. Es kann aber Stoffwechsel innerhalb der Raummaterie sein, Verdichtung und Verdünnung etwa: Auf unserer Reise durch ihn hindurch verdichten wir den Raum in uns und nehmen dem Raum ausser uns dadurch etwas weg. Oder die Bildung und Auflösung makroskopischer Materie aus Raummaterie bis hin zur völligen Loslösung eines Teils der Raummaterie von ihrer Unterlage. Bei allen diesen Vorgängen ist die Gewalt im Spiel, mal mehr, mal weniger. Das Vergehen eines Teil-Raums, die örtlich begrenzte gewaltsame Trennung der Raummaterie von ihrer Unterlage, muss nicht notwendig das Universum zum Stillstand bringen, scheint aber die grösste vorstellbare Gewalt zu sein.

Grenzen der Bewegungskette Kr.8.5.256b27-34

»Wenn nun aber nicht unwesentlich, sondern notwendig ein Beweger bewegt ist, also ohne bewegt zu sein nicht bewegen könnte, dann muss 30 ein Beweger als solcher eine Bewegung der gleichen Art ausführen, wie er verursacht, oder einer andern Art. Ich meine, etwas Wärmendes muss selbst warm werden etwas Gesundendes selbst gesunden, etwas Fahrendes selber fahren, oder aber das Gesundmachende muss fahren, das Fahrende wachsen. Aber man sieht ja: dies ist unmöglich.« [G274f]

KrK.8.5.256b34

Die Stelle zeigt schön, dass wir die Konkretion der durch den Raum verursachten notwendigen Bewegungen oder die Übergänge von einer in die andere Bewegungsart nicht überfordern dürfen und uns mit Poesie begnügen sollten, wo wir noch nichts Konkretes zu sagen haben (Platon zum Raum KrK.1.6.189b16.c). Wir geraten sonst leicht in Gefahr, uns lächerlich zu machen. Aber es ist richtig, dass zum einen Berührung stattfindet und an den Grenzen der einen entweder der Umschlag in eine andere Bewegung erfolgt oder die gleiche Bewegung fortgeführt wird oder eine relative Ruhe eintritt. Aristoteles malt als Horrorszenario aus, was in der Welt als Ganzer das Normale ist. Liesse man die Grenzübergänge zu, dann würde

Kr.8.5.257a4-7

»das eine aus dieser, das andre aus jener Gattung der Bewegung, wie z. B. dass das räumlich Bewegende 257a5 zunehme, dass das zunehmen Machende aber qualitativ von einem Anderen geändert werde, dass dieses qualitativ Aendernde aber in irgend einer anderen Bewegung bewegt werde; aber dies muss einmal Halt machen, denn die Bewegungen sind der Zahl nach begrenzt«. [P411,413]

KrK.8.5.257a7

Da das Thema des Kapitels der unbewegte Beweger und der bewegte Beweger ist, wollen wir uns hier auch nicht intensiver mit diesen dialektischen Überlegungen befassen, die das Werden der Dinge aus dem Weltenbeweger Raum und ihr Vergehen in ihn hinein behandeln. Viel wichtiger ist, dass sich beim Blick zurück an jeder Grenze, also auch an der Grenze des ersten bewegten Bewegers selbst, erneut die Frage nach dem Verursacher der Bewegung stellt:

Kr.8.5.257a14-16

»Noch 15 unsinniger ist die Folgerung hieraus, dass alle Beweger auch müssten bewegbar sein, wenn nämlich alles Bewegte immer nur von einem Bewegten bewegt wird.« [G275]

KrK.8.5.257a16

Der Teilraum unseres Teilalls ist unser erster bewegter Beweger. Würden wir uns damit begnügen zu sagen, dass er von dem Raum ausserhalb unseres Teilalls in Bewegung gehalten wird, dann wäre die Bewegung unseres Teilraums nicht eine Bewegung mit einem Anfang und einem Ende, sondern unser Raum würde von seinem Nachbarraum bewegt, der wieder von seinem Nachbarn usw. ins Unendliche. Das Voneinander der Galaxien wäre unerklärlich. Denn wir sehen die anfängliche Ursache ja mit unseren Teleskopen als eine einzige fixe Hintergrundstrahlung rund um den gesamten Himmelsglobus. Der erste Beweger ist also nicht immer ein bewegter Beweger.

»ruhender« Beweger? Kr.8.5.257a25-31

» 25 Es ist also nicht notwendig, dass das Bewegte immer von einem andern und zwar einem Bewegten bewegt werde. Folglich macht dies irgendwo halt, so dass es von einem Ruhenden anfänglich bewegt werden wird oder sich schliesslich selbst bewegen wird.

Und wirklich, wenn man sich entscheiden sollte, was am Anfang der Bewegung stehen müsse, ein sich selbst Bewegendes oder ein von anderem Bewegtes, so würde 30 jedermann das erste nehmen. Denn was mit sich selber auskommt, hat immer höheren Rang, als was auf ein anderes, als es selber ist, angewiesen ist.« [G276]

KrK.8.5.257a31

Der erste »ruhende« Beweger statt der erste unbewegte Beweger ist entweder ein Versehen, oder es ist ein bewegter Beweger. Oder es ist der Versuch As, mit etwas Bekanntem das noch Unbekannte und unausgesprochene einzuführen. Ohne Antwort auf die Bewegungsursache des ersten bewegten Bewegers zu geben springt Ar unvermittelt zum ersten unbewegten Beweger, dem Leeren.

erster unbewegter Beweger Kr.8.5.256b13-27

»Dies Ergebnis hat seinen guten Grund. Dreierlei nämlich muss man unterscheiden, das 256b15 Bewegte, den Beweger und das Werkzeug. Das Bewegte muss bewegt werden, braucht aber nicht wieder zu bewegen, das Werkzeug muss bewegen und bewegt werden, weil es mit dem Bewegten die Wandlung mitmacht und auch in gleicher Richtung - man erkennt es bei der Ortsbewegung, da müssen sich nämlich beide eine Strecke lang berühren. 20 Der Beweger endlich, sofern er nicht wieder Werkzeug ist, ist unbewegt. Da wir das letzte Glied sehen, das sich bewegen kann, ohne den Ursprung der Bewegung in sich zu tragen, ferner das, was bewegt und bewegt wird, freilich von einem andern, jedoch nicht von sich selbst, so ist es vernünftig, um nicht zu sagen notwendig, dass es auch das dritte gibt, das bewegt, ohne sich selbst zu bewegen. Daher hat 25 Anaxagoras ganz recht, wenn er die Vernunft ohne Empfindung und unvermischt sein lässt, da er sie zum Anfang der Bewegung macht. So allein könnte sie auch nur bewegen, wenn sie selber unbewegt bleibt, und lenken kann sie nur, wenn sie unvermischt bleibt.« [G274]

zwei erste Beweger KrK.8.5.256b27.a

Es gibt also zwei erste Beweger. Der eine bewegt die Materie durch zweiseitige Berührung und ist selbst bewegt, der andere bewegt den ersten bewegten Beweger durch allseitige Berührung, ist aber selbst unbewegt.

Leeres und Raum KrK.8.5.256b27.b

Der erste unbewegte Beweger muss so unvermittelt auftauchen, weil es keine Vermittlung gibt. Das Leere und das Volle, obwohl ewig und vollständig zugleich, sind nicht vermittelbar. Aristoteles erkennt, dass es neben dem ersten bewegten Beweger einen unbewegten Beweger geben muss, wenn alles, was bewegt wird, von einem Anderen bewegt wird. Was als unverständliches Schwanken gedeutet werden kann, ist das Schwanken jemandes, der erkennt, was er noch nicht aus dem herrschenden Weltbild ableiten kann oder der seiner Zeit um zweieinhalb Jahrtausende voraus ist. Ich bin ja überzeugt, dass er wusste, dass das das Leere ist, habe aber festgestellt, dass jeder, der sich lange mit Aristoteles beschäftigt, so seinen spleen bekommt. Vielleicht ist das meiner. Andererseits fragt man sich, mit wie vielen Zaunpfählen einer winken muss, bis die Botschaft , 'der Demokrit hat recht', ankommt. Das ist aber unerheblich, weil die Wahrheit sich weder nach Aristoteles noch nach sonst jemandem richtet, sondern umgekehrt Aristoteles und jeder andere sich derselben Wahrheit beugen müssen. Was ist, ist. Was nicht ist, ist nicht.

Ar sieht einfach, was jeder sieht, nämlich dass so gut wie alle sinnlich wahrnehmbaren Bewegungen der sublunaren Welt eine äussere Bewegungsursache haben, und dass das Verursachende selbst bewegt ist und wieder von einem anderen bewegt wird. Alle Bewegungen der sublunaren Welt insgesamt müssen einen ersten Beweger haben, der selbst bewegt ist, der aber nicht wieder von einem Anderen bewegt wird, sondern sich selbst bewegt.

Jetzt geht er den entscheidenden Schritt weiter: Es muss einen zweiten übergeordneten ersten Beweger geben. Wenn nämlich der erste Beweger bewegt ist, dann muss er ebenfalls eine Bewegungsursache haben, wenn alles, was sich bewegt, von Etwas bewegt wird. Dies muss ein Beweger sein, der nicht bewegt sein kann. Denn wäre der auch bewegt, so müsste es eine äussere Ursache seiner Bewegung geben usw. ins Unendliche. Dieser erste unbewegte Beweger ist verantwortlich sowohl für die Bewegung des ersten bewegten Bewegers als auch vermittelt durch ihn für alle Bewegungen darunter. Wichtig ist, dass Aristoteles den ersten bewegten Beweger nicht verwirft, sondern ihn dem ersten unbewegten Beweger unterordnet.

KrK.8.5.257a31

Der erste bewegte Beweger muss also erneut betrachtet werden. Denn seine eben behauptete Selbstbewegung kann so - ohne das Leere - nicht stehenbleiben.

Kritik der Selbstbewegung Kr.8.5.257a31-b13

» 257a31 Daher müssen wir die Frage in einem neuen Anlauf untersuchen, ob es ein sich selbst bewegendes Ding gibt, wie es sich bewegt und auf welche Weise. Alles Bewegte muss ins unendliche teilbar sein, das haben wir früher in den 257b physikalischen Untersuchungen gezeigt, weil alles Bewegte stetig ist. Nun kann aber etwas, was sich selbst bewegt, sich nicht im ganzen selbst bewegen ... 12 Nein, es muss ein Teil des sich selbst Bewegenden bewegen, der andere bewegt werden.« [G276f]

Teilung des Stetigen KrK.8.5.257b13

Die Teilung eines Stetigen in immer wieder Teilbares ist möglich. Aber die Teilung eines Stetigen in zwei wesensverschiedene stetige (2021: gleichzeitige) Teile ist (ohne das Leere) nicht möglich. Zwar ist jeder stetige Gegenstand ins Unendliche teilbar, aber jeder Teil ist aus ein und demselben Stoff wie das Ganze. Besteht der Gegenstand dagegen aus unterschiedlichen Teilen, einen bewegenden und einen bewegten, dann ist er nicht mehr einfach, sondern zusammengesetzt und damit nicht mehr stetig. Ob du bewegten und bewegenden Teil innerhalb des Wesens aufteilst oder ob der bewegende Teil ausserhalb ist, bleibt sich gleich. Beides kommt auf ein Zusammengesetztes hinaus. Das vermeintlich Selbstbewegte muss aber zwei Teile haben, einen bewegten und einen (unbewegten), der bewegt. Was Aristoteles nicht sehen oder sagen kann, ist, dass die beiden Teile zugleich sind. Teil und Ganzes haben hier eine völlig andere Bedeutung als in der Logik. Dort sind beide bis auf die gemeinsame Grenze immer örtlich getrennt, hier sind beide immer örtlich zugleich. Das Ganze sowie jeder einzelne Teil besteht hier aus zwei gleich grossen gleichzeitigen Teilen.

2019: Das ist ungenau ausgedrückt: Der über den Teil hinausragende Teil des Ganzen ist vom Teil getrennt. Der Teil, der Teil des Ganzen ist, ist mit diesem identisch. Wie haben hier also zwei Gleichzeitigkeiten, von denen die eine die Identität von Teil und Ganzem, (+)Ganz=[+]Teil , die andere eine nicht-Identität von Materie und Leerem ist. Das lässt uns als Logiker die Nackenhaare sträuben, aber wir haben uns dem zu fügen. Glücklicherweise haben wir das Negative des Leeren, das wir mit der Materie identifizieren können: [+]Materie=[-]Leeres .

Wir können sagen, der erste bewegte Beweger ist im Ganzen bewegt und nicht bewegt. Das Ganze hat zwei Bedeutungen, die ganze Grösse, die beide einnehmen und das ganze Ensemble aus dem Vollen und dem Leeren, das Bewegung und Nichtbewegung zugleich ist. Beide Teile, das Leere und die Raummaterie sind zugleich, nehmen dieselbe Grösse ein, das eine als stetiger unbewegter Stoff, das andere als dynamischer Stoff voller leerer Löcher. Das Leere ist nie, die Raummaterie ist immer bewegt.

Leeres und Raum Kr.8.5.257b13-25

»Dass aber Etwas nicht in dem Sinne selbst sich selbst bewegen kann, dass jeder der beiden Theile von jedem der beiden 15 bewegt werde, ist aus folgendem augenfällig: einerseits nämlich würde es dann gar kein erstes Bewegendes geben, wenn ja jeder von beiden Theilen den anderen bewegt ... 20 ... Ferner andrerseits besteht keine Nothwendigkeit, dass der eine bewegende Theil wieder bewegt werde ... also wird der eine Theil ein bewegtwerdender und der andere ein bewegender, aber selbst nicht mehr bewegter, sein; da es ja nicht nothwendig ist, dass der bewegende Theil durch Gegenwirkung bewegt werde, wohl aber das nothwendig ist, dass Etwas entweder als ein selbst nicht mehr bewegtes oder als ein von 25 sich selbst bewegtwerdendes das Bewegende sei, wofern nothwendig immer Bewegung sein muss.« [P415,417]

Raum und Materie KrK.8.5.257b25

Das erste bewegt Bewegende kann nicht durch zweiseitige Berührung bewegt werden, weil alles, was durch zweiseitige Berührung bewegt, selbst auch bewegt ist, eine schöne Begründung des Leeren im Raum. Aber eben nur eine rauminterne Angelegenheit, also noch nicht mehr, als das, was wir bereits seit dem ersten Buch wissen.

Das Ganze kann nur vom Ganzen bewegt werden, sagt nun auch Aristoteles, alle Grenzen der Logik sprengend:

Kr.8.5.257b26-a2

»Es kann aber auch nicht an dem, was sich unmittelbar selbst bewegt, wieder einen oder mehrere Teile geben, die sich selbst bewegen. Wenn nämlich ein Ganzes sich selbst bewegt, dann wird es entweder von einem seiner Teile bewegt oder 30 als Ganzes vom Ganzen. Wenn nun die Selbstbewegung nur im Hinblick auf einen seiner Teile gemeint war, dann ist eben dieser das unmittelbar sich selbst Bewegende; denn wenn er sich vom Ganzen trennt, wird er selber sich noch bewegen, das Ganze aber nicht mehr«; »würde es hingegen als Ganzes von sich als Ganzem bewegt, so würden die Theile bloss je nach Vorkommniss selbst sich selbst bewegen; ... 258a ... also kann nur von der ganzen Bewegung als ganzen [als Ganzer?] das eine ein Bewegendes, selbst aber nicht mehr bewegtes sein, und das andere ein Bewegtwerdendes, denn in diesem Sinne allein kann Etwas selbstbeweglich sein«. [G278,P417]

zweiseitige und allseitige Berührung KrK.8.5.258a2

Wie könnte jemand diese Gedanken denken, der nicht das Leere im Sinn hat! Teil und Ganzes sind anders als in der Logik und anderen Wissenschaften, hier nicht örtlich von einander getrennt, sondern zugleich. Jeder Teil des Raums ist zugleich bewegend und bewegt. Allein bei Materie und Leerem ist keine zweiseitige Berührung, sondern Gleichzeitigkeit, ist das Leere unbewegt bewegend. Jedes zweiseitig berührend Bewegende bewegt sich.

Materie, Leeres und Raum KrK.8.5.258a5

Ich setze einmal für die ersten drei Buchstaben des Alphabets A, B und C ( Γ ) im folgenden Absatz die Begriffe:

A = das Leere

B = die Raummaterie

AB = der Raum

C = die Materie

BC = Materie und Raummaterie

ABC = das All

Bewegung der Materie Kr.8.5.258a5-21

»Da aber als ein Bewegendes Etwas auftritt, theils während es von einem Anderen bewegt wird, und theils während es selbst nicht mehr bewegt ist, und hinwiederum als ein Bewegtwerdendes, theils während es ein Anderes in Bewegung setzt, und theils während es Nichts in Bewegung setzt, so muss nothwendig das selbst sich selbst bewegende aus einem selbst nicht mehr bewegten, wohl aber bewegenden, und ferner aus einem Bewegtwerdenden ... bestehen; es sei nämlich das Leere bewegend, selbst aber nicht mehr bewegt, die Raummaterie hingegen werde sowohl 10 von dem Leeren bewegt, als auch setze es selbst die Materie in Bewegung, die Materie aber werde wohl von dem Raum bewegt, setze aber selbst Nichts mehr in Bewegung ... demnach bewegt das Ganze All selbst sich selbst; aber nehme ich nun die Materie weg, so wird ja auch der Raum 15 selbst sich selbst bewegen, wobei das Leere bewegend und die Raummaterie bewegtwerdend ist, die Materie aber wird nicht selbst sich selbst bewegen ... aber nun auch die Materie und die Raummaterie wird nicht selbst sich selbst bewegen ohne das Leere, denn die Raummaterie ist dadurch bewegend, dass es von einem Anderen bewegt wird, nicht dadurch dass es von irgend einem Theile seiner selbst bewegt würde; also der Raum allein schon bewegt selbst sich selbst. Nothwendig also muss das selbst sich selbst Bewegende an sich haben erstens das Bewegende, 20 selbst aber nicht mehr Bewegte, und zweitens das Bewegtwerdende, selbst aber nicht nothwendig bewegende,« »wobei diese beiden Stücke entweder in wechselseitiger oder doch einseitiger Berührung miteinander stehen«. [P417,419, W240]

KrK.8.5.258a21.a

Ich hatte die Theorie vom Zusammenspiel von Raum, Materie und Leerem jahrelang in der Tasche und hielt diese eben zitierten und noch kommenden Stellen für ungenau, unwichtig, schwankend, unsinnig - habe sie aber, wie so oft, erst nach Jahren verstanden.

Die beiden einzigen Differenzen sind die Unterscheidung zwischen dem aktiven Leeren und dem passiven Raummaterieteilchen und die 'einseitige Berührung', die Ar einführen muss, wenn es ausserhalb der Fixsternsphäre nichts gibt, die wir aber bei der unendlichen und doch begrenzten Welt eigentlich auch haben.

Dass beide Ansätze auf Schönste zusammenpassen und zu den selben Ergebnissen kommen, einen besseren Beleg aus berufenerem Mund kann ich mir nicht wünschen.

Ganzes und Ganzes sind gleichzeitig KrK.8.5.258a21.b

Ein Ganzes, das sich der Grösse nach als Ganzes selbst bewegt und bei dem dennoch bewegender und bewegter Teil (2019: bewegendes und bewegtes Ganzes) getrennt sind, ist nur bei der örtlichen Gleichzeitigkeit von bewegendem und bewegtem Teil möglich:

Ursache und Wirkung sind gleichzeitig Kr.8.5.258a21-25

»Ist nun also das Bewegende ein Continuirliches (denn das Bewegtwerdende muss schon nothwendig ein Continuirliches sein), so ist klar, dass das Ganze nicht etwa dadurch selbst sich selbst bewegt, dass ein Theil desselben fähig sei, selbst sich selbst zu bewegen, sondern in seiner Ganzheit bewegt es selbst sich selbst, indem es bewegtwerdend und bewegend ist, dadurch dass 25 ein Theil desselben das Bewegende und Bewegtwerdende ist;« [P419]

Ganzes und Ganzes sind ortsidentisch KrK.8.5.258a25

Er sagt in einem Atemzug, dass das stetige Ganze sich selbst bewegt und dass ein Teil der bewegende, ein anderer der bewegte Teil ist. Das gibt nur einen Sinn bei zwei Gleichzeitigen, bei denen die beide Teile denselben Ort einnehmen wie das Ganze. Nur so ist die ganze Grösse des Leeren ein Teil des gleichzeitigen Vollen-und-Leeren, ebenso die ganze Grösse des Vollen. Nachdem wir diese Erkenntnis einmal verdaut haben werden, werden wir nicht darum herumkommen, uns für die beiden gleichzeitigen Teile eines Ganzen andere Wörter auszudenken als 'Teil' und 'Ganzes'. 2019: Das ist nicht erforderlich, wir müssen nur 'Ganzes und Ganzes' sagen, nachdem wir akzeptiert haben, dass die arche aus zwei gleichzeitigen Getrennten besteht. Die Ortsidentität von [+]Materie und [+]Leeres lässt sich dann problemlos als die verneinende Identität zweier Ganzer mit dem logischen Formalismus ausdrücken [+]Materie=[-]Leeres .

KrK.8.5.258a27

Was passiert, wenn man vom ersten unbewegt Bewegenden A oder vom ersten bewegt Bewegenden AB ein Stück wegnimmt? Sind sie dann immer noch Bewegende oder nicht?

Kr.8.5.257a27-32

»Nun aber enthält es eine Schwierigkeit, wenn man, falls das Bewegende, welches selbst nicht mehr bewegt ist, ein Continuirliches ist, irgend Etwas von A, oder auch von dem bewegtwerdenden B wegnimmt; wird da dann 30 der Rest von A noch bewegend sein oder der Rest von B noch bewegt werden? denn wäre diess der Fall, so würde ja AB nicht als erstes ursprüngliches selbst von sich selbst bewegt; nämlich wäre von AB Etwas weggenommen, so würde ja der Rest des AB auch noch sich selbst bewegen. « [P419,421]

Wegnahme der Raummaterie KrK.8.5.258a32

Vom Leeren lässt sich nichts wegnehmen, weil das Leere ewig und nicht bewegbar ist. Tun wir es dennoch in Gedanken und entfernen ein Stück Raum AB, so ist der verbleibende Raum genauso bewegt wie das ganze AB, weil sich am Verhältnis Leeres: Raummaterie nichts geändert hat. Wenn du einen Schluck Wasser trinkst, bleibt der Rest im Glas Wasser. Der Teil des Zusammengesetzten ist bis hinab zu seinem Atom wie das ganze Zusammengesetzte. Um so mehr der Teil des Einfachen, das keine Atome hat.

Die nicht nur denkbare, sondern auch physisch mögliche Wegnahme, ist die Wegnahme der Raummaterie B vom Leeren A. Wie sich das Leere in diesem Fall als Beweger verhält, wird in diesem Buch untersucht.

Kr.8.5.258b4-9

»Hieraus ist klar geworden, dass es einen unmittelbar 258b5 unbewegten Beweger gibt. Einlerlei nämlich, ob das von einem andern Bewegte sofort beim Unbewegten anlangt, oder ob es zunächst auf ein Bewegtes, aber jedenfalls sich selbst Bewegendes angewiesen ist, das dann das letzte Glied ist, in beiden Fällen ergibt sich, dass das ursprünglich Bewegende für alles Bewegte ein Unbewegtes ist.« [G280]

Leeres kann allein sein KrK.8.5.258b9

Das Leere ist ewig und unveränderlich, aber allein tut es gar nichts. Wie auch, es ist ja nie allein. Bewegung benötigt wenigstens Zwei. Andererseits ist das Leere das einzige Seiende, das allein sein kann. Nicht die aktive Rolle des Bewegers zeichnet das Leere vor der Materie aus, sondern die Tatsache, dass es als einziger Stoff der Welt allein sein kann.


1. Um den unbewegten Beweger und den bewegten Beweger deutlicher auseinanderzuhalten, habe ich hier zweimal zwei zusammengehörige Textstellen zusammengeführt, die bei Ar weiter auseinanderstehen: 854.1+854.2 und 855.2+855.1 (256b4ff + 256b27ff und 257a25ff+256b14ff)